Bach, J. S.: Kantate Nr. 122 „Das neugeborne Kindelein“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 122 „Das neugeborne Kindelein“

      J. S. Bach hat dieses Werk für den Gottesdienst am Sonntag nach Weihnachten, 31. Dezember 1724 komponiert. Wie alle Kantaten vom 1. Sonntag nach Trinitatis bis Ostern im Jahrgang 1724/25 ist auch diese eine Choralkantate. Inhaltlich sind darin weihnachtliche Themen und Themen des Jahreswechsels vermischt.

      Das zugrunde liegende Lied stammt von Cyriakus Schneegaß (1546-1597), Pfarrer der Gemeinde in Friedrichsroda (Thüringen). Seine Frau Dorothea geborene Lindemann war eine Großnichte Martin Luthers. Das heute bekannteste Lied aus seiner Feder ist wohl „In dir ist Freude in allem Leide“ (EG 398), das auf eine Melodie von Giovanni Gastoldi gesungen wird.

      Hier zunächst die vier Strophen von „Das neugeborne Jesulein“, wie sie Cyriakus Schneegaß dichtete:

      1. Das neugeborne Kindelein,
      Das herzeliebe Jesulein,
      Bringt abermal ein neues Jahr,
      Der auserwählten Christenschar.

      2. Des freuen sich die Engelein,
      Die gerne um und bei uns sein,
      Sie singen in den Lüften frei,
      Dass Gott mit uns versöhnet sei.

      3. Ist Gott versöhnt und unser Freund,
      Was kann uns tun der arge Feind?
      Trotz Türken, Papst und Höllen Pfort,
      Das Jesulein ist unser Hort.

      4. Es bringt das rechte Jubeljahr,
      Was trauern wir denn immerdar?
      Frisch auf, es ist itzt Singens Zeit,
      Das Jesulein wendt alles Leid.


      Wie üblich hat der unbekannte Textdichter die erste Strophe unverändert für die Kantate beibehalten.

      An zweiter Stelle steht eine Arie, die der zweiten Strophe nachgedichtet wurde:

      Nr. 2 Arie
      O Menschen, die ihr täglich sündigt,
      Ihr sollt der Engel Freude sein,
      Ihr jubilierendes Geschrei,
      Dass Gott mit euch versöhnet sei,
      Hat euch den süßen Trost verkündigt.


      Das Rezitativ Nr. 3 malt weiter am Bild der jubilierenden Engel und schlägt dann den großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Vertreibung aus dem Paradies bis zum Neuen Bund, der je nach theologischer Ausrichtung eher in der Einsetzung des Heiligen Abendmahls oder eher im Geschehen am Kreuz gesehen wird; je nachdem, ob man den Kelch für den Bund selbst ansieht oder als Symbol des Bundes. (Z. B. Lk 22, 19-20/par Mk 14, 23f/par Mt 26, 27: „Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“)

      Nr. 3 Rezitativ
      Die Engel, welche sich zuvor
      Vor euch als vor Verfluchten scheuen,
      Erfüllen nun die Luft im höhern Chor,
      Um über euer Heil sich zu erfreuen.
      Gott, so euch aus dem Paradeis
      Aus englischer Gemeinschaft stieß,
      Lässt euch nun wiederum auf Erden
      Durch seine Gegenwart vollkommen selig werden:
      So danket nun mit vollem Munde
      Vor die gewünschte Zeit im neuen Bunde.


      Das Terzett Nr. 4 kommentiert die dritte Strophe, die schon zu Bachs Zeiten textlich durch Entfernung von „Türken und Papst“ des Originals gemildert wurde, mit freier Dichtung:

      Nr. 4 Terzett
      Ist Gott versöhnt und unser Freund,
      O wohl uns, die wir an ihn glauben,
      Was kann uns tun der arge Feind?
      Sein Grimm kann unsern Trost nicht rauben;
      Trotz Teufel und der Höllen Pfort,
      Ihr Wüten wird sie wenig nützen,
      Das Jesulein ist unser Hort.
      Gott ist mit uns und will uns schützen.


      Der Anfang von Rezitativ Nr. 5 scheint vordergründig Ps 118, 24 nachgedichtet zu sein („Dies ist der Tag, den der Herr macht“), doch sind die Themen denen der vierten Strophe eventuell vorempfunden. Dabei entspricht der „Tag“ dem „Jubeljahr“, das „gestillte Warten“ und die „Trübsal“ dem „Trauern“ sowie „der Lippen Opfer“ der „Singens Zeit“.

      Nr. 5 Rezitativ
      Dies ist ein Tag, den der Herr selbst gemacht,
      Der seinen Sohn in diese Welt gebracht.
      O selge Zeit, die nun erfüllt!
      O gläubigs Warten, das nunmehr gestillt!
      O Glaube, der sein Ende sieht!
      O Liebe, die Gott zu sich zieht!
      O Freudigkeit, so durch die Trübsal dringt!
      Und Gott der Lippen Opfer bringt.


      Als Schlusschoral Nr. 6 steht die letzte Strophe des Liedes:

      Nr. 6 Choral
      Es bringt das rechte Jubeljahr,
      Was trauern wir denn immerdar?
      Frisch auf, es ist itzt Singens Zeit,
      Das Jesulein wendt alles Leid.


      Ein Bezug zum Evangelium des Tages (Lk 2, 33-40, Darstellung Jesu im Tempel) ist nicht erkennbar, Man kann mit gutem Willen eine freie Paraphrase der Epistel darin sehen (Gal 4, 1-7, Jesu Geburt befreit von der Knechtschaft dieser Welt, erlöst uns vom Gesetz und macht uns zu Kindern Gottes).

      Hier nochmal die sechs Sätze von BWV 122:

      1. Choralchor „Das neugeborne Kindelein“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Cornetto, Oboe I/II, Taille, Streicher, B. c.
      2. Arie „O Menschen, die ihr täglich sündigt“ – Bass, B. c.
      3. Rezitativ „Die Engel, welche sich zuvor“ – Sopran, Flauto dolce I-III, B. c.
      4. Terzett mit Choral „Ist Gott versöhnt und unser Freund“/„O wohl uns, die wir an ihn glauben“ – Sopran, Streicher, B. c.
      5. Rezitativ „Dies ist ein Tag, den der Herr selbst gemacht“ – Bass, Streicher, B. c.
      6. Choral „Es bringt das rechte Jubeljahr“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Cornetto, Oboe I/II, Taille, Streicher, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 - Choralchor „Das neugeborne Kindelein“ (g-moll, 3/8)

      Ein Orchesterritornell leitet diesen Satz ein und trennt auch die Behandlung der vier Zeilen der Strophe voneinander. Einige dynamische Abstufungen sind von Bach explizit vorgeschrieben. Die Melodie des Chorals ist dem Sopran anvertraut, die anderen Stimmen kontrapunktieren nach Motettenart einander imitierend.

      Satz 2 - Arie „O Menschen, die ihr täglich sündigt“ (c-moll, alla breve)

      Nur Bass und B. c. musizieren hier in aller Kargheit. Das Ritornell des B. c. ist kleinmotivisch gegliedert und hat etwas unruhig Insistierendes. Fast schon vorwurfsvoll, zumindest fordernd klingt das „ihr sollt der Engel Freude sein“. Der Bass nimmt die Motivik des Ritornells anfangs auf. – Der Mittelteil dieser da-capo-Arie bringt zumindest anfangs den notwendigen Gegensatz durch trotz gleicher Motivik etwas versöhnlichere Töne.

      Satz 3 - Rezitativ „Die Engel, welche sich zuvor“ (g-moll)

      Apartes Klangbild mit den drei Blockflöten, die erst vor dem „Erfüllen nun die Luft im höhern Chor“ einsetzen und wieder kurz schweigen, wenn von der Verstoßung aus dem Paradies die Rede ist. Ein Engelskonzert.

      Satz 4 - Terzett mit Choral „Ist Gott versöhnt und unser Freund“/„O wohl uns, die wir an ihn glauben“ (d-moll, 6/8)

      Vier Schichten gibt es in diesem Satz: (1) Den B. c., der das im Siciliano-Rhythmus gehaltene Ritornell alleine spielt, (2) den Alt, der zusammen mit den im Unisono spielenden Violinen und Bratschen den Choral singt, (3) den Sopran und (4) den Tenor, die häufig einander imitieren und den kommentierenden, hinzugedichteten Text singen.

      Satz 5 - Rezitativ „Dies ist ein Tag, den der Herr selbst gemacht“ (B-Dur -> g-moll)

      Auch dieses Rezitativ ist als accompagnato gesetzt. Eine unerwartete Modulation auf „Freudigkeit“ bringt eine deutliche Aufhellung, die bei „Trübsal“ sogleich wieder eingetrübt wird.

      Satz 6 - Choral „Es bringt das rechte Jubeljahr“ (g-moll, 3/4)

      Schlichter vierstimmiger Choralsatz mit colla parte geführten Instrumenten.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Hier nochmal die sechs Sätze von BWV 122:

      1. Choralchor „Das neugeborne Kindelein“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Cornetto, Oboe I/II, Taille, Streicher, B. c.
      2. Arie „O Menschen, die ihr täglich sündigt“ – Bass, B. c.
      3. Rezitativ „Die Engel, welche sich zuvor“ – Sopran, Flauto dolce I-III, B. c.
      4. Terzett mit Choral „Ist Gott versöhnt und unser Freund“/„O wohl uns, die wir an ihn glauben“ – Sopran, Streicher, B. c.
      5. Rezitativ „Dies ist ein Tag, den der Herr selbst gemacht“ – Bass, Streicher, B. c.
      6. Choral „Es bringt das rechte Jubeljahr“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Cornetto, Oboe I/II, Taille, Streicher, B. c.
      Zu berichtigen ist die Besetzung des 1., des 4. und des 6. Satzes – im ersten und sechsten spielt kein Cornetto, der vierte ist ein Terzett für Sopran, Alt und Tenor. Hier nochmal die Übersicht:

      1. Choralchor „Das neugeborne Kindelein“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe I/II, Taille, Streicher, B. c.
      2. Arie „O Menschen, die ihr täglich sündigt“ – Bass, B. c.
      3. Rezitativ „Die Engel, welche sich zuvor“ – Sopran, Flauto dolce I-III, B. c.
      4. Terzett mit Choral „Ist Gott versöhnt und unser Freund“/„O wohl uns, die wir an ihn glauben“ – Sopran, Alt, Tenor, Streicher, B. c.
      5. Rezitativ „Dies ist ein Tag, den der Herr selbst gemacht“ – Bass, Streicher, B. c.
      6. Choral „Es bringt das rechte Jubeljahr“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe I/II, Taille, Streicher, B. c.

      Zu ergänzen ist ferner, dass die Blockflöten im dritten Satz den der Kantate zugrunde liegenden Choral spielen.

      Ich muss mal mit dem Lektorat reden … :D

      Folgende Einspielungen liegen mir vor:

      Vasilika Jezovšek, Sarah Connolly, Mark Padmore, Peter Kooy
      Collegium Vocale Gent (Streicher 4/4/3/2/1, Chor 6/4/4/5)
      Philippe Herreweghe
      Dezember 1995



      Katharina Fuge, Daniel Taylor, James Gilchrist, Peter Harvey
      The Monteverdi Choir (6/4/3/4)
      The English Baroque Soloists (Streicher 6/4/4/2/1)
      John Eliot Gardiner
      live 31. Dezember 2000 (aus dem Abschlusskonzert der Bach Cantata Pilgrimage)



      Yukari Nonoshita, Timothy Kenworthy-Brown, Makato Sakurada, Peter Kooij
      Bach Collegium Japan (Streicher 3/3/2/1/1, Chor 3/3/3/3)
      Masaaki Suzuki
      Juni 2003




      Bei Herreweghe kommt der c. f. im Eingangschor nicht immer gut heraus. Bei diesem wenig bekannten Lied kann man das schon für einen Verlust halten. Dafür gibt es sein bekanntes Musizieren aus der Innerlichkeit, fein modellierte Artikulationen und Phrasierungen, bis ins kleinste gestaltete Änderungen der Dynamik, eine ungemein belebte Ruhe. – Das es das gibt: Gardiner ist in diesem Satz der mit Abstand langsamste, fast eine Minute länger als Suzuki bei nicht mal vier Minuten Spieldauer. Da zudem der Chor durchweg in einem Bereich von piano bis mezzoforte bleibt, ist die Wiedergabe höchst behutsam, wirkt aber auch etwas buchstabiert. – Suzuki hingegen packt kräftig zu, schattiert die Echostellen ab (wie auch Herreweghe) und lässt seinen Chor abermals prächtig die Wörter formen. Eine Freude.

      In der Bass-Arie behält Herreweghe seinen spirituellen Zugang zur Musik bei, hebt die theatralischen Gesten des Ritornells im B. c. nicht hervor. Schade – hier wäre etwas mehr Weltlichkeit vielleicht angemessen gewesen. Kooy musste sich da wohl in diesen Rahmen einfügen. – Bei Suzuki ist das Ritornells profilierter gestaltet, was auch Kooij (Kooy) einen größeren Ausdrucksradius lässt. – Ähnlich wie Suzuki geht auch Gardiner die Bassarie an, besetzt den B. c. aber ohne Kontrabass, dafür mit Cembalo und Orgel. Peter Harvey ist vom balsamischen Singen Peter Kooys/Kooijs weit entfernt, haut sich vergleichsweise ungeschlacht durch die Arie. – Interessanterweise dauert dieser Satz in allen drei Version fast auf die Sekunde gleichlang. – Im streicherbegleiteten Bass-Rezitativ ringt sich Harvey etwas kontemplativere Töne ab.

      Im Sopran-Rezitativ kämpfen Katharine Fuge und Yukari Nonoshita etwas mehr mit der deutschen Sprache als Vasilika Jezovšek.

      Im Terzett gibt es ein ähnliches Bild wie in der Bass-Arie. Ein eher bedächtiger Zugang mit Artikulation auf der weichen Seite bei Herreweghe. Suzuki lässt kantiger spielen. Wie im Eingangschor lässt sich Gardiner deutlich länger Zeit als die beiden anderen, der Satz bekommt einen völlig anderen Charakter, wird von einer Gigue zum Siciliano.

      Dass Gardiner die Choräle zu kleinen Szenen umfunktioniert, konnte schon an anderer Stelle festgestellt werden. Suzuki lässt ebenfalls kräftig zupacken. Einmal mehr ist Herreweghe auf der nachdenklichen Seite.

      Drei Interpreten, drei Zugänge, Gardiner in zwei Sätzen überraschend zurückhaltend, Herreweghe beinahe untertourig. Hier bevorzuge ich die Aufnahme unter Masaaki Suzuki.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Also, Mauerblümchen, deine unausgesetzten Bemühungen um das Kantatenwerk von Bach (von dem ich nur einen kleinen Bruchteil kenne und auch den nur oberflächlich, vielleichtbweil die schiere Masse mich etwas abschreckt), das nötigt mir uneingeschränkten Respekt ab. Hut ab!

      Ich werde mich im nun anbrechenden Jahr da mal nach und nach einlesen und mich mit den Kantaten, die ich besitze (alles Gardiner) anhand deiner wunderbaren Einführungen beschäftigen. Deine Arbeit hier macht mir Mut - vielen lieben Dank dafür!

      :thumbsup:
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Ich werde mich im nun anbrechenden Jahr da mal nach und nach einlesen und mich mit den Kantaten, die ich besitze (alles Gardiner) anhand deiner wunderbaren Einführungen beschäftigen.
      Lieber Garcia, danke für Deine Worte!

      Gardiner hat sie alle in einem Jahr einstudiert und aufgeführt, das macht doch Mut ... :D

      Viel Spaß bei Deinen Erkundungen und beim Heben der Schätze!

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)