BEETHOVEN: Fidelio – Oper als Freiheitsapotheose

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    • BEETHOVEN: Fidelio – Oper als Freiheitsapotheose

      Meine Lieben,

      Als ich noch ins Gymnasium ging, kam die Debatte in der Musikstunde einmal auch auf den "Fidelio". Mein Professor - Gott hab ihn selig! Ich mochte ihn! - war sonst sehr für Beethoven, aber bei diesem Werk konnte er einen etwas verächtlichen Ton und ein kritisches Urteil nicht zu unterdrücken. Seither habe ich viele Leute kennengelernt, die zumindest ein zwiespältiges Verhältnis bekennen. Dem einen ist es zuwenig einheitlich (schwankend zwischen den Gattungen vom Singspiel bis zum Oratorium), das vermag ich auch nicht zu widerlegen, den anderen stört die Diskrepanz zwischen symphonischem Schaffenscharakter und dem, was Stimmen zu geben vermögen; auch das räume ich ein, ist ein berechtigter Kritikpunkt. Dann bemängelt man wieder die allzu biederen Töne des Rocco oder sein Anpassungsvermögen, das Deus-ex-machina-Gehabe des Ministers usw. usw.

      Trotzdem fasziniert mich diese Oper seit eh und je, und alle ihre Schwächen verblassen neben der berührenden Melodik, dem genialen Klang in den Ensembles (für mich besondere Höhepunkte) und dem leidenschaftlichen Pathos. Da verzeihe ich einige Mühseligkeiten des Librettos gerne. Außerdem verlangt gerade diese Musik in besonderem Maß Sänger, die nicht nur vokal beeindrucken, sondern vor allem Gestaltungskraft besitzen. Was oft als problematisch gilt, das allzu Menschliche, erscheint für mich gleichzeitig als zeitlose Einsicht in unser Wesen, das nun eben einmal ziemlich unvollkommen ist. Im "Fidelio" kann man sich immer selbst erkennen. Insofern überrascht es mich überhaupt nicht, daß die Beliebtheit des Werks ungebrochen geblieben ist, obwohl es für die Künstler recht große Anforderungen bedeutet.

      Beethoven hat mit seiner Schöpfung lange gerungen. Der ersten Aufführung, 1805 in Wien, folgte bald eine neue Fassung, die 1806 Premiere hatte. Erst 1814 bekamen die Wiener die Endfassung zu hören und zu sehen. Das Libretto - eine Gemeinschaftsarbeit von Josef Ferdinand v.Sonnleithner, Stephan v.Breuning und Georg Friedrich Treitschke - geht auf Pierre Gaveaux' Oper "Léonore" zurück, deren Text von J.N.Bouilly stammt und auf einer wahren Begebenheit aus der Zeit der französischen Revolution beruhen soll.

      Man kann als Regisseur hier wohl eher Akzente setzen, ohne von den Staubis geprügelt zu werden. Die Bandbreite bei den Interpretationen ist auch relativ groß.

      Da ich mich in früheren Zeiten anderswo schon über diverse Einspielungen ausgelassen habe, möchte ich hier mit dem Hinweis auf eine etwas ausgefallene Version den Anstoß geben:



      Es handelt sich um eine Rundfunkaufnahme in italienischer Sprache aus dem Jahr 1952, die 2002 unter dem Label "Osteria" in Tschechien publiziert wurde. Man hört hier mehr Text als gewöhnlich, wohl um den Italienern das bei ihnen weniger bekannte Opus leichter zugänglich zu machen, leider aber keine Leonoren-Ouvertüre Nr.3.

      Vittorio Gui dirigiert das Orchestra Sinfonica di Roma della RAI und nach einiger Anlaufzeit kriegt er die Sache gut in den Griff und arbeitet recht präzis die dramatischen Höhepunkte heraus. Das seelische Weben zwischen den Noten ist natürlich nicht sein Anliegen, aber je länger ich hinhöre, desto besser gefällt's mir.

      Gre Brouwenstijn ist eine berührend frauliche Leonore, kein Heldenweib, sondern eine ihre Natürlichkeit bewahrende Liebende, die sich mit aller Kraft bemüht. Stimmlich behält sie auch trotz aller Dramatik fast etwas Weiches, was sie von späteren Leonoren deutlich abhebt; dabei beherrscht sie die Partie technisch superb und zählt für mich zu den besten Darstellerinnen der Rolle überhaupt. Als Bonus sind noch zwei andere Kurzausschnitte aus späteren Amsterdamer "Fidelio"-Aufführungen beigegeben: der von 1956 sagt mir mehr zu, während 1969 die Stimme doch schon weniger überzeugt (und Willem van Otterloo noch dazu recht behäbig dirigiert).

      Als Florestan ist Amadeo Berdini (1920-1964) zu hören, ein heldisch angehauchter Tenor der hinteren Reihe, der sich brav bemüht, aber mit der Partie nicht ganz zu Rande kommt. Der früh verstorbene Antonio Manca Serra (1923-1956) singt den Pizarro mit schönem Organ und sonorer Eindringlichkeit, strahlt aber zu wenig Bedrohliches aus. Plinio Clabassi (1919-1984) hingegen stellt einen prächtigen Minister dar, der auch genügend Autorität verströmt.

      Als Rocco weiß Sesto Bruscantini zu gefallen, ohne an die besten Interpreten der Rolle heranzureichen. Immerhin versteht er sich auch auf wirkungsvolle Prosa, was nicht zu unterschätzen ist.

      Graziella Sciutti singt die Marzelline schön, aber etwas unentschieden in der Gestaltung. Wladimiro Badiali (1904-?) ist ein engagierter Jacquino.

      Die Tonqualität ist nicht gleichmäßig. Einige Schwächen Berdinis könnten vielleicht auch der Technik angelastet werden (auch gibt es im ersten Akt zwei Fehlstellen, auf die im Booklet ehrlich hingewiesen wird - da dürfte das Masterband nicht mehr OK gewesen sein), doch alles in allem darf man trotzdem einigermaßen zufrieden sein, solange man keine Höchstansprüche stellt.

      LG

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,

      wie schön, dass Du immer wieder dafür sorgst, dass auch die Standardwerke hier zu ihrem Recht kommen. Wenn es in der Opernliteratur eines gibt, gehört der FIDELIO mit Sicherheit dazu, und einige der wichtigsten Gründe hast Du bereits genannt.

      Meine lange Zeit einzige Aufnahme war eine Aufnahme des frühen Billiglabels Concert Hall (da ließen sich für die Häscher copyrightfreier Aufnahmen noch manche Schätze heben), eine Art Naxos-Vorläufer, mit Gladys Kuchta, Julius Patzak, Melitta Muszely und Heinz Rehfuss, begleitet vom NDR SO unter Carl Bamberger. Schade, dass es die nicht mehr gibt, denn sie könnte - bei wahrscheinlich etwas antiquierter Tonqualität - auch heute noch recht gut bestehen. So aber bleiben meine ersten Empfehlungen diese:



      und als Video diese:



      Die Klemperer-Aufnahme ist wahrscheinlich eine der ältesten und dauerhaftesten Referenzen der Stereozeit überhaupt. Ich bin zwar kein Fan von Jon Vickers Timbre, aber was Christa Ludwig und er hier leisten, von der ehernen Wucht von KlemperersDirugat ganz zu schweigen, bleibt für mich unübertroffen.

      Nicht weit dahinter kommt für mich das Dirigat Christoph von Dohnanyis, der in einer vorzüglichen Inszenierung Adolf Dresens von einem sehr ausgeglichenem Ensemble um Gabriela Benačkova und Josef Protschka unterstützt wird. Gemeinsam heben sie die lyrischen Qualitäten der Partitur hervor, können aber auch kräftig zulangen, wenn die Partitur es erfordert hebt.

      Einen sehr guten und zudem enorm preisgünstigen Mittelweg schlägt diese Aufnahme ein, die man in einem Blindhörtest fraglos zu den besonders gelungenen zählen wird, und die nachgerade maßstäblich für das ist, was sogenannte Billiglabels auch heute noch an erstrangiger Qualität liefern können:



      Allen voran zu nennen ist die großartige Inga Nielsen, die ja auch eine der besten Salomes überhaupt sang. Aber auch Gösta Winbergh ist ein lobenswerter, wenn auch neben der Nielsen etwas zu lyrischer Florestan, dem man die Schwäche nach den Gefängsnisjahren anhört. Gut sind auch Alan Titus als Pizarro, dem nur manchmal die Tiefe fehlt, und Kurt Moll als Rocco, der allerdings seine allerbesten Zeiten schon hinter sich hat. Vorzüglich straff ist das Dirigat von Michael Halasz, der allerdings sein Orchester, die mir völlig unbekannte Nikolaus Eszterhazy Sinfonia, die definitiv besser Bläser braucht, des Öfteren überfordert. Insgesamt aber eine nicht nur für den Preis mehr als respektable Aufnahme, auch wenn sie auf die Ouvertüre LEONORE III verzichtet.

      Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass man vor dem letzten Bild unbedingt die LEONORE III spielen muss, denn die hebt für mich das ohnehin prekäre Gleichgewicht der Partitur endgültig aus den Angeln. Herrliche Musik ist es natürlich trotzdem, und wenn die so gespielt wird wie von Otto Klemperer und dem Philharmonia Orchestra, ist sie fast unverzichtbar. Vernünftigerweise wird sie aber auch in der Gesamtaufnahme als Anhang angeboten.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Walter,

      erfrischend, daß Du einmal nicht - wie sonst allgemein gerne üblich - mit Böhm, Klemperer, Furtwängler oder Karajan den Fidelio startest zu besprechen. Fidelio ist und bleibt meine Nummer Eins bei den Opern, es war auch die erste Oper, die ich vollständig von Tonträger hörte. Mittlerweile besitze ich über 40 verschiedene Aufnahmen, Deine vorgestellte Aufnahme nicht - wie ärgerlich.

      Von Vittorio Gui habe ich die Live-Aufnahme vom 28.11.1955 mit Dow, Berdini, Christoff, Taddei, Gasperoni, Monti und Calabrese; Orchestra Sinfonica a Coro di Roma della RAI, selbstverständlich auf italienisch. Leider ohne Libretto. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Aufführungen in jeweiliger Landessprache, wenn es "gut übersetzt" und den speziellen sprachlichen, sängerischen Gegebenheiten Rechnung trägt.

      Das 'Schwanken' zwischen "Singspiel", "Oper" und "Oratorium" kann ich selbst nicht ausmachen. Ich nehme eine wunderbare stetige dramatische Steigerung wahr ("Fidelio"; nicht so zwingend "Leonore"). Den "symphonischen" Chrarakter schätze ich ebenso.

      Bis dann.
    • Lieber KMC,

      Wie ist denn Berdini in dieser zweiten Gui-Aufnahme, deren Tonqualität ja eigentlich besser sein müßte? Möglicherweise tue ich ihm ja ein bißchen Unrecht. Intelligente Routine besitzt er jedenfalls.

      Natürlich klingt die italienische Übersetzung mitunter recht fremd, aber meist funktioniert das in der früheren Einspielung recht gut, soweit ich das beurteilen kann. Es bedarf freilich einer anfänglichen Gewöhnphase.

      Dorothy Dow hat die Leonore auch unter Fricsay gesungen (das müßte ich mir wieder einmal anhören).

      LG

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      Lieber KMC,

      Wie ist denn Berdini in dieser zweiten Gui-Aufnahme, deren Tonqualität ja eigentlich besser sein müßte? Möglicherweise tue ich ihm ja ein bißchen Unrecht. Intelligente Routine besitzt er jedenfalls.

      Natürlich klingt die italienische Übersetzung mitunter recht fremd, aber meist funktioniert das in der früheren Einspielung recht gut, soweit ich das beurteilen kann. Es bedarf freilich einer anfänglichen Gewöhnphase.

      Dorothy Dow hat die Leonore auch unter Fricsay gesungen (das müßte ich mir wieder einmal anhören).

      LG

      Waldi



      Lieber Walter,

      bitte nicht "KMC", ich ziehe "Keith" vor.

      Ich hatte nach Deinem Eröffnungsbeitrag die "Gui-Aufnahme von 1955" nach sehr langer Zeit einmal wieder gehört. Der Florestan von Amedeo Berdini hat mich aufgrund der kräftigen Stimme positiv überrascht ("Gott! Welch' Dunkel hier!"), eine weitergehende tiefgründige Analyse kann ich derzeit jedoch nicht leisten, da müßte ich mir Berdini bzw. die Aufnahme mehrmals anhören.


      Wie geschrieben, Deine Aufnahme kenne ich leider nicht, ich vermute aber ebenfalls, daß die '55er-Aufnahme' aufnahmetechnisch besser ist. Ist Deine mit Dialogen (Du schreibst: "...Man hört hier mehr Text als gewöhnlich..."); die '55er-Aufnahme' ist jedenfalls mit Dialogen.

      Bis dann.
    • Lieber Keith,

      Ja, die Dialoge sind 1952 sogar recht ausführlich. Auch ein Unbewanderter müßte sich relativ leicht auskennen. In den mir bekannten deutschen Fassungen ist der gesprochene Text ja ziemlich entschlackt, sofern er nicht überhaupt fehlt.

      In den ersten Momenten von Florestans großer Arie habe ich auch gedacht, daß Berdini vom Stimmcharakter her recht gut paßt. Aber wenn es in die Höhen geht, dann hört es sich an, als ob ihm die Luft knapp wird. Das vorher ansprechende Timbre geht dann auch verloren. Aber das könnte natürlich teilweise an der Technik liegen, deswegen meine Frage. Aber wir haben jede Zeit der Welt, Signor Berdini unter die Lupe zu nehmen. Das ist schließlich eine Nebensache.

      LG

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Für Interessierte:
      Ich besitze eine Aufnahme des Felsenstein-Films (der ist aber wohl mehr historisch interessant), den es wohl auf DVD nicht mehr zu geben scheint
      und einen 3SAT-Mitschnitt der Züricher Flimm-Inszenierung mit Harnoncourt.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Die Züricher Inszenierung von Jürgen Flimm unter Harnoncourt gibt es auch auf DVD:

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/219T2F74GFL._SL500_AA180_.jpg]

      Sie gefällt mir insgesamt besser als die oben von Rideamus empfohlene Arthaus-DVD. Es stimmt schon, Regie (Adolf Dresen) und Dirigat (Christoph von Dohnanyi) sind dort auch sehr gut. Ich kann nur mit den beiden Hauptdarstellern nicht warm werden: Die matronenhafte, schauspielerisch hölzerne und sich mühsam durch ihren deutschen Text radebrechende Gabriele Benackova verleidet mir die ganze Oper. Warum sich Marzelline Hals über Kopf in diesen "Fidelio" verlieben sollte, ist gänzlich unerfindlich. Josef Protschka wirkt durch seinen massigen Körperumfang als hungernder Gefangener auch nicht gerade glaubwürdig.


      Bei Harnoncourt/Flimm ist Jonas Kaufmann ein ebenso sängerisch wie schauspielerisch herausragender Florestan. Camilla Nylund als Leonore mag keine Idealbesetzung sein, aber die ungeheure psychische Spannung, unter der diese Frau steht, bringt sie exzellent rüber. Marzelline und Rocco sind ebenfalls sehr gut. Ganz fürchterlich dagegen der Don Pizarro des Alfred Muff, der seine Partie mehr bellt als singt, seltsam ungelenk über die Bühne stakst und von der Regie auch noch in ein groteskes schwarzes Ganzkörper-Kunstleder-Kostüm gezwängt wurde. Wegen dieses Totalausfalls einer zentralen Rolle kann ich auch diese DVD nur eingeschränkt empfehlen.


      Auf eine wirklich überzeugende Fidelio-Inszenierung warte ich immer noch. Kennt jemand die Aufzeichnung aus Valencia unter Zubin Mehta mit Waltraud Meier, Peter Seiffert und Matti Salminen?
    • IN Stuttgart gab es eine sehr eigenwillige Inszenierung von Kusej mit Michael Giehlen als Dirigent, ich habe sie aber nur brockenweise angesehen, da die Bildqualität leider mangelhaft ist (ein alter TV-Mitschnitt)
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Meine Lieben,

      Beim Wien-Bummel mit Caesar73 landeten wir natürlich auch in der Operngasse, wo ich, mein bereits überzogenes Anschaffungsbudget heldenhaft ignorierend, mir mit dieser Aufnahme einen langgehegten Wunsch erfüllte:



      Genf 1951, Relief 2007

      Leider gibt es überhaupt keine Dialoge, aber es ist die einzige Live-Gesamtaufnahme von Ferenc Fricsay (sonst gibt es nur die Neapler Aufnahme mit einem einzigen Akt). Hier leitet er das Orchestre de la Suisse Romande. Eine Beurteilung ist nicht leicht, erster Eindruck: Das Masterband hat sichtlich gelitten, die Tonqualität ist teilweise merklich schlecht, trotzdem kommen die meisten Stellen gut zur Geltung. Dazwischen reißt es einen aber einige Male.

      Fricsays anderer (Fragment-)Fidelio gefällt mir vom Orchestralen etwas besser, aber das kann am Erhaltungszustand liegen.

      Was den Besitz der Box aber unverztichtbar macht, ist vor allem der Pizarro Josef Metternichs: Nichts von Edelmenschassoziation im Stimmlichen, mit grandioser Überzeugungskraft gestaltet Metternich hier eine raffinierte psychologische Studie eines abgefeimten, höhnischen Böslings von immenser Eindringlichkeit. Wenn er Florestan im Kerker verspottet, dann kommt der vielschichtig-schäbige Charakter Pizarros einmalig zur Geltung, und diese sonst meist etwas schablonenhaft anmutende Figur ist nicht mehr bloß ein Opernpopanz. Fabelhaft gesungen und gespielt!
      In bestechender Form auch Gottlob Frick als Rocco, meisterhaft und volltönend, ganz hervorragend auch Lisa Otto als Marzelline - gehört zu den absolut besten Interpretinnen dieser Partie, Ihr Jaquino, Karl Weiser, singt brav, hat aber eine unschöne Stimme (Dermota hätte vielleicht höflich gesagt: kein edles Organ). Ljubomir Pantscheff hat eine schöne, verleiht dem Minister aber zuwenig Profil.
      Peter Anders singt wie in Neapel auch hier den Florestan: sehr gut, aber nicht so bezwingend (wieder die Frage, ob da nicht die Technik mitschuldig ist).
      Helene Werth (Leonore) verfügt über eine im mittleren Bereich wunderschöne, sehr klangvolle, lyrisch warme Stimme, die ideal paßt. In der Höhe aber gehen diese Eigenschaften rasch verloren (Technik auch hier??), da scheint es auch ein wenig an Beweglichkeit zu mangeln. Wie gesagt, nur der erste Eindruck.

      Die Einspielung bewegt sich für mich zwischen sensationell und problematisch, mit eindeutigem Akzent auf dem ersten.

      Liebe Grüße
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,

      wie steht es mit der Fricsay-Einspielung von 1957 mit einer fantastischen Rysanek, einem diskutablen Haefliger, Engen, Fischer-Dieskau, Frick u.a. - eine der respektabelsten Einspielungen des Fidelio vor allem wegen des Dirigats?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Keith M. C. schrieb:

      Hallo,

      ich bin zwar nicht Walter, aber die Fricsay-Aufnahme ist die beste Einspielung...bzgl. des Dirigats!
      .


      Lieber Keith,

      für mich steht die Furtwängler/Flagstad-Aufnahme vorne (allein der Kanon ist eine andere Welt), aberFricsay gehört für mich zum besten, da sind wir uns einig.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Peter Brixius schrieb:


      wie steht es mit der Fricsay-Einspielung von 1957 mit einer fantastischen Rysanek, einem diskutablen Haefliger, Engen, Fischer-Dieskau, Frick u.a. - eine der respektabelsten Einspielungen des Fidelio vor allem wegen des Dirigats?


      Lieber Peter,

      Da hatte ich in der Eile das "Live-" vergessen (ist jetzt ergänzt)! Wie gut, daß Du aufpaßt! Danke!

      Übrigens: Bei so vorzüglicher MOD-Betreuung überlege ich mir, einige faulheitsstärkende Allüren zuzulegen. Etwa so: Des Morgens kriegst Du eine PN: Peter, schreib gefälligst meine heutige "Tosca"-Rezension und vergiß nicht, ein paar ordentliche Fachausdrücke zu verwenden, damit die Leute Respekt vor mir bekommen. ;+) Ich möcht' ja was darstellen im Forum, ohne mich anzustrengen.

      Liebe Grüße
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • "IN Stuttgart gab es eine sehr eigenwillige Inszenierung von Kusej mit Michael Giehlen als Dirigent, ich habe sie aber nur brockenweise angesehen, da die Bildqualität leider mangelhaft ist (ein alter TV-Mitschnitt)"

      Ich wollte natürlich fragen: Kennt jemand die Inszenierung und was haltet ihr davon?
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Waldi schrieb:

      Als ich noch ins Gymnasium ging, kam die Debatte in der Musikstunde einmal auch auf den "Fidelio". Mein Professor - Gott hab ihn selig! Ich mochte ihn! - war sonst sehr für Beethoven, aber bei diesem Werk konnte er einen etwas verächtlichen Ton und ein kritisches Urteil nicht zu unterdrücken. Seither habe ich viele Leute kennengelernt, die zumindest ein zwiespältiges Verhältnis bekennen. Dem einen ist es zuwenig einheitlich (schwankend zwischen den Gattungen vom Singspiel bis zum Oratorium), das vermag ich auch nicht zu widerlegen, den anderen stört die Diskrepanz zwischen symphonischem Schaffenscharakter und dem, was Stimmen zu geben vermögen; auch das räume ich ein, ist
      Mein Problem ist, dass ich die meisten Einwände nicht wirklich nachvollziehen kann, da ich mich selbst auf das Werk einlassen kann. Da habe ich dann kein Problem damit, dass es gewisse Diskrepanzen gibt.

      So habe ich selbst die "Singspielszenen" im Anfangsteil keineswegs als Widerspruch zur späteren Handlung gesehen, sondern ich finde es durchaus schlüssig, dass es sich in diesem Gefängnis für Kerkermeisterfamilie und Angestellte ganz gut leben lässt. Ebenso, dass Pizzarros Helfershelfer (Rocco) kein Unmensch ist.

      Ebensowenig habe ich Schwierigkeiten damit, "Fidelio" eben als Heldinnenstory oder auch Abenteuergeschichte zu sehen, also keineswegs nur auf eine Parabel.

      Der positive Ausgang ist in der Oper nicht selbstverständlich und er ist zumindest in der Letztfassung keineswegs dem Auftauchen des Ministers zu verdanken. (Dessen Schlussauftritt erinnert mich immer an den Auftritt von Göttin Diana in "Iphigenie en Tauride" von C. W. Gluck. In beiden Opern ist er eigentlich nicht notwendig für den guten Ausgang, denn den schafft eine/r der Protagonisten/innen selbst. Aber Diana bzw. Minister sind wohl als Zugeständnis an die Entstehungszeit zu sehen, wo ein Totschlag (aus Notwehr, um andere zu retten) als positive Lösung moralisch noch durch eine Klarstellung abgesichert werden musste.)

      Don Pizzarro ist als Bösewicht stark eindimensional, er ist wohl wirklich einer der wenigen Opernschurken, bei denen eine Differenzierung oder Abmilderung nicht möglich ist. Aber als allmächtiger Bösewicht überzeugt er dank Handlungsablauf und Beethovens Musik, Pizzarro hat sein Gefängnis fest in der Hand, er scheitert an Umständen, mit denen er wirklich nicht rechnen konnte.

      Ich habe früher bei Gesprächen mit Personen, die als "Fidelio"-Gegner bezeichnet werden könnten, immer wieder den Eindruck gehabt, dass ihre Ablehnung der Oper auch damit zusammenhängt, dass ihnen die Oper in Wirklichkeit Probleme macht, weil sie zu lebensnahe ist. Jemand aus einem Gefängnis zu retten oder einen Mord zu verhindern, ist zum Glück keine Alltagssituation, aber was dabei in der Oper gezeigt wird, sind durchaus Situationen, die auch auf den Alltag übertragen werden könnten.


      Ein weiteres Problem für die Oper, das sich in den letzten Jahren zusätzlich entwickelt hat, ist natürlich der Zeitgeist. Glückliche Ausgänge sind heute im Theater eher unerwünscht, dem Happyend muss misstraut werden.
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      Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
      Di glorie e di sublimi rapimenti
      Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
      Percè in suo grembo non trovai la tomba?
    • Meine Lieben,

      Unter den Walhallschen Neuerscheinungen des abgelaufenen Jahres findet sich auch ein New Yorker "Fidelio" von 1951, ein Live-Mitschnitt aus der MET:



      Vermutlich ist das ursprünglich eine Rundfunkaufnahme gewesen; die technische Qualität ist freilich schon etwas ramponiert (über Kopfhörer hörte es sich aber tolerabel an). Bei diesen MET-Mitschnitten ist man trotzdem fast immer sehr gut dran. Mich interessierte vor allem das Dirigat von Bruno Walter: Sehr kontrastreich, manchmal erstaunlich langsam, dann wieder fast knallend (nur erweckt "knallen" bei Bruno Walter den falschen Eindruck, er beherrscht die Effekte zu sehr), kein "klassisch" interpretierter Beethoven, sondern recht modern und gegen den Traditionsklang gebürstet.

      Bei Kirsten Flagstad als Leonore fühle ich mich gespalten. Sie singt virtuos, läßt mich aber zu sehr an Wagner denken, und das seelische Moment kommt ein wenig zu kurz. Set Svanholm als Florestan gehört nicht zu den fast verhungerten Gefangenen. Sicher in der Höhe und voll ungestümer Kraft läßt er es dennoch etwas an Elastizität fehlen. Gute Leistungen also von beiden, aber Idealbesetzungen sind sie keine. Ganz vorzüglich in seiner routiniert vermittelten Beschränktheit bei gutem Kern ist hingegen Dezsö Ernster als Rocco, der nicht nur sehr gut singt, sondern auch in den Dialogen überzeugt. Nadine Conners soubrettige Marzelline gefällt mir ebenfalls bestens. Solange sie singt, geht ihr das Deutsche auch flüssig über die Zunge, nur in den Dialogen kämpft sie ein wenig. Dagegen kommt Peter Kleins Jaquino nicht über den Durchschnitt hinaus.

      Paul Schöffler wäre ein ausgezeichneter Pizarro, würde er er sein Niveau konsequent durchhalten, doch zwischendurch kommt er mir etwas nachlässig vor. Jerome Hines orgelt den Minister ehrfurchtgebietend.

      Trotz der Einwände eine interessante und bemerkenswerte Aufnahme.

      Liebe Grüße

      Waldi


      Lieber Local Hero,

      Zu Deiner Juli-Frage nach der Valencia-Inszenierung gibt es jetzt einen eigenen Thread.
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      Homo sum, ergo inscius.



    • Die DVD des Bernstein-"Fidelios" von 1978 ist natürlich ein Klassiker, auf den die DGG mit Recht stolz ist. Auch die Inszenierung Otto Schenks erwies sich als viel langlebiger, als ich seinerzeit annahm. Denn weder das Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen zählt zu dessen besten Leistungen, noch würde ich die Regie Schenks zu seinen besten zählen. Was nicht heißt, daß beide nicht ihre Meriten haben. Wenn man die Schenk-Inszenierung aus späteren Aufführungen auch von der Bühne kennt so wie ich, dann bezieht man die natürlich mehr oder weniger unbewußt in die Beurteilung ein, was nicht gerecht ist, denn erst im Vergleich mit der DVD merkt man, wieviele wichtige Details und Subtiltäten Schenks später - klarerweise - verlorengingen. Aber hier im Bild hat man alle die Umsetzungen feinster seelischer Regungen in Aktion, und das ergibt doch eine sehr eindrucksvolle Aufführung.
      Es ist Beethoven in der Bearbeitung durch Leonard Bernstein, aber der durfte sich das erlauben. Wer so atemberaubend dirigiert und die Wiener Philharmoniker zu solch göttlicher Leistung anspornt, hat jedes Recht. Bernstein bietet einen sehr romantischen "Fidelio" mit viel Akzent auf die Freiheitsapotheose (bei Tamino wurde sehr richtig auf die sichtlich beabsichtigte Verbindung zur IX.Symphonie hingewiesen). Dieser Konzeption entsprechen die Stimmen, die nicht aus der "wuchtigen" Ecke kommen, sondern eher der "schlanken" Riege zugehören.
      Gundula Janowitz ist aus meiner Sicht eine der besten Leonoren überhaupt. Sie vermittelt nichts Hochdramatisches, sondern bleibt immer die innerlich gehemmte, furchtsame Frau, die sich aber stets überwindet, und der die Heroik daher nicht zur Pose wird, sondern zur verzweifelten Reaktion. Auch in der Verkleidung strahlt sie das aus, was man früher edlen Anstand nannte. Einfach großartig ist sie in der Schlußszene, wenn sie die Ketten aufschließen darf. Das ist ein unvergeßlicher Opernmoment, für den allein es sich zu leben lohnen würde.
      Hervorragend auch Lucia Popp als Marzelline, die sich zu den Idealinterpretinnen dieser Rolle reiht.
      René Kollo geht mit dem Florestan hörbar an seine Grenzen (der Stimme wird es schwerlich gutgetan haben), aber er beindruckt durch Intensität und kluge Gestaltung, und schließlich war die Stimme damals noch ziemlich in Ordnung. Interessant der Pizarro Hans Sotins, der mir sonst eher für weiche Baßwärme prädestiniert schien. Spielen tut er den Bösewicht sehr gut (nämlich als einen eher primitiv gestrickten Kapo), beim Singen gibt's für mich kleine Einschränkungen. Die große Arie ist der schwächste Part (und die "r"s kommen zu weich ins Ohr), aber sonst ist er eine positive Überraschung. Adolf Dallapozza (Jacquino) und Hans Helm (Minister) verkörpern solide Staatsopern-Hausqualität. Manfred Jungwirth braucht einige Zeit, um zu überzeugen, packt aber dann doch, wenn er Rocco nicht alos Schwächling, sondern als gutgesinnten Pragmatiker charakterisiert, der im rechten Moment - und mit Hilfe Marzellines oder Fidelios - aber über seinen Schatten springt und Zivilcourage zeigt. Stimmlich kann er neben einem Frick zwar nicht bestehen, aber achtbar-eindrucksvoll weiß er zu überzeugen. Erster und zweiter Gefangener: Karl Terkal und Alfred Sramek. Da denkt der Wiener: Gute alte Zeit! (bekanntlich ist die in Wien auch heute nicht ganz vorüber, was man hoffentlich in ein paar Jahrzehnten auch im Rückblick auf heute wiederholen wird).

      Wer diesen Klassiker noch nicht besitzt, möge zugreifen: Derzeit ist er, wie ich gesehen habe, günstig angeboten. Daher wollte ich an ihn erinnern.

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.