Wagner: "Der fliegende Holländer" - Theater Bremen, 15.09.2013

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    • Wagner: "Der fliegende Holländer" - Theater Bremen, 15.09.2013

      In der letzten Spielzeit hat Regisseur Sebastian Baumgarten in Bremen den „Freischütz“ von Weber inszeniert und von diesem Stück ist es kein wirklich weiter Weg zu Wagners Oper „Der fliegende Holländer“, die Baumgarten nun für das Theater Bremen neu inszeniert hat.

      Sebastian Baumgarten versucht erst gar nicht, in dem Stück tiefere Schichten zu entdecken und zum Gegenstand seiner Inszenierung zu machen. Ihn interessiert vorrangig die Schauer- und Gespenstergeschichte, das Kolportagehafte und die Möglichkeit, das in kräftige Theaterbilder umzusetzen. Zwar spricht der Regisseur im Programmheft von „feingezogener psychologischer Regieführung“ und beruft sich auf Ernst Bloch mit dessen Text „Rettung Wagners durch surrealistische Kolportage“ – aber eigentlich findet sich von beidem dann in der Produktion wenig genug wieder. Dass Baumgarten dann auch noch – wie schon im oben erwähnten „Freischütz“ – Bezüge zum Kolonialismus und zum Militarismus herstellt, dient letztendlich eher dekorativen Momenten, als dass dies sinnvoll der Handlung eine weitere Dimension hinzufügen würde.

      Die Inszenierung wirkt wie ein Abenteuer-Comic, ein Eindruck, der durch vielfache Videoeinspielungen mit Bildern, wie man sie aus solchen Comics kennt, verstärkt wird. Das ist nett anzusehen, auch durchaus unterhaltsam – lässt aber viele Aspekte, die man im „Holländer“ eben auch finden kann, unberücksichtigt. Was das für Leute sind, denen man da begegnet, bleibt unklar und die Gesellschaft, auf die man da trifft, bleibt undefiniert.

      Die Szene (Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes) deutet zwar ein Schiff an, zeigt aber vielmehr ein altes Kino oder ein Rummelplatzvarieté, im zweiten Akt dann einen Raum mit verzerrter Perspektive, der an alte Stummfilmklassiker erinnert. Zur Ouvertüre wird kurz die Geschichte der Seefahrt an der Südspitze Afrikas umrissen und die Geschichte des Holländers per Videoeinspielung vorgestellt. Daland und seine Leute sind ein Haufen bunter Freaks (denen die Damen im zweiten Akt kaum nachstehen), der Holländer und seine Mannschaft (die oft die Auftritte ihres Chefs begleiten) sind Soldaten mit übergrossen Körperteilen, Untote aus dem Krieg, aufgeschwemmte Zombies. Auf mancher Brust – auch auf der des Holländers – prangt als Tatoo der Reichsadler, der in seinen Klauen aber nur ein einfaches Kreuz trägt. Der Holländer bleibt ein Gespenst, das aus dem Nichts oder aus viel Nebel auftauchen und sich z. B. kinetischer Tricks bedienen kann. Bleiches Gesicht, weit aufgerissene, schwarz umrandete Augen, auch hier stellen sich Assoziationen an den Stummfilm ein.

      Kein Rädchen dreht sich im zweiten Akt, vielmehr bedienen die Mädchen um Frau Mary einen Filmprojektor oder drehen dann später auch Senta mit ihrer blonden Struwwelpeterperücke um ihre eigene Achse. Jäger Erik wirkt mit seinem Rauschebart wie eine Übernahme aus Baumgartens Züricher Inszenierung des „Don Giovanni“, wo die Amish-People eine gewisse Rolle spielen. Gelungen ist die Begegnung Holländer-Senta (der Holländer ist jetzt merklich verjüngt und agiler geworden) – wie beide versuchen, den jeweils anderen zu sehen und zu begutachten, das ist genau beobachtet und wurde gut umgesetzt. Die Annäherung findet bei einem häuslichen Abendessen statt, auch hier taucht die untote Mannschaft des Holländers zur Unterstützung der szenischen Aktion auf.

      Zu Beginn des dritten Aktes betätigen sich die (allerdings komplett bekleideten Seeleute) mit körperpflegerischen Aktionen, die Chöre dürfen ihre Stimmwucht von der Rampe aus direkt in den Zuschauerraum richten und die Quälerei des Steuermanns durch die eigenen Leute findet ihre Fortsetzung durch eine kannibalische Aktion durch die Holländer-Mannschaft, die sich auch wie in einem schlechten Splatter-Film über die anderen Menschen hermachen, bevor sie diese mit Benzin überschütten. Die ganze Szenerie versinkt, eine Videoeinspielung zeigt einen Feuerbrand, bevor die allein zurückgebliebene Senta sich mit einem Trank, den sie vom Holländer erhalten hat, umbringt. Auf dem Vorhang wird ein letztes Mal eines der Comicbilder projiziert: eine Frau liegt in den Armen eines Kapitäns, der sie offensichtlich gerettet hat. Das Bild läuft weiter und im Wasser sieht man ganz viele Frauen, die ebenfalls noch gerettet zu werden wünschen.

      Baumgarten inszeniert mit viel Sinn für die Szene – er deckt mit mancher Aktion und auch mit manchem der Filme die grundsätzliche Dürftigkeit seines Konzeptes geschickt zu. Für eine Auseinandersetzung mit Wagners „Der fliegende Holländer“ ist das zu wenig.

      Gesungen wird mässig. Die beste Leistung des Abends ist die der Sopranistin Patricia Andress als Senta. Da schont sich jemand nicht und Andress schafft auch die Klippen ihrer Partie souverän und ohne Rücksicht auf kleine Eintrübungen bei einigen der Spitzentöne. Problemlos hält die Sängerin bis zum Ende durch und schafft mehr als einen Glanzpunkt an diesem Abend.

      Wenn der Bass-Bariton Carsten Wittmoser mit dem Holländer noch etwas vertrauter wird, ist das eine gute Besetzung gerade für mittlere oder kleinere Häuser. An einigen Stellen spürt man, welche Qualität diese Stimme hat, an anderen nimmt sich Wittmoser noch zu sehr zurück. Einige Passagen bedürfen noch des Feinschliffs – aber Wittmoser ist klar ein Pluspunkt dieser Aufführung.

      Der Daland von Loren C. Lang ist mit seinem hohltönenden und reichlich unpräzisem Gesang eher eine Belastung für die Aufführung, letzteres gilt auch für die Tenöre Luis Olivares Sandoval (Erik) und Christian-Andreas Engelhardt (Steuermann). Unauffällig die Mary von Tamara Klivadenko.

      Bei den Chören ist klar, dass ein Haus wie Bremen bei einem „Holländer“ nicht aus dem Vollen schöpfen kann. Insgesamt machen die Herren einen besseren Eindruck als die Damen. Da wäre ein Hinarbeiten auf einen geschlosseneren und vor allem homogeneren Klang eine echte Aufgabe für Chordirektor Daniel Mayr.

      GMD Markus Poschner geht sehr zügig an seine Aufgabe heran, das bekommt dem Stück in dieser Inszenierung insgesamt sehr gut. Ruhephasen gibt es eher wenige. Beeindruckend ist der Klang, den das Orchester erzeugt – da kann sich das Bremer Orchester wirklich mit hören lassen, viele kleine Unsicherheiten störten den Premierenabend, lassen sich aber vielleicht noch Nachbessern für die folgenden Vorstellungen.

      Freundlicher Applaus für alle Beteiligten, einige wenige Buhs für Sebastian Baumgarten und sein Team.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Wagner: "Der fliegende Holländer" - Theater Bremen, 15.09.2013

      Lieber Alviano,

      Respekt: gerade einmal 90 Minuten nach Ende der Vorstellung hier eine Premierenbesprechung einzustellen, und dann auch noch eine, der ich mich fast vorbehaltlos anschließen kann.

      Die Vorstellung gestern in Bremen war aus meiner Sicht insgesamt sehr schwach, insbesondere auch weil gleich mehrere Sänger einfach überfordert waren. Warum man zum Beispiel Loren Lang, der im Bremer Ensemble über Jahrzehnte hauptsächlich für Klein- und Kleinstrollen zuständig war, nunmehr große Partien singen lässt, wird das Geheimnis der Verantwortlichen bleiben. Die Stimme spricht fast überhaupt nicht mehr an, das Erreichen der richtigen Tonhöhe ist absolute Glückssache, meist verfällt Lang in eine Art einförmigen Sprechgesang, der, gerade weil der Daland doch recht viel zu singen hat, auf Dauer unerträglich zu werden droht. Ebenfalls eigentlich offensichtlich fehlbesetzt: Luis Olivares Sandoval. Mitunter schmerzhaft ist es anzuhören, wie der Tenor versucht, mit viel Druck seiner Stimme die Partie des Erik abzutrotzen. Mit so einer Besetzung tut man weder dem Sänger noch dem Publikum einen Gefallen. Auch den Steuermann fand ich schwach, da wackelte so mancher Ton, während für die Mary vor allem die Bewältigung der deutschen Sprache eine Herausforderung war.

      Deutlich besser waren Holländer und Senta besetzt, aber auch da gab es Licht und Schatten: Der "bleiche Mann" Carsten Wittmoser hat eine recht farbarme Stimme, die Tiefe ist nicht sehr ausgeprägt, Wittmoser ist aber in der Lage, seine Partie stimmlich zu bewältigen. Die Leistung von Patricia Andress bewerte ich auch positiv. Die Stimme ist eher jugendlich als dramatisch, das gefällt mir, auch wenn sie nicht immer durch den Orchesterklang zu hören ist und einige Phrasen ein recht abruptes Ende finden. Als einzige Sängerin des Abends bietet Andress aber so etwas wie eine Interpretation der Partie, und gerade das Duett mit dem Holländer ("Versank ich jetzt in wunderbares Träumen") gelingt gut.

      Markus Poschner dirigiert einen interessanten "Holländer", der Wille zur Gestaltung ist stets spürbar, auch wenn unsaubere Einsätze gehäuft auftraten. Die Chordamen könnten sich in der Tat mit ein paar frischen Kräften verstärken, der ohnehin heikle Chor der Mädchen direkt nach der Senta-Ballade war kurz vor dem Auseinanderfallen. Besser war es da um die Herren bestellt.

      Und die Regie von Sebastian Baumgarten? Die wirkte auf mich unausgegoren. Baumgarten erhebt den Anspruch, in der Fortsetzung seiner Bremer "Freischütz"-Inszenierung anhand des "Fliegenden Holländers" die "Kontinuität des deutschen Militarismus" aufzeigen zu wollen. Es entsteht wie schon beim "Freischütz" aber letztlich doch nur der Eindruck, dass sich da jemand an der deutschen Romantik als solcher abarbeiten möchte, an den spezifischen Personenkonstellationen der jeweiligen Opern aber kein Interesse hat.

      Es wird viel mit Videos gearbeitet, die Bezüge herstellen, welche dann aber durch die Bühnenaktion der Darsteller keine Beglaubigung finden. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen zieht sich durch den ganzen Abend, beginnend mit der Texteinblendung der Geschichte des fliegenden Holländers während der Ouvertüre. Wozu, wenn später in Holländer-Monolog und Senta-Balade nochmals dieselbe Geschichte erzählt wird? Immer wieder bekommt man trashige Comic-Bildchen zu sehen, mal aber auch die gute Hausfrau beim Bügeln. Und am Ende sinkt die blonde Schöne mit dem Reichsadler-Tatoo auf der Brust in die Arme des Seemanns, während sich im Hintergrund im Sonnenlichte das Modell von Albert Speers "Welthauptstadt Germania" abzeichnet. Hier werde doch recht platte Bezüge hergestellt, die auch dadurch, dass der Regisseur im Libretto die Worte "Ehre", "Treue" und "Heil" aufgespürt hat, nicht plausibel werden.

      Denn warum die Arbeiten von Sebastian Baumgarten vielfach für ihre Personenregie gelobt werden, habe ich anhand der von mir bislang besuchten Vorstellungen nicht uneingeschränkt nachvollziehen können. Auch beim "Fliegenden Holländer" fällt insbesondere im ersten Akt auf, wie wenig sinnvolle szenische Aktion den Darstellern durch die Regie anvertraut ist. Gerade bei den Protagonisten gibt es während des Holländer-Monologs und der Begegnung Holländer-Daland relativ viel Leerlauf, der durch die bloße Anwesenheit eines kleinwüchsigen Statisten - laut Besetzungszettel wohl "der Heizer" - und der in ihren Fatsuits unbeholfen über die Bühne schwankenden Holländer-Besatzung nicht kaschiert wird. Das Aufeinandertreffen von Senta und dem Holländer im zweiten Akt gehört zu den besseren szenischen Momenten, zu den schwächeren die erste Szene des dritten Akts, in der sich der Chor der norwegischen Matrosen zunächst hübsch aufgereiht mit Blick ins Publikum an der Rampe postiert, nur um dann in wohl gewollt läppischer Weise von der von der Seite auftretenden Zombie-Mannschaft des Holländers niedergemacht zu werden.
    • Lieber Zauberton,

      die Leistung des Daland war im ersten Akt schon fragwürdig, der zweite geriet dem Bassisten Lang dann derartig grottenschlecht, dass man sich schon fragt, ob da nicht eine andere Besetzung möglich gewesen wäre. Das gilt auch für den Interpreten des Erik - so muss das auch an einem kleineren Theater nicht klingen.

      Sebastian Baumgarten hat im Grunde genommen zum Stück nichts mitzuteilen, was über diesen unterhaltenden Aspekt hinausgeht. Die Anspielungen auf die Kolonialzeit, der Militarismus, die fragwürdigen Reichsadlertätowierungen inklusive der "Germania" Einblendung, das wird alles nicht organisch entwickelt, sondern bleibt dekoratives und damit beliebiges Element. Beispielsweise bräuchte dieser "Militarsimus" eine inszenatorisch unterstützte Beglaubigung - zwingend ist das nämlich nicht. Die könnte ich mir auch durchaus vorstellen, wenn so Geister aus der Vergangenheit wieder auftauchen oder heute agierende Hetzer als Untote oder Wiedergänger die Holländer-Mannschaft prägen würden. Das wäre dann allerdings eine andere Inszenierung geworden.

      Die Personenführung hängt tatsächlich an mehreren Stellen durch. Das war übrigens auch ein echtes Manko der "Giovanni"-Produktion in Zürich, für die Baumgarten verantwortlich war, wo in der gefühlten letzten Stunde kaum mehr als nette Arrangements die sinnvolle Interaktion der Personen auf der Szene ersetzen mussten. Aber es kommen auch reichlich sinnlose Aktionen dazu - so ist der Beginn des dritten Aktes des "Holländer" szenisch absolut belanglos. Aktionismus des "Hauptsache anders" anstatt einer szenisch durchdachten Lösung.

      Vielen Dank für Dein Lob im ersten Satz. Es sind pragmatische Gründe: wenn ich nicht gleich Schreibe, ist die Gefahr ziemlich gross, dass ich gar nichts mehr verfasse - dann mache ich es eben lieber schnellstmöglich. Mit Interesse habe ich Deinen Text zum "Ballo" in Hannover gelesen. Aber nach diesen tendenziell misslungenen "Meistersingern" schaue ich mir keine Tambosi-Inszenierung mehr an.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Aber nach diesen tendenziell misslungenen "Meistersingern" schaue ich mir keine Tambosi-Inszenierung mehr an.

      :thumbsup:
      Der Typ ist einfach .... ohne Worte.
      Samstag hat er für mich die letzte Chance mit Ballo, aber das Reinlinsen in die erste BO war nicht so richtig ermutigend.
      :wink:
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • Holländer und Ballo

      Dass Sebastian Baumgarten am "Fliegenden Holländer" scheitert, mag möglicherweise auch daran liegen, dass die Musik hier mehr als zwei Stunden pausenlos durchläuft und sich deshalb, anders als beim "Freischütz" (Dialoge!), keine Ansatzpunkte für Verfremdungseffekte bieten. So bleiben Baumgartens leicht abgehoben wirkende Ausführungen im Programmheft und der Eindruck, dass dem Zuschauer mittels disparat wirkender Filmchen eine Botschaft untergeschoben werden soll, die der Regisseur mit den klassisch-szenischen Mitteln des Theaters nicht vermitteln kann.

      Alberich schrieb:

      Alviano schrieb:

      Aber nach diesen tendenziell misslungenen "Meistersingern" schaue ich mir keine Tambosi-Inszenierung mehr an.

      :thumbsup:
      Der Typ ist einfach .... ohne Worte.
      Samstag hat er für mich die letzte Chance mit Ballo, aber das Reinlinsen in die erste BO war nicht so richtig ermutigend.
      :wink:

      Nur kurz: Aus Mörfelden würde ich für diese Produktion auch nicht anreisen, aber der "Ballo" hat mir doch insgesamt besser gefallen als die "Meistersinger". Es ist eine Inszenierung in einer dem Auge gefälligen Ästhetik, die jetzt vielleicht nicht allzu tief schürft, aber mit der vermeintlich abgedroschenen Verortung im Theatermilieu doch ein Stück weit den Kern der Oper trifft. Diese Anklänge an die Masken der Commedia und vielleicht auch an die "Pagliacci" von Leoncavallo haben durchaus ihren Reiz. Daneben stehen dann allerdings doch wieder in unheilvoller Weise an die "Meistersinger" erinnernde Peinlichkeiten, z.B. Clowns mit Maschinenpistolen und das Gehopse des Chors, für das man offenbar tatsächlich eine Choreografin engagiert hat...


      [Fortsetzung hier: Verdi: Un Ballo in Maschera – Staatsoper Hannover, 14.09.2013
      :gurni: Gurnemanz]