Janáček: Katia Kabanova - Staatsoper Berlin (im Schillertheater), 16.2.14

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    • Janáček: Katia Kabanova - Staatsoper Berlin (im Schillertheater), 16.2.14

      Premiere war am 25. Januar, ich habe die letzte Aufführung der Premierenserie am heutigen Sonntag besucht.

      Musikalische Leitung: Simon Rattle
      Inszenierung: Andrea Breth
      Bühnenbild: Annette Murschetz
      Kostüme: Silke Willrett/ Marc Weeger

      Katia: Eva-Maria Westbroek
      Dikoj: Pavlo Hunka
      Boris: Pavel Černoch
      Kabanicha: Deborah Polaski
      Tichon: Stephan Rügamer
      Kudrjasch: Florian Hoffmann
      Varvara: Anna Lapkovskaja

      Was für ein Dirigat! Ein ungeheuer expressiver Orchesterklang, der selbst bei den Konversationspassagen im ersten und dritten Akt nie an Spannung nachließ - weil Rattle die insistierenden rhythmischen Muster immer wieder variieren, neu beleuchten ließ. Damit kombiniert eine zu Herzen gehende Kantabilität der melodischen Pasagen, eine enorme Dynamikpalette (von den gehauchten Klängen der Liebesszene bis zu den zerknirschenden, aber nie herausgeknallten Aktschlüssen) und eine Bandbreite an Klängen allein schon bei den Streichern, die frappierte. Rattle setzt wie Mackerras eher auf die volle klangliche Leuchtkraft der Partitur, ohne dass aber der Puls, die rhythmischen Verschiebungen jemals vernachlässigt wurden. Die Staatskapelle spielte wie entfesselt, etwa bei der Übereinanderschichtung der verschiedenen Rhythmen und Klänge bei der Entdeckung von Katias Tod. Und ich war gefesselt, aber wie! Das übertraf noch Cambrelings wunderbares Dirigat der Tschechischen Philharmonie in Salzburg 1998. Und ich muss einen richtiggehenden Klassenunterschied in puncto Dirigat und Orchesterspiel zur gestrigen Jenufa an der Deutschen Oper konstatieren, die mir im Nachhinein noch schaler erscheint als ohnehin schon.

      Andrea Breths Wozzeck-Regie am gleichen Haus fand ich fast schon ärgerlich. Ihre Katia - aus Brüssel übernommen - hat mich dagegen überzeugt. Aus Zeitgründen kann ich die Inszenierung nicht ausführlich beschreiben. In einer verwüsteten Landschaft, alptraumhaft zwischen Innen- und Außenraum changierend, von einem Rinnsal (der "Wolga") durchflossen, arrangiert Breth eine begrenzte Anzahl von Requisiten, die mal wörtlich, mal metaphorisch genutzt werden: der Kühlschrank, aus dem Tichon seinen Alkoholnachschub holt und in dem Katia wie erstarrt kurz vor ihrem Schuldbekenntnis hockt. Die Badewanne als Ort für Katias Träume und ihren Tod. Die christliche Moral manifestiert sich in düsteren Prozesionen quer über die Bühne. Zum Ende hin häufen sich Endzeitzeichen, ein Sarg wird herbeigetragen, aus dem immer wieder genutzten Koffer fließt Blut. Nicht alles ist gelungen, aber die Personenregie bleibt meist spannungsreich, ist manchmal pointiert auf den Punkt gebracht: Wenn z.B. Kabanicha in einer grotesken Szene auf dem Esstisch mehr oder weniger erfolglos versucht, den betrunkenen Dikoj mit der Hand zu befriedigen. Eva-Maria Westbroek und Pavel Cernoch gelingt es in der darauffolgenden Liebeszene sogar für kurze Zeit, unverstellte, erfüllte Erotik darzustellen - auf der Opernbühne sehr selten. Überhaupt gab es einige packende, expressiv verdichtete, beklemmende Szenen in dieser Inszenierung - dazu zählt auch Katias Freitod. Eva-Maria Westbroek ist eine darstellerisch und stimmlich fast vollständig überzeugende Katia, das restliche Ensemble schlägt sich durchweg gut, teilweise hervorragend.

      Was ist das aber auch für eine Oper! Unter den großen von Janácek hat sie vielleicht das konventionellste Libretto, aber für mich die schönste und bewegendste Musik.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Mir hat diese Holzhammersymbolik (Badewanne, Kühlschrank, Sarg, verwüstete Landschaft) überhaupt nicht gefallen. Tristesse und graue Bühne macht noch keine Interpretation aus. Andrea Breth war immer nahe am Text und illustrierte den einfach nur mit kalten Bildern. Ich fand es vorhersehbar, klein klein statt als Konzept durchdacht und alles in allem auch langweilig. Das kann ich überhaupt nicht verstehen, warum diese Inszenierung aus Brüssel so hochgelobt wurde. Für mich hatte sie was seelenloses, fast hatte ich sie 3 Tage später schon wieder vergessen.

      Musikalisch mag das ja im Vergleich zur Premiere besser geworden sein. Dort: Rattle mit dickem Pinsel und ohne rechtes Gespür für Feinheiten; die Staatskapelle klanglich eher am Negativpol dessen, was sie kann. Immerhin wurde auf Pausen verzichtet.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Da Ihr Beiden das Dirigat Rattles so unterschiedlich erfahren habt und Berlin für mich zu weit weg ist, um mir eine eigene Meinung zu bilden, würde mich dann doch näher interessieren, wie Rattle und das Orchester da rangegangen sind: Bei Janáček ist mir z. B. wichtig, daß die Härten, die Kontraste deutlich herausgearbeitet sind, das darf und soll auch abgehackt, häßlich klingen, auf keinen Fall abgerundet, harmonisch; einen weichen, romantischen Zugriff fände ich eher verfehlt. Vorbildlich finde ich da etwa Mackerras - und geradezu das Idealn des Janáčekschen Orchesters habe ich vor Jahren mit Michael Gielen in Stuttgart erlebt (Z Mrtvého Domu/Aus einem Totenhaus),

      Ich weiß nicht, ob Ihr mit diesen Vergleichen etwas anfangen könnt, aber: Geht Rattle nach Eurem Empfinden ungefähr in die Richtung Mackerras/Gielen oder mehr in Richtung Romantik?

      :wink:

      PS: Hätte genauer lesen sollen: Bernd hat sich zu meiner Frage bereits geäußert, zumindest teilweise.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Morgen vielleicht ausführlicher, jetzt kann ich wegen bevorstehender Abreise aus Berlin nur kurz etwas dazu sagen:

      Ich finde die Dichotomie hässlich/ungeschönt vs. romantisch auch bei Janácek ziemlich schief, vielleicht noch als ersten Orientierungsrahmen geeignet. Wenn schon, dann würde ich die Mackerras-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern eindeutig in die "klangschönen" Einspielungen einreihen, schon allein wegen des Orchesters, das gar nicht anders kann.

      Die Fixierung auf das "Hässliche", "Abgehackte" finde ich - gerade bei der Katia - reichlich einseitig. Das Stück zeichnet sich ja teilweise durch eine unglaublich "schöne" Klanglichkeit aus, in die dann immer wieder das Messer hineinschneidet: beide Pole müssen erfasst werden. Das gelang Rattle exzellent, und die Qualität des Orchesters war dabei über jeden Zweifel erhaben (wobei auch die Berliner Staatskapelle nach Jahrzehnten Barenboim einen Klang hat, der dem Wiener nicht unähnlich ist). Insofern würde ich Rattle bei aller deutlichen Verschiedenheit in Mackerras-Nähe einordnen.

      Janácek ist doch keine Blockveranstaltung: das Totenhaus fordert ein ganz anderes Herangehen als die Katia.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:


      Janácek ist doch keine Blockveranstaltung: das Totenhaus fordert ein ganz anderes Herangehen als die Katia.


      Findest du? Ich finde, das Totenhaus zeichnet sich durch eine unglaublich "schöne" Klanglichkeit aus... ;+)

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Zwielicht schrieb:


      Ich finde die Dichotomie hässlich/ungeschönt vs. romantisch auch bei Janácek ziemlich schief, vielleicht noch als ersten Orientierungsrahmen geeignet. Wenn schon, dann würde ich die Mackerras-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern eindeutig in die "klangschönen" Einspielungen einreihen, schon allein wegen des Orchesters, das gar nicht anders kann.

      Ich bin der Meinung, das Orchester ist da flexibler geworden, siehe Harnoncourts Haydn-, Mozart-, Bruckner- und Smetana-Aufnahmen. (Ich finde, die Bruckner Neunte aus Salzburg ist "die am weitesten von den Wiener Philharmonikern entferne Wiener Philharmoniker Aufnahme" und insofern besonders interessant.) Schade, dass es keinen Janáček mit Harnoncourt und den Wiener Philharmonikern gibt. Vergleicht man Levines und Karajans Wiener "Moldau" mit Harnoncourts Wiener "Moldau" (alle drei mag ich sehr, sehr gern), liegen da Welten dazwischen. Rattle hat im Dezember 2013 mit den Wienern Auszüge aus dem "Schlauen Füchslein" aufgeführt, hab´ die Radioübertragung leider nicht aufgenommen, um es nun mit Mackerras vergleichen zu können.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Zwielicht schrieb:

      Die Fixierung auf das "Hässliche", "Abgehackte" finde ich - gerade bei der Katia - reichlich einseitig. Das Stück zeichnet sich ja teilweise durch eine unglaublich "schöne" Klanglichkeit aus, in die dann immer wieder das Messer hineinschneidet: beide Pole müssen erfasst werden.
      Stimmt schon; ich habe das oben etwas vereinfacht ausgedrückt. Im Grunde neigt Janáček immer wieder zu Lyrismen, die er dann abrupt zerschlägt (übrigens höre ich das auch im "Totenhaus"). Wenn das bei Rattle in Berlin so herauskam, ohne daß die Gegensätze geglättet wurden, könnte das schon ziemlich gut zu meinem Janáček-Bild passen.

