100 Jahre Charles Chaplin und der Tramp

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    • Heute vor 100 Jahren war die Uraufführung des ersten Langfilms, an dem Chaplin beteiligt war: es handelte sich um Tillie's Punctured Romance - die erste abendfüllende Komödie von Keystone Pictures. Es war das bis dato aufwendigste Projekt von Mack Sennett: 14 Wochen Drehzeit für einen Film von 6 Rollen Länge. Normal waren damals 1 Woche Drehzeit für einen One-Reeler. Die Hauptrolle hatte die damals bekannteste Komödiantin Amerikas inne: Marie Dressler. Sie spielt Tillie, eine wuchtige Landpomeranze, die von Chaplin in der Stadt ausgenommen wird, bis sich herausstellt, daß ihr Onkel ihr ein Vermögen hinterläßt; prompt verheiratet sich Chaplin mit ihr. Als Ehepaar geben sie in ihrem neuen Zuhause eine große Feier, die jedoch in einer grandiosen Katastrophe für alle Beteiligten endet: der Onkel kehrt wider Erwarten lebend zurück, Tillie gibt Chaplin den Laufpaß, und der Zuschauer hatte seinen Spaß.

      Chaplin spielt hier einen negativen Charakter, einen Schwindler und Betrüger, der zuletzt sein Fett wegbekommt. Tatsächlich kann er eher mit seiner vorzüglich ausgeprägten Vaudeville-Komik bestehen als mit dem, was ihn später zur Legende werden ließ. Das Theaterstück, auf dem der Film basiert, ist reinste Burleske, die vor allem durch Marie Dressler funktioniert: wie sie auftritt in ihren Kostümen, ihrer robusten Art, betrunken zu sein, ihrem bemerkenswerten Timing - da zeigt sich einfach eine Vollblutkomikerin mit viel Sinn für Treffsicherheit. Chaplin hat künstlerisch nichts in der Hand - bietet dafür aber seine Präsenz, und die besteht auch gegen Marie Dressler.

      Von den frühen Komödien der Stummfilmzeit unterscheidet sich Tillie's Punctured Romance durch sorgfältig ausgeprägte Charaktere, eine gut strukturierte Geschichte, die nicht durchhängt, und einer überzeugenden Besetzung. Sennett bietet zusätzlich die Stärken seiner Keystone-Schmiede an: Tempo, Gagsicherheit und sorgfältige Produktion. Dieser Schwank hat immer noch seine Qualitäten - auch nach nun sensationellen einhundert Jahren!

      Chaplin absolvierte damit seine Pflichten gegenüber Sennett; danach verließ er zum Jahreswechsel 1914/1915 das Studio und machte seine Komödien bei Essanay. Zu dem Zeitpunkt war er bereits ein Star, aber seine Popularität sollte später immense Ausmaße annehmen. Tillie's Punctured Romance blieb der letzte Film, den Chaplin unter fremder Regie machte.


      Hier der Film in der allerneuesten Restauration:

      "http://www.youtube.com/watch?v=z8PPHS1WdWM"


      Links:
      "http://de.wikipedia.org/wiki/Tillies_gest%C3%B6rte_Romanze"
      "http://en.wikipedia.org/wiki/Tillie%27s_Punctured_Romance_%281914_film%29"
      "http://www.imdb.com/title/tt0004707/"


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Josquin Dufay schrieb:

      Dieser war's - Rampenlicht (1952)
      Genau. Außerdem konnte man ihn schon 1916 die Violine spielen sehen, mit den Saiten andersherum aufgezogen: im Film THE VAGABOND
      "https://youtu.be/oC1iRGboHpU"

      Die Stelle, wo er Edna mit seinem Spiel imponieren möchte, ist zunehmend grandios (im verlinkten Video ab 06:20). Obwohl er nicht wirklich spielen konnte, hatte er doch die Gabe, einen Geiger bewegungsmäßig zu imitieren bzw. zu parodieren.
      "Die Kunst ist immer eine andere Kunst" Thomas Bernhard
    • Soviel mir bekannt ist, war Chaplin als linkshändiger Geiger oder Cellist Autodidakt und nur rudimentär mit diesen Instrumenten vertraut.
      Was auch völlig ok ist.

      Schwieriger wird es beim "Komponisten" Chaplin.
      Chaplin konnte vielleicht- aber nur vielleicht-rudimentär Notenlesen.

      Und wenn er es konnte, dann konnte er ganz sicher nicht transponieren oder Werke erschaffen für ein ganzes Orchester.

      Soviel mir bekannt ist hat er seine Melodien, Ideen- alles mögliche halt- Arrangeuren vorgespielt oder vorgepfiffen.
      Und diese haben sein Material dann in eine spielbare und professionelle Form gebracht.

      Das Ausgangsmaterial bleibt natürlich Chaplin, aber ich möchte gerne mal damit aufräumen, daß er das alles selbst zu Papier gebracht hat und oder sogar selber gespielt hat.

      Das stimmt einfach nicht. Punkt.

      Bewunderungswürdig war trotzdem seine Gabe, schöne Melodien zu erfinden.
      Er war schon ein Genie, aber man muß es nicht übertreiben.
    • Das ist richtig - Chaplin hat immer mit Arrangeuren zusammengearbeitet, die alles in die Orchesterform brachten. Das war bei jeden Film seit Lichter der Großstadt (1931) so. Und für seine Stummfilme ab 1925 hat er später noch Scores auf dieselbe Art geschaffen.


      jd :wink:
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