Schubert/Ives: "Lazarus" - Theater an der Wien, 11.12.2013

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    • Schubert/Ives: "Lazarus" - Theater an der Wien, 11.12.2013

      Als Franz Schubert sich im Jahr 1820 dem Oratorium zuwandte, wählte er als Stoff die Geschichte des Lazarus in einer Textfassung, die August Hermann Niemeyer im Jahr 1778 verfasst hat. Ob Schubert dieses Oratorium jemals zu Ende komponiert hat, ist ungewiss. Jedenfalls bricht der Teil, der uns heute noch zur Verfügung steht, im zweiten Teil des Werkes ab und dort auch noch mitten in einer Arie bei dem Wort „Und“. Da dies aber das Ende einer Seite im Manuskript ist, könnte es durchaus sein, dass Schubert zumindest diese Arie, vielleicht aber auch das ganze Oratorium zu Ende komponiert hat. Eine Vervollständigung, die Helmut Rilling in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts von Edison Denissov hat vornehmen lassen, setzte sich bislang nicht durch. Schuberts Fragment schildert noch das Leiden und Sterben des Lazarus, es beschreibt die Trauer der Hinterbliebenen, die Auferweckung von den Toten fehlt.

      Für die szenische Aufführung in Wien hat das Produktionsteam den „Lazarus“ um andere Musiken Schuberts (vor allem Chorstücke) und um zwei Stücke von Charles Ives ergänzt. Das funktioniert ausgezeichnet und ermöglicht dem Werk (das ursprünglich nicht für eine szenische Aufführung vorgesehen war), doch eine komplette Geschichte zu erzählen.

      Regisseur Claus Guth gelingt ein dichter, berührender Abend mit vielen Bildern, die intensiv nachwirken. Diese eine Reise, die wir alle einmal antreten müssen und von der es keinen Weg zurück gibt, wie erlebt die der Betroffene? Das assoziationsreiche Spiel von Claus Guth findet an einem Ort statt, der typisch für das Reisen und für den Wechsel von einem Ort an den anderen ist, für einen Übergang. Ausstatter Christian Schmidt hat ein Flughafenterminal in modernem weiss entworfen, mit einer grossen Treppe in der Mitte, links einer Sitzecke und rechts einem Counter, gar nicht unähnlich der Halle, die der Berichtende am Morgen selbst aufsuchte, um in die österreichische Bundeshauptstadt zu reisen.

      Zu Beginn ertönt die typische Geräuschkulisse, die an einem solchen Ort zu hören ist, Menschen verschiedener Nationen eilen zu ihren Flügen. In der Mitte im hellen Anzug Lazarus. Ganz leise und sehr ruhig ertönt dann die Musik Franz Schuberts aus dem Graben und ebenso mit zurückgenommener Stimme beginnt Lazarus, zuerst mit dem Rücken zum Publikum, zu singen, während der Trubel mitten in der Bewegung erstarrt ist. Dieses Spiel mit Bewegung und Erstarrung, mit Verlangsamungen von Aktionen, machen einen hohen Reiz dieser Bildwelt aus. Lazarus, offensichtlich ein kranker Mann, hört die Stimmen seiner zwei Schwestern eigentlich in seinem Kopf, innere Abläufe werden mit äusseren überblendet, Erinnerungen wehen herein, zum Beispiel, wenn die drei Geschwister als Kinder zu ihren erwachsenen Entsprechungen treten und Lazarus dem gesunden Kind begegnet, dass er, der Todkranke, einmal war.

      Sehr berührend auch die Doppelung des Lazarus mit einem Tänzer (Paul Lorenger), die ermöglicht, dass sich Lazarus selbst begegnet, sich annähert und entfernt und der später den Übergang in das Reich der Toten mit den Mitteln des körperlichen Ausdrucks beeindruckend darzustellen vermag. Auch als Lazarus mitten in diesem Flughafengebäude zusammenbricht, ist es der Tänzer der in einer faszinierenden Zeitlupensequenz die Treppe erst halb hinunter und dann wieder hinauffällt.

      Mit Simon, einem anderen Mann, der in Lazarus wohl ein Stück seiner selbst entdeckt, gibt es bereits den nächsten, der diese Reise in das „dunkle Reich“ antreten muss. Zu Beginn des zweiten Teiles (das Bühnenbild ist jetzt leicht verändert, der Flughafen bleibt erkennbar, aber die Treppe fehlt und der Innenraum ist leer) erlebt das Publikum noch den Beginn der Trauerfeierlichkeiten für Lazarus – Simon fragt danach, was einem nach dem Sterben erwartet, die Schwestern zerbrechen an ihrer Trauer und plötzlich flirren die ersten Takte von Charles Ives „Unanswered Question“ durch den Raum. Der Tänzer weht herein, leicht sieht das aus, schwerelos. Das Flughafenpersonal taucht auf, die anderen Reisenden, alle merkwürdig gebremst in ihrer Bewegung auf dieser ganz besonderen Transitstrecke. Drei Chorstücke von Schubert folgen, bevor dieser Teil mit einem weiteren Stück von Ives aus den „Three Places in New England“ zu Ende geht.

      Den Abschluss bildet wieder das Eingangsbild. Der singende und der tanzende Lazarus begegnen sich noch einmal, während Simon den „Wegweiser“ aus der „Winterreise“ (im Arrangement von Anton Webern) singt, bevor der Abend mit dem „Sanctus“ aus der Es-Dur Messe von Schubert zu Ende geht. Lazarus tritt zu seinen Schwestern, ein Gruss aus jener anderen Welt, tröstlich und doch voll Trauer.

      Kein einfacher Abend für das Publikum, aber einer, der beeindruckt. Wie Guth hier das Thema „Sterben“ aufgreift, wie er die Chance nutzt, ein Stück, das nicht für das Theater geschrieben wurde, szenisch zu gestalten, verdient Respekt. Die Personenführung mit ihren vielfältigen Wechseln von Bewegung und Bewegungslosigkeit, von Einzel- und Gruppenaktionen, die Einbindung choreographischer Elemente, ist ausgezeichnet und wird von allen Mitwirkenden mit viel Engagement umgesetzt.

      Gesungen wird auf insgesamt gutem Niveau. Kurt Streit verfügt als Lazarus noch immer über einen flexiblen, gut geführten, leicht ansprechenden und wohlklingenden Tenor. Dazu kommt eine klare Wortverständlichkeit. Fachkollege Ladislav Elgr (Nathanael, hier als Priester auf Reisen) steht dem mit etwas kräftigerem Material nicht nach und Florian Boesch als Simon steuert vor allem energische Baritontöne bei. Die Damen werden von Annette Dasch (Maria), Stephanie Houtzeel (Martha) und Cigdem Soyarslan (Jemina) gut vertreten – alle stellten sich mit Erfolg ihren Aufgaben und warben für dieses nicht sehr bekannte Werk von Franz Schubert.

      Absolut bemerkenswert der Arnold Schönberg Chor. Dessen Qualitäten kamen an diesem Abend bestens zur Geltung. Wunderbare Homogenität im Klang, ausgezeichnete Diktion, perfekte Abstufungen kleinster Nuancen im Vortrag (zum Niederknien „Grab und Mond“) – ein toller Erfolg für diesen Chor und seinen Chorleiter Erwin Ortner.

      Das Dirigat von Michael Boder war ausgesprochen zurückhaltend, vieles kam langsam daher, leise, stimmungsmässig passend, keine Frage, aber auch mitunter wenig konturiert und nicht immer wurden Details deutlich herausgearbeitet. Die „Wiener Symphoniker“ boten einen routinierten, nicht ganz reibungslos verlaufenden Abend.

      Das Publikum folgte dieser Produktion mit grosser Ruhe (sieht man von einem dämlichen Handyklingeln mitten in einem der magischen Anfangsmomente des Stückes ab), der Schlussapplaus war freundlich für alle Beteiligten, Missfallensbekundungen unterblieben komplett.
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