BEETHOVEN: Fidelio – Oper als Freiheitsapotheose

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    • Noch älter, aber durchaus sehenswert, ist diese 1968 im Fernsehstudio produzierte Adaption einer Aufführung der Hamburgischen Staatsoper:

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/51IaDjG89xL.jpg]

      Anja Silja ist die einzige Darstellerin der Leonore, die ich kenne, die in ihrer Hosenrolle glaubwürdig als junger Mann rüberkommt, und wenn sie dann in der Kerkerszene schließlich ihr Käppi abnimmt und ihre langen roten Haare schüttelt, ist das ein grandioser Moment. Neben der großartigen Silja spielen und singen auch Lucia Popp (Marzelline), Theo Adam (Pizarro) und Richard Cassilly (Florestan) sehr gut. Die Inszenierung ist sehr traditionell, klar, aber mit einigen tollen Momenten, etwa zu Beginn von Akt II eine lange und wirklich unheimliche Kamerafahrt hinab in die düsteren unterirdischen Verliese, in denen Florestan schmachtet.
      Also mir gefällt's ;+)



    • Gestern lief im Fernsehen (ORF III) diese Zürcher Aufführung von 2004. Nach einmaligem Konsum läßt sich natürlich kein endgültiges Urteil abgeben, aber ich habe so das Gefühl, daß sich meine ersten Eindrücke auch bei mehrmaligem Hören und Sehen nicht wesentlich ändern würden.
      Jürgen Flimm liegt für mich in vielem daneben. Seine Personenführung finde ich überwiegend miserabel und manchmal mottenkistenklischeehaft, seine Stilbrüche stören mich (z.B. : Marzelline befaßt sich, wenn der Vorhang aufgeht, nicht mit dem Haushalt, sondern befüllt Patronen - und das passiert den Kostümen und Frisuren nach zu schließen irgendwann im frühen 19.Jahrhundert und mit Vorderladergewehren! Fidelio führt kein Terzerol mit sich, sondern offenbar zwei Colts; was soll die anachronistische Wildwestmanier? Der Minister kommt daher wie ein Vertreter des Ancien régime usw.). Zugegeben, es gibt daneben auch ein paar interessante Ansätze (Marzelline, Jaquino), aber das ist mir zu wenig. Es gibt Leute, die es nicht störend finden, wenn Florestan und Leonore ihr Duett singen, das aber keineswegs an des jeweils anderen Brust tun. Ich finde das leider falsch. Die Dialoge sind ziemlich reduziert, zu sehr, wie ich finde.

      Das Bühnenbild ist leider scheußlich und die Ausstattung auch für die Glittenbergs eher schwach.

      Nikolaus Harnoncourt hinterläßt bei mir wie so oft zwiespältige Gefühle. Ich bewundere seine Präzision und seine Fähigkeit, den Musikern differenzierteste Feinheiten zu entlocken, aber seine Verzerrungen gefallen mir nicht und seine einbekannte Ausmerzung allen Schönklangs geht mir gerade bei dieser Oper gegen den Strich.

      Jonas Kaufmann als Florestan gibt eine Talentprobe, wirkt aber noch nicht ausgereift (später war er in dieser Rolle überzeugungskräftiger); er steht für mich auf der Habenseite.
      Camilla Nylund leidet vermutlich unter dem, was ihr die Regie vorgibt. Im ersten Akt bleibt sie blaß und ohne viel Ausstrahlung, singt auch eher wie eine Agathe. Im zweiten Akt findet sie viel besser in die Rolle hinein. Trotzdem fehlt es an Persönlichkeit. Allerdings denke ich, daß es nur zum geringen Teil an dieser ja an sich sehr guten Sängerin liegt. Die Unsicherheit merkt man daran, daß sie zu oft starr auf den Dirigenten blickt, anstatt sich glaubhaft in das dramatische Geschehen zu integrieren. Ihre männlichen Kollegen beweisen da mehr Selbstvertrauen.

      Alfred Muff ist vom Typ her eher ein Rocco (in der nächsten Zürcher Fidelio-Inszenierung von K. Thalbach war er das ja auch), er singt die Rolle, von kleineren Einschränkungen abgesehen, auch gar nicht so übel. Optisch-schauspielerisch freilich bleibt er viel schuldig.

      László Polgar ist ein kluger und ausgezeichneter Sänger. Als Rocco wirkt er jedoch stimmlich zu edel, zu sehr als ängstlicher verkappter Intellektueller, nicht als überforderter Biedermann. Doch liegt es auch hier mehr am Regisseur. Wenn man singen muß "Nur hurtig fort, nur frisch gegraben", dabei aber nur untätig herumsteht, wirkt es fast komisch - genau dort, wo es nicht soll.

      Der junge Günther Groissböck ist stimmlich als Minister besser als etliche Ältere in diesem Part.

      Der größte Aktivposten für mich ist Elizabeth Rae Magnuson als Marzelline, nicht nur vokal. Mit dieser Figur weiß auch Flimm etwas anzufangen und gibt ihrem tatsächlich tragischen Schicksal viel Aufmerksamkeit. Sie kommt ja als einzige wirklich unter die Räder. Erst darf sie sich in den schönsten Hoffnungen wiegen. Leonore-Fidelio macht nämlich das Theater mit Verliebtheit und Verlobung fleißig und fast ganz ohne Hemmungen mit, Mit dieser Heuchelei wirkt die edle Dame eigentlich recht unsympathisch. Für mein Gefühl geht das gegen Text und Musik. Zum Schluß sitzt Marzelline allein und völlig gebrochen mit den Requisiten ihrer geplatzten Gefühle abseits des Jubels und will sich mit dem aufgeklaubten Colt in den Kopf schießen. Das verhindert Jaquino, der ihr die Waffe wegnimmt, sich aber dabei wegwendet und kene zärtlichen Gefühle verrät. Flimm deutet ihn als opportunistischen, kalten Apparatschik, der sich bereitwillig dem unterordnet, der momentan an der Macht ist. Als Pizarro noch schaltet und waltet und Rocco zur Rede stellt, legt Jaquino das Gewehr ohne Hemmungen auf seinen Möchtegern-Schwiegervater an. Kaum ist der Minister angekommen, richtet Jaquino das Schießeisen ebenso selbstverständlich auf den Gouverneur, den er am Ende auch dann wirklich erschießt, als der Schurke fliehen will. Nirgends verrät Jaquino dabei irgendwelche wärmeren Regungen. Marzelline möchte er zur Frau, weil ihm das offenbar karrieredienlich ist, nicht weil er sie liebt. Das vermag diese Fischnatur offenbar gar nicht.. Auch typisch, wie er ihren Selbstmord verhindert, aber dabei ihre Verzweiflung völlig ignoriert, nicht tröstet, sondern sich kalt abkehrt. Er weiß ja, daß Marzelline ihm gehören wird, Etwas anderes bleibt ihr ja nicht über. Christoph Strehl wird dieser Rollenauffassung sehr gut gerecht. So wenig ich ihn als Tamino schätze, so sehr sagt er mir hier zu.

      Die III.Leonoren-Ouvertüre läßt Harnoncourt natürlich aus. Einserseits begreiflich, andererseits schade, denn als Überleitung macht die schon Sinn. So erfolgt der Wechsel zum finalen Triumph recht kraß...
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,

      du schreibst "später war Kaufmann in der Rolle des Florestan überzeugender". Gibt es denn eine weitere Bild-Aufnahme mit ihm als Florestan oder nur Ton? Ich kenne ihn noch von einer Tonaufnahme aus Luzern und habe es immer bitter bedauert, dass da kein Bild dabei ist. :cry:
      Der Stilmischmasch von Flimm hat mich auch gestört und sein Sinn hat sich mir nicht erschlossen. Am schlimmsten fand ich auch die extreme Distanz zwischen Leonore und Florestan im Duett - nicht nur körperlich, sondern auch vom fehlenden Blickkontakt her. Polgar als ungewohnt intellektueller Rocco passte für mich in diese Inszenierung dagegen ziemlich gut. Sie ist sowieso m.E. sehr stilisiert und unnatürlich, arbeitet aber sehr viel mit Symbolik. Da konnte Polgar mit seinen genau berechneten Bewegungen - körperlich, mimisch und stimmlich - sehr gut punkten.
      Übrigens hat das mehrfache Sehen bei mir doch einiges an Angangsenttäuschung verbessert. Ich konnte mich an einige Kritikpunkte gewöhnen, auch wenn ich sie immer noch nicht gut finde. Und eines muss man Flimm bei allen Vorwürfen lassen: langweilig ist er nicht.

      VG, stiffelio
    • Liebe stiffelio,

      In unserem Fernsehen war er ein paar mal in Ausschnitten zu sehen (ich kann's aber nicht genauer einordnen), als CD gibt es den "Fidelio" mit ihm unter Abbado, die Leonore ist Nina Stemme.

      :wink: Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Meine Lieben!

      Seit gestern habe ich wieder eine Historische Aufnahme des "Fidelio" vom Februar 1944 aus Wien.

      Hier beeindruckt vor allem Hilde Konetzni als Leonore, die ja später eher in der Operette die komischen Partien kreierte. So eine derart warme und sicher geführte Stimme hört man heute selten. Hier ist es die liebende Frau die ihren Mann sucht und findet.

      Dieser Florestan ist Torsten Ralf mit sicherem Tenor, mehr lyrisch als dramatisch aber das machten ja viele so. Paul Schöffler sang und spielte schon damals den Don Pizarro und der Rocco von Herbert Alsen ist ein gütiger und väterlicher Kerkermeister. Irmgard Seefried die Marzelline und Peter Klein der Jaquino. Es singt der Chor der Wiener Staatsoper und der Dirigent ist Karl Böhm gewesen, wie später dann ja auch als nahezu 11 Jahre später das Große Haus wieder eröffnet wurde.

      Ich habe vor mehr als 45 Jahren die 3er LP her geborgt und sie endlich, aber als 2er CD wieder bekommen. Die Aufnahme ist mit Prosa, grad diese nicht überlang aber richtig gut.

      Eine lobenswerte und nicht nur historische Aufnahme, die ich besonders schätze [und jetzt such ich das Cover im Hamburger Archiv für Gesangskunst gibt es die Aufnahme und sogar sehr preiswert].

      Liebe Grüße Euer Peter aus Wien.
    • Ich habe den Link mal sichtbar gemacht - die Direktverlinkung des Bildes funktioniert nicht (und ist nach unseren Regeln ohnehin unzulässig). Q.

      "http://1.1.1.1/bmi/www.vocal-classics.com/images/product_images/info_images/zo-fidelio_2.gif

      Hier das Cover lieber Peter !

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Lieber palestrina!

      Ich sehe kein Cover, aber das macht nichts ich habe ja die Adresse bekannt gegeben.

      Danke und liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink: :wink:

      Danke lieber palestrina!

      Ich bin leider zum Verlinken zu ungeschickt, ich kann's einfach nicht. :juhu: :juhu: :juhu:
    • Liebe Fidelioist/innen, diese Aufnahme mit Harnoncourt (nicht identisch mit der erwähnten DVD) wurde hier m. E. noch nicht besprochen:



      bzw.



      Kennt die jemand? Empfehlung?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Kennt die jemand? Empfehlung?
      Ja, durchaus! Sagt allerdings eine nicht so wahnsinnig erfahrene Fidelioistin. Mit anderen Worten, das ist mein einziger Fidelio auf CD, sonst habe ich nur DVDs bzw. Mitschnitte. Bin aber begeistert und hatte die Aufnahme ca. 1/2 Jahr in Endlosschleife im Player. Die Sängerbesetzung ist ausgezeichnet, vor allem Peter Seiffert als Florestan und Charlotte Margiono als Leonore scheinen da auf dem Höhepunkt ihres Könnens zu sein, sind sensationell und haben mir immer wieder Gänsehautmomente beschert. Kleine Abstriche vielleicht bei Sergei Leiferkus' Pizarro bzgl. der deutschen Aussprache und allgemein bei den Dialogen, die sehr leise erscheinen und leider auch keine Extratracks zum Wegklicken bekommen haben. Ansonsten nur für HIP-Freunde, Kritik gab/gibt es wohl hin und wieder wegen Harnoncourts eigenwilliger Tempi. Da wage ich kein Urteil, da ich wie gesagt nicht so viele Aufnahmen kenne, für mich ist alles stimmig und gebraucht kostet die Aufnahme nicht die Welt – falsch macht man da sicher nichts!
      Ach ja, es handelt sich um einen Mitschnitt einer konzertanten Aufführung in Graz (1994).

      :wink:
    • Amaryllis schrieb:

      Kritik gab/gibt es wohl hin und wieder wegen Harnoncourts eigenwilliger Tempi.
      Da würde mich interessieren: Kritik inwiefern? Zu schnell? Zu langsam? Zu wechselhaft? Zu ...?

      Ansonsten: Herzlichen Dank für Deine Anmerkungen, liebe Amaryllis!

      :wink: :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Da würde mich interessieren: Kritik inwiefern? Zu schnell? Zu langsam? Zu wechselhaft? Zu ...?
      Insgesamt ist Harnoncourt eher auf der zackigen Seite, allerdings schlägt das eben punktuell ins Gegenteil um, z.B. beim Duett "O namenlose Freude", was ganz ungewöhnlich langsam genommen wird. Ich denke, wer schon viele andere (ausgeglichenere) Fidelios im Ohr hat, fühlt sich da eher unangenehm berührt als jemand, der noch relativer Fidelio-Novize ist (so wie ich ^^ ).

      Herzliche Grüße,
      :wink: Amaryllis
    • Amaryllis schrieb:

      Insgesamt ist Harnoncourt eher auf der zackigen Seite, allerdings schlägt das eben punktuell ins Gegenteil um, z.B. beim Duett "O namenlose Freude", was ganz ungewöhnlich langsam genommen wird.
      Auf der "zackigen Seite", das spricht mich schon mal an. "O namenlose Freude" extrem langsam? Möglich, daß Harnoncourt sich dabei etwas Besonderes, Tiefes gedacht hat - das muß ich aber erst selber hören. Kurzum: Die Aufnahme ist bestellt.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hallo Gurnemanz,

      ich kann mich Amaryllis' Urteil nur anschließen, ich besitze die CD ebenfalls und bin mit ihr voll und ganz zufrieden. Die Tempi stören mich überhaupt nicht - im Gegenteil - mir gefällt das langsamere Tempo bei "O namenlose Freude" sogar sehr gut, da das Duett auf mich dadurch inniger wirkt.
      Im Vergleich habe ich (allerdings schon vor einigen Jahren) mal die Aufnahme mit Gwyneth Jones und James King unter Karl Böhm gehört und fand das "O namenlose Freude" viel gehetzter, hatte aber bei "Er sterbe" und der darauffolgenden Konfrontation das Gefühl, dass gar nichts vorwärts geht...
      Also wie gesagt - mir gefallen die Aufnahme und die Tempi unter Harnoncourt sehr gut und bin mal auf Dein Urteil gespannt.

      Liebe Grüße
      Ralf

      Nachtrag: im Vergleich zu der erwähnten DVD ist Harnoncourt beim Freude-Duett sogar einigermaßen flott unterwegs :rolleyes:
    • Bergziege schrieb:

      Im Vergleich habe ich (allerdings schon vor einigen Jahren) mal die Aufnahme mit Gwyneth Jones und James King unter Karl Böhm gehört und fand das "O namenlose Freude" viel gehetzter, hatte aber bei "Er sterbe" und der darauffolgenden Konfrontation das Gefühl, dass gar nichts vorwärts geht...

      Das war "mein" allererster Fidelio und es ist auch nach wie vor meine Lieblingsaufnahme - und zwar der Sänger wegen; insbesondere James King :love: wegen und seiner - für mich persönlich - unnachahmlichen Innigkeit.

      Allerdings muss ich mich den genannten Tempoempfindungen voll und ganz anschließen; daher kann ich mir ein langsameres "O namenlose Freude" sehr gut vorstellen ... vielleicht sollte ich mir die Harnoncourt-Aufnahme auch bestellen ? :rolleyes:
      Viele Grüße - Allegro

      Musik ist, die in den Noten versteckten Töne frei werden zu lassen (nach Philmus)