Konzerterfahrungen in München

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Informationen zum Capriccio-Verein als Betreiber des Forums finden sich hier.
    • GEWALTIGE KLAVIERMONOLITHE

      Klavierfestival 2020 (II) - Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 28.1.2020, persönlicher Höreindruck

      Das wieder sehr gut besuchte Konzert der Klasse Prof. Antti Siirala brachte (mit Pause) an die drei Stunden volle Meisterklassenklavierpower, und wieder durfte man besonders auf einige exorbitante pianistische Höhenflüge gespannt sein. Wie schon am Vortag fällt allerdings auf, dass zwar pianistisch die höchste Reife präsentiert wird, im Auftreten und auch beim Applaus einige aber eher verloren oder bestenfalls weiter extrem ernst und fokussiert wirken – der Druck eine Pianistenkarriere anzustreben muss höllisch sein. Hier auch noch Entertainmentqualitäten zu verlangen und zu beherrschen wie es etwa Lang Lang vermag – der Normalbürger kann das gar nicht einschätzen, was da an Nervenstärke und „Coolness“ dazugehört.

      Johann Sebastian Bachs Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 in der Ferruccio Busoni Fassung ist gleich ein ziemlicher Brocken, eine gewaltige Ouvertüre. Shinyoung Lee spielt das mit der nötigen Strenge und grimmiger Stabilität, achtet aber auch feinfühlig auf die Schattierungen, bringt damit eine bestechende Zartheit ins Spiel.

      Aus den »Miroirs« von Maurice Ravel bietet Jiyoung Kim die Stücke 3 »Une barque sur l‘océan« („Eine Barke auf dem Ozean“, den Saal in impressionistischen Klavierklangzauber hüllend) und 4 »Alborada del gracioso« („Morgenlied des Narren“, springlebendig keck).

      Gabriel Reichert gibt Frédéric Chopins Nocturne c-Moll op. 48/1 und Sergej Rachmaninovs Étude-Tableau es-Moll op. 39/5 Bedeutung, großes Gewicht, er meißelt die Werke monolithisch in den Saal.

      Hochvirtuosen pianistischen Leistungssport ermöglichen Bohuslav Martinůs Trois Danses Tchèques H.154 (Obkročák, Dupák und Polka), von Daiki Kato bravourös hingelegt.

      Ein noch größerer Monolith führt in die Pause, Franz Liszts gewaltige »Réminiscences de Norma«. Eine ganze riesige Klavieroper entfesselt Junhyung Kim da mit stupender pianistischer Hochklasse, irrwitzig, schwindelerregend.

      Ludwig van Beethovens Sechs Variationen F-Dur op. 34 konnte man auch schon am Vortag hören. Amadeus Wiesensee spielt sie etwas kühler, sachlicher, pianistisch äußerlich noch glanzvoller als die mehr poetisch-virtuose Xiaoshenshen Huang.

      Emanuel Roch setzt dort fort, wo wir zuletzt bei Chopin, Rachmaninov und Liszt waren – bedeutungsvoll, nun betont eruptiv und impulsiv dazu, demonstriert an Frédéric Chopins berühmter Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23.

      So geht es auch weiter mit der großen Klavierrede des auch wieder anders monolithischen Sonetto 104 del Petrarca aus »Années de pèlerinage II« von Franz Liszt, wie alles andere bei diesen Klavierfestivalabenden auch fabelhaft interpretiert von Yeram Park.

      Was Alexander Skrjabins Etude cis-Moll op. 2/1 betrifft ist der Schreiber dieser Zeilen fürs Leben Horowitz-Moskau-verdorben. Das Wehmütige, verhalten Sanfte, das Misora Ozaki hier aber herausschält, bewegt gleichwohl ganz unmittelbar. Verklärend Schönes, ein pianistisches Wegträumen gibt es gleich im Anschluss mit Misora Ozakis Interpretation von Skrjabins Valse op. 38.

      Fein schattierte charakterlich höchst unterschiedliche Stimmungsbilder bringt So Hyang In mit Robert Schumanns »Des Abends«, »Aufschwung«, »Warum?« und »Grillen«, dem Heft 1 aus den Fantasiestücken op. 12.

      Und was für ein irrer Monolith schließt diesen kolossalen Abend ab, Samuel Feinbergs Klavierfassung des Scherzos aus Peter I. Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 »Pathétique«: Honggi Kim freilich scheint nur darauf gewartet zu haben und legt das hin als wäre es nichts, mit zauberischer Leichtigkeit selbst im wahnwitzig Virtuosesten, ein fulminanter Höhenflug, der aber doch voller Licht und glanzvoll leicht dahingleitet, um dort wo es notwendig ist die Klaviatur mächtig aufrauschen zu lassen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • INS ZENTRUM DER WELT

      Das Hagen Quartett gastiert im Münchner Prinzregententheater, 29.1.2020, persönlicher Höreindruck

      Vier ganz fein gesponnene Fäden, zur perfekten Einheit zusammengeschweißt, bis in winzigste Details genauestens aufeinander ein- und abgestimmt, die Musik stets vibratolos klar, gleichzeitig zerbrechlich, filigran und enorm stabil, gefestigt anbietend, sie abrufend, minutiös einstudiert, mit Live-Studioaufnahmen-Präzision – so höre ich das Hagen Quartett, die drei seit über 40 Jahren zusammenspielenden Geschwister Lukas, Veronika und Clemens und der deutsche 2. Geiger Rainer Schmidt, seit 1987 dabei.

      Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett Nr. 18 A-Dur KV 464 offenbart gleich all die Stärken dieses Zusammenspiels, zumal in den vielen polyphon anmutigen Passagen des Werks. Spontaneität darf man interpretatorisch keine erwarten, jede kleinste Nuance scheint vorprogrammiert, nichts wird dem Zufall überlassen. Mozart setzt hier ja das Menuett an die zweite Stelle und bringt im dritten Satz ausführliche Variationen. Unsterbliche Streichquartettmusik vom Besten und Schönsten!

      Béla Bartóks komplexes, vielschichtiges, rhapsodisch wirkendes ca. 15 Minuten kurzes Streichquartett Nr. 3 Sz 85 macht noch deutlicher, wie genau die vier aufeinander abgestimmt sind. Grimmig, verbissen, unerbittlich, dabei aber glasklar wird die Musik in den Raum gemeißelt.

      Und was für ein Melodiker war doch Antonín Dvořák! Man „trinkt sich nicht satt“ aus der Fülle der wunderschönen Melodien, ob gesanglich, lyrisch oder tänzerisch, wenn die vier Perfektionisten des Hagen Quartetts das Streichquartett Nr. 13 G-Dur op. 106 vollendet einheitlich musizieren. Mit dem 2. Satz führen sie ins Zentrum der Welt, so spannen sie die Intensität an, innig fesselnd und doch ganz offen. Das ist auch ein langsamer Variationssatz, wie bei Mozart. Markant kommt danach das Scherzo mit seinen zwei Trios. Und im Finale halten sie zwischendurch auch noch einmal die Welt angespannt wehmütig an.

