Konzerterfahrungen in München

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    • AlexanderK schrieb:

      Die Sensation zu Beginn: Yuja Wang hat erstmals in einem Konzert sichtbare technische Probleme – beim Tempo des Öffnens der ersten Notenseite am Tablet am Notenpult.
      :thumbsup: :megalol:

      AlexanderK schrieb:

      mit einer derartigen liebevollen Schlichtheit und musikantischer Hingabe, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Die machen nicht Musik, die sind Musik.
      So habe ich die beiden in Hamburg auch erlebt, als sie das Gesamtwerk von Brahms für Violine und Klavier aufführten. Eine über die Maßen begnadete Pianistin mit einem ebenfalls herausragend guten Violinisten.
      "Die Leute verstehen heute von Haydn fast nichts mehr. Dass wir jetzt gerade in einer Zeit leben, wo - gerade hundert Jahre früher - Haydn unsere ganze Musik schuf, wo er eine Sinfonie um die andere in die Welt setzte, daran denkt niemand. Und Haydn - er war da gerade in meinem Alter - entwickelte sich in dieser Zeit ein zweites Mal zu so ungeheurer Größe, nachdem er früher die Welt gesehen und so viel geschaffen hatte. Das war ein Kerl! Wie miserabel sind wir gegen sowas!"
      (Johannes Brahms)
    • PIANISTISCHE HÖHENFLÜGE

      Der erste Abend des Klavierfestivals 2019 der Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 28.1.2019 (persönliche Eindrücke)

      Der sehr gut besuchte Eröffnungsabend stellt Studierende der Klassen Prof. Markus Bellheim und Prof. Thomas Böckheler vor. Einige konnte man bereits in den Wochen davor mit den Werken des Konzerts live erleben, aber ein Klavierfestival bei dem Eintritt verlangt wird ist schon noch etwas Anderes. Hier präsentieren sich die Besten, auf allerhöchstem Niveau.

      Nein, Domenico Scarlattis Sonaten f-Moll K 466 (Andante moderato) und C-Dur K 159 (Allegro) sind kein kleiner nebensächlicher Anheizer, sie sind empfindsame, originelle vorklassische Klaviermusik, zumal so beseelt und innig wie Chuang-Lu Kang (Klasse Prof. Thomas Böckheler) gleich die erste Sonate spielt, sich in die Musik vertiefend und damit das Publikum ganz und gar in das Wunder dieser Musik mitnehmend. Das ist mit Herz gespielt, das spürt man.

      Punktuelle Blitze und Nachklänge bringt Karlheinz Stockhausens Klavierstück Nr. 7, von Haruka Ebina (Klasse Prof. Markus Bellheim) mit derartiger Innenspannung vorgetragen, dass man nahezu gefesselt ist von dieser atonalen Tonsprache.

      Sergej Rachmaninow ist mit dem leidenschaftlichen Étude-tableau fis-Moll op. 39/3 (Allegro molto) und dem energisch heroischen Étude-tableau D-Dur op. 39/9 (Allegro moderato. Tempo di Marcia) im Konzert zu hören, und spätestens hier werden die völlig unterschiedlichen Interpretationsansätze und Charaktere der Mitwirkenden deutlich, ein faszinierendes Spannungsmoment so eines Klavierfestivals. Peter Méri (Klasse Prof. Thomas Böckheler) spielt Rachmaninows Musik mit kühler Brillanz, mit bewusster Distanz.

      In Ludwig van Beethovens Sonate Es-Dur op. 27/1 (1. Andante – Allegro, 2. Allegro molto vivace, 3. Adagio con espressione und 4. Allegro vivace) begibt sich Vincent Neeb (Klasse Prof. Markus Bellheim) hingegen ungemein empfindsam, mit viel weicherem Anschlag als sein Vorgänger am Steinway Flügel, und wenn es dann pianistisch losgeht jedes Mal aber sowas von fulminant, aber immer musikimmanent, nie rein äußerlich. Man staunt und ist hin und weg – eine musikalisch vollendete Interpretation dieser Sonate tut sich da auf. In Vincent Neeb hat die Münchner Musikhochschule ein Talent, auf das man ganz besonders aufpassen muss.

      Anderes Universum, andere Seele – jetzt gibt es Transparenz und Architektur, so erstehen die Vier Klavierstücke op. 119 von Johannes Brahms (1. Intermezzo h-moll. Adagio, 2. Intermezzo e-Moll . Andantino un poco agitato, 3. Intermezzo C-dur. Grazioso e giocoso und 4. Rhapsodie Es-Dur. Allegro risoluto), wie sie Ryuzo Seko (Klasse Prof. Thomas Böckheler) vorträgt.

      Gleich noch einmal Brahms, aber ein nochmals völlig anderer pianistischer Höhenflug folgt nun, die Variationen a-Moll über ein Thema von Paganini op. 35, Heft 2, gespielt von Rina Ikeda (Klasse Prof. Thomas Böckheler) weiter auf höchstem technischen und hochmusikalischen Level. Und zwischendurch packt sie als wüsste sie dass ein geborener Wiener im Publikum sitzt in der dafür passenden Variation herrlichste Wiener Seligkeit aus.

      Die Beiträge nach der Pause schrauben die pianistische Meisterschaft in noch unglaublichere Höhen.

      Die demonstriert gleich Mayu Kawashima (Klasse Prof. Thomas Böckheler) mit Frédéric Chopins hochvirtuos fordernder Fantasie f-Moll op. 49, einem wahren Prunkstück des Klavier-Königskomponisten.

      Haruka Ebinas zweiter Auftritt gehört wieder Karlheinz Stockhausen, diesmal dem markanten Klavierstück Nr. 9 mit seinen vielen Akkordwiederholungen und mit seinem weiteren Verlauf, den die Pianistin erneut so spannend zu interpretieren gelingt, dass man jede scheinbare Willkür der Komposition als völlig in sich stimmige Ordnung des musikalischen Systems mitempfinden kann.

      Eine ganz andere Welt tut sich nun auf, spanischer Zauber, aber wieder sowas von virtuos sich hochschraubend, die Zuhörerschaft erneut ganz in den Bann diesmal der meisterhaften Leistung von Mayuko Obuchi (Klasse Prof. Thomas Böckheler) ziehend – mit Isaac Albeniz´ »Iberia« Buch 1 (1. Evocación, 2. El Puerto und 3. Corpus Christi en Sevilla). Vor allem das dritte Stück baut da immer neue pianistische Riesenhürden auf, die auf diesem Vortragsniveau allerdings wie lockeres Schaulaufen daherkommen, so souverän wird das alles gemeistert.

      Und den Vogel schießt Magdalena Haubs (Klasse Prof. Markus Bellheim) mit Franz Liszts Mephisto-Walzer Nr. 1 (Allegro vivace (quasi presto)) ab, ein pianistischer Wahnsinn, diabolisch und supervirtuos, aber durchgehend nicht leistungsorientiert oberflächlich, sondern immer ganz und gar Musik, tollste, technisch schwerste, irrwitzig perfekt gespielte teuflisch gute Klaviermusik.

      Fazit des ersten Abends: Eine hochmusikalische genauso wie fulminante Leistungsschau, gleichzeitig ein spannendes Kaleidoskop unterschiedlichster Klaviermusik, von Scarlatti bis Stockhausen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • SOUVERÄNER TASTENZAUBER

      Der zweite Abend des Klavierfestivals 2019 der Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 29.1.2019, persönliche Eindrücke

      Wieder ist der Saal fast voll. Die besten lokal „verfügbaren“ jungen Pianistinnen und Pianisten fünf Tage lang bei ihrem souveränen Tastenzauber auf die Finger schauen zu können will man sich offenbar nicht entgehen lassen.

      Der Schreiber dieser Zeilen ist besonders gespannt auf zwei Werke, die bereits am Vortag zu hören waren (Liszts Mephisto-Walzer und Rachmaninows op. 39/9) sowie auf zwei absolute Lieblings-Klavierwerke des Schreibers (Chopins Ballade Nr. 1 und Bergs Sonate op. 1), aber auch der Rest des Programms verspricht weitere pianistische Höhenflüge sondergleichen.

      Zu Beginn, es ist diesmal ein Konzert der Klasse Prof. Antti Siirala, wuchtet Junhyung Kim Johann Sebastian Bachs/Ferrucio Busonis Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 als optimale Konzertouvertüre sehr entschlossen, ernst und gewichtig und gleich einmal am technisch höchsten Level in den Saal.

      Der am Vortag den fulminanten Schlusspunkt gesetzt habende Mephisto-Walzer Franz Liszts hat mit der anderen Interpretin, Clara Siegle ist es nun, sofort auch einen anderen Charakter, er ist zwar erneut ein pianistisch irrwitziger Höllenritt, aber Clara Siegle hat einen grunsätzlich etwas weicheren Anschlag und kontrastiert noch deutlicher das möglich Poetische bis Vergeistigte zum stupend Virtuosen.

      Ganz und gar eintauchen kann man nun in die pianistische Welt von Sergej Rachmaninows Études-tableaux op.39/2 a-Moll (Lento assai). Am Vortag hörte sich Rachmaniows Klaviermusik bewusst kontrollierter an, Gabriel Reicherts Rachmaninow gibt dem Emotionalen hingegen mehr unmittelbare, leidenschaftliche Vordergründigkeit. So wird auch die Études-tableaux op.39/9 D-Dur (Allegro moderato. Tempo di Marcia) zu einem wieder ganz anderen Hörerlebnis als 24 Stunden zuvor.

      Hochmusikalisch, mit toller Innenspannung und technisch fulminant spielt Daiki Kato Frédéric Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23, nicht die einzige reife Leistung dieses Klavierfestivals, „nur“ eine weitere höchst beeindruckende.

      Samuel Barbers Sonata es-Moll op. 26 ist ein ziemlich großer Brocken vor der Pause, aber So Hyang In legt den in allen vier Sätzen wie aus einem Guss hin, so dass man vom ersten bis zum letzten Ton total gefesselt ist von dieser Klaviermusik, der 1. Satz (Allegro energico) schmerzlich abwärts ziehend, der 2. Satz (Allegro vivace e leggero) glitzernd, der 3. Satz (Adagio mesto) schicksalsschwer und der 4. Satz (Fuga. Allegro con spirito) ein polyphones Dahinsausen, schwindelerregend gut, atemberaubend gut gespielt.

      Durchatmen zur Pause. Und dann wieder Festschnallem auf der Hochschaubahn des Spitzenklavierspiels.

      Ludwig van Beethoven seltener zu hörende Sechs Variationen F-Dur op. 34 haben ein recht schlichtes Thema und warten dann mit abwechslungsreichen Charaktervariationen auf. Maximilian Flieder lotet pianistisch die technisch anspruchsvollen wie musikintensiv vertiefenden Facetten die auch dieses Werk reichhaltig bietet mitreißend aus.

      Peter I. Tschaikowskys Dumka op. 59 spannt einen Bogen vom ruhigen Beginn zum ruhigen Ende und entfaltet sich in diesem Bogen zu einem zugkräftigen Glanzstück. Yoonji Kim weiß diesen Bogen zu einem sich schlüssig abrundenden Ganzen eindrucksvoll zu spannen.

      Maurice Ravels La Valse wiederum, der nächste pianistische Trapezakt, wird zum Walzerrausch unter virtuoser Hochspannung, wofür Emanuel Roch sorgt. Das Publikum ist hin und weg von all diesen vor allem technisch bis in winzigste Details famosen Interpretationen der schwierigsten Klavierwerke.

      Alban Bergs Sonate op. 1 formt Amadeus Wiesensee auch wie aus einem Guss, in sich abgerundet, eine kontrolliere Seelenentblößung, diese mehrmals sich aufbäumenden Wogen, eine ganz eigene klavieristische Welt.

      Und noch einmal richtig abräumen kann zum Schluss Aris Blettenberg mit George Gershwins so herrlich zwischen Tschaikowsky-Nachklang und Blues hin und her springender Rhapsody in Blue in der Solo Piano Version. Er schattiert so vielschichtig wie möglich, pointiert und schwelgerisch, sich ausbreitend und dann wieder umso furioser. Mit so einem Werk hat er es aber auch leicht, das kommt immer gut und bleibt als Ohrwurm noch weiter im Ohr.

      Beeindruckend, ja überwältigend die pianistische Qualität, die auch an diesem Abend, jede/jeder auf allerhöchstem Niveau, zu hören war, in der musikalischen Spannbreite von Bach/Busoni bis zu Berg und Gershwin.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • KLAVIERBRAVOURPERSÖNLICHKEITEN

      Der dritte Abend des Klavierfestivals 2019 der Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 30.1.2019, persönliche Eindrücke

      Als Konstante des Klavierfestivals kristallisiert sich heraus, dass hier lauter junge musikalische Persönlichkeiten auf dem höchstmöglichen technischen Level zu hören sind. Der dritte Abend, ein erneut sehr gut besuchtes Konzert der Klasse Prof. Adrian Oetiker, bestätigt es eindrucksvoll.

      Longxuan Wu rollt Johann Sebastian Bachs Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 zielsicher souverän ab, das ist gleich ein starkes Postulat als Opening.

      Frédéric Chopins Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52, vom Schreiber dieser Zeilen besonders gerne wieder gehört, spielt Sangwon Lee hochmusikalisch empfunden und mit glänzender Bravour.

      Alban Bergs Sonate op. 1 war auch schon am Vortag zu hören. Mit Yena Roh, die einen spitzeren Anschlag hören lässt, erhält die Sonate einen gestocheneren Charakter, auch ein Element vergeistigter Klarheit offenbart sich mit diesem Interpretationsansatz.

      So wie Anna Handler drei Stücke aus Robert Schumanns Fantasiestücken op. 12 (3. Warum?, 4. Grillen und 6. Fabel) spielt, kann man erneut ganz eintauchen in diese subtilen Charakterbilder, das ist ganz Musik, innige Musik.

      Charakterstücke, jedes eine andere spezifische Farbe bringend, offenbaren sich auch mit den Stücken 1 (Allegro non assai, ma molto Appassionato), 2 (Andante teneramente), 3 (Allegro energico) und 6 (Andante, largo e mesto) aus den Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms. Pinxin Liu macht dies auch hochmusikalisch deutlich, bis zum gedankenschweren, schwerblütigen Stück 6, das vor der Konzertpause steht.

      Felix Mendelssohn Bartholdys Andante cantabile e Presto agitato h-Moll aus dem Jahr 1838 »für das musikalische Album 1839« läuft mit Chia-Lun Hsu souverän durch.

      Seongjoo Gang zaubert danach mit Frédéric Chopins Barcarolle op. 60 Gleiten-übers-Wasser-Stimmung in den Saal.

      Unglaublich nun der zum Atemanhalten pianistisch perfekte Auftritt von Ji-Eun Park mit Sergej Prokofjews extrem fordernder Sonate Nr. 2 d-Moll op. 14 (1. Allegro, ma non troppo, 2. Allegro marcato, 3. Andante und 4. Vivace), ein grandioser Höhenflug.

      Frédéric Chopins Andante spianato, Einleitung des letzten Beitrags dieses Abends, glitzert im glasklaren Wasser, ehe Dmitry Mayboroda mit der daran anschließenden Grande Polonaise op. 22 noch einmal die ganze Bravour ausbreiten kann, nach der das Publikum bei so einem Klavierfestival natürlich lechzt.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • PIANISTISCHER WAHNSINN VOM BESTEN

      Der vierte Abend des Klavierfestivals 2019 der Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 31.1.2019, persönliche Eindrücke

      Wer sich mit Klaviermusik intensiver befasst und den Namen des Schwerpunktkomponisten des wieder auf viel Interesse stoßenden vierten Konzerts dieser außergewöhnlichen Reihe einordnen kann, ein Konzert der Klasse Prof. Michael Schäfer, ist umso mehr gespannt auf die hier zu erwartenden noch artistischeren pianistischen Glanzleistungen der jeweils etwa zehn Minuten langen Vortragsblöcke, exotistisch bis extravagant – der Name lautet nämlich Leopold Godowsky.

      Der erste Beitrag gibt die Richtung vor, pianistischer Wahnsinn vom Besten, Reiko Odaka spielt Franz Liszts Rhapsodie espagnole, da geht es sofort auf den Steinway Tasten wild rauf und runter, auch mit extremen Sprüngen und dazu mit einem Schuss spanischem Exotismus.

      Und jetzt legt Yihao Mao am Anfang und am Ende seines Blocks seine rechte Hand demonstrativ über die rechte Brüstung neben der Tastatur, um mit »6 in 4« zu verblüffen - Frédéric Chopins/Leopold Godowskys Etüde op. 10/3 für die linke Hand allein, Etüde op. 10/5 und op. 25/9 kombiniert für zwei Hände, Etüde op. 10/11 und op. 25/3 kombiniert für zwei Hände und Etüde op. 10/4 für die linke Hand allein – schier unfassbare technische Herausforderungen werden da noch dazu hochmusikalisch intensiviert bewältigt.

      Gewichtig sind Sergej Rachmaninows nun folgende »Drei Etüden in C«, Étude-tableau c-Moll op. 33/3 (Grave, weitflächig), Étude-tableau C-Dur op. 33/2 (Allegro, war auch am Vortag zu hören) und Étude-tableau c-Moll op. 39/7 (Lento, zuerst sperrig, dann verhalten marschierend, tolle Musik, ganze Welten durchschreitend!), grandios intensiv gespielt von Agata Kim.

      Aus der Java Suite von Leopold Godowsky stellt Yejin Koo Gamelan, Wayang-Purwa und The Bromo Vulcano and the Sand Sea at Daybreak vor, letzteres speziell ein erneuter pianistischer völliger Wahnsinn.

      Aber hurtig weiter auf der Achterbahn, vor der Pause legt Kyoungsun Park noch Igor Strawinskys Trois mouvements de Pétrouchka (Danse russe, Chez Pétrouchka und La semaine grasse) hin, hier speziell das letzte Stück irrwitzig virtuos.

      Ein ganz schöner Brocken ist Frank Martins Fantaisie sur des rhythmes flamenco, mit dem Esperanza Martín Lopez den zweiten Teil eröffnet, schon wieder supervirtuos und zwischendurch ryhthmisch mitreißend.

      Einen speziellen Reiz offenbaren Ottorino Respighis Tre preludi sopra melodie gregoriane, das erste fließend, das zweite aus Klavierkaskaden eine Melodie filternd, dann plötzlich ins ganz Meditative wechselnd, am Schluss wieder wild, das dritte dahingleitend. Eine ganz eigene Welt wird da von Ayako Wada aufgebaut, ein nahezu magischer pianistischer Zauber entfaltet sich.

      Frédéric Chopins berühmte Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 hat man beim Festival zwei Tage zuvor schon gehört, man denkt das sei nun in diesem Umfeld etwas Konventionelleres zum Durchatmen, aber weit gefehlt. Xiuyan Cui spielt das Poetische betont demonstrativ und wirft sich ins Virtuose derart aberwitzig wild, dass der Atem umso mehr stockt. Die Pianistin stellt sich damit als begnadet talentierte, selbstbewusst exzentrische Persönlichkeit vor.

      Zierlich wirkt SunMi Han beim Auftritt und Abgang und am Klavier sitzend, aber wie und was sie spielt, um nun noch dem supervirtuosen Konzertabend die Krone aufzusetzen, ist bärenstark und fordert höchste Kraft: Leopold Godowskys mörderisch ausführliche Passacaglia, 44 variations, cadenza and fugue, based on the opening of Symphony Nr. 8 by Franz Schubert. Man verlässt nach dieser schwindelerregend grandiosen Meisterleistung den Saal fast zitternd, völlig geplättet von so viel pianistisch hochvirtuoser Perfektion, und mit dem Cantus Firmus für den Heimweg das Schubert-Thema durch den letzten Beitrag fast brutal eingebrannt im Hirn.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ES GEHT AUCH LEICHTGEWICHTIG VIRTUOS

      Der fünfte Abend des Klavierfestivals 2019 der Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal Arcisstraße, 1.2.2019, persönliche Eindrücke

      Noch dichter als an den bisherigen Abenden ist der Saal gefüllt. Das fünfte und letzte Klavierfestivalkonzert der Münchner Musikhochschule verspricht etwas leichtere Kost, eine bunte Mischung mit zum Teil seltener zu Hörendem von Haydn bis Genzmer.

      Vor der Pause treten Studierende der Klasse Prof. Margarita Höhenrieder Dornier auf, danach Studierende der Klasse Prof. Yuka Imamine.

      Durch den ganzen Abend (durch die bisherigen auch, aber nun noch deutlicher) zieht sich das Bestreben aller Mitwirkender, ganz und gar Musik zu machen, das Publikum herzhaft in die Musik mitzunehmen, in die jeweile Klaviermusikwelt, in den Charakter jedes Stücks, in die Seele der Musik, also nicht nur eine technische Leistungsschau abzuliefern, sondern immer auch zu verdeutlichen, dass Musik im Konzert mehr ist als kritisch zu betrachtender Vortrag. Es ist in höchstem Maß bewunderswert, wie die jungen Pianistinnen und Pianisten dieses Umschalten beherrschen, vom Auftreten und Verbeugen zum nach vielfach kurzen Sekunden höchster stiller Konzentration sofortigen Ganz-und-gar-Eintauchen und Mitnehmen des Publikums in die große so vielfältige, vielschichte Welt der Klaviermusik.

      Das Herzhafte und Beseelte vermitteln gleich Yeonwoo Park mit Ludwig van Beethovens durchaus sonnig stimmender Sonate Fis-Dur op. 78 (1. Adagio cantabile – Allegro ma non troppo und 2. Allegro vivace) und Hyemin Choi mit den Vier Intermezzi op. 119 von Johannes Brahms (1. Adagio, 2. Andantino un poco agitato, 3. Grazioso e giocoso und 4. Allegro risoluto), dem Konzertabend einen gegenüber dem Angespannt-Hochvirtuosen der Vortage etwas leichtgewichtigeren Grundton vorgebend.

      Clara Schumanns Romanze a-Moll aus op. 21, eine erzählerisch für sich einnehmende Träumerei, wird von Chiara Baruffi ganz gegenwärtig vorgestellt.

      Nicht nur als virtuoses Glanzstück (am Schluss dann aber selbstverständlich durchaus als solches auch) erklingt Frédéric Chopins Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39 (Presto con fuoco). Yinghua Huang arbeitet hier das Sensible der Musik feinfühlig hochmusikalisch heraus.

      Huang spielt danach noch – anlässlich des 110. Geburtstags des Komponisten am 9.2.2019 angesetzt – drei Stücke aus der Suite in C von Harald Genzmer (1. Moderato, 2. Allegro und 3. Finale. Presto), Klaviermusik, die in ihrer eigenwilligen Sprödigkeit etwas an Hindemith erinnert und dann im Finale doch dem gerecht wird, was beim Klavierfestival besonders gut ankommt, höchster bestechender Virtuosität.

      Wo es geht poetisch und beseelt spielt Yun-An Lee aus Maurice Ravels »Le Tombeau de Couperin« die Sätze 1 (Prélude), 2 (Fuge), 4 (Rigaudon) und 6 (Toccata), am Schluss dann aber doch aus zunächst weich loslegender Tempokür sensationell virtuos die Toccata als weiteres Prunkstück des Klavierfestivals hinlegend.

      Johann Sebastian Bachs/Ferrucio Busonis ausführliche Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 (Andante maestoso, ma non troppo lento) entfaltet Riccardo Gagliardi als gewichtigen Höhepunkt vor der Pause würdig, mit Größe und zwischendurch auch mit Geheimnis.

      Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 25 G-Dur op. 79 (1. Presto alla tedesca, 2. Andante und 3. Vivace), wegen einer markanten Passage in der Durchführung des 1. Satzes manchmal „Kuckuckssonate“ genannt, gehört nun wirklich (so könnte man meinen), zur leichteren Schülerliteratur. Was hat die bei einem Klavierfestival zu suchen? Ganz einfach, Ya Ting Tsai macht große inspirierte und inspirierende Musik daraus, frisch, pointiert, so richtig herzlich und beseelt, und vor allem auch ganz fein schattiert.

      Das setzt Utako Endo mit Joseph Haydns Klaviersonate Nr. 39 D-Dur Hob. XVI:24 (1. Allegro, 2. Adagio und 3. Finale – Presto) fort (beachtenswert der innig-perlende Adagio-Satz!), um gleich darauf mit Franz Liszts Tarantella (S.162/3) aus »Venezia e Napoli« (Années de Pèlerinage II, Supplément) umso virtuoser aufzudrehen, ein weiteres Highlight der supervirtuosen Höhepunkte des Klavierfestivals.

      Eine ganz andere, eigene Klavierwelt öffnet Xintian Zhu mit Frédéric Chopins nicht so oft zu hörenden Mazurkas op. 56 (1. Allegro non tanto (h-Moll), 2. Vivace (C-Dur) und 3. Moderato (c-Moll)). Hier gelingt einmal mehr dieses Ganz-und-gar-Eintauchen in die Musik besonders gut, was der Substanz der Stücke genauso wie der Interpretation zu verdanken ist.

      Den Abschluss des Abends wie des Klavierfestivals überhaupt macht Felix Mendelssohn Bartholdys von Zhen Wang gespielte Fantasie fis-Moll op. 28 (1. Con moto agitato, 2. Allegro con moto und 3. Presto), konsequent das Konzert mit einem eher leichtgewichtigen Prunkstück, einmal mehr pianistisch perfekt und hochmusikalisch intensiv vorgetragen, abrundend.

      Die fünf Abende des Klavierfestivals der Hochschule für Musik und Theater München brachten, so kann man bilanzieren, alles in allem eine durchwegs faszinierende Leistungsschau technischer Bravour, bei der aber die Musik, die Seele der Musik, stets auch allgegenwärtig war. Inwieweit sich hier pianistische Karrieren andeuten bleibt abzuwarten, pianistische Höchstleistungen sind das Eine, die Gesetze des Marktes mit ihren vielfach äußerlichen Faktoren das Andere.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      als Matinee im Nationaltheater gab es heute Beethovens (nach dessen eigener Einschätzung) größtes Werk unter der Leitung des GMD. Kirill Petrenko hatte einen mit 100 Sängern besetzten, perfekt einstudierten Staatsopernchor und ein nicht zu groß besetztes (50-iger Besetzung in den Streichern) BStOr mit David Schultheiß an der Solovioline zur Verfügung: Marlis Petersen, Okka von der Damerau, Benjamin Bruns und Tareq Nazmi gaben ein sehr kultiviertes Solistenquartett.

      Die Mehrheit der Interpretationen Petrenkos zeichen sich durch recht zügige Tempi aus, das kann man auch bei den Beschreibungen hier im Forum immer wieder lernen. Nicht so der Beginn, das Assai sostenuto des Kyrie-Beginns war auf der langsamen Seite des Möglichen, das gibt die Tempobezeichnung aber sicher her. Großartig, wie genau insbesondere die Zurücknahme der Lautstärke immer wieder funktionierte, z.B. gleich in Takt 4 oder die Rücknahme des ersten Choreinsatzes ins piano, wenn in Takt 23 der Solotenor einsetzt. Das war enorm gut gefasst und gestaltet, meistens rutscht der Chorklang an solchen Stellen weg, davon war nichts zu bemerken. Wie immer bei Petrenko klappten selbst heikelste Tempoübergänge perfekt, die Abstimmung an der Stelle war selbstverständlich und überzeugend.
      Die Gegenüberstellung von Chor und Solopassagen, z.B. im Christe ab Takt 104, war immer wieder sehr überzeugend, die Mischung, wer begleitet, wer hat Hauptstimme, klappte für meine Ohren maßstabsetzend.

      Womit der Chor der Bayerischen Staatsoper natürlich glänzen kann, ist ein perfekt besetzter, sehr stimmpräsenter Tenor, dessen metallische Färbung nicht immer so gut passte wie im Gloria ab Takt 7 (oder später beim 'Quoniam to solus sanctus' ab Takt 316. Ein wundervoller Übergang mit sehr guten Bläsersolisten im Gloria ab Takt 130 ins Meno Allegro 'Gratias agimus tibi', auch hier stimmte von der Abmischung alles prächtig zusammen, noch beeindruckender nach dem Rückfall ins Allegro vicace dann der Übergang ins Larghetto mit dem fein gestalteten 'Qui tollis peccata mundi' der Solisten. Bei der musikalischen Nachbetrachtung mit einem Bekannten fand der an mancher Stelle Marlis Petersen zu schwach, ich hingegen bin mit dieser Darstellung mit immer genau dosierten Krafteinsatz überaus zufrieden gewesen.

      Die stimmlich wie kompositorisch extrem anspruchsvollen Schlussfugen in Gloria und Credo haben für meine Ohren etwas zu viel Metall vom Chor bekommen, aber das ist sicher eine Geschmacksfrage. Hingegen wieder ganz bezaubernd das tänzerisch-beschwingte Poco più Allegro ab Takt 459. In meinen Ohren war das der Höhepunkt der Interpretation: wie hier diese extrem aufgefächerte und offene Orchestrierung einfach nur strahlend dahinglitt: eine Offenbarung. Der Übergang in den echten Freudentaumel (Presto ab Takt 525) war absolut berauschend: da muss eine Interpretation hinkommen, dass die große Masse der Aufführenden da mitkommt.

      Im Credo gefiel mir wiederum die Passage des 'et incarnatus est' wieder besonders gut, die Innigkeit dieser vom Tenor tatsächlich (wie bezeichnet) mezza voce gesungenen Passage war ein weiteres Highlight der Aufführung. Das Gleiche gilt für den extrem fein gestalteten Beginn des 'Sanctus', der hier inclusive der beiden Fugen nur von den Solisten gesungen wurde: beeindruckend zu sehen, wie das Orchester diese kleine Besetzung mit großer Transparenz begleitete. Der Übergang ins Benedictus mit dem sehr präsent, aber unaufdringlich und mit ziemlich wenig Vibrato gespielten Violinsolo war erneut ein echtes Highlight, das gleiche gilt für den Beginn des Agnus Dei mit den längeren Solopassagen für Alt-, Bass-Solo und Männerchor. Die kürzeren Kriegspassagen vor dem endgültigen Eintreten der finalen 'Dona nobis pacem'-Textpassage waren weit weniger konkret martialisch gestaltet, als ich es schon gehört habe, aber das schien mir eine schlüssige Abrundung einer Aufführung der Missa Solemnis zu sein, die weniger durch Lautstärke-Rekorde auffallen als zu Herzen gehen wollte. Es folgte sehr herzlicher, lang anhaltender Applaus.

      Erneut morgen und Mittwoch Abend an gleicher Stelle. Anscheinend ist kein Mitschnitt des BR geplant. Wie schade.

      Gruß Benno
    • Noch nachzutragen:

      VIRTUOS UND ABGEKLÄRT

      Ein „Concerto per due pianoforti soli“ mit Sophie und Vincent Neeb im Rubinsteinsaal bei Steinway & Sons (München), 7.2.2019, persönliche Eindrücke

      So jung es ist, so abgeklärt und professionell routiniert tritt das Münchner Pianisten-Geschwisterpaar auf und spult es sein anspruchsvolles Programm vor leider nur etwa 25 Besuchern ab.

      Igor Strawinskys Concerto per due pianoforti soli gibt sich neoklassizistisch kantig, da wird schon mal grimmig insistierend gehämmert, aber auch mitreißend gegroovt. Dem eröffnenden Con moto Satz folgen ein Notturno (Adagietto), Quatrro variazioni und als Finale Preludio e fuga. Von der ersten Sekunde an bietet das vollkommen aufeinander eingespielte Duo an den zwei Flügeln höchstmögliches virtuoses wie musikalisch differenziertes Niveau.

      Vierhändig auf einem Klavier spielen sie Franz Schuberts unglaubliche Seelenwelten auslotende gewaltige Fantasie f-moll D 940, Vincent Neeb den Baßbereich, Sophie die höheren Lagen. Man darf sich nie sicher fühlen in diesem Schubert-Kosmos, kaum meint man sich in seliger Spielfreude ausruhen zu dürfen, bricht eine apokalyptische Hölle ein, und irgendwie kommt man aus der aber wieder heraus in neuerlich freundlichere Gefilde. Es ist das einzige Werk des Konzerts, das die beiden mit Noten vor sich spielen, abwechselnd umblätternd, aber die Souveränität, der Facettenreichtum sind genauso selbstverständlich wie bei den anderen Werken.

      Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate D-Dur KV 448, vom Schreiber besonders geschätzt in einer furios-frisch herausgeputzten Amadeo-Schallplattenaufnahme mit Roland Batik und Paul Gulda aus den frühen 80er Jahren, erfüllt musikalisch-musikantisch sodann auch alle Erwartungen, lebendige klassische Konzertmusik, spritzig bis innig ausmusiziert, hörbar erneut vollkommen aufeinander abgestimmt.

      Den Abschluss machen Franz Liszts Réminiscences de Norma, die gewaltige Opernparaphrase, hier in der Fassung für zwei Klaviere, ein pianistisches Prunkstück natürlich, das großmelodiös wie hochvirtuos alle Möglichkeiten bietet, pianistische wie hochmusikalische Qualität zu demonstrieren.


      Zwei kurze Zugaben, Tänze von Schubert oder Brahms.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Auch noch ergänzend...

      DER MENSCH UND DIE SCHWÄNE

      Die Göteborger Symphoniker unter der Leitung von Santtu-Matias Rouvali in der Philharmonie im Gasteig (München), Solistin Alice Sara Ott, 20.2.2019, persönliche Eindrücke

      Jean Sibelius´ heimliche finnische Nationalhymne »Finlandia« op. 26, die Konzertouvertüre, stellt das Orchester, geleitet von seinem jungen Chefdirigenten, tourneegerecht kompakt und klangprächtig aufgezogen vor.

      Die Solistin des nun folgenden Konzerts Alice Sara Ott hat ein paar Tage vor der aktuellen Tournee, die nun von Berlin nach München geführt hat, ihre MS Erkrankung öffentlich gemacht und sich statt des ursprünglich angesetzten 2. Liszt Konzerts für das doch etwas entspanntere Konzert für Klavier und Orchester G-Dur von Maurice Ravel entschieden. Die Aufführung verläuft „ganz normal hochprofessionell“, es wird einfach auf höchstem Niveau ein farbig koloriertes Klavierkonzert des 20. Jahrhunderts gemeinsam musiziert. Alice Sara Ott spielt ihre Stärken aus, den unmittelbaren aber nicht zu energisch forcierenden Zugriff und vor allem die glasklare Transparenz des Anschlags. Ganz gehört ihr der Beginn des 2. Satzes – ein Mensch alleine, am Klavier vertieft erzählend (und ein paar Huster aus dem Publikum, bei denen man sich fragt, warum sie ausgerechnet in dieser kontemplativen Passage unbedingt ihre lautstarken dissonaten äha äha derart raumfüllend rauslassen müssen), das ist etwas sehr Persönliches, und es geht sehr zu Herzen. Aus diesem Solo heraus entwickelt sich das sanfte Spiel zusammen mit dem Orchester zum Wegträumen in eine andere Welt, eine Welt von ganz eigenem Zauber. Nach dem eulenspiegelig flinken Finale das auch ganz toll gelingt, eher fein filigran differenziert als auftrumpfend vordergründig, wird schon speziell herzlich applaudiert, und Alice Sara Ott gibt die ihr überreichten Blumen ins Orchester weiter.

      Als Zugabe schenkt uns Alice Sara Ott als empfindsame Vollblutmusikantin Chopins Nocturne Es-Dur op. 9/2. Und in der Konzertpause signiert die Künstlerin, part of the job, CDs und Programmhefte. Auf Wiedersehen und vor allem –hören am 14.5. im Prinzregententheater!

      Die publikumsfreundliche, in ihrer markanten Motivik vielfach eingängige Symphonie Nr. 5 Es-Dur op. 82 von Jean Sibelius nach der Pause bestätigt, was »Finlandia« schon versprach: Ein grandios kompaktes, vollblütig aufspielendes, perfekt studiertes und disponiertes Orchester lässt die Musik mitreißend vorbeiziehen. Im 1. Satz kämpft sich die symphonische Musik bis zum triumphalen Schluss durch, der 2. Satz spannt einen großen romantischen Bogen, und dann schwirrt, schwebt, fliegt der 3. Satz los, und man spürt förmlich wie der auch akustisch prachtvolle Schwäneflug losgeht. Punktgenau kommen die Orchesterschläge am Ende, so erwartet man es bei einem Tourneeorchester, so lösen sie es perfekt ein.

      Die Zugabe, der Valse triste von Sibelius, bringt noch einmal etwas Melancholie in die Philharmonie, etwas getröstet mit seligem Walzerschwelgen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • EISESKÄLTE UND HERZENSWÄRME

      Merit Ostermann (Mezzosopran) und Rudi Spring (Klavier) nehmen die Hörerschaft mit bei Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise op. 89 D 911, Café Prinzipal (München), 25.2.2019, persönliche Eindrücke

      Franz Schuberts Winterreise-Liederzyklus ist eine ganz eigene, Mitwirkende wie Zuhörerschaft ungemein fordernde Stationenreise durch eine eiskalte Seelen- und Naturlandschaft, mehr Stillstand als Bewegung von seltsamer Station zu noch seltsamerer Station. Als Jugendlicher habe ich das Werk erstmals mit einer LP-Box wahrgenommen, 2 LPs Eurodisc 300 023-435, Lied-Edition 13, Theo Adam (Bass), Rudolf Dunckel (Klavier), die Winterreise noch ergänzt mit sechs Liedern aus Schwanengesang, und faszinierend war da für mich schon die Covergestaltung, hellblauer Rahmen, und vorne drauf eine Winterlandschaft – das hat gleichzeitig für mich Eiseskälte und Herzenswärme ausgestrahlt.

      Die in Niederbayern geborene Mezzosopranistin Merit Ostermann kann bereits ein Musicalstudium an der Theaterakademie August Everding, ein klassisches Gesangsstudium bei Frau Prof. Sylvia Greenberg an der Hochschule für Musik und Theater in München mit Abschluss in der Meisterklasse und eine Ensemblemitgliedschaft am Hessischen Staatstheater Wiesbaden von 2009 bis 2014 vorweisen, und seit Mai 2015 singt sie im Chor des Bayerischen Rundfunks.

      In Rudi Spring, seit 1999 Dozent für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Theater in München, hat Merit Ostermann den idealen musikalischen Partner für diese Reise am Flügel zur Seite.

      Die beiden nehmen uns sofort mit in diese kalte Welt, aber sie nehmen uns mit einer Herzenswärme mit, wie ich sie mit Musik in Wien aufgewachsen und verstärkt aus der Jugendzeit von der Schallplattenhülle her als vertraut neu erleben kann, im warmherzig-sensiblen Duktus und Klavieranschlag des Pianisten genauso wie im völlig natürlichen Gesangsvortrag der Sängerin, die von Station zu Station die Empfindungen ganz direkt, aber nie aufdringlich und auch nie theatralisch überzeichnet oder unterspielend ans Publikum weitergibt. Da ist nichts forciert, nichts stilisiert, nichts pädagogisch, didaktisch oder anders allzu bewusst als erarbeitet erkennbar, da werden einfach 24 Stationen eines Seelenstillstands neu gelebt, und wir sind mitten dabei, in kalter, einsamer, verlorener Welt, und doch geborgen in der Wärme beherzten Liedvortrags.

      Es ist sofort egal ob da ein Er singt oder eine Sie, Merit Ostermann ist die Erzählerin, das lyrische Ich auf dieser Stationenreise, und das ist sie durch und durch glaubhaft, eindringlich, bewegend, ja richtiggehend erschütternd.

      Fremd ist sie eingezogen, nimmt sie Anstoß an der Wetterfahne, zweifelt sie mit den Tränen, wandert sie durch die tote Natur, kommt sie an einem Lindenbaum vorbei, spricht sie mit der Natur (als wäre es ein Chanson von Weill/Brecht hier), findet sie sich am zugeeisten Fluss wieder, wird die Geborgenheit in der Stadt wachgerufen, verirrt sie sich, rastet sie innerlich schmerzerfüllt, sehnt sie sich nach der Harmonie des Frühlings und fühlt sie sich in der Natur immer unwohler.

      Nach den ersten zwölf der 24 Lieder machen die beiden eine Zweiminutenpause mit Abgang und neuem Auftritt, aber wie bewusst sie diese Pause kurz halten, gibt dem Ganzen eine sehr bestimmte Dimension, der Faden soll nicht zu lange unterbrochen sein.

      Das Posthorn scheint neue Energie zu geben, aber schon ist das unglückliche Altern ganz unmittelbar da und die Krähe wird zur Todesfreundin, ein Blatt fällt ab (hier tut sich plötzlich eine Hugo Wolf Welt auf an diesem Abend), Hunde verfolgen sie, die Träume erlischen, der Himmel strahlt Kälte aus, sie lässt sich von einem Licht täuschen, sinniert über einen Wegweiser ins Grab, erkennt den Friedhof als Wirtshaus, will die Seelenqual überspielen, fantasiert über Nebensonnen und schließt sich am Ende vielleicht einem auch wie aus der Welt gefallenen Leiermann an.

      Zögerlich setzt der betroffene Applaus ein, der sehr rasch eine echte Begeisterung offenbarende Intensität erreicht. Niemand kommt auf die Idee jetzt könnte noch eine Zugabe folgen, das muss auch nicht kommuniziert werden.

      Eiseskälte herrscht an diesem Februar-Montagabend in München keine mehr. Die Herzenswärme der gerade mitgelebten Schubertstunde nimmt man gerne mit in die Nacht.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • MEPHISTO KLOPFT INSISTIEREND

      Ein Klavierabend mit Francesco Cipolletta in der Klavierwerkstatt Kontrapunkt (München), 9.3.2019, persönlicher Konzerteindruck

      Der in Turin lebende Pianist Francesco Cipolletta, er sieht ein bisschen aus wie der Schauspieler Florian Mertens („Ein starkes Team“), ausgezeichnet unter anderem beim Busoni-Wettbewerb in Bozen und bei der European Piano Competition in Luxemburg, lehrt neben seiner Konzert- und Aufnahmetätigkeit Klavier am Staatlichen Konservatorium für Musik in Cuneo/Piemont.

      Sein Auftreten wie sein Klavierspiel (am Steingraeber & Söhne Flügel, der sich klanglich wohltuend vom Einheits-Steinwaystandard abhebt, gleichzeitig wärmer und herber) sind bestimmt und selbstbewusst souverän, aber nichts ist äußerlicher Selbstzweck. Der kleine Rahmen seines Konzerts schafft an sich schon eine Intimität, die der Pianist hervorragend hochmusikalisch zu verstärken versteht, indem er die Klaviermusik die er spielt wie neu erzählt, für die die die Werke noch nie gehört haben genauso wie für die die sie schon gut zu kennen glauben. Klavieristisch-pianistisch besticht die technisch tadellose, fabelhaft gute Sicherheit, die aber immer der musikalischen Dramaturgie dient, nie leeres Tastengedonner vorzeigt. Der Zugriff ist sehr direkt, auch im Poetischen, das Cipolletta genauso gekonnt und sauber abrundend auszuspielen versteht. Die Werke werden zu großen Ganzen geformt und offenbaren doch all ihre Schnitte und Brüche, ihre Kurven und Linien, ihre Steigerungsbögen und Stillstände. Der erzählerisch starke Ansatz macht jeden Konzertmoment unmittelbar gegenwärtig. Die musikalische Substanz, die der famose Pianist den Werken abtrotzt, überwältigt wieder einmal vollkommen.

      Das gilt für Frédéric Chopins Balladen (Nr.1 g-Moll op.23, Nr. 2 F-Dur op. 38, Nr. 3 As-Dur op. 47 und Nr. 4 f-Moll op. 52) mit ihren packenden Wechseln zwischen hochvirtuosen und träumerischen Passagen.

      Und es gilt genauso für Franz Liszts h-Moll Sonate, diese halbstündige pianistische Achterbahnfahrt. Gerade in Konzerten offenbart sich umso stärker die immense Herausforderung dieses Werks. Schlägt der Pianist die ersten G-Töne an, steigt er ein in die schwindelerregende pianistische Berg- und Talfahrt, er hält das Publikum damit fest und stürzt sich selbst durch alle Paradiese und Höllen dieses Werks, wenn man es faustisch auffasst (diesmal weil eben erzählerisch so stark sehr gut mitvollziehbar) durchaus mit Faust, Mephisto (wie der immer wieder insistierend klopft!) und Gretchen. Nahezu plastisch führt Francesco Cipolletta die Konfrontationen der drei Charaktere vor, hochvirtuos, rezitativisch, verträumt, verklärt, fugatorisch, gegen Ende im Prestissimofurioso und ganz am Schluss noch einmal verklärend.

      Alle Achtung, und da ist das Publikum natürlich hin und weg. Und es kriegt Zucker mit den Chopin-Zugaben, dem Impromptus Nr. 1 As-Dur op. 29 und der glockenhell lachenden Etüde op. 10/8 in F-Dur.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK