Igor Levit (geb. 1987) - ein zukünftiger Jahrhundertpianist?

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    • Igor Levit (geb. 1987) - ein zukünftiger Jahrhundertpianist?

      Der 1987 geborene russisch-deutsche Pianist Igor Levit scheint sich würdevoll einzuordnen in die kleine Schar sehr junger und hoch begabter Pianisten, zu denen man eine Lise de la Salle, einen Kit Armstrong, eine Yuja Wang und manch andere rechnen darf. Mit Mammutprogrammen von extremer Schwierigkeit hat er auf sich aufmerksam gemacht. Er gilt als zurückhaltend im Wesen, aber dennoch selbstbewusst - im besseren Sinne des Wortes. Offensichtlich zieht es ihn nicht so sehr zu Rachmaninows Elefanten oder Prokofieffs Tigern, sondern gleich zur Trias, nein, zum Quintett der letzten Beethoven-Sonaten. Als neuer Jahrhundertpianist wurde er bereits tituliert. Schade, dass das Jahrhundert noch so lang sein wird ... :wacko:

      Dies ist bislang die erste (und meines Wissens einzige) (Doppel-)CD, welche er ganz allein bestritten hat:



      Ich habe mir die Scheibe nicht zugelegt, zögere auch sehr, es zu tun. Die Kritiken bei Amazon sind vorwiegend voll des Lobes, eine erst unlängst erschienene Besprechung beim Rondo-Magazin schlägt einen anderen Ton an:

      "http://www.rondomagazin.de/kritiken.php?kritiken_id=8494"

      Warum habe ich den Thread eröffnet? (Vielleicht auch wegen Yuja Wang, die mich aufgrund des Parallel-Threads zu reizen beginnt ??)

      Der wahre Grund ist, dass ich ein wenig ratlos bin und an anderen Meinungen interessiert.

      Ich kenne Levit nur vom Rundfunk - und in erster Linie durch zwei Konzertübertragungen (einmal live, heute wohl nicht).

      Vor etlichen Monaten zog mich das angekündigte Programm zu diesem offensichtlichen jungen Genie. Vor der Pause der Übertragung standen die zwar mittlerweile nicht mehr unbekannten, aber gewiss nicht zum pianistischen Alltag gehörenden Variationen über das Lied The People United Will Never Be Defeated von Frederic Rzewski - das heißt, eine runde Stunde technisch und musikalisch äußerst anspruchsvoller Musik. Nach der Pause standen Beethovens Diabelli-Variationen auf dem Programm. Soweit ich mich erinnere, hat Levit dieses gnadenlose Programm virtuos, kraftvoll und in jeder Hinsicht homogen bewältigt und mich in nicht geringes Erstaunen versetzt.

      Vorhin hörte ich im Hessischen Rundfunk die Aufzeichnung eines nicht ganz so anstrengenden, im Übrigen keineswegs uninteressanten Programms aus London. Im Mittelpunkt standen Beethovens op. 109 - also auch eines der Werke, die er für seine erste Platte eingespielt hat - und zuletzt Prokofieffs berühmte Sonate, Nr. 7, op. 83. Dazwischen spielte der seit Langem in Deutschland ansässige Pianist Liedbearbeitungen nach Schubert.

      Was soll man sagen? Ich war ziemlich enttäuscht. Gegen den weichen Klang, den Levit anzustreben scheint, wäre nichts einzuwenden, wenn dies nicht mit mangelnder dynamischer Abstufung einherginge, von manchen meines Erachtens unmotivierten Sforzandi ganz abgesehen. Beethoven werden hier manche Zähne gezogen. Von Gestaltungskraft würde ich nicht sprechen wollen. Das Ergebnis hat mich gelangweilt.

      Auch Prokofieff erscheint zu gleichförmig, ohne Biss, im ersten Satz nicht einmal sonderlich virtuos. Das berühmte Precipitato wird schnell genug angegangen, Spannung entsteht nicht wirklich, und am Ende hatte ich angesichts des Blicks in die Noten das Gefühl, dass Levit den Zuhörern das nötige Futter für den begeisterten Applaus liefern wollte, ohne den Text allzu ernst zu nehmen. Gut - ein Unterschied zur Vergewaltigung dieser Sonate durch unseren überlangen Chinesen besteht schon.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Ich habe Levit 2011 in Stuttgart gehört und erinnere mich immerhin noch an sehr farbige Liszt-Etudes, die zwar über eine Stunde dauerten, aber dennoch von allen mit großer Spannung aufgenommen wurden. Als Zugabe traute er sich dann tatsächlich noch, Isoldes Liebestod von Wagner/Liszt hinterher zu schieben, mit einem wunderbar weichen und vollen Höhepunkt. Großer Applaus. (Programm: "http://www.musikfest.de/3224.aspx")

      Ich bin nur ein bisschen skeptisch, weil Levit ja von Eleonore Büning hochgeschrieben wurde und jetzt als der große Denker unter den Pianisten vermarktet wird. Ich selbst traue mir, da ich in seinem Repertoire überhaupt nicht zuhause bin, kein Urteil zu und die Fachpresse ist sich uneins. (Einig ist sie sich allerdings in der Art und Weise, wie schwammig über Levits Klavierspiel gesprochen wird. Schon bei Büning habe ich mich nach Joachim Kaisers Vergleichen und Belegen gesehnt. Sich ein eigenes Bild zu machen, fällt wohl auch schwer, weil man bei Levit, noch weniger als sonst, meiner Wahrnehmung nach keine Infos an die Hand kriegt.)
    • Ich kopiere mich 2x selbst aus dem Klassikforum (einmal habe ich ihn live gehört, dann später einen kurzen Enindruck zu der CD geschrieben):
      @El Duderino: Ich hielt ja Frau Büning noch nie für sehr kompetent, aber ich habe unlängst einmal in der Philharmonie neben ihr gesessen, und seitdem ist sie mir zusätzlich auch noch höchst unsympathisch :hide:

      KOPIE:
      30.10.12 im Kleinen Saal des Konzerthauses:
      Igor Levit Klavier

      Claude Debussy "Six Epigraphes antiques"
      Max Reger Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81
      Ludwig van Beethoven Sonate B-Dur op. 106 ("Hammerklaviersonate")

      Was für eine Überraschung! Mein Gott, wenn der Mann keine Karriere macht, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich hab von dem noch nichts gehört bisher und bin auf Anhieb begeistert von so viel Können, Übermut und Musikalität.

      Der begann mit Debussy soooooo spannend, so farbig, so feinfühlig im Anschlag, das war reine Klang-Zauberei für mich, sehr tragend und differenziert auch in den leisesten Tönen. Fast reinkriechend in die Tastatur, ganz versunken. Zu Reger kann ich nicht viel sagen, das Werk habe ich im Saal noch nie gehört, es war jedenfalls sehr beeindruckend. Aber dann war ich richtig neugierig auf die Hammerklaviersonate, denn die Reger-Fuge war so brilliant gespielt, dass ich mich richtig auf den Beethoven freute. Und zurecht, das war wahnsinnig: Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber ich würde beschwören, dass der erste Satz unter 10 Minuten gespielt war - und das, obwohl er ritardandi ausgespielte und - fern von sportlichem Ehrgeiz - in den Variationen auch viel Ausdruck zeigte, es klanglich auch zu einem Erlebnis machte. Er kracht nicht auf die Tasten (was im kleinen Saal tödlich ist), das tut nicht weh im forte, blieb auch bei ganz schwarzen Noten beeindruckend durchsichtig. Sehr lebendig der zweite Satz, da konnte man sich z.B. an ganz genauen kleinen Dynamikwechseln in den Phrasen erfreuen; ich fand auch die Stimmungen im Mittelteil gut getroffen. Sehr überrascht hat mich das Adagio, hier hat er auch relativ rasch begonnen, aber sehr berührend dem Fluss der Musik nachgegeben. Kein triefend schweres Trauerwerk, sondern ein HineinsinK/Gen in tiefere Sphären von Ferne. Es war ganz still im Saal (was ich selten in diesem langen Satz so erlebt habe). Mit teilweise vor dem Anschlag fast zitternden Fingern kam mitunter ein so zärtlich hngehauchtes pianissimo zustande, dass alle den Atem anhielten. Ich gab mich einsamen Meditationen hin..... und wurde dann lebhaft erweckt im Schlussatz, den er atemberaubend steigerte. Die monumentale Fuge hat er so irre schnell begonnen, dass ich dachte "unmöglich, dass KANN er so nicht weiterspielen". Absolut verrückt, noch nie habe ich das mit so viel Risiko und dabei so sauber ausgespielt gehört, mit ganz präzise gezeigter kontrapunktischer Struktur, kein Stück chaotisch, aber explosiv und mit so viel jugendlichem Feuer - und manchmal sogar mit einem Hauch von Witz. Man hörte und staunte.

      Respekt vor dieser sowohl technisch als auch msikalisch sehr beeindruckenden Vorstellung. Das war große Klasse und ich werde überhaupt nicht mäkeln, dass ich diese oder jene Passage hier oder da als solche gelungener finde. Das war das beste, was ich zu op. 106 live je gehört habe (und da waren schon einige Große dabei!) bowdown .



      KOPIE 2 (zur CD)
      Kennen ist übertrieben, ich habs einmal via Simfy angehört.
      Eher pro als contra beim ersten Eindruck. Spielen kann der das technisch zweifellos, es klingt auch gut farbig und hat keine schmalzig schmissigen Ärgernisse drin. Es fehlt mir aber der jugendliche Leichtsinn des Pianisten gleichermaßen wie die existenzielle Beethoven-Fallhöhe. Irgendwie zu glatt noch. Aber mir ist jemand, der sich da in dem Alter rantraut lieber als jemand, der bis zum Rentenalter nur Barock und Chopin spielt.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Für einen kleinen optischen Eindruck:
      Witziges Video, 3 Pianisten spielen unbekannte Stücke prima vista (und raten dann, wer es ist)
      Yeol Eum Son, korean pianist
      Francesco Piamontesi, swiss pianist
      Igor Levit, russian pianist (nach der 11. und 27. Minute)

      "http://www.youtube.com/watch?v=i7z8khmHcRs"

      (es wird nach der Anmoderation Englisch gesprochen)
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Vieles scheint so - wissen weiß ich weniger ...

      Vielen Dank an El Duderino und Heike. Der Blick in den entsprechenden Thread des Nachbar-Forums zeigt oft nur implizit und dennoch überdeutlich die Chancen und Gefahren, denen hochbegabte junge Pianisten in unserer Zeit der blitzschnellen Verbreitung, Pointierung und gewiss auch Manipulation jeglicher Information im weitesten Sinne ausgesetzt sind. Er zeigt, wie schnell solche Lichter aufflackern und auch wieder erlöschen können.

      Igor Levit scheint sich dieser Gefahr sogar in stärkerem Maße bewusst zu sein als (vielleicht) eine Yuja Wang (gegen die ich auf keinem Fall etwas gesagt haben will - ich habe sie nicht viel länger als zehn Minuten im Netz spielen hören und sehen bislang). Weder scheint er sich als Person wie als Künstler sonderlich zu inszenieren, noch scheint er der Öffentlichkeit, dem Ruhm, dem Geld hinterherzuhecheln, indem er einen Elefanten, einen Tiger nach dem anderen zu fünfhundertsten Mal einzuspielen gewillt ist. Andererseits: ein Eisbär ist der späte Beethoven gewiss auch!

      Es ist klar zu erkennen, dass Igor Levit eine ganz große Begabung haben - also auch sein - dürfte.

      Wegen oder doch trotz seiner oben angeführten ersten ganz eigenen CD-Veröffentlichung?

      Und warum hat Levit in dem Konzert, welches ich gestern gehört habe, so durchschnittlich gespielt, dass man die große Begeisterung bislang beim allerbesten Willen nicht nachvollziehen konnte? Schlechte Tagesform? Überforderung? Lustlosigkeit durch Stress? Die Musik klang für mich nicht überfordert, sie war auch nicht genialisch fehlerbehaftet oder willkürlich, sie war schlicht langweilig präsentiert. Oder lag es tatsächlich an mir, dem Hörer?

      :wink: Wolfgang

      EDIT: Danke auch an Yukon. Youtube heißt die Devise, solange es nicht weitere CDs gibt beziehungsweise man sich vorhandene nicht unbedingt kaufen möchte. Ich werde mir den Namen Levit auch bezüglich künftiger Radiosendungen merken - das hat mich jetzt gepackt.
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • ein zukünftiger Jahrhundertpianist?


      Warten wir mal die kommenden zehn Jahre ab. Ansonsten liefert mir derzeit nur YT einen Eindruck. Was ich da höre, missfällt mir jedenfalls nicht. Die Fuge aus Regers Telemann-Variationen, Vergleiche sind da eher schwierig, weil das Werk selten gespielt wird, kann sich für meinen Geschmack hören lassen (man muss freilich auch bedenken, dass die Aufnahme bereits acht Jahre alt ist, also ein gerade einmal 18 jähriger am Flügel sitzt). In jedem Fall hat er offenbar ein Gespür für kontrapunktische Strukturen, die das Ergebnis in meinen Ohren als recht transparent erscheinen lassen. Da rennt Levit, jedenfalls bei mir, offene Türen ein. Von Virtuosität will ich gar nicht reden - die darf man ihm wohl zuschreiben.

      http://www.youtube.com/watch?v=Aryr6euKQeo
    • Ich werde mir den Namen Levit auch bezüglich künftiger Radiosendungen merken - das hat mich jetzt gepackt.

      ähhhmmmmm - nachdem wir hier gerade einen Thread über kastriertes Radio führen ..... zwei der Aspekte, die mich live ganz besonders an seinem Spiel beeindruckt hatten (farbiger Klang und feinste Dynamikabstufung), dürften da nur sehr bedingt hörbar werden!
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Heike schrieb:

      Ich werde mir den Namen Levit auch bezüglich künftiger Radiosendungen merken - das hat mich jetzt gepackt.

      ähhhmmmmm - nachdem wir hier gerade einen Thread über kastriertes Radio führen ..... zwei der Aspekte, die mich live ganz besonders an seinem Spiel beeindruckt hatten (farbiger Klang und feinste Dynamikabstufung), dürften da nur sehr bedingt hörbar werden!
      Heike


      Ganz glaube ich nicht, dass mir diese Abstufungen gestern alle entgangen sind. :D

      Aber vielleicht hast Du mehr Recht, als ich ahnen kann. Man kennt solche Phänomene.

      :wink: Wolfgang
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    • Heike schrieb:

      ähhhmmmmm - nachdem wir hier gerade einen Thread über kastriertes Radio führen ..... zwei der Aspekte, die mich live ganz besonders an seinem Spiel beeindruckt hatten (farbiger Klang und feinste Dynamikabstufung), dürften da nur sehr bedingt hörbar werden!
      Heike

      Also gerade bei Solo-Aufnahmen ist die Kompression nun wirklich erträglich. Und die abartig sensiblen Rundfunk-Mikrofone fangen mehr Farben ein, als einem die im Konzertsaal röchelnden Nachbarn zugestehen. Die Frage ist eher, mit was man sich das Zuhause anhört.
    • Zuerst: Ich bin heilfroh, nicht für eine Zeitung Musikkritiken schreiben zu müssen, denn "Vergleiche und Belege", geschweige denn kompetente Einordnungen, kann ich nicht liefern, schon gar nicht, wenn es um Pianisten geht, ein Feld, auf dem ich nichts als Laie und Liebhaber bin. Aus dieser Sicht möchte ich mich aber trotzdem zu Igor Levit äußern.

      Ich habe mit Igor Levit zwei Erfahrungen gemacht. Im November 2011 gab er einen Klavierabend hier in Paderborn, zu dem ich den Programmhefttext geschrieben habe und den ich mir natürlich auch angehört habe. Den Namen des Pianisten hatte ich vorher noch nie gehört. Levit spielte im ersten Teil des Konzertes eine Passacaglia von Johann Kaspar Kerll, die 17. Klaviersonate von Beethoven (op. 31, Nr. 2) und die Chaconne von Bach, von J. Brahms für die linke Hand eines Pianisten bearbeitet. In der zweiten Hälfte gab es dann vier Stücke aus den Années de pélerinage von Liszt (es war ja Liszt-Jahr 2011), nämlich "Sposalizio", "Il penseroso", "Sonetto 123 del Petrarca" und die große Phantasie "Après une lecture du Dante". Natürlich wusste ich das ganze Programm nicht mehr auswendig, ich habe mir das Programm von damals aus dem Schrank geholt und abgeschrieben. Aber ich kann mich auch nach zwei Jahren noch an ein sehr beglückendes Konzerterlebnis erinnern, einen ernsthaften, schmächtigen jungen Mann mit viel Charisma, ein dynamisch und gestalterisch sensibles und abwechslungsreiches Klavierspiel, kurz, an einen wirklichen Könner auf seinem Instrument und einen spannenden Erzähler als Reisebegleiter durch Liszts Klanggebirge.

      Vor einigen Wochen ging dann die Werbung für seine erste Solo-CD durch die Musik-Presse. Ich habe mich an das Konzert vor zwei Jahren erinnert, bin aber gleichzeitig vor dem Programm zurückgeschreckt. Beethovens letzte Klaviersonaten sind von solch einer Aura umgeben, tragen so sehr den Nimbus des Unverständlichen, dass ich mich bisher nie an sie herangetraut habe. Nun, weil Levit es spielt und weil ich bei seinem Konzert in Paderborn sehr beeindruckt von ihm war, habe ich mir die CD doch ausgeliehen, als ich sie in der Stadtbibliothek bei den Neuerscheinungen liegen sah. Zu Hause habe ich dann die Sonate Nr. 28 gehört (op. 101), mit der das Programm anfängt, und war erschrocken über diese Musik und darüber, wie sie hier gespielt wird. Das ist ein Wunder, schoss mir durch den Kopf, einfach nur ein Wunder.

      Ihr mögt das jetzt ziemlich pathetisch finden und all das erhebt, ich habe es am Anfang schon gesagt, keinen Anspruch auf intersubjektive Übertragbarkeit. Aber wenn ein Pianist es schafft, mich so, neudeutsch gesagt, zu "flashen", wenn er so etwas in mir auslöst, dann ist mir völlig egal, was (professionelle) Kritiker über ihn schreiben und ob er ein zukünftiger Jahrhundertpianist ist. Er ist in unserem Hier und Jetzt und er ist toll. Und das zusammen mit dem Wunder der Musik reicht mir völlig.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Eine bemerkenswerte Aussage, Cherubino!

      Nur zur Ergänzung - und nicht, um irgendetwas zu beweisen oder zu widerlegen: Beethovens vertrackt moderner Sonate op. 101 auf Levits CD gesteht der Rezensent des Magazins (siehe Eingangsbeitrag) uneingeschränkte Qualität zu.

      :wink: Wolfgang
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    • Die Medien sind ja zur Zeit voll des Lobes. In der FAZ war eine sehr positive Besprechung der Beethoven Doppel-CD. Berichte im Fernsehen (ttt und weitere. Irgendwo hat er gesagt, dass Chopin nicht seine Welt sei). Die Doppel-CD hatte ich mir sogleich gekauft. Außer Op. 101 habe ich davon alles gehört. Sie gefällt mir sehr gut. Technisch ist sie allemal außerordentlich. Ob sie mich emotional auch so anspricht wie Arrau, Gilels oder Serkin, muss ich noch mit mehr Zeit und Ruhe erkunden.

      Igor Levit war bei allen vier bisherigen Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch dabei. Ich habe ihn dort 2012 und 2013 erlebt. Als Kammermusiker (1. Trio, Blok-Lieder, Quintett...) habe ich ihn als perfekten Begleiter Wahrgenommen. Große Erwartungen hatte ich in seine Darbietung der 2. Klaviersonate von Schostakowitsch. Und die fand ich (persönlich!) enttäuschend. Das sagt natürlich nichts über Levits Können aus. Mir waren große Teile zu langsam, zu zerdehnt und abgehackt gespielt. Aber ich werde ihn weiter auf dem Schirm haben.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Cherubino schrieb:


      Vor einigen Wochen ging dann die Werbung für seine erste Solo-CD durch die Musik-Presse. Ich habe mich an das Konzert vor zwei Jahren erinnert, bin aber gleichzeitig vor dem Programm zurückgeschreckt. Beethovens letzte Klaviersonaten sind von solch einer Aura umgeben, tragen so sehr den Nimbus des Unverständlichen, dass ich mich bisher nie an sie herangetraut habe. Nun, weil Levit es spielt und weil ich bei seinem Konzert in Paderborn sehr beeindruckt von ihm war, habe ich mir die CD doch ausgeliehen, als ich sie in der Stadtbibliothek bei den Neuerscheinungen liegen sah. Zu Hause habe ich dann die Sonate Nr. 28 gehört (op. 101), mit der das Programm anfängt, und war erschrocken über diese Musik und darüber, wie sie hier gespielt wird. Das ist ein Wunder, schoss mir durch den Kopf, einfach nur ein Wunder.

      Ich unterstelle zwar, dass Levit sehr gute Interpretationen abliefert (habe sie noch nicht gehört). Aber wenn Du die Musik zum ersten Mal hörst, kannst Du doch überhaupt nicht feststellen, ob es eine solide, eine außerordentliche, eine exzentrische Interpretation ist (oder was es noch für Möglichkeiten gäbe). Vielleicht verstehe ich das ja miß, aber du schreibst zuerst, dass Du Dich bislang gar nicht an die späten Beethovensonaten (wobei man streiten kann, ob op.101 überhaupt schon richtig dazugehört) herangetraut hast, wegen ihrer Aura. Dass Levit eine Motivation war, diesen Zustand zu beenden, ist ja erstmal zu begrüßen. :D Jetzt überträgst Du anscheinend aber das Auratische, Wunderbare auf den Pianisten und seine Interpretationen....?
      (Noch extremer gab es das neulich in einer Kolumne bei Spiegel-online, wo ein hornbebrillter Kolumnist zuerst gestand, überhaupt keine Ahnung von Beethoven zu haben, dann aber anscheinend erwartete, dass man seinen Kommentar zu dem Levit-Album lesenswert finden sollte...)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Vielleicht verstehe ich das ja miß

      Ja, ich glaube, du verstehst das wirklich miß. Ich habe am Beginn meines Beitrages ja ausdrücklich geschrieben: "Ich bin heilfroh, nicht für eine Zeitung Musikkritiken schreiben zu müssen, denn "Vergleiche und Belege", geschweige denn kompetente Einordnungen, kann ich nicht liefern, schon gar nicht, wenn es um Pianisten geht, ein Feld, auf dem ich nichts als Laie und Liebhaber bin. Aus dieser Sicht möchte ich mich aber trotzdem zu Igor Levit äußern". Und am Ende des Textes habe ich noch einmal klargestellt: "Ihr mögt das jetzt ziemlich pathetisch finden und all das erhebt, ich habe es am Anfang schon gesagt, keinen Anspruch auf intersubjektive Übertragbarkeit".
      Ich schreibe nicht darüber, ob Igor Levit eine "solide, eine außerordentliche, eine exzentrische Interpretation ist (oder was es noch für Möglichkeiten gäbe)" abliefert, das kann ich in der Tat nicht beurteilen, Ich erzähle nur davon, was für Eindrücke, was für Gefühle und spontane Gedanken und Reaktionen das Anhören der CD (ich habe nicht nur die erste Sonate gehört, sondern die komplette Doppel-CD) in mir ausgelöst haben. Und ich kann berichten, dass die Aufnahmen der gleichen Musik, die ich danach gehört habe, in mir nicht diese Reaktionen ausgelöst haben.
      Deshalb kann ich natürlich nicht beurteilen, ob Igor Levit wirklich und objektiv ein herausragender Beethoven-Interpret ist, den Anspruch habe ich auch nie erhoben. Ich kann nur sagen, dass ich es toll finde, wenn ein Musiker es schafft, so eine Reaktion in mir auszulösen. Und, jetzt lehne ich mich doch noch ein Stück aus dem Fenster, ich glaube doch, dass er verdammt gut sein muss, um so eine spontane emotionale Reaktion auszulösen, denn ich höre nun viel und oft Musik, und so etwas passiert mir nicht jeden Tag.

      Kater Murr schrieb:

      (Noch extremer gab es das neulich in einer Kolumne bei Spiegel-online, wo ein hornbebrillter Kolumnist zuerst gestand, überhaupt keine Ahnung von Beethoven zu haben, dann aber anscheinend erwartete, dass man seinen Kommentar zu dem Levit-Album lesenswert finden sollte...)

      Über den Text wurde hier im Forum vor einiger Zeit ja auch schon gesprochen. Wenn es dir beim Lesen hilft, steht es dir in der Tat völlig frei, meine Äußerung in die gleiche Kategorie einzuordnen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Ich verstehe halt nicht so ganz, wieso man als einigermaßen erfahrener Hörer ein Erlebnis dem Pianisten eher zuschreibt als dem Komponisten, wenn doch sehr wahrscheinlich ist, dass erstmal die Musik für das Wunder verantwortlich ist. Levit hat ja nicht irgendein Salonstückchen von Moskowski zum Meisterwerk transformiert, sondern interpretiert völlig unbestrittene Gipfelwerke der Klavierliteratur. Ich vermute mal, dass er das sehr gut macht, aber halte es doch für eher abwegig, dass einen diese Werke mit irgendeinem anderen Weltklassepianisten beim ersten Hören kalt gelassen hätten.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Cherubino schrieb:

      Zu Hause habe ich dann die Sonate Nr. 28 gehört (op. 101), mit der das Programm anfängt, und war erschrocken über diese Musik und darüber, wie sie hier gespielt wird. Das ist ein Wunder, schoss mir durch den Kopf, einfach nur ein Wunder.

      Kater Murr schrieb:

      Ich verstehe halt nicht so ganz, wieso man als einigermaßen erfahrener Hörer ein Erlebnis dem Pianisten eher zuschreibt als dem Komponisten, wenn doch sehr wahrscheinlich ist, dass erstmal die Musik für das Wunder verantwortlich ist. Levit hat ja nicht irgendein Salonstückchen von Moskowski zum Meisterwerk transformiert, sondern interpretiert völlig unbestrittene Gipfelwerke der Klavierliteratur. Ich vermute mal, dass er das sehr gut macht, aber halte es doch für eher abwegig, dass einen diese Werke mit irgendeinem anderen Weltklassepianisten beim ersten Hören kalt gelassen hätten.

      Da stimme ich dem Kater zu.

      Bei Werken vom Kaliber eines op. 101 ist es m. E. fast egal, in welcher Interpretation man sie beim ersten Mal hört - ein gewisses Mindestniveau der Wiedergabe mal vorausgesetzt.

      Cherubino könnte ja die Gegenprobe mit - sagen wir: - Schnabel, Solomon, Gulda, Pollini machen. Das wäre spannend.

      Was man über Levit lesen kann, ist zur Zeit noch kontrovers.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Kater Murr schrieb:

      Ich verstehe halt nicht so ganz, wieso man als einigermaßen erfahrener Hörer ein Erlebnis dem Pianisten eher zuschreibt als dem Komponisten, wenn doch sehr wahrscheinlich ist, dass erstmal die Musik für das Wunder verantwortlich ist.

      Das tue ich ja gar nicht! Wenn du noch einmal nachliest, was in meinem ersten Beitrag hier steht, wirst du finden, dass ich geschrieben habe ich sei von der Musik erschrocken gewesen - und davon, wie sie hier gespielt wird. Ich schreibe dieses Musikerlebnis erst einmal ganz alleine der Musik zu, das hast du hier in diesem Thread auch schon drei Mal (oder so) von mir lesen können, aber wenn von Igor Levit die Rede ist, fällt mir zu ihm ein, dass und wie er es war, der mir dieses Musik-Erlebnis beschert hat.

      Mauerblümchen schrieb:

      Cherubino könnte ja die Gegenprobe mit - sagen wir: - Schnabel, Solomon, Gulda, Pollini machen. Das wäre spannend.

      Meine Gegenprobe war Vladimir Ashkenazy, ein Pianist, den ich eigentlich sehr schätze und mit Beethovens Klavierkonzerten schon vorher kannte. Die Musik hat mich da ziemlich kalt gelassen bzw. eher meine Vorurteile bestätigt.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Meine Gegenprobe war Vladimir Ashkenazy,

      Ashkenazy gilt nicht unbedingt als Spezialist für späte Beethoven-Sonaten - jedenfalls taucht er eventuell nicht in Empfehlungslisten auf, die die Namen Schnabel, Solomon, Gulda, Pollini führen. Andererseits hat er von Mozart bis Rautavaara doch fast alles nicht unbedingt brillant (Rachmaninow, Prokofieff und sicher einiges anderes schon) gemacht, aber an Verrisse seiner Aufnahmen kann ich mich nicht erinnern. Trotzdem: Auch Künstler vom Range eines Barenboim oder Kempff können beim späten Beethoven richtig langweilig sein ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Was man über Levit lesen kann, ist zur Zeit noch kontrovers.

      Was mich zu der offtopic-Frage bringt, über die ich gerade ergebnislos nachdenke:
      Gibt es überhaupt bedeutende Pianisten, über die nicht kontrovers geschrieben wurde bzw. wird? Gulda der Verrückte, Gould der Dauerstaccato- Langweiler, Horowitz der Tastenlöwe ....
      Heke
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Ich vermute mal, dass er das sehr gut macht, aber halte es doch für eher abwegig, dass einen diese Werke mit irgendeinem anderen Weltklassepianisten beim ersten Hören kalt gelassen hätten.


      Ich halte das überhaupt nicht für abwegig. Schlüsselerlebnisse können durch die unterschiedlichsten Faktoren bestimmt sein - ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass mich Schuberts Unvollendete bei einem Amateurorchester-Konzert erstmals richtig vom Stuhl gerissen hat, obwohl ich zuvor schon einige nominell hochkarätige Aufnahmen von D 759 kannte.

      Die entscheidenden Punkte liegen da meiner Auffassung/Erfahrung nach überhaupt nicht in einem irgendwie objektivierbaren Bereich!

      Viele Grüße

      Bernd