Benjamin: "Written on Skin", Oper Bonn, 29.09.2013

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    • Benjamin: "Written on Skin", Oper Bonn, 29.09.2013

      Werden heutzutage noch neu geschriebene Opern aufgeführt, so meist als Auftragswerke der Theater. Gleich drei Opernhäuser und zwei Festivals gaben dem englischen Komponisten George Benjamin (* 1960) den Auftrag zu seiner Oper Written on Skin, die vor gut einem Jahr beim Festival in Aix-en-Provence uraufgeführt wurde. Aufführungen derselben Produktion in Amsterdam, Toulouse, Florenz (Maggio musicale) und London folgten, durchweg mit für eine zeitgenössische Oper ungewohntem Publikumserfolg. (Eine weitere Neuinszenierung plant das Landestheater Detmold für April 2104.)

      Das Stück basiert auf der anonymen Troubadourdichtung Guillem de Cabestanh - Le cœur mangé aus dem 13. Jahrhundert, die unter anderem in Boccaccios Decamerone wiederkehrt: ein provenzalischer Edelmann tötet seinen Nebenbuhler und gibt seiner Frau das Herz ihres Liebhabers zu essen. Sie entzieht sich ihrer Ermordung durch einen Sturz aus dem Fenster.

      Der englische Dramatiker Martin Crimp hat daraus ein Opernlibretto gemacht, bei dem zunächst einmal der ungewöhnliche Tonfall hervorsticht: die Protagonisten behalten den epischen Rahmen der Erzählung bei und sprechen die Redeanweisungen ("... sagte die Frau", "... und der Junge sagte:") mit. Neben dem Edelmann und seiner Frau gibt es noch drei Engel, die unterschiedliche Rollen übernehmen, einer überwiegend den jungen Buchmaler, den sich der "Protektor" genannte Edelmann einbestellt hat, um sich von ihm ein kostbares (zu jener Zeit wurde noch auf Haut geschrieben) Buch zur Verherrlichung seiner selbst anfertigen zulassen. Die Frau, zunächst naive und gehorsame Sklavin des brutalen Protektors, lehnt die Bilder des Jungen als unecht ab, seine Darstellung der Eva etwa sehe nicht wie eine echte Frau aus. Sie veranlasst ihn, mehr und mehr statt einer erfundenen Wirklichkeit eine tatsächliche abzubilden. Tatsächlich schildert der Maler statt der erwünschten Darstellung des barmherzigen Herrn mehr und mehr dessen reale Grausamkeiten gegenüber seinen Untertanen - und die Frau als wirkliche Frau mit Gefühlen und Leidenschaften. Sie löst sich aus ihrer dumpfen Opferrolle, verlangt, mit ihrem Namen ("Agnès") angesprochen zu werden, wird zur Person. Beide verlieben sich ineinander. Schließlich verlangt sie von ihrem Liebhaber, sich offen zu ihr zu bekennen und diese "Liebe dem Mann in die Augen wie eine heisse Nadel" zu stechen. Dem Protektor wird sie am Ende entgegenschleudern, daß keine Folter und kein Tod "je den Geschmack vom Herzen des Jungen aus meinem Mund nehmen" wird.

      Mir der ersten Neuinszenierung des noch jungen Werkes startete nun die Bonner Oper in die erste Saison unter ihrem neuen Intendanten Bernhard Helmich, der diesen Start lange vorausgeplant haben muß, war die Produktion doch bereits beschlossene Sache, als die Oper noch gar nicht fertig war. Die musikalische Leitung hat der neue Opern-Chefdirigent Hendrik Vestmann, für Inszenierung und Ausstattung verantwortlich ist ein junges ungarisches Team aus Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka.

      In der linken Bühnenhälfte hängt, dem Zuschauer entgegen geneigt, ein nach vorn aufgeklapptes Zimmer, nackte Betonwände an den Seiten, ein moderner roter Sessel in der Mitte, in Kopfhöhe eine Art Reling, schmal, aber begehbar, darüber links ein Fenster, schmal wie in einer mittelalterlichen Burg, in der hinteren Ecke eine Luke, durch die eine Leiter geht, die nach unten auf den Bühnenboden und weiter hinunter in den Abgrund führt, und nach oben in die Höhen des Schnürbodens verschwindet. Oberhalb des Zimmers kommt eine Rampe herunter, die nach rechts unten führt; eine ähnliche befindet sich auf der rechten Seite des Bodens, sie führt zu dem Abgrund, in dem auch die Leiter verschwindet. Auf beiden Rampen befindet sich ein fahrbares Rollband. Rechts im Hintergrund eine Felswand mit einer Höhle darin, am linken Rand einige kleine Duschwannen mit altmodischen Duschen darüber, die beim Zuschauer recht schnell die Assoziation zur Gaskammer erzeugen. Überall auf dem Bühnenboden und auf den Rampen, nicht jedoch im Zimmer, liegen (moderne) Bücher herum, vor der Felswand gibt es auch noch ein gut gefülltes Bücherregal. Vor den Duschen ein Glaskubus mit einem Lamm darinnen; ein weiteres Lamm liegt auf dem Boden des Zimmers, der Protektor schlitzt es in seiner ersten Szene auf und weidet es aus, so wie er am Ende mit seinem Nebenbulher verfahren wird. Neben den singenden Engeln gibt es noch weitere Engel als Statisterie sowie einfache Menschen, modern gekleidet. Modern gekleidet auch der Protektor und seine Frau, die engelhaften Solisten wechseln ihre Kostüme, wo sie andere Rollen einnehmen.

      Kommentiert im Libretto mehrfach ein "Chor der Engel" die Handlung, geschieht dies in der Inszenierung fast permanent, so daß meist mehrere Dinge gleichzeitig passieren. Das macht es dem Zuschauer zum einen schwer, dem Geschehen zu folgen (die Übertitel mit dem annähernd ungekürzten Libretto wollen ja auch noch verfolgt sein), zieht ihn andererseits aber auch gehörig in Bann. Die durch das Auftreten der Engel vorgegebene christliche Symbolistik spielt eine große Rolle, vor allem in den Kommentarhandlungen. So treten Adam und Eva auf, wenn im Chor der Engel von der Schöpfung als Akt der Erschaffens und darin mitangelegtem Vernichtens die Rede ist, vor allem aber sind es die Symbole aus der Offenbarung des Johannes, die abwechseln mit der Darstellung der im Text nur knapp angesprochenen Grausamkeiten des Protektors, der Menschen foltern, verhungern und vergasen läßt - das Lamm, die vier apokalytischen Reiter, das Buch, der kinderfressende Drache (hier mit einer als Gebärmaschine dargestellten Frau, deren Kinder sogleich über die untere Rampe in den Orkus entsorgt werden). Dem letztlichen Erlösungsgedanken der vier letzten Dinge mögen Librettist und Komponist wie auch die Regisseurinnen aber nicht folgen - am Ende betrachten die Engel das grausame Geschehen mitleidlos und wenden sich ab: "seht ihre kalte Lust am menschlichen Elend, als sie sich von der fallenden Frau dort hinwenden, wo die weißen Linien auf dem Parkplatz am Samstag die aufgetürmten Toten verbergen."

      Die expressionistisch anmutende Handlungsgestaltung entspricht der Musik Benjamins (eine Begleiterin fühlte sich an den frühen Hindemuth erinnert). In der Tat scheint mir der Komponist an die Musik jener Zeit anzuknüpfen, ohne daß dabei eine Kopie oder Nachahmung herauskäme. Immer wieder nutzt sie tonal-bekanntes, bleibt dabei aber grundsätzlich ohne tonale Zusammenhänge. Einen großen Stellenwert hat dabei die Behandlung von Klangfarben des - soweit ich gehört habe - im wesentlichen standardmäßig besetzten Orchesters. Der Orchestersatz ist sehr durchlässig und damit enorm sängerfreudig: nie müssen die Sänger mit Gewalt gegen das volle Orchester ansingen, wenn überhaupt, kommt das nur vor, wo sie selbst in exponiert hoher Lage zu singen haben (vor allem bei der Rolle der Agnès). In den Gesangspartien sind extreme Lagen oder Sprünge nur selten und als besonderes Ausdrucksmittel gesetzt, oft gibt es lange Bögen, wo sängerisches Legato erfordert ist; auf über den Gesang hinausgehende stimmliche Ausdrucksmittel verzichtet der Komponist vollständig.

      Gesungen wird auf hohem Niveau. Ausdrucksstark der Bariton Evez Abdulla als Protektor, neu im Bonner Ensemble und vielversprechend. In der Rolle der Agnès brilliert Miriam Clark, gefeierter Publikumsliebling in Bonn. Ganz herausragend der Countertenor von Terry Wey, dem das Kunststück gelingt, in der vergleichsweise tiefen Partie völlig bruchlos vom Alt- ins Tenorregister zu wechseln und dessen Stimme in der hohen Lage kein Hauch von Falsett anhaftet (ich hatte ihn schon im vorigen Jahr in Händels Xerxes in Düsseldorf bewundern können). Ergänzt wird das hervorragende Solistenquintett durch Susanne Blattert und Tamás Tarjányi. Alle sind sie auch exzellente Darsteller, wobei Miriam Clark mit ihrer vielschichtigen Darstellung der Agnès besonders herausragt.

      Großer und lang anhaltender Beifall, nochmal extra für den persönlich anwesenden Komponisten. Termine bis zum 5. Dezember, unbedingte Empfehlung!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Ganz herausragend der Countertenor von Terry Wey, dem das Kunststück gelingt, in der vergleichsweise tiefen Partie völlig bruchlos vom Alt- ins Tenorregister zu wechseln und dessen Stimme in der hohen Lage kein Hauch von Falsett anhaftet (ich hatte ihn schon im vorigen Jahr in Händels Xerxes in Düsseldorf bewundern können).

      Terry Wey ist Mitbegründer und auch Mitglied des - inzwischen berühmten - Vokalensemble Cinquecento und schon seit einigen Jahren erfolgreich in der Musikszene unterwegs:

      capriccio-kulturforum.de/insti…ecento-renaissance-vokal/

      lg vom eifelplatz, Chris.