Konzerterfahrungen in München

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    • Konzerterfahrungen in München

      Hallo zusammen,

      Ich hatte hier von meinem geplanten Konzertbesuch bei Simone Kermes und Vivica Genaux berichtet. Gestern hat das Konzert stattgefunden.

      Das Programm 'Barocke Rivalitäten' ist gestern zum ersten Mal über die Bühne gegangen, gemäß der Website von Simone Kermes soll es noch gut 40 Aufführungen erfahren. Insofern können nach meiner Kritik andere Leser entscheiden, ob sie bei anderer Gelegenheit vielleicht Lust haben, hierfür Konzertkarten zu kaufen. Vivica Genaux hat vor kurzem ein Hasse/Handel-Recital mit (zumeist) unbekannten Arien für Faustina Bordoni mit der Capella Gabetta vorgelegt. Das Programm dieses Recitals hat keinen Niederschlag im neuen Programm gefunden, alle Arien, Sinfonien und Duette sind dort nicht aufgenommen. Simone Kermes hat Arien für Francesca Cuzzoni, Vivica Genaux erneut solche für Faustina Bordoni gesungen. Ob das alles philologisch richtig ist, kann ich nach einem Konzertbesuch natürlich nicht einschätzen, aber man mag es wohl glauben.

      So sind zehn der 16 vorgesehenen Nummern im Programmheft als Welterstaufführungen in der Neuzeit tituliert worden. Das finde ich, bei aller Skepsis gegenüber diesem Begriff, ein sehr schönes Vorgehen, das man ja auch schon bei vielen CDs von z.B. Simone Kermes oder Cecilia Bartoli beobachten kann, sie haben sich beide von Claudio Osele viel Musik aus Archiven heraussuchen lassen, die zu ihrer jeweiligen Stimme passt. Das hat er nun auch für Vivica Genaux und das Orchester gemacht. Auch wenn es einige Abweichungen gegenüber dem angekündigten Programm gegeben hat, ist meine Neugier auf 'neue' alte Musik ausreichend gestillt worden.

      So gab es Musik von 11 Komponisten der Geburtsjahrgänge 1653 (Carlo Francesco Pollarolo, mithin ein Zeitgenosse von Corelli) - 1713 (Giuseppe Arena, mithin ein Zeitgenosse Glucks) aus den Jahren 1718 - 1739, lediglich Porpora und Hasse kamen mehrfach im Programm vor. Das vermutlich bekannteste Stück im Programm war die Handel-Arie aus dem Scipione, die Simone Kermes bereits auf ihrem Cuzzoni-Album gegeben hat, die sie hier auch als Auftrittsarie genutzt hat.

      Wie immer sind ihre Barockarien-Konzerte Zur-Schau-Stellungen ihres enormen gesanglichen Vermögens, u.a. sehr viel stimmliches Metall und eine erstaunliche Virtuosität vorzuführen. Das hat sie gestern auch so gehalten, allerdings finde ich es bei dem anhaltend perfekten Stimmsitz und der Bühnenpräsenz auch richtig, diese Karte zu spielen. Dass sie leise Töne und auch sehr stimmige Interpretationen produzieren kann, hat sie an vielen Stellen auch auf Tonträgern dokumentiert (ich finde Ihre Nitocris in Handel's Belshazzar unter Peter Neumann unglaublich präsent und angemessen). Ein (alleiniger) Arienabend mit Simone Kermes nutzt sich allerdings in ihrer Vorführung der stimmlichen Möglichkeiten auch immer etwas ab. Und an der Stelle ist der gemeinsame Auftritt mit der stimmlich ganz anders gelagerten Vivica Genaux für beide ein Zugewinn. Vivica Genaux hat alleine bis auf eine Ausnahme nur 'Erstaufführungen' gesungen, ihre gerade in den tiefen Lagen wunderbare klingende Stimme stellt einen wunderbaren Kontrast zum Timbre von Simone Kermes dar. Einzig ihre etwas merkwürdige Art, Koloraturen und Triller mit sehr schnellen Mundbewegungen zu gestalten, ist etwas gewöhnungsbedürftig, dürfte aber vermutlich ab Reihe 10 kaum noch zu erkennen gewesen sein.

      So kann ich den Besuch eines derartigen Konzerts eigentlich nur empfehlen, Kermes ist weiterhin in einer bestechenden stimmlichen Form, es gibt wenige Sänger, die ihr an dieser Stelle das Wasser reichen können, Vivica Genaux ist aber kein Programmfüller, sondern eine perfekte Ergänzung.Die Sängerinnen bereichern sich gegenseitig. Und man wäre natürlich gespannt, was ein Komponist von Handels Qualität für eine Sängerin wie Simone Kermes schreiben würde .... Aber das ist natürlich nur ein wüster Traum .... Und ja, ich kann schon, wenn ich die aufgeführten Stücke höre, erkennen, warum ein GF Handel als Komponist von seinen Zeitgenossen hoch geschätzt und heute als weithin berühmter gelten muss, die aufgeführten Arien von Leonardo Leo und Giuseppe Arena sind deutlich einfacher als die aufgeführte Handel-Arie, die nun weiß Gott nicht zu den bekanntesten des Hallensers gehört.

      Johann Joachim Quantz hob bei Faustina Bordoni hervor, sie besitze 'eine scharfe Beurteilungskraft, den Worten, welche sie der größten Deutlichkeit vortrug, ihren gehörigen Nachdruck zu geben', bei Cuzzoni lobte der gleiche (komponierende) Autor hervor, diese singe 'unschuldig und rührend'. Nun sind diese Eigenschaften, auf die heutigen Interpretinnen der Sängerinnen übertragen, sicher nicht die größten Vorteile von Genaux und Kermes. Vermutlich ist die Sängerin in McGegan's 'Arien für'-Platte bei Cuzzoni, Lisa Saffer, die deutlich überzeugendere 'Aktualisierung' der sängerischen Fähigkeiten einer Francesca Cuzzoni, aber es ist natürlich dennoch sehr faszinierend, den völlig anders gearteten hervorragenden Sängerinnen zuzuhören, die dann rein zufällig auch noch beim gleichen Plattenlabel sind. Ich hoffe, ich habe Interesse geweckt.

      LG Benno
    • Julia Fischer Quartett mit Beethoven, Schostakowitsch und Schumann

      Hallo zusammen,

      gestern Abend gab es im restlos ausverkauften Münchner Prinzregententheater einen Auftritt des Julia Fischer Quartetts, das sich dadurch auszeichnet, dass alle Spieler (mehr oder minder) namhafte Solistenkarrieren 'neben' diesem Ensemble aufweisen.

      Das Münchner Publikum war dem seit 2010 regelmäßig miteinander musizierenden Ensemble sehr gewogen und hat außerordentlich warmen Applaus gebracht, der mit zwei Zugaben (3. Satz Allegro Vivo aus Martinu's 5 Streichquartett und Scherzo des Mendelssohn op. 44,2) belohnt wurde.

      Dabei gab es durchaus einige Punkte zu kritisieren. Ein 'Solistenquartett' wie dieses zeichnet sich dadurch aus, dass die Nebenstimmen deutlich präsenter sind, das kommt durchaus auch durch Lautstärke zum Ausdruck. So fand ich insbesondere beim Beethoven-Quartett c-moll op. 18,4 die Oberstimme an mancher Stelle im Vergleich zu den anderen Stimmen zu leise. Evtl ist das ein Abstimmungs- oder auch nur ein Einspiel-Problem. Gestalterisch gab es hier sehr lebendiges Musizieren zu erleben, bei dem man jeweils 'sehen' konnte, welche Stimmen im Dialog miteinander sind, weil die Musiker sich dabei angeschaut haben. Ob es sich um eine Abstimmungs-Marotte, die ein dauerhaft zusammen spielendes Quartett nicht benötigt, oder eine Methode zur Verdeutlichung der musikalischen Struktur handelt, lasse ich dahingestellt.

      Relativ kurzfristig haben sich die Musiker entschieden, das c-moll-Quartett op. 110 von Schostakowitsch direkt danach zu spielen, meinem Verständnis nach war das eine gute Entscheidung. Allerdings vor allem deswegen, weil ich die musikalische Leistung insbesondere der Primaria deutlich weniger gelungen fand als die bei den anderen Stücken. Ich habe das Stück vor über 20 Jahren mit der langjährigsten Besetzung des Borodin-Quartetts zuletzt im Konzert gehört. Ich besitze Aufnahmen von Hagen-, Mandelring- und eben Borodin-Quartett, die ich bei diesem imho Höhepunkt der Streichquartette des 20. Jhs. regelmäßiger höre und muss sagen, dass insbesondere die Oberstimme nicht wirklich überzeugend gespielt worden ist. So war z.B. die Oberstimme im 1.Satz bei der in Halbtönen absteigenden Stelle ab Takt 28 für meine Ohren kaum mehr als eine Intonationsübung, die tragische Dimension dieser Stelle hat mich nicht erreicht. Das hat sich leider durch das ganze Stück gezogen. Die anderen Spieler, insbesondere Alexander Sitkovetsky an der 2. Violine hatten da deutlich mehr an Tiefe zu bieten. Das hat meine Frau und mich dann doch etwas enttäuscht. Soweit ich erkennen kann, hat Julia Fischer bisher keinen Schostakowitsch eingespielt, evtl. weiß aber jemand im Forum mehr darüber. War das ein schlechter Abend oder liegt ihr diese Musik nicht so recht (damit könnte ich gut umgehen)?

      Ganz anders stellte sich das Quartett nach der Pause bei Schumanns A-dur-Quartett op 41,3 dar. Hier stimmte wieder vieles, eine sehr Nebenstimmen-betonte, außerordentlich engagierte Darstellung dieses imho Höhepunkts der Schumann'schen Streichquartette war zu erleben. Anscheinend liegt diese Musik allen Beteiligten, insbesondere auch dem anwesenden Publikum, mehr als Schostakowitsch.

      Seid Ihr schon einmal dem Julia Fischer Quartett begegnet? Was sind Eure Erfahrungen?

      LG Benno
    • CHOPIN WAR DA

      Es ist der 19.9.2014, ein Freitagabend in München. Etwa 40 Menschen haben sich im 5. Stock des Kaufhauses Beck in der Musikabteilung zusammengefunden, um die Präsentation einer Chopin CD mitzuerleben. Es ist die dritte CD der 1991 in München geborenen Pianistin Sophie Pacini, die offen, herzlich und selbstbewusst ihr Produkt vorzustellen versteht. Dabei wirkt sie im Gespräch völlig natürlich. Innerlich mag sie aber schon stets konzentriert sein auf die drei Hörbeispiele, die sie live am Lagerfeld Steinway Flügel auf der kleinen Bühne in diese Präsentation einbaut.

      Nichts ist selbstverständlich, auch nicht, dass eine professionelle Pianistin in kleinem Rahmen drei der berühmtesten Stücke der Klavierliteratur auswendig vorträgt, und zwar (es sei vorweggenommen) so dass jemand wie ich das Gefühl hat ich werde ganz und gar in diese Klavierwelt des Frédéric Chopin aufgenommen, in ihre Zerrissenheiten wie Geborgenheiten.

      Im Gespräch mit dem eloquenten, gut vorbereiteten Moderator Dieter Mondrejewski betont Sophie Pacini zu Beginn, dass es sie stört, wenn Künstler dem Publikum suggerieren wollen, was es zu fühlen hat. Die Chopin CD sei eine Idee der Plattenfirma, die Auswahl komme aber von ihr selbst. Sie sei dramatisch, mit einem Grauschleier behaftet, ein Zweifeln ziehe sich durch, immer wieder komme es zu Abstürzen (Scherzo Nr.2, Polonaise-Fantaisie), es gäbe Düsteres, Kraftvolles, Trost Spendendes. Der Beginn mit der Ballade Nr. 4 solle in eine Zauberwelt führen, das Ende mit der Polonaise-Fantaisie sei Triumph und Fragezeichen. Verraten wird der überraschende Hidden Track, eine ganz spezielle Danksagung der Pianistin, der Bach/Busoni Choral BWV 639 "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ".

      Zum ersten Stück das sie spielt, zum Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31, sagt sie: „Nach diesem Stück sind wir eigentlich alle da.“ Gemeint ist – in Chopins Welt. Sophie Pacini, das ist auch eine, die vom erläuternden Reden sofort umschalten kann zu Klavierspiel als würde es kein Vorher und Nachher geben, die die Hörerschaft mit den ersten Tönen unmittelbar mitnimmt in die Welt der Musik, virtuos und poetisch, ohne sich mit Manierismen vorzudrängen. Beherzt und professionell würde ich das nennen, im besten Sinn.

      Vor dem zweiten Stück, das live zu hören ist, dem Nocturne Nr. 8 Des-Dur op. 27/2, spricht sie zu diesem Stück: „Für den Rahmen des Nocturne ist das schon sehr extrem.“ Und sie macht auf „diesen unendlichen Melancholie-Walzer“ im Mittelteil aufmerksam. Befragt zum Nocturne op. 9/2, das sie auf der CD rascher spielt als man es gewohnt ist, verweist sie auf Chopins Tempobezeichnung Andante con moto. Auch das Fantasie-Impromptu op. 66 hat sie aufgrund genauer Überprüfung des Notentextes in den Tempi modifiziert. Sie lernte es als 11jährige kennen, war aber mit der Fontana Ausgabe schon damals nicht glücklich. Als vor einiger Zeit ihre Mentorin Martha Argerich nach einem Münchner Konzert mit Gidon Kremer bei ihr übernachtete und sie bis 5 Uhr früh zusammen Klavier spielten (so etwas lässt Pacini so ganz nebenbei in ihren Redefluss einfließen), machte Argerich sie auf die Edition von Jan Ekier aufmerksam, der das letzte Autograph Chopins zugrunde liegt.

      Dann spielt sie wieder: Eine ganze Welt tut sich auf mit diesem Nocturne, alle lauschen gebannt.

      Weiter im Gespräch: Der Schluss der CD (vor dem Hidden Track) gehört der Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61. Dieses Stück nennt Pacini „die Synthese von Chopins Werk“, der Rhythmus sei der Herzschlag. Weiter zu diesem Stück: „Er zwingt zur Positivität.“ Und: „Es geht durch den gesamten Körper.“ Dann: „Der letzte Akkord schreit in den Himmel hinauf.“

      Auch diese große Klaviermusik macht Pacini in ihrem dritten und letzten Livespiel zur puren Gegenwart, Musik im Hier und Jetzt, aus dem Augenblick heraus und doch in einem stimmigen Fluss des Spiels, der wohl aus tausenden Übungsstunden heraus entwickelt wurde. Apropos Übungsstunden, zwei Fragen aus dem Publikum beantwortet die Künstlerin noch: Die CD ist auf einem Steinway Flügel eingespielt und sie übe täglich fünf Stunden. Danach geht es ans Signieren. Mir kam es vor Chopin war auch da in dieser Münchner Abendstunde im Kaufhaus Beck. Beseelt von dessen Klaviermusik fahre ich die Rolltreppen hinunter und begebe mich in den Marienplatztrubel, wie aus einer anderen Welt kommend.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Eröffnungskonzert der Münchner Residenzwoche 2014

      Hallo zusammen,

      gestern sind wir im Kaisersaal der Münchner Residenz mit einer Freundin Zeugen einer sehr erfreulichen Premiere geworden. Das von Joachim Tschiedel und Mary Utiger gegründete Barockorchester Accademia di Monaco hat sein erstes Konzert gegeben.

      Hinter dem etwas nichtssagend-beliebigen Titel Mozart München Metastasio verbarg sich ein - für uns - sehr interessantes und letztendlich sich als schlüssig erweisendes Programmkonzept. MIt zwei jungen Sängerinnen bayerischer Provenienz, Maria Pitsch, Sopran, und Merit Ostermann, Mezzo, gab es Gegenüberstellungen von Metastasio-Texten aus der Komposition von JA Hasse, Andrea Bernasconi (1706-1784), WA Mozart, Josef Myslivecek und CW Gluck.

      Die Konzerthälften wurden jeweils mit der Gluck-Ouvertüre eröffnet: Demofoonte, Dresden 1748, und Ezio, Dresden 1755. Danach folgten nur drei Arientexte, zweimal 'Misero me' des Timante aus besagtem Demofoonte, zweimal Basta vincesti der Didone aus Didone abbandonata, in der zweiten Konzerthälfte viermal 'Misera, dove son' der Fuliva aus Ezio.

      Die Kompositionen stammten aus den Jahren 1742 - 1781, mit Dresden (3 x Hasse) und München (1x Bernasconi, 1 x Myslivecek, 1 x Mozart) gab es klare Orts-Schwerpunkte der aufgeführten Stücke.

      Die direkte Gegenüberstellung der Vertonung des identischen Textes war hier also intendiert, ich war erstaunt, wie gut die (zumeist sehr jungen) Musiker sich auf die jeweiligen Anforderungen der Stücke eingelassen haben, nicht immer war die 'neueste' Vertonung (i.d.R. die Mozart Konzertarie) die stärkste Vertonung eines Textes.

      Maria Pitsch eröffnete nach einer sehr schwungvoll-farbigen Darbietung der Demofoonte-Ouvertüre von Hasse den Gesangsreigen: 'Misero me' aus der Feder des Münchner Hofkapellmeisters Andea Bernasconi. Dieser hat in den 1754-1772 11 der Opern für das Hofoperntheater geschrieben, sein Demofoonte wurde 1766 aufgeführt. Der Text des außergewöhnlichen langen (und inhaltlich ziemlich verwirrenden) Accompagnato stellt einen außerordentlich verwirrten jungen Mann dar, der glaubt, gerade erfahren zu haben, dass er seine bisher nicht gekannte Schwester liebt. Also ein sehr exaltierter Text, die Arie stellt dann im A-Teil das Mitleid mit dem Sohn, im B-Teil den sehr schönen Gegensatz 'Voi foste il mio diletto, voi siete il mio terror' auf. Beide Komponisten (Mozarts Konzertarie KV 77 ist in Mailand im zeitlichen Umfeld seiner ersten dort komponierten Oper 'Mitridate' 1770 entstanden) schlagen viele Funken aus dem Rezitativ-Text, die Darstellung der Bernasconi-Arie war durch ein durch Tschiedel ziemlich gemächlich gewähltes Tempo des A-Teils eingeschränkt. Merit Ostermann sang die Mozart-Fassung sehr überzeugend.

      Maria Pitsch sang dann als nächstes die in Mannheim 1778 für die Opernsängerin Dorothea Wendling komponierte Konzertarie KV295a 'Basta vincesti... Ah, non lasciarmi', ein überaus virtuoses Stück, bei dem u.a. die ungemein plastische und farbige Bläserbehandlung den Fortschritt in Mozarts Komponieren dokumentiert. In diesem Kontext ist mir die außerordentliche Qualität dieser Konzertarie wieder aufgefallen, im Grunde schreibt hier Mozart schon drei Jahre vor dem Idomeneo in gleicher (in meinen Ohren überragender) Qualität. Hier erklang das erste, absolut verdiente 'Brava!' im Beifall. Die nachfolgende Vertonung des gleichen Texts von Hasse, im Rahmen seiner Gesamtvertonung des Textes für Dresden 1742 geschrieben, gehört natürlich noch einer ganz anderen Epoche an, interessanterweise gelang es Merit Ostermann und dem Orchester, diese Fassung der Auseinandersetzung der Didone mit ihrem Geliebten Eneas als gleichwertig erscheinen zu lassen.

      Nach der Hasse-Ouvertüre zum Ezio von 1755 (Dresden) erklang mit Merit Ostermann die Arie der Fulvia aus der gleichen Feder. In diesem Text ist der Accompagnato-Teil wieder eine sehr wild hin- und her-springende Ansammlung von Assoziationen, die die Verwirrung der weiblichen Hauptfigur der Oper nach dem Entdecken des väterlichen Verrats gegenüber dem Geliebten darstellt. Der Arientext 'Ah, non son io che parlo, è il barbaro dolore ...' im A-Teil, 'Non cura il ciel tiranno l'affanno, in cui mi vedo: Un fulmine gli chiedo e un fulmine non ha' im B-Teil bietet großartige Möglichkeiten, eine weibliche Exaltation zu gestalten. Die Spaltung der Hauptperon gestaltet Hasse durch ein sehr langes, recht bewegtes Oboensolo. Für heutige Ohren ist das natürlich sehr antiklimatisch, bevor die Sängerin einsetzt, erst einmal ein recht langes Instrumentalsolo zu hören. Die Gestaltung des Textes in der Gesangslinie kommt bei Hasse sehr ausgeglichen rüber, evtl. ist hier durch die Interpreten gestern aber auch durch ein eher ausgeglichenes Tempo einiges verschenkt worden.

      Danach sang Maria Pitsch die gleiche Arie aus der für München 1777 geschriebenen Gesamtvertonung von Myslivecek. Dessen Musik (ich kenne leider nur sehr wenig Gesangsstücke von ihm, lediglich die vier Stücke auf der Kozena-CD von 2001 liegen mir vor) möchte ich gerne in wirklich guten Aufführungen gerne viel besser kennenlernen. Aus dem Stücken auf der genannten Kozena-CD ich zu erkennen, dass neben JC Bach Myslivecek das größte Opern-Vorbild Mozarts in den 1770'er Jahren gewesen ist. Meinen Begleiterinnen und mir ging es so, dass wir Myslivecek und Gluck bei diesem Text vorne gesehen haben.

      Die letzte Arie für Merit Ostermann war die Gluck-Fassung (1763 Wien) des Textes. Hier, finde ich, ist das Außer-Sich-Sein der Figur exemplarich gestaltet, ein absolutes Hammerstück, bei dem ich Cecilia Bartoli von ihrer Gluck-Scheibe im Ohr habe. Damit konnte die junge Sängerin gestern nicht mithalten, aber sie hat sich mehr als wacker geschlagen. Aber an so einer Arie kann ein junger Sänger auch wachsen ....

      Den Abschluss bildete die Mozart-Konzertarie KV 369, im zeitlichen Umfeld des Idomeneo 1781 in München geschrieben, aber musikalisch schon über diesen hinausgehend, weil sie den Seria-Ton eigentlich nicht mehr bedient, sondern sozusagen hinter das Drama auf den Menschen schaut. Wenn ich es gestern im Konzert richtig verfolgt, vertont Mozart diese Arie nicht mehr in ABA-Form, sondern lässt der Figur die Möglichkeit, die Exaltation hinter sich zu lassen. Auch hier war mein Eindruck, dass Maria Pitsch an diesem Stück noch wachsen kann.

      Am Schluss war der Jubel zurecht groß, mit dem Eröffnungsduett der Vitellia und des Sesto aus der Mozart'schen Clemenza di Tito als Zugabe verabschiedeten sich die beiden Sängerinnen und das Orchester in eine hoffentlich gute Zukunft.

      Für meine Ohren ein ganz außerordentlich gelungenes Konzert mit einer tollen Programmgestaltung, das dem Zuhörer ermöglicht, diesen Zeitraum des Übergangs vom Spätbarock zur Hochklassik anhand von außerordentlich qualitätvollen, herausragenden Kompositionen zu vergleichen. Solche intelligenten Programme mag ich gerne noch ganz viele hören, gerne auch mit diesen oder ähnlich guten Interpreten. Aber man muss sich doch fragen, warum dieses Konzert nicht in den richtigen Raum der Münchner Residenz verlegt worden ist: das Cuvielliestheater, in dem mindestens die Opern von Bernasconi und Myslivecek uraufgeführt worden sind.

      LG Benno
    • Martha Argerich, Gidon Kremer und die Kremerata Baltica, gestern im Herkulessaal in München.

      Ein zweifellos spannendes Konzert mit Beethovens 2. Klavierkonzert, Bartóks Divertimento für Streichorchester und - deshalb schreibe ich das hier auf- die Erstaufführung für Deutschland mit Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester KV 299 C-Dur in der Bearbeitung für Klavier und Violine von Victor Kissine. Ich fand die Bearbeitung sehr interessant, ohne aber jetzt die Originalfassung zu kennen. Ich frage mich nun, ob solche Bearbeitungen legitim sind und überlege, was Mozart dazu gesagt hätte. Vielleicht hätte ihm diese Bearbeitung sogar besser gefallen, denn sein Konzert für Flöte, Harfe und Orchester war eine Auftragsarbeit. Mozart selbst konnte sich zudem für die beiden Instrumente Flöte und Harfe nie richtig erwärmen. Hat Victor Kissine also das ausgeführt, was Mozart selbst gerne getan hätte, aber wegen seines Auftraggebers nicht konnte oder sind Bearbeitungen dieser Art eher gegen den Komponisten gerichtet? Eine Frage, die mich seit gestern umtreibt.

      :wink:
    • Hier entspann sich eine Diskussion zum Thema Bearbeitungen. Sie wurde auf Anregung von Travinius und Gurnemanz hiermit dorthin verschoben:
      http://www.capriccio-kulturforum.de/musik-erfahren/5220-musik-aus-zweiter-hand-transkriptionen-paraphrasen-und-variationen/#post327593 (Musik aus zweiter Hand - Transkriptionen, Paraphrasen und Variationen)

      Ein Eintrag von Travinius wurde in "Eben gehört" verschoben.
      http://www.capriccio-kulturforum.de/musik-erfahren/6080-eben-gehoert/index175.html#post327621

      In diesem Thread können gerne weitere Konzerterfahrungen in München gepostet werden.

      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Mittwochs im Gasteig: Pietari Inkinen, William Youn, Münchner Philharmoniker

      Ich hatte es bis zum Mittwoch verdrängt, aber leider kam es wieder schmerzlich in Erinnerung: Die Akustik im Gasteig ist ziemlich schlecht. Wir haben - weil man ja vielleicht nicht immer ein mittleres Vermögen ausgeben kann oder will - weit oben im Block M gesessen. Auf diese Entfernung hin ist das Orchester optisch weit weg, und klanglich bleibt auch eine große Distanz. Selbst bei lautesten Stellen bleibt man Zuhörer, statt sich mitten im Geschehen zu fühlen. Schade, denn ...

      Pietari Inkinen begeistert!
      Gegeben wurden Olivier Messiaen "Les offrandes oubliées", Frédéric Chopin "Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll op. 11" und Jean Sibelius "Symphonie Nr. 1 e-Moll op. 39".
      Zu William Youn und Chopin kann ich nicht viel sagen, weil ich weder ein Kenner von Chopin noch ein großer Freund von Klavierkonzerten bin. Vielleicht ist es ein Klangproblem des Saals im Gasteig, aber das Stück hat mir überhaupt nicht zugesagt. Fehlerfrei dargeboten blieb es trotzdem kalt, emotionslos und absolut ohne Charme. Ich habe das Konzert bereits früher einmal gehört und nicht wiedererkannt.
      An Pietarin Inkinen kann es aber nicht gelegen haben, denn sowohl Messiaen als auch Sibelius sind hervorragend gelungen. Über das Orchester, die Münchner Philharmoniker, muss man vermutlich nicht viel sagen. Inkinen hat eine wunderbare Art, das Orchester im Zaum zu halten und trotzdem an den passenden Stellen den Orchester-Solisten freie Hand zu lassen. Dadurch wurden beide Stücke sehr mitreißend, nuanciert und wirklich eine Freude. Für mich hat Inkinen es geschafft, eine wirklich runde Sache zu präsentieren, ohne einen Moment der Langeweile oder den Gedanken "der langsame Satz zieht sich jetzt doch ein bisschen".
      Sollte sich für mich nochmals die Chance bieten, Inkinen zu sehen und hören, werde ich sicherlich die Chance ergreifen, auch wenn das vielleicht heißt, für untere Ränge im Gasteig tief in die Tasche zu greifen.
    • Drei Konzerte in München...

      INS PARADIES ZUR BRAHMS VIERTEN

      Die Wiener Philharmoniker gastierten unter der Leitung von Daniele Gatti mit allen vier Brahms Symphonien in der Philharmonie am Gasteig (München), 23. und 24.2.2015

      Brahms Wochen mit Daniele Gatti und den Wiener Philharmonikern – am 10.2.2015 im Wiener Musikverein, am 11.2.2015 im Wiener Konzerthaus und am 15.2.2015 in Athen die Symphonien 3 und 1, am 16.2.2015 in Athen die Symphonien 2 und 4, am 22.2.2015 die Symphonien 1 und 4 in Hamburg, in München am 23.2. wieder 3 und 1 und am 24.2.2015 die Symphonien 2 und 4, und bei der Wiener Philharmoniker Woche in New Yorks Carnegie Hall am 27.2. und am 28.2. die Abfolge wie in Athen und München (am 1.3. dann dort noch das Deutsche Requiem).
      ich habe weniger CDs gekauft als sonst und mir die Konzertkarten für München geleistet. Meine Eindrücke:
      Beide Abende ist die Philharmonie nicht ganz ausverkauft. Offenbar sind solche Luxuskonzerte auch für die schon Luxus, für die sie keiner sein müsste. Die Wiener Philharmoniker spielen ihren Johannes Brahms unter Gattis (durchgehend auswendiger!) Leitung in Karl Böhms Tradition – breit fließend, dickflüssig, in herrlicher, üppiger Wiener Klangkultur, mit feinsten Wiener Klangfarben. Die Konzertmeister Rainer Küchl (wohl eine seiner letzten Tourneen als Konzertmeister dieses Orchesters) und Rainer Honeck sieht man nebeneinander sitzen. Es ist ein romantischer Brahms zum tiefen Hineintauchen zwischen gebremster Euphorie und Melancholie, zwischen erhabener Größe und weiser Ruhe.
      Die Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90 – die Größe des ersten Satzes, die elegischeren Sätze 2 und 3, und dann das Finale mit seinem markanten zweiten Thema wie aus einem Wildwestfilm – gerne höre ich sentimentaler Typ das alles live in erlesener Wiener Klangkultur, kann man das Werk schon auch irgendwie völlig neu erspüren.
      Bei der Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68 wiederholt Gatti die Exposition im ersten Satz nicht. Ach, die Brahms Erste: dieser große erste Satz mit seiner markanten Einleitung, die Idylle des zweiten Satzes, der heitere dritte Satz und dieser erhebende Finalbeginn und die Beethoven-Verbeugung in echter symphonischer Größe bis zum Ende – was ist das für dichte, ganz große symphonische Musik.
      Leichtgewichtiger als der ganze Brahms ist dann allerdings die Zugabe am ersten Abend – Mendelssohns Scherzo aus der Sommernachtstraum-Musik. Da blühen die Orchesterfarben durchsichtiger auf.
      Die Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73, pastoral mit schicksalhaften Zügen und mit dem übersprudelnd festlich-heiter dominierten Finale, schließt dort an, wo der erste Abend geendet hat.
      Man ist (pardon: ich bin) ohnedies schon im Brahms-Himmel, und doch – die Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98 wird zum absoluten Höhepunkt, zum Wiener Brahms-Musikparadies. Phantastisch konzentriert und kompakt, dabei mit unvergleichlichem Wiener Schmelz – die „Zauberstellen“ im ersten und letzten Satz, magische Momente im zweiten, die Spiellust im dritten, die unbeschreibliche Größe der Passacaglia: so spielen das die Wiener in ihrer Tradition, und da ist das Münchner Publikum sternstündig erstaunt, verblüfft und überwältigt.
      Es bekommt auch an diesem zweiten Abend eine Zugabe, aber was für eine nach so viel Brahms: herrlich klangsatt, im Wiener Klanghimmel verbleibend, den Skeptiker endgültig (nach einem Brahms-Konzert schon in dessen Paradies) auch gleich noch endgültig zum glühenden Wagnerianer bekehrend – Vorspiel zum dritten Akt „Meistersinger“. Der Münchner Sitznachbar des Schreibers, der zuvor noch speziell die Klarinetten gelobt hat: „Das war ein denkwürdiger Abend!“


      UNHEIMLICH GUT

      Das Tonhalle-Orchester Zürich spielt in der Münchner Philharmonie am Gasteig Rachmaninow und Mussorgsky, 8.3.2015 - persönlicher Eindruck

      Als eines der technisch schwierigsten Klavierkonzerte gilt Sergej Rachmaninows Konzert Nr. 3 d-Moll op. 30, das „Konzert für Elefanten“, und dann musizieren Yuja Wang und das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung des neuen jungen Chefdirigenten Lionel Bringuier einfach nur große, schöne Konzertmusik. Sie nehmen dem Konzert das Äußerliche einer zur Schau gestellten Bravour und geben ihm stattdessen rein musikalische Größe, in den Melodiebögen, im Zusammenwirken zwischen Klavier und Orchester – wenn ein Orchesterinstrument oder eine Gruppe die Melodie hat, nimmt sich das Klavier zurück. Yuja Wang legt es nicht darauf an, „alles wegzuspielen“. Sie gibt sich als faire Teamplayerin. Ihr Klavierspiel wirkt auf mich einmal mehr unheimlich. Ähnlich Hamelin scheint sie über allen Dingen zu stehen, technische und musikalische Grenzen scheint sie keine zu haben, ihr ganzes „Werken“ am Klavier hat eine gewisse Kühle virtuoser Selbstverständlichkeit und bleibt dabei aber ganz und gar musikalisch tief empfunden. Die „Unangestrengtheit“ selbst bei wirtuosesten Ausbrüchen des Klaviers verblüfft. Yuja Wang „kann“ so ein Werk ganz, aber sie kokettiert nicht damit, ordnet sich dem Gesamtgefüge der Komposition demokratisch ein. Was man hört, ist ein großes Konzertwerk von Rachmaninow mit herrlichen Melodiebögen und Steigerungen, mit stupend gemeistertem Passagenwerk des Klaviers, im Finalsatz dann erst recht voller Feuer und Energie, bis zum Schlußfurioso. Das Publikum zeigt sich restlos begeistert und holt die Pianistin mit ihrem blauen Kleid zu drei Zugaben zurück – zu Chopins Walzer cis-Moll op. 64/2, zu einer Gluck-Melodie aus „Orfeo et Euridice“, beides mit G´fühl, und – der sensationelle Abräumer, der den Jubelpegel noch mal hebt – zu den Horowitz Variationen über die Seguidilla aus Bizets „Carmen“ (alle drei auch auf Wangs CD „Fantasia“ enthalten).
      Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel zeigen so wie ich es gehört habe Ravel als Orchestrationsmagier von Gnaden und ein Orchester, das alle seine Gruppen und viele Solisten hervorragend herzeigen kann. Die Bilder werden vor dem inneren Auge einmal mehr sehr lebendig beim Live-Hören dieser Musik. Auch hier große Begeisterung und zwei Zugaben, Slawischer Tanz g-Moll von Dvorak und Prelude aus „L´Arlesienne“ Suite Nr. 1 von Bizet, womit man sogar einen anderen Ohrwurm als die von Mussorgsky mit aus dem Konzertsaal nimmt.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Herzlichen Dank für diese hochinteressante Yuja Wang-Konzertkritik, lieber Alexander! Hättest Du Lust, Deine Worte vielleicht auch in den bestehenden Yuja Wang-Faden einzustellen?

      Herzliche Grüße
      music lover
      Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
      (Frank Zappa)
    • Bergs Lulu unter der Leitung von Kirill Petrenko

      Hallo zusammen,

      gestern durfte ich im Münchner Nationaltheater die erste Aufführung der Neuen Serie von Aufführungen in der Saison 2015/16 vier Monate nach der Premiere hören. Anscheinend gab es noch kein feedback zu dieser Inszenierung bei Capriccio, insofern packe ich es mal hierher, auch wenn es natürlich eine szenische Aufführung war, eine gelungene noch dazu. Hier noch einmal die Besetzung:

      Alban Berg, Lulu

      Kirill Petrenko, ML
      Dmitri Tcherniakov, Regie

      Lulu Marlis Petersen
      Gräfin Geschwitz Daniela Sindram
      Eine Theater-Garderobiere, Ein Gymnasiast, Ein Groom Rachael Wilson
      Der Medizinalrat, Der Bankier, Der Professor Christian Rieger
      Der Maler, Ein Neger Rainer Trost
      Dr. Schön, Jack the Ripper Bo Skovhus
      Alwa Matthias Klink
      Ein Tierbändiger, Ein Athlet Martin Winkler
      Der Prinz, Der Kammerdiener, Der Marquis Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
      Der Theaterdirektor Christoph Stephinger
      Der Polizeikommissär Nicholas Reinke
      Eine Fünfzehnjährige Leela Subramaniam
      Ihre Mutter Cornelia Wulkopf
      Eine Kunstgewerblerin Heike Grötzinger
      Ein Journalist John Carpenter
      Schigolch Pavlo Hunka
      Ein Diener Johannes Kammler
      Bayerisches Staatsorchester

      Nun ist die Lulu in der dreiaktigen, von Friedrich Cerha ergänzten Orchestrierung ja erst einmal ein ungemein schweres, düsteres und vor allem desillusioniertes Stück Musiktheater. Es verlangt selbst einem erstklassigen Haus wie der Bayerischen Staatsoper einiges ab, eine überzeugende Besetzung und eine gleichbleibend hohe Qualität im wirklich sauschweren Orchesterpart zu bieten.

      Die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov war in meinen Augen ungemein gelungen: Auf der Bühne stand ein aus Plexiglas-Wänden gebildetes Labyrinth, das den sieben Szenen der Oper ein ununterbrochenes, aber den Niedergang der Orte nicht reflektierendes Gehäuse bot. Es bot die Möglichkeit, viele Hintergrundszenen (z.B. eine körperliche Züchtigung Alwas durch seinen Vater in der vierten Szene) dem Publikum sichtbar zu machen. Insbesondere in den Zwischenspielen war die Statisterie der Inszenierung in diesem Labyrinth damit beschäftigt, in jungen und alten Paaren Anziehungs- und Streitmomente einer Paarbeziehung in immer ähnlichen, aber niemals identischen Bewegungen durchzuexerzieren. Das hatte manchmal etwas sehr Angestrengtes, insbesondere, wenn dann auch noch eine sehr starke Lampe hinter dem Glaskasten schnell durchgeschoben wurde (zweimal im Laufe der gut drei Stunden der Aufführung), um diese Bilder auf das Publikum zu projezieren: hier war die Offensichtlichkeit der Inszenierungsidee für meine Verhältnisse zu plump.

      Grundsätzlich war ich von der Inszenierung, insbesondere was die Personenführung angeht, aber außerordentlich angetan. Bei meiner letzten Lulu im Nationaltheater München (die Inszenierung ist vermutlich ca. 10 Jahre alt) ist mir vieles in den Aktivitäten der Protagonisten nicht plausibel geworden, was daran lag, dass die Personenführung das Stück eher in Richtung einer (grotesken) Parabel gedrängt hat. Bei der aktuellen Lulu schafft es die Inszenierung, die handelnden Personen nicht nur als Abziehbilder, sondern als Menschen zu gestalten, was ich sowohl den Qualitäten der Darsteller als auch der Inszenierung zugute halten möchte. Insbesondere Marlis Petersen, Diana Simram, Matthias Klink und Bo Skovhus haben in meinen Augen und Ohren Großartiges geleistet, diese schwierigen Rollen zum Leben zu bringen, mich als Zuhörer zum Mitleiden an dieser finsteren Geschichte zu bringen. Was die Textverständlichkeit angeht, hatte ich eigentlich nur bei einem der Sänger regelmäßigere Probleme (Martin Winkler als Athlet)

      Und dann ist da noch Kirill Petrenko mit dem Bayerischen Staatsorchester. Ich könnte nicht behaupten, die Lulu 'im Ohr' zu haben, aber ich bin sehr angetan, was mir da gestern geboten worden ist: die große Orchesterbesetzung hat nur äußerst selten das Geschehen auf der Bühne akustisch zugedeckt, die Farbigkeit, die Wagner- und insbesondere Mahler-Nähe der Partitur war immer wieder mit Ohren zu (be-)greifen, die lauten Passagen waren immer durchgeformt (mit großem Anteil des Blechs), aber niemals nur erdrückend, die pianissimo-Passagen waren von einer glühenden Transparenz, absolut hinreißend.

      Ich kann es also nur dringend nahelegen, sich noch schnell Kirill Petrenko in Höchstform anzuhören, es gibt noch einige Restkarten für die weiteren Aufführungen.

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      gestern Abend haben Vera und ich im Prinzregententheater München einen Auftritt von Ulrich Tukur und den Rhythmus-Boys gesehen, die sich mit ihrem aktuellen Programm sehr auf die Songwriter Irving Berlin und Cole Porter konzentriert haben. Während etliche Auftritte der genannten Interpreten vor Jahren in München noch im Lustspielhaus (vor ca. 220 Zuhörern mithin) stattfanden, war nun also die große Bühne vor etwas mehr als 1000 Zuschauern zu bespielen.

      Beim Publikum, das altersmäßig dem Konzertpublikum klassischer Musik entsprach, dürften in der Mehrheit die gespielten Nummern bekannt sein (u.a. das dem Programm namengebende Let's misbehave, Don't fence me in etc.). Insofern war der Publikum-bereichernde (oder -belehrende ?) Ansatz des Programms mit vielen Conferencen von Herrn Tukur nicht so wirklich zielführend. In bei ihm und den Rhythmus-Boys gewohnter Manier wurden viele Stücke mit (meist) gelungenen Witzen garniert, so dass selbst bei traurigeren Stücken immer ein Grund zum Lachen gegeben war.

      Vielleicht ist es ein durch den für die Rezeption klassischer Musik angelegten Raum hervorgerufenes Missverständnis meinerseits, aber in der vorliegenden Form hat das Ganze eher einen schalen Beigeschmack hinterlassen: Interaktion mit dem Publikum ist in so einem großen Raum allein durch die frontale Gegenüberstellung von Ausführenden und Zuhörern und die großen Entfernungen nur schwer möglich, aber die Art zu musizieren (eine Kraftwerk-Nachahmung und das Vortragen von Gedichten aus der Goethezeit inklusive) wirkte auf mich schal und uninspiriert.

      Als Musiker (Sänger, Pianist, Akkordeonspieler) hat Ulrich Tukur für die genannten Stücke in dieser frontalen Präsentation zu wenig Farben und Stimmungen zur Verfügung, er geriert sich immer etwas zu sehr als Zampano, der seine Zirkuswesen Rhythmus-Boys vorführen darf. Dummerweise habe ich dann im Publikum hinter mir auch noch die Kessler-Zwillinge sitzen sehen, die sich vermutlich fragen mussten, wie es sein kann, dass ein Publikum für eine so selbstbezogene, wenig sympathische Präsentation so viel Beifall anbrachte.

      Und dann saß auch noch Johannes Silberschneider hinter mir, den zu sehen bei mir zuallererst den letzten Kinofilm hervorrief, den ich mit ihm in der Titelrolle gesehen habe: Mahler auf der Couch. Was für ein merkwürdige Vision: Mahler als Zuschauer bei einem Konzert, das die amerikanische Musik der 20'er bis 40'er Jahre als 'golden days' evozieren wollte und dann so wenig künstlerisch überzeugend war. Aber das ist, wie immer, Jammern auf sehr hohem Niveau ...

      LG Benno
    • Hallo zusammen,

      gestern nun Kirill Petrenko mit der Fledermaus, es war leider weiterhin die relativ fade Inszenierung von Leander Haußmann. Es war nun mindestens die dritte Aufführung, die wir in dieser Inszenierung gesehen haben, ist ja auch schon länger her, dass die Fledermaus im zeitlichen Umfeld von Sylvester aufgeführt worden ist im Nationaltheater:


      Die Fledermaus
      Operette in drei Akten
      Komponist Johann Strauß · Libretto von Richard Genée

      Musikalische Leitung Kirill Petrenko
      Regie Helmut Lehberger Nach einer Inszenierung von Leander Haußmann
      Bühne Bernhard Kleber
      Kostüme Doris Haußmann
      Choreographie Vivienne Newport
      Licht Michael Bauer
      Chor Sören Eckhoff

      Gabriel von Eisenstein Bo Skovhus
      Rosalinde Marlis Petersen
      Frank Christian Rieger
      Prinz Orlofsky Michaela Selinger
      Alfred Edgaras Montvidas
      Dr. Falke Michael Nagy
      Dr. Blind Michael Laurenz
      Adele Anna Prohaska
      Frosch Cornelius Obonya
      Ida Eva Patricia Klosowski
      Ivan Jurij Diez
      Bayerisches Staatsorchester
      Chor der Bayerischen Staatsoper

      Musikalisch hingegen gibt es viel Gutes zu berichten: Kirill Petrenko hat den Wiener Touch der Fledermaus schon ziemlich gut getroffen, manch Münchner fühlte sich wohl an die guten alten Zeiten erinnert, als Carlos Kleiber regelmäßig in der Staatsoper just dieses Stück dirigiert hat. Ich hatte nie das Live-Vergnügen, insofern kann ich das nicht vergleichen. Über das Strahlen (auch in den Gesichtern) des Orchesters in jeder Aufführung mit Petrenko kann ich wirklich nur staunen, offensichtlich ist es einfach phantastisch, von ihm dirigiert zu werden.

      Insbesondere die Ouvertüre, das Terzett Adele-Rosalinde-Eisenstein und das Uhrenduett waren köstlich ausgespielt. Ein echter Wiener würde vermutlich etwas mehr Glühen und Blühen in den Violinen gewünscht haben, der Czardas klang nicht übermäßig paprika-haft, aber es war die mit Abstand musikalisch überzeugendste Fledermaus. Marlis Petersen hat mir von den Hauptrollen am besten gefallen, (für mich) erstaunlicherweise hat sie aber einige Buhs am Schluss erhalten. Bo Skovhus klang etwas abgesungen, evtl. der vierten Vorstellung innerhalb 7 Tagen geschuldet, seine Textverständlichkeit war nicht besonders. Aber er 'kann' den Eisenstein auch von der komödiantischen Seite, hier fand ich insbesondere das Terzett Rosalinde-Alfred-Eisenstein im dritten Akt sehr gelungen.

      Bei Anna Prohaskas Adele sehe ich noch Luft nach oben, allzu oft scheint sie die noch nicht gegeben zu haben, sängerisch könnte manches noch spritziger-ironischer sein, komödiantisch fand ich sie nicht sonderlich überzeugend. Daniela Sindram war leider ausgefallen, Michaela Selinger als Prinz Orlofsky war für mich kaum zu verstehen, obwohl wir recht nah an der Bühne saßen, Edgaras Montvidas war sängerisch wie darstellerisch ziemlich überzeugend. Im Gegensatz zur Sylvestervorstellung, wo Thomas Hampson als Gast im Zweiten Akt auftrat, war die musikalische Zugabe das Lied 'Wien, Wien, nur Du allein', das Cornelius Obonya mit einer guten Schauspieler-Singstimme im Frosch-Monolog unterbrachte.

      Vor Weihnachten waren Vera und ich noch in der von Petrenko dirigierten Götterdämmerung, die vom Orchester her ganz phänomenal war, aber wir können einfach mit Wagner zu wenig anfangen, so habe ich mir die Berichterstattung hier geschenkt. Dort waren die Fähigkeiten Petrenkos natürlich noch ohrenfälliger (die Farbigkeit, die Transparenz, die Piano- und Pianissimo-Kultur des Orchesters), aber wenn man mit dem gespielten Stück nix anzufangen weiß ... Das war dann gestern einfach mehr der Fall, die Spritzigkeit und Schalkhaftigkeit der Aufführung hat mich sehr begeistert.

      Gruß Benno
    • ALLES POETISCH ABGERUNDET

      Ein Klavierabend mit Alice Sara Ott im Münchner Prinzregententheater, 26.1.2016 - hier ein persönlicher Höreindruck

      Ihre Stärke ist das klare, transparente Spiel. (Was das Klavierspiel betrifft.) Und ihr Startvorteil bei kommerziellen Erwägungen von CD Covers bis zu Konzertplakaten ist das Aussehen. (Was die Vermarktung betrifft.) Nun gab Alice Sara Ott, mittlerweile 27 Jahre jung, einen Klavierabend im anständig vollen Prinzregententheater. Sie hat sich offenbar schon ein vollzählig kommendes Heimpublikum erarbeitet, das sie gerne immer wieder hört.
      Ludwig van Beethovens „Sturm“-Sonate d-Moll op. 31/2 gelingt ihr poetisch-rund, kontrolliert, vor allem in den Zurücknahmen besonders eindringlich. Dämonisch ist das nicht, risikobehaftet wirkt es auch nicht, dafür aber eben umso überzeugender in den poetischen Abrundungen, die nicht künstlich wirken, sondern (ich nenne es mal so) natürlich empfunden. Bei den Zerlegungen im ersten und zweiten Satz und in der Rezitativpassage in der Durchführung des ersten Satzes (was für ein Stillstandsmoment in dieser Sonate!) setzt sie das Pedal so ein, dass die Töne ineinanderfließen. Zwischen den Sätzen macht sie keine Pausen, sie bietet die Sonate als durchfließende Einheit.
      Darauf passen stimmig Fantasie und Fuge a-Moll BWV 944 von Johann Sebastian Bach, weil die Zerlegungen der Fantasie „wie aus dem vorigen Werk erfühlt“ erklingen. Die ausführliche Fuge rauscht nun irgendwie schwebend dahin, sie hat bei Alice Sara Ott eine swingende Leichtigkeit, vielleicht durch die Zusammenarbeit mit Francesco Tristano befördert, mit diesem „light feeling“ entgeht sie der Nähmaschinengefahr. Diese Balance wie selbstverständlich in der Konzertsituation abrufen zu können – das allein hat meine höchste Bewunderung.
      Und gleich weiter, sie ist keine Zelebrantin ihres Auftritts, kurzer Applaus, gleich wieder hinsetzen. Noch einmal Bach, Chaconne – 5. Satz aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004, in der Bearbeitung für Klavier solo von Ferruccio Busoni. Erneut nimmt das Weichere-Poetische besonders für sich ein, und wo es virtuos wird (und es wird ordentlich virtuos!) wirkt es eingebettet in den musikalischen Fluss, nicht wie protzender Selbstzweck. Toll, so einen gewaltigen pianistischen Brocken konzertreif spielen zu können, das gibt pianistisch richtig was her, und Alice Sara Ott gelingt es, diese Musik ganz gegenwärtig fühlbar zu machen.
      Nach der Pause verlässt sie sich mit Klassikern der großen Franz Liszt-Literatur doch aufs äußerliche Prunken, ich finde das schade. Eine exzeptionellere Repertoireerweiterung wäre schon spannend gewesen. Die Liebesträume 2 und 3 S. 541 erfüllen „nur mehr“ die nun gegebene Erwartungshaltung, sie kommen abgerundet und poetisch fein, und die sechs Bravourstücke der Grandes Études de Paganini S. 141, die Alice Sara Ott bereits als Jugendliche für CD eingespielt hat, werden zum souveränen Selbstläufer, geschickt umgestellt mit der „Jagd“ und „La campanella“ als applausförderndes Finale. Das kann sie, da ist sie zu Hause, das merkt man in jeder Nuance, das ist ihre Welt – aber ist es auch eine wirkliche Herausforderung für die Künstlerin? (Natürlich ist es das, man setze sich egal wie gut man etwas kann an einen Steinway Flügel vor das fast ausverkaufte Prinzregententheaterpublikum und spiele diese Stücke.) Diese Paganini-Etüden ersetzt durch eine Schubert Sonate oder Liszts h-Moll Sonate – das glaube ich wäre ein echter Prüfstein für die Künstlerin gewesen an diesem Abend. So konnte sie souverän abräumen, was ihr auch von Herzen vergönnt ist, mit dem poetischen Chopin Walzer a-Moll op. posth. als Zugabe noch einmal sanft abrunden und rasch bereit sein für die vielen Autogrammwünsche im Foyer.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • GENIE, ZUCKER UND GROSSER BROCKEN

      Die Wiener Philharmoniker unter Valery Gergiev und mit Yuja Wang in der Philharmonie im Gasteig (München), 10.2.2016, ein persönlicher Höreindruck

      So etwas gibt es: Die Wiener Philharmoniker spielen ein Konzertprogramm nur in München und zwei Tage später in Paris – und nicht in Wien. Und noch dazu mit dem Debüt einer Starsolistin der Zeit mit diesem Orchester, mit Yuja Wang, und die spielt noch dazu Mozart, den sie erst kurz im Repertoire hat, „live erprobt“ erstmals im November 2015 in Los Angeles. (Mit den Berliner Philharmonikern gab es das Debüt „ganz normal“ in Berlin, mit Paavo Järvi und Prokofjews Klavierkonzert Nr. 2 am 14.5.2015.)

      Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271 „Jeunehomme“ – was für ein unbeschreiblich geniales Werk, man schwebt auf einer anderen Ebene mit dieser Musik, wenn das Klavier sich gleich zu Wort meldet, im großen c-Mollsatz an zweiter Stelle, und dann im quirligen Finale mit dem Menuett-Einschub – präsentiert sich das Orchester (Konzertmeister Rainer Küchl) klangsatt kompakt, aber nicht zu dickflüssig. Yuja Wang spielt unbekümmert, im Quirligen wie im Poetischen, mit „unverschämter“ Selbstverständlichkeit. Die letzte CD Aufnahme dieses Werks mit den Wiener Philharmonikern entstand mit Alfred Brendel und Charles Mackerras bei Brendels Abschiedskonzert von der Bühne im Dezember 2008, liebevoll altersweise abgeklärte, abgerundete Mozart-Musik. Bei Yuja Wang ist Mozart frisch, frech und jung, und sie spielt und träumt drauflos und hat Spaß im Zusammenspiel mit dem Orchester.

      Mit den Zugaben gibt die Künstlerin dem Publikum Zucker und räumt mit teilweise irrwitzig virtuosen Bearbeitungen von Mozarts Rondo alla turca und Tschaikowskys Tanz der Schwäne aus „Schwanensee“ ab, transparent im Tastenfegen, die spielerische Leichtigkeit des Hochvirtuosen vorführend, als wäre es nichts.

      Das Münchner Publikum zeigt die herzliche Gastfreundschaft deutlich vor Beginn des zweiten Teils, als der Applaus beim Auftritt des Orchesters anschwillt, als endlich alle die zum nun groß besetzten Orchester gehören auf dem Podium sind.

      Peter I. Tschaikowskys „Manfred“-Symphonie h-Moll op. 58 kommt wie eine gewaltige Symphonische Dichtung mit buntesten Klangfarben in vier Sätzen daher, der in den Alpen umherirrende Manfred mit seinen qualvollen Gedanken, die Fee am Wasserfall, das Leben im Gebirge, und dann die unterirdischen Tänze und Manfreds Tod, gewürdigt auch von der Orgel, ein ziemlicher Brocken, der allerdings ein Orchester wie die Wiener Philharmoniker zu voller Prachtentfaltung bringt, sie können sich glänzend vorstellen und alle Orchestergruppen kommen vorzüglich zur Geltung (Streicher! Wiener Horn!). In der Balance zwischen beeindruckender Orchesterpräsentation und Psychologie der Musik siegt erstere, der Prunk und die Klangfülle bleiben (das ist schon sehr dem Werk geschuldet) meist äußerlich.

      Es soll eine Zugabe geben, aus dem Publikum wird „Wiener Walzer!“ gefordert, der kommt aber wienerisch himmlisch verklärt, als „Panorama“ aus dem Ballett „Dornröschen“. Kann man aus dem Neujahrskonzert 2012 mit Mariss Jansons auch verklärt nachhören, wobei Gergiev mehr die Melodiestimme hervorhebt und Jansons mehr das die Melodie tragende „Waldweben“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      auf der Bühne der - wie immer bei Jansons - ausverkauften Philharmonie am Gasteig hatte gestern das Symphonieorchester des BR unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons Platz genommen, ein Überraschungsstück und Mahler 5 waren angekündigt.

      Es scheint zu dieser Tradition zu gehören, dass das Überraschungsstück erst nach der Aufführung benannt wird.

      An der Besetzungsgröße (Streicher in luxuriöser 60'er-Besetzung) konnte man sehen, dass es eher späte Romantik sein musste, was gespielt werden sollte, lediglich beim schweren Blech waren die Reihen schwach besetzt. Als es dann losging, war es Beethoven - gespielt in großer Besetzung mit verdoppelten Holzbläsern in den Forte-Passagen. Es stellte sich dann als die Mahler-Bearbeitung der Coriolan-Ouvertüre heraus.

      Direkt im Anschluss Mahler 5 hatte viele sehr starke Momente. Die Eröffnung kann man tragischer, finsterer, härter, hoffnungsloser spielen, der schwächste, spannungsärmste Moment in meinen Ohren waren die leiseren Passagen nach etwa 4 Minuten im Eröffnungssatz, danach wurden dann viele Passagen wirklich großartig musiziert, ab dem 2. Satz hat mich die Interpretation von Dirigent und Orchester bis zum Schluss hin sehr überzeugt, das 'Sternen-Tanzende' des Scherzos war wirklich beeindruckend in der Farbigkeit und unterschiedlichen Charakterisierung der einzelnen Passagen. Auch das Adagietto war sehr überzeugend in seiner ganz unkitschigen, entspannten, große Spannungsbögen aufbauenden Spielweise, so überzeugend habe ich diesen Ohrwurm noch nicht gehört. Das hing sicher damit zusammen, dass in der großen Streicherbesetzung (mit nur einer Harfe!) die Abmischung und Dynamikbögen drucklos gut funktionieren. Auch das Finale hat mich in der Gestaltung überzeugt.

      Wie ich hier im Forum schon manchesmal geschrieben habe, glaube ich nicht an 'Referenzaufnahmen', es war eine abgesehen von wenigen Passagen im ersten Satz mich ungemein mitreißende, farbenreiche Aufführung, großartig musiziert. Dass mir ein wenig der ganz große Bogen in der Interpretation gefehlt hat, mag am Stück liegen ... Wobei ich mit Abbado/CSO schon eine Interpretation kenne, die meine Wünsche alle erfüllt ...

      Großer Jubel für alle Beteiligten. Heute Abend dann live in BR Klassik, anschließend noch eine Woche in der Mediathek. Bis zum 21. März auch noch live in Wien, Paris und Luzern.

      Vielleicht mag ja der ein oder andere diese - in meinen Ohren - sehr gelungene Aufführung mitverfolgen.

      Gruß Benno
    • KRÄFTIG UND SELBSTBEWUSST

      Ein Klavierabend mit Yulianna Avdeeva im Lehrinstitut Bencic (München), 15.3.2016

      Die 1985 in Moskau geborene Pianistin siegte 2010 beim Warschauer Chopin-Wettbewerb. Der zweite Preis wurde an Lukas Geniusas und Ingolf Wunder, der dritte an Daniil Trifonov vergeben. Avdeevas Karriere was Aufnahmen betrifft blieb bisher etwas im Schatten Wunders und Trifonovs (beide mit Veröffentlichungen auf Deutsche Grammophon im Fokus), ihre erste Solo Doppel CD mit Werken von Schubert, Prokofieff und Chopin, vertrieben von Harmonia Mundi, erschien erst 2014, und aktuell im Februar 2016 kam eine zweite Produktion mit Werken von Mozart, Chopin und Liszt in den Handel.
      Nicht zum ersten Mal gelang es dem engagierten Musikalienhändler, der den Münchner „Notenpunkt“ betreibt, die Künstlerin für den kleinen Rahmen eines Konzerts vor ca. 50 Leuten im Lehrinstitut Bencic zu gewinnen.
      Da steht im Foyer der Steinway Stutzflügel im Halbdunkel, drei Lichter strahlen die Pianistin von hinten an, eine sympathisch bescheidene Bereitschaft zur Kunst jenseits allen Luxus. Yulianna Avdeevas Klavierspiel benötigt keine Zierde, kein Showgehabe. Sie setzt sich hin und spielt konzentriert, Blick auf die Tasten, aus, fertig. Und wie sie spielt – vor allem selbstbewusst und kräftig, durchgehend kräftig. Dazu gesellt sich eine gewisse Keckheit pointierter Akzentuierungen, ich möchte das musikantisch im besten Sinn nennen. Wo die Musik poetisch wird, sich lyrisch ausbreitet, trägt die Pianistin das weiter, was man von den großen Russen kennt – echte, erhabene Größe. Das wandelt sich im „Geheimnisvollen“ so mancher Passage in die Magie besonders fein schattierter pianistischer Kunst. Wie literarisch gewichtige Monologe, wie ganz tiefgehende Aussagen erklingt vieles. Und, wie selbstverständlich, doch kein Selbstzweck, ist die stupende Virtuosität Teil des Ganzen, wie auch fulminante Motorik, aber alles mit einem sympathisch musikantischem kräftigen Grundton durchzogen.
      Ich war mit den Werken des Konzerts nicht unmittelbar vertraut und konnte sie auch deswegen ganz neu mitleben, durchleben. Dmitri Schostakowitschs Klaviersonate Nr. 1 op. 12 wirft den Hörer gleich durch allerlei Abgründe und ermöglicht der Pianistin, ihr vollgriffig kräftiges Spiel und die Klangmöglichkeiten des Klaviers mitreißend bis durchaus verstörend zu entfalten. Auch Johann Sebastian Bachs Englische Suite Nr. 2 a-Moll BWV 807 erklingt nicht filigran und intellektuell, sondern herzlich kräftig zupackend. In der Allemande und vor allem dann in der Sarabande tun sich hier Welten auf, die Raum und Zeit aufzuheben vermögen, wo man ganz drin ist in der Musik, jenseits von Beobachtung und Analyse, Vergleich und kritischer Sofortreflexion. Insgesamt: Saftige Früchte in Bachs Musik – die gibt es, wenn Yulianna Avdeeva sie spielt so wie an diesem Abend.
      Ganz im Hier und Jetzt auch Robert Schumanns Symphonische Etüden op. 13 nach der Pause, Stimmungswechsel immer schon nach kurzer Zeit, ein Unterstreichen der Qualitäten des Klavierspiels der Pianistin, kräftig, keck und selbstbewusst.
      Und mit der Zugabe, Chopins Nocturne cis-Moll op. posth., tut sich noch einmal eine große musikalische Welt auf, vollendete Klaviermusik, selbstbewusst und „mit Aussage“ gespielt.
      Moderate 15 Euro Eintritt machen (erst recht nach dem Konzert) Lust darauf, auch die eine oder andere CD mitzunehmen, aber ach, hier stand (eigentlich auch nicht schlecht) die Kunst im Vordergrund und es wurde nicht daran gedacht, CDs zum Verkauf aufzulegen. Am Ende gibt es sogar einen Verweis auf die CD Vorstellung mit der Pianistin im Kaufhaus Beck am Rathauseck am 12.5. – und ein mit dem Veranstalter befreundeter Besucher ruft uns zu, man möge die CD aber doch im Notenpunkt kaufen, sie werde auch dort aufliegen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Die drei zuletzt miterlebten Konzerte in München, persönliche Nachgedanken...

      DIE LIEDER, DIE LIEBE, FACETTEN

      „Denn wie man sich bettet, so liegt man“ - Gesänge aus allen Liebeslagen mit Salome Kammer, Gesang, und Rudi Spring am Piano, 12.4.2016, Künstlerhaus am Lenbachplatz (München), Festsaal

      Was für ein schöner, ehrwürdiger Saal im Münchner Künstlerhaus! Ein abwechslungsreicher Liederbogen wurde da gespannt – Goethe, Heine, Tucholsky, Hollaender, Brecht Vertonungen von Johannes Brahms, Hugo Wolf, Eric Satie, Darius Milhaud, Kurt Weill und anderen, eine Entdeckungsreise in die Liedvielfalt zum Thema Liebe. Salome Kammer ist die ideale Kabarett-Chansonette, das so leichtgewichtig wirkende Entertainment grandios beherrschend, von kleinen Chanson bis zum großen Pathos. Sie schlüpft in die jeweiligen Lied-Rollen, ohne darin zu überspielen. Andeutungen, Nuancen genügen, ganze Szenerien herbeizuzaubern. Rudi Spring, der Pianist, ist vollkommen abgestimmt mit ihr, zwischen filigraner Kunstlied-Virtuosität und Barmusik-Lässigkeit ist auch er in allen Facetten zu Hause. Der Liederbogen ist klug in Blöcke geteilt, so gibt es etwa einen Heine Block, einen mit lauter Liedern aus einer Dekade, einen Amerikablock und einen Berlin Block. Es ist beiden wichtig, dem Publikum auch Hintergrundinformationen mitzugeben, zu den Komponisten, zu den Textdichtern, zu den Liedern. Sie machen das locker zwischendurch, das hat auch etwas von Entertainment, ohne Textvorlagen, blendend vorbereitet für jedes Detail. Das Liedprogramm entstand auf eine Initiative aus Köln. Wir erfahren, dass Johann Vesque von Püttlingen den ganzen „Heimkehr“-Zyklus von Heine (88 Lieder) vertonen wollte, entdecken den Liedkomponisten William Bolcom, staunen, wie Rudi Spring im ersten und letzten Lied wie selbstverständlich eine zweite Stimme mitsingt, erleben, wie sich die Atmosphäre in der dritten Strophe von Weill/Brechts „Surabaya-Johnny“ plötzlich zusammenschnürt, mit der Anspannung von der Bühne weg auf einmal auch im Publikum eine beklemmende Stille fühlbar wird, und fassen danach zusammen, welche Komponisten zu hören waren, neugierig darauf, das meiste aus diesem Programm gelegentlich nach- und wieder zu hören: Kurt Weill (gleich zu Beginn mit dem so eindringlichen „Nannas Lied“ sowie mit einigen „Hits“), Johannes Brahms („Salome“ op. 79/8, gesungen von Salome, als Kabarett-Chanson, eine echte Entdeckung!), dann der schon erwähnte Johann Vesque von Püttlingen (1803-1883) mit der Heine-Vertonung „Das weiß Gott, wo sich“, weitere Heine Vertonungen von César Cui und Rudi Spring („Eva und die Schlange“, reizvoll kontrastiv), Nikolai Metner (1880-1951), Frank van der Stucken (1858-1929), Hugo Wolf („Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen“), Arnold Schönberg („Gigerlette“ aus den Brettl-Liedern), Oscar Straus, Eric Satie, Darius Milhaud, Édouard Lalo, Alexander Zemlinsky, William Bolcom (geb. 1938), Ned Rorem, Rudolf Nelson (1878-1960), Friedrich Hollaender („Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ und „Sexappeal“) und am Ende die Abrundung wieder mit Weill („Das Lied vom Surabaya-Johnny“ und der „Alabama Song“) – lauter Lieder zum Thema Liebe in unterschiedlichsten Facetten, abwechslungsreich und vielschichtig geboten. Das hörbar begeisterte Publikum, dem weiter hinten allerdings nicht gefiel, dass zu wenig Programmblätter mit den Liedertexten zur Verfügung standen und kein Licht zum Mitlesen der Liedertexte angeboten wurde (worauf sich einige mit Taschenlampen behalfen, was aber wieder anderen nicht gefiel) erklatschte noch zwei Zugaben: „Ich bin eine Frau, die weiß was sie will“ von Oscar Straus und berlinerisch aus dem Claire Waldoff Repertoire „Ich lass mir nicht die Ehe verpatzen“. Man wünscht Salome Kammer und Rudi Spring, die bei aller Professionalität sicht- und hörbar auch Spaß an der Darbietung hatten, eine Tourneemöglichkeit mit diesem Programm.


      18 MUSIKALISCHE WELTEN

      Der 13.4.2016 brachte eine Hommage an György Kurtág und Steve Reich ganz eigener Art in die gesteckt volle Black Box im Münchner Gasteig – ein Uraufführungs-Marathon, gestaltet vom „ensemble oktopus für musik der moderne“, geleitet von Prof. Konstantia Gourzi, 18 Uraufführungen, alle für Klavier, Fagott und Tuba, manche davon zusätzlich mit Akkordeon, Gitarre oder Hackbrett, jede etwa drei Minuten lang oder kurz (je nach Intensität und Ausstrahlung des Werks), 18 musikalische Welten also der Dozenten Gerd Baumann, Harald Feller, Konstantia Gourzi, Dorothea Hofmann, Bernd Redmann, Rudi Spring, Kay Westermann und der Studierenden Ina Meredi Arakelian, Carlos Cipa, Sophia Jani, Niklas Melcher, Philipp Meyer, Sam Penderbayne, Mario Ruíz-Maria, Jakob Stillmark, Elena Tarabanova, Han Kyeul Yoon und Theresa Zaremba, das Abschlusskonzert eines Workshops. Hochinteressant die stilistische Vielfalt, harmonisch, melodisch, rhythmisch, charakterlich, tonal, atonal, überraschend, eingängig, verblüffend, einschmeichelnd, befremdend, „kommerziell“ – alles gibt es, die Klangmischungen der Instrumente völlig unterschiedlich auslotend, jeweils in Sechserblöcken mit drei unterschiedlichen „Haupttriobesetzungen“, jeweils auch mit einem Dirigenten, der hier mit kleiner Kammermusikbesetzung auch sein Handwerk sehr gut verfeinern kann. Der Schreiber dieser Zeilen staunt, wie die Titel der Werke den Charakter vielfach vorwegnehmen, „Shaken Lines“, „Into the Wild“, „Echo“, „Ein nobler Pierrot“, „Relikt“ oder „Flashback“, auch „Unentwegt“ oder „Apollo Replay“. Ein großer Erfolg für die großartig auch für die BR Liveaufnahme konzentrierten jungen Künstlerinnen und Künstler, die herzlich und heftig akklamiert werden. (Die Komponisten, fast alle anwesend, durften sich auch schon nach ihrem jeweiligen Stück verbeugen.) Man freut sich auf die Radioaufzeichnung, um alle Stücke noch intensiver und differenzierter kennenlernen zu können. Falls ich den Termin rechtzeitig erfahre, gebe ich ihn gerne hier bei den Radiotipps weiter. Könnte für Freunde zeitgenössischer Kammermusik ein reizvolles Hörerlebnis werden.


      AUGENBLICKSENTSCHEIDUNGEN?

      Ein Klavierabend mit Ching-Yen Jenny Ku-Friedrich im Kleinen Konzertsaal im Gasteig (München), 16.4.2016

      Die aus Taiwan stammende Pianistin, die bei Ludwig Hoffmann in München studiert hat, spielt dem ersten Satz aus Ludwig van Beethovens berühmter Sonate cis-Moll op. 27 Nr. 2, der »Mondschein«-Sonate, robust, sehr präsent, impulsiv. Diese Musik, so interpretiert, steht auf festem Boden, sie verliert sich nie im Nebel. Der impulsive Ansatz bestätigt sich beim zweiten Satz, der fast volksliedhaft unbekümmert daherkommt, nahezu keck. Diese Sonate steuert ja auf das virtuose Finale zu, das quasi alles Bisherige „auffrisst“. Nach dem eher spontan wirkenden Impetus der Sätze 1 und 2 wird dieser von Ching-Yen Jenny Ku-Friedrich dann doch etwas routiniert abgespult, hier hält sie sich mit Akzenten zurück und sorgt sich mehr um den reibungslosen Ablauf. Manchmal klingt das „Spontane“ aber doch auch durch. Leider wiederholt sie die Exposition nicht. Insgesamt eine Beethoven-Deutung, die gespannt macht auf das nun folgende Werk von Franz Liszt, auch ein Klassiker des gängigen Klavierrepertoires: »Vallée d’Obermann« aus »Années de Pèlerinage I: Suisse«. Hier geht das Konzept voll auf, die Pianistin lässt die Musik wie eine Improvisation erstehen, aufblühen, aufbrechen, Musik wie aus dem Augenblick heraus, bis sich dann diese große Melodie entfaltet und virtuos umkreist wird. Die Schlussakkorde nimmt Ching-Yen Jenny Ku-Friedrich nach dem Furor in der Passage davor etwas zurück, womit dieses Klavier-Schicksalsgemälde uns mit einem Fragezeichen in die Pause entlässt. Das Publikum im bis auf ganz wenige nicht besetzte Sitzplätze vollen Saal, das sich nach den ersten beiden Programmpunkten jeweils mit einem beschämend mageren Pflichtapplaus begnügt, muss im zweiten Teil eine halbe Stunde durchhalten, es sind auch einige Kinder und Jugendliche im Saal, die sich merkbar nicht vorbereitet mit stummen Bewegungsspielen durch die Zeit retten - Ching-Yen Jenny Ku-Friedrich, die, wie man an den Mikrophonen vor dem Steinway Flügel sieht, das Konzert mitschneiden lässt, wagt sich durch Liszts großes Abenteuer, durch die „Klavierkrönung“, die Klaviersonate h-Moll: wieder impulsiv, mit durchaus romantischer Gebärde, vielfach in den Entscheidungen spontan wirkend - sind es Augenblickentscheidungen, oder gehört diese oder jene Wendung, die überraschend und originell wirkt, zum Kalkül? Vielleicht ist es dem Livemitschnitt geschuldet, sie geht nicht voll aufs Ganze, nimmt sich lieber das eine oder andere Mal etwas zurück, statt Gefahr zu laufen, auszurutschen. Dadurch ergibt sich ein technisch sehr sauberer Gesamteindruck, belebt eben mit vielen spontan wirkenden Weiterführungen und keineswegs mit der Grundtendenz zur übertriebenen Vorsicht durchsetzt, eher mit dem Gedanken wohl: Die ganze Ausdruckspalette dieses vielschichtigen Werks herausholen, ohne Grenzen zu überschreiten, die nicht mehr kontrollierbar sind. Eine ungemein spannende halbe Stunde, und endlich darf das geduldige Publikum explodieren. Mit der Zugabe überrascht die Pianistin noch einmal – „Amazing Grace“ als Klavier-Gospelhymne.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Zuletzt erlebt, persönliche Eindrücke...

      VIELFÄLTIGE LIEDWELTEN

      Die ersten beiden Konzerte des „Liedforums 2016“ der Hochschule für Musik und Theater München, Großer Konzertsaal der Hochschule, 18.4. und 19.4.2016

      In drei Konzerten widmet sich das Liedforum 2016 schwerpünktlich den Komponisten Max Reger, Ferrucio Busoni, Erik Satie, Alberto Ginastera und Aribert Reimann sowie den Dichtern William Shakespeare, Friedrich Rückert und Anna Achmatova, aber natürlich nicht nur diesen. Die künstlerische Leitung des Liedforums liegt bei Prof. Donald Sulzen.

      Das erste der drei Konzerte am 18.4.2016 lockt leider nicht sehr viele Liedfreunde an, der Saal ist nicht einmal halbvoll. Dabei gäbe es so viel zu entdecken – vielfältige Liedwelten, hochinteressant zu Blöcken zusammengefasst. Im ersten Teil 20 Lieder (Schwerpunkt Rückert Vertonungen), nach der Pause gar 26 (zuerst Achmatowa, dann viel Shakespeare) – wenn man sich überraschen lassen will, also das Programm nicht vorher schon privat studiert, in welcher Form auch immer erarbeitet hat, ist es nicht sinnvoll, mitschreibend zu hören. Man weiß ja nicht, wie kurz jedes Lied ist, manchmal würde man zu lange nach Beschreibungsworten suchen und damit gedanklich abgelenkt sein vom Fortlauf der Werke. Also nur Markierungen ins Zweitexemplar des Programmblatts setzen und als Nachklang sobald sich Zeit findet weiter forschen, zu Hause schauen, ob man Aufnahmen hat, eventuell Notenausgaben studieren – die Neugier ist geweckt angesichts der großartigen Vielfalt und genauso großartigen künstlerischen Leistungen.

      Wir hören Rückert-Vertonungen von Robert Schumann (gleich das erste Lied „Flügel!“ prägt sich als ganz großes Kunstlied ein), Gustav Mahler, Paul Hindemith, Bernhard Sekles (1872-1934, da ist wieder ein Liedkomponist zu entdecken, hier mit „Begegnung“ op. 15/11 vertreten), Franz Schubert (was für ein Jahrtausendlied ist dieses „Du bist die Ruh“ op. 59/3!), Richard Strauss (gerne vermerkt als herausragend: „Ich sehe wie in einen Spiegel“) und Max Reger (auch den muss der Schreiber dieser Zeilen erst als Liedkomponist für sich entdecken, da tun sich vor allem harmonisch hochinteressante Welten auf, „Im April“, eine Emanuel Geibel Vertonung, „Der Himmel hat eine Träne geweint“ – Rückert – oder „Traum durch die Dämmerung“, eine Otto Julius Bierbaum Vertonung).

      Nach der Pause gleich eine Offenbarung: Sergej Prokofjew hat fünf Gedichte nach Anna Achmatowa zum op. 27 zusammengefasst, große russische Kunstlieder von enormer Ausdruckintensität. Weiter dann auf der spannenden Lied-Entdeckungsreise dieses Abends mit allerlei Shakespeare, völlig unterschiedlich vertont: Dorothea Hofmann (geboren 1961, die Komponistin ist anwesend) hat ihre fünf Lieder 2010 für Sopran, Violine und Klavier komponiert – die Violine „singt“ vielfach eine zweite Stimme zum Sopran. Dominick Argentos (geboren 1927) Lieder erinnern den Schreiber kompositorisch an den von ihm hoch verehrten Komponisten Leonard Bernstein, vor allem „Winter“. Von Richard Strauss merkt man sich in seiner Eindringlichkeit speziell das Ophelia-Lied op. 67/3 „Sie trugen ihn auf der Bahre bloß“, und auch Roger Quilter (1877-1953) lernt man mit drei reizvollen Shakespeare Songs kennen. Den Abschluss macht ein Meister der einprägsamen Melodie, Erich Wolfgang Korngold mit den Shakespeare-Liedern op. 31 und op. 29 (vor allem die kecken Songs „When birds do sing“ und „Adieu, Good man Devil“ haben´s mir angetan).

      Auch am 19.4.2016 ist der Saal nicht einmal zur Hälfte voll. Ich finde das sehr, sehr schade, diese Liedprogramme sind auf höchstem Niveau so vielfältig ausgefeilt und würden mehr Zuspruch verdienen. Vorgesehen sind diesmal 25 Lieder vor der Pause und 20 danach. Zwei geplante Auftritte entfallen wegen Erkrankung, sie betreffen zwei Busoni Lieder nach Gedichten von Goethe und fünf französische Reimann Lieder nach Rilke. Busoni kann trotzdem vielfach entdeckt werden an diesem Abend, auch Weiteres was Komponisten zu Goethe einfiel, dazu gibt es ein erneutes Plädoyer für den Liedkomponisten Reger, etwas Satie, und auch wieder Rückert-Vertonungen. Ich gebe es noch schneller auf, irgendetwas mitschreiben zu wollen und lasse mich von einer Liedwelt in die nächste fallen, ob das Busonis „Die Bekehrte“ ist, Zemlinskys „Schlummerlied“ und dessen „Afrikanischer Tanz“, Regers „Müde“, ob das die teilweise kurzen, sehr originellen Satie Lieder sind, die „deux sonnets“ von Dutilleux, Bernhard Sekles „In der Lüfte Blau“ oder ob es die (dem Schreiber dann doch endlich wohlvertrauten) abschließenden fünf Rückert-Lieder von Gustav Mahler sind („Blicke mir nicht in die Lieder“ gab es auch schon am Vortag, ziemlich am Anfang, so schließt sich gewissermaßen ein Bogen), von zwei Sängerinnen fabelhaft intensiv ausgelotet – eins nach dem anderen nimmt ein für die große Welt des Kunstlieds. Hervorheben möchte ich die Pianistinnen Rie Kimura und vor allem Mayuko Obuchi, die mehrere Gesangsinterpreten famos vielseitig und teilweise grandios virtuos begleiten.

      Das dritte Konzert konnte ich leider nicht besuchen, werde aber sicher dem einen oder anderen Impuls daraus mittels CDs nachhörend nachgehen.

      Das detaillierte Programm der drei Abende kann man hier studieren - für Kunstliedfreunde ist da vielleicht manch Entdeckenswertes dabei:
      "http://website.musikhochschule-muenchen.de/de/images/PDFs/Programme_VK/11662a.pdf"
      Herzliche Grüße
      AlexanderK