Operntelegramm, Saison 2013/2014

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    • Operntelegramm, Saison 2013/2014

      Da in der Spielzeit 2013/2014 auf meinem persönlichen Spielplan vor allem Verdis Shakespeare Opern stehen, versuche ich mich mal mit ein paar szenischen Beschreibungen. Und mache den Beginn mit Fidelio :D am Theater Aachen, die Vorstellung besuchte ich am 15.9.2013.

      Bildchen gibt es bereits auf der Internetseite des Theaters. Sie geben die trostlose Stimmung auf der Bühne gut wieder.

      Auf der Bühne eine Drehbühne, darauf ein Kubus.
      1. Seite: Schlafzimmer von Florestan und Leonore - wahlweise auch Zelle
      von Florestan. Fenster = offene Luke gleich unterhalb der Decke.
      2. Seite: Alpenpanorama mit 2x4 m großem "Garten" davor.
      3. Seite: Wohnraum Familie Rocco, obendrüber Büro und Spionagezentrum von Pizzarro - der hat alles im Blick. Eine Treppe führt vom EG in sein Büro.
      4. Seite: leer. Tür, die zur 1. Seite führt, Stühle

      Alle Dialoge sind gestrichen. Statt derer sind den Figuren der Oper innere Stimmen verliehen, die als laute Gedanken (von Schauspielern eingesprochen und über Lautsprecher eingespielt) zu hören sind.

      Auf der Bühne finden sich nur Isolierte, Einsame. Während des Vorspiels sieht man das Ehepaar Leonore/Florestan, sie weichen voreinander zurück, gucken sich nicht an, sie faßt ihn an, er zuckt zusammen. Vorhang.

      Der jähzornige Jacquino will Marzelline zur Heirat zwingen, `... und bist du nicht willig, dann nehme ich dich mit Gewalt`. Leonore schaut das mit an, oben drüber steht Pizarro im Überwachungskasten, zieht die Jalousien hoch und beobachtet. Die Gedanken der Figuren werden über Lautsprecher eingespielt und das ist auch gleich die Crux, zu schnell, zu viel, zu überlappend, wer denkt hier was? Nebenan, an der 2. Seite werden die Gefangenen vor das Alpenpanorama gestellt und Fahndungsbildchen geschossen, so schlimm ist Knast also gar nicht. Rocco und Leonore gesellen sich zu den beiden, Marzelline wird panisch unter dem Druck, plappert ständig `mir ist so wunderbar` vor sich her. Dann, ganz leise, setzt die todtraurige Musik, als entgegengesetztes Extrem zum Text "mir ist so wunderbar" ein. Die 4 sitzen nebeneinander auf der Couch, ohne sich anzusehen. So nah sie sich körperlich sind, so liegen Welten zwischen ihnen.

      Pizarro bekommt einen Brief, der Minister will das Gefängnis untersuchen, er beginnt seine Akten zu vernichten, wird immer panischer/chaotischer, singt und saugt sich ärmchenwindend und händeringend an den Trägern der Wände fest.

      Die Bühne dreht sich, Leonore wälzt sich wie im Alptraum im Bett, passiert das alles oder hat sie vom Abscheulichen nur geträumt? Der Gefangenenchor wird wieder vor die Alpenkulisse gestellt, wie schön ist das Sonnenlicht, und, vor allem, wir dürfen in den Garten, in das 8qm Blumenbeet und testen, wie sich Erde anfühlt.

      Zum Rezitativ des Florestan` "Gott, welch Dunkel hier", bleibt die Bühne stockfinster, im Saal brennt das Licht. Florestan bleibt auch in seiner Rettungsszene apathisch, als wenn er seine Frau nicht erkennt, zu groß ist die Entfremdung. Er wirkt ähnlich Jack Nicholson in `einer flog über`s Kuckucksnest`. In der namenlosen Freude tauchen die beiden sich auf der stockfinsteren Bühne in ihre Taschenlampenkegel. Der 2. Gefangene, ein Gefangener seiner Angst vor der Willkür Pizarros, fällt brutal über diesen her, verprügelt und tritt ihn bis zur Bewußtlosigkeit. Und im heroischen Schlußbild stehen alle im nackten Schlafzimmer/ der Zelle nebeneinander, und singen verängstigt. Der Chor posaunt die Heldentaten der Leonore rechts und links am Bühnenrand.

      Das Konzept fand ich konsequent umgesetzt, wenn auch etwas zäh und überstrapaziert. Soziale Kälte, es kann nicht sein was nicht sein darf, und eine Heldentat gibt`s nicht, für Leonore und ihren Kampf interessiert sich keiner, am besten Augen zu und jeder für sich. Eine Crux waren wirklich die vielen eingespielten Dialogtexte, wo m.E. zuviel des guten getan wurde. Die Hälfte hätte auch gereicht. Musikalisch war es leider ziemlich bescheiden. Die Hörner haben im 1. Akt kaum einen Einsatz nicht verblasen. Dazu war das Orchester in den Ensembleszenen viel zu laut, die Sänger leider ziemlich textunverständlich.
    • Leichen pflastern seinen Weg

      Giuseppe Verdis "Macbeth" im Aalto Theater Essen am 19.10.2013

      "Aller Anfang ist schwer", so könnte man die erste Premiere des neuen Leitungsteams des Aalto Theaters wohl beschreiben. Der Produktions- und neue Chefdramaturg Alexander Meier-Dörzenbach versprach einen eindringlichen und berührenden Opernabend. Außerdem war die Rede von einem "Seelenloch" und einem zerstörten "Stammbaum".

      Zur Ouvertüre erscheint bei noch geschlossenem Vorhang eine Frau an der Rampe, legt Lilien an einem Kindergrab ab. Ein Mann tritt von der anderen Seite auf, ebenfalls mit Lilien. Die Frau würdigt ihn keines Blickes und geht ab. Man ahnt, daß es sich um das Ehepaar Macbeth handelt. Der Beginn steht symbolisch für die Entfremdung des Paares. Es bleibt unklar, ob das der Beginn der Handlung ist und hier (auch) der nachfolgende Untergang der Familie dargestellt werden soll oder ob das nachfolgende ein Traumbild bleibt.

      Dann öffnet sich der Vorhang, man sieht ein dampfendes Loch, mit einem fürchterlichen Krachen löst sich daraus die Wurzel eines riesigen Baumes aus der Urerde und wird gen Bühnenhimmel gehoben. Sonst gibt`s noch eine kleine bewegliche Brücke, die quer über das Seelenloch gefahren werden kann. Zum Mord an Duncan oder als Versteck dient manchmal ein Kubus, der über dieses Loch gestülpt wird. Vorne links steht ein Sarkophag, auf den gerne mal die Ermordeten gelegt werden und in den Macbeth am Ende kriecht.

      Die Lady erscheint in Abendkleid und Jacke, hochgeschlossen, mit seinem Brief, in dem die Begegnung mit den Hexen geschildert wird. Der Brieftext wird mit seiner Stimme aus dem Off eingespielt. Während der Auftrittsarie entledigt sie sich der Jacke, es wird eine Verführungsszene, zur Liebe, zur Macht. Macbeth, zu Beginn unsicher, zögernd, eine Marionette seiner Frau, wird zunehmend gezeigt als jemand, der wahnsinnig, wie irre wird. Bei der Aufbahrung König Duncans tritt Macbeth an die Leiche, entreißt ihr die Insignien. Die Lady führt seine Hand und zusammen stoßen sie dem toten Duncan noch das Schwert in die Brust. Die weiteren Morde führt Macbeth offenbar alle selber aus, er schleicht sich mit einem teuflichen Grinsen an sie heran, dann schnellt seine Hand mit dem Dolch vor und er mordet: Banquo, der Arzt und die Kammerfrau der Lady `was ist schon das Leben?`, die Kinder Macduffs liegen blutuberströmt auf der Bühne. Das Fest im 2. Akt wird unter offenem Himmel als Picknick gefeiert. Es soll eine Anlehnung an das erste Festival in Glyndebourne 1934 sein, zwischen den beiden Weltkriegen. König und Königin werden vom Volk nicht wahrgenommen, die Gesellschaft sitzt und speist. Macbeth bemalt die Leichen auf dem Sarkophag, daß sie fast wie Clowns wirken, die Lady versucht mit ihrem Trinklied den Schein zu wahren. Macbeth stirbt ohne Kampf durch das Schwert Macduffs. Das Stück endet ohne Schlußtableau, ohne Huldigung an den neuen Herrscher.

      Die Produktion wirkt lahm. Das ist leider und vor allem der musikalischen Umsetzung geschuldet. Dazu gibt es m.E. ein akustisches Problem, die Bühne ist nach hinten weit offen, die Seitenbühnen sind fast komplett geöffnet. Sobald sich die Sänger ein paar Schritte von der vorderen Bühne entfernen, sind sie kaum noch zu hören. Das gilt vor allem für die Sänger der beiden Titelpartien, überzeugen konnte mich an dem Abend nur der Sänger des Banquo. Das Orchester plätschert vor sich hin, akzentloser, langsamer und emotionsloser läßt sich ein "Macbeth" wohl kaum dirigieren.

      Besetzung und Bildchen gibt es hier:
      "http://www.aalto-musiktheater.de/premieren/macbeth.htm"
    • Hier meine Kurzeindrücke zum Macbeth: Der offene Bühnenraum wird tatsächlich einges geschluckt haben, aber vor allem haben die Sänger von Macduff und Lady Macbeth darunter zu Leiden gehabt. Ob Gun-Brit Barminsich einen Gefallen mit Rollen wie Lady Macbeth tut, ist sicher eine andere Frage. Allerdings muss man ihr sehr hoch anrechnen, wie sie versucht hat die Rolle aus einem wirklich gut gesungenen Piano heraus zu gestalten. Auch die fabelhaften Essener Philharmoniker lieferten ein wirklich spannendes Piano ab, sehr stimmungsvoll, doch leider versäumte der neue GMD Netopil es, auch die dramatische Seite in Schwingungen zu setzen. Psychologisch stark und dramatisch schwach war die Inszenierung von David Herrmann.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Oper Köln: Eugen Onegin

      Die erste Premiere der aktuellen Spielzeit gab es gestern abend in Köln. Dietrich Hilsdorf hat Tschaikowskis Eugen Onegin inszeniert und verlegt die Handlung 100 Jahre in die Zukunft: die Bauern treten schon recht vorrevolutionär und renitent auf, und mit Lenskijs Tod brechen neue Zeiten an, die Larina vegetiert im Rollstuhl dahin und die Filipjewna gibt buchstäblich den Löffel ab. Im ersten Teil buchstabiert Hilsdorf Puschkin/Tschaikowski herunter; das würde recht schnell langweilig, hätte er nicht die großartige Darstellerin Olesya Golovneva zur Verfügung, über deren albern-mädchenhafte Schwärmerei man nur den Kopf schütteln möchte und mit der man doch vom ersten Moment an mitfühlt und -leidet. Im zweiten Teil wird es interessanter, wenn sich die Bühne (Dieter Richter) weitet und Chor und Gremin mit Gattin in Sowjet(?)-Uniformen (Kostüme: Renate Schmitzer) - Tatjana mit purpurnem Barrett! - auftreten.

      Olesya Golovneva spielt die Tatjana nicht nur großartig, sie singt auch phantastisch, ohne mit (über-)großer Stimme auftrumpfen zu müssen. Stimmlich ebenso gut der junge Andrei Bondarenko in der Titelrolle, dem der Blasé des ersten Teiles gut gelingt, der aber für die Darstellung des plötzlich verliebten Onegin zu tief in die Overacting-Tasche greifen muß. Aus dem restlichen Ensemble ragt Anna Maria Dur als Filipjewna heraus, der eine ganz berührende Darstellung gelingt. Sehr sängerfreundliche Begleitung durch das Gürzenich-Orchester unter Marc Piollet.

      Sängerisch ein hochklassiger Abend in einer gut gemachten Inszenierung, deren Lücken eine großartige Olesya Golovneva auffüllt!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Premiere: Die Zauberflöte - Münster

      Ein paar Sätze muss ich ja noch nachreichen zur Münsterschen "Zauberflöte", die gemessen am Applaus eine der stärksten Produktionen der letzten Jahre war. Und einer bekam - stellvertretend für ein Kollektiv - die volle "Breitseite" des Publikums ab. Als GMD Fabricio Ventura beim Schlussapplaus vor das Orchester trat, erhob sich das Publikum fast gleichzeitig. Ich schätze ja Venturas Arbeit in Münster ja eh immer sehr, aber dieser schlanke, filigrane Mozart, den das ganz stark spielende Sinfonieorchester da aus dem Graben zauberte - es erinnerte an Interpretationen von Gardiner und Norrington - war einfach nur großartig. Die Sänger können da nicht ganz so mithalten, machen aber einen recht ordentlichen Eindruck - vor allem weil sie auch darstellerisch stark gefordert waren. Kobie van Rensburg erzählte auf seine ganz eigene Art das Märchen von der Zauberflöte, indem er es mit klug eingesetzer Videotechnik in ein "Star Wars" - "Stargate" - "StarTrek" - Mischmasch-Universum versetzte. Und weil das so gut funktionierte, weil sich diese Oper in diesem Umfeld fast von selbst erzähle (man muss also kein Fan sein, auch wenn man dann manche "Insider" nicht mitbekommt) , weil van Rensburg so viele unterhaltsame Einfälle auf die Bühne brachte (Spock, die Ewoks, Darth Vader, Darth Maul usw), und weil dem ganzen auch nicht eine ernste Unterebene fehlte, bekam van Rensburg ebenfalls begeisterten Applaus ab. Schon zur Pause hagelte es Bravos - das hat man in Münster schon lange nicht mehr erlebt. Bravo!
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • War mir schon vorher aufgefallen: War/ist Herr van Rensburg nicht auch selber Sänger (Tenor, wenn ich nicht irre)?
      »Neulich haben Sie mich gegrüßt und ich hab Sie leider nicht gleich erkannt. Das nächste Mal, wenn ich Sie wieder nicht erkenne, treten Sie mir in den Arsch. Großartiger Jochanaan übrigens, neulich.«
      Hans Knappertsbusch zu Hans Hotter
    • "Lohengrin" in der Rheinoper Düsseldorf am 18.01.2014

      Ein paar offzielle Berichte sind schon da
      "http://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20132014/D-lohengrin.html"
      "http://www.opernnetz.de/seiten/rezensionen/due_loh_msz_140118.htm"
      ein paar eigene szenische Eindrücke noch von mir:

      Die Bühne ist ein großes Halbrund mit umlaufender Galerie. Von unten führt im Hintergrund eine steile Treppe hinauf. Hinter der Treppe sieht man ein Prospekt mit beleuchteten Hochhäusern (Mainhattan?) Auf der Bühne versammeln sich `zig graue Anzüge, dem König wird der rote Teppich ausgerollt, sein Heerrufer ist der Sekretär. Telramund will da gar nicht reinpassen. Er tritt auf wie ein unbeholfener Stoffel. Der einzige Mann im Saal ist Ortrud ;). Elsa wird von zwei Krankenschwestern hereingeführt, oder eher hereingezwungen, nach dem Verschwinden des Bruders wurde sie freiwillig oder unfreiwillig eingewiesen. Nach der Traumerzählung kriegt sie erstmal eine Dosis Tranquilizer verabreicht und wird in den Zangengriff genommen - geschenkt.
      Eine meiner spannendsten Fragen bei einer Lohengrin Aufführung ist `wie kommt der auf die Bühne?`. Zum "Wunder" wird die Bühne verdunkelt, grün-schwarzes Licht , die Bühne gerammelt voll mit Männern und ihren Sekretärinnen und alles blickt ratlos überall hin - einschl. des Publikums. Kein Wunder in Sicht. Bis Lohengrin dann am vorderen Rand auf der Galerie erscheint, mit Jeans, Parka und Turnschuhen. Zum Kampf zwischen Lohengrin und Telramund kommt es nicht: Lohengrin wird als reiner Tor - aus dem könnte was werden - von der Bühne geführt und für den weiteren Verlauf in diverse Anzüge gesteckt, Telramund kriegt einen Brief und einen Aktenkoffer in die Hand gedrückt - die Masse geht ab. Am Ende der Szene verbirgt Telramund den Koffer unter seinem Mantel, will sich davonschleichen, da stellt sich ihm Ortrud in den Weg. Telramund, vorne an der Bühne, verzweifelt. Vorhang.

      Der zweite Akt beginnt mit 2 brütenden Gestalten. Daß der Gott des Geldes gemeint ist, wird spätestens hier allen klar, im Koffer befindet sich eine dicke Abfindung, die Scheine fliegen über die Bühne. Ihren Rachegesang bringen sie gerade noch raus, bevor sie übereinander herfallen, nur gestört werden durch Elsas Auftritt. Noch einen sexuellen Übergriff gibt es zwischen Elsa und Ortrud - `es gibt ein Glück das ohne Reu`. Erschlossen hat sich mir das nicht. Dazu kommt, daß die ganze Aufführung klar ist, daß Ortrud und Elsa Rivalinnen sind. Sowohl was die politische Stellung im Land betrifft als auch die Gunst des Telramund. Das ist genau gearbeitet, wenn die zwei sich begegnen weicht immer eine der anderen aus, sie stellen sich in den Weg, umkreisen sich, stehen nebeneinander, wechseln die Plätze etc.
      Die Brautgesellschaft war ein Knaller. Die weiblichen Gäste kommen in bonbonfarbenen Kostümen, tellerradgroße Hüte, ein echtes Farbfeuerwerk.

      Im 3. Akt senkt sich ein monströser Stoffhimmel über ein großes rundes Bett. Zuerst sieht man Elsa alleine, dann geht sie und holt ihren gottgesandten Gemahl ab. Als sie alleine sind, geht`s schnell zur Sache, aber der Streit ist programmiert. Telramund erscheint, Lohengrin ist noch ein bißchen ratlos, da haut Elsa dem Eindringling schon die Schampusflasche über`n Kopf. Lohengrin verschwindet, Elsa packt hektisch das ganze Durcheinander vom Bett, Kleidung, Sektgläsern und dem Toten auf`s Bett und zieht die Überdecke darüber. Die Szene hatte eine unfreiwillige Komik, auch als dann im weiteren Verlauf das alles wieder runtergerissen wird und die Sargträger mit einer Blechwanne ankommen um ihn abzutransportieren.

      Die Gralserzählung singt Lohengrin wieder in seinem Auftrittsoutfit, zum Ende der Oper gibt es zwei Hauptpersonen an der Rampe: Ortrud und der König. Ob Ortrud die neue Hoffnung ist, das Bild blieb mir unklar.

      In der Einführung hatte Hella Bartnig, die Chefdramaturgin des Hauses und Produktionsdramaturgin erklärt, daß sich dem Team die Frage gestellt hatte, ob es in unserer Gesellschaft noch Utopien gebe und ob man die überhaupt äußern dürfe. Oder ob man geächtet wird, wenn man an so etwas glaubt oder es darstellt, ob sie lebensfähig sind etc.
      In dem Rahmen war die Inszenierung gut gearbeitet. Sie sagte aber als Schlußwort, daß Richard Wagner den Lohengrin für seine traurigste Oper hielt. Kann schon sein, ich habe aber noch nie soviel gelacht bei einem Lohengrin.

      Von den Darstellern sei von mir nur Simon Neal als Telramund erwähnt, der mich überzeugt hat. Schauspielerisch wohl ein Naturtalent, absolut überzeugend in dieser Rolle des Herumgeschubsten, der nur reagiert und nicht agiert.

      Insgesamt eine sehr unterhaltsame Aufführung, die in anderer Besetzung in Duisburg sicher noch einen Besuch wert ist.
    • S.Kirch schrieb:

      Insgesamt eine sehr unterhaltsame Aufführung
      Das glaube ich gern nach diesen Bildern "https://www.youtube.com/watch?v=Vnn16HdEt1Q#t=30" Hingehen werde ich trotzdem wohl eher nicht (oder vielleicht später in Duisburg), denn von den Düsseldorfer Sängern und aus dem Graben ist wohl unterm Strich nur Durchschnitt zu erwarten. Nach dem letztjährigen Debakel mit dem Tannhäuser darf man der Regisseurin Respekt zollen, dass sie hier etwas gewagt hat.
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Gestern Abend "Elektra" in der Semperoper -Star-besetzt, fulminant, bejubelt.

      Die Besetzung las sich beeindruckend, und hielt dann tatsächlich, was sie versprach.
      Klarer Mittelpunkt war Evelyn Herlitzius in der Titelrolle. Als Brünnhilde überzeugte sie mich vor ein, zwei Jahren (konzertant mit den BPhil) nicht durchgehend, das war jetzt anders. Die Elektra ist vielleicht ihre Rolle schlechthin. So viel "Bravo" war anschließend jedenfalls selten.
      Anne Schwanewilms als Chrysothemis hatte so viel Energie wenig gegenzusetzen. Sie traf zwar die Spitzentöne sicher, blieb ansonsten aber zumeist blass. Waltraud Meier belebte als Klytämnestra das Geschehen auf der Bühne, war sicher, gab der Wahnsinnigen eine tief menschliche Note. René Pape überzeugte als Orest, stimmlich ohnehin, auch wenn er darstellerisch trotz aller Autorität nicht an Herlitzius oder Meier heranreichte. Frank von Aken als Aegisth ebenfalls gut, ebenso die Mägde. Erstaunlich war die durchweg gute Textverständlichkeit.
      Nun bin ich kein sonderlicher Elektra-Kenner, denke aber, dass Thielemann das gut gemacht hat. Auf jeden Fall hat es offenbar allen Beteiligten gehöriges Vergnügen bereitet, mal so richtig Gas zu geben - wiewohl hier nicht Kraftmeierei als Prinzip angesagt war.
      Die Inszenierung? Tja. Vorlage der Kulisse war offenbar ein Gebäudeteil des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Riesenraum, holzgeschalt, unfertig zwischen Baustelle und Verfall. Personenführung fand weniger statt. Schlechteres Beispiel war Anne Schwanewilms, die zu häufig nur herumstand; bei Herlitzius und Meier war die Regie ohnehin egal, da sie ihre Rollen kraft ihres darstellerischen Vermögens aus sich selbst heraus lebendig werden ließen.

      Ein gelungener, ein schöner Abend. Wenn mir Strauss nicht immer fremder würde, wäre es vermutlich kaum auszuhalten gewesen.
    • Deutsche Oper am Rhein - Lohengrin

      Général Lavine schrieb:


      Hingehen werde ich trotzdem wohl eher nicht (oder vielleicht später in Duisburg), denn von den Düsseldorfer Sängern und aus dem Graben ist wohl unterm Strich nur Durchschnitt zu erwarten.
      Die Aufführung in Düsseldorf lohnt sich auf jeden Fall wegen Simon Neal als Telramund, Duisburg möchte ich vor allem wegen Neugierde auf die Umbesetzung der Elsa besuchen. Axel Kober hat eher im Stil von "Wagner ohne Worte" dirigiert, ziemlich mächtig. Das Haus in Duisburg ist kleiner, möglich, daß sich dieser Eindruck da noch verstärkt.

      Empfehlen - wenn es auch noch nicht läuft :D und die Premiere im März ist - würde ich im Blindflug die "Alcina" in Wuppertal wegen der Besetzung mit Joslyn Rechter.
    • Carmen - Dortmund, 01.02.

      Ich muss sagen, ich bin vom musikalischen Niveau in Dortmund mittlerweile echt begeistert. "Schuld" daran hat für mich vor allem der neue GMD Gabriel Feltz, der nachz einem tollen Don Carlos nun auch eine wundervoll differenzierte Carmen dirigierte. Halsbrecherische Tempi wechselten sich mit schönen zarten Momenten ab, das Orchster spielte bis auf wenige Ausnahmen hervorragend. Sängerisch blieb die Premiere ohne Ausfälle, auch wenn Ileana Mateescu vielleicht (noch) das gewisse Etwas in der Titelrolle fehlte. Christoph Strehl hatte ich - weil ich ihn aus Züricher Zeiten auf DVDs kenne - in dieser Form den Don jose nicht zugetraut und wurde positiv überrascht. Morgan Moody war als Escamillo ein echter Platzhirsch und Christane Kohl eine sehr gute Micaela, die ich im Duett des ersten Aktes etwas besser fand, als in ihrer Arie im dritten Akt. Auch die Comprimari waren hervorragend besetzt: Hier waren es unter anderem Fritz Steinbacher als Remendado und der grandiose Kinderchor, die mich beeindruckten. Die Inszenierung von Katharina Thoma in der andalusischen Wüste ist sicher kein großer Wurf, tut aber auch keinem Weh und hat auch einige starke Bilder. Kann man sich also bedenkenlos ansehen.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Gabriel Feltz erlebte ich kürzlich erstmals im Fliegenden Holländer an der BSO. Da eine meiner Lieblingsopern, empfand ich sein Dirigat, durch einige Zwangspausen, doch sehr eigenwillig und arg gewöhnungsbedürftig. Kann mich nicht erinnern, dass der Holländer so schon einmal dirigiert wurde. Das müßte ich dann auch nicht noch einmal haben, aber angeblich soll diese Inszenierung (Konwitschny) sowieso abgesetzt werden (wäre ich total traurig drüber) und deshalb hat sich dieses Thema wohl erledigt.

      Dein Bericht klingt auf jeden Fall sehr gut (danke dafür) und ich hoffe, Ihr habt noch viel Freude mit dem neuen GMD.
    • Verdi - Stiffelio. Theater Mönchengladbach, 15.02.14

      Alvianos Empfehlung für den Krefeld/Mönchengladbacher Rienzi hatte uns Ende letzten Jahres in das dortige Opernhaus geführt. Für weitere Aufführungen empfahl sich das nette Theater dann selber, z.B. mit der Produktion einer wohl am seltensten aufgeführten Verdi-Opern. Eine gelungene Inszenierung (Helen Malkowsky) mit gelegentlichen Hängern in der Personenregie, dafür sehr musikalisch, ein mit dem mittleren Verdi prächtig zurecht kommendes Orchester sowie ein bestens eingestellter Chor, dazu gute bis sehr gute Solisten! So unangestrengten und unverkrampften Verdi-Gesang wie von Michael Wade Lee in der Titelrolle habe ich von einem Tenor schon lange nicht mehr gehört. Ebenfalls blendend Izabela Matula als Lina. Die Ensembles mit Chor sind zahlreich in diesem Stück, und nicht ohne: da gab es schon mal kleinere Abstimmungsschwierigkeiten. Insgesamt aber eine klasse Aufführung! (Ob es allerdings eine gute Idee ist, gleichzeitig im gleichen Haus eine Karnevalssitzung zu veranstalten, sei mal dahingestellt...)

      Vor einem Monat waren wir schon einmal da, für die Mönchengladbacher Premiere von Tschaikowskys "Mazeppa", von der gleichen Regisseurin spannend inszeniert, musikalisch ebenfalls überzeugend. Das sind drei bedeutende Stücke vom Rand des Standardrepertoires allein in einer Saison! Wir brauchen nach Rheydt genauso lang wie nach Köln - das Mönchengladbacher Opernhaus werden wir im Auge behalten!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Weber - Freischütz. Oper Köln, Premiere am 12.04.2014

      Der lettische Regisseur Viestur Kairish inszeniert den Freischütz halbwegs im Zirkus-Ambiente oder anderswo (so recht entscheiden mag er sich nicht), wirft mit Regie-Einfällen um sich, die man alle schon mal irgendwo gesehen hat, wechselt in der Personenregie zwischen hilflosem Aktivismus und ebenso hilflosen Leer-Stellen. Kommentar meiner Frau: "Das macht einen noch nicht mal ratlos!". Musikalisch war's durchwachsen - Markus Stenz (in seiner letzten Opernpremiere als Kölner GMD) bringt das Gürzenich-Orchester zwar prächtig zum klingen (die Hörner hatten einen Tag zum Niederknieen!), eilt aber hie und da schwer gehetzt durch Passagen und ganze Arien. Andreas Schager singt den Max mit unstet wackliger, knödeliger Stimme wie die Karikatur eines Tenors. Auf der Habenseite bleiben ein tolles Bühnenbild für die Wolfsschluchtszene (Ieva Jurjäne), ebenda ein fulminant böser, nur mit einem Schlips bekleideter Renato Schuch als Samiel, Oliver Zwarg als brutaler und getriebener Kaspar und - Claudia Rohrbach! Die Sängerin hat den Wechsel ins jugendlich-dramatische Fach wohl endgültig geschafft, hat mittlerweile eine kräftige und resonante Mittellage zur Verfügung und auch in der Tiefe keine Probleme mehr, selbst unter den akustisch ziemlich problematischen Verhältnissen im "Blauen Zelt". Die eigentlich eher kleine Stimme geht auch in den Chorensembles nicht unter. Geblieben ist die völlig mühelose, hellstrahlende Höhe, bei der die Stimme allerdings ein wenig farbarm bleibt. Aber das ist schon Krittelei auf höchstem Niveau. Die beiden Agathen-Arien, von Orchester und Dirigent wunderbar ausgestaltet waren die (leider recht einsamen) Höhepunkte des Abends.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Lady "Macbeth" im Saarländischen Staatstheater, Vorstellung am 12.04.2014

      Die Inszenierung von Sebastian Welker fand ich ziemlich verworren, und die Auflösung, die ich mir aus dem Programmheft versprach, machte das eher noch rätselhafter. Da sagt Welker: "In dieser ehrenwerten Gesellschaft betreibt Macbeth als offizielles Business ein Bestattungsunternehmen. Das ist zum einen ziemlich praktisch, denn er sorgt schon selber für seine Aufträge, zum anderen ist hier der Tod ein allgegenwärtiger Vorgang und eine Beerdigung ein ganz alltägliches Geschäft. Das stumpft ab."

      Das ganze wirkte auf mich wie bei der Mafia angesiedelt, Sonnenbrillen, das Personal ist bis auf die Lady und die Kinder schwarz gekleidet. Es beginnt mir einer Beerdigung auf grasgrünem Kunstrasen, hinter dem Sarg eine Trauergemeinde, der Sarg wird samt hinterem Bühnenboden runtergelassen. Die Lady tritt auf, der Bühnenboden hebt sich samt Mobiliar und Kammerzofe, aus dem Bühnenhimmel kommt ein Wohnraum heruntergeschwebt. Die Lady macht ihrem Gatten seinen Karrieresprung schmackhaft, mit der Fernbedienung und einem Tänzchen kündigt sie den Königszug an. Duncan ist so ein Typ smarter Playboy, kümmert sich vor allem um seine weibliche Begleitung. Die Lady mischt den Bodyguards einen Trunk, als sie auf dem Boden liegen ermordet Macbeth den König. Den blutigen Dolch drückt die Lady einem Schlafenden in die Hand, im allgemeinen Tumult nach der Entdeckung der Leiche wacht er auf, versteckt hastig den Dolch hinter dem Rücken, versucht sich die blutigen Hände abzuwischen. Die Lady ernennt Macbeth mit Überreichung der Schärpe zum neuen König.

      Der "Reisser" der Aufführung war die Lady. Stimmlich, darstellerisch und optisch. Sie ist es, die ihre Machtphantasien auslebt. Offenbar erlebt Macbeth das nicht zum ersten Mal, wendet sich genervt oder resigniert ab, geht von der Bühne, wenn sie vorne an der Rampe im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Stellung triumphiert. Bei dem Bankett wird auch des toten Duncan gedacht, in der Bühnenmitte steht ein Sarg mit einem Porträt des toten Königs. Als sie in ihrem bonbonfarbenen Kleid auftaucht, erntet sie Kopfschütteln, die Leute wenden sich ab, denen steht auf der Stirn geschrieben `wie peinlich ist das denn`. Schlimmer wird`s nur noch bei den Phantasien Macbeth`, der wird kurzerhand von seiner Lady geohrfeigt damit er wieder zu Sinnen kommt. `Trinkt, trinkt`, das Porträt des Toten tritt sie um und stellt sich darauf.

      Zu Ihrem Tod kleidet sie sich in schwarzglänzende Pailletten. Der König wirkt dagegen, als wenn er immer weiter verlottert, das Hemd hängt raus, er wirkt verwirrt, ratlos. Am Ende steht der Sohn von Duncan - ein Junge von geschätzt 10 Jahren - mit der Königsschärpe heulend auf der Bühne, schlägt die Hände vor`s Gesicht.

      Nicht kapiert habe ich die permanente Kinderschar auf der Bühne, dadurch wurde die Handlung fast wie unterbrochen und zerstückelt. Hexen gibt es keine, dafür 3 Engelchen (ausgeliehen von der Ballettschule). Außerdem der Sohn von Banquo, der Sohn von Duncan. Die Mädchen waren sowohl sinnbildlich für die Hexen oder für die nicht lebenden Kinder von Macbeth. Noch ein Zitat aus dem Programmheft: "Für mich ist Macbeth auch ein Stück über Kinder in einem Gewaltregime: Was passiert in den Seelen der Kinder, wenn sie in einer derartigen Gesellschaft aufwachsen und permanent mit Grausamkeiten konfrontiert werden? Wenn sie mit 11 oder 12 Jahren zusehen müssen, wie ihre Väter abgeschlachtet werden?"

      Musikalisch toll war das `Dreigestirn`, Melba Ramos als Lady, Olafur Sigurdarson als Macbeth und Hiroshi Matsui als Banco. Dirigiert wurde die Aufüfhrung von marzio Conti.
    • La clemenza di Tito - Nancy, 8.Mai 2014

      Am 6.September 1791 wird Kaiser Leopold II. in Prag zum König von Böhmen gekrönt. Musikalischer Höhepunkt der Feierlichkeiten soll die Aufführung einer eigens für diesen Anlass komponierten Huldigungsoper sein. Antonio Salieri, als Leiter der Hofkapelle die erste Wahl als Komponist, lehnte aus Zeitgründen das Angebot des Prager Impressarios Domenico Guardasoni ab, und so erging der Auftrag an Wolfgang Amadeus Mozart. Unter Termindruck konnte kein neues Textbuch erstellt werden, sondern Caterino Mazzolá adaptierte ein bestehendes Libretto von Pietro Metastasio. "La clemenza di Tito" war bereits mehrfach vertont worden war - unter anderem von Caldara (1734), Hasse (1735), Wagenseil (1746), Gluck (1752), Jomelli (1753), Scarlatti (1760) und noch einigen mehr - und war den Auftraggebern daher sicher bekannt. Dazu kommt, dass der Inhalt ideal zum Ereignis passt: Trotz bösartiger Intrigen und Verrat beharrt der Kaiser auf den Herrschaftstugenden Großmut und Milde. Dass die Kaiserin die mit freundlichem Beifall aufgenommene Oper als eine „porcheria tedesca“, eine deutsche Schweinerei, bezeichnet haben soll, ist jedoch durch kein zeitgenössisches Dokument belegt.
      Dem feierlichen Anlass entsprechend, die Uraufführung im Prager Ständetheater fand am Krönungstag statt, entschied sich Mozart für die Komposition einer „opera seria“, deren Blütezeit am Ende des 18.Jahrhunderts allerdings längst in der Vergangenheit lag, wenngleich mit Anklängen an den Zeitgeschmack. Die Form der da-capo-Arie und der Secco-Rezitative (vermutlich von seinem Schüler Süßmayr geschrieben) blieb jedoch erhalten. Die Partien des Sesto und des Annio, so ist Quellen entnehmbar, wollte er ursprünglich für Tenor komponieren. Da ihm aber vom Impresario der Einsatz eines Kastraten – ein zu dieser Zeit ebenfalls nicht mehr zeitgemäßer Sängertyp – empfohlen wurde, schrieb Mozart diese beiden Rollen kurzerhand um (was nichts an der Tatsache ändert, dass die Partien schon wenig später und bis heute von Mezzosopranistinnen gesungen wurden).
      Die Urfassung, natürlich mit Countertenören und nicht Kastraten, bringt die Opéra National de Lorraine in Nancy zur Aufführung (ich habe die letzte Aufführung der Serie am 8.Mai gesehen). Als Gemeinschaftsproduktion mit der North Opera in Leeds, wo im vergangenen Jahr allerdings die traditionelle Fassung gezeigt wurde. In diesem Zusammenhang muss die Frage gestattet sein, warum diese Urfassung in einem Haus, das sicher nicht zu den prominentesten Häusern zählt, gespielt wird und nicht im Rahmen von Festivals; abseits der Salzburger Mozartwoche fallen mir spontan das Mozartfest Würzburg oder der Prager Frühling ein. Und nach meinem Wissensstand haben auch keine der Originalklangdirigenten je diese Fassung zur Aufführung gebracht (im Internet konnte ich jedenfalls keine einschlägige Produktion oder Platten/CD-Einspielung finden).
      Diesem musikhistorischen Konzept entspricht die Szene in keiner Weise. Der im Führungsstab des Royal Opera House tätige Regisseur John Fulljames hat gemeinsam mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Conor Murphy und unterstützt von Bruno Poet (Beleuchtung) und Finn Ross (Video) eine Inszenierung erarbeitet, die auf zahlreiche Opern passen würde. Man muss kein Freund von wallenden Perücken und historisch korrekten Kostümen sein und schon gar nicht von einer statischen Personenführung der Barockoper (Freunde solch einer szenischen Umsetzung erfreuen sich der Aufführungen im Schlosstheater von Cesky Krumlov; dort habe ich übrigens vor ein paar Jahren den „Titus“ in der Komposition von Hasse erlebt), aber zumindest in Ansätzen sollte die musikalische Umsetzung zur Szene passen. Vor allem auch in einem prunkvoll historischen Opernhaus.
      Die Bühne wird durch einen nach vorne offenen Würfel verkleinert, dessen Deckel immer wieder hochgehoben wird, dessen Seitenwände sich immer wieder verschieben oder geteilt werden (und dann an das Ambiente der Wotruba Kirche in Win erinnern) oder als Projektionsfläche dienen. Davor steht eine Glaswand, vor und hinter der die Akteure singen und spielen, und die mit auf- oder abgezogenen Jalousien und dem Einsatz der Drehbühne einfache Szenenwechsel ermöglicht. Die SängerInnen sind alle dunkel gekleidet und (außer Publio) gestiefelt, einzig Vitellia hat auch rot und darf zuletzt in einem hochzeitskleidähnlichen Kostüm und Pumps auftreten, das sie sich während des großen Rondos im 2.Akt auszieht um im Finale verschleiert zu erscheinen (hier schließt sich der Kreis zum – wieder einmal – verinszenierten Vorspiel: alle Figuren der Oper sitzen hinter der Glaswand rund um einen Besprechungstisch; eine verschleierte Dame erscheint – diese Statistin wird gemeinsam mit zwei anderen Personen immer wieder auftreten – und Titus verschwindet mit Ihr; die Sitzung endet ungeplant und im Chaos). Einfach und unaufdringlich ist auch die Personenführung. Glaubhaft menschliche Reaktionen zeigt einzig Titus, wenn er schwankt, das Todesurteil für Sesto zu unterzeichnen. Und auch, wenn der Regisseur in einem im Programmheft abgedruckten Interview davon spricht, dass Sesto die wichtigste Figur der Oper ist und die Szene von ihm abgeleitet wird, mir hat sich die Umsetzung dieses (durchaus nicht unlogischen) Konzeptes nicht erschlossen.
      Zumeist positiv ist mein Eindruck von der musikalischen Seite des Abends, wenngleich der eine oder andere kleine Einwand erlaubt sein muss. Das Orchester ist traditionell groß besetzt (im Vergleich dazu erlebte man bei der jüngsten Produktion in München ein beinahe kammermusikalisch reduziertes Orchester); als Begleitinstrument bei Sestos Parto-Arie wurde die Bassklarinette durch eine „normale“ Klarinette ersetzt, bei Vitellias „Non piu di fiori“ ist ja eine Alternative zum vorgesehenen Bassetthorn möglich (wenn auch nicht Originalklang). Der in den USA geborene Kazem Abdullah, seit 2012 GMD in Aachen, ist ein Kapellmeister im besten Sinn, der den (sehr guten, in den Proszeniumslogen hinter Vorhängen versteckten) Choer de l´Opera national de Lorraine und das Orchestre symphonique et lyrique de Nancy aufmerksam leitet und den SängerInnen gut sichtbare Einsätze gibt und sie einfühlsam begleitet.
      Man muss sich darauf einlassen (wollen), dass Sesto und Annio von Countertenören gesungen werden. Die Logik des Stückes wird dadurch deutlicher, wenn tatsächlich Männer auf der Bühne stehen, der Stimmklang ist – zugegeben – zunächst gewöhnungsbedürftig. Wenn aber Sänger wie Franco Fagioli (Sesto) oder Yuriy Mynenko (Annio) auf der Bühne stehen, werden solche Überlegungen hinfällig. Diese beiden Sänger beherrschen ihre Stimmen souverän und gestalten die Rollen vokal wie darstellerisch überzeugend. Bernard Richter, mozarterprobt unter anderem in Zürich und bei den Salzburger Festspielen, ist ein überzeugender Titus; stil- und höhensicher, koloraturengewandt und auch ausdrucksstark im Spiel. Bei Bernarda Bobro fällt einmal mehr die musikalische Kürze der Servilia auf; bei dieser hochmusikalischen Sängerin (die auf der internationalen Karriereleiter beständig nach oben steigt und an ihrem ehemaligen Stammhaus Volksoper auch mangels geeigneter Rollen nur mehr ein zu seltener Gast ist) könnte die Rolle auch mehr aktive Szenen enthalten. Kleine Abstriche macht der Besucher aus Wien bei der Vitellia von Sabina Cvilak, in der Saison 2004/2005 auch an der Staatsoper in kleineren Partien zu hören. Stimmfarben sind Geschmackssache, aber die höhere Lage klingt mir bei ihr – ein sehr subjektiver Einwand - doch etwas zu scharf. Was nichts daran ändert, dass sie die schwierige Partie, die vor allem in der ersten Arie eine große Bandbreite der Stimme erfordert, gut ausfüllt. Bei Miklòs Sebestyèn fehlt mir die Bassschwärze, die dem Publio Gewicht verleiht (er selbst nennt sich auf seiner Homepage auch Bassbariton; singt aber häufig Basspartien).
      War der Beifall nach einzelnen Arien häufig flau (und auch an falschen Stellen), so bejubelte das großteils junge Publikum am Ende des Abends begeistert alle Mitwirkenden (und das durchaus abgestuft).

      Michael
    • Verdi - Otello. Oper Köln (Oper am Dom), Premiere am 19.05.2014

      Nach durchaus ansprechendem Beginn (tolle Choreographie der beiden großen Chorszenen mit eindringlicher Personenregie der Solisten) beschränkt sich die Regie (Eike Ecker, nach einer Stockholmer Inszenierung von Johannes Schaaf im Bühnenbild von Lennart Mörk, adaptiert für die Oper am Dom von Christof Cremer, der auch neue Kostüme beigesteuert hat) im wesentlichen auf brave Bebilderung der Handlung, setzt kaum Akzente, läßt die Darsteller aber auch nicht ganz im Stich. Im Vergleich zum überkandidelten, stümperhaft ausgeführten Freischütz von neulich aber eine Erholung!

      Musikalisch ist das eine Produktion auf hohem Niveau, ganz hervorragend eingestellt der Chor der Oper Köln - das kann man kaum besser machen! Das Gürzenich-Orchester läßt die dramatische Dichte des Stückes hörbar werden und versetzt den Zuhörer in Atemlosigkeit, manchmal fand ich das Tempo etwas zu stark angezogen (vor allem das Schwurduett Si, pel ciel marmoreo giuro verlor so an Dramatik); andererseits klanglich ganz wundervoll im Liebesduett Già nella notte densa. Will Humburg hat schon einiges an italienischer Oper in Köln dirigiert, das hier war der bisherige Höhepunkt! Ich hoffe, den hören wir hier noch oft! (Glückwunsch an Darmstadt!).

      Die Live-Auftritte von José Cura kamen in diesem Forum ja nicht immer gut weg, vielleicht ein Sänger mit stark schwankender Form (vor Jahren hat er es in Köln mal geschafft, an einem Abend den Turiddu sängerisch in den Sand zu setzen und einen absolut umwerfenden Canio hinterherzuschieben). Gestern abend jedenfalls fand ich ihn ziemlich gut in Form! Er muß den Otello nicht unter dauerndem Forcieren singen, die doch so dunkel baritonal gefärbte Stimme hat auch keine ernsthaften Höhenprobleme. Bei stärkerem Druck gibt es allerdings in der Höhe eine Art sprezzatura, eher eine Timbre-Veränderung mit einem merkwürdigen tremolo, aber ohne schrill oder eng zu werden (kann ich nicht recht beschreiben); das passiert, wenn er richtig aufmachen muß, wie beim Esultate oder bei Abasso le spade. Das oft zu hörende Geschrei bei Sangue! Sangue! Sangue! spart er sich netterweise, wird bei Dio mi potevi etwas übermäßig larmoyant und versucht ganz am Schluß ein extremes piano, wobei die Stimme nah ans Brechen kommt - aber da paßt das ja durchaus! Das ist aber Kritik auf hohem Niveau - ich fand ihn alles in allem richtig gut! Darstellerisch ist der Otello bei ihm ein sich (zumeist) so eben noch unter Kontrolle haltendes, oft dumpf vor sich hin brütendes egomanisches Monster - tolle Bühnenpräsenz!

      Anne Schwanewilms war durch einen Probenunfall gehandicapt (steifer Hals, nicht so toll für einen Sänger!), was vielleicht ein paar unschön geschleifte Töne bei hohen Legatopassagen und einen etwas aus dem Fokus gehenden acuto (im 3. Finale) erklärt, war davon abgesehen aber eine annähernd perfekte Desdemona! Neben Gia della notte densa war das Lied von der Weide ein Höhepunkt des Abends!

      Samuel Youn debütierte als Iago und brachte wohl die insgesamt beste sängerische Leistung des Abends! Ich meine aber, dieser Sänger bräuchte eine straffe Personenregie, er neigt darstellerisch zum Übertreiben! Das beeinträchtigt doch einigermaßen das (sängerisch tadellose!) Credo in un dio crudel und so manche "Einflüsterungs"-Szene. Viel besser zum Beispiel das Trinklied in einer von der Regie gut durchkomponierten Massenszene. Nichtsdestoweniger ein tolles Rollendebüt!

      Prächtig gesungen hat auch Xavier Moreno, der den Cassio (ebenfalls ein Rollendebüt) als netten, gutmütigen, gemütlichen und am Ende völlig fassungslosen Nachbarn von nebenan gab. Unter den ebenfalls tadellosen Comprimarii tat sich Opernstudiomitglied Lucas Vanzelli als Rodrigo hervor.

      Beeindruckende Vorstellung! Für Stimmen-Fans empfehlenswert, es gibt aber nur noch für die beiden letzten Vorstellungen (30.05. und 01.06.) Restkarten
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Peter Michaelow schrieb:

      Ein paar Sätze muss ich ja noch nachreichen zur Münsterschen "Zauberflöte", die gemessen am Applaus eine der stärksten Produktionen der letzten Jahre war. Und einer bekam - stellvertretend für ein Kollektiv - die volle "Breitseite" des Publikums ab. Als GMD Fabricio Ventura beim Schlussapplaus vor das Orchester trat, erhob sich das Publikum fast gleichzeitig. Ich schätze ja Venturas Arbeit in Münster ja eh immer sehr, aber dieser schlanke, filigrane Mozart, den das ganz stark spielende Sinfonieorchester da aus dem Graben zauberte - es erinnerte an Interpretationen von Gardiner und Norrington - war einfach nur großartig. Die Sänger können da nicht ganz so mithalten, machen aber einen recht ordentlichen Eindruck - vor allem weil sie auch darstellerisch stark gefordert waren. Kobie van Rensburg erzählte auf seine ganz eigene Art das Märchen von der Zauberflöte, indem er es mit klug eingesetzer Videotechnik in ein "Star Wars" - "Stargate" - "StarTrek" - Mischmasch-Universum versetzte. Und weil das so gut funktionierte, weil sich diese Oper in diesem Umfeld fast von selbst erzähle (man muss also kein Fan sein, auch wenn man dann manche "Insider" nicht mitbekommt) , weil van Rensburg so viele unterhaltsame Einfälle auf die Bühne brachte (Spock, die Ewoks, Darth Vader, Darth Maul usw), und weil dem ganzen auch nicht eine ernste Unterebene fehlte, bekam van Rensburg ebenfalls begeisterten Applaus ab. Schon zur Pause hagelte es Bravos - das hat man in Münster schon lange nicht mehr erlebt. Bravo!


      eben diese ewige videoeinspielerei,ging mir auf den geist.
      mit der zauberflöte kann man ja so gut wie alles machen und von mir aus,sie auch in die ferne zukunft schicken.vieles war ganz schön lächerlich.aber ,einen zweck hat es erfüllt,es sprach das junge publikum an.
      ich fand es auf sängerischer seite,etwas durchwachsen und leider sehr textunverständlich gesungen.
      die königin der nacht,hatte nur die kolaraturen drauf,alles andere ,meiner meinung nach farblos.
      auch der papageno,eigentl. eine paraderolle,war ein bissl schwach.
      das orchester wurde zurecht gefeiert.
      die regie von van rensburg,hätte ich ausgebuht.
      da war die "zauberflöte,von vor 20 (?) jahren,ideenreicher,wenn auch um einiges schlechter gesungen.
      lg yago