Bach, J. S.: Kantate Nr. 3 „Ach Gott, wie manches Herzeleid“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 3 „Ach Gott, wie manches Herzeleid“

      Kantate Nr. 3 wurde für den zweiten Sonntag nach Epiphanias, den 14. Januar 1725 komponiert. Wie alle Kantaten vom 1. Sonntag nach Trinitatis bis Ostern im Jahrgang 1724/25 ist auch diese eine Choralkantate.

      Die Grundlage des Textes ist ein gleichnamiges 18strophiges Lied. Man hat es lange Zeit Martin Moller (1547-1606) zugeschrieben. Dieser war in Schlesien und in Sachsen als Kantor, Prediger und später, nach erfolgter Ordination, auch als Pfarrer tätig. Das Lied erschien tatsächlich zuerst in einer Veröffentlichung Mollers im Jahre 1587. Dort ist aber ausdrücklich als nicht aus seiner Feder stammend bezeichnet. Es könnte eine Dichtung des evangelischen Ordensbruders (ja, so etwas gab es) Konrad Hojer gewesen sein, der dieses Lied ebenfalls in einer seiner Schriften publizierte. Vielleicht hat Moller mit seinem Vermerk aber nur darauf hinweisen wollen, dass die Dichtung eine sehr freie Übertragung des lateinischen Hymnus „Iesu dulcis memoria“ ist, der St. Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wird und je nach Überlieferung 42 bis 53 Strophen umfasst.

      Um des Leseflusses willen poste ich die 18 Strophen nicht an dieser Stelle, sondern weiter unten.

      Ein Bezug zum Evangelium des Sonntags (Joh 2, 1-11, Hochzeit zu Kana/Verwandlung von Wasser zu Wein) ist im Text nicht gegeben. Allenfalls mag ein prominenter Vers aus der Epistel (Röm 12, 3-16) anklingen: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“

      Wie in Choralkantaten üblich, hat der unbekannte Dichter die erste Strophe unverändert übernommen. Der fiktive Erzähler beklagt darin den „trübsalvollen“ Weg auf Erden:

      Nr. 1 Choral
      Ach Gott, wie manches Herzeleid
      Begegnet mir zu dieser Zeit!
      Der schmale Weg ist trübsalvoll,
      Den ich zum Himmel wandern soll.


      Im zweiten Satz wird zunächst die zweite Strophe des Liedes mit neugedichteten Zeilen tropiert. Es folgt eine freie Nachdichtung der Strophen 3 bis 5, die daraus erst das Motiv des Trostes und dann den Bogen von der Fleischwerdung und Geburt bis hin zum Tod am Kreuz übernimmt. – Inhaltlich wird eine Antithese von Fleisch, Blut, Irdischem und Eitlem einerseits sowie Gott, Himmel und dem ewgen Gut andererseits formuliert, die in ein Zitat von Mt 26, 41 mündet („Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“). – Das Bild vom „Bauen auf falschem Grund“ könnte dem Gleichnis vom Hausbau entnommen sein (Mt 7, 24-27 par. Lk 6, 47-49).

      Nr. 2 Choral und Rezitativ

      Wie schwerlich lässt sich Fleisch und Blut

      Tenor
      So nur nach Irdischem und Eitlem trachtet
      Und weder Gott noch Himmel achtet,

      Zwingen zu dem ewigen Gut!

      Alt
      Da du, o Jesu, nun mein alles bist,
      Und doch mein Fleisch so widerspenstig ist.

      Wo soll ich mich denn wenden hin?

      Sopran
      Das Fleisch ist schwach, doch will der Geist;
      So hilf du mir, der du mein Herze weißt.

      Zu dir, o Jesu, steht mein Sinn.

      Bass
      Wer deinem Rat und deiner Hilfe traut,
      Der hat wohl nie auf falschen Grund gebaut,
      Da du der ganzen Welt zum Trost gekommen,
      Und unser Fleisch an dich genommen,
      So rettet uns dein Sterben
      Vom endlichen Verderben.
      Drum schmecke doch ein gläubiges Gemüte
      Des Heilands Freundlichkeit und Güte.


      Die Arie Nr. 3 ist recht frei der sechsten Strophe nachempfunden. Die Beschreibung der Situation des fiktiven Erzählers mit „Höllenangst“ und „unermessnen Schmerzen“ klingt für unsere Ohren eventuell übertrieben und fragwürdig, aber kann uns etwa durch das Denken an schwere Krankheiten gedanklich näher kommen:

      Nr. 3 Arie
      Empfind ich Höllenangst und Pein,
      Doch muss beständig in dem Herzen
      Ein rechter Freudenhimmel sein.
      Ich darf nur Jesu Namen nennen,
      Der kann auch unermessne Schmerzen
      Als einen leichten Nebel trennen.


      Noch loser gibt das Rezitativ Nr. 4 Motive der Strophen 7 bis 14 punktuell wieder:

      Nr. 4 Rezitativ
      Es mag mir Leib und Geist verschmachten,
      Bist du, o Jesu, mein
      Und ich bin dein,
      Will ichs nicht achten.
      Dein treuer Mund
      Und dein unendlich Lieben,
      Das unverändert stets geblieben,
      Erhält mir noch den ersten Bund,
      Der meine Brust mit Freudigkeit erfüllet
      Und auch des Todes Furcht, des Grabes Schrecken
      stillet.
      Fällt Not und Mangel gleich von allen Seiten ein,
      Mein Jesus wird mein Schatz und Reichtum sein.


      Duett Nr. 5 orientiert sich schon wieder enger an den Strophen Nr. 15 und 16 und übernimmt aus letzterer gar die Schlusszeile. Das Motiv des eigenen Kreuzes ist dem Jesuswort von der Nachfolge entnommen: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ (Mk 8, 34 par. Mt 16, 24 par. Lk 9, 23).

      Nr. 5 Duett
      Wenn Sorgen auf mich dringen,
      Will ich in Freudigkeit
      Zu meinem Jesu singen.
      Mein Kreuz hilft Jesus tragen,
      Drum will ich gläubig sagen:
      Es dient zum besten allezeit.


      Die 17. Strophe findet keine Berücksichtigung. Als Schlusschoral wurde Vers 18 unverändert übernommen:

      Nr. 6 Choral
      Erhalt mein Herz im Glauben rein,
      So leb und sterb ich dir allein.
      Jesu, mein Trost, hör mein Begier,
      O mein Heiland, wär ich bei dir.


      Hier die Sätze von BWV 3 samt Besetzung im Überblick:

      1. Choral „Ach Gott, wie manches Herzeleid“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Posaune, Oboe d’amore I/II, Streicher, B. c.
      2. Choral und Rezitativ „Wie schwerlich lässt sich Fleisch und Blut“/„So nur nach Irdischem und Eitlem trachte“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, B. c.
      3. Arie „Empfind ich Höllenangst und Pein“ – Bass, B. c.
      4. Rezitativ „Es mag mir Leib und Geist verschmachten“– Tenor, B. c.
      5. Duett „Wenn Sorgen auf mich dringen“ – Sopran, Alt, Oboe d’amore I+II, Violine 1, B. c.
      6. Choral „Erhalt mein Herz im Glauben rein“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn, Oboe d’amore I/II, Streicher, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 - Choral „Ach Gott, wie manches Herzeleid“ (A-Dur, c)

      Ein eindrucksvoller Choralchor eröffnet diese Kantate. Der cantus firmus ist den Chorbässen anvertraut, die durch eine Posaune verstärkt werden.

      Die beiden Oboen d’amore dominieren den Instrumentalsatz, die Streicher samt B. c. haben eine eher begleitende Rolle. Zu Anfang spielt die zweite Oboe über einem Orgelpunkt das Hauptthema des Satzes zu hören. Ihm ist eine implizite Chromatik eigen, die auf den Taktschwerpunkten stehen Töne bilden eine halbtonweise fallende Linie: a‘ – gis‘ – g‘ – fis‘ – f‘ – e‘. Die erste Oboe antwortet imitierend auf der Quinte, mit Sequenzen wird die Musik fortgeführt.

      Die Oberstimmen des Chores beginnen ebenfalls mit dem Hauptthema nach Art einer Motette in imitierender Weise, bis die Bässe mit c. f. einsetzen. Nach dieser Durchführung der ersten Choralzeile folgen wieder Sequenzen im Orchester, bis die zweite Zeile in ähnlicher Weise wie die erste erklingt, ebenso die dritte und vierte, jeweils durch Zwischenspiele getrennt.

      Satz 2 - Choral und Rezitativ „Wie schwerlich lässt sich Fleisch und Blut“/ „So nur nach Irdischem und Eitlem trachte“ (D-Dur -> A-Dur)

      Die vierstimmig gesetzten Choralzeilen werden jeweils durch ein Miniritornell des B. c., dessen Kopfmotiv der Choralmelodie entnommen ist, eingeleitet und begleitet. – Die Rezitativabschnitte sind auf vier Solisten verteilt, der letzte, umfangreichste dem Bass, dem auch die nachfolgende Arie zugeeignet ist.

      Satz 3 - Arie „Empfind ich Höllenangst und Pein“ (fis-moll, 3/4)

      Da-capo-Arie. – Die Wörter „Höllenangst“, „Pein“ und „unermessne Schmerzen“ nahm Bach zum Anlass für den Einsatz von Chromatik. Die dazu antithetischen Begriffe „Freudenhimmel“, „Jesu Namen“ und „leichter Nebel“ sind hingegen rein diatonisch und mit Koloraturen gesetzt.

      Satz 4 - Rezitativ „Es mag mir Leib und Geist verschmachten“ (cis-moll -> E-Dur)

      Secco-Rezitativ mit erwartbaren harmonischen Zuspitzungen auf „verschmachten“, „Todesfurcht“ usw.

      Satz 5 - Duett „Wenn Sorgen auf mich dringen“ (E-Dur, c)

      Da-capo-Form. - Trotz der Ich-Form des Textes schrieb Bach hier ein Duett. Oboen und erste Violinen spielen hier im Unisono, so dass zusammen mit dem B. c. ein vierstimmiger Satz vorliegt. Bereits das Ritornell macht Gebrauch von komplementärer Rhythmik zwischen Melodieinstrumenten und B. c., dies wird von den Singstimmen fortgesetzt. Dies erzeugt den Eindruck des steten Vorwärtsschreitens, die Motivik des ersten Teils scheint unendlich auf diese Weise fortgesponnen werden zu können. – Im B-Teil wird sie nach Moll versetzt, um das Wort vom „Kreuz“ zu unterstreichen.

      Satz 6 - Choral „Erhalt mein Herz im Glauben rein“ (A-Dur, c)

      Schlichter vierstimmiger Choralsatz mit colla parte mitgehenden Instrumenten.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Hier nun die achtzehn Strophen des der Kantate zugrunde liegenden Liedes:

      1. Ach Gott, wie manches Herzeleid / begegnet mir zu dieser Zeit! / Der schmale Weg ist trübsalsvoll, / den ich zum Himmel wandern soll.
      2. Wie schwerlich lässt sich Fleisch und Blut / zwingen zu dem ewigen Gut! / Wo soll ich mich denn wenden hin? / Zu dir, Herr Jesu, steht mein Sinn.
      3. Bei dir mein Herz Trost, Hilf und Rat / allzeit gewiss gefunden hat; / niemand jemals verlassen ist, / der getraut hat auf Jesum Christ.
      4. Du bist der große Wundermann, / das zeigt dein Amt und dein Person. / Welch Wunderding hat man erfahr'n, / da du, mein Gott, bist Mensch gebor'n.
      5. Und führest mich durch deinen Tod / ganz wunderlich aus aller Not! / Jesu, mein Herr und Gott allein, / wie süß ist mir der Name dein!
      6. Es kann kein Trauern sein so schwer, / dein süßer Nam' erfreut viel mehr; / kein Elend mag so bitter sein, / dein süßer Nam' der lindert's fein.
      7. Ob mir gleich Leib und Seel' verschmacht't, / so weißt du, Herr, dass ich's nicht acht'. / Wenn ich dich hab', so hab ich wohl, was mich ewig erfreuen soll.
      8. Dein bin ich ja mit Leib und Seel', / was kann mir tun Sünd', Tod und Höll'? / Kein' bessre Treu' auf Erden ist / denn nur bei dir, Herr Jesu Christ.
      9. Ich weiß, dass du mich nicht verlässt, / dein Wahrheit bleibt mir ewig fest. / Du bist mein rechter, treuer Hirt, / der ewig mich behüten wird.
      10. Jesu, mein' Freud', mein' Ehr' und Ruhm, / mein's Herzens Schatz und mein Reichtum, / ich kann's ja doch nicht zeigen an, / wie hoch dein Nam' erfreuen kann.
      11. Wer Glaub' und Lieb' im Herzen hat, / der wird's erfahren in der Tat, / drum hab' ich oft und viel gered't: / Wenn ich an dir nicht Freude hätt.
      12. So wollt' den Tod ich wünschen her, / ja dass ich nie geboren wär'; / denn wer dich nicht im Herzen hat, / der ist gewiss lebendig tot.
      13. Jesu, du edler Bräutgam wert, / mein' höchste Zier auf dieser Erd', / an dir allein ich mich ergötz / weit über alle güldnen Schätz.
      14. Sooft ich nur gedenk' an dich, / all mein Gemüt erfreuet sich; / wenn ich mein' Hoffnung stell' zu dir, / so fühl' ich Fried und Trost in mir.
      15. Wenn ich Nöten bet' und sing', / so wird mein Herz recht guter Ding'. / Dein Geist bezeugt, dass solches frei / des ew'gen Lebens Vorschmack sei.
      16. Drum will ich, weil ich lebe noch, / das Kreuz dir willig tragen nach. / Mein Gott, mach' mich dazu bereit, / es dient zum Besten' allezeit.
      17. Hilf mir mein' Sach' recht greifen an, / dass ich den Lauf vollenden kann; / Hilf mir auch zwingen Fleisch und Blut, / vor Sünd Schanden mich behüt'!
      18. Erhalt mein Herz im Glauben rein, / so leb' und sterb' ich dir allein. / Jesu, mein Trost hör' mein' Begier: / o mein Heiland, wär' ich bei dir!
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)