Denys Proshayev - Hochbegabt, nicht hochgepusht

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    • Denys Proshayev - Hochbegabt, nicht hochgepusht

      Der 1978 geborene und seit den 90er Jahren in Deutschland lebende Ukrainer Denys Proshayev erhielt seine musikalische Grundausbildung in seinem Heimatland und schloss sein Studium in den Fächern Klavier und Dirigieren sodann an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover ab. Als 23-jähriger gewann er den Internationalen Wettbewerb für Musik der ARD im Jahre 2002, und zwar sowohl den Ersten Preis der Jury als auch den Publikumspreis im Fach Klavier. Zudem erhielt er 2004 den Solistenpreis der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Ein Fernsehporträt, das Mitte des letzten Jahrzehnts gezeigt wurde (er spielte in dieser Sendung u.a. fulminant Prokofiew), ließ mich zu der Meinung gelangen, dass bei seinem riesigen Talent der große internationale Durchbruch nur noch eine Frage der Zeit sei. Immerhin nahm ihn auch gleich ein Major Label (Sony Classical) für eine CD mit Werken von Jean Philippe Rameau

      unter Vertrag, welche in Kooperation mit dem Südwestfunk im Oktober 2005 im Hans Rosbaud-Studio in Baden-Baden eingespielt wurde. Die Klavierwerke von Rameau waren damals gerade "in", und so konkurrierte dieses Rameau-Album mit vergleichbaren CDs von Tzimon Barto und Alexandre Tharaud.

      Danach wurde es allerdings still um ihn. Lange habe ich auf eine zweite CD von ihm gewartet, die jetzt - endlich - auf den Markt gekommen ist. Seine im April 2010 wiederum im Hans Rosbaud-Studio in Baden-Baden entstandene Einspielung dreier Schumann-Werke (Papillons op. 2, Davidsbündlertänze op. 6, Arabeske op. 18)

      erschien Ende November 2013 (lag also 3 1/2 Jahre auf Halde, bis sich das Label Piano Classics ihrer angenommen hat).

      Verstehen kann ich die Vernachlässigung dieses hochbegabten Musikers durch den Klassikmarkt nicht. Weder als Pianist noch als Dirigent (er ist zwar Erster Gastdirigent des Philharmonischen Orchesters Lemberg, aber neben diesem Engagement sind mir Auftritte bei anderen Orchestern nicht bekannt: vielleicht kann jemand von Euch insoweit etwas nachtragen?) spielt er eine größere Rolle im Konzertbetrieb. Oder irre ich mich? Ist er möglicherweise im Südwesten präsenter als in meinem persönlichen Blickfeld (immerhin entstanden seine beiden CDs und vermutlich auch das Fernsehporträt, das ich seinerzeit gesehen habe, in Kooperation mit dem SWF)?

      Gern eröffne ich mit diesem Faden die Möglichkeit, sich in unserem Forum über Denys Proshayev auszutauschen, wie wir dies hier bereits einmal kurz getan haben..
      Das stimmt auch nicht immer alles, was die Ärzte einem sagen. Wirklich: Ich habe schon viel mehr alte Säufer als alte Ärzte gesehen.
      (Peter Frankenfeld)
    • Die CDs kenne ich nicht, aber ich habe ihn vor ca. einem Jahr in Berlin spielen gehört, damals schreib ich im Klassikforum:

      27.11.12 Konzerthaus Berlin, Kleiner Saal
      Denys Proshayev
      Jean-Philippe Rameau - Drei Sätze aus Pièces de Clavecin + Suite a-Moll (1728)
      François Couperin - Drei Sätze aus Pièces de Clavecin
      Maurice Ravel - "Le tombeau de Couperin"

      Nur ein paar kurze Worte dazu. Denys Proshayev spielte auf einem Bechstein Flügel, was mir einerseits gefiel - mal ein anderer Klang; schwerer, dunkel und warm. Für die barocken kleinen Stücke von Rameau und Couperin hat es wohl aber so seine Tücken, jedenfalls klangen die für mich dann etwas verschattet und es fehlte ein wenig die glitzernde Leichtigkeit, die unlängst Tharaud daherzauberte, als er fast dasselbe Programm spielte. Das lag aber auch daran, dass Proshayev viel weniger melodisch und auch weniger tänzerisch als Tharaud gestaltete, so dass mich das letztlich nicht wirklich überzeugt hat. Obwohl auch Proshayev schöne Verzierungen hinzauberte und mit leisen Tönen gut Atmosphäre schaffte. Es hatte aber manchmal einen etwas romantischen Einschlag, der mir speziell bei Rameau nicht so zusagt. In den rhythmisch vertrackten Passagen fand ich es nicht richtig fließend, es hatte mir etwas zu wenig wenig Eleganz und Rafinesse.
      Ravel hat mir besser gefallen; hier war auch der Flügel interessanter, weil er natürlich auch weiter ausgespielt wird und es dann total spannend klang, eben anders als gewohnt, verwunschener. Das ist einfach ein unglaublich gutes Stück Musik, das mich immer wieder total fesselt.

      (Also so wirklich begeistert war ich damals nicht.)
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Dem sehr dankenswerten Hinweis von Eusebius verdanke ich heute abend mein erstes Live-Erlebnis mit dem von mir sehr geschätzten Pianisten Denys Proshayev in der St. Nicolaus-Kirche in Hamburg-Alsterdorf. Auf dem Programm stehen Werke von Johann Sebastian Bach, François Couperin, Maurice Ravel und Sebastian Sprenger:
      "http://www.hamburger-wochenblatt.de/winterhude/kultur/klavier-recital-in-st-nicolausalsterdorf-d18842.html"

      Das Beste ist: der Eintritt ist frei, es wird lediglich um Spenden für die weitere Kulturarbeit in St. Nicolaus gebeten. Nix wie hin :jub:
      Das stimmt auch nicht immer alles, was die Ärzte einem sagen. Wirklich: Ich habe schon viel mehr alte Säufer als alte Ärzte gesehen.
      (Peter Frankenfeld)
    • Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Schumann-CD mit Denys Proshayev ist nun sein drittes Album erschienen, diesmal mit Klavierwerken von Alfred Schnittke. Wiederum auf dem Label Piano Classics:

      Es handelt sich um Studio-Aufnahmen aus St. Petersburg (13. + 14.9.2013) und Berlin (31.10. + 1.11.2013). Zunächst erklingt das Solowerk "Fünf Aphorismen" (1990), das Proshayev auch bei seinem Recital in Hamburg am 13. September 2014 aufführte. Danach das Konzert für Klavier und Streicher (1979) mit den St. Petersburger Streichersolisten, welche von Alexander Dmitriev dirigiert werden (sein Name taucht auf dem Frontcover und in den liner notes des Booklets auf, nicht jedoch auf dem Backcover des Albums). Abschließend gibt es eine "Gogol Suite" für zwei Klaviere (mit der zweiten Pianistin Nadia Mokhtari), basierend auf Schnittkes Musik zum Theaterstück "Revizskaya Tale", welche Gennadij Roshdestwensky zu einer Suite für Orchester kompilierte, welche wiederum von Valery Borovikov für zwei Klaviere arrangiert wurde.

      Ein spannendes Programm! Die grüblerischen Aphorismen für Soloklavier gefielen mir vor ein paar Monaten schon live ungemein. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Anhören der CD.
      Das stimmt auch nicht immer alles, was die Ärzte einem sagen. Wirklich: Ich habe schon viel mehr alte Säufer als alte Ärzte gesehen.
      (Peter Frankenfeld)
    • Bei Piano Classics (einem Ableger von Brilliant Classics) ist ein neues Album von Denys Proshayev erschienen - sein viertes, wenn ich nicht eine weitere CD-Produktion übersehen haben sollte:


      Die Werkauswahl ist mit Bach, Rameau und Schnittke den Interessen dieses Pienisten entsprechend. Nur: Warum hat er bei gerade einmal vier CDs auf dem Markt die Suite e-moll aus den "Pièces de Clavecin - deuxième livre" von Jean Philippe Rameau, die auch auf seinem ersten Album bei Sony Classical enthalten war, ein zweites Mal vorgelegt? Hätte man sich da nicht etwas anderes einfallen lassen können? Eine im Laufe der letzten 14 Jahre komplett andere Sicht auf dieses Werk kann nicht der Beweggrund sein, denn die Aufnahme für das Sony-Album entstand im Oktober 2005 und die Rameau-Aufnahme für das neue Album im Dezember 2005, also nur sehr kurze Zeit später.

      Von Bach gibt es die Partita e-moll BWV 830. Das Schnittke-Werk ist eine Transkription der "Suite im alten Stil" für Klavier vierhändig. Hübsche Idee, aber angesichts der Rameau-Doublette ist dieses Album für mich kein Kauf.
      Das stimmt auch nicht immer alles, was die Ärzte einem sagen. Wirklich: Ich habe schon viel mehr alte Säufer als alte Ärzte gesehen.
      (Peter Frankenfeld)