Film - Schwarz/Weiß oder in Farbe?

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    • Film - Schwarz/Weiß oder in Farbe?

      Hallo!

      Eigentlich eine recht schlichte Frage, möchte man meinen, aber es gibt doch sehr viele verschiedene Gründe, die sich für s/w oder für den Farbfilm aussprechen. (Mit Farbfilm meine ich hier aber NICHT nachkolorierte Filme!)

      Wäre der Film Noir in Farbe denkbar, würde er überhaupt in Farbe funktionieren? Wären Filme von Chaplin in Farbe denkbar, oder Filme wie "Citizen Kane"?

      Mögt ihr beide Varianten, oder könnt ihr mit s/w oder mit Farbfilm überhaupt nichts anfangen?

      Und, eine zumindest für mich ganz wichtige Frage: welche Vorteile hat s/w gegenüber dem Farbfilm, was ist damit möglich, was der Farbe nicht möglich ist? Wirken vielleicht Gefühle in s/w "echter"? Ist s/w vielleicht sogar ästhetischer?

      Was denkt ihr?
    • merkatz schrieb:

      Wäre der Film Noir in Farbe denkbar, würde er überhaupt in Farbe funktionieren? Wären Filme von Chaplin in Farbe denkbar, oder Filme wie "Citizen Kane"?

      Mögt ihr beide Varianten, oder könnt ihr mit s/w oder mit Farbfilm überhaupt nichts anfangen?

      Und, eine zumindest für mich ganz wichtige Frage: welche Vorteile hat s/w gegenüber dem Farbfilm, was ist damit möglich, was der Farbe nicht möglich ist? Wirken vielleicht Gefühle in s/w "echter"? Ist s/w vielleicht sogar ästhetischer?

      Zuerst muss man sich wohl fragen, wenn Chaplin die Möglichkeit gehabt hätte seine Filme in Farbe zu drehen, vielleicht hätte er es ja auch getan, aber er hatte die Wahl nicht, demnach ist das sowieso was ganz anderes als wenn man heute zB einen Regissuer fragen würde, was er bevorzugt.
      Auch hier würde ich, wie bei den historischen Musikaufnahmen, sagen, es kommt doch letztlich auch auf den Film an. Viele alte s/w Filme können wir uns nur deswegen so schwer in Farbe vorstellen, weil wir sie eben nur ohne Farbe kennen. Viele Farbfilme kann ich mir auch ganz schlecht in s/w vorstellen, hat auch mit Gewohnheit zu tun.
      Ich gebe zu, dass s/w mir persönlich immer eine besondere Ästhetik vermittelt (acuh in der Fotografie) und ich glaube, wenn man es heut einsetzt, hat es vor allem mit stilisierter Ästhetisierung zu tun. Filme mit symbolischen, metaphorischen Kontexten eignen sich dafür. Dabei geht es um starke Kontrastierung sowie den Einsatz von Licht und Schatten, ich denke da nur an so Filme wie Laughtons "Nigth of the Hunter", Orson Welles "Macbeth", manche Kurosawa-Filme oder neuere Produktionen wie "Eraserhead" von David Lynch, Tsukamotos "Tetsuo" oder "Pi" von Darren Aronofsky.
      Nicht jeder s/w Film (besonders die alten) ist nicht gleich ein Kunstwerk, weil die Farbe nicht da ist.
      Farbe kann ebenso virtuos einegsetzt werden (und hat dann Sinn über die bloße Tatsache hinaus), ich sag nur "Rote Wüste" von Antonioni oder unlängst sogar bei "Sin City"
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Schwarz/Weiß Film ist eine Kunst in sich. Die Frage: Schwarz/Weiß oder Farbe ist wie Kammer- oder Orchestermusik.

      Was ist festgestellt habe, ist, daß ich einige Farbfilme in Schwarz-Weiß kennengelernt habe (auf dem Fernseher damals) und daß sich diese Fassung in meine Erinnerung eingeprägt hat. Jetzt habe ich ein seltsames Gefühl, wenn ich La Princesse de Clèves (Jean Marais, Marina Vlady) oder Max Ophüls' Lola Montès in Farbe sehe, um zwei Beispiele zu nennen. Irgendwie ist es für mich nicht das Richtige.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Succubus schrieb:

      Zuerst muss man sich wohl fragen, wenn Chaplin die Möglichkeit gehabt hätte seine Filme in Farbe zu drehen, vielleicht hätte er es ja auch getan
      Da bin ich mir nicht ganz so sicher; er war ja auch einer derjenigen, die strikt gegen den Tonfilm waren, und in seinem Film "Moderne Zeiten", als der Tonfilm schon üblich war, verzichtet er bis auf kleine Ausnahmen ganz auf das gesprochene Wort.

      Ich selber finde ja, dass ein Gesicht in Großaufnahme, wenn es irgendein Gefühl vermitteln soll, in s/w viel besser zur Geltung kommt als in Farbe - erklären kann ich das aber leider nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man nicht von der Farbe abgelenkt ist, dass man sich mehr auf den Gesichtsausdruck konzentrieren kann, wenn die Farbpalette derart eingeschränkt ist.
    • Philbert schrieb:

      Schwarz/Weiß oder Farbe ist wie Kammer- oder Orchestermusik.
      Gut dass du das ansprichst, weil hier gibt es natürlich ein berühmtes Beispiel: Hitchcocks Psycho.

      Hitchcock hat hier auch auf die längst übliche Farbe verzichtet (1960) und den Film komplett in s/w gedreht - und "passend" dazu hat der Komponist Bernard Hermann (ich hoffe ich schreibe ihn jetzt richtig) auch die musikalischen Mittel reduziert und lässt nur ein paar Streicher spielen, sonst nichts.
    • Es gibt ja auch heute noch Filme, die ganz bewußt in Schwarz-Weiß produziert werden, z. B. Das weiße Band (Michael Haneke) oder, ganz aktuell: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Edgar Reitz). Letzteren sehe ich mir vielleicht morgen nachmittag an.

      Beide Filme spielen um bzw. vor 1914. Schwarz-Weiß als Stilmittel paßt m. E. ganz gut zur historischen Distanz.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • merkatz schrieb:

      Succubus schrieb:

      Zuerst muss man sich wohl fragen, wenn Chaplin die Möglichkeit gehabt hätte seine Filme in Farbe zu drehen, vielleicht hätte er es ja auch getan
      Da bin ich mir nicht ganz so sicher; er war ja auch einer derjenigen, die strikt gegen den Tonfilm waren, und in seinem Film "Moderne Zeiten", als der Tonfilm schon üblich war, verzichtet er bis auf kleine Ausnahmen ganz auf das gesprochene Wort.

      Schließlich hat er aber doch noch Tonfilme gemacht, wo der Ton sogar offensichtlich wichtig ist zB "Der große Diktator". Das er anfänglich skeptisch gegenüber Neuem war, ist noch kein Argument, eines höher zu bewerten als das andere, ich bin sicher er hätte schließlich auch Farbfilme gedreht.

      merkatz schrieb:

      Hitchcock hat hier auch auf die längst übliche Farbe verzichtet (1960) und den Film komplett in s/w gedreht

      Und das wird gewiss stilistische Gründe gehabt haben. Trotzdem hat er ebenso Farbfilme gedreht und die wird wohl niemand deswegen schlechter bewerten.
      Es kommt doch eben auf den Film an und das was man transportieren will.

      Philbert schrieb:

      Was ist festgestellt habe, ist, daß ich einige Farbfilme in Schwarz-Weiß kennengelernt habe (auf dem Fernseher damals) und daß sich diese Fassung in meine Erinnerung eingeprägt hat. Jetzt habe ich ein seltsames Gefühl, wenn ich La Princesse de Clèves (Jean Marais, Marina Vlady) oder Max Ophüls' Lola Montès in Farbe sehe, um zwei Beispiele zu nennen. Irgendwie ist es für mich nicht das Richtige.

      Das ist, was ich mit Gewöhnung meine. Wenn du diese Filme von Anfang an immer in Farbe gesehen hättest, würdest du diese Gedanken wohl eher nicht haben.
      Als Kind habe ich auch immer gedacht früher sei die ganze Welt s/w gewesen, weil eben Fotos und Filme nur s/w waren. Als ich das erste Mal bunte Fotos aus der Vorkriegszeit gesehen habe, konnte ich das samals gar nicht realisieren. Und damit hängt sicher auch das zusammen :

      Gurnemanz schrieb:

      Schwarz-Weiß als Stilmittel paßt m. E. ganz gut zur historischen Distanz.

      Die frühere Welt, g´Geschichte ist sozusagen so sehr mit dem s/w Bild verbunden, dass uns sowas manchmal glaube ich sogar realistischer erscheint, einfahc nur, weil es s/w ist.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Succubus schrieb:

      Das er anfänglich skeptisch gegenüber Neuem war, ist noch kein Argument, eines höher zu bewerten als das andere
      Ob er seine Skepsis dem Tonfilm gegenüber (der ja auch massenweise Leute arbeitslos gemacht hat!) abgelegt hat, kann ich nicht sagen, ich kenne Chaplin nicht persönlich.

      Tonfilm oder nicht - das wäre ein eigenes Thema für sich.

      Succubus schrieb:

      ich bin sicher er hätte schließlich auch Farbfilme gedreht.
      Das möchte ich noch ergänzen: er hätte sicher welche gedreht - hauptsächlich deswegen, weil er sie drehen hätte MÜSSEN, die die Studios am Profit interessiert sind, und damit rechnen mussten, dass die Leute sich s/w Filme nicht mehr ansehen werden, weil es eine "bessere" Alternative gab, nämlich den Farbfilm.

      Ist so ähnlich wie bei den Schellackplatten: nachdem um 1925 die elektrischen Aufnahmen auf den Markt kamen, schlugen diese ungeheuer ein, und keine Plattenfirma hätte einem Künstler, der akustisch aufnehmen wollte, erlaubt, das zu tun, weil die Gefahr groß war, dass sich das keiner mehr kauft.
    • merkatz schrieb:

      ich kenne Chaplin nicht persönlich.

      Tatsächlich? Hätte ich nicht für möglich gehalten.

      merkatz schrieb:

      Succubus schrieb:

      ich bin sicher er hätte schließlich auch Farbfilme gedreht.
      Das möchte ich noch ergänzen: er hätte sicher welche gedreht - hauptsächlich deswegen, weil er sie drehen hätte MÜSSEN, die die Studios am Profit interessiert sind, und damit rechnen mussten, dass die Leute sich s/w Filme nicht mehr ansehen werden, weil es eine "bessere" Alternative gab, nämlich den Farbfilm.

      Mag ja alles richtig sein, aber das heißt noch immer nicht, dass der s/w Film deswegen grundsätzlich besser ist als der Farbfilm.

      merkatz schrieb:

      Ich selber finde ja, dass ein Gesicht in Großaufnahme, wenn es irgendein Gefühl vermitteln soll, in s/w viel besser zur Geltung kommt als in Farbe - erklären kann ich das aber leider nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man nicht von der Farbe abgelenkt ist, dass man sich mehr auf den Gesichtsausdruck konzentrieren kann, wenn die Farbpalette derart eingeschränkt ist.

      Im realen Leben lenken dich die Farben doch sicher auch nicht vom Gesichtsausdruck der Menschen in deinem Umfeld ab. Ich denke, dass hat in Filmen viel mehr mit dem Einsatz von Licht und dem Können der Schauspieler zu tun als mit oder ohne Farbe.
      Was ich zugestehe ist, dass s/w oft dramatischere Schatten in Gesichter werfen kann; Josef von Sternberg war ein Meister auf diesem Gebiet.
      "Allwissende! Urweltweise!
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    • Succubus schrieb:

      Tatsächlich? Hätte ich nicht für möglich gehalten.
      Ich weiß, deswegen sage ich es dir ja.

      Succubus schrieb:

      Mag ja alles richtig sein, aber das heißt noch immer nicht, dass der s/w Film deswegen grundsätzlich besser ist als der Farbfilm.
      Hat auch keiner behauptet.

      Succubus schrieb:

      Im realen Leben lenken dich die Farben doch sicher auch nicht vom Gesichtsausdruck der Menschen in deinem Umfeld ab.
      Es geht hier aber um die Kunstform "Film", nicht ums reale Leben.
    • Der Schwarzweißfilm resultiert durch seine Beschränkung auf Tonwerte und seine im Durchschnitt stärkere Abhängigkeit von der Lichtgestaltung in einer stärkeren Stilisierung bzw. einem cum grano salis reduzierten Realismus. Natürlich gibt es auch Überschneidungen mit der Ästhetik des Farbfilms, aber an sich sind das zwei verschiedene Schuhe.

      Bei Dokumentationsfilmen kann eine professionell durchgeführte nachträgliche Kolorierung durchaus einen Gewinn bedeuten. Ansonsten ist Vorsicht geboten, weil das wohl nur selten funktioniert und große Könnerschaft erfordert.

      Man kann aber Arbeiten von Regisseuren vergleichen, die mit Schwarzweiß begonnen haben und später auf Farbe wechselten. Ebenso kann man Remakes mit dem Original vergleichen. Zur ersten Möglichkeit fällt mir Fritz Lang ein: Sein "Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" zeigen vielfach noch deutlich ein Konzept, das von einem Schwarzweißempfinden ausgeht - Lang hat in Farbe bei weitem nicht das qualitative Niveau erreicht wie seinerzeit. Beispiel für die zweite Variante: "Opernball". Die Neuverfilmung aus den fünziger Jahren hat ihre eigenen Meriten, aber der SW-Film hat einen "altväterischen" Charme, den man später einfach nicht erreicht hat, vielleicht auch nicht so anstrebte.
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      Der Schwarzweißfilm resultiert durch seine Beschränkung auf Tonwerte und seine im Durchschnitt stärkere Abhängigkeit von der Lichtgestaltung in einer stärkeren Stilisierung bzw. einem cum grano salis reduzierten Realismus.
      Das ist interessant! Darauf werde ich beim nächsten s/w Film einmal achten ... habe ich das richtig verstanden: beim s/w Film musste man das Licht anders nützen, so dass diese Filme heute kunstvoller wirken?
    • Succubus schrieb:


      Zuerst muss man sich wohl fragen, wenn Chaplin die Möglichkeit gehabt hätte seine Filme in Farbe zu drehen, vielleicht hätte er es ja auch getan, aber er hatte die Wahl nicht, demnach ist das sowieso was ganz anderes als wenn man heute zB einen Regissuer fragen würde, was er bevorzugt.

      Zumindest "Die Gräfin von Hongkong" ist ein Farbfilm. Aber das ist auch nicht gerade Chaplins bestes Werk.
    • merkatz schrieb:

      beim s/w Film musste man das Licht anders nützen, so dass diese Filme heute kunstvoller wirken?
      Ein ganz einfaches Beispiel: zwei Flächen unterschiedlicher Farbe können in Schwarzweiß dieselbe Graustufe ergeben.
      Der Farbfilm braucht selbstverständlich eine gute Lichttechnik, aber in S/W wird es zur richtigen Kunst, die Graustufen so zu bekommen, daß man einen bestimmten Effekt, eine bestimmte Stimmung erzeugt, vor allem daher, daß man die Welt in Farbe sieht und sich ausdenken muß, wie es in S/W abgebildet wird.

      Anderes Beispiel: eine Zusammensetzung unterschiedlicher Farben kann den Eindruck von Harmonie erwecken, weil diese Farben gut zusammenpassen. In S/W photographiert kann man Flächen mit unterschiedlichen Graustufen bekommen, die scharf voneinander getrennt sind, und somit einen Eindruck von Härte haben.
      Daraus eine harmonische Szene zu machen, wird vielleicht den Einsatz unterschiedlicher Lichtquellen in bestimmten Intensitäten benötigen, die man in dieser Situation in real life nie hätte.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      merkatz schrieb:

      beim s/w Film musste man das Licht anders nützen, so dass diese Filme heute kunstvoller wirken?
      Ein ganz einfaches Beispiel: zwei Flächen unterschiedlicher Farbe können in Schwarzweiß dieselbe Graustufe ergeben.
      Der Farbfilm braucht selbstverständlich eine gute Lichttechnik, aber in S/W wird es zur richtigen Kunst, die Graustufen so zu bekommen, daß man einen bestimmten Effekt, eine bestimmte Stimmung erzeugt, vor allem daher, daß man die Welt in Farbe sieht und sich ausdenken muß, wie es in S/W abgebildet wird.

      Anderes Beispiel: eine Zusammensetzung unterschiedlicher Farben kann den Eindruck von Harmonie erwecken, weil diese Farben gut zusammenpassen. In S/W photographiert kann man Flächen mit unterschiedlichen Graustufen bekommen, die scharf voneinander getrennt sind, und somit einen Eindruck von Härte haben.
      Daraus eine harmonische Szene zu machen, wird vielleicht den Einsatz unterschiedlicher Lichtquellen in bestimmten Intensitäten benötigen, die man in dieser Situation in real life nie hätte.
      Sehr gut erklärt, danke!
    • Da ich als Kind ziemlich lange mit dem Schwarz-Weiß-Fernsehen aufgewachsen bin, fand ich zunächst die Farbfilme tendenziell künstlich... das traf allerdings auf die TV-Qualität um 1980 wohl auch tatsächlich zu; die Farben waren oft unrealistisch grell.
      Einer meiner Favoriten von Hitchcock ist "Spellbound"/"Ich kämpfe um dich" und den hätte man in Farbe wohl ganz anders machen müssen.
      Aber ich bin kein Cineast und habe leider nur sehr vereinzelt berühmte SW-Filme auf der Kinoleinwand gesehen. Fernsehen ist halt bei vielen Sachen nur ein Abklatsch.
      Mir fallen spontan etliche großartige Licht/Schatten-Effekte und beeindruckende SW-Filme ein- zB dieses mondartig weiß leuchtende Gesicht von Welles in The Third Man und anderswo, das regenglänzende nächtliche Paris in "Fahrstuhl zum Schaffott" (den habe ich sogar mal im Kino gesehen).
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Philbert schrieb:

      Max Ophüls' Lola Montès in Farbe sehe, um zwei Beispiele zu nennen. Irgendwie ist es für mich nicht das Richtige.

      Wie schade - es ist so ein wunderbarer Farbfilm... ;(

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      Chaplin drehte nur einen Farbfilm: Die Gräfin von Hongkong. Er verwendete auch nie das Scopeformat, sondern blieb möglichst dem Stummfim-Format 1,33:1 treu (Gräfin ist der einzige Film, der als 1,85:1 projiziert wurde). Die Kurzfilme für Keystone, Essanay und Mutual waren höchstens viragiert (wenn überhaupt), zumal der Farbfilm damals noch in der unausgereiften Entwicklungsphase war.

      Chaplin hätte frühestens ab Goldrausch einzelne Szenen in Farbe drehen können, wenn er es gewollt hätte (Zweifarben-Technicolor); er war ein Perfektionist und verwendete nur das, was absolut ausgereift war. Aber wie beim Ton war er auch von der Farbe nicht sonderlich begeistert, wenn ich mich richtig entsinne.

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      Es gibt Sujets, die leben entweder von der Farbe oder vom Schwarzweiß. Der Film noir lebt natürlich vom diesem SW, welches die Welt auf eine Art und Weise stilisiert, die der Kriminalhandlung eine besondere zweite Ebene verschafft. Andererseits muß ein Melodram einfach schreiende Farben haben.

      In dieser Hinsicht finde ich einen Film so treffend, obwohl er an sich als sehr schwach gilt: Flash Gordon (1980). Man mag über die sonstigen Qualitäten die Nase rümpfen - aber die Künstlichkeit seiner Farbpalette paßt perfekt zu dieser Comic-Verfilmung.

      Für mich ist das Dreifarben-Technicolor in seiner konsequenten Knalligkeit und Künstlichkeit die schönste Wiedergabe des Farbfilms: u.a. wurden Vom Winde verweht und Der Zauberer von Oz damit gedreht. Dieses Farbsystem war auch nicht einfach zu drehen, da es deutlich mehr Licht erforderte, und die Farben mußten sorgfältig ausgewählt werden - es gab Farbtöne, die sahen auf der Emulsion anders aus als in Natura, und da mußte man schon eine Menge tricksen.

      Bei Agfacolor weiß ich, daß schon die Stellung der Sonne das Grün einer Wiese anders wirken lassen konnte. Somit war auch die Stellung der Lampen sehr wichtig. Doch heutzutage sieht man aber auch, welche vollendete farbliche Illusionen die Kameramänner ermöglichen konnten. Seht euch Filme wie Die roten Schuhe (Kamera: Jack Cardiff), Die zehn Gebote (K: Loyal Griggs), Duell in der Sonne (K: Ray Rennahan) oder Die Fahrten des Odysseus (K: Harold Rosson) an - beeindruckende Beispiele großartiger Farbdramaturgie.

      1956 photographierte Oswald Morris Moby Dick in einer reduzierten Farbpalette, die wie Kolorierungen alter Photos aussah. Dieser Mann beendete seine Karriere übrigens mit Der dunkle Kristall, einem Fantasyfilm, der zu den visuell schönsten Werken der 1980er Jahre gehört.

      Argentos Suspiria wurde übrigens als letzter europäischer Film in Technicolor gedreht und entwickelt, auch wenn die Kinokopien in Eastmancolor gezogen wurden. Ein Film mit einer intensiven Farbdramaturgie, die damals kein anderer Filmemacher mehr verwendete.

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      Ich würde nie hingehen und den Filmemachern vorwerfen, warum sie in SW oder in Farbe gedreht haben. Zumeist waren die Entscheidungen auch künstlerisch vertretbar, wenn sie nicht nur einfach eine Frage des Budgets waren. Farbfilm war bis etwa 1967 deutlich teurer als SW; danach war es eher eine Frage der visuellen Konzeption.

      An SW gefallen mir die Grauabstufungen, die soviel Tiefe entwickeln können - die klare Struktur der Grauverläufe, die eine ganz eigene Dynamik enthalten. Speziell beim Stummfilm, der bestimmte Farbbereiche noch nicht als Grau erfassen konnte, hat man eine besondere Struktur, die durch ihr SW eine hohe Schärfe und Klarheit ermöglicht (vorausgesetzt, man hat eine gut erhaltene Quelle). Durch die Lichtgestaltung hat man damals auch einen besonderen Glanz erreichen können, der im Tonfilm sehr schnell verschwand. Mit dem Ton kam auch eine gewisse Annäherung an die Wirklichkeit im Bild.

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      Man kann Gefühle überall transportieren - egal, ob in Farbe oder SW. Ob sie echter sind, ist eigentlich nicht davon abhängig. Aber SW war ja nie das Abbild der Wirklichkeit, weil ein Mensch in der Regel die Welt farbig sehen kann. Allerdings ist auch die Farbe selten als eine einfache Abbildung der Wirklichkeit verwendet worden. Seht euch Vertigo an - der Film verwendet eine der ausgefeiltesten Farbdramaturgien der gesamten Filmgeschichte.

      SW oder Farbe - ich sage: beides! :yes:


      jd :wink:
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    • merkatz schrieb:

      Hitchcock hat hier auch auf die längst übliche Farbe verzichtet (1960) und den Film komplett in s/w gedreht - und "passend" dazu hat der Komponist Bernard Hermann (ich hoffe ich schreibe ihn jetzt richtig) auch die musikalischen Mittel reduziert und lässt nur ein paar Streicher spielen, sonst nichts.
      Lassen wir mal die Legende weg.
      Hitch hat diesen zu Recht berühmten Film aus Kostengründen von seinem Fernsehteam drehen lassen und selbst finanziert.
      Das war halt dann "nur" s/w, wie im damaligen Fernsehen üblich, und es war im Nachhinein die völlig richtige Entscheidung.

      Herrmann hatte aus denselben Gründen nur Mittel für ein kleines Orchester.
      Herrmann war allerdings DER Meister aller Meister, aus noch so mickrigen Mitteln ein Optimum herauszuholen.
      Das war seine Spezialiät, auch als Komponist hat er sich stets zurückgehalten.
      Bei Herrmann war weniger immer mehr, dienlich für den Film etc. , ein Meister halt.

      Er hat sich dann aus Kostengründen für ein Streichorchester entschieden und hat aus Zeitgründen entscheidende Teile seiner Sinfonietta for Strings (1935) eingearbeitet.

      Das ist die Wahrheit, alles andere ist eine Legende.

      Die Legende ist natürlich klasse:
      Sie besagt, daß aus dramaturgischen Gründen Hitch nur s/w drehen ließ und Herrmann dann eine ebensolche s/w Musik -Streicher alleine halt-komponierte.

      Ist schön, kommt hin, ist aber völlig falsch.

      Hitch hat sich aus Kostengründen auf ein Minimum zurückziehen müssen, Herrmann hätte gar keine Mittel für ein vollständiges Orchester gehabt.
      Und so haben beide Ihre jeweilige Kreativität voll ausspielen müssen.

      Das Resultat ist einer der besten Filme aller Zeiten mit einem der überzeugendsten Music-Scores aller Zeiten.

      P.S. @merkatz Herrmann, Bernard
    • Michael Schlechtriem schrieb:

      Hitch hat sich aus Kostengründen auf ein Minimum zurückziehen müssen, Herrmann hätte gar keine Mittel für ein vollständiges Orchester gehabt.
      Das wusste ich gar nicht, ich dachte, das sei voll beabsichtigt, besonders, weil Herrmann z.B. zwei Jahre vorher in "The 7th Voyage of Sinbad" noch ein Orchester zur Verfügung hatte.
      Ich hatte meine Info aus dem bei Reclam erschienen Buch "Klassiker der Filmmusik", wo gesagt wurde, dass, so wie Hitchcock auf Farben beim Film verzichtete, Herrmann auf die Klangfarben eines Orchesters verzichtete. Schade dass da offenbar was falsches geschrieben wird :(

      Michael Schlechtriem schrieb:

      Das Resultat ist einer der besten Filme aller Zeiten mit einem der überzeugendsten Music-Scores aller Zeiten.
      Absolut!