      Schade, daß ich das nicht selbst überprüfen kann; habe die "Katja" immerhin mal in Frankfurt erlebt, das war eine überzeugend triste Geschichte!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich finde, dass Rattle überdramatisiert hat. Ich würde sein Dirigat also als eher expressiv und v.a. dramatisch beschreiben. Aber das war nicht sehr kantig, das war das große Buffet mit stilgerechten Variationen. Nicht romantisch, sondern eher Windstärke 11 mit wohldosierten Unterbrechungen zum Abtrocknen. Da fehlte mir sowohl die fragile Brüchigkeit als auch Wärme, Sinnlichkeit, Mitgefühl. Rattles Kabanova mangelte es an innerem Feuer. Ich nehme ihm die Tragik nicht ab, sie wirkte eingeübt. Das Geheimnis dieser Oper entsteht für mich auch aus diesem Kontrast, dass es eben nicht immer der große Bogen ist, sondern auch mal leise tastet, sucht, treibt oder eben aufprallt. Rattle war in seiner perfekten Klangvorstellung und nicht in der Seele der Figuren.
      Mackeras gefällt mir um Längen besser.

      Im übrigen verfolge ich den Klang der Staatskapelle seit Jahrzehnten und meine, dass die in den letzten Jahren leider bergab geht. (seit dem Umzug ins Schillertheater und seitdem Barenboim auf so vielen Hochzeiten tanzt). Na gut, sie sind meist noch besser als das Orchester der DOB, aber von ihrer ehemaligen Bestfom sind sie öfter recht weit weg. Bei den Streichern merkt man das ganz besonders, finde ich.

      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Zu Metaphern wie "Buffet" und "Windstärke" fällt es mir schwer, Stellung zu beziehen. Was ich auch so sehe: dass es sich um eine "dramatische" und "expressive" Lesart der Partitur handelte. Wobei ich aber Lyrik, "Sinnlichkeit" und "Wärme" nie vermisst habe - und mitgefühlt habe ich mit Musik und Szene in jedem Moment, ich war danach ganz aufgewühlt. Von den Katia-Aufführungen, die ich gesehen habe, kann ich das in der Wirkung auf mich nur mit der großartigen Cambreling/Marthaler/Denoke-Produktion bei den Salzburger Festspielen 1998 vergleichen - wobei ich musikalisch die Berliner Aufführung noch stärker empfunden habe.

      Die Betonung von Kontrasten auf den Ebenen von Tempo und Artikulation, wie von Rattle zu Gehör gebracht, finde ich dem Stück sehr angemessen. Als besondere Stärken des Dirigats und des Orchesterspiels möchte ich noch einmal die Vielfalt der Klänge, die Palette der Dynamik, schließlich die intensive Umsetzung der oft schon körperlich wirkenden musikalischen Gestik Janáceks hervorheben - selbst in Passagen, die gemeinhin nicht zu den Höhepunkten der Partitur gerechnet werden, wie in Boris' resigniertem kleinem Monolog am Anfang des ersten Aktes, wurde Spannung durch die nie stereotype, immer variierte, den Seelenregungen des Protagonisten folgende "Gestik" der Orchesterbegleitung erzeugt. Das wirkte alles bis ins kleinste Detail geprobt und war von dem grosso modo vieler Janácek-Aufführungen (ich sage nur: die DOB-Jenufa) weit entfernt. In diesem Sinne: "eingeübte Tragik", ja, zum Glück.

      Was man m.E. für diese Aufführung schlichtweg nicht bezweifeln kann (und hier verweise ich, wenn auch nur ungern, auf fast alle Rezensionen der Premiere): die Qualität des Orchesterspiels in allen Belangen, gerade bei den Streichern. Wenn ich da an die verwaschene Rhythmik und den grauen Klang im zweiten Jenufa-Akt an der Deutschen Oper denke...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Bernd,
      ich kann damit leben, dass jemand das anders gehört hat als ich. Das ist ja häufig so, dass den einen was berührt und den andren nicht.
      Aber dass die Premierenkritiken fast alle positiv gewesen wären, das bezweifle ich dann doch arg. Und zwar deshlab, weil ich mich schon selber dran erinnere, dass das Echo recht gemischt war. Bin aber grad zu faul zum googeln. Kulturradio war jedenfalls sehr kritisch dabei, daran erinnere ich mich - die sind nämlich nicht so handzahm gegenüber Rattle und Barenboim wie die meisten Berliner Prints (halt keine Anzeigenkunden).
      :wink: Heike

      P.s. wie ich oben schon schrieb, das DOB-Orchester ist für mich hier kein Maßstab. Die Jenufa war noch schwächer, keine Frage.
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)