      Man spürt am Applaus schon zur Pause und auch am Ende: Hier wird eine herausragende sehr, sehr ernst zu nehmende Quartettleistung akklamiert. Eine Zugabe freilich scheint hier weder gewünscht noch gewollt.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • SONATEN- UND VARIATIONS-GIPFELTREFFEN IM JAHR 1931

      Klavierfestival 2020 (IV) - Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 30.1.2020, ein weiterer persönlicher Höreindruck

      Beim erneut gut besuchten vierten Konzert des die besten jungen Pianistinnen und Pianisten Münchens aufbietenden Klavierfestivals ist die Klasse Prof. Michael Schäfers dran, bei der man stets noch höhere Erwartungen haben darf als die ohnehin schon allerhöchsten, was Werkauswahl und was die Interpretationen betrifft.

      Pianistisch ergiebig sondergleichen, hochromantisch gewichtig und vollgriffig, sind sofort die 3 Klavierstücke aus dem Jahr 1931 Capriccio, Elegy und Adoration von Leopold Godowsky (1870–1938), exzellent gespielt von Ruka Yokoyama. Und schon hier zeigt sich die Tendenz des Abends, dort wo drei Stücke eines Komponisten aufeinanderfolgen sie mit einem langsameren zweiten Stück und einem klavieristisch extrem anspruchsvollen dritten zu einer Art dreisätziger Sonate zusammenzufügen.

      Aus Claude Debussys Images gibt es die Première série, Reflets dans l’eau (die Wasserspiegelungen), Hommage à Rameau und Mouvement. Das glasklar zauberische Klavierspiel von Yejin Koo versetzt die Hörerschaft in diese impressionistischen wie dann auch pentatonischen Welten, und schon hat sich eine zweite „Sonate“ ergeben.

      Die nun folgenden ca. 25 Minuten gehören der 1989 in Seoul geborenen SunMi Han und ihrer Interpretation der Sonate Nr. 3 C-Dur op. 25 (auch aus dem Jahr 1931) von Erich Wolfgang Korngold (1897–1957). Der aus Wien stammende Schreiber dieser Zeilen liest ausnahmsweise in der Schott-Notenausgabe mit und staunt, wie genau da kleinste Vorschriftszeichen beachtet werden, ohne alles ins Didaktische mutieren zu lassen, wie fein also die Detailarbeit des Einübens gerade auch bei weniger bekannten Werken in die Liveinterpretation einfließt. Das Wiener Herz ist rasch gewonnen mit Werk und Interpretation. Der kräftige 1. Satz (Allegro molto e deciso) überrascht auch mit seiner Sprunghaftigkeit und erinnert harmonisch wie teilweise sentimental etwas an Richard Strauss´ „Rosenkavalier“-Welt.Den 2. Satz, Andante religioso, kann man als großes inniges, sehr ehrliches, offenes Gebet hören. Die Wien- und Weinseligkeit des 3. Satzes, Tempo di Menuetto molto comodo, artet in eine nahezu euphorische Heurigenrunde aus, um im Trio kurz die Welt anzuhalten. Und im furiosen, atemlos virtuosen Final-Rondo (Allegro giocoso) treffen sich Till Eulenspiegel und der Beelzebub.

      Ein absoluter Tophit hochvirtuosen, zugkräftigen Klavierzugriffs führt in die Pause, Franz Liszts II. Rhapsodie hongroise, gespielt vom souveränen Yihao Mao. Das zündet mit ungarischem Feuer und irrwitzigem Furor, dass es eine Freude ist.

      Der zweite Teil startet mit einer inoffiziellen spanischen Sonate - Alberto Ginasteras (1916–1983) Danzas argentinas op. 2: Danza del viejo boyero, Danza de la moza donosa und Danza del gaucho matrero. Xiuyan Cui zaubert mit dem irisierend intensiven Danza de la moza donosa südliche Mittagsschwüle in den Saal, wehmütig schwelgerisch, um dann mit dem Danza del gaucho matrero zu einem atemberaubend virtuosen weiteren Höhenflug des Abends anzusetzen.

      Jetzt die gewichtige russische Quasi-Sonaten-Antwort: Sergej Rachmaninov, 3 Études-Tableaux: op. 33 Nr. 1 f-moll, op. 33 Nr. 5 g-moll und op. 33 Nr. 6 cis-moll. Wie bei Ginastera bietet auch hier das dritte Stück den atemberaubendsten pianistischen Höllenritt, aber Agata Kim hat das alles auch in sensationell sicheren Fingern.

      Noch einmal Sergej Rachmaninov, nun türmen sich archaisch wie pianistisch wieder anders ergiebig dessen Variationen über ein Thema von Corelli op. 42 (schon wieder ein Werk aus dem Jahr 1931!) auf. Reiko Odaka hat diesen ziemlichen Brocken selbstverständlich auch absolut sicher im Griff.

      Der nächste spätromantisch hochvirtuose Brocken ist Vincent d’Indys (1851–1931) Fantaisie sur un vieil air de ronde française op. 99 („wie zu erwarten“ das nächste Werk von 1931), rhapodischer wirkend, pointiert dazu. Esperanza Martín Lopez ist hier eine weitere Heldin der pianistischen Vollendsverblüffung.

      Ein letztes Mal geht es an diesem Abend auf die pianistische Hochschaubahn, mit den Variationen über ein Thema von Paganini op. 35 von Johannes Brahms, dem Heft II daraus, gespielt von Kana Ito. Das bekannte Thema haben ja viele weitere Komponisten auf unterschiedlichste Art variiert, von Paganini selbst bis Lloyd Webber. Ein letzter pianistischer Höhenflug, wenn auch schon etwas anstrengend zu hören nach so viel pianistischem Hochleistungssport hintereinander. Kana Ito vergisst dabei nicht dort wo es möglich ist die Seele der Musik spüren zu lassen, und sie bewahrt jederzeit die gesunde Bodenhaftung, bei aller hinwegfliegender Bravour.



      Zu Hause der Nachklang mit der 2004 bei Profil/Hänssler veröffentlichten CD-Aufnahme der 3. Korngold-Sonate mit Michael Schäfer, dem Professor – da hört man die Schule und woher die detailgenaue Partiturbeachtung des Konzerts kommt. Eine schöne diskografisch-pianistische Reverenz des Münchner Hochschullehrers, mit klavieristisch notwendiger klarer Bravour und auch durchaus mit Sentiment und mit „mit Wiener Schmäh“ (3. Satz!), alle Achtung!

