Buchempfehlungen zur Musik des 20. Jahrhunderts

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    • Don Fatale hat andernorts angeregt, dass ich folgenden Beitrag von mir auch hier hinkopieren möge:

      "The Rest is Noise" ist leider ein überaus problematisches Buch. An Gegenwartsmusik wird tatsächlich praktisch nur die Minimal Music und konservative Post-Minimal-Music gelten gelassen. Ziemlich gut ist nur das Kapitel über Aaron Copeland und die us-amerikanische Volksfront-Linke der Roosevelt-Ära in der Musik, ganz okay das Sibelius-Kapitel, sieht man von den von Ross auch dort gepflegten Ressentiments gegen die radikalere Moderne ab. Den Rest kann man nur in die Tonne hauen. Auch wenn Ross politisch wohl kein Neo-Konservativer ist, 'musikpolitisch' bestimmt seine Argumentationsmatrix die kulturgeschichtliche Bibel der US-Neokonservativen, Allan Blooms "The Closing of the American Mind". Ross ganze Argumentation ist aufs engste daran angelegt. Wie für Bloom das 'europäische' Denken, dass mit den intellektuellen Emigranten aus Europa kam, für die Krise Amerikas, die wesentlich "geistige Krise" sei, verantwortlich ist, so zimmert sich auch Ross karrikaturhafte Pappkameraden von seinen Hauptfeinden Adorno, Boulez und als deren 'US-Stellvertreter' Milton Babbit zurecht, um gegen diese 'überintellektualisierte' fremde Musik die volksverbundenere, 'eigentlich' amerikanische Musik von Copeland bis Reich, Adams usw. zu verteidigen und diese dem Rest der Welt als Modell vorzuhalten. Das ergibt nicht nur sehr merkwürdige historische Proportionen der Aufmerksamkeit, sondern hat auch zur Folge, dass man, außer über Minimal- und Post-Minimal-Music, über keine anderen noch zeitgenössisch wirksamen Strömungen irgendetwas Brauchbares erfahren kann.

      Richtig gut finde ich Josef Häuslers "Spiegel der neuen Musik"


      Ja, ich auch. Dieses ältere Überblickswerk von Josef Häusler war aber auch schon ziemlich gut:

      (Amazon-Link funktioniert leider nicht.)

      Josef Häusler: Musik im 20. Jahrhundert - von Schönberg bis Penderecki, Bremen 1972, Schünemann

      Das ist 1972 erschienen und geht nur von der klassischen Moderne bis in die 60er, ist aber gerade deswegen immer noch lesenswert, weil man auch gute Artikel zu z.B. Giselher Klebe oder Milko Kelemen und viele andere heute weniger präsente Komponisten findet. Je mehr sich Häusler der damaligen Gegenwart nähert, ist es jedoch etwas auf die Komponisten fokussiert, die irgendwie in Deutschland präsent waren. Jedoch sind andere, auch neuere Versuch, einen Überblick über die Musik des 20. Jahrhunderts oder die Neue Musik zu geben, fast alle perspektivisch noch eingeschränkter. Wie Knulp bereits angemerkt hat, gilt das auch für das Standardwerk von von der Weid, das besonders zur französischen Entwicklung sehr gut ist, zu vielen anderen Entwicklungen aber nicht nur sehr kurz, sondern auch nicht immer sehr zuverlässig und dort dann häufig auch über sehr subjektiv-geschmackliche Kurzkommentare nicht hinausgeht; -man schlage z.B. Gunther Schuller nach. Würde man auch erfahren, worum es Schuller ging, ist vieles von ihm vielleicht doch nicht so schnell abzutun.

      Ein umfassender Überblick wäre wohl nur als Arbeit eines Autorenkollektivs aus mehreren Ländern verfassbar. Ein von einigen italienischen MusikwissenschaftlerInnen gestartetes Großunternehmen dieser Art ist leider mangels ausreichender Finanzierung inzwischen mehr oder weniger abgebrochen worden.

      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      "The Rest is Noise" ist leider ein überaus problematisches Buch.


      Kleinlaut gebe ich nun zu, dass ich das Buch gerne gelesen
      habe. Da es mein erstes Buch über die Musik des 20. Jahrhunderts war, war ich
      wissbegierig nach allen Information, und Axel Ross, weiss sie lebendig zu
      schildern, sodass man das Buch in einem Rutsch lesen kann. Natürlich ist mir
      dabei aufgefallen, dass er durchaus nicht mit seinen subjektiven Ansichten und
      Interessensschwerpunkten hinterm Berg hält. Auch dass es sich um eine
      spezifisch amerikanische Perspektive handelt, ist mir klar. Kann man ihm das
      verübeln? Andererseits habe ich mich gefragt, warum es ausgerechnet ein
      Amerikaner schafft, auch hier in Europa mit dieser Thematik so erfolgreich zu
      sein, da sie doch massgeblich von Europa aus bestimmt wurde. Oder ist das nun
      meine verzerrte Sicht auf die Dinge?


      Besonders bemerkenswert fand ich auch Ross‘ Abneigung gegen
      Boulez. Er hält ihn (hielt ihn) für arrogant. Arrogant gegenüber Messiaen (seinem
      ehemaligen Lehrer), gegen Schostakowitsch, der sich geweigert habe ihm die Hand
      zu geben, und arrogant allgemein gegenüber allen die Abseits der von ihm massgeblich definierten Avantgarde komponiert
      haben. Ob das wirklich so ist (oder war),
      hatte ich schon öfters mal hier in die Runde fragen wollen.








      Hudebux
    • Hudebux schrieb:

      Besonders bemerkenswert fand ich auch Ross‘ Abneigung gegen
      Boulez. Er hält ihn (hielt ihn) für arrogant. Arrogant gegenüber Messiaen (seinem
      ehemaligen Lehrer), gegen Schostakowitsch, der sich geweigert habe ihm die Hand
      zu geben, und arrogant allgemein gegenüber allen die Abseits der von ihm massgeblich definierten Avantgarde komponiert
      haben. Ob das wirklich so ist (oder war),
      hatte ich schon öfters mal hier in die Runde fragen wollen.


      Hallo Hudebux,

      der junge Boulez hat schon kräftig ausgeteilt mit dem selbstbewußten Gestus dessen, der den Habitus der Pariser 'Meisterdenker' und des Avantgardekünstlers in sich vereinte. Aber es ist ja immer auch der Status des jeweiligen Textes mitzuberücksichtigen, insbesondere, wenn es in einem musikgeschichtlichen Überblickwerk um die Nachzeichnungen größerer Entwicklungslinien gehen sollte: Die provozierenden Äußerungen und Gesten in Gelegenheitstexten und -situationen des jungen Avantgardisten, um sich Raum und Wirkung zu verschaffen, sind das Eine, das Andere, was längefristig getan und in fundierteren Texten, die auf Wirkung über den Tag hinaus geschrieben wereden, formuliert wird. Ross sammelt beliebige Indizien, Fundsachen, um Boulez als Person möglichst schlecht, arrogant usw. darstellen zu können. Über den herausragenden Musiktheoretiker und -autor erfahren seine LeserInnen nichts, nichts über Boulez Begründungen für seine Positionen, von denen man viel lernen kann, auch wenn man sie nicht teilt. Ich teile sie auch oft nicht oder zumindest nicht in der Schärfe, kann ihnen aber doch viel abgewinnen, gerade durch ihre Schärfe, die auch vieles verdeutlicht. Der Theoretiker, bzw Analytiker braucht den überscharfen Blick, um neu anzusetzen. Ebenso braucht der Künstler, der wirklich Neues schaffen will, einen "destruktiven Charakter" (Walter Benjamin), um sich den Freiraum für den Neuansatz zu schaffen. Das wäre zu berücksichtigen.

      Ross, dem die ganze Richtung nicht passt, führt jedoch keine Auseinandersetzung mit seinen Gegnern, sondern baut Feindbestimmungen auf, um zu marginalisieren. Jede wirkliche Auseinandersetzung mit den Gegnern würde eine solche Diskursstrategie nur stören, Ross LeserInnen erfahren sogar über Boulez kompositorisches Werk so gut wie nichts, über Milton Babbit nur, dass er ein Kollaborateur der 'volksfeindlichen' europäischen Avantgarde ist, aber seine Werke noch schwächer seien, ansonsten auch so gut wie nichts nichts über Babbits Werke. Natürlich schreibt Ross selbst nicht "volksfeindlich"', aber es ist über das Loblied der us-amerikanischen Volksfront-Roosevelt-Linken im Musikbetrieb in Gegenüberstellung zur fremden Avantgarde der europäischen Intellektuellen eingeführt. Natürlich kritisiert Ross auch ein klein wenig, aber die wirkungsvollen Konnotationen aus einem stalinistischen 'Realismus'-Diskurs der Blitzstein und Copeland sind geschickt übernommen zur Begründung eines "kapitalistischen Realismus" (David Larner) gegen die Fremden und Volksfremden, die 'Überintellektualisierten' und 'Kosmopoliten', deren Musik restlos undargestellt ins Ghetto des Unamerikanischen/Gefährlichen/Verdorbenen/Ungesunden/Unmodernen/Anti-Liberal=Dogmatisch-Intoleranten abgeschoben werden soll. Man muß hier genau auf die Konnotationen und ihre aufgemachten Äquivalentenketten achten. Ross ist ein geschickter, erfahrener Autor. Diskursanalytisch finde ich dabei interessant und exemplarisch für gegenwärtige liberale Diskurse, wie hier ein liberaler Diskurs einer neo-konservativen Matrix, der von Allan Bloom, selbstsubsumiert wird und dabei die eigene Intoleranz in der Projektion auf die Feinde verdeckt wird. Anders, als ältere bürgerliche Liberalismen, die meist sich von der Avantgarde mehr faszinieren, als provozieren ließen (und sie so auch um ihre Wirkung brachte :D - Man war als Kulturliberaler stolz, auch Avantgarden zu 'haben' - und verdauen zu können -), will der neue Liberalismus des "kapitalistischen Realismus" die Avantgarde restlos beseitigen, jede Auseinandersetzung mit ihr vermeiden und unmöglich machen und gleicht sich so tendenziell dem vom Kapitalismus gefressenen Stalinismus an.

      :wink: Matthias
    • Hallo Matthias,

      vielen Dank für Deine erhelldenden Einsichten. Vielleicht müssen wir warten bis Du ein Buch zum Thema schreibst ;+)
      Das wäre prima.

      Nach hinten hin fand ich "The rest of noise" etwas langweilig, da mich Minimal Music nicht sonderlich interessiert, und andere und aktuellere Strömungen nicht richtig zur Geltung kamen, wie bereits angemerkt. Für Greenhorns wie mich würde ich das Buch trotz aller Bedenken weiter zur (kritischen) Lektüre empfehlen.

      Allgemein finde ich sehr interessant, wie politisch die Musik des 20. Jahrunderts war. Die Nazizeit, der Antisemitismus, entartete Musik, der Kalte Krieg, etc. haben dazu beigetragen. Komponisten und Musiker lebten in schwierigen und wechselhaften Zeiten. Sie mussten Stellung nehmen, waren gezwungen, sich in innere oder äussere Emigration zu flüchten. Und das Bürgertum liess sich noch von der Avantgarde provozieren, wie Du schriebst.
      Leben wir da heute nicht fast in "langweiligen" Zeiten, wo die aktuellsten musikalischen Strömungen eigentlich kaum noch wahrgenommen werden und folglich kaum Reibung erzeugen können?

      Herzliche Grüsse
      Hudebux
    • Hudebux schrieb:

      Leben wir da heute nicht fast in "langweiligen" Zeiten, wo die aktuellsten musikalischen Strömungen eigentlich kaum noch wahrgenommen werden und folglich kaum Reibung erzeugen können?


      Als Politökonom finde ich unsere Zeit eigentlich gerade äußerst spannend :D.

      Aber du hast recht, elaboriertere Kultur ist großen Teilen der Bourgeoisie so egal geworden und die Nierderlagenserie der ArbeiterInnenbewegung in allen ihren Strömungen war im 20.Jahrhundert so umfassend und tiefgehend, dass aktuelle Kunst nicht mehr wirklich brisant wirkt. Die Beschäftigung mit ihr ist tendenziell zu einer Spezialbeschäftigung neben anderen, einem 'Spleen', einem Luxusgut geworden. Ihre Brisanz bekam sie doch dadurch, dass auch in ihr um gesellschaftliche Hegemonie gekämpft wurde, um Bündnisse und alternative Weltauffassungen. Reale Unsicherheiten und Unzufriedenheiten nehmen zwar rapide wieder zu, an den kurzen Traum immerwährender Prosperität und wachsenden Wohlstands, bei dem für alle was abfällt, glauben immer weniger, aber solange der Liberalismus in all seinen Schattierungen so übermächtig ist, dass das, was stattfindet, weitgehend als alternativlos erscheint, wird das auch so bleiben. Es müßte schon eine politische Rekonstruktion der ArbeiterInnenklasse gelingen, wonach es erstmal nicht aussieht, um auch Kämpfen in und um Kunst wieder gesellschaftliche Brisanz zu geben.

      Insofern großen Teilen der Bourgeoisie Kultur egal geworden ist, insofern ist selbst der Kampf der Kulturkrieger des "Kapitalistischen Realismus", wie Ross, einerseits ein Nachhutgefecht und vor allem ein Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit innerhalb der Kulturindustrie. Andererseits, die Erbitterung mit der die Träger des kapitalistischen Realismus die Reste der Avantgarden, die an Zeiten, als noch um große Alternativen gekämpft wurde, erinnern könnten, endgültig marginalisieren wollen, ist wohl auch schon Ausdruck der wieder gewachsenen Unsicherheiten.

      :wink: Matthias
    • Hallo zusammen,

      dieses Buch wollte ich schon immer mal hier im Forum posten, weil ich es einen sehr persönlichen Zugang (aus der Sicht eines sehr engen langjährigen Freundes) auf einen der spannendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts wirft. Soma Morgenstern hat ein sehr ähnliches Buch über einen anderen sehr engen Freund geschrieben, der in diesen Tagen seinen 120. Geburtstag hätte feiern können Joseph Roth.

      Hier geht es aber natürlich um Alban Berg, der hier (genauso wie in seiner Musik) als sehr warm- und großherziger, entspannter Modernist herauskommt. Aber natürlich hört man auch viel Abfälliges über Zeitgenossen der beiden, es geht dem Autor darum, einen liebgewordenen, viel zu früh gestorbenen Freund zu schildern, da können Abgrenzungen in einer politisch so bewegten Zeit natürlich auch einmal heftiger ausfallen:



      In den späten 1990'ern gab es das auch mal als TB, so liegt es mir vor. Ich kann eine Lektüre nur ans Herz legen ....

      LG Benno
    • Diese Woche erst bin ich auf folgendes Buch gestoßen.

      Boris Yoffe: Im Fluss des Symphonischen
      Eine Entdeckungsreise durch die sowjetische Symphonie
      Wolke Verlag, Hofheim, 2014
      648 Seiten, gebunden, zahlreiche SW-Fotos, 49 EUR


      Wolke Verlag schrieb:

      Man muss sich die sowjetische beziehungsweise russische Symphonie des 20. Jahrhunderts, die abgegrenzt von der westlichen Musik eine ganz eigene Entwicklung genommen hat, wie eine Schatztruhe vorstellen. [...] scheint der Deckel dieser Schatztruhe bis heute nur wenig gelüftet, sind doch zahllose Komponisten und ihre Werke in Vergessenheit geraten.

      Boris Yoffe schrieb:

      Ich möchte in Konzerten Musik von Popow, Polowinkin, Iwanow, Ljatoschinski, Klebanow, Lokschin, Salmanow, Karetnikow, Boris Tschaikowski, Terterjan, Matschawariani, Tschargejschwili, Okunew, Chanon und noch vielen anderen erleben,

      Um das symphonische Werk dieser Komponisten geht es in diesem Buch hauptsächlich. Es geht aber aus von Glinka und Borodin, und naturgemäß findet Schostakowitsch reichlich Erwähnung. Es kommen natürlich u. a. auch Weinberg, Eschpai, Tischtschenko, Schnittke, Schtschedrin, Schebalin, Prokofiew vor.

      Das (wenige), das ich bisher gelesen habe, gefällt mir sehr gut. Ein schönes Lesebuch. Besonders ansprechend finde ich den Abschnitt zur 1. Sinfonie von Popow.


      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga