Schostakowitsch: Violinkonzerte Nr.1 und 2

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    • Schostakowitsch: Violinkonzerte Nr.1 und 2

      Auslöser für den Thread ist zunächst einmal die für mich absolut neue Existenz der Stereo-Aufnahme des VC Nr.1 mit David Oistrach / Philharmonia Orchestra / Maxim Schostakowitsch (EMI, 11/1972, ADD) , von der ich berichten wollte. Ich bin aber Platt, dass kein Thread zu den grossen Schostakowitsch VC bei Capriccio existiert - deshalb vorab eine Kurzeinführung:

      Das Violinkonzertr Nr.1 a-moll op.99 schrieb Schostakowitsch bereits 1947 als op.77. Wegen der Ablehnung von offizieller Seite (von Andrei Schdanow, dem Handlanger Stalins) der Sinfonie Nr.9, die nicht "den Geist des sowjetischen Volkes wiederspiegele", beliess er die Partitur in der Schublade. Revidiert 1955 als op.99; UA 1955 unter Mrawinsky in Leningrad mit dem Widmungsträger David Oistrach.

      Das Violinkonzert Nr.2 cis-moll op. 129 stammt von 1967.


      *** Nun zunächst zu den Aufnahmen des Widmingsträgers David Oistrach, die ich für die Eindringlichsten, ja Autentischsten halte, obwohl es massig weitere gute bis sehr gute Aufnahmen der VC gibt, die wir im Laufe des Threads noch kennenlernen werden:

      Vorige Woche erfuhr ich (bei Tamino) erstmalig von der Existenz der Stereo-Aufnahme des VC Nr.1 mit David Oistrach / Philharmonia Orchestra / Maxim Schostakowitsch (EMI, 11/1972, ADD) . Keine Frage für mich, dass ich diese EMI-CD umgehend bestellt habe, denn ich war bisher der Meinung das vom Widmungsträger David Oistrach als Stereoaufnahme nur die BBC-Live-Aufnahme von 09/1962 aus Edinburgh vorliegt.

      *** David Oistrach und Maxim Schostakowitsch liefern, wie nicht anders zu erwarten war, eine angemessen grosse Interpretation. Dennoch blieb der letzte Funke der Begeisterung bei mir aus ! Warum ?
      Es fehlt der Hochdruck, die unsagbare Eindringlichkeit, die die Vorgängeraufnahmen (Mrawinsky - Melodiya, 1956 und Roshdestwensky - BBC, 09/62) so autentisch packend macht - und das sowohl beim Solisten wie auch bei orchestraler Betrachtung.
      Die stürmische Erregung und die russische Herbheit kommt bei Mrawinsky / Leningrader PH (Melodiya, 1956), das ist die Studio-Aufnahme die kurz nach der UA entstand, einfach besser zum tragen. :| Da nützt diesesmal aller Stereosound dieser späteren Aufnahmen nicht - :) verdammt !
      Klanglich wird bei der EMI-Aufnahme auch nicht ganz das geboten, was man aus dieser Zeit von EMI bereits erwarten konnte (von Decca und CBS ganz zu schweigen).

      :angel: CD-Edelsteine des Widmungsträgers David Oistrach bleiben es trotzdem allesamt:

      EMI, 11/1972, ADD


      BBC, 09/1962, ADD (VC1), 08/1968 (VC2), ADD

      Die Besten von David:

      Melodiya/Eurodisc, 1956 (VC1 mit Mrawinsky), 1967 (VC2 mit Kondraschin), ADD

      Die Melodiya-Aufnahme des VC Nr.1 ist auch bei BRILLANT in einer Konzerte-3CD-Box erhältlich.
      Das VC Nr.2 ist hier bei Eurodisc mit Kondraschin/Moskauer PH (Aufn.1967) - für mich die absolute Referenzaufnahme. In der Brillant-Box wird das VC Nr.2 mit Roshdestwensky (09/1968) geliefert - auch TOP, aber nicht ganz der unerbittliche Zugriff wie bei Kondraschin !


      Natürlich ist mir bekannt, dass es noch eine weitere D.Oistrach-Aufnahme des VC 1 unter Mitropoulos' Leitung mit den New Yorker PH (amerikanische UA) gibt. Die ist aber in MONO und mir daher noch nicht bekannt. Dafür werde ich mich wohl auch noch intertessieren müssen ... ansonsten, wenn das VC 1 nicht unbedingt mit David Oistrach sein soll, dann möchte ich auf die Hochspannende Aufnahme mit Venerov/Rostropowitsch (Erato/APEX, 1994) verweisen. Dazu dann zu einer späteren zeit mehr.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Danke für die Eröffnung, lieber Wolfgang. Dieser Thread hat in der Tat gefehlt.
      Für mich sind die beiden Werke auch eng mit dem Widmungsträger assoziiert. Mögen andere hier und da noch etwas mehr Druck erzeugen, die Oistrach-typische unglaubliche Synthese aus Gelassenheit und Intensität erreicht für meinen Geschmack niemand.
      Ich möchte Dir dringend empfehlen, Dir auch die Mitropoulos-Aufnahme zuzulegen. Erstens kann man fast nie etwas falsch machen, wenn man auf Mitropoulos zurückgreift, zweitens hat die Aufnahme gewissermaßen Ereignischarakter, da es die erste im Westen aufgenommene Einspielung ist, drittens ist die Klangqualität fast genau so gut wie des in Stereo aufgenommenen Violoncellokonzerts Nr. 1 mit Rostropowitsch und Ormandy, die man auf dieser Scheibe hier gleichfalls findet:
    • Es gibt auch noch diese Aufnahme des Violinconcerts Nr.1 mit Oistrakh, Piano Concerto Nr.2 mit Bernstein und das Cello Concerto mit Rostropovich !

      stürmische Erregung , trifft zu ;+)

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Nur Vk1: Oistrach gerne, Kogan immer!

      Hallo,
      wenn ich mich nicht irre, dann ist auf diesem Sampler das VK1 von Schostakowitsch in der Einspielung Kondrashin/Kogan drauf. (CDs sind aktuell wegen Umbau innerhalb der Wohnung verstaut.)
      Und, ich hörte (Feschtpladde) gerade die Passacalia, in mittelmäßiger aber tolerabler Tonqualität.

      Kogan geht die Sache einen Zacken schärfer als Oistrach an, der zum Wohlklang neigt. Seine 1956er Aufnahme ist also einzig, weil die erste, aber nicht die erste Wahl.
      Kogan/Kondrashin gefallen mir besser. Mir gefällt auch der scharfe, attackierend klare Ton Kogans besser in der Tonsprache von Schostakowitsch als der fast schon üppig blühende von Oistrach.
      Kogans Schülerin, die "Schöne" Viktoria, kriegt es bei moderner Tontechnik besonders gut hin. Ich habe in den letzten Jahren zu viele Aufnahmen gehört, die einfach zu zart an das Werk rangingen, nicht so Viktoria Mullova.
      Da ist sie wie ihr Lehrer Leonid Kogan.

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Lieber Palestrina!


      Die Praga-SACD enthält mit der 56er Aufnahme Oistrach/Mrawinsky, der 59er Aufnahme Rostropowitsch/Ormandy und der 61er Aufnahme mit Bernstein durchwegs bekanntes Material. Die Tonqualität finde ich einen Hauch, aber nicht bedeutend besser als bei den bekannten alten Abmischungen, und auch der Hauch kann Einbildung sein. Wenn man diese Aufnahmen nicht hat, ist es aber eine tolle Koppelung. Der zweite Satz des Cellokonzerts fällt übrigens auf dieser CD merkwürdiger Weise eine Minute kürzer aus als auf der CBS/Sony-Produktion.


      Lieber Doc!
      Die Kogan-Aufnahme gefällt mir auch außerordentlich gut. Mein Eindruck ist der gleiche wie Deiner, dass Kogan schärfer artikuliert. Ich finde diesen Zugang nicht "besser" als den Oistrachs, aber sehr hörenswert. Deine Kogan-Box dürfte ohnehin sehr lohnend sein. Die Mullova-Aufnahme kenne ich noch nicht. Vielleicht werde ich jetzt doch weich.


      Sehr interessant, aber sicher für Docs Geschmack zu zart, dafür extrem abwechslungsreich und expressiv, finde ich Daniel Hopes Aufnahme mit Maxim Schostakowitsch am Pult:



      Eine Extremvariante die Expressivität betreffend, mir aber zu marktschreierisch, ist diese hier:


      Bei derzeit 30 Cent könnte man es sich aber überlegen.
    • Lieber Braccio,

      Danke für den Hinweis auf die Leningrader Aufnahme mit Stadler. Nach der Kritik (bei amazon) habe ich keine Sekunde gezögert mir diesen "Wahnwitz" für lasche :D 34Cent zu bestellen; zumal ich das Arensky - VC gar nicht kenne.
      Die Aufnahme mit Mitropulos halte ich auch im Auge (und das CC1 mit Rostropowitsch ist sogar eine meiner Lieblingsaufnahmen, die ich in anderer SONY-Kopplung mit der Sinf 1 und Ormandy habe).

      :angel: Die Violinkonzerte Nr.1 und 2 gehören für meinen Geschmack zum Allerbesten, was die VC-Literatur der gesamten Klassik angeht - und das VC 1 ist mein absolutes Lieblings-Violinkonzert.
      Von daher habe ich natürlich eine relativ grosse Anzahl von Aufnahmen der beiden VC. Nur die Aufnahmen, die mir weniger zugesagt haben, habe ich auch wieder abgesetzt:
      Dazu gehört die Aufnahme mit Hope/M.Schostakowitzsch (Warner), die mir kurz gesagt zu wenig Aussagekraft hatte.

      Ich habe mal mein Statement von 2007 zu der Hope-Aufnahme herausgesucht:
      Die Balance zwischen Solist und Orchester wirkt auf mich bei Maxim so, als wenn er den Solisten niemals übertönen möchte. Da finde ich die Aufnahme mit gleichem Orchester und Sitovetzky/Andrew Davis beim VC Nr.1 viel durchschlagender und eindringlicher in der Orchesterbehandlung. Daher für meinen Geschmack auch hier von Maxim eine Begleitung, die ich nicht als Kongenial bezeichnen würde.

      Ben Chors meint in seiner Kritik, der Klang sei verhallt. Ich hingegen finde den BBC-Orchester-Klang sehr trocken und durchsichtig. Ich war überrascht, dass das gleiche Orchester mit A.Davis (Virgin) so verhallt klingt, was mich dort aber nicht stört, da ducrh den Hall der Klangeindruck dem der russischen Orchester (wie bei Euodisc/Melodiya) mehr gewahrt ist und der russischen Stimmung daher näher kommt.

      Gar nicht gefallen hat mit die Solokadenz nach der Passacaglia im VC Nr.1 von Daniel Hope. Er macht unheimlich lange Generalpausen, wodurch die Stimmung auseinanderfällt und an Spannung verliert. Man höre dagegen Oistrach/Mrawinsky (Brillant und Melodiya), Sitowetky/Davis (Virgin) und die Aufnahme, die mir von den gut klingenden neueren am besten gefällt mit Perlmann/Metha (EMI) dagegen an, welche virtuose Spannung dort aufgebaut wird.

      Geigerisch ist Daniel Hope fantastisch, mit großem Einfühlungsvermögen. Es sind aber zu viele Dinge, die meine Begeisterung einschränken und ich daher diese Aufnahme des VC Nr.1 nicht mehr als gut bezeichnen würde.

      Inzwischen habe ich ja neben den David und Igor Oistrach-Aufnahmen, weitere hochfavorisierte Einspielungen vorliegen.

      :thumbsup: Unter dem Titel Die Spannenste,
      hatte ich 2011 dieses Statement über die Vengerov/Ropstropowitsch-Aufnahme (ERATO/APEX, 1994, DDD) abgegeben:
      Der Schostakowitsch-Kenner Rostropowitsch und Freund des Komponisten war nämlich in der lage den Orchesterpart unheimlich ausdrucksstark und tief empfunden zu gestalten. Das (nur ein Kritiker aufweiter Flur !) dieser Aufnahme eine klebrige Orchesterbegleitung andichtete, liegt an der Aufnahmetechnik, die bei dichteren Orchhesterpassagen nicht alles so deutlich zeichnet, sodass dann der Gesamtklang des Orchesters dominiert.
      Was mich auch zunächst störte und in Beitrag 11 nur zu Aussage "VC 1= ganz OK bis TOP" verleitet, waren auch die etwas mulmigen und nicht so präsenten Pauken zu Beginn der Passacaglia.
      Ein Vorzeigeobjekt für Detailreichtum ist das VC 2 mit Kremer/Ozawa (DG), eine Spitzenaufnahme in jeder Hinsicht, die nur in Punkto Spannug doch noch hinter Elatus zurückbleibt.

      Rostropowitsch, dem die beiden Cellokonzerte gewidtmet sind, findet sich fantastisch und mit großem Verständnis in diese Orchesterpartituren ein. Er weis die hohen Emotionen, die in diesen VC stecken ideal umzusetzen und hat mit Vengerov einen umwerfenden Partner gefunden, der zum Teil ein aberwitziges Tempo (bis kurz vor dem Verhaspeln) durchzieht.
      Nachdem Vergleich dieser Aufnahme mit Weiteren (auch mit den BBC-Live-Aufnahmen, die mir durch das laute, ungehobelte Publikum zunächst etwas madig gemacht wurde), muss ich feststellen, dass die BBC-Aufnahmen bei aller referenzwürdigen Qualitäten des Solisten Oistrach (bei den BBC-Live-Aufnahmen) dagegen wie ein laues Lüftchen wirken.
      Die Passagaclia im VC1 erfährt bei Vengerov/Rostropowitsch eine unglaublich angespannte Entwicklung, die sich im Verlauf bis zum Bersten steigert, bis dann attacca die Kadenz vor dem 4.Satz einsetzt. Auch die Kadenz wird im Hinblick auf den wilden 4.Satz Burleske entsprechend von Vengerov mit einer ungehörten Intensität und Spannung vorbereitet. Die Aufnahme ist im Vergleich zu vielen Anderen der Wahnsinn !
      Ähnliche Spannungsbögen finden sich auch im VC 2, die im 3.(Mega-)Satz Allegro mündet, bei dem Trommeln (mit harten Klöppeln) und Pauken klar voneinander abgesetzt sind. Vengerov und Rostropowitsch in absoluter Hochform - Spannung bis zum Bersten - Wahnsinn !

      ...
      Erato, 1994, DDD ............................................ jetzt auch als APEX-CD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • RE: Oistrach/Mrawinsky

      Lieber Palestrina,

      die Aufnahme des VC auf der Praga-CD (Beitrag 3) ist, die Gleiche wie meine auf der Melodiya/Eurodisc-CD in Beitrag 1, die kurz nach der UA in Leningrad als Studioaufnahme 1956 entstanden ist.
      Es gibt von dieser genialen Melodiya-Aufnahme mindestens 5 verschiedene CD-Versionen auf verschiedenen CD-Label.
      Ich hatte zuvor die Eurodisc-LP davon, die den Vorteil (andere werden es verdammen) hatte, dass diese MONO-Aufnahme nicht insgesamt aus der Mitte zwischen den Boxen tönte, sondern eine gewisse Steroverbreiterung aufwies. Als "Non Mono-Fan" kam mir das entgegen. Meine CD-Version auf Brillant, scheint genau diesem Remastering zu unterliegen - klingt nicht ganz so historisch. Die Violine ist sehr deutlich und klar, etwas verfärbt in Richtung hart, was die Nachdrücklichkeit aber steigert und das Orchester klingt schon etwas historisch, aber packend, wie die ganze Interpretation.

      Es ist diese Brillant-Ausgabe mit den Schostakowitsch - Konzerten:
      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41SWXX4B4HL.jpg]-->
      Schostakowitsch: Violinkonzert Nr.1 mit Oistrach/Leningrader PH/Mrawinsky - Aufnahme 1956 (Mono)
      Schostakowitsch: Violinkonzert Nr.2 mit Oistrach / Moskauer PH/Roshdestwensky - Aufnahme 1968 (Stereo)
      Brillant, ADD


      Lieber Hans,

      Leonid Kogan ist mir kürzlich schon beim Khatchaturian-VC als fabelhaft gespannter Solist positiv aufgefallen, der Oistrach auch dort in seinem Wohlklang deutlich übertrifft. Leider auch hier sehr historischer Klang, sodass ich mir das nach so vielen fabelhaften TOP klingenden Aufnahmen verschmerzen kann. Interessant das Victoria Mullova in die gleiche Richtung geht, wie Kogan ! Diese VC-Aufnahme kenne ich nämlich nicht und habe sie mir auch verkniffen, weil :whistling: Previn auf dem Cover steht ...
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      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • teleton schrieb:

      Von daher habe ich natürlich eine relativ grosse Anzahl von Aufnahmen der beiden VC. Nur die Aufnahmen, die mir weniger zugesagt haben, habe ich auch wieder abgesetzt:
      Dazu gehört die Aufnahme mit Hope/M.Schostakowitzsch (Warner), die mir kurz gesagt zu wenig Aussagekraft hatte.
      Tja, das höre ich ziemlich anders. Ich finde Hopes Darstellung - auch in der Passacaglia - sehr spannend. Maxim Schostakowitsch habe ich beim Dirigat der Werke seines Vaters immer eher zurückhaltend erlebt. Der baut nie einen solchen Druck auf wie Kondraschin, Roschdestwenski, Swetlanow oder zum Teil Mrawinski. Manchmal finde ich das im Ergebnis wenig fesselnd - z. B. in seiner Prager Gesamtaufnahme der Symphonien - manchmal schafft er es aber für mein Empfinden, trotz einer gewissen Zurückhaltung und wohl vor allem kraft einer sehr detaillierten Darstellung, mehr als genug Intensität aufzubauen, so in manchen seiner alten Londoner Symphonie-Aufnahmen für Collins und für meinen Geschmack auch bei den Cellokonzerten mit Schiff und den Violinkonzerten mit Hope.

      Auf Deine Meinung zu Stadler bin ich gespannt. Ich habe das mal so empfunden:

      Tatsächlich stockt einem der Atem, wenn man den Kernsatz des Schostakowitsch-Konzerts, die Passacaglia mit der ausgedehnten Solo-Kadenz, so gespielt hört wie hier von Sergej Stadler. Phasenweise geradezu dreckig, am Steg kratzend, mit extremer Deklamation wird der Notentext umgesetzt, mehr als das, vielfach neu- und nachgeschaffen - in den anderen Sätzen übrigens weniger extrem. Rawil Martinow nimmt den Ansatz Stadlers im Orchester auf. Das Konzert, zumindest die Passacaglia, wird so zum Fanal, klarer kann eine Botschaft nicht sein. Das fasziniert. Beim ersten Hören. Irgendwann jedoch nutzt sich dieser Stil ab, zumindest bei mir. Es entsteht das unangenehme Gefühl, da wolle jemand einen gewaltsam auf etwas hinstoßen, der Eindruck des Marktschreierischen, der fehlenden Distanz.
      Mag ein Leonid Kogan dieses Werk ein wenig kühl spielen, mag ein David Oistrach fast schon zu makellos an die Bitterkeit des Konzerts herangehen, für mein Empfinden transportieren beide in ihren Interpretationen ohne aufgesetzte lautstarke Effekte die emotionalen Abgründe dieser Musik klar zum Hörer, wahrscheinlich auch eher im Sinne des Komponisten, der ein überaus zurückhaltender, unprätentiöser Interpret zumindest seiner Klavierwerke war.
      Eine gute Erklärung für die Grenzüberschreitungen Stadlers mag dessen jugendliches Alter von 21 Jahren bei der Einspielung gewesen sein, noch dazu im Live-Kontext. Leider entspricht die Klangtechnik den Erwartungen an eine sowjetische Aufnahme aus den 1980er Jahren: unnatürliche Präsenz des Solisten, zu viel Hall und ein etwas enges Spektrum. Ich finde, man sollte diese Aufnahme kennen und sich ein eigenes Urteil bilden. Auf Oistrach und Kogan sollte man allerdings nicht verzichten, wenn man das Schostakowitsch-Konzert kennen und lieben lernen möchte.
    • RE: Maxim Schostakowitsch

      Braccio schrieb:

      Maxim Schostakowitsch habe ich beim Dirigat der Werke seines Vaters immer eher zurückhaltend erlebt.

      Lieber Braccio,

      mit Maxim Schostakowitsch habe ich schon atemberaubende unvergessene Konzerterlebnisse und Platten erlebt. Bonn hatte in den 80er-Jahren mal für längere Zeit keinen festen Chefdiri. Das war eine TOP-Konzert-Zeit, weil in diesen Jahren alle Möglichen bekannten Dirigenten zu Gast in der Beethovenhalle waren. Darunter auch Maxim Schostakowitsch mit der Zehnten und Fünfzehnten. Seine Aufnahme der Fünfzehten mit der Moskauer PH (Eurodisc) war auch allererste Wahl !

      Aber genau wie Du sagst - - - die Prager GA (Supraphon) besitze ich bereits gar nicht mehr ... das Gleiche bei den Cellokonzerten mit Schiff, die mich ebenso wenig angesprochen haben. Ich finde - kein Vergleich mit den Rostropowitsch-Aufnahmen (CC1 mit Ormandy bei SONY und CC2 mit Ozawa bei DG).

      :thumbsup: Aber eine Aufnahme mit Maxim Schostakowitsch des VC Nr.1 war für Jahre meine absoluter Favorit; die finde ich auch ganz herausragend und so packend, wie ich mir das wünsche - mit IgorOistrach , dem Sohn von David (Eurodisc, Moskau 1972). Es ist ja auch keine Westaufnahme , sondern mit dem Grossen RSO Moskau (Was nicht unerheblich ist, weil die Jungs dort einfach mehr Druck aufbauen und der Orchesterklang für Schost stimmiger wirkt !).
      Ich habe davon "nur" die Eurodisc-LP, denn als CD habe ich die Platte nie bekommen/gesehen.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich habe das erste Konzert auf "Russian Revelation" RV 10084, Kogan mit Kondrashin, angeblich vom 3. Oktober 1966. Ist die vielleicht identisch mit einer der schon angeführten Aufnahmen/Mitschnitte dieser Kombination oder noch eine weitere?
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Vengerov/Rostropowitsch war meine erste CD vom Ersten. Ich habe Vengerov mit diesem Konzert auch zweimal live erlebt, in der Hamburger Musikhalle und in der Londoner Royal Albert Hall (mit Simon Rattle). Vengerov ist sicherlich ein sehr guter Tipp. (Man hört garnichts mehr von ihm?)

      Heute bevorzuge ich eher



      Beim Zweiten finde ich



      sehr ansprechend.

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Die erwähnten Kogan-Aufnahmen mit Kondraschin dürften alle identisch sein. Es gibt sie auch noch in dieser Ausgabe, die ich habe, die aber bei den Fantasiepreisen angesichts der von Doc Stänker erwähnten günstigeren Kogan-Box keiner mehr kaufen wird:


      Die Aufnahme Oistrach/Kondraschin des zweiten Konzerts ist sicher auch immer die gleiche und egal in welcher Auflage wohl ein Muss.
      Die Kremer-Aufnahme von Nr. 2 kenne ich nicht. Ich schleiche schon länger um diese Box herum, die auch das VK Nr. 1 mit Mullova enthält:


      Wenn ich nicht die Cellokonzerte mit Schiff schon hätte und mir von den Klavierkonzerten in den kompilierten Einspielungen mehr erwarten würde ...
      Und Du bevorzugst bei Nr. 1 tatsächlich Sarah Chang, lieber Maticus? Die hatte ich bisher überhaupt nicht auf dem Schirm.
    • Braccio schrieb:

      Und Du bevorzugst bei Nr. 1 tatsächlich Sarah Chang, lieber Maticus? Die hatte ich bisher überhaupt nicht auf dem Schirm.

      Als ich mal längere Zeit im Ausland war, "musste" ich irgendwann das 1. Violinkonzert hören, hatte aber die Vengerov-CD nicht dabei. Ich habe dann im örtlichen CD-Laden die Chang-Aufnahme gekauft, sozusagen als Notnagel. Aber ich war außerordentlich angenehm überrascht. (Ich hatte, voller Vorurteile, befürchtet, dass eine so junge Frau nicht die Tiefe des Konzerts ergründen kann; aber das war völlig falsch!)

      Auf der von Dir genannten Box ist ja auch das 2. Konzert mit Kremer/Ozawa. Und die Mullova, die würde mich auch interessieren (gibt es ansonsten nur noch als CD-R "on demand"). Insofern ist die Box sicherlich ein guter Tipp.

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Verständlich, eine längere Zeit ohne das erste Violinkonzert ist schwer zu ertragen ;+)
      Na, dann werde ich mir Frau Chang mal merken.
      Junge Damen, die mich mit dem Werk weniger gepackt haben:


      Sehr schnell, technisch perfekt, aber doch irgendwie zu wenig intensiv für mich.


    • Braccio schrieb:

      Die erwähnten Kogan-Aufnahmen mit Kondraschin dürften alle identisch sein.

      Sind sie nicht. Die Russian Disc Aufnahme ist, wie gesagt, von 62, eine Supraphon -Aufnahme ist von 64, und die Revelation ist von 66.Wobei die Supraphon -Aufnahme durchaus die 62 sein kann, da die Zeiten sehr ähnlich sind. In jedem Fall sicher ist eine 62er und eine 66er Einspielung .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
    • Lieber Braccio,

      von Hilary Hahn kenne ich nur eine DVD (Berliner Phil., Mariss Jansons). Empfand ich auch als technisch perfekt, aber emotional kühl. Baiba Skride finde ich da besser. Ebenso Lisa Batiashvili.

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Dank der Daniel Hope-Aufnahme hätte ich die Schostakowitsch-Konzerte beinahe aus den Augen verloren. Wiedergefunden habe ich sie dann durch die Brillant-Box, die auch bereits gezeigt wurde.
      Lieben lernte ich das 1.Konzert dann mit Hilary Hahn, bei der ich die Gefühlskälte nicht so spüre wie wohl andere hier.

      Aber aktuell meine Lieblingseinspielung und aus mir unverständlichen Gründen hier zu Unrecht noch gar nicht erwähnt: Lydia Mordkovich zusammen mit Neeme Järvi, 1989 bei Chandos erschienen:


      Für meine merkwürdigen Ohren stimmt hier alles: Tempo und Präzision, Emotion und Balance, Deutlichkeit der Orchesterstimmen ohne Dominanz über die Geige. Hört mal rein!
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)