Igor Levit (geb. 1987) - ein zukünftiger Jahrhundertpianist?

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    • ChKöhn schrieb:

      [...] ich muss zugeben, dass ich es allmählich unangenehm finde, ihm dabei zuzusehen, wie er offensichtlich abbaut.
      Dieses Nachlassen der Kräfte paßt wohl zur Zusammenfassung des "Spiegel" (zu lesen im oben verlinkten Twitter-Account): "840 Wiederholungen - sie stehen für das Leid der Künstler in der Coronakrise".

      Habe es noch nicht mitbekommen, aber es scheint, daß Levit nicht alle 840 Wiederholungen geschafft hat. Oder?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Doch, doch. Siehe den Twitter-Link. Bei 15:31 wird er fertig. Es lohnt sich, einige Minuten vorher einzusteigen. Er spielt das Ende sehr stark, finde ich, weil es ihm gelingt, die Erschöpfung pianistisch rüberzubringen. Insbesondere bringt er die mentale Kraft auf, wieder langsamer zu spielen, das Stück zum Ende hin so zu gestalten, dass es in meinen Ohren eine spirituelle Dimension erhält, anstatt einfach nur schnell durchzuspielen und die Arme hochzureißen.
    • Knulp schrieb:

      Doch, doch. Siehe den Twitter-Link. Bei 15:31 wird er fertig. Es lohnt sich, einige Minuten vorher einzusteigen. Er spielt das Ende sehr stark, finde ich, weil es ihm gelingt, die Erschöpfung pianistisch rüberzubringen. Insbesondere bringt er die mentale Kraft auf, wieder langsamer zu spielen, das Stück zum Ende hin so zu gestalten, dass es in meinen Ohren eine spirituelle Dimension erhält, anstatt einfach nur schnell durchzuspielen und die Arme hochzureißen.
      Ja, das fand ich auch beeindruckend. Ich habe mich von vornherein gefragt, warum Levit auf ein optisches Metronom verzichtet hat, wie es bei diesem Stück eigentlich "üblich" ist (soweit man davon bei einem Werk sprechen kann, welches sowieso nur alle paar Jahre mal auf professionellem Niveau gespielt wird). Ich nehme an, dass es zu seinem Konzept gehörte, sich als Mensch und Künstler gegen den Zwang der ewigen Wiederholung zu behaupten. Das ist ein vollkommen anderer Ansatz als der, den z.B. Armin Fuchs in dem oben verlinkten Interview beschreibt. Levits Schwankungen waren vor allem beim Tempo enorm (in den Teilen, die ich gehört habe von ca. 35 bis fast 80 Viertel pro Minute), auch in Bezug auf Dynamik, Phrasengestaltung, Klang, Agogik. Die Spannung zwischen dem zwanghaft wiederholten Notentext und dem hart erkämpften individuellen Ausdruck fand ich immer deutlicher spürbar und als solche sehr ausdrucksstark. Das ging stellenweise so weit, dass man den Eindruck hatte, Levit spielt nicht mehr das Stück sondern seinen Abscheu dagegen. Dann wieder fand er zurück zu ganz zarten, gelösten und geradezu liebevoll ausgehörten Varianten. Insgesamt entfaltete er so etwas wie einen riesigen Zyklus von 840 (bzw. 839 :) ) Variationen. Dazu passte auch die sehr schöne Idee, jede Version von einem neuem Notenblatt abzuspielen. Beim Zuhören hatte ich zwischendurch das unangenehme Gefühl, angesichts von Levits deutlich sichtbarem Leiden und seinen (für seine Verhältnisse) sich häufenden Konzentrationsschwächen mich selbst allzu voyeuristisch zu verhalten, aber vielleicht ist ja auch diese Spannung zwischen Angezogen- und Abgestoßensein gewissermaßen Teil des Stücks. Insgesamt war das für mich auf alle Fälle eine künstlerische Großtat. Ich bewundere Levit für seinen Mut, seine Kraft, seine Fantasie und natürlich sein Können.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Habe jetzt den Schluß der Aufführung erlebt und stimme meinen Vorrednern gern zu: In der Tat eine künstlerische Großtat, tief beeindruckend!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Helmut Lachenmann
    • Ich habe gestern Nacht nochmal kurz in die Aufführung reingehört und fand interessant, wie sich Levits Spielweise im Vergleich zu den frühen "Durchgängen" verändert hatte.

      Nicht nur, dass er ein deutlich schnelleres Tempo wählte, er spielte auch sehr viel knochiger, härter und schroffer. Dazu noch dieser Klavierstuhl und einige Andeutungen eines Mitsummens - ich dachte, der Geist Glenn Goulds sei in ihn gefahren. :D

      Wenn man bei dem Youtube-Mitschnitt zufällig verschiedene Stellen anwählt (das habe ich vorhin kurz gemacht), wird man ebenfalls feststellen, dass er das Stück über die Zeit deutlich unterschiedlich aufgefasst hat.

      Ich persönlich finde das sehr viel interessanter als ein Bemühen darum, das Stück immer wieder in ähnlichem Duktus und nur mit feinen Unterschieden zu spielen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler