Frage zum "Casting" von SängerInnen

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    • Frage zum "Casting" von SängerInnen

      Hallo!

      Dieser Tage sah ich auf Youtube eine Inszenierung von Händels "Alcina", aus dem Jahr 1999, die es, glaube ich, sogar zu kaufen gibt.

      Über zwei Dinge (gerade in einer Barockoper!!) war ich sehr überrascht: zum einen hatte eine Sängerin die ganze Zeit ein Oberteil an, das durchsichtig war, und eine Arie wurde sogar komplett oben ohne gesungen, zum anderen gab es da eine Hosenrolle, mit der besagte Sängerin ziemlich heftig herumgeknutscht hat. Ich rede hier nicht von einem kurzen Bussi auf die Lippen, auch nicht davon dass es nur angedeutet wird und die Figuren sich wegdrehen dabei, sondern von einem leidenschaftlichen Kuss.

      Das bringt mich auf folgende Frage: wie funktioniert das Casting bei Oper bzw. Oratorien? Haben die Sängerinnen und Sänger, so wie Schauspieler beim Film, ebenfalls ein Papier, wo draufsteht "Keine Nacktszenen" oder "Nur Oben ohne Szenen" etc.?

      Wenn ein Regisseur eine Inszenierung plant, in der eine Figur vollständig nackt ist - wie wird das dann gehandhabt? Weil allzuviele werden ja nicht bereit sein, das auch zu tun. Mancht man dann Kompromisse, dass einer ganz nackt ist, und der andere dafür leicht verhüllt?

      Nacktheit ist ja eine Sache, aber wie sieht es dann erst mit solchen Küssen aus? Wie castet man nun Leute, die sowas zu tun bereit sind? Wie läuft das ab?
    • Dieser Tage sah ich auf Youtube eine Inszenierung von Händels "Alcina", aus dem Jahr 1999, die es, glaube ich, sogar zu kaufen gibt.
      Das ist vermutlich die vielfach ausgezeichnete Stuttgarter Inszenierung von Wieler/Morabito. In der Tat eine Inszenierung, die den Sängerinnen viel abverlangt, und die nur mit Sängerinnen machbar ist, die auch mitziehen. Ein solcher Wurf kann mit "Dienst nach Vorschrift" natürlich nie gelingen. Wie bringt man also Sänger dazu, über das was sie vertraglich müssen hinauszugehen? Das unterscheidet eben einen guten Regisseur von einem mittelmäßigen: Dass sich seine SängerInnen für ihn auf der Bühne zu zerreissen bereit sind, weil seine Vision sie überzeugt. Wie weit ein Regisseur mit einer Sängerin oder einem Sänger gehen kann, stellt sich in der Regel während der Proben heraus. Oft dauert es naturgemäß bis ein Sänger einem Regisseur soweit vertraut, dass er sich auf drastische szenische Elemente wie Nacktheit einlässt. Ich erinnere mit da an Bieitos Stuttgarter Parsifal, als der Sänger der Titelrolle sich in seinem Blog zunächst schockiert über Bieitos szenisches Konzept zeigte (in dessehn Rahmen er u.a. nackt aus einer Badewanne steigen sollte), mit zunehmender Probenzeit aber immer mehr zu einem mehr und mehr fanatischen Verfechter der Inszenierung wurde. Am Ende stieg er dann auch nackt aus der Wanne.

      Über zwei Dinge (gerade in einer Barockoper!!) war ich sehr überrascht: [...]
      Das wiederum überrascht mich. Gibt es in irgendeiner Sparte des Theaters eine sexuell explizitere Sprache (und Handlung) als in der Barockoper? Wäre die Sprache nicht so kunstvoll, man könnte angesichts der Doppeldeutigkeiten der Libretti fast von Pornographie reden.
    • Konrad Nachtigall schrieb:

      Das wiederum überrascht mich. Gibt es in irgendeiner Sparte des Theaters eine sexuell explizitere Sprache (und Handlung) als in der Barockoper? Wäre die Sprache nicht so kunstvoll, man könnte angesichts der Doppeldeutigkeiten der Libretti fast von Pornographie reden.
      Ich habe mich mit der Barockoper bisher null beschäftigt, ich kenne nur den "Messiah" von Händel und las, dass er auch eine Oper namens "Alcina" geschrieben hat, gab das also auf Youtube ein und klickte das erste Video an, das lang genug war. Ich wollte mal sehen und hören, wie eine Oper zu Händels Zeit klang. Über die Texte weiß ich daher leider gar nichts. Wie meinst du das denn genau? Kannst du da ein paar kurze Beispiele nennen?


