Bach, J. S.: Kantate Nr. 125 „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 125 „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“

      Dies ist Bachs Choralkantate zum Tag „Mariä Reinigung“, komponiert zum 02. Februar 1725.

      Der zugrunde liegende Choral ist das gleichnamige Lied von Martin Luther, der es dem „Canticum Simeonis“, dem Lobgesang des Simeon (Lk 2, 29-32) nachdichtete und auch die Melodie schuf. Dieses Canticum war Teil des Evangeliums zu diesem Feiertag. (Mehr zu „Mariä Reinigung“ im Thread zu Kantate Nr. 83.)

      Das Lied erschien im Jahre 1524 im „Geistlichen Gesangbüchlein“ von Johann Walter. Noch heute kann man es unter der Nummer 519 im Evangelischen Gesangbuch (EG) finden. Der Reformator schuf aus jedem der vier Bibelverse eine Strophe:

      Lk 2, 29: Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
      Strophe 1:
      Mit Fried und Freud ich fahr dahin
      In Gottes Wille,
      Getrost ist mir mein Herz und Sinn,
      Sanft und stille.
      Wie Gott mir verheißen hat,
      Der Tod ist mein Schlaf worden.


      Lk 2, 30: denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
      Strophe 2:
      Das macht Christus, wahr Gottes Sohn,
      Der treu Heiland,
      Den du mich, Herr, hast sehen lon
      Und macht bekannt,
      Dass er sei das Leben
      Und Heil in Not und Sterben.


      Lk 2, 31: den du bereitet hast vor allen Völkern,
      Strophe 3:
      Den du hast allen vorgestellt
      Mit groß Gnaden,
      Zu seinem Reich die ganze Welt
      Heißen laden
      Durch dein teur heilsams Wort,
      An allen Ort erschollen.


      Lk 2, 32: ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.
      Strophe 4:
      Er ist das hell und selig Licht
      Für die Heiden,
      Zu erleuchten, die dich kennen nicht,
      Und zu weiden.
      Es ist deins Volks Israel
      Der Preis, Ehr, Freud und Wonne.


      Der unbekannte Autor des Kantatentextes ließ wie üblich die erste und letzte Strophe unverändert für die Rahmensätze stehen und dichtete die Binnensätze frei den mittleren Strophen nach. So besteht der Text des Eingangssatzes aus der ersten Strophe des Lutherliedes:

      Nr. 1 Choral

      Mit Fried und Freud ich fahr dahin
      In Gottes Willen,
      Getrost ist mir mein Herz und Sinn,
      Sanft und stille.
      Wie Gott mir verheißen hat:
      Der Tod ist mein Schlaf worden.


      Arie Nr. 2 ist der zweiten Strophe nachgedichtet. Die gläubige Seele, die sich schon dem Tode nahe wähnt, begehrt, anstelle des Simeon, „nach dem treuen Heiland“ zu sehen, der seinerseits den Blick erwidert:

      Nr. 2 Arie

      Ich will auch mit gebrochnen Augen
      Nach dir, mein treuer Heiland, sehn.
      Wenngleich des Leibes Bau zerbricht,
      Doch fällt mein Herz und Hoffen nicht.
      Mein Jesus sieht auf mich im Sterben
      Und lässet mir kein Leid geschehn.


      Rezitativ Nr. 3 integriert die zweite Strophe wörtlich und ergänzt diese kunstvoll mit freier Dichtung:

      Nr. 3 Rezitativ

      O Wunder, dass ein Herz
      Vor der dem Fleisch verhassten Gruft
      und gar des Todes Schmerz
      Sich nicht entsetzet!
      Das macht Christus, wahr’ Gottes Sohn,
      Der treue Heiland,

      Der auf dem Sterbebette schon
      Mit Himmelssüßigkeit den Geist ergötzet,
      Den du mich, Herr, hast sehen lan,
      Da in erfüllter Zeit ein Glaubensarm
      das Heil des Herrn umfinge;
      Und machst bekannt
      Von dem erhabnen Gott,
      dem Schöpfer aller Dinge,
      Dass er sei das Leben und Heil,
      Der Menschen Trost und Teil,
      Ihr Retter vom Verderben
      Im Tod und auch im Sterben.


