Janáček: Jenůfa - Berlin, Deutsche Oper (März 2012 und Wiederaufnahme Februar 2014)

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    • Janáček: Jenůfa - Berlin, Deutsche Oper (März 2012 und Wiederaufnahme Februar 2014)

      Ich hol die folgenden drei Beiträge vom März 2012 mal aus dem Operntelegramm rüber und schließe mich mit einem vierten an.

      pedrillo schrieb:

      Erstaunlich: Offenbar hat hier bisher niemand über die neue "jenufa" an der Deutschen Oper Berlin berichtet - ich sah die dritte Aufführung und war vor allem beeindruckt von der ästhetisch wie inhaltlich eindrucksvollen und präzisen Inszenierung von Christof Loy: Im sehr kargen Bühnenbild (Dirk Becker), bestehend aus einem weißwandigen Kasten, der durch Verschiebung der Seiten- oder Öffnung der Hinterwand wechselnde Einsichten ermöglicht, inszeniert Loy das Stück als eine Art Rückbesinnung der Küsterin, die uns in einer stummen Szene zu Beginn im Gefängnis begegnet, also nach Ende der eigentlichen Handlung. Die Küsterin rückt dadurch noch mehr ins Zentrum des Geschehens als ohnehin schon üblich. Leider zahlt sich die Besetzung dieser Rolle "gegen den Strich" mit der vor allem stimmlich eher schlanken Jennifer Larmore nicht aus: Einerseits stehen ihr nicht so viele schauspielerische Nuancen zur Verfügung, um die sehr präzise und subtile Regie kongenial umzusetzen; andererseits füllt sie die Partie mit ihrem sauberen, klangschönen, aber im Ausdruck etwas indifferenten Mezzosopran nicht aus. Die Folge sind leider ein paar Spannungslücken vor allem im zentralen zweiten Akt - ungewohnt bei diesem Stück und vielleicht auch verursacht durch das Dirigat von Donald Runnicles, dem es nach meinem Empfinden etwas an rhythmischer Schärfe und unverstellter Dramatik mangelt - verglichen mit dem Furor, den Kirill Petrenko vor einigen Jahren mit diesem Stück an der Komischen Oper entfesselte. Im ersten und dritten Akt fallen diese Mängel weniger stark ins Gewicht. Vor allem der dritte Akt mit einem hinreissend gelungenen Schluss bleibt im Gedächtnis haften.

      Im übrigen: Michaela Kaune singt und spielt eine souveräne Jenufa, im Tonfall vielleicht ein bisschen zu einfarbig-klagend, aber durchweg berührend. Die eindrucksvollste stimmliche Leistung kommt von Jeffrey Dowd als Laca, der sich auch ganz aufs Singen konzentrieren kann, weil er den erkälteten, stumm agierenden Will Hartmann von der Seite "covert"; eine warm timbrierte, in allen Lagen gut ansprechende Stimme. Dowd überzeugt auch durch vorzügliche (tschechische) Artikulation und genaue Interpretation etwa der zahllosen Textwiederholungen bei Janacek: Wenn er etwa in der Schlusszene die Phrase "das will ich gern für Dich tragen..." zweimal singt, ist deutlich zu hören, dass er sich zu diesem unbedingten Bekenntnis zu Jenufa erst durchringen muss, was dem Schluss hohe Glaubwürdigkeit verleiht. Hanna Schwarz gibt eine souveräne, die Bühne beherrschende Großmutter Burya, Stefan Kaiser einen stimmlich wie in der Darstellung fulminant beweglichen Hallodri Stewa, dem allerdings im zweiten Akt ein bisschen die Puste ausgeht. Nur durchschnittliche Leistungen in den kleineren Rollen, stark dafür Chor und Orchester.

      Das Ärgerlichste an dem insgesamt sehr gelungenen Abend waren die zwei langen Pausen; vielleicht ist der teilweise spürbare Spannungsabfall auch hierdurch begünstigt worden. Trotzdem: Eine lohnende Produktion (Wiederholungen: 16.3., 20. und 24.4.12).



      Heike schrieb:

      Hallo,
      Erstaunlich: Offenbar hat hier bisher niemand über die neue "jenufa" an der Deutschen Oper Berlin berichtet


      Doch, ich hab schon berichtet, ich war in der Premiere (ich liebe Janacek-Opern!), hier eine Kopie aus dem Thread: im Klassikforum "http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1872"

      Kopie:

      "Ich weiß, dass ich in einer schwarzen Oper ins Schwarze gemalt habe, eine düstere Musik – so wie auch meine Verfassung war.« (Brief, Janácek im Oktober 1903)

      Ein beeindruckendes Werk, das mich musikalisch total gefesselt hat. Extreme, kontrastreiche Musik, teilweise sehr expressiv, dann wieder absolut minimalistisch, oder auch ganz karg. Runnicles dirigierte eher kontrolliert, arbeitete die vielen Facetten manchmal nicht so gut raus. Gut haben mir die leisen, kammermusikalischen Passagen gefallen, aber auch wachsende Bedrohlichkeiten hat er gut getroffen. Packend auch das Motiv der Mühle, das vom Xylophon untermalt sich so wie ein roter Faden durch die Musik zieht. Prinzipiell hätte ich mir doch das eine oder andere Detail subtiler gewünscht, insgesamt auch mehr rhythmische Genauigkeit.


      Zur Inszenierung:
      Loy will die Stiefmutter ins Zentrum stellen, es beginnt mit ihr im Gefängnis, sie denkt zurück (auch jeder Akt beginnt so). Entsprechend ist der Raum: Steril, komplett weiß, nur mit einem Tisch und Stuhl möbliert. Die Bühne ist dabei in der Höhe reduziert und nach hinten geschlossen, also man sieht einen Streifen, wie in einem Breitbandfilm. Dann öffnet sich nach hinten die Wand und man sieht ein abgeerntetes Feld, Jenufa kommt rein und die Handlung nimmt ihren Lauf.
      Anfangs fand ich das sehr gut, aber es wird mehr und mehr vorhersehbar (im zweiten Akt sieht man hinter der langsam weggezogenen hinteren Wand nur Schnee). Irgendwann wird es redundant, weil die Inszenierung nicht viel mehr zu bieten hatte. Also psychologische Deutung findet quasi nicht statt. Die Personenführung fand ich choreographisch ok, psychologisch langweilig - es passierte einfach nur das, was im Text steht. Als einziger (und nicht gerade neuer) Effekt verengte sich der weiße Raum, als Jenufa als Mörderin beschuldigt wurde. Ach, und im zweiten Akt gab es ein wunderschönes fahles Licht.
      Ein Perspektivwechsel aus Sicht der Küsterin, wie ich ihn nach dem Beginn erwartet hatte, fand nicht statt. Auch am Ende keine Idee von Weiterverfolgung ihres Schicksals. Auch die gegensätzlichen Brüder blieben blass, die Großmutter wurde als Figur nicht klar, also irgendwie letztlich trotz des modernen Bühnenbildes eine stockkonservative Inszenierung, nahe am Text, in modernen Kostümen. Ich habe keine Buhrufe für die Regie gehört, was sicher nicht daran lieg, dass es so genial gemacht war. Es wurde nichts riskiert und das ist aufgegangen.

      Nun gut, die Inszenierung war ganz und gar nicht ärgerlich und somit auch nicht störend - nur etwas harmlos eben. Man konnte ungestört seinen eigenen Gedanken nachgehen, das hat ja auch was für sich. Ich habe darüber nachgedacht, wer von den beiden Brüdern eigentlich der bösere ist. Laca, der seinen Halbbruder hasst und Jenufa das Gesicht zersticht, oder Steva, der sich betrinkt, weil er nicht zur Armee muss und der "nur" eine ungeliebte Frau nicht mehr haben will (nicht nur wegen der Narbe, sondern weil sie, wie er sagt, sich verändert hatte, der Küsterin immer ähnlicher geworden war!). Immerhin wollte er für das Kind zahlen.

      Sängerisch war es eine solide Ensembleleistung ohne Glanzlichter. Jenufa alias Michaela Kaune hat mich nicht so überzeugt, sie spielte langweilig und sang irgendwie ebenso - zudem nervte mich starkes Vibrato, wenn es lauter wurde. Zwar hat sie einen hellen Sopran und passt damit ganz gut zu der Rolle, aber sie hat mich wenig berührt und in den hohen Tönen auch so einige Mühen. Jennifer Larmore als Küsterin sang zwar sehr schön, kam aber mit ihrem Mezzosopran mitunter kaum über das Orchester. Jedoch hatte sie eine weitaus bessere Bühnenpräsenz und konnte auch beklemmende Stimmungen erzeugen. Die beiden Männer waren gut, aber nicht mehr: Will Hartmann als Laca war mir etwas zu brav, konnte mir weder Eifersucht noch Aggression vermitteln. Joseph Kaiser als Steva gefiel mir etwas besser, man nahm ihm seine Zerrissenheit ab, auch die Angst vor der Verantwortung. Hanna Schwarz bekam sehr viel Beifall, warum ist mir komplett schleierhaft.

      Nebenbemerkungen
      Es gab 2 Pausen, was ich störend fand. Die Handlung ist so dicht, dass ich sie gern am Stück gesehen hätte.
      Die Übertitel waren schlecht zu lesen, weil durch die komplett weiße Bühne die Augen die weiße Schrift darüber auf dem schwarzen Grund schlecht erfassen - der Beamer der DOB ist zu lichtschwach (das ist mir übrigens auch beim Don Carlo schon aufgefallen).
      Das Premierenpublikum ist ein diszipliniertes - wenig Gehuste, kein unpassender Zwischenapplaus. Ich frage mich aber, was sich der Vater(?) gedacht hat, der sein max. 5jähriges Kind mit in diese Aufführung nahm.

      Alles in allem ein schöner Abend, was vor allem der großartigen Musik und der unter die Haut gehenden Handlung zu verdanken war.
      Heike



      Archaeopteryx schrieb:

      Ich war in der zweiten Vorstellung und war und bin durchweg begeistert, wahrscheinlich bin ich nicht so anspruchsvoll was die Inszenierung betrifft; ich fand es genau richtig, es hatte etwas sehr minimalistisches, reduziert auf das wesentliche, ohne unnötiges Vorführen einer Interpretation, es wurde einfach die Geschichte erzählt, und das meiner Meinung nach nicht spannungsarm, sondern stringent und zeitlos. Die beiden Pausen fand ich ebenfalls nicht ideal, aber man sollte die Notwendigkeit hiervon vielleicht auch aus Rücksicht auf die Sänger sehen, deren Leistungen ich durchweg als hervorragend betrachte, allen voran Jennifer Larmore als eine lyrische, tief empfundene, sehr authentische, darstellerisch brilliante und stimmschöne Küsterin, die zumindest mich den ganzen zweiten und dritten Akt in Bann gehalten hat. Wahr ist, dass sie nicht die größte Stimme hat (habe sie erstmals live gehört), aber das fiel an dem Platz, wo ich saß, nicht weiter ins Gewicht. Und Runnicles hat bewiesen, dass auch das Orchester der Deutschen Oper Berlin absolut konkurrenzfähig ist, wenn alle um ihr Leben spielen.
      Für mich war das der erfüllteste Opernabend seit langem.


      Ich war in der heutigen bzw. gestrigen Vorstellung (15.2.14), die übrigens für eine DVD aufgezeichnet wurde, und finde manches von meinen Eindrücken in den Postings von Pedrillo, Heike und Archaeopteryx wieder.

      Zur Inszenierung: Eine der besseren von Christof Loy. Zwar findet man auch hier den loytypischen Minimalismus und die Tendenz zur bildlichen Askese, um nicht zu sagen: Sterilität. Und was Heike zum Verdoppeln des Librettos sagt, stimmt schon. Trotzdem waren die nicht einfach zu inszenierenden Außenakte ausgezeichnet choreographiert, spannungsreich, mit gottseidank nur angedeuteten folkloristischen Elementen und einigen gut gearbeiteten Charakterstudien (Stewa, Karolka, auch die von Hanna Schwarz unkonventionell gegebene alte Buriya). Eine eklatante Schwäche allerdings (wie von Heike erwähnt), dass die am Anfang eingeführte doppelte Perspektive der Küsterin - sie beobachtet rückblickend das Geschehen und nimmt zugleich an ihm teil - irgendwann völlig flöten ging. Ausgerechnet der zweite Akt, einer der spannendsten der Operngeschichte, gelang nur mäßig - hier wirkt die Personenregie zu konventionell und vorhersagbar.

      Wobei auch Donald Runnicles und das Orchester im zweiten Akt am wenigsten überzeugten, da kann ich mich Pedrillo anschließen. Runnicles ist häufig zu laut für die Sänger, reizt untere Dynamikgrade gar nicht aus, bevorzugt einen eher breiten Orchesterklang und vernachlässigt des öfteren die insistierenden Rhythmen, die dann richtig verwaschen klingen - "Paradebeispiel" das Ende des zweiten Aktes, das man so spannungslos erstmal hinkriegen muss. Dieses gediegene, technisch sicher tadellose Musizieren ist einfach zu wenig für das Stück. Am besten gelang, auch hier stimme ich Pedrillo zu, der dritte Akt.

      Für Michaela Kaune in der Titelrolle möchte ich eine Lanze brechen: Diese Sängerin habe ich in anderen Rollen manchmal als etwas farblos und szenisch passiv erlebt - heute aber bot sie eine glänzende stimmliche Leistung mit wunderbar freier Höhe und vielen Facetten, hängte sich szenisch auch voll rein (Soloszene im zweiten Akt!) und vollzog glaubwürdig die erheblichen Wandlungen der Figur nach. Hin- und hergerissen war ich bei Jennifer Larmore: einerseits ging diese Besetzung der Küsterin "gegen den Strich" manchmal auf, andererseits hatte die Sängerin doch Mühe sich durchzusetzen, zumal gegen Runnicles' lautes Orchester. Szenisch gab es Berührendes (die Melancholie, mit der sie rückblickend die Geschehnisse des ersten Akts betrachtet), aber auch unbeholfene Momente. Sehr gut Will Hartmann als Laca, etwas angestrengt Ladislav Elgr als Stewa. Überwiegend rollendeckend besetzt die kleineren Partien.

      Ob man das auf DVD braucht? Morgen bzw. heute setze ich das Janáček-Wochenende mit der Katia Kabanova an der Staatsoper fort (Westbroek, Rattle, Breth).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich war in der heutigen bzw. gestrigen Vorstellung (15.2.14),


      Ach, da waren wir ja schon drei Capricciosi, schade, dass wir das nicht vorher wussten!
      Ich hab das gestern zum zweiten Mal gesehen und fand meine Eindrücke von damals im wesentlichen bestätigt. Noch schwächer als 2012 fand ich den Schluss: Steva (warum trug der ne Brille am Schluss?) wand sich wie eine Karrikatur auf dem Boden, Laca sang das Publikum an, Jenufa krampfte das Mützchen ihres toten Kindes ewiglich vor sich hin .... Verschenkt. Ich hab beim zweiten Sehen so vor mich hin fantasiert, wie man das Ende passender zur Rückschau der Küsterin gestalten könnte. Da gäbe es doch soooo viel Spielraum, gerade weil es so unwirklich brav im Libretto steht.

      Bin gespannt, wie dir die Kabanova gefallen wird. Ich fand sie vollkommen blutleer inszeniert und von Rattle auch so musiziert. Wie man dieses mir extrem zu Herzen gehende Werk so seelenlos hinpappen kann, das tat mir direkt weh.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Heike schrieb:

      Bin gespannt, wie dir die Kabanova gefallen wird. Ich fand sie vollkommen blutleer inszeniert und von Rattle auch so musiziert. Wie man dieses mir extrem zu Herzen gehende Werk so seelenlos hinpappen kann, das tat mir direkt weh.


      Tatsächlich? 8| Ich fand's grandios, wahrhaft zu Herzen gehend. Näheres in einem anderen Thread. PS: Nämlich hier.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Also, ich war in der Vorstellung am 18.02. und fand manches besser als 2012. Mit Jennifer Larmore kann ich mich immer noch nicht so ganz anfreunden, aber immerhin verstehe ich, was gemeint ist. Loy möchte eben gerade kein "Muttertier von Kollwitz'scher Größe", sondern eine quasi durchschnittliche Frau, die an ihren eigenen Prinzipien und Moralvorstellungen zugrundegeht und andere mitreißt. Das ist - in den stärkeren Momenten etwa im 3. Akt, durchaus berührend, geht aber ein bisschen auf Kosten der musikalischen Balance.

      Michaela Kaune hat mir jetzt viel besser gefallen, engagierter, farbiger als 2012, sehr berührend. Hartmann und Ladislav Elgr (neu) überzeugen gerade auch deshalb, weil sie sich stimmlich und vom Charakter her so rollentypisch klar unterscheiden, grandios wie immer Hanna Schwarz.

      Über Runnicles ist alles gesagt; da ist mir - gerade, wenn man Petrenko (KOB, 2003) noch im Ohr hat - zu viel spätromantische Breite drin - schade!

      Was die Inszenierung betrifft: Ich mag ja die minimalistische Arbeitsweise von Loy, darüberhinaus werden in der kargen Umgebung starke Bilder geschaffen; die Schlusszene, in der Jenufa und Laca auf die tiefschwarze Wand zulaufen, berührt mich sehr und bleibt lange haften. Ganz ähnlich dieser Schluss übrigens zu der Inszenierung von Bohumil Herlischka 1976 an gleicher Stelle (damals mit Pilar Lorengar und Patricia Johnson bzw. später Anny Schlemm, mein ultimatives Jenufa-Erlebnis). Nur: Damals war die Wand gleißend hell - andere Zeiten, andere Bilder....