Konzerterfahrungen in München

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    • ALLERLEI KLAVIERWELTEN

      Der 15.11.2018 brachte im Kleinen Konzertsaal im Gasteig (München) zunächst ein Ladenschlusskonzert der Musikhochschul-Klavierklasse Prof. Sylvia Hewig-Tröscher und danach ein Studiokonzert der Klavierklasse Prof. Yuka Imamine. Von 18 Uhr bis 22 Uhr konnte man da in allerlei Klavierwelten eintauchen.

      Persönliche Eindrücke:

      Im kürzeren Ladenschlusskonzert gab es Werke von Debussy, Mozart, Mendelssohn Bartholdy und Paderewski zu hören. Frau Prof. Sylvia Hewig-Tröscher bot jeweils kurze informative Einführungen zu den Komponisten und Werken. Bergamo, Paris, Leipzig und Polen waren die Stationen des Konzerts.

      Das Prélude (Moderato) aus der »Suite bergamasque« L.75 von Claude Debussy, das laut Einführung auch Commedia dell'arte Figuren vorstellt, spielte Constantin Baedeker mit spontanem Impetus, als würde er die Musik im Augenblick erschaffen.

      Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate a-Moll KV 310 fasziniert den Schreiber dieser Zeilen seit der Jugend mit ihrem dramatischen Duktus im 1. Satz und dem unheimlichen 3. Satz. Diesmal war der 1. Satz (Allegro maestoso) zu hören, gespielt von Lorenz Höß – bewusst nervös und dabei erzählerisch facettenreich, mit Expositionswiederholung. Es ist ein heikles Stück Klavierliteratur, bravourös meisterte Höß alle Klippen dieses energisch-zielstrebigen, immer wieder suggestiv erstaunlichen Sonatensatzes.

      Die ausführlichen Variationes sérieuses op. 54 von Felix Mendelssohn Bartholdy mit ihrem elegischen Thema legte Dina Pérazic in der Folge großartig gefestigt hin.

      Besonders gespannt war man auf das letzte Werk dieses Konzerts, Jan Paderewskis 1. Satz (Allegro) aus dem Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 17 mit Leonhard Auenhammer und Sylvia Hewig-Tröscher als „Orchester“ am zweiten Flügel. An Chopin, dessen Werkherausgabe eine der bleibend anerkannten Lebensleistungen des Komponisten, Pianisten und Staatsmannes ist, erinnert diese Art der Klavierkonzertkomposition wohl weniger, mehr an Brahms, doch es mag auch an der Fassung für zwei Klaviere liegen, dass das Werk herber und trockener daherkommt. Gleichwohl beeindruckte die tolle pianistische Leistung beider Interpreten, auch im Zusammenspiel.

      Ähnlich gut besucht (vielleicht waren einige dabei, die eigentlich zur aktuell das Haus beherrschenden Münchner Bücherschau gekommen waren) war das zweite Konzert, das Studiokonzert. Auch hier, noch deutlicher, öffneten sich allerlei interessante Klavierwelten, von den Werken her wie interpretatorisch.

      Mit Frédéric Chopins Nocturne op. 48/1, gespielt von Mina Lichtenberg, konnte man gleich ganz tief in königlich große Klaviermusik eintauchen.

      Ein anderes Eintauchen, musikalisch wie von der Interpretenpersönlichkeit her, ermöglichten 1. Intermezzo. Adagio (h-Moll) und 2. Intermezzo. Andantino un poco agitato (e-Moll) aus den Vier Klavierstücken op. 119 von Johannes Brahms. Beseelte Klavierwelten taten sich da mit Carina Sauer auf.

      Yeseul Kim spielte danach Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate D-Dur KV 576 verblüffend reif, stark, gefestigt, unglaublich abgeklärt und weise wirkend. Die Exposition im 1. Satz wurde diesmal nicht wiederholt.

      Und die nächste Welt tat sich mit zwei Sonaten von Giuseppe Domenico Scarlatti auf, mit der keck-verschmitzten Sonate D-Dur K. 491 und mit der Sonate d-Moll K. 213, die demgegenüber wie aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Damit begann Xiaoshenshen Huang den ihr gehörenden Block vor der Pause, den sie mit der Nr. 2 Pour les tierces aus den Zwölf Etüden L.136 von Claude Debussy, schon wieder die nächste Klavierwelt öffnend, fortsetzte und mit 1. Pagodes, 2. La soirée dans Grenade und 3. Jardins sous la pluie aus Debussys »Estampes« L.100 auch souverän und interpretatorisch erstaunlich reif wirkend abrundete. La soirée dans Grenade erinnerte den Schreiber an Liveerlebnisse mit Friedrich Gulda in den 80er Jahren, Gulda hat dieses Stück gerne in Konzerten gespielt.

      Die Klavierwelt ist so groß, da gibt es so viele Türen, durch die man gehen und immer neu staunen kann.

      Georg Friedrich Händels Chaconne G-Dur HWV 435, gespielt erneut sehr gefestigt von Utako Endo als erstes Werk nach der Pause, öffnet eine davon. Nach kurzer langsamer Einleitung geht es flott voran, dann dahinträumend, ganz tief kann man da eintauchen in die Musik, und der Schluss läuft wieder schnell.

      Utako Endo spielte auch Ludwig van Beethovens großteils grimmig energische 32 Variationen c-moll WoO 80 mit entschlossener Energie.

      Nun öffnete Xintian Zhu mit Frédéric Chopins Drei Mazurken op. 56 (1. Allegro non tanto H-Dur, 2. Vivace C-Dur und 3. Moderato h-Moll) eine nächste musikalische Klaviertür, ihren erneut durchaus selbstbewusst wirkenden neuen Bogen spannend. Hier konnte man speziell ganz, ganz tief in das rätselhafte, geheimnisvolle, ausführlichere dritte Stück, das Moderato h-Moll, abtauchen.

      Den Abschluss machte, die letzte Tür öffnend, Zhen Wang mit Felix Mendelssohn Bartholdys Fantasie fis Moll op. 28. Der 1. Satz (Con moto agitato) schwingt sich aus Sehnsuchtsvollem im Mittelteil kurz zu stupend Virtuosem auf, und nach dem 2. Satz (Allegro con moto) gab der 3. Satz (Presto) der Pianistin die Gelegenheit, fast etüdenhaft drauflossausend vor allem technisch und grimmig entschlossen dabei aber immer hochmusikalisch zu beeindrucken.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Zuletzt besucht, persönliche Eindrücke...

      URWIENERISCHE MUSIKALISCHE TRANSPARENZ

      Das Eröffnungskonzert der 32. Jüdischen Kulturtage München im Carl-Orff-Saal (Gasteig), 17.11.2018

      Der Gasteig quillt über vor Bücherschaubesuchern, und im Foyer vor dem Carl-Orff-Saal ist das Gedränge besonders groß, dort stehen lauter wichtige Leute. Auf der Bühne steht schon das Instrumentarium für die Kammermusikfassung von Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur inklusive Konzertflügel bereit, doch auf die muss man noch etwa eine Stunde warten. Leonard Bernstein Fotografien aus seinen Wiener Jahren 1966 bis 1990 werden projiziert, Konzertaufnahmen, Begegnungen und weitere Schnappschüsse, sie sind auch im Foyer zu besichtigen, die Jüdischen Kulturtage würdigen Bernstein mit diesem Tribut-Konzert und einer Gesprächsveranstaltung am Folgetag anlässlich dessen 100. Geburtstages.

      Kinderchor, Begrüßungsreden und Dankesworte...

      Nach 20 Minuten Pause folgt aber doch Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur, in der kammermusikalisch filigranen, durchsichtigen, transparenten bis zerbrechlichen Bearbeitung von Erwin Stein, sehr wienerisch, ja geradezu urwienerisch vorgestellt von einem edlen Ensemble aktiver und ehemaliger Wiener Philharmoniker ohne Dirigenten, das sich Camerata Wien 1900 nennt. Jeweils nur ein Solist aus den meisten Instrumentengruppen ersetzt da das Orchester, und am Klavier sitzt eine Pianistin. Immer wieder hört man im inneren Ohr den gewohnten Orchesterklang mit. Doch diese feinfühlige Fassung besticht auch für sich in jedem Moment. Ganz innig groß und erst recht urwienerisch erklingt nicht zuletzt nach den diversen Grotesken auch mit Gevatter Hein (höher gestimmte extra bereit liegende Geige im 2. Satz!) der ausgiebige dritte, langsame Satz. Chen Reiss singt das Sopransolo von den himmlischen Freuden im Finale auch berückend innig, mit einer einnehmenden, zauberischen naiven Unschuld.

      Das sehr aufmerksame Publikum, das schon nach dem 1. Satz kurz applaudiert hat, verneigt sich mit Festapplaus.

      SCHWELGEN BIS ZUM KLANGGEWITTER

      Valentina Lisitsa spielt die zwei berühmten Rachmaninow-Konzerte am Sonntagnachmittag in der Philharmonie im Gasteig (München), 18.11.2018

      Mit Antonín Dvořáks festlicher Konzertouvertüre „Karneval“ A-Dur op. 92 stellen sich die von Tomáš Brauner dirigierten Prager Symphoniker klangüppig und sehr kompakt aufgezogen vor.

      Klangüppiges Orchesterspiel prägt auch stark die Klavierkonzerte Nr. 2 c-Moll op. 18 und Nr. 3 d-Moll op. 30, die sich Valentina Lisitsa als heroische Herausforderung für dieses Konzert beide vorgenommen hat. Das Orchester deckt sie bei den kräftigeren Tuttipassagen mit Klavierbeteiligung bei beiden Konzerten total zu, man sieht sie zwar mit vollem Einsatz über die Bösendorfertasten gleiten, hört aber nur die volle Orchesterpracht.

      Ansonsten arbeitet sich Valentina Lisitsa bewundernswert souverän durch die anspruchsvollen Klavierparts. Das Schwelgen mit weicherem Anschlag liegt ihr dabei mehr als das Offensive, hart Zupackende. Hat man forschere Aufnahmen der Konzerte im Ohr, bemerkt man immer wieder eine gewisse Zurückhaltung. Diese zeugt allerdings auch von einem großartigen gemeinsamen Atmen zwischen Solistin und Orchester. Wo einzelne Instrumente mit dem Klavier dialogisieren, wo Klavier und Orchester ins Wechselspiel treten, besticht die Balance der Abstimmung eindrucksvoll. Der dunklere, harmonisierendere Bösendorfer-Klavierklang verstärkt zudem das Ausgleichende einer derartigen Interpretation. Gerade das Klavierkonzert Nr. 2 bietet einige markante Passagen, in denen so richtig spätromantisch geschwelgt werden kann. Valentina Lisitsa erweist sich dabei alles in allem mehr als eine Teamplayerin denn als eine Platzhirschin.

      Die Herausforderung des noch anspruchsvolleren 3. Klavierkonzerts nach der Pause bestätigt die Erfahrung des ersten Teils – Klangüppigkeit vom Orchester, souveräne eher weich dahinperlende Technik, Schwelgen wo es sich anbietet (aber nie übertrieben) und Teamplay statt Profilierung. Pianistisch ist das schon schwer beeindruckend, wenn jemand diese Werke so selbstverständlich hinzulegen imstande ist. In der Kadenz im 1. Satz (sie spielt die „große“, auch auf CD, Yuja Wang spielt übrigens „nur“ die kleine) dreht Valentina Lisitsa dann aber so richtig auf und entfacht plötzlich ein Klanggewitter sondergleichen am Bösendorfer-Flügel, aber hallo, als hätte sie nur darauf gewartet! Der Klaviereinsatz im 2. Satz nach der romantisch schwelgerischen Orchestereinleitung ist die Lieblingspassage des Schreibers was dieses Werk betrifft. Ganz tief kann man da in diese Klavierkonzertwelt mit eintauchen. Hier stellt sich beim Schreiber auch besonders stark das Gefühl ein, die Pianistin ist in dieser Musik ganz zu Hause. Ihre Leidenschaft reißt mit, fesselt jetzt noch mehr als bisher. Und dann heißt es rein in den pianistisch furiosen Wahnsinn des noch einmal extrem herausfordernden Finalsatzes – und da lebt Valentina Lisitsa erst so richtig auf, flitzt und galoppiert durch den Klavierpart, jetzt sehr wohl zupackend offensiv, aber wie, sie setzt Pointen, und zwischendurch darf man aber auch hier wieder so richtig schwelgen. Atemberaubend souverän wird das durchgezogen. Und die Kräfte sind dabei optimal eingeteilt, bis zum fulminanten Schluss.

      Der Applaus hat Jubelanklänge, verzichtet aber auf die Intensität, eine Zugabe zu erzwingen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • …ABER IMMER: GANZ MUSIK!

      Zwei Klavierkonzerte der Hochschule für Musik und Theater München, 23.11.2018, persönliche Eindrücke

      Im nach wie vor von der Münchner Bücherschau beherrschten Gasteig ist der Kleine Konzertsaal um 18 Uhr gut besucht, etwa drei Viertel der Plätze sind belegt.

      Das Ladenschlusskonzert der Klavierklasse Prof. Olaf Dreßler beginnt mit Ludwig van Beethovens »Sonata quasi una fantasia« Es-Dur op. 27/1 (1. Andante, 2. Allegro molto e vivace, 3. Adagio con espressione und 4. Allegro vivace), von Rahel Paulik beherzt und beseelt empfindsam mit weichem Anschlag vorgetragen. Kein reines Abrufen von Erarbeitetem – einfach großartige Klaviermusik, immer ganz Musik!

      Ein außergewöhnliches Ereignis verspricht die Aufführung beider Klavierkonzerte von Franz Liszt mit dem deutsch-argentinischen Jungpianisten Pablo Havenstein zu werden, dem Prof. Dreßler das Orchester am zweiten Flügel macht. Auch hier zeigt sich aber sofort: da wird weder auf Leistungsdruck ein Schauwert abgerufen noch wird mit äußerlich spektakulärer Klavierartistik aufgewartet, es wird vielmehr einfach große Klaviermusik sehr, sehr ernst genommen und seriösest, technisch brillant aber die Technik nie als Selbstzweck herausstellend und dazu noch wo es sich anbietet eindringlich empfindsam musiziert. Beide Werke, diese pausenlosen Unikate, sowohl das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur S.124 (1. Allegro maestoso, 2. Quasi adagio, 3. Allegretto vivace-Allegro animato und 4. Allegro marziale animato) als auch das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 A-Dur S.125 (1. Adagio sostenuto assai, 2. Allegro moderato, 3. Allegro deciso und 4. Allegro animato) behalten eine disziplinierte Strenge, innerhalb derer sich die Musik ohnedies sowohl romantisch auszuschwingen als auch fulminant zu brillieren versteht. Das ist die Qualität der Interpretation – Pablo Havenstein und Prof. Dreßler stellen nicht sich selbst in den Mittelpunkt, das grandiose Duo, sondern allein die Musik. Volle Konzentration auf die turmhoch schweren Läufe und Oktavketten, auf die lyrischen Teile, auch die oft abrupten Übergänge, aufs harmonische Zusammenspiel – da fügt sich das Grandiose der Werke wie der Interpretation ganz von selbst zusammen. Beide bewahren dabei äußerlich stoische Ruhe, müssen das Effektvolle nicht mit optischem Gehabe verstärken. Mittendrin überrascht ein lautstarker Pfiff aus dem Publikum, doch davon lassen sich die beiden überhaupt nicht beirren.

      Die Liszt-Klavierkonzert-Fassungen für zwei Klaviere hört man ja seltener. Vom Werk her mag das 2. Konzert inspirativ noch etwas spannender sein als das 1., bei dieser Aufführung beeindruckt das 1. gleichwohl mehr, weil hier die Farben des Orchesterparts nicht so entscheidend sind, das Wechselspiel im 1. auch als Pianoduo besticht, während das Orchesterklavier beim 2. das Soloklavier oft zu einer unvermeidlichen klirrenden Schepperei ergänzt. Hier merkt man also deutlicher, dass dies eigentlich ein Werk für Klavier und Orchester ist.

      Das zweite Konzert sofort nach dem ersten als wär´ das nichts - großer Applaus für diese herausragende Leistung.

      Vom Gasteig mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof, mit der U 2 weiter zum Königsplatz, um 20 Uhr beginnt im Hochschulgebäude in der Arcisstraße im Kleinen Konzertsaal das Konzert der Klavierklasse Prof. Markus Bellheim. Auch dieses ist sehr gut besucht, nur etwa ein Drittel der Plätze bleibt frei.

      Die Studierenden von Prof. Bellheim bieten jeweils kurze Werkeinführungen, teilweise pointiert, Entstehungsjahre der Kompositionen werden genannt, auch kurz wichtige Werkcharakteristika. Schon das unterstreicht auch hier die absolute Ernsthaftigkeit, mit der an das Wesen der Musik herangegangen wird.

      Georg Friedrich Händels 1733 entstandenes Thema und 21 Variationen der Chaconne G-Dur HWV 435 präsentiert Stefan Pajanovic selbstbewusst gefestigt, und wenn es loszulegen gilt dann legt der junge Pianist los, aber hallo, das hat ganz schön Drive.

      Auch Maurice Ravels Valses nobles et sentimentales legen ganz schön los, und Magdalena Haubs vertieft sich sofort ganz und gar in die Musik, verblüffend reif, souverän und alles fein schattierend, nobel wie sentimental, verklärt tänzerisch bis zum geheimnisvollen Ende.

      Die Akustik dieses Saals, die jedes Forte zum Fortissimo vergrößert, wird umso beeindruckender erschüttert mit dem nun von Magdalena Haub auch noch gespielten Mephisto-Walzer Nr. 1 von Franz Liszt, bei dem die Pianistin den Beelzebub forsch und diabolisch und aber sowas von kräftig lebendig werden lässt, zwischendurch auch unheimlich verführerisch. Das ist atemberaubend virtuoses kraftvolles Klavierspiel vom Besten.

      Ein perfekt aufeinander eingespieltes Klavierduo sind Sophie und Vincent Neeb die den zweiten Teil nach der Pause bestreiten, da stimmt jede winzigste Nuance des Zusammenspiels, die beiden bieten CD-reife Interpretationen auf zwei Klavieren. Und auch bei ihnen gilt aber – es ist stets die Musik, die bestmöglich geboten wird, nie die Selbstdarstellung der Interpreten. Diese geben sich ausschließlich werkdienlich den Werken hin, deren Welt, deren Virtuosität wie deren emotionalen Wechselbädern.

      Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448 konnte der Schreiber dieser Zeilen in den 80er Jahren von LP mit Paul Gulda und Roland Batik mitreißend losswingend kennen lernen, seit damals hat er deren Drive bei dieser Musik im Ohr. Auch hier an diesem Abend entfaltet das dreisätzige Werk (1. Allegro con spirit, 2. Andante und 3. Allegro molto), das laut Einführung 1781 im „Entführung“-Jahr entstand phantastische kreative Frische (mit Wiederholung der Exposition im 1. Satz), mit dem 2. Satz eine vertiefte Innigkeit sondergleichen und im Finale geniale Spritzigkeit.

      Kräftig legt auch das letzte Werk dieses vielschichtigen Klavierabends in München los - Sergej Rachmaninows Suite für zwei Klaviere Nr. 2 op.- 17 (1. Introduction, 2. Valse, 3. Romance und 4. Tarantelle) mit ihren weiten Romance-Feldern und der extrem virtuosen, atemberaubend gespielten Tarantella, dem fulminanten Schlusspunkt. Technisch also noch einmal atemberaubend - aber immer: Ganz Musik!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • VERWANDTE GLAUBENSWELTEN

      Glaubenswerke von Leonard Bernstein und Leos Janáček im Herkulessaal der Münchner Residenz, 25.11.2018, persönliche Eindrücke

      Mittendrin in Janáčeks Glagolitischer Messe blitzt plötzlich ein Motiv auf, Tonfolge und charakterlich, das man doch zuvor in Bernsteins Chichester Psalms auch schon gehört zu haben meint, dort im Mittelteil des 2. Satzes. Später singt der Chor eine ruhigere Passage, die an Bernsteins Finalsatz erinnert - assoziative Blitze, die aber nur das Wesen der beiden Kompositionen des Konzerts, Bernsteins Chichester Psalms zuerst und Janáčeks Glagolitische Messe danach, unterstreichen, zwei sehr persönliche musikalische Glaubensbekenntnisse.

      Bernsteins letztendlich entschiedenes Plädoyer für Harmonie und Tonalität in schicksalsschwerer Zeit auf hebräische Texte und Janáčeks eindringlich farbige, teilweise impressionistisch anmutende in tschechischer Sprache gesungene große Messkomposition mit gewaltigem Orgelsolo im abschließenden Agnus Dei Satz gehen als jedes auf seine Art aufrichtig einfühlsame musikalische Auseinandersetzung ungemein zu Herzen.

      Der Münchner Motettenchor, in dessen Zyklus das Konzert veranstaltet wird, zeigt sich straff, klangmächtig, aber auch sensibel in den stilleren Passagen beider Werke disponiert. Das Solistenquartett (Susanne Kapfer, Sopran, Céline Akçağ, Alt, Thomas Kiechle, Tenor und Ansgar Theis, Bariton) fügt sich werkdienlich engagiert ein. Den Vogel schießt der Knabensolist aus dem Münchner Knabenchor ab, der im 2. Satz des Bernstein-Werks klangrein und innig zu berühren vermag. Er erhält den stärksten Applaus des Abends.

      Friedemann Winklhofer spielt nicht nur das beeindruckend kräftige Orgelsolo souverän.

      Das Philharmonische Orchester Plauen-Zwickau unter der Leitung des alles versiert koordinierenden Benedikt Haag gehört hörbar nicht zu den großen Luxusklangkörpern, manchmal ist die Tongebung nicht ganz rein, einmal muss die Trompete erst ihren Ton finden, aber im Großen und Ganzen gelingt eine sehr kompakte, die Kontraste zwischen wuchtigen, massiven Klangballungen mit Orchester und Chor und dann wieder filigran transparenten Passagen beeindruckend gut.

      Nicht so vertraut mit Janáčeks Werk nehmen bei diesem für mich verschiedene Passagen besonders für sich ein, etwa die Anfänge des Sanctus- wie des Agnus Dei Satzes, besonders bewegend eindringliche Musik.

      Als Zugabe wird der 1. Satz aus Bernsteins Chichester Psalms wiederholt, und der wirkt jetzt noch geschlossener und souveräner, gefestigter und gleichzeitig lockerer, die Anspannung ist nicht mehr so groß und die Musik strahlt umso festlicher auf. Sollte diese Aufführung mitgeschnitten worden sein – es wäre sicher zu überlegen, diese Zugabe auf jeden Fall (auch) zu veröffentlichen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • REIFE UND KRAFTAKT

      Ein Konzert der Klavierklasse Prof. Thomas Böckheler der Hochschule für Musik und Theater München im Kleinen Konzertsaal Arcisstraße, 26.11.2018, persönliche Eindrücke

      Bei freiem Eintritt kann man mit diesen Hochschulkonzerten kleinere und größere Werke der Musikliteratur wieder hören oder kennenlernen, durchgehend auf höchstem Niveau vorgestellt und (zumindest dies meine Erfahrung der letzten Monate) man bekommt nie nur eine reine Leistungsschau geboten, sondern immer den jeweils individuell spannenden Versuch, ganz tief ins Wesen der Musik vorzudringen, ja ganz Musik zu sein, die Hörerschaft weniger die Anspannung des Livevortrags, vielmehr diese Wunder der Kompositionen mitspüren zu lassen.

      Sehr gut besucht ist dieses Montagabendkonzert, fast alle Plätze sind besetzt.

      Rina Ikeda spielt Ludwig van Beethovens Sonate Es-Dur op. 81a »Les Adieux« (1. »Das Lebewohl«. Adagio – Allegro, 2. »Abwesenheit«. Andante espressivo und 3. »Das Wiedersehen«. Vivacissimamente) hochmusikalisch empfunden. Alles ist fein schattiert, und das Pianistische kommt klar und flüssig. Eine reife Leistung!

      Aus Robert Schumanns Fantasiestücken op. 12 (Heft 1) stellt Anjulie Chen »Des Abends«, »Aufschwung«, »Warum?« und »Grillen« vor und bestätigt das hohe Niveau der Vorgängerin eindrucksvoll, stark im Ausdruck und erneut nicht aufoktroyierte Empfindsamkeit vermittelnd.

      Eine ganz schöne Herausforderung sind erst recht Johannes Brahms´ Sechs Klavierstücke op. 118 (1. Intermezzo. Allegro non assai, ma molto appassionato, 2. Intermezzo. Andante teneramente, 3. Ballade. Allegro energico, 4. Intermezzo. Allegretto un poco agitato, 5. Romance. Andante — Allegretto grazioso und 6. Intermezzo. Andante, largo e mesto). Da müssen stringente Bögen gespannt, Mittelteile charakterlich abgesetzt und selbstverständlich technisch Herausforderndes gemeistert werden, so dass die Arbeit daran nicht mehr hörbar ist. Mayu Kawashima vermittelt so wie die anderen Künstlerinnen die man bisher in diesem Konzert hören konnte diese verblüffende Reife eines gleichzeitig technisch makellosen wie musikalisch hochempfindsamen Klavierspiels, konzertant bravourös wie durchaus auch auf eigene Art verblüffend weise. Des Schreibers dieser Zeilen Lieblingsstück daraus, einmal mehr sehr gerne wieder gehört, ist die Nr. 2.

      Nach der Pause macht sich südliche Sommerstimmung von der iberischen Halbinsel breit, obwohl es in München an dem Konzertabend erstmals schneit in diesem November, denn Mayuko Obuchi brilliert mit »Iberia« Buch 1 (»Evocación«, »El Puerto« und »Corpus Christi en Sevilla«) von Isaac Albéniz. Flirrende Hitze, südliches Feuer, und das dritte Stück entwickelt sich im Mittelteil ganz schön ins Virtuose, um am Anfang und am Ende umso poetischer auszustrahlen.

      Franz Liszts großer Herausforderung der Sonate h-Moll stellt sich Ryuzo Seko, und der setzt aber sowas von einen markanten Schlusspunkt unter dieses Konzert. Vom ersten Ton an lässt er keinen Zweifel offen – da sitzt und spielt einer, der das unbedingt will, der es aber sowas von kann und der es mit Lust, Liebe, enormer Emotion und fulminanter Technik durchzieht. Pianistisch legt er energisch los und hält dieses Energische grandios durch, bis zur schwindelerregend toll gespielten Stretta. Der feste, stabile Zugriff prägt auch die rezitativischen und poetischen Passagen des Werks, um aber gleichwohl einmal mehr das sorgfältig Einstudierte schon weit hinter sich und den Ausdruck reif wie emotional empfindsam eindringlich wirken lassen zu können. Eine beeindruckende Meisterschaft wird hier demonstriert, eine mitreißende Unbedingtheit, wieder hochmusikalisch und pianistisch fulminant. Ein einziger großer Kraftakt mit dieser großen, hochanspruchsvollen, fordernden Klaviermusik!

      Ein toller Klavierabend!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      URWIENERISCHE MUSIKALISCHE TRANSPARENZ

      Das Eröffnungskonzert der 32. Jüdischen Kulturtage München im Carl-Orff-Saal (Gasteig), 17.11.2018

      Der Gasteig quillt über vor Bücherschaubesuchern, und im Foyer vor dem Carl-Orff-Saal ist das Gedränge besonders groß, dort stehen lauter wichtige Leute. Auf der Bühne steht schon das Instrumentarium für die Kammermusikfassung von Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur inklusive Konzertflügel bereit, doch auf die muss man noch etwa eine Stunde warten. Leonard Bernstein Fotografien aus seinen Wiener Jahren 1966 bis 1990 werden projiziert, Konzertaufnahmen, Begegnungen und weitere Schnappschüsse, sie sind auch im Foyer zu besichtigen, die Jüdischen Kulturtage würdigen Bernstein mit diesem Tribut-Konzert und einer Gesprächsveranstaltung am Folgetag anlässlich dessen 100. Geburtstages.

      Kinderchor, Begrüßungsreden und Dankesworte...

      Nach 20 Minuten Pause folgt aber doch Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur, in der kammermusikalisch filigranen, durchsichtigen, transparenten bis zerbrechlichen Bearbeitung von Erwin Stein, sehr wienerisch, ja geradezu urwienerisch vorgestellt von einem edlen Ensemble aktiver und ehemaliger Wiener Philharmoniker ohne Dirigenten, das sich Camerata Wien 1900 nennt. Jeweils nur ein Solist aus den meisten Instrumentengruppen ersetzt da das Orchester, und am Klavier sitzt eine Pianistin. Immer wieder hört man im inneren Ohr den gewohnten Orchesterklang mit. Doch diese feinfühlige Fassung besticht auch für sich in jedem Moment. Ganz innig groß und erst recht urwienerisch erklingt nicht zuletzt nach den diversen Grotesken auch mit Gevatter Hein (höher gestimmte extra bereit liegende Geige im 2. Satz!) der ausgiebige dritte, langsame Satz. Chen Reiss singt das Sopransolo von den himmlischen Freuden im Finale auch berückend innig, mit einer einnehmenden, zauberischen naiven Unschuld.

      Das sehr aufmerksame Publikum, das schon nach dem 1. Satz kurz applaudiert hat, verneigt sich mit Festapplaus.
      Lieber Alexander,

      Ich hoffe, Du erlaubst mir einige Ergänzungen?

      Ich habe diesem Konzert auch beigewohnt und habe mich durch die erste (weitgehend unmusikalische) Hälfte sehr gelangweilt.

      Du hebst zu Recht die wunderbare Wiener Klangkultur der Musiker der Camerata Wien 1900 bei der Stein'schen Fassung von Mahlers G-dur Symphonie hervor. Auch möchte ich loben, wie wunderbar - selbst auf einige Reihen Abstand - die Interaktion der Musiker in ihrer Selbstverständlichkeit zu erleben war. Bei der Interpretation finde ich jedoch, dass die Gemütlichkeit und Könnerschaft deutlich zu viel Gewicht hatten bei dieser Aufführung. Für meine Ohren fehlte der Aufführung jeglicher Biss. Und das fand ich in einem 'Tribute to Leonard Bernstein' doch sehr schade und unnötig.

      Ich hatte das Vergnügen, das Linos Ensemble in den späten 1990'ern bei etlichen der Konzerte live zu erleben, in denen sie in Köln die Bearbeitungen des Vereins für das Publikum gespielt haben. Damals war ich von der ungemein großen Innenspannung dieser Interpretationen hingerissen. Davon hatte die Aufführung für meine Ohren deutlich zu wenig, es war sehr kulinarisch, aber das ist mir für Mahler dann doch ein wenig zu wenig. Chen Reiss im Sopransolo konnte sich in meinen Ohren nicht wirklich entscheiden, was 'Die Himmlischen Freuden' denn nun sind: mir schienen manche Passagen wie eine Vorführung in 'deutschen Liedsängertugenden', andere Passagen versuchten, eine Distanz zum Text aufzubauen, aber das Dunkel-Humorvolle des Stücks kam bei mir nicht an.

      Immerhin können wir nun beide bestätigen, dass sich Carolin Reiber schon einmal eine Mahler-Symphonie angehört hat ... Nicht, dass ich ihr das absprechen wollte, ich war nur überrascht sie in diesem Konzert zu sehen ....

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Vielen Dank lieber Giovanni di Tolon auch für Deine Eindrücke!

      BEHERZT UND POINTIERT

      Ladenschlusskonzert der Klavierklasse Prof. Thomas Böckheler der Hochschule für Musik und Theater München, Gasteig, Kleiner Konzertsaal, 5.12.2018, persönliche Eindrücke

      Ludwig van Beethovens Sonate Fis-Dur op. 78 (1. Adagio cantabile – Allegro ma non Troppo, 2. Allegro vivace) stellt zu Beginn eine Frage, die dann umfassend mit dem ganzen Rest der Sonate beantwortet wird. Peter Méri spielt sie im gut besuchten Auditorium beherzt und pointiert.

      Sergej Rachmaninows Etude–tableau D-Dur op. 39/9 (Allegro moderato. Tempo di Marcia) schließt an die positive Grundstimmung des Werks davor passend an. Voll rein in die Tasten, Peter Méri unterstreicht seinen beherzten wie pointierten Interpretationsansatz damit.

      Auch Rina Ikeda legt Wert auf beherztes wie pointiertes aber dann auch auf innig beseeltes Spiel. Mit Joseph Haydns Sonate C-Dur Hob. XVI:50 bietet sich ihr die Möglichkeit, all diese Facetten auszuloten. Im freundlichen Eröffnungssatz (1. Allegro) ziehen in der Durchführung kurz Wolken auf, während sich in der Reprise kurz Sonnenstrahlen zeigen – Rina Ikeda schattiert das feinfühlig. Den großen 2. Satz (2. Adagio) baut sie als poetische Erzählung auf. Wie nahe war Haydn Mozart doch, dieser geniale Klaviersonatensatz macht es deutlich. Das schalkhafte Finale (3. Allegro molto) setzt dann umso mehr aufs Beherzte und Pointierte.

      Rasch und feurig ist die Tempobezeichnung für Johannes Brahms´ Scherzo es-Moll op. 4. Sze-Chi Li gibt den coolen Könner, seine Interpretation dieses Stücks hat etwas lapidar Lässiges in seiner selbstverständlichen, verblüffenden Souveränität. Es ist schon toll, wie junge Menschen aus aller Welt in all den Lehrinstituten diese große Musik auf derart hohem Niveau weiter pflegen.

      Frédéric Chopins Polonaise As-Dur op. 53 (Maestoso), dem Schreiber seit dem 31.5.1987 akustisch eingebrannt in Vladimir Horowitz´ Wiener Liveinterpretation, kann zum äußerlichen Bravourstück werden. Andrei Preda belässt es bei großer Klaviermusik, die Bravour ist ein Teil des Ganzen. Dessen Mittelteil mit den rollenden Oktaven – wie er nicht nur das durchzieht: toll, alle Achtung!

      Beherzt und pointiert, innig und bravourös – eine vielfach anregende Klavierstunde war das wieder einmal!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • NACHT, STURM, TEUFEL, MATHEMATIK – ALLES MUSIK

      Zwei weitere Konzerte der Hochschule für Musik und Theater München im Gasteig (Kleiner Konzertsaal), 10.12.2018, persönliche Höreindrücke

      Offene Bühne ab 18 Uhr – da haben die Studierenden die Möglichkeit, Verschiedenes auszuprobieren, auszuloten. In diesem Fall geht es wohl hauptsächlich um die einleitenden Worte, die kurz die Komponisten und Werke vorstellen sollen. Auch im zweiten Konzert des Abends, dem Studiokonzert der Klasse Prof. Markus Bellheim ab 20 Uhr, wird Wert auf diese kurzen informativen Einführungen gelegt. Völlig unterschiedlich fallen da die Resultate aus – abgelesen oder frei gesprochen, rein informativ oder charmant-herzlich, hastig oder gelassen-ruhig, eher unverständlich oder sehr deutlich. Das professionelle Auftreten mit eloquenten Einleitungsworten gehört offenbar zur Pianistenausbildung dazu und wird von allen sehr ernst genommen, bedeutet aber für einige eine ziemliche Hürde, vielleicht sogar eine größere als die teilweise hochanspruchsvollen Klavierwerke danach vorzutragen. Verblüffend ganz zu Hause wirken einige an diesem Abend am Steinway Flügel mit den irrwitzigsten virtuosen Passagen und vollendeter poetischer Ausdruckskraft, nachdem sie teilweise herzlich unbeholfen „die pädagogische Pflicht“ hinter sich gebracht haben.

      Eine weitere Gemeinsamkeit beider Konzerte zeigt sich auch darin, keine Expositionswiederholungen bei den entsprechenden Sonatensätzen zu spielen. Abgesehen davon hat das erste Konzert großteils doch mehr Werkstattcharakter, während das zweite wieder einmal durchgehend das beachtlich hohe Niveau derartiger Hochschul-Klavierabende unterstreicht.

      Ela Cansu Bekgöz (Klasse Anna Buchberger), deren Mutter den Ausschlag gab (nicht nur) dieses Werk spielen zu können, hat die Innenspannung vor allem der Grave-Abschnitte im 1. Satz von Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 8 c-Moll op. 13 »Pathétique« (Grave – Allegro di molto e con brio) bereits großartig “intus”, ihr lebendiges, farbig schattiertes Spiel nimmt gleich ganz für sich ein.

      Jonas Salzer, vorgesehener Tenor-Gast, fiel leider krankheitsbedingt aus, die Einspringerin für ihn singt Franz Schuberts »Nachtstück« op. 36/2 D 672, am Klavier persönlichkeitsstark mitgestaltend Kim Sophia Reinhard (Klasse Prof. Silke Avenhaus), eine erschütternd eindringliche Mayrhofer-Vertonung zum Thema Tod, derart eindrücklich, dass man ganz gebannt von dieser großen Liedkomposition ist. Alleine dieses Lied zu entdecken ist schon den ganzen Abend wert.

      Undine im dann auch ordentlich aufrauschenden Wasser tauchend, die unheimlich pochende Atmosphäre um den Galgen und dann der sprunghaft unberechenbare Teufel selbst, Scarbo - Maurice Ravels »Gaspard de la nuit: Trois poèmes pour piano d’après Aloysius Bertrand« (1. Ondine, 2. Le Gibet und 3. Scarbo) gelingt Ayako Wada (Klasse Prof. Michael Schäfer) großartig transparent und angespannt, auch wenn sie diese brillanten, technisch extrem anspruchsvollen Stücke nicht ganz so offensiv durchzieht wie andere Interpreten. Man meint zu spüren – eine gute Seele blickt in einen Abgrund, den sie froh ist nicht hinabstürzen zu müssen. Und dann doch, knapp vor dem Scarbo-Schluss - da wird es ganz unheimlich, fast kriegt er sie, hat er sie wie magisch in seinen Sog gezogen, scheint sie in der musikalischen Unterwelt „wie ewig“ angekommen, dann siegt aber (Aufatmen!) die grandiose, überwältigende pianistische Brillanz.

      Eingerahmt wird das zweite Konzert (das erste war zu etwa einem Viertel voll, das zweite ist etwa halbvoll) von zwei Mozart Sonaten. Anastasija Aleksic spielt Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate F-Dur KV 332 mit seinem 1. und 3. Satz (Allegro bzw. Allegro assai) zwischen keckem Charme, einem Schuss Wehmut und Dramatik und seinem innigen Gesang des 2. Satzes (Adagio) mitreißend herzlich und unverschleiert direkt. Ich erinnere mich damit an meine Jugendzeit, in der ich diese wunderbare klassische Klaviersonate einstudieren durfte und freue mich, sie bald mal selbst wieder für mich privat zu spielen. Selbstbewusst, ziemlich gefestigt interpretiert Stephan Axtner am Schluss Wolfgang Amadeus Mozarts kompakte letzte Sonate D-Dur KV 576 (1. Allegro, 2. Adagio und 3. Allegretto). Mozart deckt jeden winzigen Aussetzer im Gegensatz zu hochkomplexer romantischer oder zeitgenössischer Musik sofort unüberhörbar auf, er kennt da kein Erbarmen, so filigran ist sein Klaviersatz. Beide machen zwischendurch kurz diese Erfahrung, fangen sich aber sofort und spielen hurtig weiter.

      Nach innen zu schließt sich die Klammer dieses Konzerts mit den Klavierstücken VII und IX von Karlheinz Stockhausen, gespielt von Haruka Ebina. Spannend im punktuellen Spiel von Stück VII sind die Nachklangwirkungen, die die Pianistin unterschiedlich schattiert. Und eine Offenbarung wird Haruka Ebinas Vortrag des etwa zehnminütigen Stücks IX, das weitgehend von einem penetrant oft wiederholten schrägen, schroffen Viertonakkord beherrscht wird, aus dem sich allerlei surreale Figuren zu emanzipieren scheinen, bis sich das Geschehen am Ende verflüchtigt.

      In der Mitte des zweiten Konzerts gibt es Beethoven und Bach. Kseniia Shor besticht stark speziell in den Rezitativabschnitten des 1. Satzes (Largo – Allegro) bei Ludwig van Beethovens »Der Sturm« Sonate d-Moll op. 31/2 – da baut sich eine ganz eigene Welt auf mit den Zerlegungen dieser Passagen. Die berühmte Stelle vor der Reprise mit dem einstimmigen Monolog, bei dem die Zeit angehalten scheint hüllt sie bewusst in viel Pedalhall. Die eigene Welt ganz und gar gibt es auch im 2. Satz (Adagio), und das Finale (Allegretto) gelingt ihr sympathisch mitreißend und auch mit einer gewissen Leichtigkeit im Fluss.

      Zwei Präludien und Fugen aus dem 1. Band des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach spielt Johannes Brooks, und zwar souverän: D-Dur BWV 850 (Praeludium flott, Fuge bestimmt) und gis-Moll BWV 863 (Praeludium träumerisch, Fuge gewichtig-dezidiert).



      Zu Hause der Nachklang, das erste Mal Durchhören der „Gaspard de la nuit“-DGG-Neuaufnahme von Alice Sara Ott, die das Werk ja derzeit auch live spielt, am 15.1.2019 etwa in München im Prinzregententheater. Jenseits von Modelfotos und Ledertaschenentwürfen – hochvirtuos Klavier spielen kann sie allemal, und ihre Stärke, die Transparenz, kommt bei diesem Werk großartig zum Tragen, im Wasserrauschen mit Undine genauso wie beim hier leichtfüßigen Scarbo-Kobold. Das Galgen-Herzstück kommt extrem kalt und monoton, atmosphärisch stark, Alice Sara Ott drückt gekonnt aufs Unheimliche. Gleichzeitig Qualität und Manko: Es fehlt trotz der bestechenden Transparenz eine ganz persönliche Farbe der Interpretation, ein pianistisches Markenzeichen, eine Unverkennbarkeit.



      Reinschnuppern auch noch in die verfügbaren Aufnahmen der im Konzert kennengelernten Stockhausen-Werke: das Klavierstück VII (1954/55) mit David Tudor und Sabine Liebner, das Klavierstück IX (1954/61) nur mit Liebner. Tudor war der erste, der die Stockhausen Klavierstücke auf Tonträger veröffentlicht hat. Er spielt das Stück VII spröder und grimmiger und etwas schneller als Sabine Liebner (Tudor 6:50 Minuten, Liebner 8:58). Beiden gelingt es, das scheinbar Willkürliche dieser punktuellen Musik folgerichtig erscheinen zu lassen. Ein singuläres Unikum ist das Klavierstück IX: der vierstimmige Akkord cis/fis/g-c´, der in diesem Stück insgesamt 280mal (!) angeschlagen wird, was daraus für Figuren erstehen, dazu wie man bei wikipedia lesen kann die rhythmische Proportion der Fibonacci-Zahlen, und alles fügt sich einfach zu vom Ablauf wie von den Klängen her ungemein spannender Klaviermusik zusammen. Meine Lust auf den Klavierkomponisten Stockhausen ist mit diesem Einstieg erfolgreich geweckt.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ALLERLEI PIANISTISCHE WELTEN

      Konzert der Klavierklasse Prof. Adrian Oetiker, Großer Konzertsaal Arcisstraße, Hochschule für Musik und Theater München, 11.12.2018 (persönliche Eindrücke)

      Wolfgang Amadeus Mozart Klaviersonate B-Dur KV 333 ist eine meiner absoluten Mozart-Lieblingssonaten. Sophie Holma spielt den 1. Satz (Allegro) daraus frisch drauflos und durchaus pointiert, mit Expositionswiederholung.

      Neil Tarabulsi begibt sich mit musikalisch großer Geste in Frédéric Chopins bedeutungsschwere, gewichtig melancholische Welt des Nocturne b-Moll op. 9/1.

      Junwoo Lee spielt danach Chopins Etüden op. 10/3 (Lento ma non troppo »Tristesse«, 4 (Presto »Torrent«), 11 (Allegretto »Arpeggio«) und 12 (Allegro con fuoco »Revolutionary«) sehr reif, hochmusikalisch brillant, bestechend hochvirtuos wo es sich anbietet.

      Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 2 op. 14 live kennenzulernen bedeutet einen ganz besonderen pianistischen Leckerbissen für mich. Ji-Eun Park stürzt sich fulminant in den 1. Satz (Allegro ma non troppo) und öffnet damit neue Klavierklangwelten. Da offenbart sich eine pianistisch wahrlich ergiebige Sonatenkomposition! Auch den kurzen Ritt über Stock und Stein des 2. Satzes (Scherzo. Allegro marcato), den 3. Satz (Andante) voller großem Geheimnis und das fulminante Finale (Vivace) meistert die Pianistin gefühlt absolut CD-reif. Das sind schon schwindelerregend tolle Leistungen, die die meisten in diesen Hochschulkonzerten abliefern.

      Kompakt und gefestigt spielt Pinxin Liu im ersten Beitrag nach der Pause aus den Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms die Nummern 1 (Intermezzo. Allegro non assai, ma molto appassionato), 2 (Intermezzo. Andante teneramente) und 6 (Intermezzo. Andante, largo e mesto). Das Improvisatorische, Zärtliche und Fahle dieser Stücke kommt erneut hochmusikalisch zur Geltung.

      Sehr gut schließt daran Alban Bergs Klaviersonate op. 1 an. Yena Roh, auch sie die Expositionswiederholung nicht aussparend, schafft es, diese Sonate gleichzeitig wie improvisiert und wie aus einem Guss erstehen zu lassen. Die nächste fabelhaft tolle, unglaublich reif erscheinende Interpretation des Abends!

      Ludwig van Beethovens Klaviersonate Fis-Dur op. 78 » À Thérèse« (1. Adagio cantabile – Allegro ma non troppo, 2. Allegro vivace) konnte man sechs Tage zuvor auch in einem anderen Hochschulkonzert (im Kleinen Konzertsaal im Gasteig) hören. Nasung Kim spielt diese Sonate, die den Schreiber dieser Zeilen assoziativ an Beethovens 4. Symphonie denken lässt, die laut Leonard Bernstein eine einzige freundliche Antwort auf die mit der Einleitung zum 1. Satz gestellte ernste Frage ist, mit weicherem, poetischerem Ansatz als Peter Méri vor kurzem, alles in allem aber wieder ganz einmalig großartig in sich abgerundet.

      Die junge Pianistin schließt unmittelbar Claude Debussys L‘isle joyeuse an, in eine impressionistische, pianistisch anders glanzvolle Zauberwelt führend – mit erneut verblüffender Souveränität.

      Den Abschluss macht Frédéric Chopins Andante spianato et Grande Polonaise brillante op. 22, aus innerer Ruhe glasklar ausgebreitet das Andante spianato, brillant glänzend die Polonaise gespielt von Dmitry Mayboroda.

      Allerlei pianistische Welten also einmal mehr, auf höchstem Niveau vorgestellt! Leider waren die Sitzreihen nur spärlich besetzt. Vor der Pause hielt sich auch der Applaus bis ins pflichtschuldigst Geringste zurück. Im zweiten Teil wurde immerhin etwas beherzter versucht mitzuteilen, dass das Gebotene allemal viel, viel mehr als OK-fertig-nächster-Beitrag-anerkennenswert war.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ZAUBERISCHE KLANGFARBEN

      Zu einem Ladenschlusskonzert der Harfenklasse Prof. Cristina Bianchi sowie zu einem Studiokonzert der Klavierklasse Prof. Sylvia Hewig-Tröscher der Hochschule für Musik und Theater München, Gasteig: Kleiner Konzertsaal, 12.12.2018, plus Nachklang mit Klavier und Harfe

      Ein Harfenkonzert, in der Adventzeit wochentags ab 18 Uhr – man staunt, es ist noch besser besucht als so manches Klavierkonzert um diese Zeit an diesem Ort, der Saal ist fast voll. Mit der Vorstellung mehrerer Werke für Harfe bekommt man hier vorzüglich vor Ohren geführt, wie unterschiedlich die Interpretinnen die Klangfarben des Instruments jeweils werkspezifisch ausloten.

      Aus den »12 Etüden im brillanten Stil« von Edmund Schuëcker (1860–1911) stellt Maria Eiband die Etüde Nr. 5 (Andante molto espressivo) vor. Der weiche Klang des Instruments und die Harmonien der Zerlegungen sorgen gleich für eine ganz eigene, harmonisierende Atmosphäre.

      Giovanni Battista Pescettis (1704–1766) Sonate c moll (Allegro vigoroso – Andantino espressivo – Presto), vorgetragen von Bettine Kuffer, kontrastiert dazu vorklassisch. Zauberisch schön hört sich das serenadenhafte Andantino espressivo an. man freut sich sehr über derlei musikalische Entdeckungen.

      Eine große, bemerkenswerte Melodie, in fließende Zerlegungen eingehüllt, bietet »La Source« F-Dur op. 44 von Alphonse Hasselmanns (1845–1912) auf, gespielt von Jasmin Binde. Unbekanntere Komponisten lernt man da also kennen - und gleich so herausragende, inspirierte Werke, toll!

      In die Barockzeit führt Domenico Scarlattis (1685–1757) Sonate A-Dur K 208 (Adagio e cantabile) mit Lucia Stones Interpretation, während Melis Çom etwas spanisches Flair in den Saal zaubert, mit André Caplets (1878–1925) »A l’espagnole« (No. 2 aus den Divertissements).

      Den Abschluss machen die Harfenistin Claire Augier und der mit freundlicher Stimme aufwartende Tenor Thomas Kiechle (Klassen Rudi Spring und Tobias Truninger) mit erneut atmosphärisch einfühlsamen Beiträgen, Reynaldo Hahns (1874–1947) »L’heure exquise« für Tenor und Harfe [aus: »Cycle des chansons grises«] und Gabriel Faurés (1845–1924) »Claire de lune« für Tenor und Harfe op. 46/2 sowie, quasi als Zugaben bzw. als Ersatz für ausgefallene Beiträge, mit drei weiteren Liedern der beiden Komponisten.

      Um 20 Uhr ist der Saal nur mehr zu einem Drittel voll, als das Klavier-Studiokonzert beginnt. Frau Prof. Sylvia Hewig-Tröscher stellt hier Komponisten wie Werke kurz und prägnant mit einleitenden Worten vor.

      Klaviermusik wie bei gedämpftem Licht, leicht abgedunkelt also, atmosphärisch intensiv, bietet der 1. Satz Molto lento aus Ottorino Rhespighis (1879–1936) »Three Preludes on Gregorian Melodies«, von Lorenz Höß souverän vorgetragen.

      Claude Debussys (1862–1918) »Suite bergamasque« L.75 fällt leider wegen Erkrankung aus.

      Die ausführlichen Variations sérieuses op. 54 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) hat Dina Pérazic ja auch schon am 15.11.2018 live vorgestellt. Mit ihrer Interpretation vermittelt sie, ganz und gar drin zu sein in dieser Musik – ein beachtliches Stück Arbeit steckt da dahinter, und eine enorme Gedächtnisleistung, alle Achtung!

      Alban Bergs (1885–1935) Sonate h-Moll op. 1 (Allegro moderato. Mäßig bewegt) wiederum lockte zum direkten Vergleich mit einer Konzertdarbietung in einem anderen Hochschulkonzert vom Vortag - Lorenz Höß spielt sie noch mit Noten, Frau Prof. Hewig-Tröscher blättert um. Der Großteil kommt etwas verhaltener, noch nicht so gefestigt. Auch Höß spielt die Expositionswiederholung. Es ist eine Interpretation im Werden, impulsiv stark, mit viel Herz und Engagement.

      Aus dem Konzert a-Moll op. 17 von Jan Paderewski (1860–1941) spielen Leonhard Auenhammer und Prof. Sylvia Hewig-Tröscher nach dem auch schon am 15.11. zu hören gewesenen vielfach an Brahms gemahnenden 1. Satz (Allegro) diesmal auch den 2. Satz, eine Romanze (Andante). Wir erfahren, dass die Einstudierung eine Idee des Pianisten war, die Professorin kannte das Konzert selbst nicht, hat also den Orchesterpart am zweiten Klavier speziell für diese Aufführungen einstudiert. Applaus gibt es hier schon nach dem 1. Satz. Schon mittendrin in diesem, mehr aber mit der Hauptmelodie im 2. Satz meint man slawische Anklänge im melodischen Charakter zu spüren.



      Mein Nachklang zu Hause schließt bei der impulsiven Berg-Sonate an, da lockt – und besticht für mein Hörempfinden - die Aufnahme mit Hélène Grimaud (DGG 2011) wieder einmal.



      Und danach höre ich endlich auch die Debussy Harfen CD Nuit d´Etoiles (Geheimnisvolle Sternennacht), die der damalige Harfenist der Wiener Philharmoniker Xavier de Maistre zwischen 2. und 6.1.2008 im Casino Baumgarten in Wien eingespielt hat (RCA/Sony/BMG). Der 1973 in Toulon (Frankreich) geborene de Maistre trat 1999 ins Orchester der Wiener Staatsoper ein und war von 2004 bis 2010 auch Wiener Philharmoniker, ehe er sich ganz auf seine Solistenkarriere konzentrierte. Zu hören sind hier Debussys Suite bergamasque, Valse Romantique, die Arabesken Nr. 1 & 2, 3 Preludes (Danseuses de Delphe; Voiles; La Fille aux cheveux de Lin), Melodies für Sopran & Harfe (Nuits d'Etoiles; Le Lilas; Fleur des Bles; Clair de Lune; Mandoline; Beau Soir; Apparition) mit Diana Damrau sowie Danse Sacree und Danse Profane für Harfe & Streicher, letztere zusammen mit Streichern der Wiener Philharmoniker und die einzigen Originalarrangements von Debussy selbst für dieses Instrument, alle anderen Stücke hat der Interpret für sein Instrument eingerichtet.

      Die weichen, zauberischen Harfenfarben kommen so wie ich es höre irisierend schön zur Geltung, am allermeisten im Clair de Lune aus der Suite bergamasque, in den beiden Arabesken und in den geheimnisvollen Volies aus den Preludes. Die Melodies hingegen reizen mich eher in der Fassung mit Klavier. Die beiden Tänze am Ende, luxuriös veredelt mit den Wiener Philharmonischen Streichern, insgesamt knapp 10 Minuten lang, evozieren noch einmal eine ganz märchenhafte Zauberwelt.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • SEELENBALSAM UND FRESKENMALEREI

      Die Wiener Philharmoniker gastierten wieder einmal in der Philharmonie im Gasteig (München), 17.12.2018, persönliche Eindrücke

      Ö1 brachte am 16.12.2018 live aus dem Wiener Musikverein die Übertragung des 4. Abonnementkonzerts der Wiener Philharmoniker, und mit dem Programm dieses Konzerts gastiert das Orchester am Tag darauf, ausgerechnet an des Schreibers 56. Geburtstag, in München. Das ist schon (im billigsten Sektor R) knapp über 100 Euro wert, muss es wert sein für den der dieses Orchester liebt.

      Vor der Pause spielt der Philharmonische Solist Karl-Heinz Schütz Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Flöte und Orchester G-Dur KV 313 (285c) – eine perfekt aufgezogene Aufführung, differenzierte Feinabstimmung zwischen Solist und Orchester genauso wie zwischen den Instrumentengruppen, Seelenbalsamsmusik, da kann es einem nur gut gehen. Obwohl im Flötenrepertoire nicht wirklich gut bewandert, errät der Schreiber die Zugabe sogar vorab, Claude Debussys orientalisch anmutende Syrinx.

      Im zweiten Teil: Anton Bruckners große Symphonie Nr.7 E-Dur – unter Mutis Leitung spielt das Orchester noch schöner und präziser und diesmal hier auch unter genialer Hochspannung, herrlich musikalische Freskenmalerei, im 2. Satz mit Beckenschlag. Eine Philharmonische Sternstunde, jede Sekunde prachtvoll schön, alle Poesie, alle Steigerungen, alle Höhepunkte! Großer Applaus, aber keine Zugabe.



      Nachklang von CD – die Aufnahme von Mozarts Flötenkonzert G-Dur KV 313 (KV 285c) aus dem Wiener Musikverein vom April und Mai 1974 mit Werner Tripp und den von Karl Böhm geleiteten Wiener Philharmonikern (CD DGG 457 719-2): auch hier galante schönste klassische Konzertmusik, der 1. Satz ein heiter-gelöster Sonatensatz, der 2. Satz innig-kantabel und das Finale ein charmantes Rondo. Tripp spielt so wie ich es höre geradlinig klangschön und wunderbar gefestigt, insgesamt kommt die Aufnahme aber schwerfälliger, betulicher, steifer und braver als die musikantisch gelöstere von 2018 rüber. Nichtsdestotrotz ist auch das Balsam für die Seele, Mozart Musik wie diese. Die Kadenzen stammen von Anton Gisler. Veröffentlicht wurde das Flötenkonzert seinerzeit zusammen mit Mozarts Oboenkonzert, gespielt von Gerhard Turetschek. (Und da mir diese Aufnahme noch gefehlt hat, habe ich sie nun gleich bestellt.)

      Und als in München lebender Wiener Musikfreund muss ich jetzt kräftig zu sparen beginnen, denn das Programmheft verheißt für den März 2020 vier Konzerte der Wiener Philharmoniker im Gasteig, alle Beethoven Symphonien mit Andris Nelsons. Den Zyklus wird es 2020 sicher anderswo auch geben.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • GEFESTIGT ZUPACKEND

      Ladenschlusskonzert der Klavierklasse Prof. Silke Avenhaus und Studiokonzert der Klavierklasse Anna Buchberger der Hochschule für Musik und Theater München, Gasteig, Kleiner Konzertsaal, 20.12.2018, persönliche Eindrücke

      Sehr gut besucht sind die vorweihnachtlichen Klavierkonzerte bei freiem Eintritt, nur Einzelne verlassen nach Beiträgen den Saal, wohl die, die nur wegen eines einzelnen Auftritts gekommen sind.

      Silke Avenhaus begrüßt das Publikum mit kurzen Werkeinführungen.

      Xixi Marlene Tao Karlstrom spielt Robert Schumanns Novelette »Markiert und Kräftig« op. 21/1 gefestigt zupackend und auch in den poetischeren Zwischenteilen sorgfältig abgerundet.

      Stücke aus »George Gershwin‘s Songbook« hört man selten in den Hochschulkonzerten. Stefan Fuchs stellt ‘S Wonderful, Nobody But You, Do it Again!, Swanee, The Man I Love, Oh, Lady Be Good! und I Got Rhythm vor, auch gefestigt, pianistisch toll, nur ein Schuss lockerer Swing täte dem Ganzen vielleicht gut, weniger Verbissenheit des Korrekten. Aber aufdrehen kann dieser junge Pianist, sein I Got Rhythm Finale ist schon ein fulminanter Hit.

      Silke Avenhaus nennt den 1. Satz aus Franz Schuberts Sonate a-Moll D 784 (Allegro vivace) nervös, und so spielt ihn Kim Sophia Reinhardt auch. Hier mischen sich das weiter toll Gefestigte und jenes unbeschreibliche Geheimnis Schubertschen Abdriftens der Musik ins Unheimliche.

      Musik ganz im Jetzt, wie improvisiert, ersteht mit dem 1. Satz (Andante) von Alexander Scriabins Sonate Nr. 4 fis-Moll op. 30, so wie ihn Milica Dimitrijevic spielt. Beim 2. Satz, Prestissimo volando, erinnert der bewusst swingende Interpretationsansatz an Garrick Ohlssons Aufnahme dieses Werks.

      Erst recht gefestigt und brillant muss man Nikolai Kapustins technisch extrem anspruchsvolle »Eight Concert Studies« op. 40 spielen. Hier versucht sich Hamlet Ambarzumjan an der Nr. 1 (Prelude) und der Nr. 6 (Pastorale), was heißt versucht, er legt die Stücke atemberaubend virtuos hin und schafft es sogar, auch diesen eine swingende Leichtigkeit zu geben.

      Kammermusikalischer Abschluss dieses ersten Konzerts, der 1. Satz (Allegro brillante) aus Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 mit Nina Meinhof und Gabriel Kilcher (Violine, Klasse Prof. Julia Galic), Marc Kaufmann (Viola, Klasse Dorothea Ebert), Valentin Lutter (Violoncello, Klasse Katalin Rootering) und nochmals Stefan Fuchs – großartig beherzt und musikantisch, mit Expositionswiederholung auch. Habe das Werk vor einiger Zeit intensiver von CDs gehört, aber Live-Kammermusik ist doch wieder etwas ganz Anderes, ungemein spannend.

      Das Studiokonzert der Klavierklasse Anna Buchberger beginnt mit Franz Liszts »Vallée d‘Obermann« S. 156/5 [aus: »Alum d‘un voyageur, Book I. Impressions et poésies«], gespielt von Ráhel Paulik (Klasse Prof. Olaf Dreßler), ein Werk, das die Hörerschaft gleich ganz eintauchen lässt in diese Musik mit den vielen absteigenden Tonfolgen, die einen wie einen Sog ins Geschehen ziehen. Erneut fesselt der gefestigte, souveräne Auftritt.

      Johann Sebastian Bachs abwechslungsreiche Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825 (1. Praeludium, 2. Allemande, 3. Corrente, 4. Sarabande, 5. Menuet I, 6. Menuet II und 7. Gigue) erfährt sodann durch Anna-Li Hanneforth eine empfindsam-beherzte Aufführung.

      Aus Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate G-Dur KV 283, dem Schreiber dieser Zeilen seit Jugendzeiten dank eigener Einstudierung wohlvertraut, spielt Bianca Seufert den 1. Satz (Allegro) frisch und mit einem Schuss Keckheit, aber ohne Expositionswiederholung. Mit dem 2. Satz (Andante) mag man sich wie auf einer Sommerwiese fühlen, nur zwischendurch kommen kurz dunkle Wolken auf – auch dies eine Passage, die jene „andere“ Welt einbringt, die man im Konzert zuvor auch bei Schubert empfinden konnte.

      Schon mehrmals durfte man in letzter Zeit in Münchner Hochschulkonzerten den 1. Satz (Adagio cantabile) aus Ludwig van Beethovens Sonate Fis-Dur op. 78 hören, Miriam Ruhstorfer überzeugt hier mit einem weiteren gefestigten Beitrag.

      Eine Entdeckung ist 1. »D’un vieux Jardin« (Aus einem alten Garten) aus den Trois Morceaux von Lili Boulanger (1893–1918), so wie das Ann-Kathrin Müller spielt, geheimnisvoll-impressionistische Farben in den Saal zaubernd.

      Und erst recht wenn auch unerwartet ist Ludwig van Beethovens Sonate c-Moll op. 13, die berühmte Pathétique Sonate, diesmal eine Entdeckung, denn Ela Cansu Bekgöz, die den 1. Satz ja auch schon am 10.12. live vorgestellt hat, gelingt sie nun (komplett geboten) vom ersten bis zum letzten Ton toll – packend, frisch und intensiv, allerdings im 1. Satz ohne Expositionswiederholung. Ihre Interpretation geht ganz tief zu Herzen.

      Den Abschluss macht eine ungewöhnliche zeitgenössische Komposition, »Shameless« (2018) des 1989 geborenen anwesenden und das Publikum kurz begrüßenden Komponisten Samuel Penderbayne, gespielt von Ela Cansu Bekgöz und dem Schlagwerker Elias Doggenweiler. Das Werk ist eine Steilvorlage für Grubinger-Events, eine schmissige, zugkräftige, leicht zugängliche rhythmisch treibende Glanznummer mit originellen Kurzbrüchen, bei denen sich die Mitwirkenden schon auch mal erstaunt zu geben haben, was freilich (und nicht vermeidbar) als auch gut einstudiert durchschaubar ist.

      Diese Nummer ist ein Hit fürs Publikum, das mit einer Zugabe belohnt wird, allerdings keiner Wiederholung dieses Hits, sondern mit einem charmanten Salonmusik-Walzer-Schmankerl von Sergei Rachmaninow, noch einmal gefestigt zupackend gespielt von drei jungen Pianistinnen auf einem Klavier.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      ich möchte von meiner Konzerterfahrung gestern im Nationaltheater berichten: Vasily Petrenko dirigierte das BayStOr in einem saftig-romantischen Programm: Wesendonck-Lieder (mit Elisabeth Kulman) und Elgar Symphonie Nr. 2. Beide Stücke waren für mich Erstbegegnungen im Konzert, d.h., meine bisherigen Kenntnisse dieser Stücke hatte ich ausschließlich von Konserven.

      Vor der Pause stand Elisabeth Kulman als Gestalterin der (natürlich Orchesterfassung der) Wesendonck-Lieder im Zentrum des Interesses: dass sie schon einige Erfahrungen mit diesem Programm hat, darauf weist Alexander hin: es gibt eine CD-Aufnahme der Klavierfassung, sie hat die Lieder bereits bei den Wiener Philharmonikern gesungen. Die Reihenfolge dieser Lieder ist ja nicht festgeschrieben, nur habe ich den Eindruck, dass die Reihenfolge des gestrigen Abends: Engel - Stehe still - Im Treibhaus - Schmerzen - Träume sich mehr oder minder eingebürgert hat. Lediglich vom letzten Lied gibt es eine Orchesterfassung des Komponisten, die übrigen Stücke hat Felix Mottl eingerichtet, ich denke, dass es diese Fassung war, in der die Gesänge gestern präsentiert worden sind, ohne dass das Programmheft dies direkt aufgeführt hat.

      Für das BayStOr sind Wagner-Kompositionen ja Leib- und Magenkompositionen, die erste Aufführung der Orchesterfassung erfolgte bereits in den 1890'er Jahren, also unmittelbar nach deren Entstehung. Nichtsdestotrotz wirkte die Orchesterbegleitung der Lieder auf mich merkwürdig farblos, jegliche Sinnlichkeit und Farbe, jegliches Flimmern und Irisieren fehlte. Das war sehr brav durchgespielt, die Koordination im recht großen Orchester klappte tadellos, aber von Seiten der Begleitung war ich doch recht enttäuscht. Elisabeth Kulman gestaltete hingegen sehr nuanciert, die Schwülstigkeit des Textes hat sie nicht überbetont, die Hauptmerkmale waren Klangschönheit, Gradlinigkeit, Textverständlichkeit und Präzision. In meinen Ohren vielleicht ein bisschen wenig für einen Liederzyklus, der von (Todes-) Sehnsucht, Schmerzen, Träumen, etc. berichtet. Aber man durfte den Eindruck haben, dass die Zurücknahme der Emotionen beabsichtigt war.

      Nach der Pause dann die 1911 uraufgeführte Es-Dur-Symphonie von Edward Elgar, die für die Konzerte vorgestern und gestern zum ersten Mal auf den Pulten des BayStOr lag. Auch hier durfte man wieder den Eindruck haben, dass die Interpretation wieder nicht so sehr auf die emotionale Komplexität der Komposition abzielte, obwohl der Text im Programmheft durchaus viele Hinweise auf diese Aspekte legt. Hier im Forum haben wir ja einen außerordentlich kenntnisreichen Faden zum Stück, in dem auf die mittlerweile knapp drei Jahre alte Einspielung von Vasily Petrenko hingewiesen wird. Gegenüber der Musikauffassung dieser Aufnahme scheint sich wenig getan zu haben. Das ist von mir nicht als Lob gemeint.

      Alles war sehr zuverlässig koordiniert, aber uninteressiert gespielt. Leider hatte ich zudem den Eindruck, dass die im BayStOr vorhandene Tendenz zur Perfektion durch zu wenig Probenzeit nicht wirklich zum Tragen kam. So unzufrieden wie gestern habe ich die hochmotivierten Musiker des BayStOr nicht besonders oft erlebt. Dabei würde ich die Unemotionalität dieser Interpretation sicher nicht als Fehlinterpretation des Orchesters der Intentionen des Dirigenten verstehen: das war schon alles so gewollt. Ich hatte den Eindruck, dass Vasily Petrenko das Orchester schlicht nicht überzeugt hat von den Qualitäten des Stücks. Mich so auch nicht. Und das ist sehr schade.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Konzert vom 09.01.2019 im Gasteig:

      Sibelius - "En Saga, Op. 9"
      Elgar - "Cellokonzert, Op. 85"
      Prokofjew - "Symphonie Nr. 5, Op.100"

      Münchner Philharmoniker

      Santtu-Matias Rouvali, Dirigent

      Harriet Krijgh, Cello


      Nun also doch ein kurzer Bericht. Normalerweise funkt es selten zwischen mir und den Münchnern, das mag auch an der trocken hüstelnden Atmosphäre in der Philharmonie im Gasteig liegen, die an diesem verschneiten Mittwoch sogar noch ein gutes Stück mehr vom Konzert entrückt zu sein schien. Einige sind in der Pause schon gegangen, die meisten wollten am Ende nicht wirklich lange Applaus spendieren und lieber die S-Bahn erwischen oder das Auto freischaufeln. Warum beginnen diese langen Abo-Konzerte denn immer erst um 8 Uhr? Die meisten Zuhörer schienen ohnehin nicht mehr arbeiten zu müssen :alter1:
      Egal, an der Leistung des Dirigenten Santuu-Matias Rouvali, der 2017 mit erst 31 Jahren Chef der Göteborger Symphoniker wurde, kann dies nicht gelegen haben, denn die war rundum gelungen. Trotz Debüt des 33-jährigen Finnen aus der legendären Dirigentenschmiede von Jorma Panula spielten die Münchner toll auf, folgten ihm überzeugt, enthusiastisch und mit viel Energie. Debüt also gelungen:

      "En Saga" ist selten zu hören, auch wenn die Tondichtung von 1892/1902 immer mal wieder kurz aufgetaucht ist. Schließlich gab es auch von namhaften Dirigenten wie Furtwängler und Karajan hin und wieder Aufführungen hierzulande. Sibelius' "Ausdruck eines Seelenzustands" ist ein brütendes Stück. Düster und oft sehr leise, bisweilen fast schon manisch melancholisch, dann wieder mit triumphalen Gesten gefolgt von kammermusikalischer Konzentration und mittendrin sogar völligem Stillstand. Das gelingt nicht immer, manchmal wirkt es dann entweder zu brütend oder aber oberflächlich triumphal. Rouvali wusste beide Extreme zu verbinden, ihm gelang eine wundervoll atmosphärische, sehr dunkle aber emtional überzeugende Aufführung. "En Saga" wirkte hier fast wie ein Ballett, mit stetem Puls und tollem Sog nach vorne. Zügiger Beginn und sehr prägnante Herausarbeitung des 1. Themas, dann Zurücknahme des Tempos. Rouvali hat die Energie schließlich bis zum Höhepunkt und Ausbruch des Themas im Tutti fantastisch kanalisiert. Tolle Soli von Bratsche, Flöte und vor allem der Klarinette am Schluss, die ich noch nie als so traurig und klagend empfunden habe. Hier war sogar der Gasteig mal ganz ruhig für 2 Minuten.

      Der Stil von Rouvali, der wohl in der Bar noch des Öfteren nach seinem Ausweis gefragt wird, lässt sich irgendwie so beschreiben: Den einen Quadratmeter des Podiums vollumfänglich mit Discofox- oder Walzerübungen ausnutzen und dabei wie mit einer brennenden Wunderkerze wilde, schnelle Figuren in die Luft zeichnen. Man muss sich daran gewöhnen, ich hab ihn schon zwei mal in Bamberg gesehen und war daher gut darauf vorbereiten, folglich konzentrierter auf Musik. Immer wieder fürchtet man kurz, er choreografiert sich in eine Sackgasse und niemand kann ihm mehr folgen. Doch aus Gassen werden Kurven, jedes mal. Auch aus den stetig fließenden Kreisbewegungen gelingen ihm genaueste Einsätze und prägnante Hervorbebungen. Auffällig im Verlauf des Abends ist neben der Energie, die von ihm ausgeht, die fantastische Lautstärkendynamik. Er schafft es auch teilweise für den Bruchteil einer Sekunde das Tempo geringfügig zu ändern, ohne es unorganisch oder präntentiös wirken zu lassen.

      Über das Elgar-Konzert trau ich mir kein richtiges Urteil zu, da mir hier schlicht die Vergleiche fehlen. Aber Rouvali war ein guter (und an den richtigen Stellen zügelnder) Begleiter der Niederländerin Harriet Krijgh, deren weicher, voller und runder Klang mir sehr gut gefallen hat. Hier gab es fantastische, sehr breite Phrasen zu hören mit schönem Gestaltungswillen. Die Zugabe kannte ich nicht, klang wie ein etwas romantisierter Bach, begleitet vom Solo-Cellisten der Münchner.

      Zu Prokofjew:
      Göttlich! Wieder unglaublicher Zug nach vorne, der erste Satz wie eine Allee großer Statuen, die bedrohliche Schatten werfen. Breite Gesten, nie schleppend im Tempo, schön transparente Holzbläser. Jeder Einsatz des Blechs und vor allem der Perkussionisten kam dann mit größter Heftigkeit. Triumphale, pro-sowjetische Musik war das aber nicht und ist generell meiner Meinung nach auch nicht in der Partitur zu hören. Die Diskussion, die es beispielsweise über das Ende von Schostakowitschs 5. Symphonie gibt, erübrigt sich hier. Jeder Satz wirkt musikalisch absolut schlüssig und auf das Finale hin ausgerichtet. Es ist großartige Musik mit einem unverwechselbaren Stil und daher befreit vom Balast ideologisch aufgeladener Debatten. Prokofjew wollte mit diesem Werk einach nur erfolgreich sein, und das ist ihm dank seiner ganz persönlichen Handschrift auch gelungen.
      Zweiter Satz gleich zu Beginn schon zügig. Wieder ein tolles Rhythmusgefühl von Rouvali, brilliantes Accelerando am Ende.
      Dritter Satz nicht schleppend, aber mit breit wirkendem 3/4-Takt, den Rouvali mit ebenso breiten Schritten fast schon austanzt. Wieder tolle Bläsersoli und spürbar dicker Bass.
      Im Vierten Satz ist genau das entscheidend, wofür Rouvalis Stil perfekt geeignet ist. Ein steter Puls. Das sind tänzerische Themen und Durchführungen, die hier eher durch geschickte und abwechslungsreiche Orchestrierung ihre Wirkung entfalten, als durch Variation des Materials. Das Finale war ein BigBang, hat mich sehr an Dudamels absolut fantastische Aufführung bei den Berlinern vor einigen Jahren erinnert (unbedingte Empfehlung in der DCH!). Die letzten 5 Minuten hört man gerne in Dauerschleife.

      Erstaunlicherweise haben die Münchner Philharmoniker fast zuerst applaudiert, undzwar dem Dirgenten Rouvali. Der musste sich gleich zweimal vor dem Orchester verbeugen. An Erfahrung mit Prokofjews Orchesterwerken mangelt es ihnen ja seit Gergievs Amtsantritt wahrlich nicht. Sie scheinen daher, ebenso wie der Konzertgänger, überzeugt gewesen zu sein. Weitere Aufführungen heute (Jugendkonzert) und morgen.

      Daher meine Empfehlung, am 19.01.2019 um 20:00 Uhr den Mitschnitt im Radio zu verfolgen:

      br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-1635084.html
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • WEISER SCHALK UND WASSERFLUTEN

      Konzert der Klavierklasse Prof. Michael Bellheim der Hochschule für Musik und Theater München, Kleiner Konzertsaal Arcisstraße, 11.1.2019, persönliche Eindrücke

      Die Mitwirkenden am trotz des Winterwetters recht gut besuchten Klavierabend sind angehalten, freundliche Begrüßungen und kurze Werkeinführungen anzubieten, sie machen das frei und herzlich, das gibt dem Abend schon einmal eine sehr sympathische Linie. Ein zweiter Grundzug des Konzerts, der Werke von Haydn, Mozart, Ligeti und Beethoven verheißt, ist der jeweils individuelle und doch überall gleich spürbare wunderbar beherzte Interpretationsansatz – lebendige Klaviermusik soll geboten werden, zwar gut eingeübt, aber dann doch ganz aus dem Moment entstehend, mehr oder weniger impulsiv und pointiert dort wo es sich anbietet. Die Saalakustik dreht jedes Mezzoforte Richtung Forte, jedes Piano Richtung Mezzoforte, das hindert alle nicht, kräftig zuzupacken, auch das eine Konstante des Konzerts.

      Pointiert bis weise schalkhaft spielt Stephan Axtner Joseph Haydns Sonate g-Moll Hob. XVI:44 (1. Moderato, 2. Allegretto).

      Durchaus ungestüm treibt Daniel Weiss Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate B-Dur KV 333 (1. Allegro, 2. Andante cantabile und 3. Allegretto grazioso) an, zügig zupackend, den 1. Satz wie eine Bravourarie, den 2. Satz durchaus auch kräftig (eben durch die Saalakustik bestärkt) und den 3. Satz, darauf in seiner Einführung schon hingewiesen habend, als aufs Klavier reduzierten Klavierkonzertsatz. Das Ungestüme macht die Interpretation ungemein lebendig, am Feinschliff wird der junge Pianist sicher noch weiter arbeiten.

      György Ligetis spannend sperrige Etüde Nr. 3 »Touches bloqués« hat auch ihre Pointe, Robert Florian Daniel nimmt sie verbal vorweg, indem er in seinen Einleitungsworten betont, man solle auf den Schluss achten.

      Das letzte Werk des Abends ist Ludwig van Beethovens Sonate E-Dur op. 109 (1. Vivace ma non troppo. Adagio espressivo, 2. Prestissimo und 3. Gesangvoll, mit innigster Empfindung), vorgestellt und gespielt von Paul Buruiana. Er nennt den umfangreichsten 3. Satz das Herzstück des Werks, und wirklich breiten sich die Variationen dieses Satzes speziell intensiv aus, verliert sich da die Musik noch mehr als bisher schon ganz großartig in sich selbst, bis in Philip Glass-artiges Fließen, von dort kurz in Fugatorisches und weiter in Wasserfluten-Assoziationen, ehe die Sonate schlicht mit der Wiederkehr des Variationsthemas ausklingt. Es ist dieser Satz, der den Klavierabend im wahrsten Sinn vollendet, sodass man beseelt durch die Musik den Konzertsaal und das Hochschulgebäude zurück in den Münchner Winter verlassen kann.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      gestern Abend hatte ich mal wieder das Vergnügen an einer ungemein überzeugenden Aufführung im Rahmen eines ABo-Konzertes des BR-SO. Am Pult war der knapp 90-jährige Christoph von Dohnányi ein seltener Gast, auf dem Programm die folgenden Stücke:
      Charles Ives, The Unanswered Question
      György Ligeti, Doppelkonzert für Flöte, Oboe und Orchester
      Piotr Iljich Tschaikowsky, Symphonie Nr. 6 h-Moll, op. 74 (Pathétique)

      Dohnányi, als ehemaliger Thomaner also seit fast 80 Jahren praktizierender Musiker, hat lange Jahre als Chef des Cleveland Orchestra Zeit in den USA zugebracht, hatte also eine Quersumme seines dirigentischen Schaffens mitgebracht und damit ein recht außergewöhnliches Programm mit viel Musik auch aus dem 20. Jahrhundert mitgebracht. Das machte sich u.a. in vielen leeren Plätzen im Herkulessaal bemerkbar, aber so sind die Konzertbesucher nun einmal.

      Für den Ives hatte sich Dohnányi zwei Assistenten hinzugebeten, so dass der Trompeter tatsächlich außerhalb des Saales, die vier Flöten auf dem Podium, aber mit dem Rücken zum Dirigenten stehen konnten. Mit absolut minimalistischen Bewegungen leitete Dohnányi das Streichorchester, das einen leuchtend hellen Streicherteppich für den Nicht-Dialog zwischen Solo-Trompete und vier Flöten lieferte. Martin Angerer an der Solo-Trompete lieferte absolut magische Momente mit dem piano-Einsätzen, die im Saal also tatsächlich dieses Unbestimmt-Nichtörtliche hatten, was der Fragestimme innewohnt. Das erst ruhige, später dann immer unruhigere Flöten-Antworten hatte das gefragt Chaotisch-Beliebige. Ganz famos.

      Der nächste Programmpunkt war das 1972 unter Dohnányi mit den Berliner Philharmonikern uraufgeführte Doppelkonzert von Ligeti. In diesem Stück sind nun die Streicher deutlich kleiner besetzt: keine Violinen, eine einzelne Harfe, dafür ein groß besetzter Holzbläser-Chor und solistisch besetztes Blech. Das Stück zeichnet sich durch v.a. im ersten Satz durch Schwebungen, wenig klare Fortgänge, schillernde, äußerst aparte Klänge aus. Die Solisten sind viel stärker in das Gesamtgeschehen einbezogen, echte Soli im Sinne eines klassischen Konzerts kommen nicht vor. Ich habe bei der Beschreibung der Messiaen'schen Chronochromie hier im Faden im Sommer des letzten Jahres einiges, nicht allzu Begeistertes über elitäre Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Für mich war dieses Ligeti-Konzert (im Gegensatz zum genannten Stück von Messiaen) ein großes sinnliches Vergnügen, interessanterweise weisen die beiden Solisten aus dem BR,Henrik Wiese, Flöte, und Tobias Vogelmann, Oboe, im online verfügbaren Programmheft daraufhin, wie schwer auch ihnen die Aneignung fällt, wie sehr sie andererseits aber eben auch dem Charme der höllisch schweren Partitur verfallen sind. Die Begeisterung aller beteiligten Musiker hat sich auch auf das Publikum übertragen, es gab sehr viel Beifall, der auch die Musiker überrascht hat.

      Nach der Pause dann ein echtes Schlachtschiff in großer Besetzung (60 Streicher!), die Pathétique. Dohnányi hatte eine Partitur vor sich liegen und klappte diese nach wenigen Sekunden mit einem Schulterzucken zu: er wusste, dass er sich auf das Orchester und sich verlassen konnte. Es ist eine absolut mitreißende, auch vom Orchester mit erstaunlich viel Begeisterung gespielte Aufführung geworden: mancher Übergang war mir ein kleines bisschen zu lang, so gab es bei manchem Übergang im ersten Satz ein größeres Loch als zwischen drittem und viertem Satz, aber grundsätzlich hatte die Aufführung Überzeugung, Drang, emotionale Wucht und alles, was ich mir von einer tollen Pathétique wünsche: schleppende Passagen waren beladen-drückend, der dritte Satz barst vor Energie, der letzte Satz war ein tief verzweifeltes In-sich-zusammensinken. Überaus überzeugend.

      So energiegeladen noch mit fast 90 Musik machen zu können, ist für alle ein großes Geschenk - insbesondere für die Zuhörer. Auf viele weitere Begegnungen mit Dohnányi ....

      Heute Abend noch einmal live auf BR Klassik. Das sollte man sich nicht entgehen lassen, so mein Tipp.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Ein Musikfreund im Herkulessaal, ein anderer Musikfreund im Prinzregententheater. :top:

      VÖLLIG KONTRÄRE KAMMERMUSIKWELTEN

      Leonidas Kavakos und Yuja Wang im Prinzregententheater (München), 17.1.2019, persönliche Eindrücke

      Zum dritten Mal gastieren Leonidas Kavakos (Violine) und Yuja Wang (Klavier) als Kammermusikduo in München. Das Prinzregententheater ist fast ausverkauft, die Anspannung groß, die Erwartungshaltung hoch. Die Sensation zu Beginn: Yuja Wang hat erstmals in einem Konzert sichtbare technische Probleme – beim Tempo des Öffnens der ersten Notenseite am Tablet am Notenpult.

      Und dann spielen sie Wolfgang Amadeus Mozarts 1784 entstandene Sonate für Violine und Klavier Nr. 32 B-Dur KV 454 mit einer derartigen liebevollen Schlichtheit und musikantischer Hingabe, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Die machen nicht Musik, die sind Musik. Der konzertdialogische 1. Satz, vor dem Allegro-Hauptsatz mit einer Largo-Einleitung überraschend, der lyrisch-innige 2. Satz, ein Andante mit modulatorisch besonders reizvollem Mittelteil und dann das brillante Final-Allegretto, eine Rondo-Gavotte – was für ein Wunder diese Musik, und wunderbar von Herzen zu Herzen gehend musiziert.

      Eine ganz andere Welt öffnet sich mit dem zweiten Werk des Konzerts, der viersätzigen, 1938 begonnenen und 1943/44 vollendeten, dunkel-düsteren, schicksalsbeladenen Sonate Nr. 1 für Violine und Klavier f-moll op. 80 von Sergej Prokofjew. Im 3. Satz (Andante) aber werden wir in eine geheimnisvolle Zauberwelt entführt, ehe die ganz anders atemberaubend gute Interpretation im Finale wieder durch den „Wind auf dem Friedhof“ (so im Programmheft laut Oistrach der Komponist bei den Proben zur Uraufführung) beherrscht wird.

      Haben die Werke vor der Pause das unbeschreibliche Mozart-Wunder und eine fesselnde Prokofjew-Beklemmung (vielleicht der Stalin-Diktatur) offenbart, geben sich die Werke danach konzertant äußerlicher, herzlich publikumszugewandt, können die beiden (Yuja Wang mit anderer Frisur und in neuem Kleid) umso mehr musikantisch bis virtuos ihre Duo-Qualitäten ausspielen.

      Béla Bartóks 1928/29 entstandene auf Volksmusik bauende Rhapsodie Nr. 1 für Violine und Klavier, ähnlich mancher Ungarischer Liszt-Rhapsodie das Tänzerische zunächst noch nicht so schnell, dann umso Csárdás-intensiver herausfordernd, packt sofort mit seinem folkloristischen Charakter.

      Und auch in die Richard Strauss Welt der zur „Don Juan“ Zeit 1887 komponierten Sonate für Violine und Klavier Es-Dur op. 18 tauchen die beiden vollends ein, romantische kammermusikalische Konzertmusik die glänzt und prunkt und schon mal Leidenschaft fordert, wo man Virtuoses wie Poetisches noch einmal so richtig ausspielen kann. Im Improvisation betitelten 2. Satz (das dreisätzige Werk baut auf die klassische Abfolge, zwei raschere Sätze außen, ein langsamer in der Mitte) kann man charmante Anspielungen auf Chopins Ballade Nr. 1 assoziieren.

      Das Publikum zeigt sich begeistert. Mit den beiden Zugaben bestätigen und unterstreichen die Weltklassemusikanten die stilistische wie charakterliche Vielfalt des Konzerts und die Fähigkeit, in jede musikalische Welt total eintauchen und damit alle fesseln zu können: der 3. Satz aus der Brahms-Violinsonate Nr. 3 op. 108, spritzig, pfiffig, luftig, und das erste Stück aus Karol Szymanowskis Mythen op. 30, flirrend sanft entflammte Musik, am Ende ins Nichts entschwindend.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • EINE STARKE TALENTPROBE

      Das Winners & Masters Klavierkonzert von Simon Bürki im Kleinen Konzertsaal (Gasteig), München, 19.1.2019, persönliche Eindrücke

      Eine beachtliche, vielversprechende Talentprobe mit mutigem BR-Klassik-Radiomitschnitt hat der im Jahr 2000 in St. Gallen (CH) geborene bereits vielfach prämierte junge Pianist, Sohn eines Schweizer Politikers, vor dem fast ausverkauften Saal hingelegt – pianistisch ausgereift, selbstbewusst und souverän und dabei eine aufhorchen lassende erzählerische Empfindsamkeit ausspielend, und durchgehend eine großartige Balance herstellend zwischen variabel abrufbarer Einstudierung und völlig spontan wirkender Impulsivität.

      Das alles gelingt gleich mit Ludwig van Beethovens Sonate Es-Dur op. 81a »Les Adieux«, die in sich sorgfältig abgerundet am Steinway erklingt.

      Die deutsche Erstaufführung des kurzen, recht leicht zugänglichen Stücks Moire des 1955 geborenen Schweizer Komponisten Michel Runtz bietet einen Stilmix aus vollgriffig-virtuoser geläufiger bis motorischer Spätromantik und flächigem Impressionismus, bei dem der Pianist die Klaviatur läuferisch wie klanglich voll ausloten kann.

      Robert Schumanns ausführlich sich ausbreitende Sinfonische Etüden op. 13 bestechen in ihrer pianistischen Brillanz und erneut abgerundeten Geschlossenheit, mehr aber noch, wo sie lyrisch bis geheimnisvoll entfaltet werden können. Da zieht der Pianist die Zuhörerschaft nahezu magisch ins innehaltende musikalische Geschehen.

      Was für ein klavieristisch absoluter Wahnsinn Franz Liszts h-Moll Sonate ist, wird nach der Pause wieder einmal klar – hier als pianistisch prachtvolles Kaleidoskop erstehend, mehr noch als vor der Pause einer erzählerischen, noch spontaner wirkenden Impulsivität vor allem wieder im Lyrischen und Geheimnisvollen Raum gebend, im Virtuosen dazu kraft- und prachtvoll, im Rezitativischen aber eben von erstaunlich persönlichkeitsstarker erzählerischer Eigenständigkeit, und nur wenn man ganz genau hingehört hat, fallen winzige Kleinigkeiten auf, die man bei einer Studioaufnahme wahrscheinlich retuschieren würde, die aber umso mehr fürs Liveerlebnis werben, denn allein schon die Fähigkeit, „trotzdem“ ganz im Fluss zu bleiben, diese winzigen harmonischen oder figürlichen Abweichungen vom Notentext vollkommen schlüssig zu integrieren, zeugt von allerhöchster im Grunde unbeirrbarer Meisterschaft.

      Die erste Zugabe (Schumann? Liszt?) ist wehmütig, schließt an das Herausragende des Empfindsamen im Konzert an. Die zweite Zugabe verblüfft und begeistert das Publikum am allermeisten, grandiose swingende wie virtuose Jazzvariationen, in großem Bogen gespannt, über Les feuilles mortes (Autumn Leaves) von Joseph Kosma. Und die dritte Zugabe ist ein charmant-pianistischer Schmankerl-Rausschmeißer, eine Klavierfassung von Tschaikowskys Tanz der vier kleinen Schwäne aus dem Ballett „Schwanensee“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • SCARBOS AUGENZWINKERN

      Der Klavierabend von Lika Bibileishvili in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz (München), 25.1.2019, persönliche Eindrücke

      Die 1988 in Georgien geborene Pianistin, die 2018 ihre Debüt-CD veröffentlicht hat, stellt sich mit Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 28 A-Dur Op. 101 mit seinem mehr verträumten 1. Satz, seinem rhythmisch anziehenden und gerne ins Irgendwo entschwebenden 2. Satz, seinem fast barock anmutenden Adagio und seinem mehrmals energisch polyphon ansetzenden Finale im ganz eigenen beeindruckenden Ambiente des hohen Kirchenschiffs, das den Steinway Flügel schon recht hallig nachklingen lässt und mehr andächtige als unmittelbare Konzertstimmung evoziert, als technisch makellose, kontrolliert-empfindsame Pianistin vor.

      Die beiden nun noch anstehenden Werke des Konzerts gehören zu den ganz großen Prüfsteinen, zu den extremen pianistischen Herausforderungen.

      Lika Bibileishvili bestätigt bei Maurice Ravels „Gaspard de la nuit“ ihren Beethoven-Ansatz konsequent – eher bewusst kühl wirkende kontrollierte pianistische Brillanz im Wasserrauschen mit Undine genauso wie in der unheimlichen Atmosphäre beim Galgen und in der Konfrontation mit dem grotesken Gnom. Souveräne Meisterschaft!.

      Lässt sich die anders extrem fordernde halbe Stunde der h-Moll Sonate von Franz Liszt nach der Pause auch so kontrolliert, fast schon berechenbar kontrolliert, durchziehen? Ihr muss man sich stellen, jede Sekunde, auch wenn alles noch so gut geplant ist: der Konzertaugenblick birgt allerlei Unwägbarkeiten, Überraschungen, solche die von außen kommen und auch solche die den Interpretinnen und Interpreten jede Sekunde offenstehen, sie selbst zu wählen. Die Meisterpianistin macht sich mit den beiden G-Anschlägen auf, diese pianistische Abenteuerreise einmal mehr anzugehen, und sofort wirkt sie gefestigt, gewillt, ihr Konzept durchzuziehen, aus sicherer Technik heraus das Geschehen zu entwickeln. Da kann nichts schiefgehen denkt man, sie brilliert und weiß sich auch hier empfindsam zurückzunehmen, aber hoppla, im ersten Grandioso meldet sich plötzlich Scarbo der Gnom noch einmal mit akkordisch schrägen Trübungen – punktuelle Ausnahme, ab da läuft alles souverän weiter, verblüffend sicher und im in sich geschlossenen Ablauf ausgefeilt zwischen Bravour und Poesie, gegen das Ende hin vielleicht noch eine Spur risikobereiter in den Brillanzpassagen, damit auch die enorme Kraftleistung die da ja zu bieten ist bestätigend. Diese Liszt h-Moll Sonate geriet weniger dämonisch, auch nicht intellektuell, sie gelang pianistisch großartig, und der kurze Scarbo-Einwurf wirkte mittendrin wie ein freches Augenzwinkern.

      Keine Zugabe, trotz eines die Andachtsstimmung jetzt locker aufhebenden Applauspegels.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK