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    • Lieber Jürgen,

      Allerdings war der Werther "welthaltig" in dem Sinne, dass da nicht nur Gefühle zur Sprache kamen, sondern vielfältigste Erfahrungen zum Ausdruck gebracht und verschiedene Charaktere geschildert wurden. Und Goethe war auch schon 25.


      Ja, er war "schon" 25 Jahre alt. Trotzdem würden wir aus heutiger Sicht seine Kompomisslosigkeit als pubertär bezeichnen. Und genug Menschen, vor allem Männer, haben in jungen, sehr jungen Jahren, sein Werk zum Anlass genommen, sich zu suizidieren.

      LG Mia

      Die Leidenschaft unserer Gefühle kennt kein Alter, ob wir das Wahrhaben wollen oder nicht......

    • Nocturnus schrieb:

      In gewisser Weise sind seine hermetischen Gedichte für den Leser auch "Unsinn",
      Übrigens hat Celan sich immer sehr angegriffen gefühlt, wenn man seinen Gedichten Hermetik vorwarf und für manchen Leser mögen sie "Unsinn" sein, aber es dürfte mittlerweile ziemlich klar sein, daß Celan zwar manchmal dem einen oder anderen Leser dunkel bleibt, er aber nicht Worte dem Klang zuliebe "sinnlos" aneinanderreihte.


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Mia Wallace schrieb:

      Zitat
      Allerdings war der Werther "welthaltig" in dem Sinne, dass da nicht nur Gefühle zur Sprache kamen, sondern vielfältigste Erfahrungen zum Ausdruck gebracht und verschiedene Charaktere geschildert wurden. Und Goethe war auch schon 25.

      Ja, er war "schon" 25 Jahre alt. Trotzdem würden wir aus heutiger Sicht seine Kompomisslosigkeit als pubertär bezeichnen.

      Ich würde das nicht tun. Außerdem ist ja nicht Goethe "kompromisslos" gewesen, sondern der Romanheld und das Vorbild im richtigen Leben, Karl Wilhelm Jerusalem, er übrigens auch 25 Jahre zur Tatzeit.

      Und genug Menschen, vor allem Männer, haben in jungen, sehr jungen Jahren, sein Werk zum Anlass genommen, sich zu suizidieren.

      Ich weiß. Aber ich weiß auch aus unmittelbarster Erfahrung, dass man auch in späteren Jahren den Suizid als einzig möglichen Ausweg sehen kann. Wenn die Verzweiflung groß ist, hilft auch die größere Lebenserfahrung nicht viel.

      Grüße,
      Jürgen
      --

      "Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
      Alfred Brendel

      "Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie
    • Ich würde das nicht tun. Außerdem ist ja nicht Goethe "kompromisslos" gewesen, sondern der Romanheld und das Vorbild im richtigen Leben, Karl Wilhelm Jerusalem, er übrigens auch 25 Jahre zur Tatzeit.


      Ich weiß.....

      Ich weiß. Aber ich weiß auch aus unmittelbarster Erfahrung, dass man auch in späteren Jahren den Suizid als einzig möglichen Ausweg sehen kann. Wenn die Verzweiflung groß ist, hilft auch die größere Lebenserfahrung nicht viel.


      Ja, auch das weiß ich leider auch aus persönlicher Erfahrung. Deshalb sollte man kein Gefühl gering schätzen, egal aus welchem Alter es entspringt. Aber da sind wir uns ja einig...

      LG Mia

    • Maldoror schrieb:

      In gewisser Weise sind seine hermetischen Gedichte für den Leser auch "Unsinn",

      Übrigens hat Celan sich immer sehr angegriffen gefühlt, wenn man seinen Gedichten Hermetik vorwarf und für manchen Leser mögen sie "Unsinn" sein, aber es dürfte mittlerweile ziemlich klar sein, daß Celan zwar manchmal dem einen oder anderen Leser dunkel bleibt, er aber nicht Worte dem Klang zuliebe "sinnlos" aneinanderreihte.

      Der Sinn in den Gedichten Celans ist allerdings auch kein unmittelbar benennbarer. Celan verstand seine Gedichte als "Flaschenpost", mit der er einer unbekannten Nachwelt Zeugnis über sein Menschsein ablegen konnte. Es gibt da einen sehr interessanten Vortrag von ihm. Celans Problem als Lyriker und auch als Mensch war die Kommunizierbarkeit seiner Erfahrungen.

      Die Genauigkeit, die sich in seiner Lyrik dokumentiert, musste er sich durch Unverständlichkeit erkaufen, die eine Nachkriegsgermanistik als "hermetische Lyrik", die nicht verstehbar sein will, völlig verkannt hat. Es wollte damals wohl auch keiner die zeitgeschichtlichen Anspielungen dechiffrieren.

      Bei Celan gibt es also durchaus viel Sinn, sobald man die diversen Zitaten und Anspielungen entschlüsselt hat, aber die Sinnebenen fügen sich nicht einen Gesamtsinn ein, den verweigert Celan. Seine Gedichte sind Ausdruck und Frage, aber nicht Sinn und Antwort.

      Die Entschlüsselung ist alles andere als leicht, im Grunde kann man Celan nur mithilfe von Interpretationen verstehen. Vor langer Zeit habe ich einmal die Dissertation eines Freundes über die erotische Lyrik von Celan korrekturgelesen und neben dem, was er schon aus der Sekundärliteratur wusste und dem, was er selbst aufgeschlüsselt hatte, eigene Entdeckungen beigetragen. Ein einzelner Leser kann also unmöglich der Lyrik Celans durch bloße Lektüre gerecht werden. Das ist kein schöner Zustand, aber eben die unvermeidliche Konsequenz aus Celans Poetik, die aus den privatesten Erfahrungen ihre Metaphern und Chiffren bezogen hat.

      Grüße,
      Jürgen
      --

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      Alfred Brendel

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    • Nocturnus schrieb:

      Ich halte das "automatische Schreiben" der Surrealisten für einen Irrweg, daraus ist auch niemals Literatur oder Lyrik von Wert entstanden.


      Das ist aber ein apodiktisches Urteil. :wacko: Ich bin sehr anderer Meinung, bin aber skeptisch, ob ihr "automatisches Schreiben" immer so "automatisch" war. :D

      Maldoror schrieb:

      Zitat von »Nocturnus«
      In gewisser Weise sind seine hermetischen Gedichte für den Leser auch "Unsinn",
      Übrigens hat Celan sich immer sehr angegriffen gefühlt, wenn man seinen Gedichten Hermetik vorwarf und für manchen Leser mögen sie "Unsinn" sein, aber es dürfte mittlerweile ziemlich klar sein, daß Celan zwar manchmal dem einen oder anderen Leser dunkel bleibt, er aber nicht Worte dem Klang zuliebe "sinnlos" aneinanderreihte.


      Sehe ich auch so.

      Nocturnus schrieb:

      Ein Unsinnspoet von hohen Graden war auch der vor einigen Jahren verstorbene Oskar Pastior


      Den finde ich ja auch klasse und wunderbar witzig, aber nur "Unsinn" und "sinnfrei aneinandergereiht"? - Das mag eine Lesemöglichkeit sein, eine andere kann subtile poetische Beiträge zur Sprachphilosophie bei ihm entdecken. Letzteres wäre Pastior selbst, vorsichtig gesagt, nicht ganz fremd.

      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Ich halte das "automatische Schreiben" der Surrealisten für einen Irrweg, daraus ist auch niemals Literatur oder Lyrik von Wert entstanden.

      Das ist aber ein apodiktisches Urteil. :wacko: Ich bin sehr anderer Meinung, bin aber skeptisch, ob ihr "automatisches Schreiben" immer so "automatisch" war. :D

      Eben. ;+) Ich bezog mich auf die Theorie, die Praxis sieht ja bekanntlich oft anders aus. ;+) Aber um konkreter zu werden: an welche Autoren und Texte hast du gedacht?

      (Mein hier eingestelltes Gedicht verdankt sich ja auch zum Teil der écriture automatique, ich halte viel von gelenkter freier Assoziation, nur weniger von einer ungelenkten Assoziation, die sich so auch nicht durchhalten lässt.)

      Matthias Oberg schrieb:

      Zitat von »Nocturnus«
      Ein Unsinnspoet von hohen Graden war auch der vor einigen Jahren verstorbene Oskar Pastior

      Den finde ich ja auch klasse und wunderbar witzig, aber nur "Unsinn" und "sinnfrei aneinandergereiht"? - Das mag eine Lesemöglichkeit sein, eine andere kann subtile poetische Beiträge zur Sprachphilosophie bei ihm entdecken. Letzteres wäre Pastior selbst, vorsichtig gesagt, nicht ganz fremd.

      Jetzt verwechselst du aber das Stilprinzip von Pastiors Texten und seiner Lyrik mit ihrer hintergründigen Botschaft, die sich nur dem reflektierenden Bewusstsein erschließt. Würde diese Ebene fehlen, dann wäre auch der Witz seiner Sprachspielchen dahin. Du hast aber insofern Recht, als sich in Pastiors Texten versteckte (sprach)philosophische Anspielungen finden lassen, sie bilden aber nur eine Sinnebene unter vielen. Vielleicht sollten wir uns ein paar Texte gemeinsam näher ansehen.

      Grüße,
      Jürgen
      --

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    • Lieber Nocturnus,

      Die Gedichte von Anja Utler haben schon recht gut fassbare Botschaften. Über die kunstvoll ineinandergefügten, rhythmisch gefassten Wortfelder entsteht vor meinen Augen so etwas wie ein pointillistisches Gemälde, dass nah betrachtet nur einzelne Farbtupfer erkennen lässt, im Zusammenspiel aber einen komplexen Eindruck vermittelt. Die Worte sind hier nicht rein assoziativ ungefiltert aufs Papier gebracht, es gibt thematische Zusanmmenhänge. Das Gedicht, auf das Dein link verweist, hat für mich zudem eine bedrohliche Atmosphäre, die sich aus derGesamtheit der verwendeten Wörter ergibt.

      Dem pubertären Ungestüm der Jugend sei die Larmoyanz des Älteren mit Bezug auf eine große Dichterin gegenübergestellt:





      Ich lese in alten Texten
      und sehe sie wieder,
      brennend leuchtende Lupinen,
      fingerblumige, erlausche
      schwiegsame Schritte im
      tannenumstandenen Dunkel.

      Mag tackern die Pendeluhr,
      die gestundete Zeit
      in Halbsekundenschritten
      zerstückelnd.

      Denn ich spüre,
      auch ohne mich umzuwenden,
      den warmen Blick
      der mir bleiben wird
      für härtere Tage.



      Paulus
    • Lieber Paulus,

      ein wirklich schönes Gedicht, deine Reverenz an Ingeborg Bachmann!

      Noch immer kann ich nicht so recht den Unterschied zwischen Utler und dem, was mir vorschwebte erkennen; vielleicht, dass ich die Syntax nicht so zerstückelt habe wie sie. Bei Utler sieht der Leser zunächst keinen Sinn, er muss ihn aus den Sprachsplittern selbst konstruieren. Bei mir stellt die intakte Syntax einen scheinbaren Sinn her, der sich aber als grotesk-absurder Unsinn erweist. Jetzt müsste der Leser wie bei Utler versuchen, einen Schritt zurückzutreten und die disparaten Sinneinheiten zu größeren thematischen Sinneinheiten zusammenfügen. Auch bei mir sind die Worte nicht rein assoziativ aufs Papier gebracht worden. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint ... Aber richtig ist wohl, dass der Leser bei Utler eine größere Freiheit hat, sich eine eigene kohärente Vorstellungswelt aufzubauen.

      Mehr kann ich aber nicht dazu sagen, ich möchte auch nur ungern mein Gedicht weiter ausdeuten, das ist irgendwie witzlos. Es muss schon von selbst lebensfähig sein.

      "Botschaften" ist, finde ich, ein etwas zu großes Wort bei Utler, "Stimmungswelten" würde es meines Erachtens eher treffen.


      Grüße,
      Jürgen
      --

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    • Lieber Jürgen,

      mir kam es im vorigen Beitrag nicht so sehr darauf an, Unterschiede zwischen Deiner Art der Bearbeitung und der von Frau Utler herauszustellen. Solche Unterschied gibt es aber tatsächlich. Während Deine Worte zumindest den Eindruck freier Assoziation erwecken, die keiner Begrenzung unterworfen ist, sieht das bei Utler ganz anders aus: Hier wird ein bestimmtes Wortfeld abgearbeitet, zusammengefügt. Alle Verben in dem Gedicht ab der zweiten Zeile haben etwas mit auseinander scheiden, trennen zu tun:

      klaffen,

      also Beschreibung eines trennenden Zwischenraums


      triefen,
      im Zusammenhang mit dem See gesehen, trieft man, wnn man aus dem Wasser kommt, von ihm geschieden ist


      kiefer das: kinn aus dem schlick scheiden, trennen,

      bedarf keiner weiteren Erläuterung


      und: abschenkeln,
      merkwürdiges Wort, auseinanderziehen von Schenkeln stellt sich bei mir ein mit eindeutigen sexuellen Konnotationen,

      wieder die lippen sich auf, aus dem rohr schneiden,
      herausschneiden also


      schlitzen,


      die kehle zum gaumen hin bricht:

      Erbrechen? Oder schlimmer: körperliches Auseinanderbrechen?

      Das Gewaltsame des Gedichtes ist aufgrund dieses betonten Wortfeldes offenkundig.

      Steht im Zusammenhang mit der zu Beginn betonten Atemlosigkeit.


      Verstehst Du was ich meine? Der isolierte Sinn der Worte geht bereits immer in ein und dieselbe Richtung und wird rhythmisch und durch die Zusammenfügung zu einer Einheit verstärkt. Nun kannst Du sagen, auch Utler lässt sich die Worte zu einem Wortfeld assoziativ einfallen. Dann wäre immer noch der Unterschied, dass die Worte nicht frei, gesteuert nur aus dem Unterbewussten kommen, sondern in ihrer Auswahl der ordnenden begrenzenden Kontrolle des Verstandes unterliegen. Erst hiernach findet dann, insoweit gemeinsam, eine Ordnung der Worte im Rahmen des Gedichtes statt, zum Beispiel im Interesse des Rhythmus. Oder?


      Paulus
    • Hallo.
      Da ich gerade in einer Stimmung bin in der mir kaum etwas peinlich ist, gebe ich bekannt, daß auch ich 3 (drei) Gedichte geschrieben habe, zum Glück bin ich äußerst selbstkritisch und habe für mich ganz klar erkannt, daß mir nur die Prosa bleibt.

      Hier also zwei spätpubertäre Versuche des BFB ein Gedicht zu schreiben (der dritte Versuch ist selbst dafür zu schwach und ich werde ihn bald löschen):

      Nummer I:
      In mir war nie Feuer -
      und doch
      brennt es.
      -
      Etwas.
      Deine
      - mir nie begegnete -
      Asche
      liegt -
      Stein geworden -
      liegt
      in der Kälte.

      Nummer II:
      Keine Worte mehr
      um zu sagen
      was ohne
      Bedeutung ist.
      - Ich liebte nie die Sonne,
      nur ihre Länder, nie
      das Wasser,
      kalt und
      unerbittlich.
      -
      Die
      Nacht
      liebte
      ich -
      nun glaube ich
      nicht mehr
      an sie. -
      Keine Worte mehr
      um zu sagen
      was ohne
      Bedeutung ist -
      keine Stille.



      Und jetzt zerreißt mich . . . . . :D
      Der nicht zum Dichter geborene
      Bernhard




      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Lieber Bernhard,

      gut, dass Du mutig warst, denn ich finde, Du magst vielleicht nicht zum Dichter geboren sein, aber Du bist auf einem guten Weg dahin. Diese zwei Gedichte geben viel von Dir preis und ich mag sie. Leider habe ich den dritten Versuch nicht mehr lesen können und finde es sehr schade.

      :wink: Ingrid
    • Ingrid schrieb:

      Lieber Bernhard,

      gut, dass Du mutig warst, denn ich finde, Du magst vielleicht nicht zum Dichter geboren sein, aber Du bist auf einem guten Weg dahin. Diese zwei Gedichte geben viel von Dir preis und ich mag sie. Leider habe ich den dritten Versuch nicht mehr lesen können und finde es sehr schade.
      Liebe Ingrid,

      keine Angst - ich werde nicht wiedergeboren, auch nicht als Dichter ;+) . - Den Weg zum Gedicht habe ich schon lange aufgegeben - diese zwei Versuche sind schon alt - da es nicht meiner ist. - Mein Weg führt zur Prosa, eindeutig, wenn ich nur endlich meinen ( ! ) hochkriegen könnte . . . . . ..
      -
      Ich danke Dir natürlich trotzdem für Deine Worte :kiss: .

      Singt Lieder - singt.

      Bernhard


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      Joris-Karl Huysmans
    • Ingrid schrieb:


      man kann doch auch liegend und sitzend denken. Wo ist das Problem?
      Liebe Ingrid,

      mit dem Denken habe ich nicht so unbedingt ein Problem - das funktioniert sogar zu gut :pfeif: - aber der Antrieb, die Energie das Denken kreativ zu nutzen ist leider absent und auf eine seltsame Art und Weise ist das Denken sogar im Weg. - Aber das gehörte wohl in die noch einzurichtende Psychologie-Ecke . . . . ..

      Eine gute Nacht wünscht Dir

      Bernhard


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      Joris-Karl Huysmans
    • Paulus schrieb:

      Verstehst Du was ich meine? Der isolierte Sinn der Worte geht bereits immer in ein und dieselbe Richtung und wird rhythmisch und durch die Zusammenfügung zu einer Einheit verstärkt. Nun kannst Du sagen, auch Utler lässt sich die Worte zu einem Wortfeld assoziativ einfallen. Dann wäre immer noch der Unterschied, dass die Worte nicht frei, gesteuert nur aus dem Unterbewussten kommen, sondern in ihrer Auswahl der ordnenden begrenzenden Kontrolle des Verstandes unterliegen. Erst hiernach findet dann, insoweit gemeinsam, eine Ordnung der Worte im Rahmen des Gedichtes statt, zum Beispiel im Interesse des Rhythmus. Oder?
      Lieber Paulus,

      ich habe immer noch Schwierigkeiten, dich zu verstehen. Bei Anja Utler kann ich nämlich weniger (Un)Sinn und hintergründige Botschaft entdecken als bei mir. Ihr Gedicht, das du analysiert hast, montiert drei Bedeutungsfelder - Mundraum, Ufer und Trennen - klanglich und rhythmisch kunstvoll ineinander, aber es ist eine völlig inhaltsleere Fingerübung und gibt mir nichts zum Nachdenken und Nachsinnen auf. Das mag tatsächlich daran liegen, dass die Autorin im Schreibprozess alle Assoziationen weggefiltert hat, die nicht in die drei Bedeutungsfelder passen. Dadurch wird es dem Leser jedoch völlig unmöglich gemacht, versteckte Handlungen oder seelische Stimmungen zu rekonstruieren.

      In meinem Gedicht habe ich versucht, die zuvor durch freie Assoziationen erzeugten Bilder in ähnlicher Weise wie Utler, nämlich über Rhythmus und Klang, zu synthetisieren. Die Kontrolle begann bei mir dort, wo die Wörter nicht in den Sprachfluss passten bzw. wo ich noch weitere Wörter brauchte. Da habe ich dann nach Synonymen oder anderen Wörtern aus dem gleichen Wortfeld gesucht. Eine zweite Kontrolle war nötig, um an der Oberfläche eine Pseudogeschichte zu erzeugen. Deren Protagonist ist die "Reise" des Taschenflusses - die kann man durchaus auch als innere Reise eines lyrischen Ichs sehen (es ist ja "mein" Taschenfluss).

      Der "Taschenfluss" steht für einen inneren psychischen Prozess, darin vielleicht einem musikalischen Prozess nicht unähnlich. Zunächst hat er einen übermäßigen Mitteilungsdrang (erschwallt sich), der auf andere abschreckend wirken mag (in schaurigen bögen). Dann scheint er seine weicheren Gefühle zu bekämpfen (frisst handsamte und zartweiche Gefühle), die er lächerlich macht; auch seine Sexualität macht ihm zu schaffen, die krokodilhandtäschchen deute ich als Attribute von Frauen, die sehr attraktiv und bedrohlich zugleich sind (Krokodil!). Die Autoaggression wird stärker, er stößt sich etwas ins kalte Herz (Selbsthass?) und zwar nicht einen pfahl, sondern einen pfuhl, womit ich Faulheit und Laster verbinde. "Aschfahl" ist wieder ein Hinweis auf abgestorbene, zu Asche gewordene Seelenanteile. Dann steuert die Autoagression auf den Höhepunkt zu: Was ist denn das Hindernis, an dem sich der Taschenfluss abarbeitet, indem er beißt, sticht und kratzt? Das Innere, die Seele des lyrischen Ichs? Was will der Taschenfluss dort? Die Seele erkennen und entdecken? Was er dort findet, sind aber nur "Stulpungen des Hohlen", also Ausstülpungen, Hohlräume, man kann da an innere Körperwelten denken (Schlund) oder an unterirdische Höhlen. "Mit tosendem gejohle" ist er in das Innere eingebrochen, also mit einer etwas naiven und lautstarken Vorfreude wie auf einer Achterbahnfahrt. Die Reise ins Innere scheint ihn verwandelt zu haben, er ist jetzt kein Fluss mehr, sondern eher ein Vogel, der in Schlingerbewegungen (eiern) über das tiefe Wasser fliegt, das aber nicht "tief" im seelischen Sinne ist, sondern "unernst". Der Taschenfluss ist völlig abgehoben, er ist jetzt überhaupt eine lächerliche Gestalt in einer absurden Umgebung.

      Ich weiß jetzt natürlich nicht, wem mit dieser Interpretation überhaupt geholfen ist, ob sie das Gedicht in irgendeiner Weise interessanter macht und eine Seelenerfahrung zum Ausdruck bringen kann, die nicht nur auf meine Person beschränkt war/ist.

      Grüße,
      Jürgen
      --

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      Alfred Brendel

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    • Lieber Jürgen,



      Ich hoffe, es ist überflüssig zu betonen, dass ich mit meinen
      Bemerkungen zu den Unterschiedenen der Verfahrensweisen von Utler und
      Deiner überhaupt keine Bewertung vornehmen wollte....



      Nun hast Du Dein Gedicht selbst eingeführt mit den Hinweisen auf automatisches assoziatives Schreiben auf Anzapfen des Unterbewussten, wenn auch mit einer nachträglichen verstandesmäßigen Ordnung. Ich sagte bereits: Das setzt ein Minimum von gleichem Sprachverständnis des Unterbewussten von Leser und Schreiber voraus. Insoweit hat es Utler einfacher als Du: Sie verwendet die Worte im eigentlichen Wortsinn (stimmt das?) fügt Wortfelder zusammen. Das ist keine ecriture automatique. Du verwendest hingegen Sprachbilder Deiner eigenen Traumlandschaften sozusagen, nicht? Das macht die Sache natürlich interessant und Taschenfluss oder erschwallen sind ja nun auch keine gängigen Begriffe. Du verstehst diese Begriffe mit bestimmten für Dich feststehenden Konnotationen. Taschenfluss zum Beispiel als Symbol für einen inneren Prozess. Ich denke, Du rechnest aber auch damit, dass die Assoziationen beim Leser auch ganz andere sein können, oder?

      Bei mir zum Beispiel stellt sich unweigerlich eine Assoziation an ein Erlebnis als kleiner Junge ein. Da war ich einkaufen gegangen, ein Ei, hatte das Ei in der Hand, brauchte aber plötzlich beide Hände für irgendetwas, was ich vergessen hab, vielleicht ein kleiner Käfer? Zartweiche Gefühle? also in die Hosentasche mit dem Ei und hinunterbücken zu ihm. Ja und nach kurzer Zeit, da erschwallte es in für mich recht klebrigen Bögen, das Eiweiß kleckerte klebrig im Hosenbein herunter, kannst Du Dir das vorstellen?

      Und dann kommt natürlich die primäre Bedeutung von Fluss und Schwall, sprich: etwas Flüssigem, und das soll nun trinken, nämlich schwarze Handtäschchen aus Kroko. Das ist ja nun sicher ganz bewusst verkehrt herum ausgedrückt, denn eigentlich könnten doch höchstens die schwarzen Krokotäschchen den Schwall aufnehmen, trinken, und wenn ich da an meine klebige Eiermasse denke....Die gibt mir dann, obwohl flüssig klebrig, tatsächlich einen Stich ins Herz, das dabei keineswegs kalt bleibt, sondern erschrocken aufs versaute Krokotäschchen schaut, wie ist das Ei aus dem Hosenbei bloß ins Krokotäschchen gekommen, ein klebriger Pfuhl ist es jedenfalls geworden und da wird aus der feinen Dame plötzlich ein kleines Gör, vielleicht sind ja jetzt auch ihre bisherigen handsamen und zartweichen Gefühle für mich mit dem Eichen ertränkt, das Gör jedenfalls beißt und kratzt und kneift eher, hinter mir in der Volksschulklasse saß so eine, die konnte das wirklich gut, da muss man aber doch zurückärgern, gerade bei schlechtem Gewissen, nach Jungenart, also ein zweites Ei in die Stulpungen des Täschchen, ja jetzt kommt raus wie ich wirklich bin, das tosende Gejohle darf nicht fehlen, eine ganze Rotte von Jungen also,.

      Das arme Gör, die weiblichen Mitglieder des Forums sehen es mir bitte nach, denn ich eier hier nur über unernste Tiefen völlig frei assoziierend mit meinen Klebeeiern rum, bin gar nicht so...Nein wirklich....

      Kleine Variante also:




      mein taschenfluss erschwallt sich in schaurigen bögen
      ertrinkt im schwarzen handtäschchen aus krokodil
      und frisst handsamte und zartweiche gefühle
      er stößt den aschfahlen pfuhl ins herz mir
      sie beisst sie sticht sie kratzt und kneift
      er bricht mit tosendem gejohle in die stulpungen des hohlen

      und:
      eiert leicht über unernste tiefen




      denn er beisst und kratzt, ne das hat es nie gegeben....

      Paulus
    • Das Leben selber haucht sich aus,
      ein Atemzug, tief ein, tief aus...
      Der Sauerstoff verklammert sich
      in Alveolen richterlich.

      Der Körper starr und hingelegt,
      sich selber nicht mehr hat bewegt
      seit Stunden, Tagen, Wochen.
      denn nichts mehr lässt ihn hoffen.

      Tief ein, tief aus, mein Atem bleibt,
      auch wenn die Seele noch so schreit.

      Dann geht mein Herz ganz sanft und leise,
      weil es jetzt darf, auf seine Weise.
      Nichts hält es mehr, ich kann es sehen
      nun endlich, endlich darf ich gehen.

      Das Leben haucht sich selber aus,
      der Körper ist ein totes Haus,
      der Atem ist Unendlichkeit,
      die sich nun endlich hat befreit.....

      gewidmet Herrn S.

      Mia

    • Begegnung

      Ein Lächeln stiehlt sich
      Greift hinein
      In taube, blinde Stille

      Die Fußspur zeigt
      In schmelzende Weite
      läuft sich warm

      Und kann sich dann
      der blätternde Blick
      auf einer Seite halten

      dann steht das Bild
      in klirrenden Augen
      und Lust fällt brennend

      entzwei

      Mia

    • Kurs auf rechts

      Ein Narrenschiff ist unterwegs
      seit vielen Jahren
      ohne Halt

      die Lieder schallen übers Meer
      wie faule Waren
      riechen alt

      Die Worte klingen immer gleich
      sind im Gebaren
      Hinterhalt

      Sirenen auf den Felsen töten
      die, die sie sahen
      immer kalt

      LG Mia