      Wegen der Nacktheit: interessant ist es ja auch, weil ja normalerweise mehrere SängerInnen eine Partie singen, die ja sicher auch unterschiedliche Dinge zu tun bereit sind.

      Bei der Salome ist die Nacktheit ja ein großes Thema: es gibt auf Youtube einen Mitschnitt des Schleiertanzes mit der Nicola Beller Carbone, die sich am Ende tatsächlich nackt zeigt. Nun war sie aber sich nicht die einzige Besetzung der Rolle, es gab sicher noch eine zweite oder sogar dritte Sängerin für diese Partie, diese Inszenierung. Was, wenn DIE nicht bereit wären, so weit zu gehen?

      Überhaupt, wie funktioniert das im Opernbetrieb? Da hat ein Regisseur also eine Inszenierung, wo sowas vorkommt, und die Oper sucht dann in den Karteien die raus, die sowas zu tun bereit sind? So auf die Art "XY macht auch Nacktszenen, den/die können wir nehmen, YY macht nur oben ohne, das kommt auch in Frage, XX macht gar nichts nacktes, die kommt nicht in Frage" etc.?
    • In der Praxis läuft das viel pragmatischer als du es dir anscheinend vorstellst. Zunächst einmal wird eine Rollenporträt immer mit einer gewissen Sängerin entwickelt - wohl gemerkt nicht für, sonder gemeinsam mit. Das ist ein Prozess, der sich über 6 Wochen hinzieht. Und in diesem Prozess findet der Regisseur eben heraus, wie weit er bei seiner Darstellerin gehen kann.

      Eine andere Sache sind Wiederaufnahmen. Extrembeispiel sind Repertoirehäuser wie die Wiener Staatsoper, wo es nur wenige und in vielen Fällen überhaupt keine Bühnenproben vor einer Wiederaufnahme gibt. Da schmeisst man halt die Sänger ins kalte Wasser und sagt "Schwimmt!". Und dann schaut man, was rauskommt. Die Sänger werden dann ohnehin nur kurz eingewiesen oder sehen ein Video. Dann entsteht das Rollenporträt eben aus einer Mischung aus der bisherigen Rollenauffassung des Sängers und Reaktionen auf die Mitspieler. Die Sänger inszenieren sich quasi selbst, und geben eben so weit wie sie wollen.

      Natürlich gibt es Zwischendinge. In Semi-Stagione-Systemen gibt es vielleicht ein paar Proben für die Neueinsteiger, und da diskutiert man dann halt, welche Änderungen nötig sind. Der entscheidende Punkt ist, dass der Regisseur in der Regel nicht anwesend ist, sondern nur ein Regieassistent. Das verschiebt natürlich das "Machtgefüge" auf der Probe enorm zugunsten der Sänger, und Zeit für Diskussionen ist ohnehin nicht. Wenn eine Sängerin die Kollegin nicht küssen will, dann fällt der Kuss halt weg.

      Natürlich wird man sich im Besetzungsbüro schon so seine Gedanken machen. Eine Inszenierung die auf Jonas Kaufmann zugeschnitten ist, ist vielleicht für Johann Botha nur bedingt geeignet. Aber da gibt es keine Checklisten, höchstens ein gewisses "Type-Casting", im Sinne von "Welche Sängerin passt optisch in diese Produktion?"

      Dass eine Sängerin vor einer Premiere hinschmeisst, weil sie mit dem Regisseur und seinen Anforderungen nicht klarkommt, ist Theateralltag. Aber bei einer Wiederaufnahme habe ich es noch nie erlebt, dass eine Sängerin wegen Nacktheit o.ä. aussteigt. Wenn der Regisseur einmal weg ist, geht die Inszenierung ihre eigenen Wege. Und ausserdem weiss man ja vorher, worauf man sich einlässt.
    • Zum Thema Barockdichtung: Mein Italienisch reicht nicht aus, um Händels Libretti im Detail zu analysieren, aber um ein Gefühl für die Sinnlichkeit der Sprache und der Sujets zu gewinne, hier ein Beispiel für ein deutsches Barockgedicht aus der Zeit (von Celander):

      Auf ihre Brüste



      1.
      Englische Brüste
      Nichts reichet mehr Lüste
      Als ihr /
      Den feurgen Rubinen /
      Den weissen Jesminen,
      Den wallenden Ballen
      Den süssen Corallen
      Kein Nectar und Honig / noch Zucker geht für.

      2.
      Milcherne Auen
      Ihr lasset mir schauen
      Die Frucht:
      Darinnen verstecket
      Was Anmuht erwecket.
      Da man den Leim findet /
      Der Seelen verbindet.
      Und da man die Speise der Lieblichkeit sucht.

      3.
      Auf eure Hügel
      Trägt Venus Geflügel
      Die Saat:
      Daraus denn entspringet
      Was Lustbarkeit bringet /
      Was jedem beliebet /
      Was Lieblichkeit giebet /
      Und süsse Vergnügung im Überfluß hat.


      Eine derart explizite Sprache währe hundert, zweihundert und selbst dreihundert Jahre später undenkbar.
    • Es wird viel verlangt von den Sängern, wenn sie nicht bereit sind für „oben ohne“ oder sonstiges, stehen andere in den Startlöcher. Solche Szenen bleiben dem Publikum haften und gerade Neulinge kommen so in die Schlagzeilen und werden bekannt. Oft spielt da die Stimme keine Rolle, ist unwichtiger als ein nackter Oberkörper.

      Wer sich an Wagners Ring Rheingold aus Valencia erinnert, wird sich in der 1. Szene gefragt haben, wie kann das sein? Die drei Wasserbecken mit den tauchenden Rheintöchtern waren schon sehr heftig, sie tauchten und kamen aus dem Wasser und sangen. Zum Schluss wurde Alberich auch ins Wasser gezogen. Ich habe mal KS Kapellmann gefragt, er sang den Alberich, wie das denn so abläuft. Er erzählte mir, dass diese Szene zunächst nicht mit den Sängern geprobt wurde, sondern mit Komparsen oder Laien, später kam dann die Originalbesetzung zur Aufführun. Ihm hat das „Abtauchen“ nichts ausgemacht, die drei Rheintöchter, die ja ständig tauchten und singen mussten, hatten es schon schwerer, aber hätten sie es nicht machen wollen, dann wären andere Sängerinnen gerne bereit gewesen, so etwas vergisst das Publikum nicht.
      viele Grüße von musica
    • Es wird viel verlangt von den Sängern
      Diesem Satz kann ich nur absolut zustimmen. Die Anforderungen an Sänger heute sind immens, sowohl im schauspielerischen wie im sängerischen Bereich.
      Oft spielt da die Stimme keine Rolle, ist unwichtiger als ein nackter Oberkörper.
      Das wiederum halte ich für ein Gerücht. Niemand kommt ohne Stimme dauerhaft an eine große Bühne. Punkt. Wer das Gegenteil behauptet, soll bitte Namen nennen. Ich kenne keine einzige Sängerin, die sich ohne Stimme dauerhaft an der Spitze hält - aber viele, von denen eben das behauptet wird. Ich halte das für Nachrede den Sängern und Sängerinnen, die es geschafft haben gegenüber.


      wenn sie nicht bereit sind für „oben ohne“ oder sonstiges, stehen andere in den Startlöcher.
      Das wiederum ist zweifellos so: Es gibt geradezu ein Überangebot an talentieren jungen Sängerinnen (weniger Sängern), die noch dazu zu ziemlich allem bereit sind. Ich wehre mich nur dagegen, das als negativ darzustellen, im Sinne von: Die guten Sängerinnen kriegen keinen Job, und die ohne Talent, aber eben auch ohne Scham, räumen ab. So ist es sicher nicht. Und, ist es denn schlecht, wenn eine Sängerin bereit ist, schauspielerisch alles zu geben? Heisst das im Umkehrschluss, dass sie keine Stimme hat? Also bitte...

      Um das Beispiel mit den Rheintöchtern aufzugreifen: Aus einem Wasserbecken aufzutauchen und gleich zu singen erfordert in erster Linie zweierlei: Übung und Atemtechnik. Mit anderen Worten: Professionalität und Können. Diese einzufordern, daran kann ich nichts schlechtes finden. Und ich habe die Aufnahme länger nicht gehört, aber die Rheintöchter schienen mir nicht so gecastet, dass "die Stimme keine Rolle spielt".
    • Um das Beispiel mit den Rheintöchtern aufzugreifen: Aus einem Wasserbecken aufzutauchen und gleich zu singen erfordert in erster Linie zweierlei: Übung und Atemtechnik. Mit anderen Worten: Professionalität und Können. Diese einzufordern, daran kann ich nichts schlechtes finden. Und ich habe die Aufnahme länger nicht gehört, aber die Rheintöchter schienen mir nicht so gecastet, dass "die Stimme keine Rolle spielt".


      Ich habe nicht behauptet, dass die Rheintöchter so gecastet sind, dass die Stimme keine Rolle spielt, im Gegenteil, gerade sie müssen technisch in der Lage sein ihre Stimme so einzusetzen, dass dieses Ab- und Auftauchen keine Rolle spielt. Nur....es würde halt nicht jede Sängerin machen, wenn nicht, macht es eine andere, die sich dazu in der Lage fühlt.

      Wenn Nacktheit in der Oper eine große Rolle spielen soll und es verlangt wird und wichtig zu sein scheint, werden viele Sängerinnen nicht dazu bereit sein. Dann werden eben die verpflichtet, die vielleicht stimmlich nicht so super sind wie vielleicht andere bekannte Sängerinnen, aber bereit sind sich so zu zeigen. Oft sind es die nicht so bekannten, jungen Sängerinnen, die sich dadurch einen Namen verschaffen möchten. Natürlich haben sie gute Stimmen, sonst wären sich nicht am Haus.

      Natürlich kommt kein Sänger ohne Stimme dauerhaft auf die Bühne, habe ich auch nicht behauptet, aber ich glaube kaum, dass bekannte, große Opernsängerinnen sich unverhüllt auf die Bühne stellen.
      viele Grüße von musica
    • Gerade fand ich zufällig eine Rezension von Ludwig Steinbach für den "Neuen Merker online" über eine Wiederaufnahme der Alcina-Inszenierung, die den Anlass zu diesem Thread lieferte. Darin heisst es:

      Die menschliche Entwicklung Alcinas, ihr drohendes Zerbrechen angesichts des Liebesverrates des Geliebten sowie ihre große Verzweiflung hat Myrto Papatanasiu durchaus glaubhaft vermittelt. Rein darstellerisch wartete sie mit einem Höchstmaß an Intensität und feuriger Leidenschaft auf. Der erotischen Komponente wurde sie nur bis zu einer gewissen Grenze gerecht. Insbesondere weigerte sie sich – im Gegensatz zu Catherine Naglstad, die die Rolle früher sang – sich gänzlich zu entkleiden. Gesanglich vermochte sie wenig zu überzeugen. In Mittellage und Tiefe saß ihr Sopran zwar manchmal im Körper. Insgesamt versteifte sie sich aber auf eine sehr maskige Tongebung.
      Man sieht: Eine Sängerin kann sich in einer Wiederaufnahme durchaus weigern, den Vorgaben der Regie in Punkto Nacktheit hundert prozentig zu folgen. Und davon wird in der Praxis rege Gebrauch gemacht. Das ist aber -wie man hier auch sieht- völlig unabhängig von der sängerischen Qualität.
    • Konrad Nachtigall schrieb:


      Um das Beispiel mit den Rheintöchtern aufzugreifen: Aus einem Wasserbecken aufzutauchen und gleich zu singen erfordert in erster Linie zweierlei: Übung und Atemtechnik. Mit anderen Worten: Professionalität und Können. Diese einzufordern, daran kann ich nichts schlechtes finden. Und ich habe die Aufnahme länger nicht gehört, aber die Rheintöchter schienen mir nicht so gecastet, dass "die Stimme keine Rolle spielt".


      Wer's mit Wasserbecken kann, kann's auch ohne. ;+)

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

    • Oft spielt da die Stimme keine Rolle, ist unwichtiger als ein nackter Oberkörper.


      Ich habe nicht behauptet, dass die Rheintöchter so gecastet sind, dass die Stimme keine Rolle spielt

      Ich sehe einen gewissen Widerspruch zwischen diesen beiden Aussagen.


      Wenn Nacktheit in der Oper eine große Rolle spielen soll und es verlangt wird und wichtig zu sein scheint, werden viele Sängerinnen nicht dazu bereit sein. ... aber ich glaube kaum, dass bekannte, große Opernsängerinnen sich unverhüllt auf die Bühne stellen.


      Ich glaube das aber sehr wohl, und habe da ein paar Fakten auf meiner Seite. Viele der bedeutendsten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts haben sich - mehr oder weniger - nackt auf der Bühne gezeigt. Andere nicht, was sie weder zu schlechteren noch zu besseren Sängerinnen macht. Natürlich nicht aus Jux und Dollerei, aber z.B. in Salome oder Lulu macht es durchaus Sinn. Eine Anja Silja, Catherina Malfitano, Catherine Naglestad, Marlis Petersen und viele andere hatten es sicher nicht nötig sich nackt zu zeigen - haben es aber aus künstlerischer Überzeugung wenn nötig getan. Nacktheit macht aus einer schlechten Sängerin keine gute Sängerin - aber sicher auch nicht umgekehrt.

      Dann werden eben die verpflichtet, die vielleicht stimmlich nicht so super sind wie vielleicht andere bekannte Sängerinnen, aber bereit sind sich so zu zeigen. Oft sind es die nicht so bekannten, jungen Sängerinnen, die sich dadurch einen Namen verschaffen möchten.


      Auch wenn du diese Aussage vermutlich nicht so meinst, halte ich sie für hochgradig beleidigend gegenüber den vielen Sängerdarstellerinnen, die jeden Abend auf der Bühne alles geben. Nach dieser Logik sind alle, die sich auf der Bühne ausziehen, entweder untalentiert oder haben es nötige Aufmerksamkeit zu heischen. Warum darf eine Sängerin es nicht für künstlerisch notwendig halten, sich auf der Bühne nackt zu zeigen? Das ist doch in keiner Weise zu ihren sängerischen Fähigkeiten korreliert. Auch nicht zur Bekanntheit. Manche großen Sängerinnen zeigen sich auf der Bühne nackt, manche ebenso große Sängerinnen nicht. Alle anderslautenden Aussagen sind aus meiner Sicht beleidigend.



      Bei mir Schrillen grundsätzlich immer alle Alarmglocken, wenn es heisst: "Die Sängerin hat es nur wegen ihres Aussehens/weil sie sich nackt gezeigt hat/weil sie alles mitmacht, was der Regisseur verlangt geschafft." Man soll doch bitte eine schlechte Stimme kritisieren, weil sie eine schlechte Stimme ist, aber bitte nicht wegen des Aussehens. An schlechtem Aussehen/Nacktheit/Experimentierfreudigkeit per se ist nämlich nichts auszusetzen. Wie gesagt, das ist jetzt eine allgemeine Warnung und ausdrücklich nicht auf musica speziell bezogen, wie auch das folgende:


      Leider habe ich oft von Sängerinnen, die es selbst aus stimmlichen Gründen nicht geschafft haben, Äusserungen gehört, die behaupten diese oder jene Sängerin hätte es nur durch Aussehen/Nacktheit/Beziehungen zu etwas gebracht. Ich kenne keinen einzigen Fall, wo sich solche Behauptungen eindeutig belegen ließen.
    • Oft spielt da die Stimme keine Rolle, ist unwichtiger als ein nackter Oberkörper



      Zitat Ich habe nicht behauptet, dass die Rheintöchter so gecastet sind, dass die Stimme keine Rolle spielt


      diese Aussagen sind ganz unterschiedlich gemeint, ich habe mehrmals betont, dass gerade die Rheintöchter eine gute Stimme und Technik haben müssen, das hat nichts mit meiner Aussage zur Nacktheit zu tun.

      Ich beleidige auch keine Sängerinnen die jeden Abend auf der Bühne stehen und alles geben, das ist völliger Unsinn, habe lange genug selber auf der Bühne gestanden und weiß wie schwer das ist. Wäre ich in der Situation gewesen mich mit oben ohne präsentieren zu müssen, hätte ich es nicht gemacht, dann hätte man vielleicht eine andere genommen, die stimmlich nicht so gut gewesen wär- ich entschuldige mich für meine Selbsteinschätzung - habe da so manches erlebt, was mich zu dieser Aussage bewogen hat.
      viele Grüße von musica
    • Wäre ich in der Situation gewesen mich mit oben ohne präsentieren zu müssen, hätte ich es nicht gemacht, dann hätte man vielleicht eine andere genommen, die stimmlich nicht so gut gewesen wär
      Ja, vielleicht. Vielleicht hätte man auch eine andere genommen, die stimmlich besser gewesen wäre. Bei dem derzeitigen enormen Angebot an perfekt ausgebildeten Stimmen halte ich das für mindestens genauso wahrscheinlich. Ich sehe nicht, warum die Tatsache, dass eine Person nackt auftritt, bedeuten soll, dass sie eine schlechtere Stimme hat. Und, ja, es steht dir frei einen solchen Zusammenhang herzustellen, aber ich halte das für beleidigend.
    • musica schrieb:

      Oft sind es die nicht so bekannten, jungen Sängerinnen, die sich dadurch einen Namen verschaffen möchten. Natürlich haben sie gute Stimmen, sonst wären sich nicht am Haus.


      Das kann ich mir durchaus als Konstellation vorstellen. Hier wird ja vorausgesetzt, dass das Können adäquat ist und Fakt ist auch, dass wenig Bekanntheit nicht bedeutet, dass der/diejenige schlechter ist als ein/e bekannte/r SängerIn. Jede/r möge seine /ihre Chance ergreifen, das ist für mich völlig legitim. Wenn eine Inzenierung die Nacktheit vorsieht, dann ist es sicher logisch, dass ein Regisseur bei gleich guten Bewerberinnen diejenige nimmt, die bereit ist dazu. Daran gibt es dann sicher nichts zu kritteln.

      Soviel ich weiß, gehört das zwar zu den Dingen, die Gesangssolisten nicht müssen, aber es ist klar, dass eine solche Bereitschaft dann im Zweifel vielleicht vorgezogen würde. Ähnlich wie bei anderen Berufen, wo der/diejenige genommen wird, der/die eine Schwierigkeit zu übernehmen bereit ist. Ich meine aber, dass Künstlerinnen in der Gesamtschau der Karriere darauf achten sollten, nicht nur noch in dieser Schublade zu arbeiten und kann nur hoffen, dass in Hochschule und vernünftigen Agenturen eine qualifizierte Vorbereitung auch zu solchen Themen stattfindet.

      Ich habe gerade keine Assoziation zur Optik dieser Sängerinnen, die Du, lieber Konrad genannt hast, aber ich nehme an, dass diese passend für einen solchen Auftritt war. Ich würde sowas strikt verweigern, denn ein wenig Mitsprache, wie ich mich auf einer Bühne präsentiere, würde ich mir vorbehalten, meine ich, oder irre ich mich da völlig?

