Général Lavine und die Folgen - Der beginnende Einfluß der "Black Music" aus den USA auf die europäische Kunstmusik

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    • Général Lavine und die Folgen - Der beginnende Einfluß der "Black Music" aus den USA auf die europäische Kunstmusik

      Folks,

      aufgrund der Wahl meines Nicks sehe ich mich geradezu moralisch verpflichtet, dieses Thema hier aufzuwerfen und würde mich freuen, wenn daraus ein interessanter Thread werden sollte.

      Claude Debussy war nicht der erste europäische Komponist, der afro-amerikanische Musikformen in seinem Werk aufgegriffen und reflektiert hat. Aus naheliegenden Gründen möchte ich jedoch mit dem sechsten Stück aus dem zweiten Heft der "Préludes" beginnen und etwas über jenen berühmten General berichten.

      Mr. Ed Lavine war ein Clown und Jongleur, der nach 1900 beachtliche Erfolge in amerikanischen Vaudeville-Shows und später auch in europäischen Revuetheatern erzielen konnte. Sein Markenzeichen war die bunt-groteske Offiziersuniform, in der der enorm groß gewachsene und schlaksige Mann mit dem großen Lächeln und dem warmherzigen Humor auftrat, um das Soldatenleben und den alles erstickenden Militarismus seiner Zeit zu karikieren. Er, der behauptete, Zeit seines Lebens ein Soldat gewesen zu sein, konnte auf dem Seil tanzen, sich mit sich selbst duellieren, mit den Zehen Klavier spielen, eine hölzerne Puppe verkörpern und mit Hüten jonglieren. Seine Auftritte müssen wahrlich exzentrisch gewesen sein! Er trat im Sommer 1910 längere Zeit im Theatre Follies Marigny auf den Champs-Elysées auf, wo sich Monsieur Debussy die Ehre gab, eine Vorstellung zu besuchen. Zum Teil wird behauptet, man habe Debussy gebeten, eine Begleitmusik für die Lavine-Show zu komponieren. Eventuell wollte er sich deshalb einen Eindruck von dieser schrägen Nummer machen. Debussy sagte nach der Vorstellung über Lavine, er verberge mit Späßen und mit hölzernen Pirouetten sein zu sensibles Herz.

      Überschrieben ist das Prélude mit "Dans le style et le Mouvement d'un Cake-Walk". Den Kuchen-Gang finden wir in Debussys Klavierwerk auch in "Golliwog's Cakewalk" aus "Children's Corner". Der Cake-Walk war ein Schreittanz, der von Afro-Amerikanern hauptsächlich während Minstrel Shows, Variety Shows und ähnlichen Vergnügungsveranstaltungen von Schwarzen für Weiße aufgeführt wurde. Sie parodierten dabei zur Gaudi ihrer weißen Herrschaften deren vornehm-gravitätische Art, sich bei Tanzveranstaltungen zu bewegen. Groteske, übertriebene Bewegungen und Figuren waren Bestandteil dieses Tanzstils. Der Name scheint wohl daher zu kommen, dass für die komischste Darbietung des Tanzes oft vom Plantagenbesitzer ein Kuchen als Preis ausgelobt wurde. Der Cakewalk ist also eher eine skurrile, rhythmisch chaotische Parodie eines Tanzes als ein wirklicher Tanz. Er stellt eine der wesentlichen Grundlagen für den Ragtime dar, an den auch Debussys Stück deutlich erinnert.

      Général Lavine - eccentric ist somit eine durch vier Schichten zu betrachtende Musik: Stocksteife Schreittänze des weißen amerikanischen Bürgertums, imitiert in einem gewollt komischen Tanz afro-amerikanischen Ursprungs, wiederum parodiert von einem weißen Clown, und letztlich reflektiert in der Kunstmusik eines Franzosen. Man kann hören, wie der groteske General auf die Bühne stolpert, mit seinem die schwarzen Vaudeville-Künstler parodierenden Tanz loslegt, diesen aber jäh unterbricht, als er von Trompetensignalen gemahnt wird, zu seinen militärischen Pflichten zurückzukehren.

      "http://www.youtube.com/watch?v=SDO0-cJlrtI"

      General Ed Lavine ist die einzige real existente Person, der Claude Debussy jemals ein musikalisches Portrait gewidmet hat!

      Neben Golliwog's Cakewalk (aus dem Jahr 1908) http://www.youtube.com/watch?v=Nbxy_-Rg41o begegnen uns "schwarze" Einflüsse bei dem für Themen jeder Art stets dankbaren Debussy auch noch in "Le petit Nègre", einem Gelegenheitswerk (auch in Form eines Cakewalk), das 1909 für Théodore Lacks Klavierschule "Méthode de Piano" geschrieben wurde, sowie in den "Minstrels" (1910), der Nr. 12 aus dem ersten Heft der "Préludes".

      "http://www.youtube.com/watch?v=QluiksIIfF0"

      "http://www.youtube.com/watch?v=yNRDnH2Bwso"

      Minstrel Shows waren Unterhaltungsveranstaltungen in den Nordstaaten der USA, in denen sich umherreisende weiße Darsteller schwarz anmalten und, ausgestattet mit Banjo und wollener Perücke, die Musik und die Tänze schwarzer Sklaven aus den Südstaaten imitierten, um insbesondere dem weißen Arbeiterpublikum so etwas wie rassische Überlegenheit zu suggerieren. Diese üble Sache war so erfolgreich beim weißen Publikum, dass zur Unterstützung auch vielfach "Echte Schwarze" für die Minstrelshows als Unterstützung engagiert wurden. Einige legendäre Jazz- und Bluesmusiker wie Jelly Roll Morton, W. C. Handy, Ma Rainey und Bessie Smith haben zu Beginn ihrer Laufbahn an solchen demütigenden Veranstaltungen teilnehmen müssen.


      Wo sonst haben sich Gospel, Blues, Jazz und Ragtime in der europäischen Musik zum Beginn des 20. Jh. oder womöglich schon früher niedergeschlagen? Welche Beispiele lassen sich neben Strawinskys Ragtime, Ravels Violinsonate und Kreneks "Johnny spielt auf" noch anführen und wie wurden die afro-amerikanischen Einflüsse verarbeitet?

      Cheerio,

      Lavine :wink:
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde
    • Cher General,

      und ich habe gedacht, dein Name stammt aus irgendendeiner Männerwelt- Weltraum- Helden-Fantasy...... :hide:



      Danke für diese interessante Aufklärung und das Vergnügen, Arturo Benedetti Michelangeli mit Debussy zu hören. :juhu:



      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • RE: Général Lavine und die Folgen - Der beginnende Einfluß der "Black Music" aus den USA auf die europäische Kunstmusik

      Général Lavine schrieb:

      Wo sonst haben sich Gospel, Blues, Jazz und Ragtime in der europäischen Musik zum Beginn des 20. Jh. oder womöglich schon früher niedergeschlagen? Welche Beispiele lassen sich neben Strawinskys Ragtime, Ravels Violinsonate und Kreneks "Johnny spielt auf" noch anführen und wie wurden die afro-amerikanischen Einflüsse verarbeitet?

      Cheerio,

      Lavine :wink:
      Lieber General,

      da habe ich doch gleich zum Wochenauftakt eine Menge gelernt, wovon ich bislang noch gar nichts wusste, obwohl ich die Debussy-Stücke aus "Children's Corner" kannte. Vielen Dank dafür.

      Was die Frage betrifft: mal angenommen, der "Anfang" des letzten Jahrhunderts dehnt sich bis Anfang der 30er, und weiterhin angenommen, die Operette gehört zum gemeinten Kreis europäischer Musik, würde ich gerne ein Plädoyer für Paul Abraham einlegen wollen, der in BLUME VON HAWAII mit Nummern wie "My Little Boy", aber vor allem der Minstrel-Kopie "Bin nur ein Johnny" die Welt des Jazz - aus der damaligen deutschen Sicht - als Unterhaltungselement auf die deutschen Musikbühnen holte, was ihn sogar in die Emigration getrieben hätte, wenn er kein Jude gewesen wäre.

      Auf einer "ernsteren" Ebene wäre hier unbedingt an die "Groupe des Six" zu denken. Vor allem die Filmmusiken von Georges Auric (LE SANG D'UN POÉTE, Á NOUS LA LIBERTÉ u.v.a.) lassen deutliche Einflüsse des Jazz hören, aber auch Jacques Iberts DIVERTISSEMENT wäre ohne diese Einflüsse kaum denkbar. Von Poulenc, dem wohl bekanntesten Mitglied der Groupe des Six, kenne ich zu wenig, aber ich bin sicher, dass auch er sich von deren Interesse am Jazz vielfach hat inspirieren lassen. Das gilt definitiv für seinen "Discours du Général" aus dem Gemeinschaftswerk der Sechs nach einem Buch von Jean Cocteau: LES MARIÉES DU TOUR D'EIFFEL, an dem auch Milhaud und Honegger mitwirkten.

      ..........

      Ob dieser General wohl seinen Kollegen Lavine kannte?

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Auch in Ravels Oper "L'enfant et les sortileges" haben sich Jazz und Ragtime niedergeschlagen. Ebenso findet man verschiedenste im weitesten Sinne afrikanische Einflüsse - sowohl über den Umweg USA als auch einheimisch-südamerikanisch-schwarze Musik - im Werk von Heitor Villa-Lobos.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • mir fällt da sofort die Psalmensymphonie von Igor Stravinsky ein: Immer wenn ich DIE höre empfinde ich so, als wenn ich einen gigantischen Gospel vor mir habe...
      ... alle Menschen werden Brüder.
      ... We need 2 come 2gether, come 2gether as one.
    • Talestri schrieb:

      Ich möchte gern den tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff nennen, der sich stark von Jazzelementen beeinflussen ließ.

      Mehr noch - Schulhoff hat seinen Lebensunterhalt zeitweise als Jazzpianist, oder wie auch immer man das damals nannte, verdient, weshalb er meiner Meinung nach den Jazzton authentischer trifft als seine Kollegen. Auf der CD von Sheri Jones kann man das gut hören.
    • Insgesamt denke ich aber, dass der direkte Jazzeinfluß in der sog. klassischen Musik des frühen 20. Jahrhunderts eher überschätzt wird. Das, was wir heute als Jazz bezeichnen, war damals erst im Entstehen, und die frühen Formen des Swing, die ein Strrawinsky oder Milhaud gehört haben, waren der Musik eines Variétéorchesters noch ziemlich ähnlich. Einen guten Überblick bietet ein leider nur noch antiquarisch zu findendes Buch:

      Schatt, Peter W.: "Jazz" in der Kunstmusik. Studien zur Funktion afro-amerikanischer Musik in Kompositionen des 20. Jahrhunderts.
      (Perspektiven zur Musikpädagogik und Musikwissenschaft Band 18 )
      Kassel: Gustav Bosse Verlag, 1995 - 228 S. : Noten, Softcover/Paperback
      ISBN 10: 3764924764

      Zurück zur Überschätzung: Das, was Schostakovitch z.B. in seiner Jazz-Suite zitiert, ist eher Zirkusmusik:



      Sehr schön dagegen trifft es dagegen Darius Milhaud (der durch seinen Brasilien-Aufenthalt auch die dortige Rhythmik gut verstanden hat) z.B. im Ballet "La Création du Monde", aber nur in der Kammerversion:



      Die konkrete Rhythmik des Jazz treffen klassische Musiker nur schwerlich, je größer das Ensemble, umso weniger.
    • Man sollte sich als Klassik-Fan auch mal anhören, was Jazzmusiker aus ihren klassischen Einflüssen gemacht haben, z.B. der häufig unterschätzte Trompeter und Komponist Don Ellis in seinen 30minütigen "Variations for Trumpet", die auf dieser CD enthalten sind, jeder Satz in einer anderen Taktart:

    • Der englische Komponist mit deutschen Wurzeln Frederick Delius (1862-1934) hat schon recht früh Afroamerikanisches in seine Musik einfließen lassen, allerdings beschränkt sich dieser Einfluß wohl auf eher auf melodische Übernahmen, mit weitgehender Integration in einen spätromantischen Stil. Delius hielt sich auf Geheiß des Vaters 1884-86 in Florida und Virginia auf, wo er sich erfolglos als Farmer versuchte, um sich dann - glücklicherweise - der Musik zuzuwenden.

      Zu nennen wären als Orchesterwerke: Florida Suite (1887): Der 3. Satz ("Sunset - Near the Plantation") zeigt am deutlichsten die Aufnahme von Gesängen der Schwarzen, und Appalachia (1896), dann die Oper: Koanga (1895-97). Dieses Werk (das ich nicht kenne) spielt auf einer Plantage in Louisiana im 18. Jahrhundert (UA auf deutsch in Wuppertal-Elberfeld 1904!) und handelt von der Liebe zwischen einem afrikanischen Prinzen und Voodoo-Priester und einer Mulattin. Wieweit Delius hier die Musik der Schwarzen aufnimmt, wäre sicher interessant zu hören. Ausschnitte gibt es hier.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Miguel54 schrieb:

      Insgesamt denke ich aber, dass der direkte Jazzeinfluß in der sog. klassischen Musik des frühen 20. Jahrhunderts eher überschätzt w


      Sicherlich richtig ist Miguels Hinweis, dass vor 1920 in Europa kaum jemand richtigen schwarzen Jazz kannte. Zu den ersten US-Jazzern, die nach Europa kamen, zählten 1919 die Original Dixieland Jazzband und Sidney Bechet, der in den USA besonders unter dem Rassenhass litt und sich nun plötzlich in der Situation wiederfand, im Buckingham Palace spielen zu dürfen (oder dort vorgeführt zu werden?). Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele der hier genannten Beispiele für die Reflexion schwarzer Musik aus der Zeit um 1930 stammen. Ich will den Einfluß des Jazz auch gewiß nicht überschätzen - eine Spurenanalyse kann aber schon recht aufschlußreich sein.

      Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die schillernde Figur des Erwin Schulhoff. Er war nicht nur ein Jazzpianist, sondern auch Musiker im Jazzorchester des Prager Theaters. Er teilte seine Jazzbegeisterung mit seinem Freund, dem dadaistischen Künstler George Grosz. 1930 komponierte er ein Jazz-Oratorium "HMS Royal Oaks" für Sprecher, Jazzsänger, gemischten Chor und symphonisches Jazzorchester. 1923, ein Jahr vor Gershwins Rhapsody in Blue, entstand Schulhoffs Jazz Concerto für Klavier und Orchester. Sein Anliegen war stets, aus althergebrachten Formen auszubrechen, und hierbei benutzte er den Jazz gern als Vehikel. Dies zeigt etwa seine "Hot Sonata" für Altsaxofon und Klavier, mehr aber noch sein Klavierduo, in dem nur der eine Part notiert, der andere jedoch frei improvisiert ist.



      Cheers

      Lavine :wink:
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde
    • Général Lavine schrieb:

      Sicherlich richtig ist Miguels Hinweis, dass vor 1920 in Europa kaum jemand richtigen schwarzen Jazz kannte.




      Das stimmt so nicht und hat Miguel ja auch so nicht geschrieben. Miguel kann ich in allem zustimmen: Der Jazz, so wie wir ihn heute - auch als "traditionellen" Jazz - kennen, war bis in die frühen 20er Jahre noch in seiner Entstehungsphase. Insbesondere die Vor- und Frühgeschichte ist, genauer besehen, recht komplex. In einer breiteren weißen Öffentlichkeit nicht nur in Europa gingen alle Musiken und ihre Bezeichnungen von Afroamerikanern oder Musiken, die wirklich oder angeblich von ihnen beeinflußt waren, sehr durcheinander. Das war selbst bei Schulhoff noch lange so, der ein größeres Interesse als etwa Strawinsky u.a. und vor allem ein wirkliches Feeling für Jazz hatte. Das war aber keineswegs zwingend, sondern ist selbst erklärungsbedürftig: Denn an Plattenaufnahmen auch von echtem Hot-Jazz oder von den New Orleans Jazz-Bands der 20er bis zu Kansas-City-, oder Chicago-Jazz oder Swing war sehr schnell recht gut auch in Europa heranzukommen. Erste sehr kompetente, sehr aktuelle Jazzzeitschriften erschienen zuerst in Schweden, dann in Frankreich, dann in Polen und bald auch in anderen Ländern schon ab den frühen 20er Jahren. Die kleinen, teilweise erstaunlich gut informierten europäischen Fan-Circle, die diese Zeitschriften schließlich trugen, gab es da schon. Was aber in der Tanzwütigen Zwischenkriegzeit stark nachgefragt war, waren zumeist weiße Tanzorchester à la Paul Whiteman, in denen meistens mehr oder weniger gut klassisch ausgebildete Unterhaltungsmusiker Jazzklangfarben und Swingrhythmen einarbeiteten, komplett improvisationfrei nach Noten spielten und ab etwa Ende der Zwanziger einen improvisierenden Jazzmusiker als Solisten dazukauften - für die Europatournee vielleicht sogar ausnahmsweise mal einen Schwarzen. Was in der Klassik aufgenommen wird, z.B. bei Krenek, Strawinsky, Weil, einigen Operettenkomponisten usw.und was auch in der ersten Jazzstudienklasse in Europa am Hochschen Konservatorium unterrichtet wurde, ist im wesentlichen Paul Whiteman und seine vielen Nachfolger, erst deutlich später dann auch vor allem weiße Big Bands von Benny Goodman u.a. Das wird in tanzbegeisterter zeit aufgenommen, weil es chic ist und als Jazz verkauft, weil das exotisch klang. Sidney Bechet, Louis Armstrong, das Duke Ellington Orchestra tourten zwar auch früh und mit enormer öffentlicher Aufmerksamkeit durch Europa, blieben aber von den europäischen Komponisten unbeachet. Viele europäischen Jazzmusiker wußten es zwar besser und einige konnten richtig improvisieren, aber den Hot-Jazz, wie es damals hieß, spielten sie für kleine Fan-Circle, bekannt wurden sie mit Whiteman-artig arrangierten Schlagern.

      Wenn bei diesen Vorgängen afroamerikanische Autoren von Eurozentrismus, rassistischem Exotismus, Ausbeutung der Musik der Afroamerikaner und Kulturimperialismus sprechen, ist das m. E. kaum von der Hand zu weisen.

      Zu Schulhoff arbeite ich an einem eigenen Thread, brauche bloß noch etwas, weil ich gerade wenig Zeit habe, aber dafür sehr viel Material, da ich mich mit ihm schon sehr lange beschäftige. Deswegen hier nur kurz: Auch er orientiert sich zunächst an Whiteman, beschäftigt sich aber daneben intensiv mit der ganzen Breite afroamerikanischer Klaviermusik der ersten Jahrhundertwende und beginnt so, sukzessive annähernd die Unterschiede zu begreiffen, was vor allem in seinen Klavierkompositionen und -improvisationen auch allmählich nach und nach deutlich wird. Zudem war Schulhoff ja einer der großen Klaviervirtuosen seiner Zeit und interessierte sich sehr für die Möglichkeiten des Radios. So hatte er auch einige Möglichkeit, seine Stücke und Improvisationen fürs Radio aufzunehmen. Einiges davon ist erhalten; ein wenig davon findet man auf dieser CD, von ihm selbst eingespielt (die letzten Takes)



      Wieder etwas anders verhält es sich mit Debussy oder Gurnemanz Beispiel Delius. Die Entstehungszeit dieser Werke fällt eher in die Vorgeschichte des Jazz und wir müßten uns genauerdamit beschäftigen, was die eigentlich gehört haben können und was in dem, was sie gehört haben, wie verarbeitet wurde.

      Wieder etwas anders verhielt es sich in Rußland, wo sich ganz früh eine eigene richtige Jazzszene bildete, die dann vom Stalinismus witgehend beseitigt wurde. Natürlich gab es daneben auch die üblichen Tanzorchester mit Jazzelementen in ihrer Musik und Musiker spielten häufig in beiden. Zu dieser frühsten, eigenständigen Szene kam es, weil damals bis zum ersten Weltkrieg Odessa, die Musikerfabrik, die Isaak Babel in seinen Odessaer Geschichten so treffend beschreibt, ganz dicht an New Orleans lag, mit täglichen Schiffsverbindungen und großen Einwanderergruppen eben auch von Musikern aller Sparten in großer Zahl. Das halte ich im übrigen auch für die Vor- und Frühgeschichte des Jazz in den USA sehr wichtig, weil dadurch Musikuntericht von gut ausgebildeten russischen, meist jüdischen Musikern in den USA sehr billig und auch für die Kinder der schwarzen "Mittelklasse",d.h. vom Schlafwagenschaffner bis zum Arzt, Rechtsanwalt oder kleinem Bauunternehmer,zugänglich wurde. Gerade in New Orleans war diese Mittelklasse relativ stark und vergleichsweise noch wohlhabend. Und da deren Kinder keine Chance hatten, in die weißen klassischen Orchester zu kommen, spielten sie eine afroamerikanische Variante der "Pinguin"-Orchestra Musik, sehr ähnlich den Tin Pan Alley Orchestras, also ausgeschriebene Tanzmusik und in kleinen Besetzungen in Cafés oder auf kleineren Dampfern wurde zunehmend aus der Not heraus improvisiert. Natürlich ist das nur ein Strang in der Entwicklung des Jazz, aber kein unwesentlicher. Hieraus entstanden auch zahlreiche schwarze Tanzorchester mit einem hohen Anteil zunehmend verjazzter zu Tanzmusik umgearbeiteter europäischer klassischer Musik mit Musikern auf häufig spielerisch sehr hohem Niveau, die bis weit in die 40er Jahre unter den Schwarzen in den USA enorm populär waren, wie die Bands von Raymond Scott und John Kirby. Noch Duke Ellingtons Suiten stehen in dieser Tradition.

      Der Klarinettist Don Byron, eigentlich aus der New Yorker Avantgarde kommend, hat eine schöne "HIP"-Einspielung dieser "Pinguin Music" vorgelegt:



      Auf dieser vor allem die Stücke von Raymond Scott und John Kirby mit Verarbeitung von klassischer europäischer musik.

      Seltsam, dass Schostakowitsch von dieser einheimischen russischen Jazzszene völlig unberührt blieb. Seine "Jazz-Suiten nehmen sogar kaum etwas von den angejazzten Tanzorchestern auf, sondern vom Musical und von Zirkusmusik, Begleitmusik zu Stummfilmen und ganz anderer Unterhaltungsmusik der Zeit. Man höre etwa die Walzer in seinen "Jazz-Suiten".

      Wieder ein ganz anders Thema wäre die Verarbeitung zeitgenössischer Kompositionstechniken und Stile im Jazz, z.B. auch bei Don Ellis, von dem ich auch meine, dass man ihn gar nicht überschätzen kann. <bei ihm z.B. auch die Viertelton-Musik: Erst ließ er sich eine Vierteltontrompete bauen, schließlich rüstete erseine ganze Band zeitweilig auf Vierteltoninstrumente um.

      :wink: Matthias
    • "Jazz-Suiten"

      Es ist in diesem Zusammenhang nochmal darauf hinzuweisen, dass zumindestens Schostakowitschs "2. Jazz-Suite" bis vor Kurzem fehlidentifiziert wurde und es sich dabei um die "Suite für Varietätsorchester" handelt, die vermutlich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entstand. "Varietät" klingt schon etwas anders als "Jazz". Die eigentliche 2. Jazzsuite von 1938 ist verschollen und wurden nach 1999 entdeckten Skizzen des Komponisten von Gerard McBurney rekonstruiert und 2000 uraufgeführt -- ein recht unbekanntes Werk (ich selbst habe es noch nie gehört).

      Auch ich kann wenig "Jazz" in der Musik von Schostakowitsch erkennen, eher "Tanzmusik", die zudem oft ironische Züge trägt. Ich könnte mir vorstellen, dass damals in der UdSSR "Jazz" von offizieller Seite häufig mit ("westlich-dekadenter") Tanzmusik gleichgesetzt wurde. Ist aber reine Spekulation von mir.

      maticus :wink:
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      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Hallo,

      mir fällt hierzu ein Werk von Rolf Liebermann (1910-1999) ein. Er selbst betitelte sich als "Musiker". Komponist, Opernintendant (Hamburg, Paris) und Jurist wäre etwas genauer. Liebermann komponierte als Auftragswerk für die Donaueschinger Musiktage 1954 das Werk "Concerto for Jazz Band and Symphony Orchestra" ('12-tönig'!?). Die Uraufführung am 17. Oktober 1954 leitete H. Rosbaud.

      Gliederung: Introduction - Jump - Scherzo I - Blues - Scherzo II - Boogie-Woogie - Interludium - Mambo



      Dieses Werk gibt es m. E. auch in einer reinen Bigband-Fassung von dem Jazzmusiker und ehemaligen musikalischen Leiter des Schauspielhauses Zürich George Gruntz, mit dem Rolf Liebermann oft zusammengearbeitet hat. Zu George Gruntz siehe auch: "World Jazz Opera"; "The Magic of Flute", eine zweite Jazz-Oper; "Jazz goes Baroque" mit Cembalo.

      Das o. g. Werk von Liebermann gefällt mir gut. Die Arbeiten von Gruntz kenne ich leider nicht, so dass ich nicht weiß in welchem Ausmaß die Jazzopern mit der europäischen Operntradition in Zusammenhang stehen bzw. wie groß die Interdependenzen sind.

      Bis dann.
    • RE: "Jazz-Suiten"

      maticus schrieb:

      Es ist in diesem Zusammenhang nochmal darauf hinzuweisen, dass zumindestens Schostakowitschs "2. Jazz-Suite" bis vor Kurzem fehlidentifiziert wurde und es sich dabei um die "Suite für Varietätsorchester" handelt, die vermutlich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entstand. "Varietät" klingt schon etwas anders als "Jazz". Die eigentliche 2. Jazzsuite von 1938 ist verschollen und wurden nach 1999 entdeckten Skizzen des Komponisten von Gerard McBurney rekonstruiert und 2000 uraufgeführt -- ein recht unbekanntes Werk (ich selbst habe es noch nie gehört).

      Das erklärt natürlich einiges. Heute würde man statt "Varietät" wohl "Variété" schreiben. Das nähme meiner Kritik glatt den Wind aus den Segeln. Die richtige Jazz-Suite würde ich dann aber gerne mal hören!
    • Matthias Oberg schrieb:


      Der Klarinettist Don Byron, eigentlich aus der New Yorker Avantgarde kommend, hat eine schöne "HIP"-Einspielung dieser "Pinguin Music" vorgelegt:



      Auf dieser vor allem die Stücke von Raymond Scott und John Kirby mit Verarbeitung von klassischer europäischer musik.


      ... wobei mir in diesem Fall die Originale von Kirby und Scott besser gefallen, weil sie einfach mehr swingen - sogar die von Scott, wo wirklich null Freiraum für Improvisation war.
      Kirbys Adaptationen von allerlei klassischen Hits würden heute naserümpfend als Leichte Klassik abgewertet, fürchte ich - aber die sind mir viel lieber als z.B. die Klazz Brothers. Titel wie: Bounce of the sugar plum fairy oder Beethoven riffs on - :mlol: :mlol: :mlol: :mlol: :mlol:

    • Matthias Oberg schrieb:

      Was in der Klassik aufgenommen wird, z.B. bei Krenek, Strawinsky, Weil, einigen Operettenkomponisten usw.und was auch in der ersten Jazzstudienklasse in Europa am Hochschen Konservatorium unterrichtet wurde, ist im wesentlichen Paul Whiteman und seine vielen Nachfolger, erst deutlich später dann auch vor allem weiße Big Bands von Benny Goodman u.a. Das wird in tanzbegeisterter zeit aufgenommen, weil es chic ist und als Jazz verkauft, weil das exotisch klang. Sidney Bechet, Louis Armstrong, das Duke Ellington Orchestra tourten zwar auch früh und mit enormer öffentlicher Aufmerksamkeit durch Europa, blieben aber von den europäischen Komponisten unbeachet. Viele europäischen Jazzmusiker wußten es zwar besser und einige konnten richtig improvisieren, aber den Hot-Jazz, wie es damals hieß, spielten sie für kleine Fan-Circle, bekannt wurden sie mit Whiteman-artig arrangierten Schlagern.

      Wenn bei diesen Vorgängen afroamerikanische Autoren von Eurozentrismus, rassistischem Exotismus, Ausbeutung der Musik der Afroamerikaner und Kulturimperialismus sprechen, ist das m. E. kaum von der Hand zu weisen.

      Ich kann den gedanklichen Sprung von dem zuerst zitierten Absatz zum zweiten nicht nachvollziehen.
      Dass der Jazz im engeren Sinne nicht so recht ankam und eine deutlich abgemilderte Version von Kritik, Publikum und auch von Komponisten klassischer Musik dankbarer angenommen wurde, hat jetzt was mit Rassismus, Ausbeutung und Imperialismus zu tun? Aber wahrscheinlich ist das ein zu politisches Thema ...

      Ich nehme an, dass der "richtige Jazz" von Kritik und Publikum als zu kunstlos angesehen wurde - ebenso wie etwa die Musik der amerikanischen Avantgardisten Ives oder Ruggles. Im Rückblick wundern wir uns, aber damals war das eben "Hurz" (und heute wahrscheinlich auch noch für viele Leute). Was Dir als imperialistische Ausbeutung erscheint, war wohl die für die damaligen Ohren notwendige Korrekturarbeit oder kulturelle Verfeinerung, die ja am offensichtlichsten von Gershwin geleistet wurde, als es ihm gelang, im Verschmelzen von dem ohnehin schon whitemanisierten "Jazz" mit Liszt/Chopin und allem möglichen Anderen die "amerikanische Musik auf ein Niveau zu heben", das im Konzertsaal bestehen konnte. Die Kritik sah das als Gründung einer genuinen amerikanischen Musik auf klassischem Niveau an - insofern ist der von Dir angenommene Exotik-Aspekt auch fraglich. Für Gershwin war das, was er als "Jazz" bezeichnete, die Volksmusik der Amerikaner, wenn ich mir das richtig gemerkt habe.
      :wink:
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
      playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)
    • putto schrieb:

      Aber wahrscheinlich ist das ein zu politisches Thema ...
      Nein, ist es nicht. Das Thema zu vertiefen wäre schon interessant und auch durchaus im Sinne der Threadidee, es hätte nur stets der musikalische Kontext gewahrt zu bleiben.

      putto schrieb:

      Ich nehme an, dass der "richtige Jazz" von Kritik und Publikum als zu kunstlos angesehen wurde
      Hm, ich glaube eher, dass der "richtige", also der afroamerikanische Jazz nur kleinen Teilen der Kritik und des Publikums überhaupt zugänglich war. Es gab bis in die 30er Jahre hinein nur ein sehr, sehr kleines "weißes" Publikum für "schwarzen" Jazz. Das, was einem größeren weißen Publikum präsentiert wurde, war wohl in den meisten Fällen schon die geglättete Variante.

      putto schrieb:

      Für Gershwin war das, was er als "Jazz" bezeichnete, die Volksmusik der Amerikaner, wenn ich mir das richtig gemerkt habe.
      Gershwin sah jede Art von Volksmusik als eine natürliche Grundlage für die Kunstmusik an. Gershwins eigene Musik hat in den USA aufgrund ihrer Popularität sicherlich einen volksmusikähnlichen Status erringen können. Zur Zeit der UA der Rhapsody in Blue 1924 war der Jazz lange nicht die Volksmusik der Amerikaner, sondern die eher anrüchige Musik der schwarzen Ghettos, der üblen Spelunken und der zweifelhaften Etablissements.

      Gershwins Songs wurden enorm häufig von Jazzmusikern als "Standards" verwendet. Darin liegt m.E. die Bedeutung Gershwins für den Jazz, während man seine eigene Jazz-Beeinflussung wohl hinterfragen muss. Gershwin war halb Unterhaltungsmusiker und halb E-Musik-Komponist im klassischen Sinne. Der Unterhaltungsmusiker in ihm war vor allem geprägt vom Broadway, vom kommerzialisierten Whiteman-Jazz und auch von der russisch-jüdischen Musiktradition. Wenn überhaupt echte afroamerikanische Musikformen ihn nachhaltig beschäftigt haben, dann weniger der schwarze Combo-Jazz als vielmehr der Ragtime und die Stride-Piano-Tradition. Deshalb habe ich auch Zweifel an der These, Gershwin habe den schwarzen Jazz kulturell verfeinert.

      Was Debussy betrifft, so finde ich es bemerkenswert, dass er die Existenz einer spezifisch afro-amerikanischen Musik zu einem sehr frühen Zeitpunkt bemerkt und in immerhin vier eigenen Werken aufgegriffen hat. Alle anderen bisher in diesem Thread genannten Komponisten haben dies erst zu wesentlich späteren Zeitpunkten getan.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde
    • Meines Erachtens will Matthias mit seinen zitierten Autoren zum Ausdruck bringen, dass Leute wie Whiteman und Gershwin die ursprüngliche Idee des Jazz mit ihren Interpretations- und Kompositions-Ergebnissen degeneriert und damit die Musik quasi für die "weiße" Welt okkupiert haben.
      Insoweit erscheinen mir die Ausführungen von Matthias schlüssig, vielleicht mag er sich ja noch selbst äußern.

      Viele Grüße
      Achim :wink:
    • Achim schrieb:

      Meines Erachtens will Matthias mit seinen zitierten Autoren zum Ausdruck bringen, dass Leute wie Whiteman und Gershwin die ursprüngliche Idee des Jazz mit ihren Interpretations- und Kompositions-Ergebnissen degeneriert und damit die Musik quasi für die "weiße" Welt okkupiert haben.

      Also so wie Haydn die ursprüngliche Idee der Barockmusik degeneriert und für die Rokoko-Musik okkupiert hat?

      Oder Picasso & Co. die reine und edle afrikanische Kunst degeneriert haben?

      Und warum brauen Afrikaner Bier? Die können doch nicht einfach unsere Kultur klauen. Und am Ende gar degenerieren.

      Schlimm genug, dass wir den Napoletanern ihre Pizza degenerieren. Wobei: "Wir" sinds ja gar nicht. Neulich beim Italiener fragte ich, warum er so einen komischen Dialekt sprechen würde. Er entpuppte sich als Portugiese...


      Thomas