Bach, J. S.: Kantate Nr. 150 „Nach dir, Herr, verlanget mich“

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 150 „Nach dir, Herr, verlanget mich“

      Diese Kantate ist wohl vor allem wegen Brahms bekannt: Aus dem Thema ihres letzten Satzes, einer Ciacona für Chor, Fagott, Streicher und B. c., bildete er das Thema für das Finale seiner 4. Sinfonie e-moll op. 98. Auch dieses hat die Form einer Chaconne bzw. Passacaglia, je nachdem, wie man die beiden Begriffe definiert und voneinander abgrenzt.

      Brahms war Subskribent der Werkausgabe der Bach-Gesellschaft. Im Oktober 1884 erschien Band 30 mit Kantate 150. Zu dieser Zeit hatte Brahms bereits die ersten beiden Sätze komponiert, im Folgejahr beendete er seine vierte Sinfonie. Ich weiß nicht, ob eine eindeutige Aussage von Brahms überliefert ist, in der er sagte, dass Bachs Werk die Inspiration für Formidee und Thema des Finales gab. Doch der zeitliche Zusammenhang und die Ähnlichkeit der Themen (Brahms fügte einen Halbtonschritt hinzu und änderte den Rhythmus) sind starke Argumente.

      Es gibt einen zweiten Grund, warum diese Kantate bekannt sein könnte: Sie gilt als eine der frühesten in Bachs Werk, ist eventuell sogar die älteste unter den überlieferten. Christoph Wolff spricht in seiner ausführlichen Bach-Biographie mal von „der vermutlich frühesten erhaltenen Kantate“ (S. 96) und mal eindeutig von „Bachs ältester erhaltener Kantate“. Leider liegt nur eine Abschrift aus dem Jahre 1753 vor, die der Bach-Schüler G. F. Penzel angefertigt hat, so dass alle Zeitbestimmungen sich im Wesentlichen auf Stilanalysen stützen müssen. Man vermutet die Entstehung noch vor 1707, also zu Bachs Arnstädter Zeit. Da das Thema der Ciacona mit dem der Ciacona d-moll für Orgel von Johann Pachelbel verwandt ist und darüber hinaus die Verarbeitungen des Themas in beiden Werken Übereinstimmungen zeigen, vermutete der Bachforscher Yoshitake Kobayashi, dass der Satz oder die ganze Kantate eventuell eine Huldigung an den im Jahre 1706 verstorbenen Nürnberger Organisten sein könne.

      Einem besonderen Sonntag des Kirchenjahres ist BWV 150 nicht zugeordnet. Die Grundlage ihres Textes ist Psalm 25, dessen Verse mit freier Dichtung abwechseln. Dabei legt die Dichtung die vorangehenden Psalmverse aus. Choräle und Rezitative gibt es nicht.

      Der erste Satz ist eine instrumentale Sinfonia. Als Satz zwei folgt ein Chor über die ersten beiden Psalmverse:

      Nr. 2 Chor

      Nach dir, Herr, verlanget mich.
      Mein Gott, ich hoffe auf dich.
      Lass mich nicht zuschanden werden,
      dass sich meine Feinde nicht freuen über mich.



      Während Satz 2 noch von der Bitte „nicht zuschanden zu werden“ spricht, ist in Arie Nr. 3 das „vergnügt bleiben“ schon Realität:

      Nr. 3 Arie

      Doch bin und bleibe ich vergnügt,
      Obgleich hier zeitlich toben
      Kreuz, Sturm und andre Proben,
      Tod, Höll, und was sich fügt.
      Ob Unfall schlägt den treuen Knecht,
      Recht ist und bleibet ewig Recht.



      Der vierte Satz hat den fünften Psalmvers zum Text:

      Nr. 4 Tutti

      Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich;
      denn du bist der Gott, der mir hilft, täglich harre ich dein.



      In Arie Nr. 5 wird dieser Psalmvers am Beispiel von Zedern, die im Winde „verkehrt“ werden, anschaulich gemacht; ebenso mag auch die gläubige Seele das „Widerbellen“ von außen außer Acht lassen und „Rat und Tat“ alleine auf Gott stellen.

      Nr. 5 Arie

      Zedern müssen von den Winden
      Oft viel Ungemach empfinden,
      Oftmals werden sie verkehrt.
      Rat und Tat auf Gott gestellet,
      Achtet nicht, was widerbellet,
      Denn sein Wort ganz anders lehrt.



      Chor Nr. 6 bringt den 15. Vers aus Psalm 25:

      Nr. 6 Chor

      Meine Augen sehen stets zu dem Herrn;
      denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.



      Das abschließende Tutti Nr. 7 entfaltet das „aus dem Netze ziehen des Fußes“:

      Nr. 7 Tutti. Ciacona

      Meine Tage in den Leiden
      Endet Gott dennoch zur Freuden;
      Christen auf den Dornenwegen
      Führen Himmels Kraft und Segen.
      Bleibet Gott mein treuer Schatz,
      Achte ich nicht Menschenkreuz;
      Christus, der uns steht zur Seiten.
      Hilft mir täglich sieghaft streiten.



      Hier die sieben Sätze von BWV 150 mit ihrer Besetzung im Überblick:

      1. Sinfonia – Violine I/II, Fagott, B. c.
      2. Chor „Nach dir, Herr, verlanget mich“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Violine I/II, Fagott, B. c.
      3. Arie „Doch bin und bleibe ich vergnügt“ – Sopran, Violine I/II, B. c.
      4. Tutti „Leite mich in deiner Wahrheit“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Violine I/II, Fagott, B. c.
      5. Terzett „Zedern müssen von den Winden“ – Alt, Tenor, Bass, Fagott, B. c.
      6. Chor „Meine Augen sehen stets zu dem Herren“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Violine I/II, Fagott, B. c.
      7. Tutti. Ciacona „Meine Tage in dem Leide“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Violine I/II, Fagott, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • In den frühen Kantaten Bachs findet man häufig orgelnahe Formen. So können die ersten beiden Sätze zwanglos als „Präludium und Fuge“ aufgefasst werden, dies gilt auch für den zweiteiligen Satz Nr. 6. Der letzte Satz bietet mit einer „Ciacona“ eine Form, die in der nord-, mittel- und süddeutschen Orgelliteratur vorkam (Buxtehude, Pachelbel, Muffat, Kerll u. a.).

      Satz 1 - Sinfonia (h-moll, c)

      Satz im Stil einer Triosonate, zwei Violinen und B. c., der vom Fagott verstärkt wird. Das chromatisch fallende Thema, das dem Satz den Charakter eines Lamentos verleiht, kehrt im folgenden Chor wieder und wird her sozusagen exponiert.

      Satz 2 - Chor „Nach dir, Herr, verlanget mich“ (h-moll, c)

      Der Satz ist im Stil einer Motette angelegt, im Wechsel von polyphonen und homophonen Abschnitten.

      Der erste Teil gilt dem ersten Halbvers des Psalms („Nach dir, Herr, verlanget mich“). Das aus der Sinfonie bekannte chromatisch fallende Thema erscheint imitierend in allen vier Chorstimmen. Instrumentales Zwischenspiel mit dem Thema im B. c. Abermals Durchführung in allen vier Chorstimmen, abermals instrumentales Zwischenspiel mit dem Thema im B. c. Die nächste Durchführung in allen vier Chorstimmen wird von den Violinen begleitet und zur somit Sechsstimmigkeit (mit B. c.) gebracht. -

      „Mein Gott“ – zwei Akkorde. Auch „ich hoffe auf dich“ erklingt (überwiegend) in homophonem Satz.

      „Lass mich nicht zuschanden werden“ – imitierender, sehr lebendiger Chorsatz mit noch belebteren Instrumentalstimmen. Verstärkung des „zuschanden werden“ mit spannungsgeladenen Harmonien.

      „dass sich meine Feinde nicht freuen über mich“ – abermals polyphoner Chorsatz, dessen Thema eine Variation des anfänglichen chromatisch fallenden Themas ist, die bei „freuen“ eine besondere Koloratur erhält. Durchgehende Instrumentalbegleitung.

      Das soll ein Jugendwerk sein!? Dürr wirft dem Satz „Kleingliedrigkeit“ vor, das ist nicht abzustreiten. Doch wie lebendig und vielfältig wirkt das alles!

      Satz 3 - Arie „Doch bin und bleibe ich vergnügt“ (h-moll, c)

      Die Violinen spielen im Unisono, so dass der ganze Satz eigentlich ein Trio für Sopran, Violinen und B. c. ist. Der B. c. spielt die instrumentale Einleitung fast alleine, die einsetzenden Violinen nehmen eher die Singstimme vorweg als dass sie Dialogpartner des B. c. wären. – Das „Toben“ wird instrumental mit Akkordbrechungen und Tonwiederholungen gemalt.

      Satz 4 - Tutti „Leite mich in deiner Wahrheit“ (h-moll, c)

      Das „Leite mich“ wird grandios mit einer über mehr als drei Oktaven auskomponierten aufsteigenden Tonleiter in Musik gesetzt. Erst die Chorbässe, dann -Tenöre, -Alte und –Soprane, dann die zweiten und schließlich die ersten Violinen, jeweils vier Töne, von H bis d‘‘‘. – Die weiteren Textteile erklingen im Wechsel von dialogisierenden, rein homophonen und polyphonen Abschnitten.

      Satz 5 - Terzett „Zedern müssen von den Winden“ (D-Dur, 3/4)

      Nach vier Sätzen in h-moll in gerader Taktart folgt hier nun ein kurzer Satz in D-Dur und ungeradem Takt. - Dem B. c. ist eine sehr virtuose Partie in Sechzehnteln anvertraut, die die Winde darstellt. Die drei Vokalpartien sind hingegen auffallend simpel gesetzt. Das Fagott hat seinen eigenen Part, der den B. c. mit Stütztönen verstärkt. Erst am Ende übernimmt es die virtuosen Läufe. – Christoph Wolff vermutet, dass es dieser Satz war, der den Fagottisten Geyersbach wohl überforderte, wodurch Bach sich zum beleidigenden Wort vom „Zippelfagottisten“ hinreißen ließ und sich dafür (und für das Ziehen seines Degens) vor dem Konsistorium verantworten musste. – Für die Orgel in Mühlhausen forderte Bach ein Fagott 16‘ („ … welcher zu allerhand neüen inventionibus dienlich und in der Music [gemeint sind Kantaten] sehr delicat klinget“) anstelle der vorhandenen Trompete 8‘ …

      Satz 6 – Chor „Meine Augen sehen stets zu dem Herren“ (D-Dur -> h-moll, 6/8)

      Im ersten Halbvers („Meine Augen sehen stets zu dem Herren“) tritt zu belebter akkordischer Figuration in den Violinen der Chor im homophonen Satz. Der zweite Halbvers („denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen“) wird nach einem kurzen homophonen Satz in einer Permutationsfuge durchgeführt.

      Satz 7 – Tutti. Ciacona „Meine Tage in dem Leide“ (h-moll, 3/4)

      Das Thema der Ciacona (im B. c.) bleibt nicht immer in derselben Tonart, was eher ungewöhnlich ist. Bach könnte in Lübeck durch Buxtehude zu solchem Verfahren angeregt worden sein, der dies bereits in seiner Passacaglia d-moll durchführte. Es erscheint in h-moll (3x), D-Dur (3x), fis-moll (3x), A-Dur, dann setzt er freier fort, auch einmal in Umkehrung, bevor die letzten Variationen wieder in h-moll stehen.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)