Konzerterfahrungen in München

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    • Lieber Alexander,

      danke für diesen Bericht.

      Ich wäre am Samstag gerne in das Konzert gegangen, aber leider habe ich nicht aufgepasst - und Karten für die Tosca an der Staatsoper für den selben Tag gekauft (naja, auch nicht sooo schlecht)....

      Aber das Program ist schon ziemlich interessant - ich muß mir die Kammerkonzerte des Bayerischen Rundfunksinfonie-Orchester mal besser merken.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Liebe Melanie,

      als "Notlösung" bleibt ja noch die Radioaufzeichnung. Sollte meine Aufnahme klappen, sende ich Dir dann eine PN.
      Oper: Wollte ja morgen in den "Figaro" ins Nationaltheater, wird sich leider aus beruflichen Gründen aber wohl doch nicht ausgehen, wie sich heute abzeichnet.
      (Und wahrscheinlich hätte ich festgestellt, dass "ausverkauft" in München wirklich "ausverkauft" heißt, auch was die Stehplätze betrifft.)
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      dann schließe ich mit den Eindrücken des Auftritts von Philippe Jaroussky und dem Ensemble Artaserse an. Gestern Abend fand das Konzert im Prinzregententheater in München statt. Zu berichten gilt es vom Konzert zur vor wenigen Wochen erschienenen CD 'The Händel Album'. Konzert wie CD orientieren sich, der Händelianer in mir ist begeistert, nicht an den wenigen, mittlerweile gut bekannten Opern des Hallensers, sondern nehmen v.a. ziemlich unbekannte Werke aus ziemlich genau zwanzig Jahren der Londoner Produktion in den Focus (in dieser Reihenfolge im Konzert): Radamisto HWV 12a/b (1720), Ezio HWV 29 (1732), Flavio HWV 16 (1723), Siroe HWV 24 (1728), Imeneo HWV 41 (1740), Giustino HWV 37 (1737) und Tolomeo HWV 25 (1728). Einiges davon ist mir nach über dreißig Jahren regelmäßigen Händelhörens noch nicht live begegnet, andere Stücke hingegen schon, so dass ich mich in die Ariensituation recht gut hineinbewegen kann. Das ist dann auch schon mein Hauptproblem beim gestrigen Konzert gewesen. Doch dazu später mehr.

      Im seit Wochen ausverkauften Prinze war ein Münchner Publikum versammelt, das seinen Gesangsstar liebt, kennt und feiert, das vermutlich auch bei nicht so viel gespielten Komponisten seinem Künstler die Stange hält. Gesanglich und gesangstechnisch war es auch wieder ein absolutes Verwöhnprogramm, das Jaroussky geboten hat. Sowohl mir als auch Mitsängern aus meinen Münchner Chören stand der Mund offen, wie selbstverständlich Jaroussky mit leichtestem Ansatz herrliche Töne produziert hat, auch Kadenzen, Momente des Innehaltens wie der Übergang von B-Teil zur Wiederholung des A-Teils wurden professionell zum Luftanhalten gestaltet. Alles prima.

      Auch die Programmgestaltung - nach der eröffnenden Ouvertüre des Radamisto erfolgten Arien und Orchesterstücke (v.a. aus den Concerti grossi op. 6) in klug disponierter Reihenfolge: weil das Publikum artig wartete, dass das Stück ausklingt, gingen viele Stücke ineinander über, so dass es nur wenige Unterbrechungen durch Beifall gab - war sehr fein und austariert. Die Orchesterstücke waren ziemlich ordentlich, aber eher auf dem summarischen Seite musiziert, da ist mehr an Schattierungen, lautstärkemäßigen Abstufungen und Phrasierungen denkbar als das gestern gebotene.

      Am Beginn des Arienteiles standen zwei Arien aus Ezio und Flavio, die den zärtlich liebenden Helden charakterisieren 'dolci affetti tuoi' bzw. 'Bel contento già gode quest'alma' geben hier den Ton vor. Hier war Jaroussky sichtlich in seinem Element, hier kann er mit seiner weich und schön geführten Stimme überzeugen. Danach folgte die große Szene des Siroe vom Beginn des dritten Akts 'Son stanco, ingiusti Numi, di soffrir l'ira vostra': hier steht ein verzweifelter Held, der sich schuldig fühlt, im Zentrum: emotionales Außer-sich-sein, Aufruhr gegen die ungerechte Welt sind gefragt. Hier konnte mich die Interpretation Jarousskys nicht überzeugen: allzu wenig wusste er die Erregung, das Aufbrausen der verklagten männlichen Unschuld zu gestalten. Das war prima gesungen, aber das war Meilen vom emotionalen Kern dieses Stücks entfernt.

      Die nächste Arie war die Schlussarie des Tirinto aus der ersten Szene des ersten Akts 'operetta' Imeneo 'Se potessero i sospir miei'. Schon textlich kommt die Ironie der Musik eigentlich klar hervor. Hier ist ein zaudernder lover, der aber weiß, dass er die Herzen der Frauen mit seinem Gesang jederzeit brechen kann, geschildert, das Stück trieft textlich wie musikalisch vor Ironie: gehört habe ich davon wieder gar nichts. Den Abschluss des ersten Teils bildete die Szene des Radamisto HWV 12 'Vieni, d'empietà ...Vile, se mi dai vita' aus dem dritten Akt: Auch hier ist der Titelheld außer sich: er steht seinem Feind Tiridate gegenüber, beschimpft ihn, obwohl unterlegen. Die Brutalität der Szene und das Selbstbewusstsein des Helden wurden allein über Lautstärke des Orchesters, nicht durch bedrohlich sich aufbauende Spannung geschildert. Im Vergleich zu den anderen Arien des ersten Programmteils war Jaroussky hier nun aber wenigstens darstellerisch glaubwürdiger.

      Am Beginn des Gesangsteils des zweiten Teils stand die am Schluss der Auftrittsszene des Giustino stehende Kopplung 'Chi mi chiama alla gloria ... Se parla nel mio cor', ein Stück, das in der Zeit der Entstehung einer der großen Hits der späten Opern Handels war. Auch diese Oper ist höchstens semi-seria, die Titelfigur hat gerade eine in Musik geschilderte Erscheinung der Fortuna gehabt, die sie zu Höherem aufruft, aber leider sind die Umstände des Helden noch nicht so. Hier bereitet sich ein zukünftiger Held auf seine glorreiche Zukunft vor: gehört hat man von diesem nicht völlig ernsten Stück kaum etwas vom Inhalt.

      Die nächsten beiden Stücke sind für mich absolute Lieblingsstücke: das für Senesino geschriebene 'Che più si tarda omai ... Stille amare' des Titelhelden aus Tolomeo und die Anrufung der (vermeintlich) toten Gattin aus Radamisto 'Ombra cara': das erstere eine Selbstmordszene (für das lieto fine wichtig: die Tropfen, die der Held nimmt, sind kein Gift, das er zu trinken glaubt, sondern ein Schlafmittel): auch hier steht die Figur völlig außer sich: Verzweiflung, Schmerz stehen im Zentrum: eine glaubwürdige Schilderung dieser Emotionen habe ich nicht vernommen. 'Ombra cara' ist die Schilderung und Würdigung einer großen Seele, es ist ein trost- wie schmerzvolles Stück Musik, das dennoch fahle Farben und eine 'große Seele' verträgt: Hier war es grandios gesungen, nur fehlten gegenüber emotional beteiligteren Interpreten Welten.

      Die abschließende Szene des für Senesino geschriebenen Guido aus Flavio 'Privarmi ancora dell'amata beltà? ... Rompo i lacci' war wieder eine recht derbe Schilderung eines aufbrausenden Liebhabers, ein sehr virtuoses Stück, das den verdienten Applaus hervorkitzelte. Zugaben waren das innige 'Qual nave smarrita' aus Radamisto, 'Sì, la voglia e l'otterrò' des Arsamene aus Serse HWV 40 und als Abschluss das 'Ombra mai fu' des Titelhelden aus der gleichen Oper. Ich weiß nicht, was genau passieren musste: insbesondere bei der Arie des Arsamene war Jaroussky wie verwandelt: er hatte Spaß an der (offensichtlich) musikalisch übertrieben geschilderten Eifersucht und dem Selbstbewusstsein des Königsbruders, er spielte, er gestaltete witzig, war wie verwandelt. Eigentlich nur in dieser knapp drei Minuten langen Zugabe zeigte Jaroussky, was als Gestalter in ihm steckt: das hatte Biss, das hatte Witz und ein wenig Brutalität, das war großartig gestaltet.

      Mit dem Blick von dieser zweiten Zugabe auf das Konzert zurück wünschte ich mir, dass Jaroussky diesen Weg weiter geht, sich den weiten emotionalen Bogen der Handel'schen Musik stellt und dort eintaucht. Dort könnte man noch so manches erleben ... Aber dafür ist er auch mit der gebotenen Darstellung schon erfolgreich genug .... Trampeln, Johlen, standing ovations gab es auch so ...

      Gruß Benno
    • ALLE ACHTTAUSENDER NIEDERGEWALZT

      Ein Klavierabend mit Peter Chukhnóv im Steinway Haus (München), 17.11.2017 - ein persönlicher Höreindruck

      Wenn man Franz Liszts monumentale h-Moll Sonate, Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ und Mili Balakirevs Orientalische Fantasie „Islamey“ als pianistische Achttausender ansieht, was sind dann die das Konzert eröffnenden sieben Fantasien op. 116 von Johannes Brahms? Der 1993 in Moskau geborene Pianist wirft sich in die erste daraus, ins Capriccio d-Moll, kraftvoll und präsent, die Akustik des kleinen Saals mit fast erschlagender Lautstärkenentladung völlig ignorierend, also zumindest gleich einmal einen Mont Blanc erklimmend. Ich mag ja das Intermezzo a-Moll op. 116/2 besonders gern. Zwar gibt Chukhnóv diesem doch Poesie und Verinnerlichung, er bleibt aber in seinem grundsätzlich vorwärtsdrängenden, kräftigen, selbstbewussten Duktus, den das Capriccio vorgegeben hat und zieht das auch durch alle anderen op. 116 Stücke beinhart durch.

      Derart überrumpelt bleibt alles still nach dem letzten Ton, das ist wohl auch ganz im Sinne des Pianisten, alle starren gebannt zu ihm, wie er die Konzentration zusammenrafft, sich in die halbe Stunde Liszt zu stürzen. Und diese setzt den Brahms-Ansatz fort: Stupend virtuos, im Rezitativischen und Poetischen etwas ungestüm, mit festem Schritt durch alles durch, sich einem h-Moll-Sonaten-Rausch hingebend, der keine Weile duldet, nahezu alles niederwalzt was sich ihm in den Weg stellt, ein eiliges, schwindelerregendes pianistisches Furioso sondergleichen. In gefühlten 22 Minuten ist Chukhnóv durch. Im Gegensatz zur CD-Aufnahme von Leslie Howard der ähnlich rasch unterwegs war ratscht Chukhnóv das Werk keineswegs durch, nichts kommt beiläufig, alles hat enormes Gewicht, und kleine Unsauberkeiten passieren nie in den exponierten Passagen, wenn dann irgendwo „im Mittelfeld“, sie lassen sich souverän überspielen. Das Publikum ist verblüfft angesichts so rasch hingeworfener, wild grimmiger Virtuosität.

      Ist diese ungeduldige Eile der Nervosität geschuldet oder einem Konzept? Der nächste Achttausender (Mussorgsky) bestätigt eher zweiteres – wieder wird alles niedergewalzt, mit schwindelerregender Technik, mit ungeheurer Kraft, und, wie gehabt, sehr eilig, etwa beim alten Schloss oder bei den Promenade-Zwischenspielen. Und dann – in die Hütte der Baba Yaga sowie durch das große Tor von Kiew, darauf hat er offenbar nur gewartet, da dreht er noch einmal extra auf, er donnert durch und landet im x-fachen Fortissimotriumph.

      Jetzt geben sie ihm keine weitere Chance zur atemlosen Pausenlosigkeit, sie applaudieren sofort, aber sie dürfen nur kurz, schon sitzt er wieder am Steinway Flügel der immer noch da steht und wirft sich auf den dritten Achttausender, Balakirevs „Islamey“. Das irrwitzig virtuose Stück scheint, derart kräftig und stark gespielt, auch um ein paar Minuten schneller abzulaufen als man es gewohnt ist. Am Ende hat man das Gefühl, alle Achttausender wurden niedergewalzt.

      Chukhnóv räumt ab, alle sind verblüfft und überwältigt von dieser vor allem technischen Bravourleistung. Vielleicht bringt er ja doch in den nächsten Jahren eine gewisse innere Ausgeglichenheit ins Spiel, etwas mehr Ruhe, die dem Zuhörer auch Möglichkeit zum Innehalten gibt, dort wo die Musik es ermöglichen könnte. Als Zugabe wiederholt der Pianist das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalten aus den „Bildern einer Ausstellung“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • WAS FÜR EIN FARBENREICHTUM!

      2. Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters 2017/18, dirigiert von Cristian Măcelaru, Solist Francesco Piemontesi, Nationaltheater (München), 20.11.2017 - ein weiterer persönlicher Höreindruck

      München kann sich schon glücklich schätzen, drei solche Spitzenorchester wie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Münchner Philharmoniker und das Bayerische Staatsorchester in der Stadt zu wissen. Von der Qualität des letzteren konnte ich mir an einem ganz normalen Montagabend im Nationaltheater ein eindrucksvolles akustisches Bild machen, ermöglichte doch eine spontan am Vormittag gekaufte Balkonstehplatzkarte (billiger als eine Kinomontagskarte!) die fabelhafte Gelegenheit, das Orchester in seiner ganzen Farbenpracht erleben zu können. Dazu trugen sowohl die Werkauswahl mit zwei Erstaufführungen in den Akademiekonzerten als auch die Interpretation auf höchstem Orchesterniveau, nicht zuletzt aber vor allem auch die grandiose Akustik bei, die von diesem Balkonstehplatz aus erlebbar wurde, eine Akustik, wie ich sie beispielsweise in der Philharmonie im Gasteig derart klangprächtig noch nie gehört habe.

      Dirigent Cristian Măcelaru konnte bereits mit dem ersten Werk des Konzerts die prachtvollen Klangfarben des Orchesters ganz großartig zur Geltung bringen. Zoltán Kodálys Konzert für Orchester dauert ca. 20 Minuten, läuft in einem Satz durch und hat deutlich erkennbare fünf Abschnitte, wobei die drei rascheren Rahmen und Mittel bilden und zwei Largos dazwischen stehen. Das teilweise archaisch anmutende, auch rhythmisch mit reizvollen Passagen aufwartende Werk lässt vor allem im ersten Largo aufhorchen, bei dem ein markantes Thema durch Einzelinstrumente bzw. Gruppen weitergereicht wird und die anderen Instrumente dazu verschiedenste Farben mischen – klanglich äußerst subtil das alles. Exzellent hat sich das Orchester damit auch dem Besucher, der nicht so eine Routine hat, vorgestellt.

      Francesco Piemontesi, der Franz Liszts Klavierkonzert Nr. 2 A-Dur ein paar Tage zuvor schon zweimal in Frankfurt am Main gespielt hatte, versuchte nun vom ersten Einsatz weg in keinster Nuance, den Eindruck abgespielter souveräner Routine beim ersten seiner zwei Münchner Auftritte mit diesem Werk zu erzeugen. Vielmehr machten Măcelaru und er das Konzert überraschend gegenwärtig, entwickelten sie es aus einer wirklichen Spielfreude des Zusammenspiels, des gemeinsamen Atmens heraus, in den virtuosen Passagen genauso wie im Poetischen. Dabei zeigte sich der Pianist sehr wohl souverän, aber eben auch flexibel im Agogischen. Lebendige Musik im Augenblick – das wussten Solist und Orchester großartig zu vermitteln. Entsprechend heftig der Jubel danach, der eine auch wieder überraschende Zugabe ermöglichte, vom Solocellisten des Orchesters Jakob Spahn und Piemontesi (dieser auch hier auswendig spielend!) in weiter schönster poetischer Harmonie angeboten.

      Nach der Pause wurde der Farbenreichtum des Konzerts vollends auf die Spitze getrieben, da trumpfte das Orchester mit Belá Bartóks kompletter Pantomime-Musik „Der holzgeschnitzte Prinz“ auf, mit der Geschichte der Prinzessin, die erst begreifen muss, dass es mit einer Holzpuppe nicht das Wahre ist, um letztendlich doch mit dem echten Prinzen glücklich werden zu können. Was Bartók da in dieser ziemlich ausführlichen akustischen rein instrumentalen Geschichte an bunten Orchesterfarben, die das Geschehen nahezu plastisch vor Augen führen, herauszaubert (und somit das Orchester im Opernhaus), macht sofort süchtig auf mehr, vom Werk (ich denke darüber nach, die DGG Aufnahme mit Pierre Boulez aus Chicago anzuschaffen) wie vom Orchester (möglichst bald wieder in die Oper, ob zu Oper oder Konzert). Gleich der Anfang: wie Rheingold, aber was für eine ganz eigene Steigerung entwickelt sich aus dem Fließen hier, schon diese paar Minuten ziehen (mich) völlig in den Bann der Musik. Es ist ein gewaltiger aber subtiler Orchesterrausch, der sich dann breitmacht, mit all den Farben der Leidenschaft der Prinzessin wie des Hampelns der Holzpuppe, bis zum „Happy End“. Großer Applaus für die kompakte, beeindruckende Orchesterleistung!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      dann schließe ich hier mit dem gestrigen Konzert der BR SO mit Jean-Guihen Queyras, Violoncello, unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner im Herkulessaal an. Ein reines Schumann-Programm stand an: Manfred Ouvertüre, Cellokonzert und C-dur-Symphonie. Das Orchester saß in ca. 60er Besetzung (11 erste Geigen) auf der Bühne. Meine Erwartung wäre, dass bei einer solchen Besetzung Balance-Schwierigkeiten nicht zu erwarten sein würden. Leider stellte sich das für mich dann doch an der einen oder anderen Stelle anders dar. Dazu mehr im Folgenden.

      Es war für mich tatsächlich noch eine Erstbegegnung dabei: die Manfred Ouvertüre war mir bisher immer entgangen, ein wirklich tolles Stück, das in seiner Zerrissenheit mitreissend dargeboten wurde. Aber leider gab es immer wieder Stellen, in denen die in diesem Stück größte Blech-Besetzung des Abends - 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen - insbesondere die Holzbläser völlig zugedeckt hat. Ich spreche, wohlgemerkt vom Raumerlebnis. Hier war ich etwas enttäuscht, weil ich bei den jüngeren CD-Aufnahmen Gardiners zum romantischen Programm (also: Mendelssohn mit dem LSO, Brahms mit dem ORR) bessere Abmischungen erlebt habe. Und natürlich erlebe ich das auch in den Konzerten in München regelmäßig so.

      Das Cellokonzert war der Höhepunkt des Abends: Jean-Guihen Queyras hat die Leidenschaft und die große Geste des Stücks in meinen Ohren mustergültig präsentiert, durch das deutlich verkleinerte Blech (nur 2 Trompeten, 2 Hörner) war auch die Orchesterbalance eine viel überzeugendere als in den beiden anderen Stücken. Ganz besonders gelungen war die fein verwobene Stelle zwischen Solist und dem Solo-Cello des Orchesters (Lionel Cottet) im mittleren Satz, die ich noch nie so zart, innig, dialogisch gehört habe. Das war magisch. Als Dank für den großen Jubel von Orchester und Zuhörern spielte Queyras ein Stück von Dutilleux, von dem er sagte, dass er es als Preisträger des ARD-Wettbewerbs schon einmal an gleicher Stelle gespielt habe.

      Nach der Pause spielte das Orchester - stehend, wie Gardiner das auch mit dem LSO bei romantischem Programm regelmäßig handhabt - wieder ungemein druckvoll und mitreißend die Zweite Symphonie. Und wie schon beim Manfred gab es viel Tolles zu erleben, wie die tollen Akzente und Crescendi ins piano, ich fand die Tempowahl durchweg gelungen, aber: die Klangbalance im Raum war nicht gut, sobald im Kopf- und Schlusssatz alle Posaunen mitspielten, waren die Bläser nicht zu vernehmen, alle Crescendi gingen zu schnell und das notwendige Decrescendo kam nicht entschieden genug. Grundsätzlich darf der langsame Satz, so denke ich, deutlich mehr Klangfarben und mehr Atmosphäre bieten. Auch Gardiner und das Orchester wurden für die gemeinsam erbrachte Leistung sehr bejubelt.

      Heute Abend ab 20 Uhr live in BR Klassik erneut zu erleben.

      Gruß Benno
    • DREI CHARAKTERE

      Georg Pfirsch (Violine) und Henri Bonamy (Klavier) spielten Werke von Mozart, Beethoven und Brahms im Lehrinstitut Bencic (München), 16.12.2017, ein persönlicher Konzerteindruck

      Als die beiden Interpreten das zweite Werk des Konzerts zu spielen begannen fiel mir auf, wie, obwohl wieder die Violine und das Klavier mit stilistisch gar nicht so weit vom ersten Werk entfernter Musik zu hören waren, der Charakter der Musik und somit auch der Charakter des Komponisten sofort ein völlig anderer war. Dabei spielten die beiden hier und in der Folge auch beim dritten Werk des Konzerts alles gleichwertig herzhaft musikantisch, auf klanglich, musikalisch und im Zusammenspiel höchst professionellem Niveau. (Ein kleines Konzert in kleinem, nicht ausverkauftem Rahmen wird von Interpreten dieser Qualität also, wie schön, genauso ernst genommen wie ein teures ausverkauftes Konzert an jedem etabliertem Ort, es wird in keinster Sekunde der Eindruck vermittelt, dies sei ein nebensächliches, unwichtiges, eventuell als Probedurchlauf weniger engagiert durchzuspielendes Konzert!)

      Wolfgang Amadeus Mozart, der Universelle, die Sonate F-Dur KV 376 – also sofort ging es hochprofessionell und gleichzeitig herzhaft musikantisch los, im Auftreten der 1989 in München geborene Münchner Philharmonische Geiger und der 1979 in Hannover geborene Pianist betont ernsthaft und hochkonzentriert, keine äußerlichen, optischen Attribute, die ablenken könnten von der Musik selbst, die einzig wichtig blieb. Sie offenbarte das Genie Mozart genauso wie in dessen Bühnenwerken, geistlichen Werken, Solo- und anderen Kammermusikwerken, eben wie in allen Genres die er bedient hat, pointiert (das Rondeau!) und vertieft (das Andante!), wie selbstverständlich ist diese Musik, eben universell.

      Dann der Individuelle, Ludwig van Beethoven, die Sonate A-Dur op. 12/2, eben – Musik aus demselben Humus, aber ein völlig anderer Charakter. Und sie begaben sich in den 2. Satz, das Andante più tosto Allegretto, und einer dieser ausholenden großen frühen langsamen Beethoven-Sätze tat sich auf. Die Zeit blieb stehen. Ha, überlistet, auch hier wurde es universell, was sollten die Gedankenspiele um Charaktere, das ist einfach ganz große Musik, weiter herzhaft musikantisch auf höchstem Niveau vorgetragen.

      Stellte die Sonate Nr. 3 d-Moll op. 108 von Johannes Brahms nach der Pause einen anders individuellen, vielleicht auch im Musikantischen etwas verinnerlichteren Charakter als Beethoven vor? Sie stellte auf jeden Fall ein weiteres exemplarisches, hochinspiriertes Werk für Violine und Klavier vor, auch mit einem Schuss Geheimnis im weiter herzhaft Musikantischen gespielt, auffallend das innige Adagio, mit Schwung das Finale.

      Das Publikum erklatschte sich rasch die Zugabe, Brahms´ wuchtiges Da-Da-Da-Dam-Scherzo zur FAE-Sonate.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • TORTENESSEN AM SONNTAGNACHMITTAG

      Zu einem Konzert mit dem Orchestre Philharmonique de Strasbourg in der Philharmonie im Gasteig (München), 17.12.2017, ein persönlicher Konzerteindruck (Zwielicht hat das Orchester am Tag davor auch gehört, allerdings von CD ;) )

      Mit George Bizets griffig zusammengestellter Carmen-Suite Nr. 1, beginnend mit dem „Schicksalsmotiv“ und endend mit dem Einzug der Stierkämpfer, kann sich ein Tournee-Orchester so richtig gut vorstellen. Ich bin seit Carlos Kleibers im Dezember 1978 aus der Wiener Staatsoper im ORF übertragenen Premiere verdorben für diese Musik (mit Kleibers fulminant-mitreißenden Tempi!), aber auch die Gäste dieses Tages, geleitet von ihrem Chefdirigenten Marko Letonja, zeigen sich kompakt und bringen die Musik auf den Punkt.

      Das ist die erste mehrerer musikalischer Torten, die im ausverkauften Sonntagnachmittagskonzert nacheinander serviert werden, allesamt üppig aufbereitet, tourneegerecht klanglich opulent und kompakt.

      Yulianna Avdeeva, deretwegen der Schreiber dieser Zeilen sich für diesen Konzertbesuch entschieden hat, spielt George Gershwins Rhapsody in Blue, diesen herrlichen Pseudo-Tschaikowsky mit seinem originellen Jazz-Idiom, zupackend-impulsiv, durchaus effektvoll und pointiert. Das Werk ist Show, und genau so will es das Publikum hören, und es kriegt seine Show. Herzlicher, aber kurzer Applaus, alle wollen in die Pause, keine Zugabe der Solistin. Das finde ich schade.

      Nach der Pause gibt es drei weitere beliebte Torten, allesamt vom Klangmagier Maurice Ravel. Das Programmheft erklärt die Suite für Orchester Ma mère l’oye zum ersten Werk, es erklingt aber der Orchesternebel, aus dem sich La Valse herausschält. Offenbar ist es egal, welche Torte zuerst gegessen wird. Mutter Gans und ihre Märchenwelt müssen noch warten. Auch im Walzertaumel erklingt eine tourneegerecht auf den Punkt abgelieferte, klangprächtige Interpretation, bei der Dirigent Marko Letonja hörbar genau das Walzeridiom herausgearbeitet hat.

      Auch abgespeckt lassen sich, jetzt doch im Märchenreich von Mutter Gans, dem Orchester schönste Klangfarben entlocken, mit dem Vorspiel in die zauberische Welt hinein, zum Spinnrad, bei Dornröschen, mit der Schönen und dem Biest, dem Däumling, der Kaiserin der Pagoden und schließlich in der Traumwelt des Zaubergartens. Diese Torte schmeckt ebenso allen gut.

      Besonders gespannt durfte man auf Ravels nun folgenden Boléro sein, diese faszinierende viertelstündige Orchestersteigerung. Hier hört man ja (wie bei Mozart), wenn winzigste Nuancen nicht ganz sauber erklingen, da steht jedes Orchestermitglied in der Auslage, insofern ein sauschweres Werk. Und ja, es sind zwei, drei kleine Unsauberkeiten zu hören, aber der ganz große Bogen, die Steigerung selbst, die immer suggestiver sich aufbauende Spannung kommen einmal mehr mitreißend, nahezu magisch rüber. Das provoziert selbstverständlich mit dem Schlussakkord lautstarken Jubel.

      Zwei weitere Tortenstücke liegen noch bereit. Eine besonders lyrische und eine tourneegerecht schmissige Zugabe runden das Konzert ab, beide vom Dirigenten mit launigen Worten angekündigt. Es geht erneut in einen Zaubergarten, mit dem Adagietto aus der L’Arlésienne-Suite Nr. 1 von Georges Bizet, und dann wird noch einmal klangprächtig aufgespielt, mit einem Tanz aus Jules Massenets „Thaïs“.

      Zum Abendessen eventuell Schonkost – nach diesen üppigen Süßspeisen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • BITTE NICHT STÖREN!

      Werke von Johannes Brahms mit den von Gustavo Dudamel dirigierten Wiener Philharmonikern in der Philharmonie im Gasteig (München), 16.1.2018 - ein persönlicher Höreindruck

      Als in München lebender Wiener versuche ich seit einigen Jahren, regelmäßig die Gastspiele der Wiener Philharmoniker in der Philharmonie im Gasteig besuchen zu können. Diesmal hatte ich einen Sitzplatz in Block Q, oben links, aber schon Richtung Mitte. War recht überrascht, dort akustisch nicht zu schlecht wegzukommen. Sowohl das spezielle, eher weiche, sinnliche Klangbild des Orchesters als auch die Verflechtungen innerhalb des Orchesters („Stereoklang“) kamen auffallend gut zur Geltung.

      Mit einem Johannes Brahms-Programm ging man diesmal auf Nummer sicher. Die vor der Pause gebotenen Werke gehören nicht zu meinen persönlichen Lieblingswerken von Brahms, aber gerne wiederhören tu´ ich auch sie allemal. Bei der Akademischen Festouvertüre op. 80 mit ihren Studentenliedzitaten bis zum von einigen um mich herum mit diesem „Ah ja!“-Blick erkannten Gaudeamus igitur und bei den feinsinnig ausgeloteten Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a konnte sich das Orchester (die Konzertmeister Honeck und Danailova an den 1. Pulten) gut mit freundlichen, leicht zugänglichen Werken präsentieren, einerseits eben was die harmonisierende weiche Klangkultur betrifft, andererseits durch Brahms´ Einsatz vor allem der Holzbläser, ob Solo oder in Gruppen, in Korrespondenz zum Streichkörper, natürlich auch mit dem Blech. Ich fand die Abstimmung der Orchestergruppen untereinander wunderbar ausgewogen, fein ausbalanciert. Das war klassische Wiener Brahms Tradition pur. Dudamel störte nicht. Er wirkte elegant in seinen Bewegungen, aber interpretatorische Akzente fehlten völlig. Würde ich einen Automaten programmieren der meine Vorstellung wie die Wiener Philharmoniker Brahms spielen ausspucken könnte, die Werke würden genau so erklingen wie sie erklangen. Dudamel beschränkte sich so wie ich es gehört habe aufs Koordinieren und aufs Tempohalten, weder agogisch noch klanglich fiel da irgendetwas aus dem Rahmen. Was hätte Nikolaus Harnoncourt mit diesem Orchester schon aus diesen Werken kreativ gestaltend herausgeholt, das ging mir mehrmals durch den Kopf, dabei aber schon den Klang und das Weitertragen der Wiener Philharmonischen Brahms Tradition mehr als genießend. Es gibt eine Variation bei den Haydn-Variationen, da können sie so richtig wienerisch ausschwingen, und das taten sie auch. Erwartungshaltung voll erfüllt!

      Auffallend finde ich schon, dass man als weltberühmtes Orchester, kommt man ziemlich regelmäßig in ein- und dieselbe Stadt zum Gastspiel, nach 2007 (Daniele Gatti) und 2015 (erneut Gatti, damals alle vier Symphonien) schon wieder die Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68 als Hauptwerk nach der Pause anbot. Andererseits störte mich das insofern weniger, als diese Symphonie zu meinen absoluten Lieblingswerken überhaupt zählt und ich sie gar nicht oft genug hören kann, auch live gespielt von den Wiener Philharmonikern in München. Schon der Rahmen des 1. Satzes mit seiner chromatischen Gegenbewegung im 6/8-Takt zieht mich jedes Mal unwiderstehlich in seinen Bann. Hier erst recht und im ganzen Sonatenhauptsatz des 1. Satzes sowie für den Rest der Symphonie erfüllte sich die erwartbare Fortsetzung des Ansatzes von vor der Pause – beste Wiener Brahms Tradition im schönsten Wiener Klangbild, ohne außergewöhnliche interpretatorische Akzente. Einmal im Übergang von der Exposition (die Dudamel nicht wiederholen ließ) zur Durchführung passierte dem Wiener Horn ein „Fulapp“-Einsatz, das ist halt die Crux, dass man das beim Horn so deutlich raushört. Nikolaus Harnoncourt hat einmal betont, ihm ist dieses von der Saalluft abhängige Risiko lieber, als auf den spezifischen Hornklang verzichten zu müssen. (Insofern auch vollstes Verständnis vor Ort: Besonders herzlicher Applaus des Publikums für diesen Hornisten, als Dudamel sich im Jubel nach der Aufführung bei jedem einzelnen Solisten bedankte.) Satter Streicherklang und aufblühende Holzbläser prägten die Interpretation der Sätze 2 und 3, weiter in völlig erwartbarer bester Wiener Musiziertradition. Enorm spannend fand ich (schon einmal vom Aufbau her) erneut das große Finale der Symphonie. Diese rezitativische Einleitung mit den die Spannung großartig anziehenden Pizzicatopassagen, dann das schön und klar ausstrahlende Blech, und schon war man drin im ausführlichen Hauptsatz, den Dudamel tourneegerecht straff durchzog. Das sicherte den (ebenso erwartbaren) Jubel.

      Ich war so naiv zu glauben, als Zugabe würde nun einer der Ungarischen Tänze folgen. So einfallslos kam das Wiener Starorchester aber keineswegs daher. Als hätten sie gewusst, was speziell mir eine besondere Freude machen würde, überraschten und verblüfften sie mit zwei ganz speziellen Schmankerln – einerseits einer Würdigung im Jahr des 100. Geburtstages von Leonard Bernstein mit dessen hier klangsatt-selig gebotenem 7/8-Waltz aus dem Divertimento, andererseits nicht mit einem Johann, sondern mit Josef Strauss, mit dessen Polka schnell „Winterlust“ op. 121. Das war der ideale Rausschmeißer, der Jubel entlud sich danach am heftigsten.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • KREISEN IM UNIVERSUM

      Orchesterwerke von Hechtle, Saunders und Feldman mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal der Münchner Residenz, 19.1.2018 - persönliche Höreindrücke

      Drei zeitgenössische Werke standen auf dem Programm des Musica Viva Konzerts des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung des an diesem Abend beim Orchester debütierenden israelischen Dirigenten Ilan Volkov. Die ersten beiden verbindet das Geburtsjahr der Komponisten und dass beide bei Wolfgang Rihm studiert haben, das zweite und das dritte, dass beide Werke mit Samuel Beckett zu tun haben.

      Der Herkulessaal der Residenz ist auch bei so einem Programm des Orchesters großartig gut besucht.

      Die Uraufführung "Lichtung" für Orchester des 1967 geborenen deutschen Komponisten Markus Hechtle, ein ca. 15 Minuten langes durchlaufendes Stück, spricht so wie ich es gehört habe eine publikumsfreundliche, freitonale, aber nicht sehr dissonante, im Gegenteil sehr einschmeichelnde Orchestersprache. Eine Klangfläche verändert sich kontinuierlich, teilweise fließend, teilweise plötzlich. Immer neue, variierte oder veränderte Farben tun sich auf. Bestechend schön gibt der Klang des Weltspitzenorchesters der Aufführung Seele. Abruptes Ende, ein einzelner Buhruf, ansonsten verhalten höflicher Applaus auch für den sich auf der Bühne zeigenden Komponisten.

      Rebecca Saunders, 1967 in London geboren, in Berlin lebend, komponierte das 2011 uraufgeführte "Still" für Violine und Orchester in enger Zusammenarbeit mit der Solistin der Uraufführung genauso wie dieses Konzertabends, Carolin Widmann. Mitinspiriert ist das Werk von einer „Still“ betitelten Kurzgeschichte Samuel Becketts. Darin wartet eine Person auf die Nacht und einen Klang. Es ist aber nicht notwendig, die Kurzgeschichte beim Hören mitzudenken. Saunders holt meinem Hörempfinden nach noch viel mehr Substanz aus dem bisher Unbewussten des Universums der Musik heraus als Hechtle. Sie schafft es, musikalische Dimensionen eindringlichster Intensität zu öffnen. Das Werk, ca. 20 Minuten lang, hat zwei Teile. Der erste ist ein hochkonzentrierter Parforceritt sondergleichen, angestachelt von der auffahrenden Solovioline, eine extreme Herausforderung vor allem für diese. Es ist ein Kreisen um sich selbst, ein Sich-Verbeißen in einem Zustand des Aufgewühltseins, der freilich durch die extrem konzentrierte klangintensive Interpretation dann doch stets etwas faszinierend „E-Musik-Kontrolliertes“ behält. Teil 2 nimmt sich zwar, was die äußerliche Intensität betrifft, zurück, doch eine angespannte, unheimliche Stimmung bleibt aufrecht, bleibt „geladen“. Zum irisierendsten Moment des ganzen Konzertabends wird für mich der Schluss dieses Werks, wenn die Musik mit subtilsten Klängen ins Universum entschwebt. Die grandios sich fürs Werk eingesetzt habende Solistin und das auch hier im Differenzierten wie im Vollblütigen phänomenal klangprächtige Orchester werden vom Publikum für ihre großartige Leistung sehr herzlich bedankt.

      Weder Samuel Beckett noch der amerikanische Komponist Morton Feldman (1926-1987) hatten viel dafür übrig eine Oper zu komponieren, aber es war nun einmal ein Auftrag an Feldman da, der schließlich, uraufgeführt 1977, genau das bringt, was man, hat man bereits Werke von Feldman gehört, von "Neither", der Oper in einem Akt auf einen Text von Samuel Beckett für Sopran und Orchester erwarten kann: musikalische Bewegung als Zustand, stehende Musik quasi, die Stimme der Sopranistin als Klangfarbe ähnlich einer singenden Säge und nie als Transporteurin eines nachvollziehbaren linearen Inhalts, vielfaches Festnageln an Motiven oder Floskeln, und das alles ca. 50 Minuten lang. Die Zwischendimension dieser eigenen Klangwelt, im Libretto mit seinen wenigen Zeilen voller Stimmungsempfindungen auch sprachlich spürbar, verleitet dazu, nicht durchgehend hochkonzentriert der Musik folgen zu können. Die Gedanken schweifen immer wieder ab. Vielleicht ist das aber sogar erwünscht. Die Musik läuft ja weiter, dann halt mehr unbewusst. Erneut ist der interpretatorische Eindruck überwältigend. Mit welcher Hingabe und sensationeller Konzentration die vor Beginn als verkühlt entschuldigte (dies sich aber nicht anmerke lassende) Sopranistin Laura Aikin und das zum dritten Mal seine Klangsinnlichkeit wunderbar beseelt ausspielende Orchester diese doch eher immer anstrengender werdende Musik, diesen Zustand im Schweben, mit Leben füllen, das wird in der tollen Saalakustik zum eindrücklichen Hörerlebnis. Das wie bei Hechtles Werk eher plötzliche Ende der Musik lässt einen erneut sehr herzlichen Applaus für die Mitwirkenden folgen.

      Man darf sich auf die Konzertaufzeichnung am 30.1.2018 ab 20:03 Uhr in BR-Klassik freuen. Was mich betrifft so würde ich mir sehr für die Komponistin wie für die Mitwirkenden und erst recht für alle Musikinteressierten eine offizielle CD-Veröffentlichung des Mitschnitts des Saunders-Werks wünschen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • BR SO, 26.1.17

      Aus Wo wir so hingehen - Anstehende Besuche von Oper / Theater / Konzert hierher kopiert:

      mela schrieb:

      Dafür heute abend den amtierenden Berliner Chef mit den Bayern:

      Robert Schumann
      Symphonie Nr. 3 Es-Dur, op. 97 "Rheinische"
      Gustav Mahler
      "Das Lied von der Erde"
      Sir Simon Rattle, Dirigent
      Magdalena Kožená, Mezzosopran
      Stuart Skelton, Tenor
      Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

      mela schrieb:

      Hallo Benno,

      die Kurzfassung für mich wäre: Das war ein ziemlich schönes Konzert, leider mit zwei Wermutstropfen.

      Das Orchester war antiphonisch aufgestellt, was ich vor allem bei Schumann sehr überzeugend fand, da die Übergabe von Themen der ersten an die zweite Geige dadurch sehr gut hörbar wurde (schade das Jansons das nie macht). Überhaupt hat mir der Schumann sehr gut gefallen - schwungvoll in den schnelleren Sätzen, sehr transparent, sehr klangfarbenreich (dank an die Bläser des BRSO :love: ).

      Orchester und Dirigat haben mir auch bei Mahler sehr gut gefallen. Das Dirigat war zupackend, energisch - in den ersten 5 Sätzen weniger "todessehnsüchtig", als ich es sonst schon gehört habe. Der Abschied war (fast) grandios. Und beim fast bin ich auch bei den Wermutstropfen - den Sängern. Stuart Skelton war doch hörbar überfordert. Der erste Satz ist ja wohl notorisch schwierig und unangenehm hoch für Tenöre, jedenfalls hatten in meinen Live-Aufführungen alle Tenöre mindestens leicht forciert. Stuart Skelton muß allerdings auch in seinen beiden anderen Sätzen immer wieder an und über seine Grenzen gehen - möglicherweise hat Rattles zupackende Orchester-Gestaltung auch nicht geholfen. Auch von Magdalena Kozena war ich eher enttäuscht. Der Text war komplett unverständlich, die Stimme eher flach und auch sie immer in Gefahr unterzugehen. Bei den schnellen und tieferen Textpassagen in "Von der Schönheit" klang es vollends nach Kuddelmuddel. Ich muß aber gestehen, daß meine beiden letzten Aufführungen von "Das Lied von der Erde" in der Bariton-Fassung mit Christian Gerhaher waren - da bin ich möglicherwiese zu verwöhnt.

      Also, wenn Rattle die Solisten meiner letzten Aufführung von Petrenko gehabt hätte (Seiffert und Gerhaher), wäre es wahrscheinlich ein großartiges Konzert geworden.

      Am Ende wurde es dann noch etwas wehmütig, da einer der ersten Geiger, Florian Sonnleitner, verabschiedet wurde - nach über 40 Jahren. Ich habe auch unzählige Konzerte mit ihm am ersten Pult und bei Musica Viva auch mit ihm als Konzertmeister gehört. Mit Mahlers Abschied in den Ruhestand zu gehen hat natürlich was. Ich wünsche ihm alles Gute.

      Hier kann man den Live-Videostream noch sehen: br-so.de/brso-mediathek/konzerte-im-videostream/

      Viele Grüße,

      Melanie
      Danke für den Bericht! Vier Anmerkungen:

      1) Ich hab Euch im Videostream im Publikum gesehen. :D

      2) Hatten wir schon drüber gesprochen und geschrieben habe ich es auch schon irgendwo, aber trotzdem nochmal: Gerhahers Auftritt im Lied von der Erde unter Petrenko im März 2016 war die erste (und gottseidank bisher letzte) Enttäuschung, die ich mit diesem Sänger erlebt habe. Selbst wenn er a cappella oder nur von einer Flöte begleitet gesungen hat, habe ich in zwei Konzerten (Nationaltheater, einmal Galerie, einmal zweiter Rang) kaum etwas gehört, geschweige denn etwas verstanden - Flüstergesang für die vorderen zehn Reihen des Parketts, mit gen Boden gesenktem Kopf.

      3) Ich habe mir die Rheinische im Videostream angehört und -gesehen und fand sie exzellent. Diese Verbindung von Zartheit und Drive im Kopfsatz, die Differenzierung der Dynamik der einzelnen Instrumentengruppen, um die Blockhaftigkeit der Instrumentation aufzubrechen - toll! Der vierte Satz, der bei solchen Interpretationen oft zu beiläufig gerät, hatte Empfindung, ja Pathos. Nochmal deutlich besser, als das, was ich von Rattles Schumann in der Berliner Digital Concert Hall gehört habe.

      4) Aber was passiert da in den letzten Takten des vierten Satzes (25:37-25:51)? Ich kenne nur Partituren, Aufnahmen und Aufführungen, in denen im drittletzten und vorletzten Takt nur die Hörner "nachklappern" bzw. erst auf der zweiten Zählzeit einsetzen - hier aber setzen auch die tremolierenden Geigen mehrfach Akzente.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Hallo Zwielicht, hallo Melanie,

      herzlichen Dank für Eure Einschätzungen hier und im anderen Faden.

      Die Balance zwischen Stimmen und Orchester im LvdE in einem Konzertraum sind ein riesiges Problem, nun hat Magdalena Kozena auch eine recht kleine Stimme .... aber bei Stuart Skelton hatte ich schon gedacht, dass er die Kraft hat, das darzustellen ...

      Dann schaue ich mal, dass ich in den kommenden Tagen das Video noch angeschaut bekomme ...

      Gruß Benno
    • Zwielicht schrieb:

      Danke für den Bericht! Vier Anmerkungen:

      1) Ich hab Euch im Videostream im Publikum gesehen. :D

      Ups - hätte ich doch mein Rouge auflegen sollen :D

      Zwielicht schrieb:

      2) Hatten wir schon drüber gesprochen und geschrieben habe ich es auch schon irgendwo, aber trotzdem nochmal: Gerhahers Auftritt im Lied von der Erde unter Petrenko im März 2016 war die erste (und gottseidank bisher letzte) Enttäuschung, die ich mit diesem Sänger erlebt habe. Selbst wenn er a cappella oder nur von einer Flöte begleitet gesungen hat, habe ich in zwei Konzerten (Nationaltheater, einmal Galerie, einmal zweiter Rang) kaum etwas gehört, geschweige denn etwas verstanden - Flüstergesang für die vorderen zehn Reihen des Parketts, mit gen Boden gesenktem Kopf.

      :wink:

      Ja, stimmt - wir waren damals in den ersten 10 Reihen und ziemlich begeistert. Es kam mir von meinem Platz auch gar nicht so leise vor. Aber das ist natürlich schade, weil was in den ersten 10 Reihen zu hören war, war grandios. Ich kann aber auch mit der Aufführung des Lied von der Erde mit dem BRSO unter Harding im Herkulessaal aus 2008 vergleichen - von vermutlich denselben Plätzen. Da war Gerhaher absolut textverständlich und sehr gut hörbar. Hier eine englische Kritik, die ich unterschreiben könnte. Seit diesem Konzert bin ich absoluter Fan von Christian Gerhaher :)

      Den Schumann müsste ich noch mal nachhören - ich erinnere jetzt nicht, daß mir was aufgefallen wäre, aber gerade der vierte Satz hat mich sehr mitgenommen.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Ich fand dieses Konzert auch sehr spannend und wäre gern vor Ort dabei gewesen. Das Symphonieorchester des BR ist ja sozusagen mein Hausorchester als Bayer. Fand die „Rheinische“ auch sehr schön musiziert, soweit ich das als Laie beurteilen kann. Das Lied von der Erde fand ich auch gut gespielt.
    • DER KÖNIG DER LÖWEN

      Persönliche Eindrücke vom Klavierkonzert mit Behzod Abduraimov im Prinzregententheater (München), 31.1.2018

      Schade, dass das Prinzregententheater mehr halbleer als halbvoll ist, offenbar zieht der Name dieses 1990 in Tashkent in Usbekistan geborenen Pianisten, mit dem aktuell eine DVD/Blu-ray von den BBC Proms 2016 mit den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev beworben wird, wo er Rachmaninows 3. Klavierkonzert spielt, noch nicht so (wie etwa der von Sol Gabetta, deren für den 9.4. angesetztes Konzert mit dem Hagen Quartett für das es normalerweise auch bis knapp vor Beginn noch Karten gibt im selben Hause völlig ausverkauft ist).

      Der Klavierabend beginnt mit Franz Liszts Transkription von Isoldens Liebestod für Klavier nach Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Abduraimovs Stärken werden sofort deutlich: Fabelhalfte Technik, Sinn für den großen Überblick und klare Transparenz, für einen in sich geschlossenen stimmigen Aufbau und für klavieristisch beeindruckende Steigerungen und vor allem der großartige Pedaleinsatz, der den Steinway Flügel ganz besonders klangschön vollblütig ausstrahlen lässt.

      Auch Franz Liszts große Klaviersonate h-Moll profitiert von diesen Vorzügen. Die halbe Stunde mit ihr gelingt pianistisch fulminant, poetisch sehr rund (hier besticht die ziemlich abgeklärt wirkende innere hochprofessionell erscheinende Ruhe des jungen Pianisten), im Pedaleinsatz außergewöhnlich subtil und dabei dann doch etwas kühl rüberkommend – Abgründe wie sie etwa die großen aus Osteuropa stammenden Pianisten wie Horowitz, Richter, Berman oder Gilels aufzubrechen bereit sind findet man hier nicht, die Sonate läuft phänomenal virtuos und in sich abgerundet durch.

      Der Beginn wirkt wie auf dem Sprung und animiert mich, diesmal eine außermusikalische Geschichte mitzuhören, inspiriert vom Fortlauf des musikalischen Geschehens. Am Sprung ist ein Löwe, und los geht die Jagd, bis er die Beute gefasst hat (Grandioso), er kann zufrieden sein und die bunte Naturidylle genießen. Da tut sich plötzlich etwas. Die Löwin zeigt sich, was für eine schöne Löwin das doch ist! Mit ihr lässt sich ein leidenschaftliches Leben erträumen. Für sie muss eine neue Beute gemacht werden, die muss beeindruckt werden. Mit noch mehr Wagemut und Enthusiasmus stürzt sich der Löwe erneut in die Jagd. Dabei denkt er stets an die Löwin, das befeuert ihn noch. Dann hat er die Beute erwischt und triumphiert. Jetzt gilt es, die Löwin zu umschmeicheln und den richtigen Zeitpunkt zu finden, ihr auch das vorbereitete Gedicht vorzutragen (Andante religioso). Na bitte, geht doch! Die große Leidenschaft kann sich entfalten. Jetzt folgt die FSK 18 Passage mit allem was dazugehört. (Abduraimovs stringente Interpretation lässt diese Assoziation absolut zu, er spannt den Bogen dafür optimal.) Nach dem Höhepunkt kommen sie zur Ruhe und genießen nun das Dasein in der Natur zu zweit. Doch da – ein Nebenbuhler! Die Löwen belauern sich, dann geht der Kampf um die Löwin los (Fugatoabschnitt). Er wird immer wilder, bis der erste Löwe den anderen davonjagen kann. Er ist hier der König, niemand anderer! Und das hier, seht her, ist seine Königin! Ein ekstatischer Liebestanz unterstreicht das. Mitten im Rausch aber der plötzliche Abbruch, das Innehalten – noch einmal das Gedicht vortragen, dann zusammen glücklich leben und schließlich, wenn es so weit ist, irgendwann, auch zusammen verklärt aufsteigen ins Paradies.

      Sergej Prokofjews Zehn Stücke für Klavier aus „Romeo und Julia“ op. 75, Tanz des Volkes, Szene, Menuett, Julia als junges Mädchen, Maskentanz, Die Montagues und Capulets, Bruder Laurentius, Mercutio, Tanz der jungen Mädchen und Romeo und Julia nehmen Abschied kommen an diesem Konzertabend vor dem halbleeren Saal der allerdings ganz gebannt zuhört genauso brillant und stringent kühl, mit ihrem kantigeren Duktus die Romeo und Julia Welt und Charaktere durchaus plastisch neu in den Saal zaubernd. Der große zugkräftige Hit ist ja das Stück Die Montagues und Capulets daraus. Mir fällt bei Interpretationen dieser Art immer das Wort preisträgerhaft ein. Es gilt wie bei Liszt – technisch und professionell souverän ist alles, aber die Aura des absolut Außergewöhnlichen, die man halt von den Aufnahmen und Konzerten der Allergrößten im Ohr hat, stellt sich (noch) nicht ein.

      Von der bestechenden Brillanz und Souveränität absolut beeindruckt, reagiert das Publikum mit begeistertem Applaus und kriegt noch eine erneut stringent dahinlaufende Zugabe, Franz Schuberts Moment Musicaux Nr. 3 f-Moll aus D 780 op. 94.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • C-MOLL, MENSCH UND MASCHINE

      4.2.2018: In einem Beethoven „c-Moll“ Konzert in der Münchner Philharmonie am Gasteig mit der Staatskapelle Weimar besticht vor allem die Solistin Sophie Pacini - ein persönlicher Konzerteindruck

      Ein Beethoven Konzert mit drei Werken in c-Moll, das klingt vielversprechend: ein Eintauchen, Abtauchen in dramatische symphonische Bereiche, ein umso befreienderes per aspera ad astra, aufwühlendes Orchesterspiel voller Emotion, der grimmig kämpfende Titan. Schon die „Coriolan“-Ouvertüre c-Moll op. 62 zu dem Trauerspiel von H. J. von Collin kann da ideal die Richtung vorgeben, in die dramatische Welt einführen.

      Das Traditionsorchester aus Weimar allerdings gibt sich unter seinem ukrainischen Chefdirigenten Kirill Karabits lieber als kompakt auf Tourneeperfektion getrimmter Klangkörper, alles sauber modellierend, auf den Punkt effektvolle Höhepunkte setzend, eine durchaus beeindruckende Klangschönheit und –balance offenlegend, aber eben alles mehr abrufend als aus dem Augenblick heraus fesselnd. Erst der geheimnisvoll sich zurücknehmende Schluss dieser Ouvertüre lässt ahnen, wieviel Charakter in der bis dahin allzu plakativ gespielten Musik steckt. Das Sonntagnachmittagspublikum gibt den kürzestmöglichen Applaus dafür, genau bis zum Zeitpunkt, als der Dirigent draußen ist.

      Das Orchester bleibt gleich sitzen, der Flügel wird von der Seite in die Mitte gerollt, alle warten auf das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37. Das Orchester setzt mit seiner Exposition seinen Ansatz fort, es fehlt das Packende, Dramatische, Kontrastive, dafür bestechen Kompaktheit und Klangkultur. Was fehlt, bringt aber sofort Sophie Pacini vom ersten Klaviereinsatz weg ein, zwischen selbstbewusst souveränem Zugriff und empfindsamer Poesie – ein beherzter, sehr für sich einnehmender Interpretationsansatz. Insgesamt ergibt das keinen aufregenden, aufwühlenden Beethoven, sondern er kommt konzertant-freundlich daher. Das Zusammenspiel zwischen Solistin und Orchester wirkt kompakt und harmonisch, etwas glatt, zu ausgleichend, zu wenig spannend. Die Akzente setzt ausschließlich die Pianistin. Dann die Kadenz: Ein starkes Statement! Da ist das Konzert endlich ganz angekommen. Sophie Pacini spielt ihr Riesenpotential als trotz der jungen Jahre selbstbewusst-souveräne pianistische Persönlichkeit nun („ungestört“ von der notwendigen Abstimmung mit dem Orchester) facettenreich aus.

      Den 2. Satz eröffnet ja das Klavier ganz alleine. Sophie Pacini gelingt es, hier wirklich ein musikalisches Tor in eine neue Welt zu öffnen, sie kann das, es wirkt nicht gewollt, forciert, hinweisend, gesteuert, es wirkt ganz tief empfunden, magische Sekunden, vollkommen gegenwärtig. Das Orchester antwortet klangschön. Dann sie wieder, innig, und nun hat auch das poetische Zusammenspiel mit dem Orchester etwas verinnerlicht spannend Präsentes. Beethoven pur, Musik ganz im Hier und Jetzt. Eine eigene, wunderbare Welt.

      Das Musikantische, Pointierte, das der 3. Satz im Konzertanten benötigt, hat die selbstbewusste Pianistin auch souverän drauf. Dank ihr lebt die Interpretation weiter. Das Orchester gibt das Seine wie eine gut geölte Maschine dazu, klanglich reizvoll, in den Einsätzen gut auf die Harmonie achtend, auf Dirigentenschlag auch ein Fugato abrufen könnend, weiter aber mehr funktionell als musikdramatisch offensiv agierend.

      Sophie Pacini hat jedenfalls die Herzen des Sonntagnachmittagspublikums mit dieser beeindruckenden Demonstration souveränen Beethoven-Spiels für sich gewonnen und sie weiß, was sie ihrem Ruf und dem Publikum schuldig ist und legt als Zugabe Franz Liszts Ungarische Fantasie Nr. 6 Des-Dur S. 244/6 hin, einen veritablen Super-Abräumer, mit dem sie all ihre interpretatorischen Qualitäten zwischen akkordischen Katarakten und stupender Virtuosität noch einmal voll ausspielen kann.

      Die berühmte Symphonie Nr. 5 c-Moll op. 67, die sogenannte „Schicksalssymphonie“, läuft nach der Pause weiter gut geölt ab, ein runder, kompakter, präziser Orchesterklang mit aber doch etwas geschärftem Blech harmonisiert eher als aufzurütteln, trotz gekonnt wirkungsvoll aufgebauten Steigerungen. Auch hier wird mehr die Orchesterkultur als das symphonische Musikdrama gezeigt. Das ist etwas schade, gerade dieser Weg vom grimmigen Kampf ins strahlende Licht verträgt aufwühlende, vielschichtige Interpretationen wie ich meine ungleich besser als gut abgerufene Tourneeplakativität. Immerhin – das hohe spieltechnische Niveau und der homogene Klang des Orchesters im kompakt-präzisen Zusammenspiel beeindrucken schon auch sehr. Das Publikum spendet zum Abschluss herzlichen Applaus.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK