REIMANN : Lear - Musikgewordene Trostlosigkeit

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    • Rosamunde schrieb:

      Noch ein nachgespieltes, wirklich reales Naturereignis mit Donner und Blitz (war das so? meintest du das?) geht wohl nicht. Anstelle dessen findet der Sturm hier wirklich fast nur in der Musik statt - das ist auch etwas wert. Ich finde es sogar sehr vielsagend, unter mehreren Gesichtspunkten. Die Musik wird dadurch wirklich wichtig. Und ich finde das ist absolut berechtigt :D - denn Reimanns Musik finde ich persönlich sehr expressiv. Man braucht eigentlich nichts weiter. Genau das wollte Marthaler wohl auch. Es wird nicht davon weggenommen und es wird nichts hinzugefügt. Dadurch muss der Zuschauer seine Fantasie bemühen - nein, er muss sich in sein Denken und Fühlen begeben, an den Ort, wo Musik wirkt - und das genau ist der Ort, wo Lear und die anderen Figuren sich während des Sturms befinden und wo der Sturm sich abspielt - auf jeden Fall sagt die Inszenierung uns das. Im Grunde ist das viel anspruchsvoller, als einen wirklichen Sturm zu inszenieren - nur leider könnte es sein, dass es per Video nicht wirkt und dass man wirklich das live Musik Erlebnis dazu braucht, um von ihr überwältigt werden zu können.
      Der Sturm war bei Ponnelle ungemein eindrucksvoll realisiert. Er benützte dabei die Bühnenmaschinerie, die normalerweise unsichtbar bleibt, indem die langen Zugstangen aus dem Schnürboden heruntergelassen wurden und bei der Sturmszene wild auf- und abfuhren. Die hier in früheren Beiträgen verlinkten YT-Streams sind alle nicht mehr verfügbar, da sie wohl illegal waren und die Bayerische Staatsoper sie entfernen ließ. Ich konnte die Sturmszene leider nicht finden, nur die Szene Lear/Cordelia aus dem 2. Teil:
      Mein lieber Vater...

      Wie weit nun das Bühnenbild bzw. Bühnendarstellungen die Musik unterstützen sollen/müssen oder womöglich "stören" können durch zu einfache Verdopplung, ist ein weites Diskussionfeld, was jeder subjektiv für sich anders sieht. Aber grundsätzlich sollte doch irgend eine Beziehung zwischen Bühne und Musik bestehen, sonst degeneriert das Ganze zu einer Art "konzertanter Aufführung".
      Ich habe gerade die Sturmszene in dem Videostream gesucht und angeschaut und das bleibt mir doch zu platt und nichtssagend mit dem Hin- und Herfahren des Transportwägelchens. Auch lichttechnisch tut sich da eigentlich nichts. Und das Alleinsein gegen die unbarmherzige Natur wirkt auf einer völlig offenen Bühne (die Münchner soll ja mit eine der größten in Europa sein...) viel intensiver als in einem abgeschlossenen Raum. Da fehlt mir doch die Synchronisation mit der Gewalt der Musik. Wobei man eigentlich nicht richtig von "Gewalt der Musik" sprechen kann, denn akustisch kam das bei mir (allerdings nur über die eingebauten Lautsprecher in meinem Macbook) nicht sehr gewaltig herüber. Das kann nun allerdings auch daran liegen, dass auf Grund der Corona-Situation wohl 80% dieser Passage nicht im Orchestergraben gespielt wurde, sondern eben elektroakustisch vom Probenraum übertragen wurde, wo das schwere Blech saß. Das kann sich insgesamt auch negativ auf das Gesamtklangbild im Stream ausgewirkt haben.

      Ganz nebenbei: Mir ist noch aufgefallen, dass der Narr etliche Sätze in der Shakespeareschen Originalfassung auf Englisch spricht, was auch eine Zutat von Marthaler ist. Im Libretto von Claus H. Henneberg, das im Progammbuch der Münchner UA dankenswerter Weise abgedruckt ist, ist alles durchgehend in Deutsch. (Das soll keine Kritik sein, nur ein Hinweis).
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • Nun habe ich es doch geschafft den 2. Teil komplett anzusehen. Das Werk und auch die sängerischen Leistungen sind tatsächlich so mitreißend und eindrucksvoll, dass man da die karge Inszenierung zwischenzeitlich vergisst. Leider hat man durch die vielen Kamera-Schnitte ja oft nicht die Totale des Bühnenbildes vor Augen, sondern wird gezwungen der Kamera zu folgen, was ich grundsätzlich an solchen Video-Aufzeichnungen nicht mag und daher Opernaufnahmen normalerweise überhaupt nicht anschaue. Ich habe bei dem Lear jetzt eine Ausnahme gemacht , weil mich da eben brennend interessiert hat, wie das szenisch umgesetzt wurde.

      Insgesamt ist es für mich doch etwas enttäuschend, dass Marthaler die Emotionen so völlig unterkühlt herüber bringt durch die Verpflanzung in das Naturkundemuseum. Das wird am deutlichsten bei der Schlussszene, wo Lear sich überhaupt nicht mit dem Leichnam von Cordelia am Boden befasst, sondern nur seine Biene im Sinn hat. Man könnte daraus ableiten, dass Marthaler seinem Lear eine echte Liebe überhaupt nicht zutraut, auch nicht nach all den Katastrophen. Aber auch die 6. Szene zuvor ("Mein lieber Vater") wirkt erschreckend kalt und gefühllos, wiewohl die Musik hier sicher die poetischsten Momente hat. Da bleibt ein Abstand von geschätzt 5-10m zwischen den beiden, und jeder singt, als ob er alleine wäre.

      Das dauernde Herumschieben der Holzkisten hat mich auch nicht so richtig überzeugt und erscheint oft als vordergründiger Aktionismus, um Leerstellen zu überbrücken (nicht musikalische Leerstellen!!). Beim Schlussmonolog Lears finde ich auch störend, dass die Toten, die zuvor in eindrucksvoll erstarrter Haltung stehen bleiben, dann plötzlich zum Leben erwachen und wieder in ihre Vitrinen zurückgehen. Das mag für Marthaler unausweichlich gewesen sein, um das Eingangsbild wiederherzustellen, wo die Museumsbesucher wieder hereinkommen, aber es desillusioniert doch gewaltig und lenkt vor allem von Lear ab.

      Insgesamt bin ich also nicht so überzeugt von der szenischen Umsetzung, trotzdem würde ich es nicht für völlig verfehlt ansehen. Die sängerische Leistung ist auf jeden Fall erste Sahne und auch die musikalische Umsetzung im Graben durch Saraste. Weiß jemand, ob es irgendwo Äußerungen Reimanns zur Neu-Inszenierung gibt ?? Er scheint bei der Premiere ja nicht anwesend gewesen zu sein. War das nur aus gesundheitlichen Gründen ??

      Übrigens gibt es auch positive Kritiken im Netz:
      opera-online.com/de/columns/he…gt-wahnsinn-auf-die-buhne
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    • PS: Entschuldige @leverkuehn, unsere Beiträge haben sich überschnitten, ich habe hier unten nur auf deinen vorherigen, also Nr 22, geantwortet.

      leverkuehn schrieb:

      ch habe gerade die Sturmszene in dem Videostream gesucht und angeschaut und das bleibt mir doch zu platt und nichtssagend mit dem Hin- und Herfahren des Transportwägelchens. Auch lichttechnisch tut sich da eigentlich nichts. Und das Alleinsein gegen die unbarmherzige Natur wirkt auf einer völlig offenen Bühne (die Münchner soll ja mit eine der größten in Europa sein...) viel intensiver als in einem abgeschlossenen Raum.
      Ja, ich verstehe, was du meinst. Ich habe dazu folgende Kommentare.

      Ich wollte eigentlich mit meinem ersten Beitrag nur unterscheiden zwischen der Aussage, dass die Inszenierung keinerlei Bezug zu dem Drama King Lear hat (wie mindestens ein Kritiker so in etwa behauptete) und einer Aussage darüber, ob die Inszenierung "funktioniert", also überzeugt, mitreisst, begeistert, beeindruckt usw. Mich stört dieses spontane Verwerfen einer Arbeit eines Regisseurs und seines Teams, wenn es für mich offensichtlich ist, dass es sehrwohl einen sehr fundierten Bezug der Inszenierung auf den Inhalt gibt, die Kritiker ihn nur nicht bemerkt haben; wer weiss, warum?

      Ob die Inszenierung aber insgesamt "funktioniert", ist eine andere Diskussion, obwohl natürlich eine verwandte und auch sehr wichtige, denn darum geht es ja letztendlich. Wir können vom Publikum nicht erwarten, dass es eine Analyse von Lear parat hat, wenn es sich die Oper ansieht. Soll es auch gar nicht.

      Man sieht aber sofort, dass die 2. Diskussion (um das Funktionieren) andere Kriterien heranziehen muss, als die erste über den Zusammenhang von Inhalt des Dramas und der Inszenierung. Für den Zusammenhang braucht man einige objektive Kenntnis, also zB einfach die Kenntnis des Original Textes und des Librettos. Man muss dann eine Art begründete Analyse durchführen, mit Textstellen und Stellen aus der Inszenierung, um einen Zusammenhang zu belegen oder zu widerlegen.

      Aber wenn man beurteilen will, ob eine Inszenierung "funktioniert", also mitreisst und etwas bewirkt, braucht man nur anwesend und offen für Eindrücke sein. Und das reicht und ist nicth weniger Wert, sondern eben nur eine etwas anders gelagerte Diskussion.
      Mich stört, dass diese beiden Aspekte nicht separat gehalten werden, soweit das geht.

      Ich bleibe dabei, dass Marthalers Inszenierung eine sehr starke Basis im Drama Lear hat und mir zB durch die "a bee or not a bee" Idee einen wichtigen neuen Blick auf das Drama ermöglicht hat, nämlich de Frage zu stellen, was nobler ist, was eine Flucht ist, usw wie ich oben beschrieben habe. Das ist doch schon mal was. Dafür sind Inszenierungen da, dass sie eine neue Sicht auf ein Werk eröffnen.

      Zu solchen neuen Einsichten kommt man aber nicht, wenn man sofort alles verwirft, nur weil eine bestimmte Szene nicht so ist, wie man sie erwartet. Das ist nur als Verdeutlichung meines Arguments zu spontanem Verwerfen gemeint, nicht als Kritik an dir persönlich.

      Zur Marthalers "fehlendem" Sturm und warum diese Deutung auch eine Basis im Drama hat, habe ich schon im vorherigen Beitrag etwas gesagt. Ob es aber funktioniert, was Marthaler da will, bin ich mir auch nicht sicher. Allerdings kann es, wie wir beide schon sagten, auch an der COVID und Videoübertragung liegen, dass die Musik allein eben nicht genug gewirkt hat.
      Ich würde aber auch sagen, dass Du sicher die Sturmszene bei Marthaler nicht aus der Isolation heraus beurteilen solltest, sondern die gesamte Inszenierung erstmal auf dich wirken lassen, von Anfang an. Es "passiert" auch im gesamten "Sturm" aus der Erinnerung heraus mehr, als nur Wägelchen hin- und herfahren.

      Dass der Sturm nicht in der freien Natur inszeniert ist, sondern im Museum, also in 4 Wände eingeengt, passt doch gut in das Konzept der Inszenierung. Der innere Sturm findet statt in der beschränkten inneren Welt einiher weniger Menschen, die eingeengt sind auf ihre eigenen Perspektiven. Und was wird während des Strurmes von Lear, Edgar und dem Fool, später auch Gloster betrachtet? Die Natur des Menschen und ihre eigene Natur, die ihnen nun auf einmal, durch die Einwirkung des Sturmes, sehr bestialisch zu erscheinen beginnt. Aber durch diese Erkenntnis wird ein Mensch noch lange nicht befreit von seiner Erkenntnisbefangenheit an sich. Und er bleibt auch weiterhin, aus der Sicht der Naturgewalten, gleichgestellt einem Tier. Deshalb, nehme ich an, bleiben wir im Naturkundemuseum gefangen.

      So meine Gedanken dazu.

      Aber ich gebe Dir Recht, ich bin mir nicht sicher, ob all diese Theorie auch letztendlich insgesamt mitreisst oder beeindruckt. Mal sehen, wie ich nach der 2. Hälfte und nach wiederholtem Ansehen darüber denke.
      Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass die Inszenierung für mich eine eindeutige Beziehung zum Inhalt des Dramas aufweist und sie für mich deshalb wenigsten schonmal theoretisch interessant ist.
    • @Rosamunde: Ich bin ganz d'accord mit Dir, dass man neue Inszenierungen ohne Vorbehalt und ohne Vorurteil erst einmal ansehen und auf sich wirken lassen soll. Ich gestehe, dass ich den ersten Teil nur am Anfang und am Ende, und dann herausgepickt die Sturmszene angeschaut habe, aber heute eben dann den 2. Teil komplett. Ich denke, dass man damit schon einen Einblick in das gesamte Drama bekommt, was die szenische Umsetzung Marthalers anbelangt. Ich hatte ja schon von meinem grundsätzlichen Vorbehalt bzgl. der Video-Aufzeichnung von Opern (natürlich ebenso auch von Schauspiel) gesprochen. So auf dem Bildschirm wirkt das sich überhaupt nicht veränderte Bühnenbild irgendwie auch ermüdend auf mich, daher werde ich wohl nicht die Kraft aufbringen, das ganze noch einmal von vorn bis hinten anzusehen. Das wäre jedoch sicher ganz anders, wenn ich die Aufführung live erleben könnte, wahrscheinlich sogar mehrmals, was leider schwierig ist, da ich nun nach 40 Jahren München vor zwei Jahren verlassen habe. Aber so vom Bildschirm her ist sehr schwer ein endgültiges Urteil zu fällen.
      Ich werde durch diese Anregung aber sicher in Zukunft wieder einmal meine LPs mit der UA-Aufnahme von 1978 anhören. Das bringt mir dann doch mehr, als auf den Computerbildschirm zu starren.

      In dem Zusammenhang, obwohl es leicht OT wird: Der Narr wird in der Reimann-UA von Rolf Boysen gespielt, dem wunderbaren Schauspieler des damaligen Münchner Kammerspiel-Ensembles, den ich dort in unzähligen Aufführungen erlebt habe. Boysen sollte dann knapp 15 Jahre später selber den Lear verkörpern in der für mich nach wie vor unübertroffenen Inszenierung von Dieter Dorn. Das war eine ungekürzte Aufführung von etwa 5 Stunden Dauer, die keine Minute Leerlauf hatte und die ich mehr als 10 Mal gesehen habe, so dass ich fast jedes einzelne Detail auch heute noch im Kopf habe.

      Und da komme ich noch einmal zurück zu Marthaler: Der Narr tritt sowohl bei Shakespeare als auch bei Reimann ab dem 4. Akt bzw. im 2. Teil nicht mehr auf, denn diese Rolle hat sich durch den Handlungsverlauf erübrigt. Ich kann daher nicht ganz nachvollziehen, warum bei Marthaler der Narr dann immer noch auf der Bühne herumgeistert, auch wenn er zumeist auf dem Balkon bleibt. Da könnte man ihn als Zuschauer begreifen, der wissen will, wie sich die Sache weiterentwickelt. Aber plötzlich, am Schluss, steht er dann unerfindlicher Weise wieder unten auf der Bühne, wie er da hinkommt kann man durch den Bildschnitt nicht mitbekommen.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • leverkuehn schrieb:

      So auf dem Bildschirm wirkt das sich überhaupt nicht veränderte Bühnenbild irgendwie auch ermüdend auf mich, daher werde ich wohl nicht die Kraft aufbringen, das ganze noch einmal von vorn bis hinten anzusehen. Das wäre jedoch sicher ganz anders, wenn ich die Aufführung live erleben könnte, wahrscheinlich sogar mehrmals, was leider schwierig ist, da ich nun nach 40 Jahren München vor zwei Jahren verlassen habe. Aber so vom Bildschirm her ist sehr schwer ein endgültiges Urteil zu fällen.
      Ich bin jetzt auch einmal ganz durch und sehe das alles ähnlich wie du. Obwohl ich eine Basis für die Museumsidee und auch einige andere Aspekte finde, ist es insgesamt keine besonders mitreissende oder beeindruckende Inszenierung für mich. Ganz platt, langweilig oder nichtssagend finde ich sie aber auch nicht. Etwas berührt davon bin ich schon. Richtig beeindruckt bin ich weiterhin von der Musik und vom Gesang.