      Das mit dem Wasserbecken kann ich mir gesangstechnisch durchaus vorstellen. Ich nehme mal an, dass den Sängerinnen der Rheingoldinszenierung in irgendeiner Form ein Audio - Orchester - Monitoring zur Verfügung stand, um Einsatz und Ton zu treffen. War ja auch alles punktgenau. Sowas könnte ich mir durchaus vorstellen, zu machen.

      Allerdings käme ich für keine dieser ganzen heiklen Regiegeschichten - hier größtenteils glücklicherweise - gar nicht in die Verlegenheit.


      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Ich habe gerade keine Assoziation zur Optik dieser Sängerinnen, die Du, lieber Konrad genannt hast, aber ich nehme an, dass diese passend für einen solchen Auftritt war.
      Das ist gewissermaßen der Punkt. Manchen Sängerinnen können das "verkörpern", bei anderen würde der Regisseur vermutlich von vorne herein darauf verzichten.

      Ich habe wie gesagt noch nie davon gehört, dass einer Sängerin in den Vertrag geschrieben wurde, dass sie sich ausziehen muss. Das wäre wohl auch rechtlich und ethisch grenzwertig. Das Sängerinnen darum gebeten werden, und es ablehnen, kommt vor. Vertragsauflösungen aus diesem Grund sind mir nicht bekannt. Die Regisseure wissen schon, wem sie was zumuten können.
    • Konrad Nachtigall schrieb:

      Ich habe wie gesagt noch nie davon gehört, dass einer Sängerin in den Vertrag geschrieben wurde, dass sie sich ausziehen muss. Das wäre wohl auch rechtlich und ethisch grenzwertig. Das Sängerinnen darum gebeten werden, und es ablehnen, kommt vor. Vertragsauflösungen aus diesem Grund sind mir nicht bekannt. Die Regisseure wissen schon, wem sie was zumuten können.
      rechtlich definitiv unzulässig!
    • Ich glaube, dass es in dieser Hinsicht viel problematischere Punkte gibt als Nacktheit. Wie oft wird denn wirklich von Regisseuren im Musiktheater "full frontal nudity" eingefordert? Die mir bekannten Fälle kann ich pro Spielzeit an einer Hand abzählen. Dagegen werden geradezu routinemäßig Bewegungsabläufe während des Singens eingefordert, die grenzwertig bis unmöglich sind, und von denen sich ein Regisseur auch teilweise nicht mehr abbringen lässt. Und anders als bei Nacktheit haben die Sänger da keine vertragliche Handhabe. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er bereit ist mitzumachen, und wann eine Grenze überschritten ist. Ich bewundere SängerInnen, die auf einen Karriereschritt verzichten, weil sie gewisse Dinge nicht mit sich vereinbaren können. Aber auf jeden solchen Fall, den ich kenne, kommen zehn Fälle von mir bekannten Sängerinnen, die ohnehin nie Karriere gemacht hätten und noch dazu völlig unbegabt sind, und mit dem Finger auf weitaus talentiertere Künstler zeigen und behaupten, diese hätten es nur geschafft, weil sie eben kein Gewissen hätten und alles mitmachen. (Anwesende sind hier, nur um das zu betonen, nicht gemeint. Ich habe nun mal einen großen Bekanntenkreis im Sängerumfeld, und was ich da zum Teil an Neid und Hass Kollegen gegenüber erlebe, geht auf keine Kuhhaut.)
    • Konrad Nachtigall schrieb:

      Dagegen werden geradezu routinemäßig Bewegungsabläufe während des Singens eingefordert, die grenzwertig bis unmöglich sind, und von denen sich ein Regisseur auch teilweise nicht mehr abbringen lässt.
      Ich erinnere mich an einen Orfeo (Monteverdi) in Stuttgart vor vielen Jahren, als der Sänger des Apollo (der am Ende als "Deus ex machina" vom Himmel herniederschwebte) mit dem Kopf nach unten hing, in einer ziemlich grotesken Haltung: Vermutlich ist so etwas viel schwerer als nur teilweise oder gar nicht bekleidet auf der Bühne zu agieren. Sich ausziehen kann jede/r, aber gut schauspielern...?!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann