Lieder der Malocher

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    • Chor der Bergleute

      Ein weiteres "Tendenzlied". Geschrieben worden ist es von Franz Langheinrich (Text) und Richard Trunk (Musik) im Jahr 1910. Auf der CD findet man eine Aufnahme aus dem Jahr 1928. Es singt der Friedrich-Hegar-Chor, Berlin unter Leitung von Carl Rohrbach.

      Das Lied führt mich an den Ausgangspunkt dieses Threads zruück. Es war eine Sendung über die Lieder der Bergleute, die mich auf den Gedanken brachte, den Weg des Arbeiterliedes von 1848 bis zur Gegenwart zu gehen. Wenn man die Darstellung des Bergbaus bei Novalis (immerhin ein Mann der Praxis) vergleicht mit den tatsächlichen Arbeitsbedingungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, kann man erkennen, wie weit blaue Blume und rote Fahne auseinander liegen. Der unerbittliche Raubbau an der Natur, der mit Hilfe der in Lohnsklaverei gehaltenen Menschen zum Reichtum von Wenigen führt, beginnt mit der Aneignung der Naturschätze, sobald der Schleier von Angst und Unkenntnis, aber auch der Respekt vor der Schöpfung der Besitzgier gewichen ist, die sich skrupellos der gezwungenen Handlangern bedient.

      Der Frühtau fällt, ade, du Welt,
      Wir fahr'n im Dunkel ein.
      Das Grubenlicht leucht' uns zur Schicht,
      Ist unser Sonnenschein.
      Der Haue Schlag hallt unterm Tag.
      Es klopft der Erde Herz:
      Du Brudergruß durch Staub und Ruß
      Schallst lauter als das Erz:
      Glück auf!

      Scharz wie die Nacht ins uns're Tracht,
      Wir bauen nah dem Tod;
      Und unser Gast zu harter Last
      Ist gern die liebe Not.
      Für allen Schweiß wird uns zum Preis
      Ein schmales Hungertuch;
      Da klingt zurück der Gruß vom Glück
      Oft immer wie ein Fluch:
      Glück auf!

      Wir schürfen dir im Nachtrevier
      Die Quellen allen Lichts:
      Ein Sterbekleid, ein Grabgeläut,
      Sonst, Welt, gibst du uns nichts!
      Die Qual für dich, das Glück für mich,
      So denkt die schöne Welt;
      Wer weiß, wie bald es anders hallt,
      So wie es uns gefällt:
      Glück auf!


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Körperertüchtigung, vormilitärische Ausbildung - der Impuls, den Turnvater Jahn gegeben hatte, pflanzte sich auch in die Arbeiterbewegung fort. Mit Sportvereinen waren wir ja schon bei den Radfahrern in Kontakt gekommen, immerhin eine ganz moderne Sektion.1893 wurde der "Arbeiter-Turnerbund" als Dachorganisation gegründet. Vor dem 1. Weltkrieg umfasste er mehr als 60.000 Mitglieder. Auch hier gehörte der Gesang dazu, und der Verband gab eigene Liederbücher für seine Mitglieder heraus.

      Auch hier wage ich einen kleinen Rückblick. Einige meiner Ausgangsfragen waren ja, was ist das Volkslied, wie entsteht es, wie wird es tradiert. Aus dem bisher vorgestellten Fundus lassen sich vorläufige Antworten geben. Textautoren können bekannte Dichter sein, unbekannt gebliebene Dichter, manchmal auch anonyme Dichter - aber ihr Name verschwindet hinter dem Lied. Wer das Lied singt, singt es nicht, weil es ein bestimmter Autor geschrieben hat. Das gleiche gilt auch für die Textautoren. Ob der Text nun mit einem bestimmten Ergeignis, die Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis verbunden ist oder das tägliche Leben widerspiegelt, Wünsche und Ziele, oder lehrhaften Charakter hat - Lieder verbreiten sich durch aurale Traditionen (wobei in der Regel viele Varianten entstehen) oder durch Liederbücher, die von Sängern - Amateuren bis zu professionellen - reproduziert werden. Vorgetragen oder gemeinsam gesungen werden sie häufig im geselligen Kreis, sind stiften selbst auch Gemeinschaft. In all diesen Eigenschaften sind Arbeiterlieder ein Teilbereich des Volksliedes.

