Wagner: "Das Rheingold" - Staatstheater Nürnberg, 15.12.2013 (Premiere: 30.11.2013)

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    • Wagner: "Das Rheingold" - Staatstheater Nürnberg, 15.12.2013 (Premiere: 30.11.2013)

      Rheingold und Nürnberg sind etwas Spezielles für mich. Die Wiederaufnahme des letzten „Franken-Rings“ von Stephen Lawless im Sommer 2007 (ursprünglich 2003 aufgeführt) war meine erste Begegnung mit der Kunstform Oper überhaupt. Aus dem einst andächtigen Staunen über die Kunstform im Allgemeinen und dieses Werk im Besonderen ist bei mir mittlerweile eine gewisse kritische Distanz erwachsen, auch wenn diese Prägung natürlich noch nachwirkt. Insofern war ich besonders gespannt auf die Wiederbegegnung mit „meiner“ ersten Oper.

      Dass so ein Prestigeprojekt wie der „Ring“ nur in die Hände des GMDs gelangt, versteht sich wohl von selbst. Für den ambitionierten Marcus Bosch (zuletzt öfter mit Gastdirigaten an der Hamburgischen Staatsoper unterwegs) ist es außerdem die Spielzeitpremiere, denn die Eröffnung der Saison 2013/14 lag mit „Otello“ in den Händen von Guido Johannes Rumstadt. Für die Inszenierung engagierte man den am Haus mittlerweile bestens bekannten Schauspielregisseur Georg Schmiedleitner, der zuletzt einen sehr kontroversen „Don Giovanni“ und davor „Elektra“ sowie „Macbeth“ auf die Opernbühne der Frankenmetropole brachte.

      Im Vorfeld wurde der neue Nürnberger Ring ja bereits als „Öko-Krimi“, bzw. „Öko-Ring“ von den Medien tituliert. Ganz neu ist dieses Themenfeld natürlich nicht, schon Harry Kupfer kratzte Ende der 1980er-Jahre vor dem Hintergrund der Tschernobyl-Katastrophe an einer ökologisch-dystopischen Deutungsebene, präsentierte uns einen giftgrünen Rhein und geborstenes Werk aus Stahl und Beton in einer (post-)apokalyptischen Öde. Bei Schmiedleitner ist der Verfall der Natur allerdings noch nicht im Endstadium, sondern erst am Anfang. Dazu gelingt dem Österreicher gleich im Vorspiel ein grandioses Bild von archaischer und verstörender Wirkung: Aus dem Schnürboden senkt sich langsam eine riesige, mit Pflanzen überwucherte Wand (in Anlehnung an einen „Urwald“ könnte man hier vielleicht von einer „Ur-Wand“ sprechen), aus der sporadisch transparente Plastiktüten heraushängen. Die Bühnenränder sind mit einem hügeligen „Teppich“ aus transparenten Plastikflaschen gesäumt, während sich in der Tiefe ein dunkelblaues, vernebeltes Loch auftut, aus dem sich kurz darauf eine Mauer aus übereinander geschichteten, milchglasfarbenen Wassertanks nach vorne schiebt, während die Rheintöchter von den Seiten in die Szene kriechen. Kurz darauf stößt Alberich im Anzug, aber mit sportlichen Schuhen und Brille dazu. Die folgende Szene ist solide gestellt, aber die packende Wirkung des Anfangsbildes verflacht etwas, auch ohne dass man mit Wasserpistolen bewaffnete Rheintöchter als albern abtut. Wenn sie gegen Ende in die Tanks steigen und darin herumplanschen, dann fühlt man sich irgendwie ein wenig an La Fura Dels Baus' Valencia-Ring erinnert und der ursprünglich sehr frische Eindruck relativiert sich etwas. Das Rheingold ist eine goldene Flüssigkeit, mit der sich Alberich übergießt und mit ihm entschwindet die Tank-Mauer schließlich nach hinten, während die Rheintöchter verzweifelt versuchen, die Mauer noch einmal zu erklimmen.
      Im zweiten Bild wuchert die mit Plastiktüten gespickte Pflanzenwelt nicht mehr an einer Wand, sondern auf dem Bühnenboden, die Ränder sind immer noch mit dem „Flaschenteppich“ gesäumt, darüber hängen trüb-transparente Folien, die ein wenig an die Art erinnern, in der Schmiedleitner im „Don Giovanni“ mit Spiegelwänden die Bühne begrenzt hat. Zu sehen sind zusätzlich ein paar Möbel: Sofa, Tisch, Sessel. Wotan und Fricka benutzen diese für variationsreiche Liebesspielereien, ein Quickie hier, ein Quickie dort. Es kommt eine Live-Kamera dazu, deren Feed auf die Rückwand projiziert wird und später die Flucht der Riesen mit Freia als Einspieler zeigt. Sonderlich sinnstiftend oder beeindruckend ist das Ganze allerdings nicht, man hätte es auch einfach weglassen können. Der Auftritt der Riesen wiederum ist ein gutes Beispiel dafür, dass Schmiedleitner ein Händchen dafür hat, immer mal wieder Humor aus Situationen zu kitzeln, in denen man es nicht erwartet. Fafner bringt zur Feier des Tages eine Torte mit blinkendem Walhall-Modell, Fasolt in einer Tüte Dosenbier, das er gesellig in der Runde verteilt. Ungehobelt werfen sie sich trotz ihrer Manager-Anzüge (Fasolt allerdings mit knallgelben Gummistiefeln) auf Wotans Couch und legen die Beine auf den Tisch. Fafner lässt es sich später nicht nehmen, selbst von der Torte zu naschen während Fasolt um Freia buhlt. Herrlich schräg! Donner erinnert mit Jeans, schwarzer Lederjacke und metallenem Armschutz an das Mitglied einer Rocker-Gang, Froh ist dagegen mit biederem Anzug und Pilzkopf-Frisur der kleine brave Schnösel. Köstlich die Szene, in der er dem sitzenden Fafner in Rage auf den Schoß springt, dieser ihn aber einfach wie ein Kind locker vom Sofa schubst. Feuergott Loge hat nicht nur rote Haare, sondern auch einen Gehstock-cum-Feuerzeug, der ihm zusammen mit dem schwarzen Gehrock ein wenig das Flair eines Magiers gibt. Doch auch er kann nicht verhindern, dass sich die Götter nach Freias Entführung bibbernd und paralysiert in golden-silberne Unfalldecken einhüllen. Im 3. Bild kehrt die pflanzenüberwucherte Wand für einige Augenblicke zurück, der zur Macht gelangte Alberich im Chefsessel lässt sie jedoch schnell verschwinden während sich aus dem Boden rechteckige Torbögen in die Höhe schieben, an denen die Nibelungen eifrig das von Alberich geraubte Gold anstreichen. Die Nibelungen, selbst ganz in goldenem Bodypainting tragen ABC-Masken und nähern sich neugierig den Eindringlingen Wotan und Loge. Mime, mit grüner Cordhose, grünem Jacket, zerzaustem langem Haar und Kippe ist ein nervöser, geplagt und gepeinigter Tüftler. Nur selten gelingt es Regisseuren, den Rheingold-Mime mit seiner bemitleidenswerten Geschichte so in den Siegried-Mime zu überführen, dass dieser dort nicht bloß als lächerliche Schurkenkarikatur ohne Echo seiner Vergangenheit herumgeistert. Man darf gespannt sein, wie Schmiedleitner mit dieser Thematik umgehen wird. Wotans Brutalität indessen steht der Alberichs gegenüber Mime in nichts nach. Auch der Alpha-Gott lässt es sich nicht nehmen, selbst Hand anzulegen und dem Nibelung – von Loge an der Fessel gehalten – schließlich einen Finger abzutrennen, um an den Ring zu gelangen. Da stört es nur wenig, dass ihm die gewaltige Blutfontäne seinen weißen Mantel beschmutzt. Man ahnt, dass dies nicht das einzige Blut bleiben wird, das am Ring klebt. Ein anderes interessantes Bild gelingt Schmiedleitner, wenn Freia beim Schichten des Hortes die mit flüssigem Gold gefüllten Kanister selbst halten muss und nach einigem Balancieren schließlich zusammenbricht.

      Gesanglich hat dieses „Rheingold“ einiges zu bieten. Bei den Rheintöchtern ist der dunkle Sopran von Hrachuhi Bassenz für die Woglinden-Rolle vielleicht etwas ungewohnt, das soll aber ihre Leistung in keiner Weise schmälern. Auch Leah Gordon als Wellgunde und Judita Nagyova als Flosshilde überzeugen. Ein richtiger Kracher ist das neue Ensemble-Mitglied Antonio Yang, der den Alberich mit einer prachtvoll markigen Stimme ausstattet, da verzeiht man ihm gerne die ein oder andere kleine Schlamperei bei der Aussprache. Er wurde am Ende zu Recht vom Publikum gefeiert. Ebenso sängerisch beeindruckend – wenn auch in einer nicht so präsenten Rolle – ist Roswitha Christina Müller als Fricka. Ihre Azucena im letzten Jahr war eine Sensation und auch hier kann sie mit ihrem herrlichen Mezzo und klarer Diktion wieder auftrumpfen. Einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlässt Randall Jakobsh als Wotan. Als Bass hat er gelegentlich mit den Höhen der Tessitura zu kämpfen und bleibt darstellerisch phasenweise etwas stoisch. Auf der anderen Seite verkörpert er den skrupellos-zynischen, sexistischen Macho (den er bereits ähnlich im „Don Giovanni“ gab) recht überzeugend und liefert im mittleren Register durchaus fundierte Töne ab. Bei den Riesen überzeugt vor allem Nicolai Karnolsky als Fafner, während der durchaus engagierte Taeyun Jun (interessant hier einen wirklich sehr jungen Sänger in der Rolle zu sehen) einen etwas spröden und oft unangenehm tremolierenden Bass besitzt, der auf die Dauer ein wenig nervt. Nichts zu meckern gibt es bei der Freia von Michael Maria Mayer, Martin Berner als Donner ist ok, wenngleich stimmlich zu leichtgewichtig um großen Eindruck mit dieser kleinen Rolle zu machen, David Yim als Froh gesanglich gut, darstellerisch eine Schablone wie meist. Für Vincent Wolfsteiner hat sich mit Loge nun endlich eine Rolle gefunden, die so richtig zum schalkhaften Tenor passt. War er mit Tristan und Otello stellenweise etwas überfordert, ist er hier sowohl darstellerisch als auch sängerisch voll in seinem Element. Witzig, wie er seinen Einsatz in Nibelheim („Nibelheim hier ...“) absichtlich verhustet. Aufhorchen lässt Ensemble-Tenor Hans Kittelmann, der aus der kleinen Rolle des Mime ein tolles Charakterporträt macht und auch gesanglich vorzügliches leistet. Optisch aufregend mit gewagtem Bodypainting und exotischem Kopfschmuck ist Leila Pfister als Erda dagegen stimmlich eher enttäuschend. Man hätte sich weniger Vibrato und eine fundierte Tiefe gewünscht. Ihre gute Bühnenpräsenz entschädigt dafür nur bedingt. Marcus Bosch liefert eine überzeugende musikalische Performance mit der Staatsphilharmonie Nürnberg ab, wunderbar transparent, an passenden Stellen aber durchaus zum Kontrast brutal-krachend, hin und wieder vielleicht mal ein Tick zu schnell, was die Singer mitunter etwas in die Bredouille bringt.

      Georg Schmiedleitner hat mit dem „Rheingold“ einen gelungenen und spannenden Start für den neuen Nürnberger "Ring" hingelegt, Macht und Gold werden hier nicht nur auf Kosten von Menschen errungen, sondern auch auf Kosten der Natur, in der immer mehr Plastik wuchert. Den eigentlichen Wert dieses Vorabends wird man aber erst im Laufe der Tetralogie ermessen können. Wenn Schmiedleitner die Idee der ökologischen Katrastrophe konsequent weiterentwickelt, dann könnte dies ein RING werden, der durchaus auch überregional für Aufsehen sorgt.