Mendelssohn Bartholdy: Klavier solo

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    • Danke für das Durchhören! Mich begeistern vor allem der Trauermarsch und das Gondellied bei Korstick. Tatsächlich finde ich Korsticks Deutung des Gondellieds überhaupt nicht sentimental, eher chopinesk. Dieses Gondellied stand für mich immer eher im Schatten der beiden anderen, einfacheren. Dank Korstick nicht mehr, denn der raffinierte harmonische Unterbau ist ein äquivalenter Ersatz für den Charme der anderen beiden Gondellieder. Den Trauermarsch finde ich besonders stimmig und funebral, vielleicht liegt das auch an der weniger ausgereizten Dynamik, die dem ganzen mehr Niedergedrücktheit verleiht.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Beim Durchhören von Op. 19/1 (Barenboim war nicht dabei) hat mir am besten Glenn Gould gefallen - "the worst performance ever" schrieb ein Kommentator:
      "https://www.youtube.com/watch?v=ZjlPn-BEHEU"

      Mit den 16teln zerlegt Gould quasi die Zeit in kleinste Teilchen, ohne daß das Ganze auseinander fällt - im Gegenteil, die kantablen Linien beweisen ihre Bindekraft umso schöner. Erinnert an das Verfahren im Violinkonzert.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Ich habe mir jetzt einmal die Aufnahme der Lieder ohne Worte mit Korstick zugelegt. Mit Barenboim verglichen habe ich zunächst die Zyklen op.38 und 53. Der allgemeine Eindruck ist der, dass Korstick offenbar mehr den strukturellen Aufbau der Stücke betont, dabei sehr differenziert zu Werke geht und auf klare Diktion achtet. Barenboim betont dagen mehr den cantablen Charakter der Werke. Er erreicht dabei eine wärmere Grundstimmung und größere Schlichtheit, wo Korstick mitunter etwas nüchterner ist. Beide Ansätze haben etwas für sich, und ich könnte nicht sagen wem ich den Vorzug geben möchte, ausser beim op.38,6 (Andante con moto As-Dur), dem sog. "Duetto", wo mir Barenboim zu schnell ist. Das ist schon mindestens Allegretto. Dabei geht die weich fließende Bewegung etwas verloren. Die Qualität von Korstick's Spiel, nämlich das hervorheben der Binnenstrukturen, kommt hier besser zur Geltung, denn es soll ja ein zweistimmiger Gesang sein. Von diesem herrlichen Stück gibt es auch eine sensationell gute Aufnahme mit Murray Peraiha, die mir bisher noch am meisten gefällt.

      Es hängt also sehr von den jeweiligen Präferenzen ab, wem man gerade den Vorzug gibt. Bei den bewegteren Stücken hat Korstick für mich die Nase etwas vorn. So z.B. kommt in der letzten Nummer des op.53 (A-Dur) mehr die Erregung durch, und auch das op.38,5 (Agitato a-Moll) mit seinen Ankängen an das Vorspiel zur Walküre klingt bei Korstick spannender. Dagegen kann Barenboim in den mehr sanglich angelegten Stücken punkten, wie im op.53,1 (Andante con moto As-Dur) oder op.38,1 (Con moto Es-Dur).

      Beide Pianisten spielen auf sehr hohem Niveau, und Barenboim hat Korstick voraus, dass er schon vor sehr langer Zeit eine maßstabsetzende Einspielung vorgelegt hat, die natürlich nicht ohne Einfluß auf die Hörgewohnheiten geblieben ist. Aber hier wie auch anderswo kann man es nicht besser sondern nur anders machen.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Felix Meritis schrieb:

      Goulds Mendelssohn ist eigen, gefällt mir aber sehr gut. Am beeindruckendsten ist für mich das E-Dur Lied aus op. 30. So berührend klingt das sonst bei keinem:

      "https://www.youtube.com/watch?v=UzbDpq2xsBs"



      Trotz der von Dir konstatierten Eigenheiten (welche eigentlich? edit: im Anschluss an FM's nachfolgenden Beitrag hinzugefügt), trotz aller Vorbehalte gegen Pianistenmusik, à la Schubert, Rachmaninow, weniger Liszt z.B. in der Lesart eines V.H. war wohl eine zentrale Aussage dieses Künstlers nicht unernst gemeint:



      Sie wissen ja, was für ein unverbesserlicher Romantiker ich bin!
    • Howard Shelleys Mendelssohn Vol. 3

      Zuvor habe ich mich - vor allem über den ersten Teil der entstehenden Gesamteinspielung - sehr positiv geäußert, aber inzwischen hat meine Begeisterung etwas nachlassen. Im dritten Teil bin ich weder mit der Programmzusammenstellung noch mit einigen Interpretationen zufrieden. Teil 3 bietet abgesehen vom Band 4 der LoW beinahe nur unbedeutendes. Tatsächlich halte ich von den anderen Stücken auf der CD nur das zweite Capriccio aus op. 33 (E-Dur) für wirklich hörenswert. Dieses Stück, das mich ein wenig an ein schubertsches Impromptu erinnert, wird aber seines Schmelzes durch Shelleys Spielweise fast völlig beraubt. Die Begleitung rattert einfach neben der Melodiestimmung dahin. Schade, denn die verträumte, luftige Atmosphäre dieses Capriccios liebe ich sehr. Die LoW op. 53 können mich leider auch nicht begeistern. Durch das wunderbare F-Dur Adagio, das mich immer sehr an den späten Brahms erinnert, rast er durch, und das gewichtige Volkslied in a-Moll wird auch zum Geschwindmarsch. Somit sind die drei bedeutendsten Stücke dieser CD für mich in inadäquater Weise wiedergegeben. Diese Platte kann ich also leider nicht empfehlen.

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Yukon schrieb:

      Felix Meritis schrieb:

      Goulds Mendelssohn ist eigen, gefällt mir aber sehr gut. Am beeindruckendsten ist für mich das E-Dur Lied aus op. 30. So berührend klingt das sonst bei keinem:

      "https://www.youtube.com/watch?v=UzbDpq2xsBs"



      Trotz der von Dir konstatierten Eigenheiten, trotz aller Vorbehalte gegen Pianistenmusik, à la Schubert, Rachmaninow, weniger Liszt z.B. in der Lesart eines V.H. war wohl eine zentrale Aussage dieses Künstlers nicht unernst gemeint:



      Sie wissen ja, was für ein unverbesserlicher Romantiker ich bin!

      Das stimmt, aber der Satz sollte eher so lauten: "Sie wissen ja, was für ein unverbesserlicher Spätromantiker ich bin""
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Gesamteinspielungen "Lieder ohne worte"

      Soeben sind gleich zwei Gesamteinspielungen der LoW von namhaften deutschen Pianisten, nämlich Matthias Kirschnereit und Michael Endres, erschienen. Noch kann ich darüber nichts sagen, aber ich plane zumindest eine der beiden Aufnahmen zu erwerben. Kirschnereit hat die LoW von Fanny Mendelssohn-Hensel ebenfalls dazugepackt!

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • LoW - Michael Endres

      Ich habe mir die Einspielung der LoW von Endres unlängst gekauft, als sie bei jpc im Sonderangebot war, und bin sehr angetan! Man merkt, dass sich Endres sehr lange mit den LoW beschäftigt hat, bevor er mit dieser Einspielung an die Öffentlichkeit gegangen ist. Jedes Stück wird absolut ernst genommen und sehr differenziert interpretiert. Mit Hinsicht auf die Agogik gestaltet Endres mehr als die meisten anderen Interpreten, jedenfalls meinem Eindruck nach, und er scheut auch nicht vor anderen eigenwilligen Akzenten zurück, wie im vorletzten Stück aus op. 102, welches sonst sehr harmlos klingt, bei Endres aber wild. Toll auch Endres Interpretation des "Nachtstücks" op. 19/5. Ich würde diese Einspielung, die allerdings leider nicht die einzelnen unpublizierten LoW wie das "Reiterlied" enthält, jedem ans Herz legen, der sich eine erste oder eine alternative Einspielung dieser Werke zulegen möchte.



      Wie ich sehe, ist die Doppel-CD immer noch im Angebot (7.99 Euro).
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Wieder mal eine tolle Mendelssohnscheibe!

      Gerade diesen Monat bei jpc bestellt und vor Kurzem gehört:



      Der schweizer Pianist Christian Chamorel lässt es so richtig krachen! Er hat eine absolut stupende Technik, die ihm erlaubt Mendelssohns ohnehin rasante Stücke noch schneller zu spielen. Bei den hier eingespielten Fugen aus Mendelssohns op 35 hat das einen grandiosen Effekt. Die h-Moll Fuge fetzt wie kaum etwas anderes, richtig rauschhaft. Auch den Beschleunigungseffekt in der e-Moll Fuge habe ich noch nie so stark herausgearbeitet gehört. Bei Mendelssohn scheint es mir oft so zu sein, dass sein Kontrapunkt mit steigender Geschwindigkeit noch beeindruckender wird, da die harmonischen Tupfer und Kniffe bei schnellem Tempo auffälliger werden. Dass diese Aufnahme einmal ohne die Variations serieuses auskommt, halte ich übrigens für ausgesprochen lobenswert, da so mehr Platz für andere Werke bleibt. Schade nur, dass Chamorel nicht alle Präludien und Fugen aus op. 35 eingespielt hat...
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Der schweizer Pianist Christian Chamorel lässt es so richtig krachen! Er hat eine absolut stupende Technik, die ihm erlaubt Mendelssohns ohnehin rasante Stücke noch schneller zu spielen. Bei den hier eingespielten Fugen aus Mendelssohns op 35 hat das einen grandiosen Effekt. Die h-Moll Fuge fetzt wie kaum etwas anderes, richtig rauschhaft.
      Ich bin ehrlich gesagt nicht so begeistert von der Scheibe. Gleich beim ersten Stück, der Einleitung zum Rondo Capriccioso, nervt mich die Unart, so gut wie jeden Anschlag der Linken leicht zeitversetzt vor der Rechten zu spielen. Was soll das? Die Fugen finde ich - Entschuldigung für die drastischen Worte - völlig lieblos durchgekloppt. Mag ja sein, dass das "fetzt", aber mich erinnert das eher an Techno-Musik als an Mendelssohn. Das "Lied ohne Worte" op. 30 Nr. 4 ertrinkt im viel zu pauschalen Pedalspiel, wodurch auch die Repetitionen viel zu laut werden und die "Gesangsstimme" sich nicht genügend absetzt (man vergleiche mal, mit welcher luftigen Raffinesse der junge Daniel Barenboim das in seiner für mich nach wie vor unübertroffenen Gesamtaufnahme der "Lieder" gespielt hat). Am besten fand ich noch die Etüden.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Wer sagt, dass man Fugen liebevoll spielen muss? ;) Für mich waren das durchaus überzeugende Interpretationen, wobei - da stimme ich Dir zu - die e-Moll Fuge bei dieser manischen Spielweise an Dimension verliert. Aber die anderen Fugen fand ich in dieser mechanischen Wut durchaus adäquat wiedergegeben (was nicht heißt, dass sie so klingen müssen). Bei den LoW stimme ich weitgehend zu. Da gibt es deutlich Besseres (z.B. von Michael Endres). Danke jedenfalls für's Gegenhören!
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Nun, eine Vorliebe für Mendelssohn muss Chamorel wohl haben, denn es ist bereits seine zweite CD mit Werken dieses Komponisten. Das schließt natürlich nicht aus, dass es für Dich lieblos klingt, aber aus Sicht des Pianisten dürfte das nicht der Fall sein. Ich finde pianistischer Übermut passt ganz gut zu Mendelssohns Klaviermusik.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Nun, eine Vorliebe für Mendelssohn muss Chamorel wohl haben, denn es ist bereits seine zweite CD mit Werken dieses Komponisten. Das schließt natürlich nicht aus, dass es für Dich lieblos klingt, aber aus Sicht des Pianisten dürfte das nicht der Fall sein.
      Vermutlich nicht. Allerdings kann man das nicht aus der Repertoirewahl schließen, denn die könnte auch ganz andere Gründe haben. Wer heutzutage als vergleichsweise wenig bekannter Pianist CDs bzw. allgemein Aufnahmen (auch zum Download) veröffentlichen will, muss in aller Regel selbst für die Produktionskosten aufkommen, die dann möglichst irgendwie wieder reinkommen sollten. Eine Möglichkeit ist es deshalb, bei der Repertoirewahl auf bekannte Namen zu setzen, gleichzeitig aber Bereiche zu vermeiden, die schon zigfach abgefrühstückt sind. Da könnte man z.B. von Schubert statt der Wanderer-Fantasie Tänze oder unvollendete Sonaten, von Beethoven statt der Appassionata die Fantasie op. 77, von Brahms die Studien usw. spielen. Bei Mendelssohn hat man den Vorteil, dass die Zahl der vorhandenen Aufnahmen insgesamt viel niedriger ist als bei anderen. Ob solche Überlegungen bei Chamorel eine Rolle gespielt haben, weiß ich nicht.
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      (Theodor W. Adorno)
    • Das wäre natürlich nicht unmöglich, allerdings beinhaltet die CD einen ziemlich engagierten Einführungstext aus der Feder Chamorels zu Mendelssohn als Klavierkomponist, weshalb ich eher bezweifle, dass solche
      Überlegungen dahinter standen. Zudem war die erste Mendelssohn CD eine Aufnahme der Klavierkonzerte, welche inzwischen doch recht häufig eingespielt worden sind.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Das wäre natürlich nicht unmöglich, allerdings beinhaltet die CD einen ziemlich engagierten Einführungstext aus der Feder Chamorels zu Mendelssohn als Klavierkomponist, weshalb ich eher bezweifle, dass solche
      Überlegungen dahinter standen.
      Das mag schon so sein, aber letzten Endes kann (für mich) ein noch so engagierter Booklet-Text nicht die gestalterischen Mängel seines Spiels ungeschehen machen. Gegen Virtuosität ist natürlich bei Mendelssohn nichts einzuwenden, aber die erschöpft sich doch nicht in schnellen Tempi, sondern besteht in der perfekten Beherrschung aller technischen Mittel im Dienst der musikalischen Aussage. Zum Beispiel muss die Geläufigkeit meines Erachtens bei Mendelssohn immer klanglich flexibel und sehr oft charmant klingen. Beides fehlt mir in dieser Aufnahme. Und es stören mich wie gesagt ein paar Mätzchen wie dieses ständige Nachklappern der rechten Hand, plötzliche Zäsuren zwischen den Phrasen usw.. Jeder wie er mag, aber für mich ist das nichts. Übrigens habe ich inzwischen auch bei Spotify in eine Mozart-CD reingehört, die ich ebenfalls ziemlich schwach finde.
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