      Ich frage mich dennoch an manchen Stellen des 2. Teils, ob dort das Libretto und auch die Komposition einfach etwas schwach sind - als Adaption des Shakespeare Dramas - und das Nicht-funktioneren nicht an der Inszenierung liegt. Irgendwie passt mir die Musik nicht immer zum Text - ich meine den ganzen Kram mit Edmund/Goneril und Cordelia (warum gleichzeitig?) und auch die Szene am Dover Cliff, die ich beim heutigen Durchlauf kompositorisch besonders schwach fand (und auch schwach inszeniert). Nicht dramatisch genug. Andererseits gefällt mir das lange Ende rein kompositorisch-musikalisch sehr gut.

      Die Inszenierung im 2. Teil......teils verstehe ich sie intellektuell, teils nicht. Wieso ist Edmund spineless - also kann sich nicht aufrechthalten? Soll er ein moralisches Wrack darstellen?

      leverkuehn schrieb:

      Und da komme ich noch einmal zurück zu Marthaler: Der Narr tritt sowohl bei Shakespeare als auch bei Reimann ab dem 4. Akt bzw. im 2. Teil nicht mehr auf, denn diese Rolle hat sich durch den Handlungsverlauf erübrigt. Ich kann daher nicht ganz nachvollziehen, warum bei Marthaler der Narr dann immer noch auf der Bühne herumgeistert, auch wenn er zumeist auf dem Balkon bleibt.
      Stimmt, weiss ich auch nicht...könnte man etwas konstruieren, wie zB er ist der einzige Weise, und ist auch vorher schon eine Art Beobachter oder Kommentator, gehört also nicht zur Museumsausstattung.

      Nochmal anschauen? Wäre sicher gut. Ich habe auf Spotify die Albrecht und die Weigle Aufnahme. Vielleicht hör ich die mal.
    • leverkuehn schrieb:

      Boysen sollte dann knapp 15 Jahre später selber den Lear verkörpern in der für mich nach wie vor unübertroffenen Inszenierung von Dieter Dorn. Das war eine ungekürzte Aufführung von etwa 5 Stunden Dauer, die keine Minute Leerlauf hatte und die ich mehr als 10 Mal gesehen habe, so dass ich fast jedes einzelne Detail auch heute noch im Kopf habe.
      Hört sich toll an. Da hast Du schöne Erinnerungen !
      Weil du von 5 Stunden sprichst......Ich habe bei der Reimann Oper das Gefühl, dass sie dem Shakespeare Drama nicht ganz gerecht wird. mit ihren 2.5 (?) Stunden. Sie will natürlich ein eigenes Werk sein, aber dennoch liegt der Vergleich nahe. Wenn so viel gekürzt wird, dann hat die Musik allein viel gutzumachen. Und da selbst Verdi es aufgegeben hat....
    • Rosamunde schrieb:

      Ich frage mich an manchen Stellen des 2. Teils, ob dort das Libretto und auch die Komposition einfach etwas schwach sind - als Adaption des Shakespeare Dramas. Irgendwie passt mir die Musik nicht immer zum Text - ich meine den ganzen Kram mit Edmund/Goneril und Cordelia (warum gleichzeitig?) inszeniert.
      Die Gleichzeitigkeit von 2. und 3. Szene ist u.U. vor allem ein Kniff um Zeit zu sparen. Die Reimannsche Oper ist ja vom Text her schon sehr stark eingedampft gegenüber dem Original. Außerdem erfolgt da eine direkte Gegenüberstellung der finsteren Machenschaften von Edmund/Goneril im Kontrast zu der Klage von Cordelia um den Zustand ihres Vaters und dem Wunsch, ihm zu helfen.

      Rosamunde schrieb:

      Die Inszenierung im 2. Teil......teils verstehe ich sie intellektuell, teils nicht. Wieso ist Edmund spineless - also kann sich nicht aufrechthalten? Soll er ein moralisches Wrack darstellen?
      Hat mich auch zunächst gewundert, aber ich denke, Edmund spürt schon das Gift von Goneril, an dem dann ja auch Regan stirbt. Anders kann ich es nicht interpretieren.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
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      Reimann: Lear
      Inszenierung: Ponelle 1982 München
      Video zu dieser Aufnahme:



      Ha ! @leverkuehn & @Amfortas09 und wer sonst noch interessiert sein könnte:

      Schon sofort ab der 1. Minute laufen mir die Schauer über den Rücken....HU HA....
      (Entschuldigung, falls es schon jemand beschrieben hat, aber ich bin gerade begeistert:)

      Wie schon der König und der Narr als Silhouette hinten auf die Bühne kommen und - wie man erst meint - dieselbe Kopfbedeckung tragen ! Man sieht nur, wenn man genau hinsieht, ein kleines Glöckchen an der einen Krone baumeln..... ansonsten sind sie auch gleich gekleidet, auch mit demselben hairdo. Goneril und Regan verbeugen sich höfisch schmeichelnd - Cordelia züchtig bescheiden.
      Alles lauscht erwartungsvoll den ersten Worten Lears".....um unser Reich unter unseren Töchtern aufzuteilen" ..... eine kurze, erstaunte Pause, dann lechzen die Töchter und ihre Männer mit dem ersten (scharfen) Orchestereinsatz einen gierigen Schritt auf den König zu und halten in ihrer erwartungsvollen Haltung erstarrt inne, was er denn wohl weiter deklarieren wird.....
      Dann beginnt Gonerils Spektakel, die dem König anschliessend ihren symbolischen Preis fast aus den Händen reisst und dem Ehemann präsentiert...voller Dynamik und Leben. Herrlich, wie Cornwall Regan zu ihrem Heuchel-Gesang begleitend dirigiert. Wie die Töchter ihre Gewänder schwingen !
      Die Kostüme und Masken sind vortrefflich.

      Ihr seid Zeugen meiner ganz spontanen überstürzten Begeisterung - ich bin schon still und schaue weiter.
      Wollte nur eure Empfehlung bestätigen und es ganz brennend weiterempfehlen.

      PS: gerade die Edmund - Edgar - Gloster Szene. Grossartig! Das ist Theater. :verbeugung1: Und die Musik ! - "das Beste unserer Zeit haben wir gesehen"
    • Aribert Reimann, Lear -Das Liveerlebnis am 07.06.2021

      Neu

      Hallo zusammen,

      Um meine grundsätzliche Neugierde nach Opern des 20. Jahrhunderts zu befriedigen, habe ich gestern die vorerst letzte Aufführung des Lear aufgesucht. Ich komme dem von zwei Capricciosi geäußerten Wunsch nach, von dieser Erfahrung im Stück-Faden zu berichten. Wie so oft, habe ich mich extra nicht vorher auf den Besuch vorbereitet. Mir geht es ja in der Regel um eine unvoreingenommene Meinung und die Reflexion über eine (für mich) Novität.

      Bis auf wenige Plätze war das Nationaltheater in der Corona-zulässigen vollbesetzt, offensichtlich gibt es noch mehr Neugierige in München. (Apropos Rolf Boysen: die mit ihm oft im Residenztheater aufgetretene Sibylle Canonica war gestern auch unter den Zuhörern) .
      Erst einmal bemerkt, ich war äußerst erstaunt, wie hervorragend die Koordination zwischen den Holzbläsern/Streichern im Graben und dem Restorchester in einem Probenraum geklappt hat. Offensichtlich kenne ich die Partitur nicht, aber gedoppelte oder parallel verlaufende Stimmen waren im Raum absolut deckungsgleich zu hören. Allein das fand ich schon großartig.

      Wie hier im Faden schon mehrfach zu lesen war, ist die erste Hälfte der Oper, die auf die ersten knapp drei Akte des Theaterstücks zurückgreift, durchgängig sehr laut, insbesondere die Sturmmusik geht im Raum oft bis an die Schmerzgrenze. Das ist ja offensichtlich so intendiert und ist alleine physisch eine enorme Herausforderung für Orchester, Sänger und Publikum. Das führte auch dazu, dass wenige Plätze nach der Pause nicht mehr besetzt waren, weil einige Zuhörer von der Musik überfordert waren ....

      Die Überforderung gilt aber auch für den Regisseur, wie Marthaler in einem Interview im Programmbuch zugab. Überhaupt das Programmbuch: voller wundervoller Photos von Insekten und Bildern aus Entomologischen Sammlungen (gerne mit Fürstenbezug), die die Inszenierungsidee mit dem Naturkundemuseum unterstützen. Das Ausstellen und Präparieren von natürlichen Besonderheiten und Schönheiten scheint ja schon ein Aspekt der Textauswahl für das Libretto zu sein. Insofern rundet das Programmbuch die Inszenierung toll ab.

      Viele Aspekte der Inszenierung sind in diesem Faden ja schon behandelt worden, das vorangestellte 'a bee or not a bee' oder die schüttere Bebilderung des Sturms, von dem Marthaler überzeugt ist, dass es ein inneres Stürmen in den Figuren ist. So kann man es auch aus der Musik lesen: die Aufregung in der Musik ist eine Reaktion auf Lears Aussage, sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen zu wollen, Hysterie, Gewalt, Verlogenheit und das vorbehaltlose Drängen nach Macht kommen durch die falschen Liebesschwüre von Goneril und Regan in die Welt dieses Stücks.

      Sängerisch war ich großenteils sehr überzeugt vom Dargebotenen, die negativen Charaktere boten darstellerisch wie stimmlich ausreichend Metall und Schärfe, Andrew Watts als Edgar, Georg Nigl als Gloster fand ich von den letztlich positiven Charakteren sängerdarstellerisch am überzeugendsten. Leichte Abstriche würde ich stimmlich bei Hanna-Elisabeth Müller sehen, ich fand sie in der Duettszene mit Gerhaher im zweiten Teil einfach oft viel zu laut, ihre Stimme wird im Libretto ja als 'Sanft ... zärtlich und leise' charakterisiert, ich habe das in der gestrigen Aufführung anders gehört: ob das Vorgabe des Dirigenten oder eigene sängerische Entscheidung ist, kann ich natürlich nicht entscheiden.

      Christian Gerhaher hat mich sängerisch ungemein überzeugt: wie abwechslungsreich er die klareren und vom Wahnsinn getrübten Abschnitte gestaltet hat, war sehr bewegend: in meiner Sicht die Höhepunkte waren das Duett mit Cordelia und seine Klage auf ihren Tod. Angesichts des Leides fast aller Figuren kommt ja die Erregung und der Überdruck der Musik überhaupt zur Ruhe, lässt leise Töne und Vertrautheit zwischen den Figuren zu. Darstellerisch hat mich das von Gerhaher gebotene allerdings nicht wirklich mitleiden lassen: ich fürchte, dass es mehr mit der Inszenierung als mit seinen Fähigkeiten zu tun hat (ich habe ihn auch als Wozzeck erlebt, da konnte er Mitleid erregen): so wie ich das Gesehene interpretiere, ist Marthaler wenig für diese Figur eingefallen, Lear darf ein bisschen umherlaufen, manchmal mit seinen toten Insekten herumfuchteln oder durch die Gegend rollern. Aber eine wirklich schlüssige Inszenierungsidee für die Titelfigur habe ich nicht erkannt.

      Männerchor und Bayrisches Staatsorchester unter Leitung von Jukka-Pekka Sarastre haben unendlich viel Energie in die sauschwere Partitur geworfen, für mich war die Farbigkeit und Vielgestaltigkeit des Orchestralen sehr überzeugend. Aber man durfte auch den Eindruck haben, dass man einem Arbeitssieg beiwohnen durfte, sonderlich große Liebe zu und Begeisterung für diese Musik habe ich von Orchesterseite nicht wahrgenommen. Aber das ist natürlich eine Klage auf extrem hohem Niveau. Für mich eine der überzeugendsten Gesamteindrücke bei Opern des 20. Jahrhunderts in der Bachler-Intendanz.

      Und da habe ich (leider bis auf die Ausnahme der Soldaten, für die ich mich zu spät um Karten bemüht habe) fast alles gehört: Henze, Schostakowitsch, Krenek, Janacek, Schreker, Berg, etc.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Neu

      Vielen Dank @Giovanni di Tolon !

      Ergänzung zu Beitrag Nr 30

      A Reimann - Lear
      Inszenierung - Jean-Pierre Ponelle
      Video zu dieser Audio



      In 2 Sitzungen angesehen, gestern und vorgestern abend. Vorher hatte ich die Audio Aufnahme einmal ganz angehört und davor die neue Marthaler Inszenierung in München angesehen. Shakespeares King Lear lese ich seit etwa einer Woche wiederholt; einerseits im Original (obwohl es da bekannterweise mehrere Versionen gibt, aber eben eine davon) und auch übersetzt in modernes Englisch. Geschrieben hatte ich oben einiges über die Marthaler Inszenierung, auch im Austausch mit @leverkuehn.

      Meine Eindrücke möchte ich nun hier weiter schildern.

      Die Reimann Oper Lear ist meiner Meinung nach grossartig. Die Musik hat fesselnden Charakter, ist zugleich überwältigend und suggerierend, und wirkt auf mich nachhaltend und tiefgehend. Obgleich Verdi sich an Lear letztendlich nicht herangewagt hat, hat Reimann es mithilfe des Librettisten Henneberg geschafft, Shakespeares Vorlage erheblich zu kürzen und dennoch mit einem zutiefst berührenden musikalischen Drama, welches noch genug der usprünglichen Thematik enthält, zu überzeugen. Was das Libretto durch diese Kürzung an dichterischen Mitteln (diese gehen wahrscheinlich auch schon in der Übersetzung verloren), theatralisch-dramatischem Spannungsaufbau und subtilen Inhalten einbüsst (zB durch die Kürzung und subtilen Verschiebung der Rolle des Narren, über dessen Originalpart sich Tolstoy uA so abfällig geäussert haben soll), wird durch Reimanns Musik auf eigene und originale Weise gutgemacht, sodass diese Oper als unabhängiges Werk – ganz unabhängig von Shakespeares Vorlage – eine eigene Stellung einzunehmen vermag. Und das „darf“ sie, auch weil Shakespeares Behandlung des Lear Stoffs nur eine ist; wie man weiss gibt es noch andere.

      Meiner Meinung nach hat das Libretto und folgend die Oper dennoch 3 Schwachstellen. 2 davon ergeben sich durch die Kürzungen und führen bei mir spontan zu Schwierigkeiten, den logischen Ablauf des Dramas glaubwürdig finden zu können. Die erste Passage ist gleich zu Beginn des 2. Teils, in der so viel Stoff zusammengerafft wird, dass ich für meinen Teil das Tempo der Eskalation der Grausamkeiten nicht ganz nachvollziehen kann. Wenn ich mich allerdings ganz der Musik und dem musikalischen Aspekt des Gesangs überlasse und den Handlungsablauf als zweitrangig beiseite lasse, dann wird gerade diese Passage zu einem sehr guten Beispiel für die Rolle und Kraft von Reimanns Musik.

      Hier möchte ich nun gleich meine Bewunderung für die Ponelle Inszenierung insgesamt ausprechen, aber auch etwas genauer beschreiben. Selbstverständlich besteht die Rolle einer Inszenierung auch darin, eventuelle Schwächen oder Ungereimtheiten im Werk zu überbrücken, zu erklären oder „auszubügeln“. Ponelle hat dies mMn in dieser Passage besonders gut geschafft. Was auf der Bühne geschieht, lehnt sich der Musik im perfekten Zusammenspiel an, sodass eine Einheit ensteht, der man sich kaum entziehen kann. Selten habe ich ein so mitreissende und überzeugende Inszenierung gesehen und die Komgruenz von Bild und Klang gilt für die gesamte Inszenierung; hier möchte ich es aber speziell für die schwächeren Libretto-Passagen erwähnen, da durch die Konguruenz mMn die erwähnten Schwächen im Text und dem Handlungsablauf unbedeutend werden. Dass Ponelle der Musik und dem Libretto eine Bildsprache entnimmt, die zutiefst berührend und überzeugend wirkt, ist nicht das einzige. Mich hat besonders fasziniert, wie er musikalische Impulse, also sforzandi, cresendi, Paukenschläge, schwebende Klangteppiche in Bewegungen bzw Stille der Figuren umsetzt und dadurch eine Kongruenz für Ohr und Auge erreicht, die ich so bei keiner anderen Operninszenierung schon bemerkt hätte. Es kann natürlich an mir liegen, dass ich es noch nie bemerkt habe oder auch an der Musik Reimanns, die sich dafür besonders eignet.

      Eine andere Schwäche empfinde ich an etwa zwei anderen, auch wichtigen Stellen des Librettos, an denen die Übersetzung für mich platt klingt. Nachdem Regan Glosters 2. Auge ausreisst und er nach Edmund ruft, sagt Regan uA in die Stille hinein „ .....er ist auf unserer Seite.“ Nicht idiomatisch, finde ich, und es stört und reisst mich einen Moment aus meiner Theaterillusion heraus. Ebenso unpassend sind einige Aussprüche Edgars und Edmunds am Ende, im Dialog um den Zweikampf herum. Diese Szene leidet auch unter der Kürzung, aber dies wird um 10-faches wieder gutgemacht und überholt durch den Schlussgesang Lears „Weint“ , der in dieser Ponelle Inszenierung, gesungen von FiDi, mit das Berührendste ist, was ich jemals auf der Bühne gesehen und gehört habe. Zutiefst erschütternd, muss es sich hier mMn um eine der grössten Sternstunden FiDis handeln; nicht nur der Schlussgesang, sondern seine gesamte Darbietung, von der ersten bis zur letzten Note. So etwas habe ich lange nicht gesehen, eventuell noch nie. Auch Julia Varady als Cordelia berührt zutiefts, und Edgar (David Knutson) und Edmund (Werner Götz) empfinde ich beide als fantastisch gute Schauspieler und wunderbare Sänger, die das musikalische Drama mit ihrem Feingefühl für ihre Rollen ungemein anreichern.

      Eine kleine Anmerkung nur zum Schluss, weil es mich amüsiert und auf gewisse Weise getröstet hat: Der Zweikampf von Edgar und Edmund, wie er sich anbahnt (eine Art Gericht + 3x Heraldruf mit Trompete) und wie er danach von Regan kommentiert wird (der Ausgang sei wegen der Anonymität Edgars ungültig) doch sehr an den in Lohengrin erinnert hat. Warum auch nicht, denn Wagner war grosser Shakespeare Verehrer. Und ich las nun, dass es mehrere Tagebucheinträge Cosimas dazu gebe; auch speziell einer, der von einem Abend berichtete, an denen die beiden King Lear zusammen gelesen hätten. Diese Vorstellung, dass Shakespeares Lear die beiden Ehegatten dazu inspirierte sich im trauten Heim am Feierabend vereint auf diese Weise ihrer Liebe zur Kunst hinzugeben, bewirkt bei mir eine Art Versöhnung: so bleibt nach einem bis auf die Knochen erschütternden Opernerlebnis ein kleiner herzerwärmender Sonnenstrahl übrig.
    • Neu

      Was für ein schöner, erkenntnisreicher Faden das jetzt geworden ist! Danke dafür.

      Rosamunde, die Beschreibung deiner begeisterten Eindrücke vom “Lear” von Ponnelle begeistert nun wiederum mich!
      Ich habe die Inszenierung vor 43 Jahren mehrmals gesehen und verdanke ihr mit die berührendsten, schönsten, intensivsten Momente, die ich je in einer Oper oder einem Theater erlebt habe.
      Ich denke auch, dass der Lear eine der größten Leistungen Fischer-Dieskaus als Opernsänger gewesen ist. Umso bedauerlicher, dass man diese, immerhin Uraufführungs-Inszenierung, nicht auf DVD festgehalten hat.

      :wink: Talestri
      One word is sufficient. But if one cannot find it?
      Virginia Woolf, Jacob's Room
    • Neu

      Talestri schrieb:

      Ich habe die Inszenierung vor 43 Jahren mehrmals gesehen und verdanke ihr mit die berührendsten, schönsten, intensivsten Momente, die ich je in einer Oper oder einem Theater erlebt habe.
      Ich denke auch, dass der Lear eine der größten Leistungen Fischer-Dieskaus als Opernsänger gewesen ist.
      Oh wie schön, das zu hören. Dass es noch jemandem so ging, besonders jemandem, der dabei war !

      Talestri schrieb:

      Umso bedauerlicher, dass man diese, immerhin Uraufführungs-Inszenierung, nicht auf DVD festgehalten hat
      Ob es eine Aufzeichnung in irgendeinem Archiv gibt?
    • Neu

      Algabal schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Talestri schrieb:

      Umso bedauerlicher, dass man diese, immerhin Uraufführungs-Inszenierung, nicht auf DVD festgehalten hat
      Ob es eine Aufzeichnung in irgendeinem Archiv gibt?
      Müsste eigentlich, denn ich habe sie vor langer Zeit (muss noch in den 1980ern gewesen sein) im Fernsehen gesehen.

      Adieu
      Algabal
      Ob man irgendwen dazu bringen kann daraus eine DVD zu machen? Ich habe hier mitbekommen, dass so etwas bei Radioaufnahmen manchmal gemacht wird. Oder?
    • Neu

      Algabal schrieb:

      Müsste eigentlich, denn ich habe sie vor langer Zeit (muss noch in den 1980ern gewesen sein) im Fernsehen gesehen.
      Wurde nicht die UA sogar übertragen? Ich erinnere mich auch daran, sie dort gesehen zu haben. Sie kursiert ja nun auch auf YT, von daher existiert sie.

      Ich befürchte aber, mit einer DVD-Veröffentlichung wird es schwierig, denn sonst hätte man Reimanns 80. vor 5 Jahren schon mal dafür nutzen können. Entweder also kein kommerzielles Interesse oder die Rechtslage ist so verwickelt, dass sich da niemand herantraut.

      :wink: Wolfram
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      Die ARD hat im Januar 1982 eine Aufzeichnung ausgestrahlt, 1990 gab es dann im Bayerischen Fernsehen eine Wiederholung. Eine weitere Ausstrahlung ist vom Bayerischen Rundfunk anscheinend nicht geplant.

      Wolfram schrieb:


      Ich befürchte aber, mit einer DVD-Veröffentlichung wird es schwierig, denn sonst hätte man Reimanns 80. vor 5 Jahren schon mal dafür nutzen können. Entweder also kein kommerzielles Interesse oder die Rechtslage ist so verwickelt, dass sich da niemand herantraut.

      Ich habe das Gefühl, die Bayerische Staatsoper gibt ihre Schätze nicht so gern auf DVD preis, wie zB die Deutsche Oper Berlin, von der man etliche alte Produktionen auf DVD kaufen kann.
      Aber vielleicht liegt es wirklich an den Rechten und würde dewegen zu teuer.

      :wink: Talestri
      One word is sufficient. But if one cannot find it?
      Virginia Woolf, Jacob's Room
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      Habe nun auch mal in die Münchner Inszenierung reingeschaut (knapp 30 min.).
      Gefällt mir bislang.
      Und zudem eine Neuentdeckung für mich: Edwin Crossley-Mercer, Bass-Bariton (König v. Frankreich). :thumbup:
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
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      leverkuehn schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Ich frage mich an manchen Stellen des 2. Teils, ob dort das Libretto und auch die Komposition einfach etwas schwach sind - als Adaption des Shakespeare Dramas. Irgendwie passt mir die Musik nicht immer zum Text - ich meine den ganzen Kram mit Edmund/Goneril und Cordelia (warum gleichzeitig?) inszeniert.
      Die Gleichzeitigkeit von 2. und 3. Szene ist u.U. vor allem ein Kniff um Zeit zu sparen. Die Reimannsche Oper ist ja vom Text her schon sehr stark eingedampft gegenüber dem Original. Außerdem erfolgt da eine direkte Gegenüberstellung der finsteren Machenschaften von Edmund/Goneril im Kontrast zu der Klage von Cordelia um den Zustand ihres Vaters und dem Wunsch, ihm zu helfen.

      Rosamunde schrieb:

      Die Inszenierung im 2. Teil......teils verstehe ich sie intellektuell, teils nicht. Wieso ist Edmund spineless - also kann sich nicht aufrechthalten? Soll er ein moralisches Wrack darstellen?
      Hat mich auch zunächst gewundert, aber ich denke, Edmund spürt schon das Gift von Goneril, an dem dann ja auch Regan stirbt. Anders kann ich es nicht interpretieren.
      @Rosamunde: Noch einmal zurück zu unserer Diskussion: Was ich da geschrieben hatte bzgl. Edmund (Gift von Goneril), ist natürlich Blödsinn, denn Goneril liebt ja Edmund und will eher Albany loswerden. Da hatte ich den Überblick verloren. Das Herumkriechen von E. am Boden vor dem Zweikampf ist also doch ein Mathalersches Rätsel...

      Die Gleichzeitigket der Szenen 2-4 im zweiten Teil halte ich dagegen für sehr geglückt. Allerdings kam das nun in der Marthaler-Inszenierung gar nicht zum Ausdruck, wo jeder aus seiner Kiste heraus sang. Die Ponnelle- Inszenierung habe ich für diese Passagen nicht mehr richtig vor Augen, aber das war da sicher viel besser gelöst.
      Dass bei der Oper einiges verloren geht bzw. gehen muss, das hat auch Henneberg zugegeben. Er schreibt im Programmbuch von 1978:

      C.H. Henneberg schrieb:

      „Den Mut, Shakespeares „Lear“ zu einem Opernlibretto umzuformen, habe ich erst aufgebracht, als ich die heute nur mehr weniger bekannte Übersetzung von Johann Joachim Eschenburg (1777) gelesen hatte, die zwar Übersetzungsfehler enthält, im Ganzen aber härter, klarer und mir theatralischer erscheint. Ein Schauspiel Shakespeares zu einem Opernlibretto zu übertragen, verlangt Reduktion, Straffung und musiktheatralische Intensivierung. Ich habe von Shakespeares Text weggenommen, was die Musik ausdrücken kann; eine Regung, durch Worte ausführlich eingeleitet und beschrieben, kann durch die Musik „in nuce“ dargestellt werden. [...]

      Cordelia stellt den lyrischen Gegenpol zu den Schwestern Regan und Goneril dar, bildet ein musikalisches „Gleichgewicht“. Für sie habe ich aus vorhandenem Textmaterial eine neue Szene kompiliert. Die verschiedenen Heide-Bilder Shakespeares sind in der Oper zu einer großen Szene geworden, auch wurden im 2. Teil Texte, die engen Bezug zueinander haben, in Simultanszenen einander gegenübergestellt.“
      Ich würde mir nicht zutrauen, den 2. Teil als teilweise dramaturgisch schwach oder sprachlich platt zu bezeichnen. Er ist sicher sehr gerafft, aber es gibt die großen Ruhepunkte mit den Szenen Edgar/Gloucester, Lear/Gloucester und Cordelia/Lear. Gerade da fehlte aber der Marthalerschen Version eben die Magie...

      Und da habe ich unvergessen vor Augen die entsprechenden Schauspielszenen mit Thomas Holtzmann (Gloucester), Stefan Hunstein (Edgar), Rolf Boysen (Lear) und der leider so früh gestorbenen Stefanie Jarke (Cordelia).
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)