Georg Friedrich Händel - SEMELE (Premiere am 24.Oktober 2013 im Cuvilliéstheater in München)

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    • Georg Friedrich Händel - SEMELE (Premiere am 24.Oktober 2013 im Cuvilliéstheater in München)

      Schon in den frühesten Dokumenten schwanken die Chronisten und Musikwissenschaftler, ob „Semele“ ein Oratorium ist, oder doch als Oper bezeichnet werden kann. Im Original wird das Werk „The Story of Semele“ benannt. Im Vorwort der Ausgabe der Deutschen Händelgesellschaft, Leipzig 1860, heißt es dazu: „Die Bezeichnung wurde gewählt, weil man das Werk wegen seiner weltlichen Haltung nicht Oratorium, und seiner oratorischen Haltung wegen nicht Oper nennen wollte. Semele ist aber von Congreve als Operntext geschrieben (1707), bewies sich indes wegen des undramatischen Ausganges als nicht geeignet für die Bühne, und blieb unbenutzt liegen bis Händel das Gedicht mit einigen Veränderungen oratorisch behandelte.“William Congreve schuf das auf dem 3. Buch der „Metamorphosen“ des Ovid basierende Libretto zunächst für den Komponisten John Eccles. Unklar ist, ob diese Vertonung je zur Aufführung gelangt oder nur in Vergessenheit geraten ist. Georg Friedrich Händel begann seine Komposition Anfang Juni 1743 und vollendete sie schon einen Monat später; die Uraufführung fand am 10.Februar 1744 im Theatre-Royal in Covent-Garden statt. Trotz einer hervorragenden Besetzung war dem Werk, wohl auch aus dem Spannungsfeld Oratorium – Oper heraus, kein großer Erfolg beschieden und auch der Versuch einer Wiederaufnahme endete mit einem Fiasko. Erst im 19. Jahrhundert besann man sich der musikalischen Qualität des Werkes und seit einigen Jahren kommt es zu regelmäßigen szenischen wie auch konzertanten Aufführungen; im Theater an der Wien war „Semele“ als Oper im September 2010 zu sehen.„Göttervater Jupiter liebt die sterbliche Prinzessin Semele von Theben und entführt sie vor der von ihrem Vater eingefädelten Hochzeit mit Prinz Athamas in seinen himmlischen Palast. Semele ist darüber sehr glücklich, galt ihr Streben doch stets Höherem. Weniger glücklich ist hingegen Jupiters Ehefrau Juno, und sie spinnt einen Plan, den Seitensprung zu hintertreiben: Juno erschleicht sich Semeles Vertrauen und weckt in ihr den Wunsch nach Unsterblichkeit. Diese bekäme sie, wenn sich Jupiter ihr in seiner wahren Gestalt zeige. Dass diesem Anblick kein sterblicher Körper gewachsen ist, verrät sie jedoch nicht. Semele fällt darauf herein, und als der liebesverblendete Jupiter schwört, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, wählt sie den tödlichen. Die Hüterin der Ehe hat über ihre Nebenbuhlerin gesiegt, doch aus Semeles Asche steigt in Gestalt ihres Sohnes Bacchus eine neuerliche Bedrohung jedweden Eheglücks hervor …“ Mit dieser kurzen Inhaltsangabe kündigt das Gärtnerplatztheater in der Jahresvorschau die gestrige Premiere von „Semele“ an. Als Spielort, wegen der noch andauernden Umbauarbeiten gastiert das Gärtnerplatztheater an verschiedenen Spielstätten in München, wurde das Cuvilliés-Theater ausgewählt, das einen optisch und größenmäßig optimalen Rahmen für eine Barockoper bietet. Karoline Gruber, die Regisseurin der Neuproduktion in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln, hat Erfahrung mit Opern des 17. Und 18.Jahrhunderts, hat sie doch immerhin schon Werke von Hasse, Matthus, Cavalli, Rameau und auch Händel in Szene gesetzt. Wer im Hinblick auf das Ambiente des Theaters eine quasi historische Inszenierung, wie ich sie kürzlich im Schlosstheater von Cesky Krumlov für „Siface“ von Nicola Antonio Porpora erlebt habe, erwartet, ist mit falschen Vorstellungen gekommen. Denn auch wenn das Leadingteam (neben der Regisseurin Roy Spahn – Bühne, Magall Gerberon – Kostüme und Beate Vollack – Choreografie) immer wieder „altes“ Theater zitieren, bleibt die bunte Inszenierung häufig der traditionellen Moderne verhaftet. Ausgehend von der ersten Szene des Librettos, Semele soll gegen ihren Willen verheiratet werden, hat sich die Regisseurin dafür entschieden, die auf der Erde spielenden Szenen am Ende des 19. Jahrhunderts anzusiedeln. Im Frack die Männer, im passenden Abend-/Hochzeitskleid die Frauen. Dahinter eine Mauer, die wohl die auch geistige Enge des damaligen bürgerlichen Lebens symbolisieren soll. Bunt wird es im zweiten Akt, im Reich von Zeus. Weiße Wölkchen werden herumgetragen, irgendwann tauchen die Türme der Frauenkirche aus der Versenkung auf (eine Turmkuppel entpuppt sich als Zeus´ Hausbar), Semele wird mit Unmengen von Schuhen, Handtaschen und Kleidern umgarnt (ist Semele wirklich so einfach gestrickt ?). Wenn die Juno ihrer Widersacherin die Zukunft vorhersagt, wird vom Schnürboden eine verkleinerte Kopie des Bühnenportals als quasi Spiegel herabgelassen und Doubles zeigen Semeles Zukunft bis hin zur alten Frau. Und immer wieder Projektionen auf Teile der Szene. Die letzte Szene nach Semeles Tod erinnert optisch wieder an den Beginn der Oper. Der Kreis ist geschlossen. Verbindendes Glied über den ganzen Abend ist ein Schmetterling (Hipparchia semele, auch Rostbinde genannt), der als Symbol des flatterhaften Jupiter aber auch der Zerbrechlichkeit von Semele gedeutet werden kann.Musikalisch steht der Abend auf durchwegs hohem bis sehr hohem Niveau. Dass das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz nicht auf Barock spezialisiert ist, weiß auch der Besucher aus Wien und erwartet keinen Originalklang. Aber Marco Comin, Chefdirigent des Hauses, sorgt mit Unterstützung von Spezialisten im Continuo für einen feinen Klangteppich, der ein Wenig an die Interpretationen eines Karl Richter erinnert. Mehr als nur erwähnenswert die gute Leistung des von Jörn Hinnerk Andresen einstudierten Chores.Das nicht durchwegs barockaffine SolistInnenensemble nennt einige Namen, die der Besucher aus Wien von der Volksoper oder dem Theater an der Wien kennt, insbesondere – und durchaus wertend zu verstehen – Jennifer O´Loughlin in der Titelpartie, Franco Fagioli als Athamas und Adrineh Simonian als Juno. Die Titelgebend Semele steht nicht nur im Zentrum des Werkes, ihre Partie ist voll von seitenlangen Arien voller Koloraturen und höchsten Tönen. Wer diese Rolle mit der Qualität und dem Können von Jennifer O´Loughlin, sie gehörte bis zur letzten Saison zum Ensemble der Volksoper, zählt zweifellos zu den Spitzen ihres Stimmfaches. Die vom Komponisten geforderte Stimmbandakrobatik meisterte sie mit Bravour. Man muss kein Prophet sein, um sie am Beginn einer wirklichen Karriere zu sehen. Diesen Sprung in die Internationalität hat der Countertenor Franco Fagioli schon geschafft. Der im Theater an der Wien immer wieder bejubelte Sänger bewies auch an diesem Abend, dass es nicht egal ist, ob manche Rollen mit Mezzosopranen oder Countertenören besetzt werden. Als Semeles Vater Cadmus kann er seine stimmlichen Qualitäten auch voll ausspielen. Adrineh Simonian, auch sie von der Volksoper bekannt, zeigte als Juno ihre in Wien zu oft unterschätzten stimmlichen Qualitäten und war in Stimme und Ausdruck eine ebenbürtige Gegenspielerin zu Semele. Nicht ganz dieses Niveau konnte Ferdinand von Bothmer, auch er war vor einigen Jahren im Haus am Währingergürtel engagiert, halten. Wohl entspricht er optisch dem Wunschbild von Jupiter, dem von Händel geforderten Gesangsstil kann er aber nicht alles abgewinnen. Eine Luxusbesetzung für die kleine Rolle des Apollo ist Juan Carlos Falcon, die tiefen Stimmen für Cadmus und Somnus liegen bei Holger Ohlmann und István Kovács in profunden Kehlen, Elaine Ortiz Arandes singt eine mehr als achtbare Iris und Ann-Katrin Naidu kann als Ino stimmlich und vor allem auch schauspielerisch punkten.
      Nach einem langen Abend gab es zuletzt großen Jubel für alle Beteiligten, dem sich der Besucher aus Wien gerne angeschlossen hat.

      Michael
    • Eine - sehr subjektiv gefärbte - Ergänzung zum oben Gesagten.

      Mit Hansjörg Albrecht arbeitet in München ein ausgewiesener Experte für Barockmusik, der auch den legendären Bach Chor wieder zu hoher Qualität geführt hat. Natürlich will der musikalische Chef des Gärtnerplatz Theaters sich eine prestigeträchtige Premiere nicht entgehen lassen; aber der musikalische Erfolg dieser Produktion wäre vermutlich noch größer gewesen, hätte man die musikalische Leitung von "Semele" einem Musiker wie Albrecht übertragen.

      Und jetzt ziehe ich ganz schnell meinen Kopf ein. :hide:

      Michael
    • Hallo Michael,

      vielen Dank für Deine Enschätzung. Ich bin mal sehr gespannt, Vera und ich werden morgen Abend im Cuviellestheater sein und sind schon sehr gespannt. Immerhin ist das meine erste Live-Semele. Das kommt bei Händel-Oratorien auch nicht mehr so oft vor, dass ich die noch nicht live gesehen habe. Und wenn die musikalische Leitung eher an Richter orientiert ist, wär's natürlich schade. Aber ich werde gerne berichten, wie ich das erlebe.

      Es gibt über Hansjörg Albrecht hinaus sogar im HiP-eher uninteressierten München genügend Dirigenten, die spannenderes als den Richter-Stil können.

      Gruß Benno
    • Bericht von der 2. Aufführung Sa. 26.10.13

      Hallo Michael,

      So groß sind unsere Abweichungen in den Einschätzungen gar nicht, ich kann Dich beruhigen.

      Nachdem Du relativ wenig über die Inszenierung geschrieben hast, mag ich vielleicht noch etwas dazu schreiben. Es gab erhebliche Kürzungen in den ersten beiden Akten, die ich vor allem mit der Regisseurin verbinde, vielleicht tut man Karoline Gruber da Unrecht. Diesen Kürzungen sind die Rolle des Priesters und Cupidos zum Opfer gefallen, das mag man noch für verschmerzbar halten. Nicht wirklich einsichtig ist, warum psychologisch schlaue Dinge in der Musik von der Inszenierung und musikalischen Gestaltung 'unterspielt' oder ignoriert worden sind. Ich picke hier wahllos heraus, wie bewusst quälend Iris das Liebesnest der Semele ihrer Herrin Iuno schildert. Das kann man psychologisch unterschiedlich interpretieren: entweder ist sie eifersüchtig auf die aufwändige Gestaltung des Liebesnests oder sie will ihrer Herrin etwas reinreiben, weil sie mit ihrer dominanten Art so unzufrieden ist. Die Schilderung ist - in der Art der Scherenschnittarbeiten des Monty Python's Flying Circus zwar ungeheuer detailreich und 'Liebe'voll mit bayerischen Putti, dem Apollon des Belvedere und der Maja von Goya ausgefüllt, aber was Iris damit bezweckt, bleibt dabei völlig unklar. Das ist symptomatisch für die Inszenierung, die sich darin gefällt, das Stück mit einigen hübschen Ideen zu bebildern.

      Als Beispiel hierfür darf man das Ende des zweiten Akts heranziehen. Als die Schwester der Geliebten, Ino, zur Beschäftigung der Semele in den Himmel hinaufgeholt wird, sieht man ganz viel bayerischen Himmel, in den die Spitzen der Türme der Frauenkirche hineinragen: es ist natürlich der Himmel der Münchner. Zum Glück fliegt kein Dienstmann Aloisius herum, der abschließende Chor enthält auch kein Hallejuja. Aber die Spitze des einen Turmes lässt sich hier als Bar öffnen .... Auf diesem Niveau von eher amüsanten Details verliert sich die Inszenierung. Das ist schade. Es gibt genau eine Ausnahme, wo die Inszenierung wirkliche Tiefe gewinnt: Akt 3, Szene 3: Iuno gibt sich als Ino aus und überzeugt sie, Iupiter um die Unsterblichkeit zu bitten. Die ausgesprochen virtuose Arie 'O ecstasy of happiness' darf nicht nur als ein musikalischer Höhepunkt gelten, hier hat auch die Inszenierung eine ausgesprochen überzeugende Meinung zu diesem Zwitter-Stück. Im Text ist nur davon die Rede, dass Iuno Semele einen Spiegel reicht: in der Inszenierung wird eine kleine Bühne (die die Dekoration des Cuvielléstheater vereinfacht aufnimmt) heruntergefahren: auf dieser erscheinen nacheinander eine 'aufgehübschte', eine schwangere, eine weltgewandte, dann eine altgewordene Variante der Semele, am Schluss trägt das zugehörige Iupiter-Double eine Urne. Auf jede dieser Emanationen reagiert die Sängerin mit immer ekstatischeren Koloraturen. Und das sind dann schon fast alle Regie-Ideen für die ganze Semele. Da war jede historische Inszenierung in Göttingen hundertmal präziser und das nicht nur bei einer Arie ....

      Über die musikalische Seite würde ich mehr oder minder das selbe vermelden wie Du: die Gäste Jennifer O'Loughlin, Franco Fagioli, Adrineh Simonian, Istvan Kovacs waren auf sehr gutem sängerisch Niveau unterwegs, wobei ich mir bei der Titelrolle immer noch eine Steigerung in der Darstellung der sinnlichen-erotischen Gesangsteile vorstellen kann. Von den hauseigenen Kräften des Gärtnerplatz waren Holger Ohlmann, Elaine Ortiz Arandes und Ann-Katrin Naidu in Ordnung, der einzig echte Ausfall war Ferdinand von Bothmer, dem für Barockmusik einfach zu wenig Farben für die prächtige Rolle des göttlichen Liebhabers zur Verfügung standen, zudem hat er an vielen Stellen große Intonationsprobleme. (Und das an einem Haus, zu dessen Ensemble bis vor einigen Jahren Kobie van Rensburg und Thomas Cooley gehört haben!) Chor und Orchester (bis auf das Continuo) waren ebenfalls gutes Gärtnerplatztheater-Niveau, beim Continuo (2 Cembali und Theorbe) waren die einzigen Barockmusik-Spezialisten tätig, das hat man dann eben doch gehört. Die musikalische Leitung durch den Venezianer Marco Comin fand ich nicht sonderlich Karl-Richter-orientiert. Man merkt ihm an, dass er schon viele Erfahrungen mit Barockmusik hat, allerdings hat er nicht alle Farben und Charakteristika des Stücks getroffen. Zugespitzt würde ich sagen: er hat das Stück so gespielt, als wäre es von Vivaldi und nicht von Handel: wenn man nicht weiß, wie es gehen soll, hat ein etwas ruppig-robuster Klang noch nie geschadet.

      Mein Fazit: Ein Glücksfall, dass das Gärtnerplatztheater Handels Semele aufgegriffen hat, ein noch größerer Glücksfall, dass man in Cuvielléstheater dafür gegangen ist: das ist der richtige Raum in München für diese Musik und nicht das Nationaltheater oder Prinzregententheater!!!!! Das Publikum war sehr angetan, man kann nur hoffen, dass man noch mehr solche Ausflüge ins Barocktheater unternimmt, auch wenn das nicht zu den Kernkompetenzen des Gärtnerplatztheater zählt. Vielleicht findet man auch mal wieder einen Regisseur, dem mehr zu dieser Musik einfällt.

      LG Benno

      PS: Nach der ersten Live-Begegnung mit der Semele ist dann auch noch einmal klar geworden, warum Handel mit diesem saftig erotischen Stück bei seinen Zeitgenossen auf so viel Widerstand gestoßen ist: Einige der Chöre verwenden den exakt identischen 'hohen' Ton, wie die Chöre im Messias (z.B. Bless the glad earth am Ende des 2. Akts), und das in einem Stück, den Schäfer in einem himmlischen Arkadien singen. Das musste als Sakrileg aufgefasst werden, fürchte ich .... Vielleicht hat George Frederic Handel seine Musik (ohne Frage hoch qualitätvoll) nur nach dem Text und nicht nach dem Geschmack seiner 'moralischen' Zeitgenossen komponiert.