Rimsky-Korsakow: "Die Zarenbraut" - Deutsche Staatsoper Berlin, 03.10.2013

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    • Rimsky-Korsakow: "Die Zarenbraut" - Deutsche Staatsoper Berlin, 03.10.2013

      Zar Iwan IV., genannt „Der Schreckliche“, (1530 – 1584) war insgesamt acht Mal verheiratet. Nach einer Brautwahl wurde im Jahr 1571 eine Kaufmannstochter aus dem Hause Sobakin seine dritte Frau. Zwei Wochen nach der Heirat starb diese Ehefrau plötzlich, möglicherweise wurde sie vergiftet.

      Aus dieser historisch belegten Situation entwickelte der Autor Lew Mej im Jahr 1849 ein Schauspiel, das er um Liebesverwirrungen und Intrigen erweiterte und das die Vorlage zur Oper „Die Zarenbraut“ (Uraufführung 1899) von Nikolai Rimsky-Korsakow wurde.

      Die Opern Rimsky-Korskows stehen nicht allzu häufig auf den Spielplänen der Theater. Umso begrüssenswerter, wenn nun also die Gelegenheit besteht, die „Zarenbraut“ in Berlin in einer rundum gelungenen Aufführung kennenzulernen.

      Grigorij, ein Mitglied einer militärischen Eliteeinheit, hat sich in die Kaufmannstochter Marfa verliebt. Die allerdings ist mit Lykow verlobt und hat Grigorij deshalb einen Korb gegeben. Die zurückgewiesene, ehemalige Freundin von Grigorij, Ljubascha, wird von Eifersucht geplagt. Beide, Grigorij und Ljubascha, suchen Hilfe beim geheimnisvollen Dr. Bomelius. Grigorij ersucht um einen Liebstrank, Ljubasche um Gift, um die Nebenbuhlerin zu töten. Letztere soll ihr Gift bekommen, allerdings verlangt der Arzt eine Liebesnacht mit Ljubascha für seine Dienste. Verzweifelt willigt Ljubascha ein. Der Wirrungen sind damit nicht genug. Zwischenzeitlich hat sich Zar Ivan IV. auf Brautsuche begeben und sich für Marfa entschieden. Kurz nach der Hochzeit erkrankt Marfa. Durch eine Verleumdung von Grigorij wird Lykow als Täter, der Marfa vergiftet hat, hingerichtet. Marfa, die wahnsinnig geworden ist, hält Grigorij für Lykow. Grigorij ist darüber so enstsetzt, dass er gesteht sowohl Lykow verleumdet, als auch Marfa vergiftet zu haben. Jetzt ist die Stunde von Ljubascha gekommen: sie erklärt, dass sie es war, die den Liebestrank gegen das Gift ausgetauscht hat. Grigorij tötet Ljubascha und sich selbst.

      Rimsky-Korsakoff hat eine eher klassische Nummernoper geschrieben, mit Anklängen an Volks- oder Festmusik, üppig in den Melodien, vielgestaltige Arien wechseln sich mit Ensembleszenen oder Chorsätzen ab, das lyrische Element überwiegt und das Orchester bewegt sich auch von der Grösse her in traditionellen Formen. Die Gesangspartien sind dankbar, besonders trifft das für Grigorij (Bariton), Marfa (Sopran) und Ljubascha (Mezzosopran) zu.

      Wie inszeniert man einen solchen Stoff heute? Dmitri Tcherniakov (Regie und Bühne) und seine Kostümbildnerin Elena Zaytseva entscheiden sich für einen sehr gegenwartsbezogenen Ansatz, der mache Doppelbödigkeit bereit hält.

      Das geht schon vor der eigentlichen Vorstellung los. Auf einer Leinwand vor der Bühne sieht man eine gemalte, winterliche Russlandidylle mit Kirchen und einem Schloss, davor agieren Menschen in historischen Kostümen, die in dieses Bild hineinprojiziert wurden. Wenn sich dann der Vorhang öffnet, erkennt man, dass man einer Täuschung aufgesessen ist: Die Menschen befinden sich auf der rechten Bühnenhälfte nach dem Blueboxprinzip in einer Filmsetsituation und rechts steht eine riesige Maz- oder Regieeinheit zur Verfügung, die die Bilder koordiniert und miteinander verbindet.

      Es sind nicht mehr die Sondereinheiten des Militärs des 16. Jahrhunderts in Russland, die die Macht ausüben, es ist die Medien- und Werbewirtschaft von heute, die in der Lage ist, quasi neue Wirklichkeiten künstlich zu erzeugen.

      Zur Ouvertüre erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer dann auch gleich einen Chat zwischen zwei Medienschaffenden, die sich recht schnell einig sind, dem Volk einen virtuellen Zaren vorzusetzen. Der Knüller: dem gütigen Landesvater, den es gar nicht gibt, soll eine realexistierende Frau zur Seite gestellt werden. Leichte Zweifel, ob man das machen kann, werden sofort zerstreut. Am Computer wird der neue Zar kreiert, Bilder von z. B. Majakowski, Alexander III. oder Peter dem Grossen werden auf ihre Tauglichkeit getestet und zur Blaupause des virtuellen Zaren. Später wird dieser mit der Cybertechnik zum Leben erweckt, der sieht dann, in die richtigen Klamotten gesteckt und in nette Umgebungen hineingepflanzt, so echt aus, wie viele unserer Politiker in ihrer Medienpräsenz auch. Sein und Schein verschwimmt. Aus einer ganzen Anzahl von Mädchen wird dann noch am virtuellen Reissbrett die passende „Zarenbraut“ gesucht und gleich mit einmontiert.

      Dieser technischen Welt der „Opritschniks“ steht die biedere Kaufmannswelt der Sobakins mit der 50er-Jahre Stehlampe und der Blümchentapete deutlich entgegen. Nur der Fernseher, über den vor allem Nachrichtensendungen flimmern, ist von modernem Design. Dieses Zimmer zeigt sich als kleine Guckkastenbühne, die in den nach vorne abschliessenden Bühnenprospekt eingelasssen wurde, die grosse Fensterfront ermöglicht, vom Zuschauerraum aus den Einblick.

      Hier findet eine der eindringlichsten Szenen des Abends statt. Ljubascha, unten auf der Bühne, belauscht erst Marfa und ihr Glück im Zimmer auf halber Bühnenhöhe, um dann Bomelius den Giftrank abzuhandeln. Die Verzweiflung der Ljubascha, das vorsichtige Herantatsten des Arztes, die Kulmination in dem Moment, wo Ljubascha bereit ist, den Preis für das Gift zu bezahlen und dann die Flucht des Arztes, der sich lieber mit gepackten Koffern davon macht, weil er ahnt, dass die Sache nur schief gehen kann, das ist eine spannende halbe Stunde Theater.

      Das Ende passt perfekt in unsere von Medien dominierte Welt. Während Marfa im Studio dem Wahnsinn verfällt und Grigorij Ljubascha und sich tötet, flimmert über die Bildschirme eine glückliche Zarenbraut, die von ihrem Volk gefeiert wird und die sich gar nicht genug für die Ovationen bedanken kann, die ihr entgegengebracht werden. Eingefroren bleibt das Bild der glücklichen Frau auf dem Vorhang stehen, als der Applaus einsetzt.

      Dmitri Tcherniakov ist die Verschränkung der verschiedenen Welten perfekt gelungen, seine detailreiche Personenführung, die oft recht kleinteilig ausfällt, macht diesen Abend zu einem bleibenden Erlebnis. Es ist bemerkenswert, wie Tcherniakov aus dem vorliegenden Stoff eine Geschichte destilliert, die nachvollziehbar ist und sehr in unsere heutige Zeit passt.

      Gesungen wird auf durchweg hohem Niveau. Herausragend die phänomenale Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili als Ljubascha. Eine wunderbar dunkel timbrierte, grosse Stimme, die die Sängerin perfekt durch alle Lagen zu führen versteht. Dazu eine Gestaltungsgabe von hoher Qualität, immer sehr lebendig in der Gestaltung und genauso beeindruckend in den zurückgenommenen Passagen, wie bei den Ausbrüchen. Dazu verfügt Anita Rachvelishvili über eine perfekte Bühnenpräsenz und hohes, schauspielerisches Können.

      Ebenfalls ganz stark der Bariton Johannes Martin Kränzle als Grigorij. Auch er setzt seine Stimme gekonnt ein, überzeugt mit seinem direkten, gradlinigem Gesang und seinen guten Reserven für die Spitzentöne. Darstellerisch ist Kränzle ein echter Zugewinn für diese Produktion – ihm steht die ganze Palette zwischen kumpelhafter Anbiederung und echter Verzweiflung problemlos zur Verfügung.

      Die Marfa ist bei der Sopranistin Olga Peretyako in besten Händen – eine mädchenhafte, lyrische Sopranstimme ohne Härten verbindet sich hier mit einer glaubhaften Gestaltung, die besonders im 4. Akt gut zum Tragen kommt.

      Stimmlich von angenehm leichter Qualität der Tenor Pavel Cernoch als Lykow. Vom Typ her ist Cernoch der nette Junge von nebenan. Darstellerisch bleibt er hinter den Leistungen der anderen Mitwirkenden des Abends zurück. Vor allem seine unglückliche Armchoreographie rückt ihn in die Nähe einer Tenor-Karrikatur.

      Vervollständigt wird das Ensemble mit dem rund und volltönendem Bass von Anatoli Kotcherka als Sobakin, mit dem Tenor Stephan Rügamer als schmieriger Bomelius und der ansprechenden Sopranstimme von Anna Lakovskaja als Dunjascha. Sopranlegende Anna Tomowa-Sintow kehrt in dieser „Zarenbraut“ als Saburowa auf jene Bühne zurück, die ihr lange Zeit Heimat war – und sie fügt sich gut in diese Inszenierung ein.

      Der Chor unter der Leitung von Rustam Samedov macht darstellerisch eine gute Figur, gesanglich bleibt er eher unauffällig.

      Dirigent Daniel Barenboim setzt auf die lyrischen Qualitäten des Werkes – das bekommt der Musik gut, das Orchester folgt meist aufmerksam dem Dirigenten und bietet immer wieder schöne, unterstützende Klänge zu den Musiknummern. Barenboim ist stark bemüht, den Abend zusammenzuhalten und die Vorstellung ist gewiss ein Plädoyer für die Musik des Nikolai Rimsky-Korsakow.

      Grosser Beifall für diese Premiere, besonders auch für Anita Rachvelishvili und keine Missfallensbekundungen gegen den Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tchernikaov. Daniel Barenboim schob den sich streubenden Tcherniakov immer wieder nach vorne, eine schöne Geste, die das Publikum mit einhelligem Beifall quittierte.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Ich habs auch gesehen und fands insgesamt einen guten Abend. So ganz vorbehaltlos kann ich deine Begeisterung aber nicht teilen.
      Zur Inszenierung: Nach einer Schrecksekunde (Bühne auf der Bühne kann ich fast nicht mehr ertragen) begann das grandios mit der Fiktion des am PC erschaffenen Herrschers - große Klasse. Aber dann fiel das im Verlauf für mich doch wieder ab (um zum Schluss wieder, wie von dir geschildert, groß zu enden). Ich hätte nach dem Auftakt mehr Vision, mehr Manipulation, auch mehr Ideen zur (Be)Deutung der verschiedenen Figuren und weniger simple Nacherzählung erwartet. Aber vielleicht konnte ich einige Fernsehbilder auch nur ungenügend erkennen, ich saß weit oben. Und warum die Ljubascha nun die Zarin dann noch umbringt, nachdem sie als Konkurrentin doch schon völlig außer Reichweite gebracht war - das verstehe wer will. Man hätte das Finale irgendwie geistvoll umdeuten miüssen, für meinen Geschmack*. Die Personenführung schien mir auch über Passagen eher trivial, das habe ich nicht so durchweg gelungen gesehen wie du. Sicher, es gab gute Szenen, aber langweiliges am Fenster/ am Tisch singen eben auch zur Genüge. Egal, es war trotzdem eine der guten Inszenierungen in diesem Haus.

      Musikalisch hat mich das jetzt nicht so vom Hocker gerissen, was aber daran liegt, dass die Spätromatiker nicht meine favorisierten Stücke schrieben. Wer das mag, der kam sicher voll auf seine Kosten. Gesanglich fand ich den Tenor ziemlich schwach, darstellerisch sowieso (das hast du ja auch geschrieben). Marfa war toll, die passte perfekt in die Rolle. Auch sonst eine gute Leistung der anderen Sänger. Der Chor war nicht immer gut im Takt, was man ja noch als typische Premierenkrankheit durchgehn lassen kann (ebenso wie die vielen Blechbläserfehler, an die man sich leider aber inzwischen bei der Staatskapelle schon gewöhnt hat). Insgesamt hätte ich mir bei der subtilen Inszenierungsidee auch musikalisch ein paar mehr leise Untertöne gewünscht.
      Heike

      * ich hätte es wahrscheinlich umgekehrt gemacht, das Volk zelebriert am Schluss (im Video) die Trauer um die arme irre tote Zarin, inklusive der Ächtung der falsch beschuldigten Täter; während die Zarin real lebt und mit der allmächtigen Regie verbrüdert heimlich weiterfeiert. Oder so in der Art. Wenn schon mediengemacht, dann alles, bis zum bitteren Ende.
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Rimsky-Korsakow: "Die Zarenbraut" - Staatsoper Berlin, 03.10.2013

      Ich war auch in der Premiere und komme mit insgesamt positiven Eindrücken aus Berlin zurück. Dmitri Tcherniakov erzählt die Rahmengeschichte von der Brautwahl des Zaren neu, bleibt bei seiner Inszenierung im übrigen aber doch eng am Text. Auch wenn man (wie ich) die Oper kaum kennt, kann man der Handlung immer sehr gut folgen.

      Der Ausgangspunkt der Inszenierung ist jedenfalls klug gewählt: Tcherniakov hat sich gefragt, welche zeitgenössische Macht ähnlichen Einfluss auf die Menschen der heutigen Zeit ausübt wie zu Zeiten Iwans des Schrecklichen der Zar und seine Opritschniks. Nach dem Libretto hat Zar Iwan nur einen stummen Kurzauftritt, macht aber dennoch großen Eindruck auf Marfa; auch seine Macht ist allgegenwärtig. Die Abwesenheit der Person des Zaren wird von dem Regisseur dann gleich für seinen Kunstgriff genutzt: Der Zar wird bei Tcherniakov eine rein virtuelle Figur und flimmert als computergenerierter Superjunggeselle über den Bildschirm von Familie Sobakin. „Der Bachelor“ und ähnliche Sendungen lassen grüßen. Das repressive Zarenreich von damals ist die Mediengesellschaft von heute.

      Dennoch: Die Inszenierung ist in der Folge eigentlich dann am stärksten, wenn sie auf eigentlich ganz unspektakuläre Art die Geschichte erzählt, nämlich im zweiten und dritten Akt, in dem man durch ein großes Fenster in das Wohnzimmer der Sobakins blickt. Viele Einzelheiten sind hier sehr schön einstudiert, zum Beispiel wenn Lykow, Marfas Zukünftiger, zu Besuch kommt – natürlich mit einem riesengroßen Blumenstrauß; großes Schulterklopfen allerseits, Marfa freut sich wie ein Kind, während im Vordergrund Ljubascha mit Bomelius finstere Pläne schmiedet. Auch Anna Tomowa-Sintows sehr sympathischer, mit großen Operngesten angereicherter Kurzauftritt passte zu der wichtigtuerischen Saburowa.

      Der erste und der letzte Akt, die in einem Fernsehstudio angesiedelt sind, können nicht ganz so überzeugen. Die Bühne ist viergeteilt: einmal der eigentliche Aufnahmeraum mit grellgrün gestrichenen Wänden (Greenscreen), ein Technikraum, in dem Statisten ohne eigentliche Beschäftigung herumsitzen, daneben ein Besprechungs- oder Pausenraum mit großem Tisch und Speisen und Getränken darauf und schließlich ein Platz draußen vor den Hintertüren des Studios. Die Sänger wechseln immer mal wieder die Räume, die Bühne dreht sich mit. Das Prinzip wird fast etwas überreizt, es gibt viel hin und her, ohne dass immer klar ist, warum jetzt gerade der Raum gewechselt und die Bühne gedreht wird. Hinzu kommt, dass die Räume recht klein und mit Requisiten ziemlich vollgestellt sind. Wenn neben den Solisten auch noch der Chor in voller Besetzung auf der Bühne steht, wird es ziemlich eng, es gibt oft wenig Platz für individuelle Bewegung, und wenn die Choristen dann auch noch ständig karawanenartig durch die engen Zwischentüren wandern, wirkt das auf Dauer etwas ermüdend. Auch wird leider nicht ganz klar, welche konkrete Rollen denn nun Grasnoj, Maljuta-Skuratov und den übrigen Opritschniks in diesem Fernsehspiel zukommen. Dennoch bleibt der Eindruck einer gut gemachten Inszenierung, die geeignet ist, den historischen Stoff in die Gegenwart zu transportieren.

      Musikalisch war das Niveau hoch. Bei den Sängern hinterlassen bei mir insbesondere die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen einen ganz starken Eindruck. Olga Peretyatkos sehr schöne, ausgeglichene Mädchenstimme ist geradezu ideal für die Rolle der Marfa, ihre Wahnsinnsszene im letzten Akt berührt. Anita Rachvelishvili ist stimmlich eine Wucht, und die Heftigkeit, mit der sie ihren großen Mezzo in die Rolle einbringt, beeindruckt. Der in den letzten Jahren reichlich mit Preisen bedachte Johannes Martin Kränzle bleibt da als Grasnoj etwas zurück. Er spielt seine Rolle sehr gut und hat auch stimmlich viel Gestaltungsvermögen, die Partie hat aber auch große kantable Anteile, und da schneidet er weniger gut ab als bei den dramatischen. Die Stimme ist eher rau und erstaunlicherweise manchmal etwas ungenau. Im übrigen gute sängerische Leistungen, die beiden Tenöre Lykow und Bomelius vielleicht etwas schwächer. Auch die Staatskapelle Berlin unter der Leitung des Generalmusikdirektors Daniel Barenboim kann gefallen. Bei der Ouvertüre fehlte mir noch etwas der Drive, ansonsten bringt Barenboim bei eher bedächtigen Tempi viel von der Farbigkeit der Partitur zur Geltung. Ziemlich viele Fehler bei den Bläsern sind mir aber auch aufgefallen.
    • Ich war in der - wie alle anderen auch - ausverkauften Vorstellung am 19.Oktober und war insgesamt auch sehr beeindruckt, obwohl der Erwartungshorizont nach den vielen - auch hier - positiven Premierenberichten ziemlich hoch lag. Das nicht durchweg überzeugende szenische Arrangement des 1. und 4. Aktes (Fernsehstudio) ist mir nur am Anfang störend aufgefallen. Zum einen dreht sich die Bühne im vierten Akt nicht mehr; zum anderen überlagerte die packende Darstellung der Geschichte durch die Hauptdarsteller am Schluss das ganze Drumherum. Erstaunlich allerdings, dass die Regie ganz am Ende doch etwas unscharf zu sein scheint, denn die Ereignisse werden doch erstaunlich unterschiedlich erlebt:

      Heike schrieb:

      Und warum die Ljubascha nun die Zarin dann noch umbringt, nachdem sie als Konkurrentin doch schon völlig außer Reichweite gebracht war - das verstehe wer will.

      Das hab ich so aus den hinteren Parkettreihen nicht gesehen, vielmehr blieb für mich unklar, ob Marfa bereits tot ist oder noch im Wahnsinn am Leben, und Ljubascha wird, wie von Alviano beschrieben, von Grigorij umgebracht.

      Musikalisch habe ich die orchestrale Seite sehr genossen - betont lyrisch, sehr farbenreich und immer gut ausbalanciert je nach den sängerischen Möglichkeiten. So musste auch die ja mit nicht so ausladendem Material ausgestattete Olga Peretyatko trotz der großen Orchesterbesetzung nie forcieren. Sie war eine extrem anrührende Marfa sowohl in ihrer naiven Vorfreude auf die bevorstehende Hochzeit (wunderschön die Szene mit den Luftballons im dritten Akt) als auch in der tragischen Umnachtung des Schlussaktes. Sehr eindrucksvoll natürlich auch Anita Rachvelishvili als Ljubascha, vor allem in der von Alviano so eindringlich beschriebenen letzten Szene des 2. Aktes.

      Johannes Martin Kränzle fehlen vielleicht stimmlich tatsächlich ein wenig die Farben und der Nachdruck für die sehr anspruchsvolle Partie des Grigorij; er macht dieses Manko aber, finde ich, durch die unbedingte Identifikation mit der Rolle und eine glaubwürdige Darstellung mindestens wett. Rügamer als Bommelius gab, finde ich, eine feine Typenstudie, während der zweite Tenor Pavel Cernoch schon wegen seiner oben schon beschriebenen darstellerischen Mängel blasser blieb. Musikalisch enttäuschend für mich einzig der Chor, der allzu unauffällig war. Vielleicht war ich am Vorstellungsabend auch zu verwöhnt: Am Abend zuvor hörte ich in der Komischen Oper eine fulminante chorische Leistung des dortigen, um Mitglieder des Ernst-Senff-Chores, verstärkten Hauschores bei Verdis Requiem.

      Alles in allem aber ein wirklich spannender, opulenter und anspruchsvoller Opernabend; glänzende Werbung für Rimsky-Korsakoff und dieses, mir bis dahin völlig unbekannte Werk!