      Drangeblieben, auch noch die auf der Korngold CD folgenden 4 kleinen Karikaturen für Kinder op. 19 hören, und natürlich auch noch die Geschichten von Strauß op. 21, eines dieser interessanten Klavierpotpourris nach Strauß-Melodien, und da muss jetzt natürlich sofort auch noch Friedrich Gulda...



      ...mit den G´schichten aus dem Golowinerwald gehört werden, die Erstaufnahme aus der Amadeo CD Box „The Complete Musician“ (aufgenommen zum Jahreswechsel 1977/78). Die Fiaker stehen bereit.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • DAS YUJA WANG NIVEAU IST STANDARD

      Klavierfestival 2020 (V) - Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 31.1.2020, ein weiterer persönlicher Konzerteindruck

      Das Konzert der Klassen Prof. Thomas Böckheler und Prof. Margarita Höhenrieder wird das bestbesuchte zumindest der vier vom Schreiber besuchten, der Saal ist fast voll.

      Presto! Lebensfroh-keck geht es los, mit Joseph Haydns Fantasie C-Dur Hob. XVII:4. Daniel Bujorea (Klasse Prof. Thomas Böckheler) lässt mit seinem Anschlag durchklingen, dass ein Werk wie dieses noch nicht für einen Konzertflügel komponiert wurde – die Zeit der Cembali und Spinette lebt kurz mit dieser klassischen, virtuosen Rhapsodie auf.

      Franz Schuberts Klavierstück Nr. 1 es-Moll D 946 (Allegro assai) wechselt bewegend zwischen energischer Unruhe und großem Stillstand ab. Chuang-Lu Kang (Klasse Prof. Thomas Böckheler) arbeitet den Charakter eindringlich heraus.

      Frédéric Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 (Largo – Moderato) hat man bei diesem Klavierfestival bereits einmal gehört. Hier überzeugt Sze-Chi Li (Klasse Prof. Thomas Böckheler) zwischen gesanglicher Poesie und zupackendem Furor.

      Markant exotistisch mutet Ferruccio Busonis (1866–1924) Indianisches Tagebuch IBV 267 an, mit seinem Untertitel Vier Klavierstudien über Motive der Rothäute Amerikas (1. Allegretto affettuoso, un poco agitato, 2. Vivace, 3. Andante und 4. Maestoso ma andando). Das ist pianistischer romantischer Klassizismus, melodisch originell eigenwillig archaisch Richtung Pentatonik tendierend. Andrei Preda (Klasse Prof. Thomas Böckheler) spielt das pointiert zupackend, so. Rasch, rasch, langsam, noch einmal rasch - irgendwie fügt sich da wieder eine Art Sonate zusammen. Das virtuoseste Stück ist das letzte, Maestoso ma andando.

      Aus den Préludes II von Claude Debussy spielt Peter Méri (Klasse Prof. Thomas Böckheler) »Feuilles mortes« (Tote Blätter), Lent et mélancolique) und »Général Lavine« (eccentric. Dans le style et le Mouvement d‘un Cake-Walk) – und man sieht die imaginierten Bilder dazu nahezu plastisch vor sich.

      In die Pause führen Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses d-Moll op. 54 (Andante sostenuto). Das traurige, melancholische Thema das dann variiert wird strahlt gleichwohl einen anmutigen Zauber aus. Auch sind die Variationen bei aller Virtuosität die sich da aufbaut doch noch etwas luftiger gesetzt als die voriger Konzerte, was das Werk sehr gut durchhörbar macht und einer Überladung vorbeugt. Mayu Kawashima (Klasse Prof. Thomas Böckheler) räumt mit diesem frühromantischen Bravourstück natürlich ab.

      Auch der zweite Teil beginnt mit Joseph Haydn, nun mit der entdeckenswerten Sonate h-Moll Hob. XVI:32. Anmutige Wiener Klassik ist da zu hören. Nach dem eröffnenden Allegro moderato überrascht ein hübsches Menuet, und das Presto-Finale scheint ein Specht zu klopfen. Hyemin Choi (Klasse Prof. Margarita Höhenrieder) suggeriert vor allem im 1. Satz auch wieder, dass dies zunächst mal auf einem Spinett gespielt worden ist, um dann doch die klanglichen Möglichkeiten des Steinway Konzertflügels voll auszukosten.

      Den Frédéric Chopin Block der nun folgt fügt Chen Zhang (Klasse Prof. Margarita Höhenrieder) auch wieder zu einer Art Sonate zusammen, mit raschen Rahmenstücken. Bei der Etüde C-Dur op. 10,1 (Allegro) geht´s rauf und runter, der Walzer cis-Moll op. 64,2 (Tempo giusto) führt musikantisch und elegant in einen Pariser Salon des 19. Jahrhunderts, und die Etüde gis-Moll op. 25,6 (Allegro) rundet mit umherschwirrenden Insektenschwärmen ab.

      Yeonwoo Park (Klasse Prof. Margarita Höhenrieder) stellt nun Alexander Skrjabins Sonate Nr. 2 gis-Moll op. 19, die »FantasieSonate«, ganz unmittelbar in die Gegenwart, er nimmt uns mit auf diese Klavierreise, in diese große Klaviererzählung des eröffnenden Andante-Satzes, um mit dem Presto-Nachschlag des 2. Satzes einen Abenteuerflug pianistischer Sonderklasse zu demonstrieren. Es gibt kein Vorher und kein Nachher bei so einer Musik, alle sind in ihren Bann gezogen.

      Das gilt erst recht für Olivier Messiaens »Vingt regards sur l‘enfant Jésus« - wir blicken auf das Jesuskind, und zwar spirituell insistierend bildhaft mit dem Stück 8 »Regard des hauteurs« und dem Stück 15 »Le baiser de l´Enfant-Jésus«, in die Höhe, und zum Kuss des Jesuskindes. Yinghua Huang (Klasse Prof. Margarita Höhenrieder) besticht vor allem zu Beginn und am Ende des ausführlicheren zweiten Stücks mit vollendeter Ruhe und Ausgeglichenheit, die er grandios zu übermitteln versteht.

      Den Abschluss des Klavierfestivals 2020 machen würdig die Gargoyles op. 29 des 1961 geborenen amerikanischen Komponisten Lowell Liebermann, vier „Wasserspeier“, die sich auch zu einer Art Sonate zusammenfügen, 1. Presto, 2. Adagio semplice, ma con molto rubato, 3. Allegro moderato und 4. Presto feroce. Die Randstücke brennen ein weiteres pianistisches Feuerwerk vom Besten ab, toccatahaft wie bei Prokofjew, noch einmal also diese atemberaubende Virtuosität nach der man ja fast süchtig wird bei solchen Konzerten, zumal sie hier wie gestählt und doch immer hochmusikalisch abgerufen bzw. in die Tasten gehämmert wird. Mysteriös spannend ist das Adagio semplice, ma con molto rubato und zauberisch fließend das Allegro moderato. Yun-An Lee (Klasse Prof. Margarita Höhenrieder) räumt mit dem sensationellen Finale dieses Werks noch einmal ordentlich ab. Sie ist eines der vielen technisch perfekten, hochmusikalischen Talente, die man die letzten Tage live erleben konnte. Wer von ihnen freilich zur großen Karriere durchstarten kann steht in den Sternen.

      Nachklang:

      Am 17.4.2013 spielte Yuja Wang Liebermanns insgesamt bei ihr knapp über neun Minuten lange Gargoyles live in der Toppan Hall in Tokyo, und das wurde vom japanischen Fernsehen mitgeschnitten und ist auf youtube zu finden – ich meine das ist ein tolles Fernsehdokument.

      youtube.com/watch?v=_v7x6Z1nn-I

      Mein Höreindruck: Grandios nicht nur die Technik, auch die fein schattierte Musikalität, die Yuja Wang den vier Stücken abzugewinnen versteht, und das Finale steigert sie am Steinway zu einem absolut atemberaubenden Furioso. Aus dem Publikum mitgeschnitten wurde am 16.5.2013 in der Carnegie Hall in New York, als Yuja Wang das Werk erneut im Konzert spielte, genauso technisch supervirtuos wie musikalisch facettenreich, geheimnisvoll im 2. Stück und zauberisch fließend im 3. Stück sowie wieder atemberaubend im Finale, ein sensationeller Abräumer dieses Stück.

      Man erschrickt aber doch – so wie die tolle Yuja Wang haben alle beim Klavierfestival gespielt, das ist der Elitestandard.



      Der 1979 in Turin geborene Gianluca Cascioli hat als 17jähriger unter anderem Busonis 1915 komponiertes knapp über 12 Minuten langes vierteiliges Indianisches Tagebuch I für CD aufgenommen (DGG 453 422-2, aufgenommen im August 1996 in Hamburg-Harburgs Friedrich-Ebert-Halle). Da verdeutlichen sich beim Nachhören die klassizistisch-archaischen Grundzüge des Werks sehr schön.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ROMANTISCHE ENTDECKUNGEN

      Die Matinee der Romantiker der Münchner Kammerphilharmonie dacapo im Herkulessaal der Residenz, 2.2.2020, der nächste persönliche Konzerteindruck

      Neben den größeren und überregional bekannteren Klangkörpern sind in München auch ambitionierte weitere Ensembles im Einsatz, vielfach mit eigenen Abonnementzyklen und Praxismöglichkeit jenseits gängigsten Repertoires.

      Der Herkulessaal ist gesteckt voll, offenbar ist dieses Abonnementangebot sehr beliebt.

      Die Münchner Kammerphilharmonie gibt es seit dem Jahr 2000. Dirigent Franz Schottky moderiert jede Konzerthälfte ein, er stellt die Komponisten und die zu hörenden Werke kurz vor und betont, dass es diesem Ensemble ein Herzensanliegen ist, auch seltener gespielte Werke des 19. Jahrhunderts vorzustellen.

      Den Komponisten Robert Volkmann (1815-1883) nennt Schottky ein „Bindeglied“ zwischen Mendelssohn Bartholdy und Schumann. Seine Serenade Nr. 2 F-Dur op. 63 präsentiert den Streicher-Klangkörper gleich extrem kompakt, hervorragend aufgezogen, in sorgsam einstudierter Klangbalance. Bei aller Verwandtschaft mit den genannten Größen wirkt Volkmanns Musik hier aber doch etwas schlichter, wenn auch durchaus herzhaft anmutig. Der dritte der vier Sätze fällt als Walzer auf.

      Großartig ist die nun folgende sehr ausgiebige Werbung für Felix Mendelssohn Bartholdy als bereits jugendliches Jahrtausendgenie mit zwei Werken des 14- bzw. 13jährigen.

      Das Doppelkonzert für Klavier, Violine und Streichorchester d-Moll entpuppt sich als jugendlicher Geniestreich. Was der Dirigent vor Beginn angedeutet hat, wird sofort deutlich – Mendelssohn hat Bach studiert. Der polyphone Einsatz erzeugt gleich eine wunderbare Magie des Zusammenspiels. Und was dann melodisch und konzertant und ziemlich ausführlich abläuft, ist einfach nur herrliche frühromantische Konzertmusik, von Thomas Albertus Irnberger mit beseeltem Geigenton, von Barbara Moser zupackend geläufig und mit viel wunderbarem Wiener Herzblut im Klavieranschlag am Klavier sowie vom klangsatten Streicherchor raumfüllend beherzt musiziert.

      Zwei Zugaben für Violine und Klavier haben sie parat, und mit diesen werben sie musikalisch allemal anregend für ihre gemeinsame bei Gramola erschienene CD, die sie Komponistinnen gewidmet haben: unter anderem der aus Kroatien stammenden Dora Pejačević mit einer Romanze und der Österreicherin Maria-Theresia Paradis mit einer wiegenden Sicilienne.

      So inspiriert wie davor geht es nach der Pause gleich weiter, mit Mendelssohns frühem Violinkonzert d-Moll, auch ein vielleicht unterschätzter vollendeter Geniestreich eines 13jährigen. Unglaublich, dass ein 13jähriger so schöne inspirierte Musik komponieren kann! Allein der 2. Satz – da ist man mit Irnberger und dem Kammerorchester im Himmel.

      Carl Reinecke (1824-1910) stellt der Dirigent als Komponist, Dirigent und Lehrer vor, als den am längsten amtiert habenden Gewandhauskapellmeister. Reinecke hat unter anderem einen kräftigen Konzertschluss zu Mozarts Idomeneo-Ouvertüre komponiert, die das Kammerorchester bei seiner nächsten Matinee aufführen wird. Reineckes auch wieder ausführliche Serenade für Streichorchester g-Moll op. 242 überrascht mit thematischer Inspiration und atmosphärischer Tiefe. Dieses Werk hat wirklich enormen Tiefgang. Die sechs Sätze (Marcia, Arioso, Scherzo, Cavatine, Fughetta giojosa und Finale) offenbaren kompositorisch herausragendes Talent, dem man gerne weiter nachspüren wird.

      Das Münchner Kammerorchester dacapo hat ein treues, dankbares und auch bewundernswert geduldiges (wenn auch teilweise stark hustendes) Stammpublikum, das auch noch nach fast drei Stunden Konzertdauer nicht zuletzt alle denen der Dirigent Detailapplaus ermöglicht sehr herzlich applaudiert.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • DER PIANISTISCHE MUSKELMANN

      Jong Hai Park spielte im Kleinen Konzertsaal im Gasteig (München), 8.2.2020, persönliche Eindrücke

      Schon sein Johann Sebastian Bach Spiel zeigt es mit voller Wucht: Jong Hai Park, der 1990 in Seoul (Südkorea) geborene Pianist, 2. Preisträger beim Concours Géza Anda Zürich 2018, ist ein pianistischer Muskelmann, einer mit der kräftigen Pranke.

      Nicht den Anflug irgendwelcher Anspielungen darauf das sei einmal auf Cembali gespielt worden hat Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 1 BWV 825 hier. Da steht ein Steinway Konzertflügel mit all seinen pianistischen und klanglichen Möglichkeiten, da ist Klaviermusik ganz aus dem Augenblick heraus zu bieten, und los geht’s, mitten hinein ins große Abenteuer großer Klaviermusik werden wir alle gezogen, kraftvoll klavieristisch, nie spinettig, selbstbewusst, überwältigend lebendig. Dieser Bach hat Power.

      Aus den Années de pèlerinage (2. Jahr – Italien) von Franz Liszt gibt es die viel gespielten und aufgenommenen Sonetti del Petrarca 47, 104 und 123, genauso ganz aus dem Augenblick gespielt, enorm kraftvoll, auch musikalisch. Jong Hai Park meißelt die wunderschönen Melodien die Liszt in seinen vollgriffigen Klaviersätzen freigibt wie Granitsteine in den Saal.

      Noch besser abräumen kann er mit dem musikantisch-brillanten, hier als enorme Kraftdemonstration hingeworfenen Reißer vor der Pause, Liszt Ungarischer Rhapsodie Nr. 9 “Pesther Carneval”, ein pianistisches Feuerwerk des Fulminanten.

      Aus den 10 Übungsstücken für Klavier von Friedrich Gulda, die dieser Anfang der 70er Jahre zur Sammlung Play Piano Play zusammengefasst hat, swingt und groovt Jong Hai Park die Nummern 1, 2, 4, 5 und 6, weiter mit voller selbstbewusster Power.

      Mit Sergej Prokofievs Sonate Nr.7 („Stalingrad“) B-Dur op. 83 kann er nochmal eins drauflegen. Der ungeheuren Wucht der drei hinzuhämmernden Blöcke im 1. Satz stellt er in den beiden zurückhaltenderen Abschnitten Besuche in der beeindruckenden Halle eines Bergkönigs gegenüber. Der 2. Satz wird so gespielt wie an diesem Abend ganz großes Kino, und das maschinelle Precipitato des Finalsatzes groovt und steigert Jong Hai Park bis in wildeste Death Metal Ekstase.

      Der Flügel scheint seltsamerweise unbeeindruckt. Drei Zugaben drehen den Überwältigungspegel noch höher, eine spätromantische, Debussys Golliwog´s Cakewalk und eine weitere dieser bei Zugaben beliebten urgewaltigen, hier noch monumental urwüchsigeren „Mozart Alla turca Zertrümmerungen“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ZWEI ORCHESTERSTERNSTUNDEN

      Der nächste persönliche Konzerteindruck

      Das Bayerische Staatsorchester spielte am 10. und 11.2.2020 im Nationaltheater in München sein 4. Abonnementkonzert unter der Leitung von Lorenzo Viotti (Sohn des 2005 allzu früh verstorbenen Marcello Viotti) mit Alfred Schnittkes Konzert für Viola und Orchester (Solist war hier der 1. Orchesterbratscher Adrian Mustea) und im zweiten Teil mit Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 10 e-Moll op. 93.

      Mir ging es so: Nach dem ersten Konzert musste sofort eine Karte auch fürs zweite her.

      Schnittkes Violakonzert ist für mich eine Offenbarung, ich kannte es vorher nicht. Die drei Sätze gehen direkt ineinander über, wodurch sich ein durchgehend intensives, unglaublich eindringliches, ja erschütterndes Hörerlebnis zusammenfügt. Es beginnt so wie ich es live für mich erspürt habe mit einem bewegenden Monolog der Soloviola, der in einen Aufschrei des Orchesters mündet, worauf sich nach kurzer Beruhigung plötzlich ein getriebenes, schillerndes Leben wie im Zeitraffer abzuspulen beginnt, mit faszinierenden Farben und sensationell facettenreich. Das Geschehen wandelt sich dann aber verblüffend ins picksüß verklärend Innige, ätherisch Schöne, um mit einer Verdichtung vor ein riesiges Tor zu führen, vor dem ein Bekenntnismonolog abzulegen ist, unterbrochen von einem Gewaltmarsch, der aber rasch wieder verschwindet. Der Bekenntnismonolog festigt sich, so will man es zumindest hören, zu einem intensiven, ausführlichen Harmonisierungsversuch zusammen mit dem Orchester, belastet aber durch teilweise gewaltige Schicksalsschläge. Das erschütternd eindringliche Werk klingt dunkel gefärbt aus, aber es schimmert auch ein Licht durch, eine strahlende, ewige Hoffnung.

      Der Solobratscher des phantastisch die vielen Farben des Werks auslotenden Orchesters Adrian Muastea betört und ergreift mit seinem wunderbaren Violaton dann auch bei der Zugabe, die in einen Renaissancepalast zu führen scheint, zu warmherzig-innigen Barockvariationen.

      Wer am zweiten Konzerttag bei Beck am Rathauseck eine Aufnahme von Schnittkes Violakonzert kaufen möchte hat Pech, alles ausverkauft. (Mittlerweile habe ich Bashmet- und Kashkashian-CDs.)

      Tolle Klangkultur, grandiose Präzision und feine Ausbalancierung der Orchestergruppen sind auch die Ausgangsbasis für die nach der Pause folgende Schostakowitsch Zehnte. Die dirigiert der aufstrebende Jungdirigent Lorenzo Viotti mit starker Innenspannung, auf kontrastive Dramatik und auf Emotion setzend. (Da merkt man umso deutlicher- diese noch im Ohr - wie stark die Bostoner Nelsons-Aufnahme die Dramatik einebnet.) Das reißt unglaublich mit, macht die Aufführung zu einem packenden Liveerlebnis. Die phantastische Akustik am Galeriestehplatz tut ihr übriges, ein Werk, das man zuletzt immerhin sechsmal gehört hat, zweimal ganz neu und unmittelbar mitleben zu können. Live im Konzert ist es halt doch am Aufregendsten. Der gewaltige düstere 1. Satz mit seinem „Ur-Aufschrei“ in der Mitte, das hektisch-motorische Stalin-Porträt des 2. Satzes (ein atemberaubendes Orchesterfurioso), die sprechende Musik des 3. Satzes mit seinen zwei Themen die in unterschiedlichsten Emotionsgraden miteinander korrespondieren und mit seinem „Mahler-Mittelteil“, der den Großen Appell zu beschwören scheint, wie er auch im ersten Teil des wieder düster beginnenden Finalsatzes möglicherweise beschworen wird, ehe der Komponist mit dem entschiedensten D-Es-C-H ein Machtwort spricht und eine Finalfröhlichkeit befiehlt, die gefälligst den Schlussjubel zu provozieren hat. Nachher ist das D-Es-C-H das die Sätze 3 und 4 prägt fast brutal eingebrannt im Hirn – und der Schreiber ist zweimal hin und weg von der phänomenal intensiven Konzertintensität. So etwas nimmt man im Herzen mit fürs ganze Leben.

      Das spontane Bravo nach dem fulminanten Finale öffnet beide Male großen Jubel, auch das Orchester applaudiert dem Dirigenten herzlich, und der gibt die ihm überreichten Blumen am ersten Abend an seine Schwester Milena weiter, Hornistin im Staatsorchester.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander,

      herzlichen Dank für Deine vielen Schilderungen: beim BayStOr hätte ich gerne gelauscht. Das nächste Mal bin ich klüger, wenn ich den Namen Lorenzo Viotto lese.
      Einen schönen Sonntag noch!

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Vielen Dank, ich lese Deine Berichte auch immer mit großem Gewinn! :thumbup:

      AUCH IM HYPERVIRTUOSEN NOCH HOCHMUSIKALISCH

      Der Klavierabend von Lika Bibileishvili in der Allerheiligen-Hofkirche in München, 13.2.2020, persönlicher Höreindruck

      Die aufstrebende, in München lebende Pianistin aus Georgien spannt an diesem Abend einen klavieristischen Bogen von 1789 über 1839 und 1896 bis 1912 und demonstriert zunächst im etwa zu zwei Drittel gefüllten Kirchenraum mit Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate D-Dur KV 576, wie sie Mozart mit diesem Werk sieht – lebensstrotzend, bodenständig, quirlig, im 1. Satz mit Expositionswiederholung, im 2. mit großer erzählerischer Poesie, im 3. wieder quirlig. Auch der weichere, dunklere, im Kirchenraum nahezu versunken wirkende Klang des Bösendorfer Flügels verstärkt die interpretatorische Nähe zu Friedrich Guldas kraftvollem Mozart-Spiel.

      Pianistisch wie musikantisch höchst ergiebig ist erst recht Robert Schumanns fünfsätziger Faschingsschwank aus Wien op.26. Lika Bibileishvili kann hier vor allem pianistisch brillieren, zumal wenn sie im Finale so richtig loslegt. Musikalisch ist ihr Spiel von hoher, wie selbstverständlich wirkender, überlegener Souveränität und Reife durchdrungen.

      Eine andere Welt tut sich mit Sergej Rachmaninows 6 Moments Musicaux op.16 auf – das erste (Andantino) melancholisch, das zweite (Allegro) motorisch, das dritte (Andante cantabile) schmerzlich-sehnsüchtig in die Tristan-Welt führend, das vierte (Presto) mitreißend leidenschaftlich (für den Schreiber der Höhepunkt, „die noch eindrucksvollere Revolutionsetüde“), das fünfte (Adagio sostenuto) mit der großen edlen Melodie und das sechste (Maestoso) noch einmal enorm kraftvoll leidenschaftlich, beeindruckend kraftvoll wie Chopins Etüde op. 25/12. Die pianistische Souveränität der pianistisch enorm präsenten Pianistin am alle Klangfülle voll ausgeloteten Bösendorfer-Flügel verblüfft und überwältigt erneut, am allermeisten im fulminanten Presto des vierten Stücks und im mächtigen Maestoso des letzten.

      Sie setzt aber mit dem regulären Konzertfinale noch eins drauf, denn da gibt es Sergej Prokofjews motorisch-maschinelle Toccata d-Moll op.11 als veritablen Abräumer schlechthin.

      Die erste Zugabe, Frédéric Chopins Fantaisie-Impromptu cis-moll op. 66, bringt vollendete romantische Klaviermusik, in den Eckteilen wieder hochvirtuos dahinfliegend, im Mittelteil diese so markante Ohrwurmmelodie; die zweite Zugabe (am nächsten Tag beim Veranstalter erfragt), ein „georgisches Heimspiel“, treibt die Hypervirtuosität dann endgültig auf die pianistische Superspitze, gleichwohl verblüffend hochmusikalisch, nie leerer technischer Selbstzweck – mit der Rondo Toccata von Revaz Lagidze.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • DER PRÜFSTEIN BLEIBT EIN PRÜFSTEIN

      Evgeny Izotovs Klavier Recital im Kleinen Konzertsaal (Gasteig München), 17.2.2020, persönlicher Höreindruck

      Evgeny Izotov wird vom Konzertveranstalter in seinem Werbetext „zweifellos zu den auffälligsten und strahlendsten Repräsentanten der Sankt Petersburger Klavierschule“ gezählt.

      Izotov ist auch ein selbstbewusst unbekümmert wirkender, kräftigerer Typ, der dann am Steinway bei Wolfgang Amadeus Mozarts Rondo a-Moll KV 511 gleichwohl mit enormer erzählerischer Kraft zu punkten weiß. Dieser Pianist hat etwas zu sagen, das spürt man gleich. Er spielt mit Herz und Seele, anmutig, empfindsam, aber sehr präsent.

      Robert Schumanns Fantasie C-Dur op. 17 öffnet eine neue Klavierwelt. Jetzt kann der Pianist so richtig vollgriffig pianistisch loslegen, was das Zeug hält, durchaus emotional, aber auch hier vermag er der Musik Seele zu geben. Erneut baut er große Erzählungen auf, und wie schon bei Mozart berührt vor allem das Wehmütige in der Musik besonders. Mit dem 3. Satz dieses großen romantischen Klavierwerks, der auf mich nahezu schubertisch wirkt, lässt Izotov richtige Seelenlandschaften erstehen, gleichwohl stets enorm präsent, mit pianistischer Pranke.

      Der Prüfstein schlechthin ist Franz Liszts Klaviersonate h-Moll nach der Pause. Evgeny Izotov geht sie äußerlich unbekümmert an, zupackend pianistisch drauflos, ein kräftiger, durchaus zugkräftiger Ansatz. Das reißt mit, da brennt das pianistische Feuer, zumal im wilden Auf und Ab. Es steckt (im positivsten Sinn) viel Musikantik in dieser halben Liszt-Stunde. Izotovs Stärke ist auch hier das erzählerische Potential, zumal im Rezitativischen und im Poetischen. Da deklamiert er seine Aussagen eindringlich und beeindruckend in den Saal. Die scheinbar allerschwersten Klippen meistert der Pianist auch alle bravourös. Zwischendurch freilich muss er immer wieder kleine Ungenauigkeiten überspielen (was er sehr gut kann – nur wer die Sonate gut kennt, bekommt sie wohl überhaupt mit), und beim Fugato kommt er kurz mal ganz schön ins Schwimmen, hält sich an einer Stimme irgendwie fest und grundelt halbwegs harmonisch Passendes dazu. Da zittert man als Kenner der Sonate schon ganz schön mit, aber auch da kämpft sich der Pianist rasch wieder heraus und umtost uns mit den nächsten glasklar souveränen Auf- und Ab-Kaskaden.

      Offenbar hat er viele Fans im Publikum, die Anerkennung erfolgt herzlich und heftig. Drei Zugaben bekommen sie, und bei denen scheint der Pianist endgültig angekommen, wirkt er befreit und noch souveräner. Liszts La Campanella, noch ein Liszt (ruhiger und wieder erzählerisch stark) und Chopins „Minutenwalzer“ op. 64/1 als Rausschmeißer vermögen, die Publikumsbegeisterung auch dementsprechend souverän von Zugabe zu Zugabe zu steigern.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      gestern Abend habe ich einer Aufführung von M9 durch die Münchner Philharmoniker unter Leitung von Semyon Bychkov in der Philharmonie am Gasteig beiwohnen dürfen. Es war die dritte Aufführung in Folge: ich darf von einem außerordentlich intensiven Konzerterlebnis berichten. Über dieses Stück schreiben, heißt bei capriccio Eulen nach Athen tragen, vor wenigen Wochen endete hier im Forum eine Abstimmung zu den Lieblings-Symphonien, bei denen das Stück sehr gut abgeschnitten hat.

      Der sehr disparate direkte Anfang des Stücks, der nur aus Motivtrümmern besteht, hatte das Ziellose und aus dem Tritt-Geratene, das zu gestalten vermutlich außerordentlich schwer ist: mit dem Eintritt der ersten echten Melodie in den zweiten Geigen stellte sich die Interpretation des ersten Satzes sehr auf Klangschönheit und stabile Tempi ein, die 'unerhörte Liebe zu dieser Erde, die Sehnsucht, in Frieden auf ihr zu leben' wollte Alban Berg darin hören. Ich kann mich nicht erinnern, die Münchner Philharmoniker so kultiviert und präzise gehört zu haben. Insbesondere die Solospieler in Horn, Bratsche, Flöte, Oboe, Englischhorn und den beiden Klarinetten haben in meinen Ohren nahezu perfekt gespielt. Und dennoch fand ich den ersten Satz etwas zu kulinarisch, mir fehlte etwas an dramatischer Stringenz.

      Die Interpretation des an zweiter Stelle stehenden Ländlers war ungemein tempoflexibel, die Gegenüberstellung der ländlich-derben Welt (die Ländler) und der städtisch-mondänen Welt (die Walzerpassagen) war musikantisch absolut brillant. Mit dem Eintreten der Burleske nahm in meinen Ohren die Innenspannung des Orchesters und der Interpretation noch weiter zu: das garstig-überfordernde des Stücks war für mein Empfinden perfekt getroffen, ich empfand das Tempo etwas unbequem/umheimlich- schärfer als in den meisten mir bekannten Einspielungen: sehr überzeugend.

      Den Höhepunkt des gestrigen Konzertes habe ich im abschließenden Adagio. Sehr langsam und noch zurückhaltend erlebt: Bychkov hat diesen sehr stark von den Streichern dominierten Satz ohne Dirigentenstab geleitet: das Orchester reagierte bewundernswert wach auf die sehr modulationsfreudigen Hände Bychkovs: sowohl die leidenschaftlich-kräftig gesungenen Passagen des Streicherchors als auch die ins klangliche Nichts ersterbenden letzten Passagen des Werks habe ich vermutlich noch nie so gut gehört wie gestern Abend. So war auch das sehr disziplinierte Publikum von dieser sich immer weiter steigernden Interpretation so in den Bann geschlagen, dass es auch als Bychkov die Arme hängen ließ, noch wie benommen und ergriffen das Gehörte nachklingen ließ.

      Ich bin gespannt auf die Eindrücke, die Alexander darlegt, er hatte das Vergnügen, alle drei Aufführungen erleben zu können ....

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Ich bin gespannt auf die Eindrücke, die Alexander darlegt, er hatte das Vergnügen, alle drei Aufführungen erleben zu können ....
      Vielen Dank, trage die Fackel gerne weiter! :top:

      ANGEKOMMEN IM WEITEN LAND

      Die Münchner Philharmoniker spielen unter der Leitung von Semyon Bychkov dreimal Mahlers Neunte in der Philharmonie im Gasteig (München), 19., 20. und 21.2.2020, persönlicher Eindruck

      Gustav Mahlers Symphonie Nr. 9 D-Dur haben die Münchner Philharmoniker an drei Tagen hintereinander in der Philharmonie im Gasteig aufgeführt, und der Schreiber dieser Zeilen wollte einmal im Leben diese gewaltige Abschiedsreise einer musikalischen Seele - Arthur Schnitzer bezeichnet 1911 in seiner Tragikomödie die Seele als „weites Land“ - alle dreimal im Konzert mitleben und mitsterben dürfen.

      Hörempfindungen am ersten Abend:

      Der 1. Satz: Ein Sich-Hineinbegeben in die Musik, schwerblütig, gewichtig, die Steigerung zum ersten Aufschrei – schon ist man mittendrin in diesem weiten Land, dem Seelenland von Gustav Mahlers letzten Lebensjahren. Das weiche, vollblütige Klangbild des Orchesters betört gleichzeitig, es mildert eine Spur die aufwühlende, teilweise schmerzverzerrte, auch verzweifelte, punktuell niederschmetternde Musik. Aber immer wieder rafft sie sich neu auf, nimmt sie sanft weitere Anläufe. Bychkov lässt sie dabei völlig natürlich fließen, er steuert sie in diesem natürlichen Fluss, aber er greift ihn nicht an, erhebt sich nicht darüber. Großartig disponierte Solisten – das Hornsolo! Das wunderschön gespielte, filigrane Satzende wird leider aus dem Publikum zerhustet.

      Der 2. Satz: Bychkov beginnt eher gemütlich, da geht es erdig zu, Kirtag is´, aber auch dieses bunte Landfest zwischen feiernden Bauern, den Verliebten in der Laube und den Tieren die man aus den Ställen rundum hört steigert sich ins Aufwühlende, geradezu in einen Teufelstanz. Oder war es nur eine Schreckensvision? Der Kirtag geht zu Ende, alle gehen heim.

      Der 3. Satz: Sofort geht es aufgepeitscht, aufwühlend, aufgekratzt weiter, eine unruhige, gepeinigte Seele sucht verzweifelt einen Halt. Sie scheint die ganze Weltlast schultern zu wollen, nimmt´s aber plötzlich zwischendurch sogar frech lockerer mit einem Schuss Sarkasmus. Dann macht sie umso verbissener getrieben weiter. Aber da, eine plötzliche Traumvision – die Welt bleibt stehen. Bei Bychkov und den Münchner Philharmonikern hat diese Schlüsselstelle der Symphonie aber etwas gleichwohl standfest Erdiges, das passiert in wunderschönen Naturfarben. Doch der Schmerz meldet sich zurück, noch ist es nicht so weit, die Weltlast muss erneut geschultert und umso rasender weitergetrieben werden.

      Der 4. Satz: Das große Abschiednehmen, zwischen erdigem, klangsattem, auch sentimentalem Orchesterschmelz und transzendent filigran Sphärischem. Man spürt – das Orchester, das schon bisher großartig geschlossen aufgespielt hat, ist hier „wirklich“ angekommen, es spielt zum Heulen schön. Eine halbe Stunde ganze Ewigkeit im musikalischen Abschiedshimmel. Einziger Wermutstropfen: Wer im Publikum husten muss tut dies so laut wie es ihm grad kommt und hält es nicht zurück. Ich und das Konzert, ich und das restliche Publikum, völlig egal ob das grad eine irisierend fesselnde ganz intime Passage ist.

      Die Musik entschwebt ins Nichts, Bychkov hält die Spannung, das Nichts nach dem letzten Verklingen gehört noch zum Werk, es ist im Moment lauter als der lauteste Orchesteraufschrei des Werks. Das Nichts steht im Raum. Was für ein Moment.

      Großer Applaus.

      Bevor das zweite Konzert am 20.2.2020 beginnt, spricht der Orchestervorstand zum Publikum. Es ist der Tag der Ereignisse in Hanau. „Jeder hat einen Platz in dieser Gesellschaft.“ Und ein deutliches „Nein zu Rassismus“. Von Herzen kommender Applaus des Publikums. Die Münchner Philharmoniker und Semyon Bychkov widmen dieses Konzert den Opfern von Hanau.

      Vielleicht ist es der Tag, ist es diese Ansage, ist es das was die Zuhörerschaft nun erwartet, ist es Einbildung, ist es was auch immer – von der ersten Sekunde an wirkt Mahlers Neunte an diesem Abend noch angespannter, inniger, leidenschaftlicher. Noch intensiver vermag der Schreiber die Verflechtungen der Musik wahrzunehmen, ins Innerste des weiten Landes vorzudringen ohne jemals irgendein Ziel erreichen zu wollen oder können, einfach nur drin zu sein, sich darin tief berührt zu bewegen.

      Die Huster sind nicht ganz so penetrant unterwegs wie am Vortag aber dann doch ausgerechnet im intensiv angespanntesten Pianissimo, als hätte man es geahnt.

      Wie am Vortag ist der intensivste Moment des Konzerts der nach dem Ausklingen der Musik. Die Stille danach steht im Raum wie ein gewaltiges Monument. Diese paar Sekunden bis zum Applauseinsatz (in denen sogar wirklich niemand hustet!) gehören unbedingt noch zum Werk.

      Erneut großer Applaus, dem Anlass geschuldet gefühlt noch etwas bewegter, herzlicher.

      Vor dem dritten Konzert vergegenwärtigt sich der Schreiber noch einmal Leonard Bernsteins Auffächerung des Werks als viermaliges Lebewohl: Im 1. Satz der Abschied von Zärtlichkeit, Leichtigkeit, menschlicher Liebe, der 2. Satz der Abschied vom Landleben, der 3. Satz als Abschied von der bürgerlichen Dekadenz und das Finale in seiner Klammer aus Leben und Körperlosigkeit, wo schließlich das Loslassen gelingt.

      Für so ein Orchester ist das sicher schon auch eine immense, außergewöhnliche Herausforderung, so ein vielschichtiges Werk dreimal hintereinander auf höchstem Niveau aufzuführen. Die vielen exponierten Soli, die Balance der Orchestergruppen, das Ineinandergreifen aller Stimmen, die ungeheure Spannung die sich immer wieder zu entladen hat – Semyon Bychkov und die Münchner Philharmoniker vermitteln dem Schreiber auch in diesem dritten Konzert, absolut alles zu geben, hier ganz unbedingt alle Leidenschaft, allen Abschiedsschmerz, allen Trost voll und ganz weiter geben zu wollen, auf ihrem höchsten Interpretations- und Klangniveau. Man hört wieder neue Details heraus und wartet auf andere noch einmal ganz heftig, um einmal mehr tief bewegt bis erschüttert vor der Unbegreiflichkeit großer Musik zu stehen.

      Auch positiv hier: Im letzten Konzert verhalten sich die Erkälteten am diszipliniertesten, es wird am wenigsten gehustet (obwohl gleich nach den ersten Takten des 1. Satzes das erste Mal extrem auffällig).

      Und dann also noch einmal, ein letztes Mal hier, die überirdisch schöne Musik des Finalsatzes zwischen dem streichersatten Festhalten am Irdischen und der transzendenten Welt „drüben“ – ja, für den Schreiber durchaus auch überirdisch schön gespielt, vor allem in den filigraneren Passagen mit fast magischer Innenspannung.

      Dirigent Bychkov verneigt sich beim lang anhaltenden Schlussapplaus in dem er zum dritten Mal alle Orchestersolisten und -gruppen großartig ausführlich heraushebt auch vor dem Orchester.

      Der Nachhall: Die Stille nach dem Ausklang ins Nichts. Angekommen im weiten Land.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Ganz kurz: Die ersten beiden Wiener Philharmoniker Konzerte in München gestern und heute haben stattgefunden, gestern Beethoven 1. bis 3., heute 4. und 5. Symphonie. Das Orchester unter Andris Nelsons´ Leitung meinem Höreindruck nach ungleich fokussierter, mit viel mehr Power unterwegs als bei der Aufnahme. Haben das für die Tournee wohl extra hochgezogen. Heute im Gegensatz zu gestern (Steude) Albena Danailova Konzertmeisterin. Hochspannung durchgehend. Veranstalter Schessl hat vor Beginn heute gesagt es entscheidet sich von Tag zu Tag, ob die restlichen beiden Konzerte stattfinden, man soll ab Mittag auf der Münchenmusik-Homepage schauen. Das Publikum, das heute nach dem Finaltriumph der Fünften Standing Ovations gegeben hat, ist wohl eher für die Fortsetzung.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK