Konzerterfahrungen in München

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    • ALLERLEI KLAVIERWELTEN

      Der 15.11.2018 brachte im Kleinen Konzertsaal im Gasteig (München) zunächst ein Ladenschlusskonzert der Musikhochschul-Klavierklasse Prof. Sylvia Hewig-Tröscher und danach ein Studiokonzert der Klavierklasse Prof. Yuka Imamine. Von 18 Uhr bis 22 Uhr konnte man da in allerlei Klavierwelten eintauchen.

      Persönliche Eindrücke:

      Im kürzeren Ladenschlusskonzert gab es Werke von Debussy, Mozart, Mendelssohn Bartholdy und Paderewski zu hören. Frau Prof. Sylvia Hewig-Tröscher bot jeweils kurze informative Einführungen zu den Komponisten und Werken. Bergamo, Paris, Leipzig und Polen waren die Stationen des Konzerts.

      Das Prélude (Moderato) aus der »Suite bergamasque« L.75 von Claude Debussy, das laut Einführung auch Commedia dell'arte Figuren vorstellt, spielte Constantin Baedeker mit spontanem Impetus, als würde er die Musik im Augenblick erschaffen.

      Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate a-Moll KV 310 fasziniert den Schreiber dieser Zeilen seit der Jugend mit ihrem dramatischen Duktus im 1. Satz und dem unheimlichen 3. Satz. Diesmal war der 1. Satz (Allegro maestoso) zu hören, gespielt von Lorenz Höß – bewusst nervös und dabei erzählerisch facettenreich, mit Expositionswiederholung. Es ist ein heikles Stück Klavierliteratur, bravourös meisterte Höß alle Klippen dieses energisch-zielstrebigen, immer wieder suggestiv erstaunlichen Sonatensatzes.

      Die ausführlichen Variationes sérieuses op. 54 von Felix Mendelssohn Bartholdy mit ihrem elegischen Thema legte Dina Pérazic in der Folge großartig gefestigt hin.

      Besonders gespannt war man auf das letzte Werk dieses Konzerts, Jan Paderewskis 1. Satz (Allegro) aus dem Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 17 mit Leonhard Auenhammer und Sylvia Hewig-Tröscher als „Orchester“ am zweiten Flügel. An Chopin, dessen Werkherausgabe eine der bleibend anerkannten Lebensleistungen des Komponisten, Pianisten und Staatsmannes ist, erinnert diese Art der Klavierkonzertkomposition wohl weniger, mehr an Brahms, doch es mag auch an der Fassung für zwei Klaviere liegen, dass das Werk herber und trockener daherkommt. Gleichwohl beeindruckte die tolle pianistische Leistung beider Interpreten, auch im Zusammenspiel.

      Ähnlich gut besucht (vielleicht waren einige dabei, die eigentlich zur aktuell das Haus beherrschenden Münchner Bücherschau gekommen waren) war das zweite Konzert, das Studiokonzert. Auch hier, noch deutlicher, öffneten sich allerlei interessante Klavierwelten, von den Werken her wie interpretatorisch.

      Mit Frédéric Chopins Nocturne op. 48/1, gespielt von Mina Lichtenberg, konnte man gleich ganz tief in königlich große Klaviermusik eintauchen.

      Ein anderes Eintauchen, musikalisch wie von der Interpretenpersönlichkeit her, ermöglichten 1. Intermezzo. Adagio (h-Moll) und 2. Intermezzo. Andantino un poco agitato (e-Moll) aus den Vier Klavierstücken op. 119 von Johannes Brahms. Beseelte Klavierwelten taten sich da mit Carina Sauer auf.

      Yeseul Kim spielte danach Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate D-Dur KV 576 verblüffend reif, stark, gefestigt, unglaublich abgeklärt und weise wirkend. Die Exposition im 1. Satz wurde diesmal nicht wiederholt.

      Und die nächste Welt tat sich mit zwei Sonaten von Giuseppe Domenico Scarlatti auf, mit der keck-verschmitzten Sonate D-Dur K. 491 und mit der Sonate d-Moll K. 213, die demgegenüber wie aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Damit begann Xiaoshenshen Huang den ihr gehörenden Block vor der Pause, den sie mit der Nr. 2 Pour les tierces aus den Zwölf Etüden L.136 von Claude Debussy, schon wieder die nächste Klavierwelt öffnend, fortsetzte und mit 1. Pagodes, 2. La soirée dans Grenade und 3. Jardins sous la pluie aus Debussys »Estampes« L.100 auch souverän und interpretatorisch erstaunlich reif wirkend abrundete. La soirée dans Grenade erinnerte den Schreiber an Liveerlebnisse mit Friedrich Gulda in den 80er Jahren, Gulda hat dieses Stück gerne in Konzerten gespielt.

      Die Klavierwelt ist so groß, da gibt es so viele Türen, durch die man gehen und immer neu staunen kann.

      Georg Friedrich Händels Chaconne G-Dur HWV 435, gespielt erneut sehr gefestigt von Utako Endo als erstes Werk nach der Pause, öffnet eine davon. Nach kurzer langsamer Einleitung geht es flott voran, dann dahinträumend, ganz tief kann man da eintauchen in die Musik, und der Schluss läuft wieder schnell.

      Utako Endo spielte auch Ludwig van Beethovens großteils grimmig energische 32 Variationen c-moll WoO 80 mit entschlossener Energie.

      Nun öffnete Xintian Zhu mit Frédéric Chopins Drei Mazurken op. 56 (1. Allegro non tanto H-Dur, 2. Vivace C-Dur und 3. Moderato h-Moll) eine nächste musikalische Klaviertür, ihren erneut durchaus selbstbewusst wirkenden neuen Bogen spannend. Hier konnte man speziell ganz, ganz tief in das rätselhafte, geheimnisvolle, ausführlichere dritte Stück, das Moderato h-Moll, abtauchen.

      Den Abschluss machte, die letzte Tür öffnend, Zhen Wang mit Felix Mendelssohn Bartholdys Fantasie fis Moll op. 28. Der 1. Satz (Con moto agitato) schwingt sich aus Sehnsuchtsvollem im Mittelteil kurz zu stupend Virtuosem auf, und nach dem 2. Satz (Allegro con moto) gab der 3. Satz (Presto) der Pianistin die Gelegenheit, fast etüdenhaft drauflossausend vor allem technisch und grimmig entschlossen dabei aber immer hochmusikalisch zu beeindrucken.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Zuletzt besucht, persönliche Eindrücke...

      URWIENERISCHE MUSIKALISCHE TRANSPARENZ

      Das Eröffnungskonzert der 32. Jüdischen Kulturtage München im Carl-Orff-Saal (Gasteig), 17.11.2018

      Der Gasteig quillt über vor Bücherschaubesuchern, und im Foyer vor dem Carl-Orff-Saal ist das Gedränge besonders groß, dort stehen lauter wichtige Leute. Auf der Bühne steht schon das Instrumentarium für die Kammermusikfassung von Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur inklusive Konzertflügel bereit, doch auf die muss man noch etwa eine Stunde warten. Leonard Bernstein Fotografien aus seinen Wiener Jahren 1966 bis 1990 werden projiziert, Konzertaufnahmen, Begegnungen und weitere Schnappschüsse, sie sind auch im Foyer zu besichtigen, die Jüdischen Kulturtage würdigen Bernstein mit diesem Tribut-Konzert und einer Gesprächsveranstaltung am Folgetag anlässlich dessen 100. Geburtstages.

      Kinderchor, Begrüßungsreden und Dankesworte...

      Nach 20 Minuten Pause folgt aber doch Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur, in der kammermusikalisch filigranen, durchsichtigen, transparenten bis zerbrechlichen Bearbeitung von Erwin Stein, sehr wienerisch, ja geradezu urwienerisch vorgestellt von einem edlen Ensemble aktiver und ehemaliger Wiener Philharmoniker ohne Dirigenten, das sich Camerata Wien 1900 nennt. Jeweils nur ein Solist aus den meisten Instrumentengruppen ersetzt da das Orchester, und am Klavier sitzt eine Pianistin. Immer wieder hört man im inneren Ohr den gewohnten Orchesterklang mit. Doch diese feinfühlige Fassung besticht auch für sich in jedem Moment. Ganz innig groß und erst recht urwienerisch erklingt nicht zuletzt nach den diversen Grotesken auch mit Gevatter Hein (höher gestimmte extra bereit liegende Geige im 2. Satz!) der ausgiebige dritte, langsame Satz. Chen Reiss singt das Sopransolo von den himmlischen Freuden im Finale auch berückend innig, mit einer einnehmenden, zauberischen naiven Unschuld.

      Das sehr aufmerksame Publikum, das schon nach dem 1. Satz kurz applaudiert hat, verneigt sich mit Festapplaus.

      SCHWELGEN BIS ZUM KLANGGEWITTER

      Valentina Lisitsa spielt die zwei berühmten Rachmaninow-Konzerte am Sonntagnachmittag in der Philharmonie im Gasteig (München), 18.11.2018

      Mit Antonín Dvořáks festlicher Konzertouvertüre „Karneval“ A-Dur op. 92 stellen sich die von Tomáš Brauner dirigierten Prager Symphoniker klangüppig und sehr kompakt aufgezogen vor.

      Klangüppiges Orchesterspiel prägt auch stark die Klavierkonzerte Nr. 2 c-Moll op. 18 und Nr. 3 d-Moll op. 30, die sich Valentina Lisitsa als heroische Herausforderung für dieses Konzert beide vorgenommen hat. Das Orchester deckt sie bei den kräftigeren Tuttipassagen mit Klavierbeteiligung bei beiden Konzerten total zu, man sieht sie zwar mit vollem Einsatz über die Bösendorfertasten gleiten, hört aber nur die volle Orchesterpracht.

      Ansonsten arbeitet sich Valentina Lisitsa bewundernswert souverän durch die anspruchsvollen Klavierparts. Das Schwelgen mit weicherem Anschlag liegt ihr dabei mehr als das Offensive, hart Zupackende. Hat man forschere Aufnahmen der Konzerte im Ohr, bemerkt man immer wieder eine gewisse Zurückhaltung. Diese zeugt allerdings auch von einem großartigen gemeinsamen Atmen zwischen Solistin und Orchester. Wo einzelne Instrumente mit dem Klavier dialogisieren, wo Klavier und Orchester ins Wechselspiel treten, besticht die Balance der Abstimmung eindrucksvoll. Der dunklere, harmonisierendere Bösendorfer-Klavierklang verstärkt zudem das Ausgleichende einer derartigen Interpretation. Gerade das Klavierkonzert Nr. 2 bietet einige markante Passagen, in denen so richtig spätromantisch geschwelgt werden kann. Valentina Lisitsa erweist sich dabei alles in allem mehr als eine Teamplayerin denn als eine Platzhirschin.

      Die Herausforderung des noch anspruchsvolleren 3. Klavierkonzerts nach der Pause bestätigt die Erfahrung des ersten Teils – Klangüppigkeit vom Orchester, souveräne eher weich dahinperlende Technik, Schwelgen wo es sich anbietet (aber nie übertrieben) und Teamplay statt Profilierung. Pianistisch ist das schon schwer beeindruckend, wenn jemand diese Werke so selbstverständlich hinzulegen imstande ist. In der Kadenz im 1. Satz (sie spielt die „große“, auch auf CD, Yuja Wang spielt übrigens „nur“ die kleine) dreht Valentina Lisitsa dann aber so richtig auf und entfacht plötzlich ein Klanggewitter sondergleichen am Bösendorfer-Flügel, aber hallo, als hätte sie nur darauf gewartet! Der Klaviereinsatz im 2. Satz nach der romantisch schwelgerischen Orchestereinleitung ist die Lieblingspassage des Schreibers was dieses Werk betrifft. Ganz tief kann man da in diese Klavierkonzertwelt mit eintauchen. Hier stellt sich beim Schreiber auch besonders stark das Gefühl ein, die Pianistin ist in dieser Musik ganz zu Hause. Ihre Leidenschaft reißt mit, fesselt jetzt noch mehr als bisher. Und dann heißt es rein in den pianistisch furiosen Wahnsinn des noch einmal extrem herausfordernden Finalsatzes – und da lebt Valentina Lisitsa erst so richtig auf, flitzt und galoppiert durch den Klavierpart, jetzt sehr wohl zupackend offensiv, aber wie, sie setzt Pointen, und zwischendurch darf man aber auch hier wieder so richtig schwelgen. Atemberaubend souverän wird das durchgezogen. Und die Kräfte sind dabei optimal eingeteilt, bis zum fulminanten Schluss.

      Der Applaus hat Jubelanklänge, verzichtet aber auf die Intensität, eine Zugabe zu erzwingen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • …ABER IMMER: GANZ MUSIK!

      Zwei Klavierkonzerte der Hochschule für Musik und Theater München, 23.11.2018, persönliche Eindrücke

      Im nach wie vor von der Münchner Bücherschau beherrschten Gasteig ist der Kleine Konzertsaal um 18 Uhr gut besucht, etwa drei Viertel der Plätze sind belegt.

      Das Ladenschlusskonzert der Klavierklasse Prof. Olaf Dreßler beginnt mit Ludwig van Beethovens »Sonata quasi una fantasia« Es-Dur op. 27/1 (1. Andante, 2. Allegro molto e vivace, 3. Adagio con espressione und 4. Allegro vivace), von Rahel Paulik beherzt und beseelt empfindsam mit weichem Anschlag vorgetragen. Kein reines Abrufen von Erarbeitetem – einfach großartige Klaviermusik, immer ganz Musik!

      Ein außergewöhnliches Ereignis verspricht die Aufführung beider Klavierkonzerte von Franz Liszt mit dem deutsch-argentinischen Jungpianisten Pablo Havenstein zu werden, dem Prof. Dreßler das Orchester am zweiten Flügel macht. Auch hier zeigt sich aber sofort: da wird weder auf Leistungsdruck ein Schauwert abgerufen noch wird mit äußerlich spektakulärer Klavierartistik aufgewartet, es wird vielmehr einfach große Klaviermusik sehr, sehr ernst genommen und seriösest, technisch brillant aber die Technik nie als Selbstzweck herausstellend und dazu noch wo es sich anbietet eindringlich empfindsam musiziert. Beide Werke, diese pausenlosen Unikate, sowohl das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur S.124 (1. Allegro maestoso, 2. Quasi adagio, 3. Allegretto vivace-Allegro animato und 4. Allegro marziale animato) als auch das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 A-Dur S.125 (1. Adagio sostenuto assai, 2. Allegro moderato, 3. Allegro deciso und 4. Allegro animato) behalten eine disziplinierte Strenge, innerhalb derer sich die Musik ohnedies sowohl romantisch auszuschwingen als auch fulminant zu brillieren versteht. Das ist die Qualität der Interpretation – Pablo Havenstein und Prof. Dreßler stellen nicht sich selbst in den Mittelpunkt, das grandiose Duo, sondern allein die Musik. Volle Konzentration auf die turmhoch schweren Läufe und Oktavketten, auf die lyrischen Teile, auch die oft abrupten Übergänge, aufs harmonische Zusammenspiel – da fügt sich das Grandiose der Werke wie der Interpretation ganz von selbst zusammen. Beide bewahren dabei äußerlich stoische Ruhe, müssen das Effektvolle nicht mit optischem Gehabe verstärken. Mittendrin überrascht ein lautstarker Pfiff aus dem Publikum, doch davon lassen sich die beiden überhaupt nicht beirren.

      Die Liszt-Klavierkonzert-Fassungen für zwei Klaviere hört man ja seltener. Vom Werk her mag das 2. Konzert inspirativ noch etwas spannender sein als das 1., bei dieser Aufführung beeindruckt das 1. gleichwohl mehr, weil hier die Farben des Orchesterparts nicht so entscheidend sind, das Wechselspiel im 1. auch als Pianoduo besticht, während das Orchesterklavier beim 2. das Soloklavier oft zu einer unvermeidlichen klirrenden Schepperei ergänzt. Hier merkt man also deutlicher, dass dies eigentlich ein Werk für Klavier und Orchester ist.

      Das zweite Konzert sofort nach dem ersten als wär´ das nichts - großer Applaus für diese herausragende Leistung.

      Vom Gasteig mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof, mit der U 2 weiter zum Königsplatz, um 20 Uhr beginnt im Hochschulgebäude in der Arcisstraße im Kleinen Konzertsaal das Konzert der Klavierklasse Prof. Markus Bellheim. Auch dieses ist sehr gut besucht, nur etwa ein Drittel der Plätze bleibt frei.

      Die Studierenden von Prof. Bellheim bieten jeweils kurze Werkeinführungen, teilweise pointiert, Entstehungsjahre der Kompositionen werden genannt, auch kurz wichtige Werkcharakteristika. Schon das unterstreicht auch hier die absolute Ernsthaftigkeit, mit der an das Wesen der Musik herangegangen wird.

      Georg Friedrich Händels 1733 entstandenes Thema und 21 Variationen der Chaconne G-Dur HWV 435 präsentiert Stefan Pajanovic selbstbewusst gefestigt, und wenn es loszulegen gilt dann legt der junge Pianist los, aber hallo, das hat ganz schön Drive.

      Auch Maurice Ravels Valses nobles et sentimentales legen ganz schön los, und Magdalena Haubs vertieft sich sofort ganz und gar in die Musik, verblüffend reif, souverän und alles fein schattierend, nobel wie sentimental, verklärt tänzerisch bis zum geheimnisvollen Ende.

      Die Akustik dieses Saals, die jedes Forte zum Fortissimo vergrößert, wird umso beeindruckender erschüttert mit dem nun von Magdalena Haub auch noch gespielten Mephisto-Walzer Nr. 1 von Franz Liszt, bei dem die Pianistin den Beelzebub forsch und diabolisch und aber sowas von kräftig lebendig werden lässt, zwischendurch auch unheimlich verführerisch. Das ist atemberaubend virtuoses kraftvolles Klavierspiel vom Besten.

      Ein perfekt aufeinander eingespieltes Klavierduo sind Sophie und Vincent Neeb die den zweiten Teil nach der Pause bestreiten, da stimmt jede winzigste Nuance des Zusammenspiels, die beiden bieten CD-reife Interpretationen auf zwei Klavieren. Und auch bei ihnen gilt aber – es ist stets die Musik, die bestmöglich geboten wird, nie die Selbstdarstellung der Interpreten. Diese geben sich ausschließlich werkdienlich den Werken hin, deren Welt, deren Virtuosität wie deren emotionalen Wechselbädern.

      Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448 konnte der Schreiber dieser Zeilen in den 80er Jahren von LP mit Paul Gulda und Roland Batik mitreißend losswingend kennen lernen, seit damals hat er deren Drive bei dieser Musik im Ohr. Auch hier an diesem Abend entfaltet das dreisätzige Werk (1. Allegro con spirit, 2. Andante und 3. Allegro molto), das laut Einführung 1781 im „Entführung“-Jahr entstand phantastische kreative Frische (mit Wiederholung der Exposition im 1. Satz), mit dem 2. Satz eine vertiefte Innigkeit sondergleichen und im Finale geniale Spritzigkeit.

      Kräftig legt auch das letzte Werk dieses vielschichtigen Klavierabends in München los - Sergej Rachmaninows Suite für zwei Klaviere Nr. 2 op.- 17 (1. Introduction, 2. Valse, 3. Romance und 4. Tarantelle) mit ihren weiten Romance-Feldern und der extrem virtuosen, atemberaubend gespielten Tarantella, dem fulminanten Schlusspunkt. Technisch also noch einmal atemberaubend - aber immer: Ganz Musik!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • VERWANDTE GLAUBENSWELTEN

      Glaubenswerke von Leonard Bernstein und Leos Janáček im Herkulessaal der Münchner Residenz, 25.11.2018, persönliche Eindrücke

      Mittendrin in Janáčeks Glagolitischer Messe blitzt plötzlich ein Motiv auf, Tonfolge und charakterlich, das man doch zuvor in Bernsteins Chichester Psalms auch schon gehört zu haben meint, dort im Mittelteil des 2. Satzes. Später singt der Chor eine ruhigere Passage, die an Bernsteins Finalsatz erinnert - assoziative Blitze, die aber nur das Wesen der beiden Kompositionen des Konzerts, Bernsteins Chichester Psalms zuerst und Janáčeks Glagolitische Messe danach, unterstreichen, zwei sehr persönliche musikalische Glaubensbekenntnisse.

      Bernsteins letztendlich entschiedenes Plädoyer für Harmonie und Tonalität in schicksalsschwerer Zeit auf hebräische Texte und Janáčeks eindringlich farbige, teilweise impressionistisch anmutende in tschechischer Sprache gesungene große Messkomposition mit gewaltigem Orgelsolo im abschließenden Agnus Dei Satz gehen als jedes auf seine Art aufrichtig einfühlsame musikalische Auseinandersetzung ungemein zu Herzen.

      Der Münchner Motettenchor, in dessen Zyklus das Konzert veranstaltet wird, zeigt sich straff, klangmächtig, aber auch sensibel in den stilleren Passagen beider Werke disponiert. Das Solistenquartett (Susanne Kapfer, Sopran, Céline Akçağ, Alt, Thomas Kiechle, Tenor und Ansgar Theis, Bariton) fügt sich werkdienlich engagiert ein. Den Vogel schießt der Knabensolist aus dem Münchner Knabenchor ab, der im 2. Satz des Bernstein-Werks klangrein und innig zu berühren vermag. Er erhält den stärksten Applaus des Abends.

      Friedemann Winklhofer spielt nicht nur das beeindruckend kräftige Orgelsolo souverän.

      Das Philharmonische Orchester Plauen-Zwickau unter der Leitung des alles versiert koordinierenden Benedikt Haag gehört hörbar nicht zu den großen Luxusklangkörpern, manchmal ist die Tongebung nicht ganz rein, einmal muss die Trompete erst ihren Ton finden, aber im Großen und Ganzen gelingt eine sehr kompakte, die Kontraste zwischen wuchtigen, massiven Klangballungen mit Orchester und Chor und dann wieder filigran transparenten Passagen beeindruckend gut.

      Nicht so vertraut mit Janáčeks Werk nehmen bei diesem für mich verschiedene Passagen besonders für sich ein, etwa die Anfänge des Sanctus- wie des Agnus Dei Satzes, besonders bewegend eindringliche Musik.

      Als Zugabe wird der 1. Satz aus Bernsteins Chichester Psalms wiederholt, und der wirkt jetzt noch geschlossener und souveräner, gefestigter und gleichzeitig lockerer, die Anspannung ist nicht mehr so groß und die Musik strahlt umso festlicher auf. Sollte diese Aufführung mitgeschnitten worden sein – es wäre sicher zu überlegen, diese Zugabe auf jeden Fall (auch) zu veröffentlichen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • REIFE UND KRAFTAKT

      Ein Konzert der Klavierklasse Prof. Thomas Böckheler der Hochschule für Musik und Theater München im Kleinen Konzertsaal Arcisstraße, 26.11.2018, persönliche Eindrücke

      Bei freiem Eintritt kann man mit diesen Hochschulkonzerten kleinere und größere Werke der Musikliteratur wieder hören oder kennenlernen, durchgehend auf höchstem Niveau vorgestellt und (zumindest dies meine Erfahrung der letzten Monate) man bekommt nie nur eine reine Leistungsschau geboten, sondern immer den jeweils individuell spannenden Versuch, ganz tief ins Wesen der Musik vorzudringen, ja ganz Musik zu sein, die Hörerschaft weniger die Anspannung des Livevortrags, vielmehr diese Wunder der Kompositionen mitspüren zu lassen.

      Sehr gut besucht ist dieses Montagabendkonzert, fast alle Plätze sind besetzt.

      Rina Ikeda spielt Ludwig van Beethovens Sonate Es-Dur op. 81a »Les Adieux« (1. »Das Lebewohl«. Adagio – Allegro, 2. »Abwesenheit«. Andante espressivo und 3. »Das Wiedersehen«. Vivacissimamente) hochmusikalisch empfunden. Alles ist fein schattiert, und das Pianistische kommt klar und flüssig. Eine reife Leistung!

      Aus Robert Schumanns Fantasiestücken op. 12 (Heft 1) stellt Anjulie Chen »Des Abends«, »Aufschwung«, »Warum?« und »Grillen« vor und bestätigt das hohe Niveau der Vorgängerin eindrucksvoll, stark im Ausdruck und erneut nicht aufoktroyierte Empfindsamkeit vermittelnd.

      Eine ganz schöne Herausforderung sind erst recht Johannes Brahms´ Sechs Klavierstücke op. 118 (1. Intermezzo. Allegro non assai, ma molto appassionato, 2. Intermezzo. Andante teneramente, 3. Ballade. Allegro energico, 4. Intermezzo. Allegretto un poco agitato, 5. Romance. Andante — Allegretto grazioso und 6. Intermezzo. Andante, largo e mesto). Da müssen stringente Bögen gespannt, Mittelteile charakterlich abgesetzt und selbstverständlich technisch Herausforderndes gemeistert werden, so dass die Arbeit daran nicht mehr hörbar ist. Mayu Kawashima vermittelt so wie die anderen Künstlerinnen die man bisher in diesem Konzert hören konnte diese verblüffende Reife eines gleichzeitig technisch makellosen wie musikalisch hochempfindsamen Klavierspiels, konzertant bravourös wie durchaus auch auf eigene Art verblüffend weise. Des Schreibers dieser Zeilen Lieblingsstück daraus, einmal mehr sehr gerne wieder gehört, ist die Nr. 2.

      Nach der Pause macht sich südliche Sommerstimmung von der iberischen Halbinsel breit, obwohl es in München an dem Konzertabend erstmals schneit in diesem November, denn Mayuko Obuchi brilliert mit »Iberia« Buch 1 (»Evocación«, »El Puerto« und »Corpus Christi en Sevilla«) von Isaac Albéniz. Flirrende Hitze, südliches Feuer, und das dritte Stück entwickelt sich im Mittelteil ganz schön ins Virtuose, um am Anfang und am Ende umso poetischer auszustrahlen.

      Franz Liszts großer Herausforderung der Sonate h-Moll stellt sich Ryuzo Seko, und der setzt aber sowas von einen markanten Schlusspunkt unter dieses Konzert. Vom ersten Ton an lässt er keinen Zweifel offen – da sitzt und spielt einer, der das unbedingt will, der es aber sowas von kann und der es mit Lust, Liebe, enormer Emotion und fulminanter Technik durchzieht. Pianistisch legt er energisch los und hält dieses Energische grandios durch, bis zur schwindelerregend toll gespielten Stretta. Der feste, stabile Zugriff prägt auch die rezitativischen und poetischen Passagen des Werks, um aber gleichwohl einmal mehr das sorgfältig Einstudierte schon weit hinter sich und den Ausdruck reif wie emotional empfindsam eindringlich wirken lassen zu können. Eine beeindruckende Meisterschaft wird hier demonstriert, eine mitreißende Unbedingtheit, wieder hochmusikalisch und pianistisch fulminant. Ein einziger großer Kraftakt mit dieser großen, hochanspruchsvollen, fordernden Klaviermusik!

      Ein toller Klavierabend!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      URWIENERISCHE MUSIKALISCHE TRANSPARENZ

      Das Eröffnungskonzert der 32. Jüdischen Kulturtage München im Carl-Orff-Saal (Gasteig), 17.11.2018

      Der Gasteig quillt über vor Bücherschaubesuchern, und im Foyer vor dem Carl-Orff-Saal ist das Gedränge besonders groß, dort stehen lauter wichtige Leute. Auf der Bühne steht schon das Instrumentarium für die Kammermusikfassung von Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur inklusive Konzertflügel bereit, doch auf die muss man noch etwa eine Stunde warten. Leonard Bernstein Fotografien aus seinen Wiener Jahren 1966 bis 1990 werden projiziert, Konzertaufnahmen, Begegnungen und weitere Schnappschüsse, sie sind auch im Foyer zu besichtigen, die Jüdischen Kulturtage würdigen Bernstein mit diesem Tribut-Konzert und einer Gesprächsveranstaltung am Folgetag anlässlich dessen 100. Geburtstages.

      Kinderchor, Begrüßungsreden und Dankesworte...

      Nach 20 Minuten Pause folgt aber doch Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur, in der kammermusikalisch filigranen, durchsichtigen, transparenten bis zerbrechlichen Bearbeitung von Erwin Stein, sehr wienerisch, ja geradezu urwienerisch vorgestellt von einem edlen Ensemble aktiver und ehemaliger Wiener Philharmoniker ohne Dirigenten, das sich Camerata Wien 1900 nennt. Jeweils nur ein Solist aus den meisten Instrumentengruppen ersetzt da das Orchester, und am Klavier sitzt eine Pianistin. Immer wieder hört man im inneren Ohr den gewohnten Orchesterklang mit. Doch diese feinfühlige Fassung besticht auch für sich in jedem Moment. Ganz innig groß und erst recht urwienerisch erklingt nicht zuletzt nach den diversen Grotesken auch mit Gevatter Hein (höher gestimmte extra bereit liegende Geige im 2. Satz!) der ausgiebige dritte, langsame Satz. Chen Reiss singt das Sopransolo von den himmlischen Freuden im Finale auch berückend innig, mit einer einnehmenden, zauberischen naiven Unschuld.

      Das sehr aufmerksame Publikum, das schon nach dem 1. Satz kurz applaudiert hat, verneigt sich mit Festapplaus.
      Lieber Alexander,

      Ich hoffe, Du erlaubst mir einige Ergänzungen?

      Ich habe diesem Konzert auch beigewohnt und habe mich durch die erste (weitgehend unmusikalische) Hälfte sehr gelangweilt.

      Du hebst zu Recht die wunderbare Wiener Klangkultur der Musiker der Camerata Wien 1900 bei der Stein'schen Fassung von Mahlers G-dur Symphonie hervor. Auch möchte ich loben, wie wunderbar - selbst auf einige Reihen Abstand - die Interaktion der Musiker in ihrer Selbstverständlichkeit zu erleben war. Bei der Interpretation finde ich jedoch, dass die Gemütlichkeit und Könnerschaft deutlich zu viel Gewicht hatten bei dieser Aufführung. Für meine Ohren fehlte der Aufführung jeglicher Biss. Und das fand ich in einem 'Tribute to Leonard Bernstein' doch sehr schade und unnötig.

      Ich hatte das Vergnügen, das Linos Ensemble in den späten 1990'ern bei etlichen der Konzerte live zu erleben, in denen sie in Köln die Bearbeitungen des Vereins für das Publikum gespielt haben. Damals war ich von der ungemein großen Innenspannung dieser Interpretationen hingerissen. Davon hatte die Aufführung für meine Ohren deutlich zu wenig, es war sehr kulinarisch, aber das ist mir für Mahler dann doch ein wenig zu wenig. Chen Reiss im Sopransolo konnte sich in meinen Ohren nicht wirklich entscheiden, was 'Die Himmlischen Freuden' denn nun sind: mir schienen manche Passagen wie eine Vorführung in 'deutschen Liedsängertugenden', andere Passagen versuchten, eine Distanz zum Text aufzubauen, aber das Dunkel-Humorvolle des Stücks kam bei mir nicht an.

      Immerhin können wir nun beide bestätigen, dass sich Carolin Reiber schon einmal eine Mahler-Symphonie angehört hat ... Nicht, dass ich ihr das absprechen wollte, ich war nur überrascht sie in diesem Konzert zu sehen ....

      Gruß Benno
    • Vielen Dank lieber Giovanni di Tolon auch für Deine Eindrücke!

      BEHERZT UND POINTIERT

      Ladenschlusskonzert der Klavierklasse Prof. Thomas Böckheler der Hochschule für Musik und Theater München, Gasteig, Kleiner Konzertsaal, 5.12.2018, persönliche Eindrücke

      Ludwig van Beethovens Sonate Fis-Dur op. 78 (1. Adagio cantabile – Allegro ma non Troppo, 2. Allegro vivace) stellt zu Beginn eine Frage, die dann umfassend mit dem ganzen Rest der Sonate beantwortet wird. Peter Méri spielt sie im gut besuchten Auditorium beherzt und pointiert.

      Sergej Rachmaninows Etude–tableau D-Dur op. 39/9 (Allegro moderato. Tempo di Marcia) schließt an die positive Grundstimmung des Werks davor passend an. Voll rein in die Tasten, Peter Méri unterstreicht seinen beherzten wie pointierten Interpretationsansatz damit.

      Auch Rina Ikeda legt Wert auf beherztes wie pointiertes aber dann auch auf innig beseeltes Spiel. Mit Joseph Haydns Sonate C-Dur Hob. XVI:50 bietet sich ihr die Möglichkeit, all diese Facetten auszuloten. Im freundlichen Eröffnungssatz (1. Allegro) ziehen in der Durchführung kurz Wolken auf, während sich in der Reprise kurz Sonnenstrahlen zeigen – Rina Ikeda schattiert das feinfühlig. Den großen 2. Satz (2. Adagio) baut sie als poetische Erzählung auf. Wie nahe war Haydn Mozart doch, dieser geniale Klaviersonatensatz macht es deutlich. Das schalkhafte Finale (3. Allegro molto) setzt dann umso mehr aufs Beherzte und Pointierte.

      Rasch und feurig ist die Tempobezeichnung für Johannes Brahms´ Scherzo es-Moll op. 4. Sze-Chi Li gibt den coolen Könner, seine Interpretation dieses Stücks hat etwas lapidar Lässiges in seiner selbstverständlichen, verblüffenden Souveränität. Es ist schon toll, wie junge Menschen aus aller Welt in all den Lehrinstituten diese große Musik auf derart hohem Niveau weiter pflegen.

      Frédéric Chopins Polonaise As-Dur op. 53 (Maestoso), dem Schreiber seit dem 31.5.1987 akustisch eingebrannt in Vladimir Horowitz´ Wiener Liveinterpretation, kann zum äußerlichen Bravourstück werden. Andrei Preda belässt es bei großer Klaviermusik, die Bravour ist ein Teil des Ganzen. Dessen Mittelteil mit den rollenden Oktaven – wie er nicht nur das durchzieht: toll, alle Achtung!

      Beherzt und pointiert, innig und bravourös – eine vielfach anregende Klavierstunde war das wieder einmal!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Neu

      NACHT, STURM, TEUFEL, MATHEMATIK – ALLES MUSIK

      Zwei weitere Konzerte der Hochschule für Musik und Theater München im Gasteig (Kleiner Konzertsaal), 10.12.2018, persönliche Höreindrücke

      Offene Bühne ab 18 Uhr – da haben die Studierenden die Möglichkeit, Verschiedenes auszuprobieren, auszuloten. In diesem Fall geht es wohl hauptsächlich um die einleitenden Worte, die kurz die Komponisten und Werke vorstellen sollen. Auch im zweiten Konzert des Abends, dem Studiokonzert der Klasse Prof. Markus Bellheim ab 20 Uhr, wird Wert auf diese kurzen informativen Einführungen gelegt. Völlig unterschiedlich fallen da die Resultate aus – abgelesen oder frei gesprochen, rein informativ oder charmant-herzlich, hastig oder gelassen-ruhig, eher unverständlich oder sehr deutlich. Das professionelle Auftreten mit eloquenten Einleitungsworten gehört offenbar zur Pianistenausbildung dazu und wird von allen sehr ernst genommen, bedeutet aber für einige eine ziemliche Hürde, vielleicht sogar eine größere als die teilweise hochanspruchsvollen Klavierwerke danach vorzutragen. Verblüffend ganz zu Hause wirken einige an diesem Abend am Steinway Flügel mit den irrwitzigsten virtuosen Passagen und vollendeter poetischer Ausdruckskraft, nachdem sie teilweise herzlich unbeholfen „die pädagogische Pflicht“ hinter sich gebracht haben.

      Eine weitere Gemeinsamkeit beider Konzerte zeigt sich auch darin, keine Expositionswiederholungen bei den entsprechenden Sonatensätzen zu spielen. Abgesehen davon hat das erste Konzert großteils doch mehr Werkstattcharakter, während das zweite wieder einmal durchgehend das beachtlich hohe Niveau derartiger Hochschul-Klavierabende unterstreicht.

      Ela Cansu Bekgöz (Klasse Anna Buchberger), deren Mutter den Ausschlag gab (nicht nur) dieses Werk spielen zu können, hat die Innenspannung vor allem der Grave-Abschnitte im 1. Satz von Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 8 c-Moll op. 13 »Pathétique« (Grave – Allegro di molto e con brio) bereits großartig “intus”, ihr lebendiges, farbig schattiertes Spiel nimmt gleich ganz für sich ein.

      Jonas Salzer, vorgesehener Tenor-Gast, fiel leider krankheitsbedingt aus, die Einspringerin für ihn singt Franz Schuberts »Nachtstück« op. 36/2 D 672, am Klavier persönlichkeitsstark mitgestaltend Kim Sophia Reinhard (Klasse Prof. Silke Avenhaus), eine erschütternd eindringliche Mayrhofer-Vertonung zum Thema Tod, derart eindrücklich, dass man ganz gebannt von dieser großen Liedkomposition ist. Alleine dieses Lied zu entdecken ist schon den ganzen Abend wert.

      Undine im dann auch ordentlich aufrauschenden Wasser tauchend, die unheimlich pochende Atmosphäre um den Galgen und dann der sprunghaft unberechenbare Teufel selbst, Scarbo - Maurice Ravels »Gaspard de la nuit: Trois poèmes pour piano d’après Aloysius Bertrand« (1. Ondine, 2. Le Gibet und 3. Scarbo) gelingt Ayako Wada (Klasse Prof. Michael Schäfer) großartig transparent und angespannt, auch wenn sie diese brillanten, technisch extrem anspruchsvollen Stücke nicht ganz so offensiv durchzieht wie andere Interpreten. Man meint zu spüren – eine gute Seele blickt in einen Abgrund, den sie froh ist nicht hinabstürzen zu müssen. Und dann doch, knapp vor dem Scarbo-Schluss - da wird es ganz unheimlich, fast kriegt er sie, hat er sie wie magisch in seinen Sog gezogen, scheint sie in der musikalischen Unterwelt „wie ewig“ angekommen, dann siegt aber (Aufatmen!) die grandiose, überwältigende pianistische Brillanz.

      Eingerahmt wird das zweite Konzert (das erste war zu etwa einem Viertel voll, das zweite ist etwa halbvoll) von zwei Mozart Sonaten. Anastasija Aleksic spielt Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate F-Dur KV 332 mit seinem 1. und 3. Satz (Allegro bzw. Allegro assai) zwischen keckem Charme, einem Schuss Wehmut und Dramatik und seinem innigen Gesang des 2. Satzes (Adagio) mitreißend herzlich und unverschleiert direkt. Ich erinnere mich damit an meine Jugendzeit, in der ich diese wunderbare klassische Klaviersonate einstudieren durfte und freue mich, sie bald mal selbst wieder für mich privat zu spielen. Selbstbewusst, ziemlich gefestigt interpretiert Stephan Axtner am Schluss Wolfgang Amadeus Mozarts kompakte letzte Sonate D-Dur KV 576 (1. Allegro, 2. Adagio und 3. Allegretto). Mozart deckt jeden winzigen Aussetzer im Gegensatz zu hochkomplexer romantischer oder zeitgenössischer Musik sofort unüberhörbar auf, er kennt da kein Erbarmen, so filigran ist sein Klaviersatz. Beide machen zwischendurch kurz diese Erfahrung, fangen sich aber sofort und spielen hurtig weiter.

      Nach innen zu schließt sich die Klammer dieses Konzerts mit den Klavierstücken VII und IX von Karlheinz Stockhausen, gespielt von Haruka Ebina. Spannend im punktuellen Spiel von Stück VII sind die Nachklangwirkungen, die die Pianistin unterschiedlich schattiert. Und eine Offenbarung wird Haruka Ebinas Vortrag des etwa zehnminütigen Stücks IX, das weitgehend von einem penetrant oft wiederholten schrägen, schroffen Viertonakkord beherrscht wird, aus dem sich allerlei surreale Figuren zu emanzipieren scheinen, bis sich das Geschehen am Ende verflüchtigt.

      In der Mitte des zweiten Konzerts gibt es Beethoven und Bach. Kseniia Shor besticht stark speziell in den Rezitativabschnitten des 1. Satzes (Largo – Allegro) bei Ludwig van Beethovens »Der Sturm« Sonate d-Moll op. 31/2 – da baut sich eine ganz eigene Welt auf mit den Zerlegungen dieser Passagen. Die berühmte Stelle vor der Reprise mit dem einstimmigen Monolog, bei dem die Zeit angehalten scheint hüllt sie bewusst in viel Pedalhall. Die eigene Welt ganz und gar gibt es auch im 2. Satz (Adagio), und das Finale (Allegretto) gelingt ihr sympathisch mitreißend und auch mit einer gewissen Leichtigkeit im Fluss.

      Zwei Präludien und Fugen aus dem 1. Band des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach spielt Johannes Brooks, und zwar souverän: D-Dur BWV 850 (Praeludium flott, Fuge bestimmt) und gis-Moll BWV 863 (Praeludium träumerisch, Fuge gewichtig-dezidiert).



      Zu Hause der Nachklang, das erste Mal Durchhören der „Gaspard de la nuit“-DGG-Neuaufnahme von Alice Sara Ott, die das Werk ja derzeit auch live spielt, am 15.1.2019 etwa in München im Prinzregententheater. Jenseits von Modelfotos und Ledertaschenentwürfen – hochvirtuos Klavier spielen kann sie allemal, und ihre Stärke, die Transparenz, kommt bei diesem Werk großartig zum Tragen, im Wasserrauschen mit Undine genauso wie beim hier leichtfüßigen Scarbo-Kobold. Das Galgen-Herzstück kommt extrem kalt und monoton, atmosphärisch stark, Alice Sara Ott drückt gekonnt aufs Unheimliche. Gleichzeitig Qualität und Manko: Es fehlt trotz der bestechenden Transparenz eine ganz persönliche Farbe der Interpretation, ein pianistisches Markenzeichen, eine Unverkennbarkeit.



      Reinschnuppern auch noch in die verfügbaren Aufnahmen der im Konzert kennengelernten Stockhausen-Werke: das Klavierstück VII (1954/55) mit David Tudor und Sabine Liebner, das Klavierstück IX (1954/61) nur mit Liebner. Tudor war der erste, der die Stockhausen Klavierstücke auf Tonträger veröffentlicht hat. Er spielt das Stück VII spröder und grimmiger und etwas schneller als Sabine Liebner (Tudor 6:50 Minuten, Liebner 8:58). Beiden gelingt es, das scheinbar Willkürliche dieser punktuellen Musik folgerichtig erscheinen zu lassen. Ein singuläres Unikum ist das Klavierstück IX: der vierstimmige Akkord cis/fis/g-c´, der in diesem Stück insgesamt 280mal (!) angeschlagen wird, was daraus für Figuren erstehen, dazu wie man bei wikipedia lesen kann die rhythmische Proportion der Fibonacci-Zahlen, und alles fügt sich einfach zu vom Ablauf wie von den Klängen her ungemein spannender Klaviermusik zusammen. Meine Lust auf den Klavierkomponisten Stockhausen ist mit diesem Einstieg erfolgreich geweckt.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
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      ALLERLEI PIANISTISCHE WELTEN

      Konzert der Klavierklasse Prof. Adrian Oetiker, Großer Konzertsaal Arcisstraße, Hochschule für Musik und Theater München, 11.12.2018 (persönliche Eindrücke)

      Wolfgang Amadeus Mozart Klaviersonate B-Dur KV 333 ist eine meiner absoluten Mozart-Lieblingssonaten. Sophie Holma spielt den 1. Satz (Allegro) daraus frisch drauflos und durchaus pointiert, mit Expositionswiederholung.

      Neil Tarabulsi begibt sich mit musikalisch großer Geste in Frédéric Chopins bedeutungsschwere, gewichtig melancholische Welt des Nocturne b-Moll op. 9/1.

      Junwoo Lee spielt danach Chopins Etüden op. 10/3 (Lento ma non troppo »Tristesse«, 4 (Presto »Torrent«), 11 (Allegretto »Arpeggio«) und 12 (Allegro con fuoco »Revolutionary«) sehr reif, hochmusikalisch brillant, bestechend hochvirtuos wo es sich anbietet.

      Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 2 op. 14 live kennenzulernen bedeutet einen ganz besonderen pianistischen Leckerbissen für mich. Ji-Eun Park stürzt sich fulminant in den 1. Satz (Allegro ma non troppo) und öffnet damit neue Klavierklangwelten. Da offenbart sich eine pianistisch wahrlich ergiebige Sonatenkomposition! Auch den kurzen Ritt über Stock und Stein des 2. Satzes (Scherzo. Allegro marcato), den 3. Satz (Andante) voller großem Geheimnis und das fulminante Finale (Vivace) meistert die Pianistin gefühlt absolut CD-reif. Das sind schon schwindelerregend tolle Leistungen, die die meisten in diesen Hochschulkonzerten abliefern.

      Kompakt und gefestigt spielt Pinxin Liu im ersten Beitrag nach der Pause aus den Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms die Nummern 1 (Intermezzo. Allegro non assai, ma molto appassionato), 2 (Intermezzo. Andante teneramente) und 6 (Intermezzo. Andante, largo e mesto). Das Improvisatorische, Zärtliche und Fahle dieser Stücke kommt erneut hochmusikalisch zur Geltung.

      Sehr gut schließt daran Alban Bergs Klaviersonate op. 1 an. Yena Roh, auch sie die Expositionswiederholung nicht aussparend, schafft es, diese Sonate gleichzeitig wie improvisiert und wie aus einem Guss erstehen zu lassen. Die nächste fabelhaft tolle, unglaublich reif erscheinende Interpretation des Abends!

      Ludwig van Beethovens Klaviersonate Fis-Dur op. 78 » À Thérèse« (1. Adagio cantabile – Allegro ma non troppo, 2. Allegro vivace) konnte man sechs Tage zuvor auch in einem anderen Hochschulkonzert (im Kleinen Konzertsaal im Gasteig) hören. Nasung Kim spielt diese Sonate, die den Schreiber dieser Zeilen assoziativ an Beethovens 4. Symphonie denken lässt, die laut Leonard Bernstein eine einzige freundliche Antwort auf die mit der Einleitung zum 1. Satz gestellte ernste Frage ist, mit weicherem, poetischerem Ansatz als Peter Méri vor kurzem, alles in allem aber wieder ganz einmalig großartig in sich abgerundet.

      Die junge Pianistin schließt unmittelbar Claude Debussys L‘isle joyeuse an, in eine impressionistische, pianistisch anders glanzvolle Zauberwelt führend – mit erneut verblüffender Souveränität.

      Den Abschluss macht Frédéric Chopins Andante spianato et Grande Polonaise brillante op. 22, aus innerer Ruhe glasklar ausgebreitet das Andante spianato, brillant glänzend die Polonaise gespielt von Dmitry Mayboroda.

      Allerlei pianistische Welten also einmal mehr, auf höchstem Niveau vorgestellt! Leider waren die Sitzreihen nur spärlich besetzt. Vor der Pause hielt sich auch der Applaus bis ins pflichtschuldigst Geringste zurück. Im zweiten Teil wurde immerhin etwas beherzter versucht mitzuteilen, dass das Gebotene allemal viel, viel mehr als OK-fertig-nächster-Beitrag-anerkennenswert war.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK