Bach, J. S.: Kantate Nr. 81 „Jesus schläft, was soll ich hoffen“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 81 „Jesus schläft, was soll ich hoffen“

      Diese Kantate wurde von J. S. Bach zum 4. Sonntag nach Epiphanias des Jahres 1724, dem 30. Januar dieses Jahres komponiert und aufgeführt.

      Exkurs zu den Sonntagen nach Epiphanias

      Die Anzahl der Sonntage nach Epiphanias war und ist nicht in jedem Kirchenjahr dieselbe. Dass ein vierter Sonntag nach Epiphanias gefeiert wird, war nicht unbedingt selten, aber eben auch nicht gerade die Regel. Entscheidend für die Anzahl ist der Ostertermin. Die sechs Sonntage vor Ostern gehören zur Passions- (evangelisch) oder Fastenzeit (katholisch), in der Reihenfolge des Kalenders: Invokavit, Reminiscere, Oculi, Laetare, Judica, Palmarum/Palmsonntag. Vor diesen sechs Fastensonntagen liegen die drei Sonntage der Vorpassionszeit, Septuagesimae (= ca. 70 Tage vor Ostern), Sexagesimae (60) und Quinquagesimae (50). Die Sonntage zwischen Epiphanias und Septuagesimae sind die Sonntage nach Epiphanias.

      Im Schaltjahr 2008 fiel Ostern sehr früh, nämlich auf den 23. März. Die Sonntage der Passionszeit waren der 08. 17. und 24. Februar sowie der 02., 09. und 16. März. Zur Vorpassionszeit gehörten die Sonntage am 20. und 27. Januar sowie am 03. Februar. Das heißt, zwischen Epiphanias und Septuagesimae war nur ein einziger Sonntag, nämlich der 13. Januar.

      Im Schaltjahr 2000 fiel Ostern sehr spät, nämlich auf den 23. April. Die Passionssonntage waren der 12., 19. und 26. März sowie der 02., 09. und 16. April; die Sonntage der Vorpassionszeit waren der 20. und 27. Februar sowie der 05. März. Zwischen Epiphanias und Septuagesimae waren also sechs Sonntage, nämlich der 09., 16., 23. und 30. Januar sowie der 06. und 13. Februar.

      Ein sechster Sonntag nach Epiphanias wird in unseren Zeiten nie begangen, da stets der sogenannte „Letzte Sonntag nach Epiphanias“ gefeiert wird. Gibt es also wie im Jahr 2014 fünf Sonntage zwischen Epiphanias und Septuagesimae, so wird der erste, zweite, dritte und vierte Sonntag und dann nicht der fünfte, sondern der letzte Sonntag nach Epiphanias gefeiert. Dadurch wird gesichert, dass der Evangeliumstext des „letzten Sonntags nach Epiphanias“, der Bericht von der Verklärung Jesu (Mt 17, 1-9), in jedem Jahr gelesen wird.

      Dieser Text hat seine Wichtigkeit zum einen aus der österlichen Thematik. Zum anderen ist er aus folgendem Grund wichtig: Die meisten Theologen gehen heute davon aus, dass das Evangelium nach Markus das älteste ist. Insbesondere nahmen es Matthäus und Lukas als Vorlage für ihre Evangelien und ergänzten es mit einem anderen, ebenfalls älteren Text (sog. „Logienquelle“, hypothetisch und verschollen). Im ältesten Evangelium nach Markus gibt es drei Stellen, an denen der Himmel die Erde berührt und an denen der Mensch Jesus als Sohn Gottes bekannt wird (sog. „Sohnesproklamationen“). Die erste ist die Taufe Jesu (Mk 1, 9-11), bei der „sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen. - Die zweite ist die Verklärung Jesu (Mk 9, 2-10). Jesus ging mit „Petrus, Jakobus und Johannes auf einen hohen Berg, nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verklärt; und seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann. Und es erschien ihnen Elia mit Mose, und sie redeten mit Jesus. [ … ] Und es kam eine Wolke, die überschattete sie. Und eine Stimme geschah aus der Wolke: Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören! . – Die dritte ist das Bekenntnis des römischen Hauptmanns bei Jesu Kreuzigung (Mk 16, 39): Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

      Dass diese drei Sohnesproklamationen am Anfang, in der Mitte und am Ende des Markusevangliums platziert sind, kann kaum anders als mit bewusster Redaktion erklärt werden.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Der Text von BWV 81 bezieht sich auf das Evangelium des Sonntags, die Stillung des Sturmes nach Mt 8, 23-27. Dort wird berichtet, wie Jesus mit seinen Jüngern in ein Boot stieg. (In weiteren Verlauf wird klar, dass sie auf die andere Seite des Sees Genezareth übersetzten und in die Gegend der Gadarener kamen.) Auf dem See erhob sich ein „gewaltiger Sturm“, doch Jesus schlief. Seine Jünger weckten ihn, er schalt sie wegen ihres Kleinglaubens und wegen ihrer Furcht und stand auf und bedrohte den Wind und das Wasser. Da wurde es still.

      Der unbekannte Dichter orientierte sich an der Dramaturgie dieser Perikope.

      Die einleitende Arie exponiert in der Ich-Form den Gegensatz von Jesu Schlaf und der Furcht der Jünger:

      Nr. 1 Arie
      Jesus schläft, was soll ich hoffen?
      Seh ich nicht
      Mit erblasstem Angesicht
      Schon des Todes Abgrund offen?


      Rezitativ Nr. 2 führt diese Betrachtung weiter und übernimmt Vers 1 aus Psalm 10 („Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?“). Eine Anspielung auf den Stern von Bethlehem, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg wies, erinnert daran, dass die Epiphaniaszeit noch zum Weihnachtsfestkreis gehört.

      Nr. 2 Rezitativ
      Herr! warum trittest du so ferne?
      Warum verbirgst du dich zur Zeit der Not,
      Da alles mir ein kläglich Ende droht?
      Ach, wird dein Auge nicht durch meine Not beweget
      So sonsten nie zu schlummern pfleget?
      Du wiesest ja mit einem Sterne
      Vordem den neubekehrten Weisen,
      Den rechten Weg zu reisen.
      Ach leite mich durch deiner Augen Licht,
      Weil dieser Weg nichts als Gefahr verspricht.


      Arie Nr. 3 vergleicht die Wellen des Sees mit „Belials Bächen“ und benennt die Gefahr für die Kräfte des Glaubens, wie sie an den Jüngern sichtbar wurde. Die Bedeutung des „Belial“ ist nicht ganz geklärt, es steht für (einen) Teufel, einen Dämon oder eine Unheilsmacht.

      Nr. 3 Arie
      Die schäumenden Wellen von Belials Bächen
      Verdoppeln die Wut.
      Ein Christ soll zwar wie Felsen stehn,
      Wenn Trübsalswinde um ihn gehn,
      Doch suchet die stürmende Flut
      Die Kräfte des Glaubens zu schwächen.


      Das folgende Arioso bildet die Peripetie; es zitiert aus dem Evangelium des Sonntags (Mt 8, 26). Arie Nr. 5 dichtet Christusworte zur Stillung des Sturms.

      Nr. 4 Arioso
      Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?

      Nr. 5 Arie
      Schweig, aufgetürmtes Meer!
      Verstumme, Sturm und Wind!
      Dir sei dein Ziel gesetzet,
      Damit mein auserwähltes Kind
      Kein Unfall je verletzet.


      Happy end – Rezitativ Nr. 6 erinnert durch das „Erwachen“ nochmals an den vorhergehenden Schlaf und lässt mit Sturm und Wellen sogleich allen Kummer entfliehen:

      Nr. 6 Rezitativ
      Wohl mir, mein Jesus spricht ein Wort,
      Mein Helfer ist erwacht,
      So muss der Wellen Sturm, des Unglücks Nacht
      Und aller Kummer fort.


      Die zweite Strophe des Liedes „Jesu, meine Freude“ von Johann Franck (1618-1677), gelernter Jurist, dann Advokat, Ratsherr und schließlich Bürgermeister zu Guben und Landesältester, bildet den Schluss der Kantate:

      Nr. 7 Choral
      Unter deinen Schirmen
      Bin ich für den Stürmen
      Aller Feinde frei.
      Lass den Satan wittern,
      Lass den Feind erbittern,
      Mir steht Jesus bei.
      Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
      Ob gleich Sünd und Hölle schrecken,
      Jesus will mich decken.


      Hier nochmal die sieben Sätze von BWV 81 mit ihrer Besetzung im Überblick. Dürr weist auf die symmetrische Anlage mit dem Arioso als Zentrum hin, das von zwei Sturmarien flankiert wird, die ihrerseits von Rezitativen umgeben werden. Die erste Arie und der Schlusschoral bilden den ruhigen Rahmen.

      1. Arie „Jesus schläft, was soll ich hoffen?“ – Alt, Blockflöte I/II, Streicher, B. c.
      2. Rezitativ „Herr! warum trittest du so ferne?“ - Tenor, B. c
      3. Arie „Die schäumenden Wellen von Belials Bächen“ – Tenor, Streicher, B. c.
      4. Arioso „Ihr Kleingläubigen“ - Bass, B. c.
      5. Arie „Schweig, aufgetürmtes Meer!“ – Bass, Oboe d’amore I/II, Streicher, B. c.
      6. Rezitativ „Wohl mir, mein Jesus spricht ein Wort“ – Alt, B. c.
      7. Choral „Unter deinen Schirmen“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe d’amore I/II, Streicher, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 - Arie „Jesus schläft, was soll ich hoffen?“ (e-moll, c)

      Da-capo-Arie nach Art eines Lamentos. Seufzerartige Wechselnotenmotive und fallende Tonfolgen malen die Bedrängnis. Ein langsames harmonisches Tempo, wiederholte Töne im B. c. und lange Töne in der Singstimme verklanglichen das Schlafen. – Der B-Teil bildet keinen Gegensatz.

      Satz 2 - Rezitativ „Herr! warum trittest du so ferne?“ (a-moll -> G-Dur)

      Secco-Rezitativ voller spannungsgeladener Harmonien. – „Leite mich“ erhält eine lange Koloratur.

      Satz 3 - Arie „Die schäumenden Wellen von Belials Bächen“ (G-Dur, 3/8)

      Da-capo-Arie. - Bach als Opernkomponist – das hätte so klingen können wie in dieser Arie. Die von den ersten Violinen angeführten Streicher toben mit raschen Tonleiterfiguren und Akkordbrechungen, der Tenor konzertiert virtuos mit, das Bild des Sturms und der Wellen steht plastisch vor Ohren. – Im B-Teil gibt es drei kurze Adagio-Abschnitte, die zum Text „Ein Christ soll zwar wie Felsen stehn, wenn Trübsalswinde um ihn gehn“ gehören. Das „Schwächen der Kräfte des Glaubens“ wird mit impliziter Chromatik eingeführt.

      Satz 4 - Arioso „Ihr Kleingläubigen“ (h-moll, c)

      Die Bassstimme tritt hier und in der nächsten Arie als Vox Christi auf. - Durch die anfängliche Imitation von B. c. und dem Singbass sowie die weitere Verwendung dieses Materials entsteht fast der Eindruck einer zweistimmigen Fuge, zumindest aber eines Satzes nach Art mancher zweistimmigen Invention. – „Ihr Klein-Gläubigen“ wird mit dem kleinsten Schritt, dem Halbtonschritt exponiert. Die wiederholten Fragen „Warum?“ sind hingegen als exclamatio mit einem Aufwärtssprung gesetzt.

      Satz 5 - Arie „Schweig, aufgetürmtes Meer!“ (e-moll, c)

      Auch die zweite Sturm-Arie steht in Da-capo-Form. – Die Streicher spielen Unisono-Linien in aufgewühlten Sechzehnteln, teilweise sogar im Unisono mit dem B. c. Mit ihnen konzertieren die beiden Oboen, deren Partie jedoch überwiegend ruhiger angelegt ist. Die Solostimme hat die „Schweig, schweig“-Rufe und das „Verstumme“ als exclamationes mit Quartsprüngen sowie lange tiefe Töne zur Beschwichtigung.

      Satz 6 - Rezitativ „Wohl mir, mein Jesus spricht ein Wort“ (G-Dur -> h-moll, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ. Die „Unglücksnacht“ erhält eine verminderte Harmonie, die sich inmitten der ansonsten eher verbindlichen Klänge deutlich abhebt.

      Satz 7 - Choral „Unter deinen Schirmen“ (e-moll, c)

      Schlichter vierstimmiger Choral mit colla parte mitgehenden Instrumenten.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Einer meiner Lieblingskantaten! Als ich zum ersten Mal die Tenorarie hörte (von Adalbert Kraus, der ganz genau der richtige für diese Art Arien ist), hat es mich regelrecht aus dem Sitz gehoben. Man sieht: Bach kann Händel, wenn er will. Auch die Bass-Arie ist genial. Wenn man genau hinhört, erkennt man die gewagte Harmonik, die Bach hier anwendet.

      Wirklich toll finde ich die Rilling Einspielung:

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Trichomonas musicalis schrieb:

      Man sieht: Bach kann Händel, wenn er will.

      Lieber Trichomonas,

      so ist es!

      René Jacobs hat noch deutlichere Worte zum Verhältnis der beiden gefunden, insbesondere dazu, welchen Einfluss des einen und des anderen Musik auf ihn als Sänger hat. Stichwort Eitelkeit und Bescheidenheit.

      Die Rilling-Einspielung kenne ich leider nicht. Von meinen drei Aufnahmen (Koopman, Suzuki, Kuijken) hat mir die unter Suzuki mit Abstand am besten gefallen.

      Aber zu Aufnahmen möchte ich erst im nächsten Jahr etwas sagen (wenn ich so lange durchhalte). Momentan halten mich die Threads zu den Kantaten hinreichend unter Dampf ... bei den Kantaten zum 4. So. n. Epi. könnte man allerdings eine Ausnahme machen, einen 4. So. n. Epi. gibt es in 2015 schließlich nicht. Mal schauen ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)