      Das Duett Nr. 4 nimmt aus der vierten Strophe das Bild vom Licht vorweg und fügt es in die Gedanken der dritten Strophe von der „ganzen Welt“ und vom „Erschallen an allen Orten“ ein. Die letzte Zeile mag an Markus 16, 16a erinnern („Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“).

      Nr. 4 Duett

      Ein unbegreiflich Licht erfüllt den ganzen Kreis der Erden.
      Es schallet kräftig fort und fort
      Ein höchst erwünscht Verheißungswort:
      Wer glaubt, soll selig werden.


      In Rezitativ Nr. 5 wird die dritte Strophe abermals nachgedichtet, nun mit Fokus auf Güte, Gnade und ewiges Heil:

      Nr. 5 Rezitativ

      O unerschöpfter Schatz der Güte,
      So sich uns Menschen aufgetan:
      es wird der Welt,
      So Zorn und Fluch auf sich geladen,
      Ein Stuhl der Gnaden
      Und Siegeszeichen aufgestellt,
      Und jedes gläubige Gemüte
      Wird in sein Gnadenreich geladen.


      Als Schlusschoral steht wie üblich der letzte Vers des zugrunde liegenden Liedes:

      Nr. 6 Choral

      Er ist das Heil und selig Licht
      Für die Heiden,
      Zu erleuchten, die dich kennen nicht,
      Und zu weiden.
      Er ist deins Volks Israel
      Der Preis, Ehr, Freud, und Wonne.


      Hier die sechs Sätze von BWV 125 samt Besetzung im Überblick:

      1. Choral „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn, Flauto traverso, Oboe, Streicher, B. c.
      2. Arie „Ich will auch mit gebrochnen Augen“ – Alt, Flauto traverso, Oboe d‘amore, B. c.
      3. Rezitativ mit Choral „O Wunder, dass ein Herz“/„Das macht Christus, wahr’ Gottes Sohn“ – Bass, Streicher, B. c.
      4. Duett „Ein unbegreiflich Licht erfüllt“ – Tenor, Bass, Violine I/II, B. c.
      5. Rezitativ „O unerschöpfter Schatz der Güte“ – Alt, B. c.
      6. Choral „Er ist das Heil und selig Licht“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn, Flauto traverso, Oboe, Streicher, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 - Choral „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ (e-moll, 12/8)

      E-moll, 12/8-Takt – war da nicht was? Matthäus-Passion, Eingangschor? Na ja, nicht ganz – dass die Sequenzen ähnliche sind, ist wohl eher Zufall. Dass aber auch Kadenzmodelle übereinstimmen und dass der dortige Rhythmus der Bässe (wenngleich dort voll- und hier auftaktig) auch hier stellenweise zu hören ist, lässt schon eher aufhorchen.

      Das Modell des Satzes ist vertraut: Die Choreinsätze sind zeilenweise durch Orchesterritornelle getrennt. Der Sopran singt den Choral in langen Noten, die übrigen Chorstimmen kontrapunktieren dies mit Motiven aus dem Ritornell.

      Nur in der vierten („Sanft und stille“) und der sechsten Zeile („der Tod ist mir Schlaf worden“) weicht Bach von diesem Satztyp ab: Hier ist der Chorsatz homophon, was von ungemein eindringlicher Wirkung ist. Nach der vierten Zeile gibt es gar eine kurze Generalpause.

      Satz 2 - Arie „Ich will auch mit gebrochnen Augen“ (h-moll, 3/4)

      Da-capo-Arie. Der mit Abstand längste Satz der Kantate und ihr intimes Herzstück. Die Tonart h-moll hat bei Bach oft etwas Besonderes, was belegt sein mag durch das Präludium und Fuge für Orgel (BWV 544), durch die Fuge aus dem WK I (BWV 869), durch das „Erbarme dich“ aus der Matthäus-Passion oder durch Sätze aus der Messe in h-moll (BWV 232).

      So auch hier. Die wiederholten Basstöne, „ligato“ zu spielen laut Bach, malen die auf dem Sterbebett liegende Seele und bewirken durch die unweigerlich entstehenden Dissonanzen zu den Oberstimmen eine depressive Stimmung von Trauer und Klage. Zahlreiche Verzierungen in Flöte, Oboe und Singstimme verstärken die intime Atmosphäre und verlangen zarten Ausdruck. Ein Sonderfall ist, dass Bach wünschte, dass kein akkordisches Continuo-Instrument (Orgel, Cembalo, Laute, … ) mitspielen solle. Koopman lässt dennoch eine Laute mitspielen.

      Der B-Teil bringt keine Änderung des Affektes mit sich. Nach dem dritten Vorkommen des Wortes „Sterben“ kommt die Musik zum völligen Stillstand.

      Eine Ausnahmearie von gleichzeitig feierlicher wie zerbrechlicher Schönheit.

      Satz 3 - Rezitativ mit Choral „O Wunder, dass ein Herz“/„Das macht Christus, wahr’ Gottes Sohn“ (a-moll -> h-moll)

      Die rezitativischen Abschnitte werden von einem obligaten Motiv in den Streichern begleitet – malt es das „Entsetzen“ oder die „Himmelssüßigkeit“? Wohl je nach Harmonisierung … Bei den Choralzeilen wird das Rezitativ zum Arioso, dem ebenfalls das obligate Motiv beigegeben wird.

      Eine besondere Vertonung erfährt die letzte Zeile („im Tod und auch im Sterben“) mit chromatischer Stimmführung und tiefer Lage in allen Instrumenten.

      Satz 4 - Duett „Ein unbegreiflich Licht erfüllt“ (G-Dur, c)

      Stimmungswechsel – dieses Duett in da-capo-Form singt in Erwartung der ewigen Seligkeit ein höchst irdisch klingendes Lied der Freude. Es macht Spaß, das Wiederauftreten des initialen Motivs der ersten Violine und dessen Fortsetzung im Verlauf des Stückes zu verfolgen. Auch die danach folgenden figurierten Sequenzen kommen mehrmals wieder vor. Die beiden Singstimmen sind mal in einträchtigen Parallelen und mal imitatorisch geführt und konzertieren mit den beiden Violinstimmen und dem B. c. im Quintett-Satz. – Der B-Teil bewegt sich eher Bereich der Molltonarten. Eingangs wird das „Schallen“ mit auffälligen Echowirkungen nachgezeichnet.

      Satz 5 – Rezitativ „O unerschöpfter Schatz der Güte“ (e-moll)

      Den Pretiosen der vorgehenden Sätze folgt ein schlichtes Secco-Rezitativ.

      Satz 6 - Choral „Er ist das Heil und selig Licht“ (e-moll, c)

      Schlichter vierstimmiger Choralsatz mit colla parte mitgehenden Instrumenten, der bisweilen durch Achtelbewegung in den Mittelstimmen belebt wird.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Das ist eine, für ihre unfassbare Schönheit genommen, erstaunlich unbekannte Kantate. Zumindest dürfte das früher der Fall gewesen sein, denn mir sind weder eine Einspielung von Ramin, noch von Werner oder Richter bisher untergekommen. Ich finde sowohl den Eingangschor als auch die Altarie wie das Duett absolut fantastisch. Beim Duett hat man wirklich das Gefühl, das Licht würde den ganzen Erdkreis erhellen (wie Dürr beschreibt wohl durch die 4 Stimmen: Tenor, Bass und zwei Violinen). Bei den Einspielungen bin ich etwas gespalten, denn der Eingangschor und das Duett sind bei Rilling ganz hervorragend gelungen, aber die Altarie zittert und wankt eher durch das Tremolo von Carolyn Watkinson (corr.: Helen Watts) denn durch raffinierte Textauslegung. Bei Herreweghe bekommt man das ausgewogenste Ergebnis. Allerdings: den ergreifenden Eingagnschor von Rilling und das überschäumende Duett (es singt Kurt Equiluz, einer meiner Lieblingstenöre) möchre ich nicht missen. Gardiner habe ich hier als zu schnell in Erinnerung, außerdem bekommen bei mir schöne Altarien von Kontratenören gesungen einen Abzug :(
      Im Zweifelsfall immer Haydn.