      Ich nähere mich nun einer Grenze, die aus verschiedenen Gründen besteht. Während es für das Volkslied oder für volksliednahe Lieder kein Copyright gibt, so gilt eben dieser Schutz für Lieder, die (noch) nicht zu Volksliedern geworden sind. Das Wissen um Autoren wie Brecht und Eisler bedeutet auch, dass die Werke in anderer Weise geschützt sind und bewahrt bleiben. Zu beobachten werden auch die Folgen sozialer und politischer Umbrüche sein, Lieder fahrender Gesellen setzen voraus, dass es fahrende Gesellen gibt.

      Die Entwicklung des Arbeiterliedes bringt auch mit sich, dass ich die Art meiner Berichtrstattung ändern muss, wo Texte copyright-geschützt sind, kann ich sie nur noch beschreibend wiedergeben, wenn ich nicht die Zitate eingehend bespreche. Welchen Weg ich gehen werde, lasse ich mir noch einfallen ;+) Noch steht uns eine Blüte des Arbeiterliedes in den Zwanziger Jahren vor uns - bevor es mit dem 3. Reich einen tiefe Einschnitt gibt.

      Das Lied von den "Freien Turnern" stammt von M. Räder als Textautoren und Peter Heinz als Komponisten. Entstanden ist es 1913. Auf der CD wird es dargeboten von der Scjhalmeienkapelle R.F.B. Lausa-Dresden unter der Leitung von Kurt Riedel. Es singt Robert Koppel. Die Aufnahme ist aus dem Jahr 1929


      Herbei, herbei, ihr Turner all,
      Aus allen deutschen Gau'n,
      Des Morgenrotes erster Strahl
      Zeigt an des Tages Grau'n.
      Schon schließen wir die Reihen,
      Vorbei ist kaum die Nacht.
      Kein Hahn braucht erst zu schreien,
      Von selbst sind wir erwacht.

      Hinweg, hinweg, du Knechtessinn,
      Ein heller Jubelschrei
      Dringt durch das ganze Weltasll hin:
      "Wir Turner, wir sind frei,
      Wir brechen mit dem Alten.
      Das Neue bringen wir,
      Die rote Fahn' entfalten
      Wir als das Schlachtpanier!


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Peter Brixius schrieb:

      Körperertüchtigung, vormilitärische Ausbildung - der Impuls, den Turnvater Jahn gegeben hatte, pflanzte sich auch in die Arbeiterbewegung fort. Mit Sportvereinen waren wir ja schon bei den Radfahrern in Kontakt gekommen, immerhin eine ganz moderne Sektion.1893 wurde der "Arbeiter-Turnerbund" als Dachorganisation gegründet. Vor dem 1. Weltkrieg umfasste er mehr als 60.000 Mitglieder. Auch hier gehörte der Gesang dazu, und der Verband gab eigene Liederbücher für seine Mitglieder heraus.
      Lieber Peter,

      schön, daß Du auch die Turnerbewegung in diesem Thread würdigst, der die spätere Arbeiterbewegung viele Impulse verdankt.

      Von Anfang an binnendemokratisch organisiert, stand bei den Turnern das schichtenübergreifende und egalitäre Moment im Vordergrund; das "Du" als Anrede war obligatorisch. Trotz zeitweiligem behördlichem Verbot in Bund und Einzelstaaten geht man davon aus, daß es zu Beginn des Jahres 1848 rund 90.000 in Vereinen organisierte Turner gegeben hat. Kurz zuvor, Ende 1847, war die "Allgemeine Deutsche Turnerschaft" als Dachverband gegründet worden, was die Behörden vielerorts in helle Aufregung versetzte.

      Turner wirkten auch als Freiwillige Feuerwehren, was ihnen Gelegenheit bot, unter jenem Deckmantel paramilitärische Übungen durchzuführen. Berühmt sind dann während der Revolution von 1848 auch die zahlreichen Turnerwehren geworden, die bewaffnet an der Seite der radikalen Republikaner in die Badischen Aufstände und die Verfassungskampagne 1849 zogen.

      War die Turnbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Sammelbecken der national (i.e. gegen das bestehende partikularistische und repressive System des Deutschen Bundes gerichtet) und demokratisch gesinnten Jugend (v.a. Studenten und Handwerksburschen), so wuchs die Turnbewegung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in die bürgerlichen Schichten hinein.
      Deren Ausrichtung war jedoch mehr und mehr durch das nationale Moment bestimmt und ließ die demokratischen Wurzeln der Bewegung in den Hintergrund treten.
      Diese finden sich dann wiederum bei den Arbeiter-Turnvereinen, wie dies in der Zielsetzung des von Peter genannten "Arbeiter-Turnerbundes" deutlich wird:

      „Die freiheitlich gesinnten Turner werden eifrig mitarbeiten, ein altes
      verfaultes System mit Stumpf und Stiel auszurotten, alte Ruinen
      niederzureißen, damit neues Leben aus ihnen erblühe. Unter diesen
      neuerrichteten Gebäuden erst werden wir ausrufen können: Wir haben
      Friede, Freiheit, Recht. Keiner ist des andern Knecht.“

      Magus
      "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972
    • Wann wir schreiten

      Eines der bekanntesten Lieder der Arbeiterbewegung entstand während des ersten Weltkriegs, geschrieben von Hermann Claudius und komponiert von Michael Englert. Aus dem Geist der Jugendbewegung für die Jugendbewegung geschrieben, ruft die erste Strophe die Erfahrungen und Gefühle einer Wanderung auf. Das Erlebnis der "neuen Zeit" wird aus dem Naturerleben geboren, das heißt aber auch, dass man sich von der Industrialisierung und ihren Folgen abwendet. Hermann Claudius beschreibt das Entstehen des Liedes

      Auf Militärurlaub zu Pfingsten begegnete mir geschuriegeltem Musketier mit blauer Speckuniform auf der Straße eine Gruppe Jungs und Mädels von 14 bis 17, bloßbeinig, barköpfig, helläugig, wohl an die zwanzig, die sich Hand in Hand in den Frühlingsmorgen hineinsungen. Ich blieb stehen und sah ihnen nach. Wie selbstsicher und erdengläubig das schritt und klang! Der Rhythmus ließ mich nicht los. Und so wuchs am selben Tag jenes Lied, das bald darauf in Englers Vertonung zum Volkslied wurde.


      Was man hier liest, ist eine hochgestimmte Inszenierung, an der wohl nur wenig stimmt. Wie man bei wikipedia liest, ist das Gedicht 1914 entstanden, wurde 1915 komponiert. Soweit zu der verbreiteten Mär, dass man dem Wort der Autoren zu ihrem Werk mehr vertrauen könnte, als ... Nun, ich will in diesem Thread keine RT-Diskussion anzetteln.

      Und doch findet man wichtige Stichwörter der Zeit in dem Text. Da haben wir die Perspektive des "einfachen Gefreiten", die uns geschchtlich noch zu neuen Zeiten führen wird. Wir haben eine vitalistische Anschauung einer Gemeinschaft, die überindividuell von "das schritt und klang" spricht, wo also Individuen in einer Gemeinschaft unterschiedlos verschmelzen. Das Körperbetonte (barfüßig und -häuptig) korrespondiert mit dem hellen Augen. Dem "selbstsicher" steht ein "erdengläubig" gegenüber - ist das nun Materialismus oder Glaube an die Scholle? Es liegt im Werk Hermann Claudius, zu dieser Zeit überzeugter Sozialdemokrat, später Spitzenautor der Nationalsozialisten, dies Zwiespältige, das ihn für uns heute so unscharf sehen lässt. Ja, und das Stichwort "Volkslied" - aber dazu habe ich im letzten Beitrag erst einmal genug geschrieben.

      Die zweite Strophe verankert nun die Gruppe sozial im Proletariat, der Alltag ist bestimmt vom Hammerschlag, der Lebensumraum sind die kasernenartigen Häuserquader. Doch nun warten nicht die Lehren des unsterblichen Lasalle auf sie, sondern der lachende Sonnentag. Und so wird denn auch die dritte Strophe die Natur beschwören, die Mutter Erde, aus der neues Leben sprosst

      Zwei Einspielungen bietet uns die CD, einmal den Gesangsverein "Typographia", Berlin, mit einem Orchester unter Leitung von Alexander Weinbaum (1928) und das Blas-Orchester Carl Woitschach (1930).

      Den Text findet man u.a. hier: "http://ingeb.org/Lieder/wannwirs.html"


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lasst uns wie Brüder treu zusammenstehen / Aufgebot

      1881 wurde der Deutsche Freidenker-Verband gegründet. Es ist eine Verbindung von Menschen mit freireligiösen, freigeistigen, atheistischen Vorstellungen. Dieser ursprünglich bürgerliche Verband zeigte deutliche Sympathien für die Arbeiterbewegung, was dazu führte, dass sich Arbeiter in zunehmenden Maß dem Verband anschließen. 1911 wurde ein eigener "Zentralverband proletarischer Freidenker" gegründet. Das Eigentümliche einer unter den Freidenker beliebten Liedform ist die Verbindung eines Instrumentalstücks mit einem Lied. So stammt hier der erste Teil von Méhul, den Text von Hermann Böse hat Wilhelm Knöchel komponiert. Böse war Sozialdemokrat und Lehrer in Bremen, dazu dirigierte er einen Arbeiterchor. In der Bremer Räterepublik 1919 war er als Volkskommissar tätig. Das Lied wird hier von dem Doppelquartett des Deutschen Freidenkerverbandes mit Orchesterbegleitung interpretiert (1931).


      Lasst uns wie Brüder treu zusammenstehen,
      Weil noch die Zukunft traumvoll liegt,
      Dass, wenn der Tag steigt von den Höhen,
      Ihn dann die Nacht nie mehr besiegt!

      Kämpft drum, ihr Brüder, dass in allen Landen
      Bald auch die letzte Fessel fällt!
      Los aller Not, los aller Banden,
      Leuchtet und lacht uns dann die Welt!



      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Gesang der Völker

      Kurt Eisner war einer der großen sozialistischen Denker in der SPD. Er versuchte Kant und Marx ineinander zu verschmelzen. Seine Entwicklung zum überzeugten Pazifisten führte ihn in die USPD, die er 1917 mitgründete. 1918 führte er die Revolution in Bayern an und rief den Freistaat Bayern aus. Als Ministerpräsident wurde er von einem Mitglied eienr deutsch-völkischen und antisemitischen Vereinigung, der Thule-Gesellschaft, ermordet. Auf der Trauerfeier erklang zum ersten Mal die Vertonung seines Gesanges der Völker. Die Vertonung hatte Alfred Guggenbichler vorgenommen. Das Lied ging schnell in der Repertoire der Arbeiterchöre ein. Hier wird es gesungen von den Friedrich-Hegar-Chor, Berlin, unter der Leitung von Carl Rohrbach.

      Aufklärerischer Impetus, Völkerverständigung und Freiheitsdrang machen den Kern des Liedes aus


      Wir werben im Sterben um ferne Gestirne.
      Sie blinken im Sinken und stürzen in die Nacht.
      Es wollen die Massen das Leben nicht hassen,
      Die Freiheit ruft: Empor! Von Sternen bekränzt.

      Die Zeiten entgleiten, die Erde erbebte,
      Es krallte das Alte ins Herz junger Zeit.
      Da mussten die Bleichen den Schreitenden weichen,
      Du Volk wurdest erweckt, der Tod war besiegt.

      Wir schwören zu hören den Rufern der Freiheit,
      Wir schirmen in Stürmen die heiligen Höh'n.
      Die Menschheit gesunde in schaffendem Bunde,
      Das neue Reich ersteht, o Welt werde froh!


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Warschawjanka

      Das heute als "Warschawjanka" bekannte Lied basiert auf einem alten polnischen Freiheitslied, dessen Originaltext Wacław Święcicki bereits 1883 geschrieben hat. Er schrieb es unmittelbar nach der Rückkehr aus der Verbannung nach Sibirien. Die Melodie griff auf den "Marsch der Zuaven" zurück. Im März 1885 erklang die "Warschawjanka" als Kampfeshymne bei einer großen Arbeiterdemonstration in Warschau. Von Polen wanderte das Lied nach Russland. Aus dem ersten Revolutionsjahr 1905 stammt eine russische Übersetzung - eher eine Nachdichtung, denn erst hier wird es zum sozialistischen Kampflied -, die G. Krschischanowski verfasst hat. Über den russischen "Umweg" gelangte das Lied nach Mittel- und Westeuropa - nunmehr fälschlich als "russisches Freiheitslied". Aus dem Weltkrieg zurückkehrende Soldaten brachten das Lied nach Deutschland Wer den deutschen Text geschrieben hat, istnicht bekannt. Auf der CD findet man drei Interpreationen des Liedes, einmal mit dem Lendvai-Chor, Berlin, mit Orchesterbegleitung unter der Leitung von Georg Alfred Schumann (1929). Die zweite ist auch für Klassikfreunde nicht uninteressant, denn es singt Joset Manowarda, am Klvier begleitet von G. Malianek (1931). Politisch orientierte sich Manowarda allerdings in der Folge anders Die dritte Version ist instrumental, es spielt das Blas-Orchester Carl Woitschach, Berlin (1930).


      Feindliche Stürme durchtoben die Lüfte,
      drohende Wolken verdunkeln das Licht.
      Mag uns auch Schmerz und Tod nun erwarten,
      gegen die Feinde ruft auf uns die Pflicht.
      Wir haben der Freiheit leuchtende Flamme
      hoch über unseren Häuptern entfacht:
      die Fahne des Sieges, der Völkerbefreiung,
      die sicher uns führt in der letzten Schlacht
      Auf, auf nun zum blutigen, heiligen Kampfe.
      Bezwinge die Feinde, du Arbeitervolk.
      Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden,
      erstürme die Welt, du Arbeitervolk!

      Tod und Verderben allen Bedrückern,
      leidendem Volke gilt unsere Tat,
      kehrt gegen sie die mordenden Waffen,
      dass sie ernten die eigene Saat!
      Mit Arbeiterblut gedüngt ist die Erde,
      gebt euer Blut für den letzten Krieg,
      dass der Menschheit Erlösung werde,
      feierlich naht der heilige Sieg.
      Auf, auf nun zum blutigen, heiligen Kampfe.
      Bezwinge die Feinde, du Arbeitervolk.
      Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden,
      erstürme die Welt, du Arbeitervolk!

      Elend und Hunger verderben uns alle,
      gegen die Feinde ruft mahnend die Not,
      Freiheit und Glück für die Menschheit erstreiten,
      Kämpfende Jugend erschreckt nicht der Tod.
      Die Toten, der großen Idee gestorben,
      werden Millionen heilig sein.
      Auf denn, erhebt euch, Brüder, Genossen,
      ergreift die Waffen und schließt die Reih'n!
      Auf, auf nun zum blutigen, heiligen Kampfe.
      Bezwinge die Feinde, du Arbeitervolk.
      Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden,
      erstürme die Welt, du Arbeitervolk!.


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Brüder, zur Sonne

      1917, die zehn Tage, die die Welt erschütterten, veränderten die Arbeiterbewegung. Die Geschehnisse in Russland hatten große Auswirkung auf die Arbeiterbewegung - und auf das Liedgut der Arbeiterbewegung. Der Text des Liedes stammt von Leonid P. Radin. Er dichtete es 1895/96 in einem Moskauer Gefängnis. Als Melodiediente ihm ein russisches Studentenlied ("Langsam bewegt sich die Zeit"), wobei er sie von einer langsamen Walzer-Melodie zu einem vorwärtstreibenden Marsch veränderte. 1898 wurde das Lied zum erstem Mal von politischen Gefangenen auf ihrem Marsch nach Sibirien gesungen. Das Lied wurde rasch bekannt und verbreitete sich in der russischen Arbeiterbewegung. In der Revolution von 1905 und der Oktoberrevolution von 1917 wurde es in Russland zur Hymne.

      Der deutsche Dirigent Hermann Scherchen lernte das Lied 1917 in russischer Kriegs-Internierung kennen und schuf 1918 eine deutschsprachige Fassung. Er schrieb

      In Petersburg erlebte ich die großen Demonstrationen. Volk zog durch die Stadt, in endlosen, unübersehbaren Mengen, ausgehungert, unterernährt und doch entschlossen und voll Zukunftswillen. Ein Lied begleitete ohne Aufhören den vielstündigen Vorbeimarsch; immer wieder hämmerte sich mir die Melodie in die Ohren.


      Scherchen, selbst Leiter eines Arbeiterchores, fertigte die deutsche Textfassung und Chorsätze an, die bald von den Arbeiterchören gesungen wurden und das Lied populär machten. Auf der CD finden sich mehrere Versionen: zunächst als Rotgardisten-Marsch, vorgetragen von Carl Roberts mit Streich-Orchester (1926), dann als "Empor zur Sonne! (Russischer Rotgardistenmarsch), eine Instrumentalinterpretation vom Blas-Orchester Carl Woitschach, Berlin (1930) und als "Bolschewiken-Marsch (Brüder, zur Sonne)", vorgetragen von der Original Russischen Balalaika-Kapelle unter Leitung von Boris Romanoff (1921)

      Die letzte Version ist deshalb interessant, weil die Balalaika-Kapellen in erster Linie Exilrussen, d.h. gerade den vor der Oktoberrevolution geflüchteten Bürgern und Adligen, vorspielten. Sie gewannen aber auch das Interesse des deutschen Publikums und waren sehr beliebt. Dass allerdings "Brüder, zur Sonne" die russische Seele streicheln sollte, war wohl eher einem Missverständnis geschuldet. Zu erwähnen ist noch, dass sich die Nationalsozialisten auch des populären Liedes zu bemächtigen versuchten, da wurde die erste Strophe umgeschrieben, einige Textstellen im weiteren geändert - und schon war es ein NS-Kampflied.


      Brüder zur Sonne zur Freiheit
      Brüder zum Lichte empor
      Hell aus dem dunklen Vergangen
      leuchtet die Zukunft hervor

      Seht wie der Zug von Millionen
      endlos aus Nächtigem quillt
      Bis eurer Sehnsucht Verlangen
      Himmel und Nacht überschwillt

      Brüder, in eins nun die Hände
      Brüder, das Sterben verlacht
      Ewig der Sklaverei ein Ende
      Heilig die letzte Schlacht


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Unsterbliche Opfer

      Auch dieses Lied stammt aus Russland. Entstanden ist es in den 1880er Jahren. Dem Text zugrunde liegt ein Text von W. G. Archangelski, der mehrfach im Laufe der Geschichte umformuliert wurde, immer deutlicher im revolutionären Sinne. Die Melodie stammt von einem Militärmarsch von N. N. Ikonnikow. Mit der Revolution 1905 gewann das Lied immer größere Popularität. Bei einer Trauerfeier für Gefallene der Oktoberrevolution lernte Hermann Scherchen das Lied kennen

      Petersburger Gymnasiasten, die sich zu einem Chor vereinigt hatten, stimmten den Gedächtnisgesang an, unter Führung eines blutjungen Mitschülers und unter erschüttertem Zuhören von mehr als 2.000 Menschen.


      Hermann Scherchen übersetzte das Lied ins Deutsche, wie seine Frau berichtete Die Worte waren keine wörtliche Übersetzung des russischen Textes. Es kam Scherchen darauf an, Worte zu finden, die leicht singbar waren, den Notenwerten entsprachen und außerdem den kolossalen Elan, den das Singen dieser Lieder durch die russischen Massen in ihm erweckt hatten, wiederzugeben. Das Lied wurde zu einem der bekanntesten Lieder der Arbeiterbewegung. Dmitri Schostakowitsch verarbeitete die Melodie im dritten Satz seiner 11. Sinfonie. Ebenso wird das Thema im vierten Satz in Karl Amadeus Hartmanns Concerto funebre aufgegriffen.

      Auf der CD findet man eine Version, die Josef Manowarda vorträgt, am Klavier begleitet von G. Malianek. Sie stammt aus dem Jahr 1931. Die zweite Version ist eine instrumentale, interpretiert von dem Großen Blas-Orchester unter Leitung von Carl Woitschach von 1930. Als besondere Zugabe bringt die CD eine Interpretation des "roten Geigers" Eduard Soermus von 1929. Eugen Soermus war der Arbeiterbewegung verbunden und trat häufig bei Veranstaltungen proletarischer Organisationen auf, so auch beim Solidaritätskonzert im Magdeburger Kristall-Palast am 1. Mai 1923. Dort verhaftete ihn die preußische Geheimpolizei. Dabei zerstörten sie auch seine wertvolle Violine. Schüler und Lehrer des Leipziger Konservatoriums sammelten und spendeten ihm ein neues Instrument.


      Unsterbliche Opfer ihr sanket dahin
      wir stehen und weinen voll Schmerz Herz und Sinn
      Ihr kämpftet und starbet für kommendes Recht
      wir aber wir trauern der Zukunft Geschlecht
      Einst aber wenn Freiheit den Menschen erstand
      und all euer Sehnen Erfüllung fand
      Dann werden wir künden wie ihr einst gelebt
      zum Höchsten der Menschheit empor nur gestrebt.

      Als Opfer seid ihr gefallen im Streit
      in heiliger Liebe zum Volke
      Ihr waret für die Menschheit zu geben bereit
      die Freiheit und Glück und das Leben.
      gelitten habt ihr im Kerkerverließ
      bis daß euch des Blutrichters Urteil stieß
      in des Grabes dunkles Bette
      und weiter klirrte die Kette

      Im prunkvollen Saal schmaust der Tyrann
      die Unrast im Weine ertränkend
      doch furchbare Zeichen schreibt drohend schon an
      eine Hand an die Wand des Palastes
      Es kommt eine Zeit und das Volk erwacht
      es reckt sich zur Freiheit in siegender Macht
      Doch ewige Liebe euch Brüder besingt
      die freudig für uns in den Tod ihr ging


      Ich bin damit ans Ende der ersten Kassette der "150 Jahre Arbeiter- und Freiheitslieder", Dass nichts bleibt, wie es war! gekommen. Ich habe mich in den letzten Beiträgen bemüht, ein wenig zusammenzufassen und kleinere Ergebnisse einzubringen. Dass nun am Ende zwei Lieder stehen, die aus Russland kamen, spiegelt den gewaltigen Einschnitt wider, den die Oktoberrevolution für die Arbeiterbewegung bedeutete, als - wie es in einem Lied von Ernst Busch heißt - Lenin an den Schlaf der Welt rührte. Entwicklung des Sozialismus in einem Lande einerseits, die internationale Bewegung andererseits, aber auch die Entwicklung des Faschismus haben die nächste Epoche der Arbeiterbewegung geprägt.

      Über eine Fortsetzung des Threads denke ich noch nach. Große Hilfe waren mir das hervorragende Booklet, Wikipedia mit unterschiedlichen Artikel, das Volkslieder-Archiv und unterschiedliche Seiten, die der Arbeiterbewgung nahestehen, und mich mit Einzelinformationen (etwa zum Schalmeienorchester) trefflich unterrichteten. Ihnen allen bin ich verpflichtet.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • U F F ein thread der im beständigen Winterschlaf verweilt seitdem der thread-Eröffner in anderen Welten lebt :huh: :huh:

      noch keiner hier der Andreas Dresens neuesten Film gesehen hat??
      vorletzten SO waren wir zu siebt im Bamberger "Lichtspielkino" - immerhin kein Minusrekord für wesW den Kinogänger . . .

      hab mich anschließend logo bei yT auf die Suche gemacht nach bewegten Bildern vom realen "Gundi" Gundermann . . .
      = = > > diese beiden Songs find ich schon sehr berührend (bei passabler Bild- und Tonqualität)
      youtube.com/watch?v=R_uYZL_39S…r70ggL2Suf3aTX6tSz8AcywZo

      :wink:
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • blenden wir n´paar Jährchen zurück … Duisburg Februar 1979 … (erfolgreicher :top: ) Hungerstreik vor der Rathaustreppe …
      … es ging um den Erhalt der "Rheinpreussen-Siedlung" auf der andern Rheinseite
      <= nein ich war nicht dabei … war`n paar Jährchen vor meiner Zeit ( @ Zwielicht vielleicht? :P )

      hier erinnert sich (musikalisch) einer der damals Beteiligten
      youtube.com/watch?v=clHMGEN7Zy…Jz8QwB3anNX3GgWibQf2&t=0s
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)