Lyrik-Capriccio

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • John Keats: Ode to a Nightingale

      John Keats (* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom)



      1.

      MY heart aches, and a drowsy numbness pains
      My sense, as though of hemlock I had drunk,
      Or emptied some dull opiate to the drains
      One minute past, and Lethe-wards had sunk:
      ’Tis not through envy of thy happy lot,
      But being too happy in thine happiness,—
      That thou, light-winged Dryad of the trees,
      In some melodious plot
      Of beechen green, and shadows numberless,
      Singest of summer in full-throated ease.

      2.

      O, for a draught of vintage! that hath been
      Cool’d a long age in the deep-delved earth,
      Tasting of Flora and the country green,
      Dance, and Provencal song, and sunburnt mirth!
      O for a beaker full of the warm South,
      Full of the true, the blushful Hippocrene,
      With beaded bubbles winking at the brim,
      And purple-stained mouth;
      That I might drink, and leave the world unseen,
      And with thee fade away into the forest dim:

      3.

      Fade far away, dissolve, and quite forget
      What thou among the leaves hast never known,
      The weariness, the fever, and the fret
      Here, where men sit and hear each other groan;
      Where palsy shakes a few, sad, last gray hairs,
      Where youth grows pale, and spectre-thin, and dies;
      Where but to think is to be full of sorrow
      And leaden-eyed despairs,
      Where Beauty cannot keep her lustrous eyes,
      Or new Love pine at them beyond to-morrow.

      4.

      Away! away! for I will fly to thee,
      Not charioted by Bacchus and his pards,
      But on the viewless wings of Poesy,
      Though the dull brain perplexes and retards:
      Already with thee! tender is the night,
      And haply the Queen-Moon is on her throne,
      Cluster’d around by all her starry Fays;
      But here there is no light,
      Save what from heaven is with the breezes blown
      Through verdurous glooms and winding mossy ways.

      5.

      I cannot see what flowers are at my feet,
      Nor what soft incense hangs upon the boughs,
      But, in embalmed darkness, guess each sweet
      Wherewith the seasonable month endows
      The grass, the thicket, and the fruit-tree wild;
      White hawthorn, and the pastoral eglantine;
      Fast fading violets cover’d up in leaves;
      And mid-May’s eldest child,
      The coming musk-rose, full of dewy wine,
      The murmurous haunt of flies on summer eves.

      6.

      Darkling I listen; and, for many a time
      I have been half in love with easeful Death,
      Call’d him soft names in many a mused rhyme,
      To take into the air my quiet breath;
      Now more than ever seems it rich to die,
      To cease upon the midnight with no pain,
      While thou art pouring forth thy soul abroad
      In such an ecstasy!
      Still wouldst thou sing, and I have ears in vain—
      To thy high requiem become a sod.

      7.

      Thou wast not born for death, immortal Bird!
      No hungry generations tread thee down;
      The voice I hear this passing night was heard
      In ancient days by emperor and clown:
      Perhaps the self-same song that found a path
      Through the sad heart of Ruth, when, sick for home,
      She stood in tears amid the alien corn;
      The same that oft-times hath
      Charm’d magic casements, opening on the foam
      Of perilous seas, in faery lands forlorn.

      8.

      Forlorn! the very word is like a bell
      To toil me back from thee to my sole self!
      Adieu! the fancy cannot cheat so well
      As she is fam’d to do, deceiving elf.
      Adieu! adieu! thy plaintive anthem fades
      Past the near meadows, over the still stream,
      Up the hill-side; and now ’tis buried deep
      In the next valley-glades:
      Was it a vision, or a waking dream?
      Fled is that music:—Do I wake or sleep?


      Ein Herz tut weh, und schläfriges Erlahmen,
      Als hätt ich Gift getrunken, quält mich sehr.
      Betäubte mich ein Trank aus giftigen Samen?
      Mich hüllt Vergessenheit, ich weiß nichts mehr.
      Doch ist's nicht Neid auf dein so glücklich Los –
      Nur füllt so schwer mit Glück dein Glück mich an:
      Daß du, des Walds beflügelte Dryade,
      In lieblich kühlem Schoß,
      Im Schatten, den das Buchengrün dir spann,
      Der Freiheit jubeln kannst, der Sommergnade.

      O Wein jetzt! Jungen Wein, den Erde kühlte,
      Den dunkelkühl ein langes Jahr gereift,
      Der sonngebräunten Frohsinn tanzen fühlte,
      Und der des Provençalen Lied begreift;
      O einen Becher warmen Südens jetzt!
      O Hippokrene, die zum Rande schäumt
      Und gern und gut Begeisterung bereitet
      Mit Lippen rot benetzt,
      Dich will ich trinken, daß ich ungesäumt
      Zum Wald entschweben kann, von dir geleitet.

      Entschweben, ganz vergehn – und ganz vergessen,
      Was du in deinem Walde nie gekannt:
      Die Menschennot, die Mühen unermessen,
      Das Sorgenfieber, das die Herzen bannt;
      Du weißt nicht, wie gelähmtes Alter stöhnt,
      Wie Denken immer nur Sich-härmen heißt,
      Wie Jugend bleicht und schleicht und siecht und schwindet,
      Und wie Verzweiflung höhnt,
      Wo Schönheit, wenn ihr Blick das Leben preist,
      Um Liebe weinen lernt und bald erblindet.

      Hinweg! Zu dir! Doch soll nicht Bacchus Wagen
      Mit Pantherkraft mich ziehn, nein! Poesie
      Soll mich auf unsichtbaren Schwingen tragen,
      Drückt auch dies Hirn noch müde Apathie.
      Schon bin ich bei dir! Milde ist die Nacht,
      Und Luna thront mit lächelndem Gesicht
      Und überblickt ihr Sternenvolk voll Gnade,
      Doch hat sie hier nicht Macht:
      Nur manchmal bläst ein Windhauch etwas Licht
      Durch grüne Dämmernis auf moosige Pfade.

      Ich sehe nicht, was blüht zu meinen Fußen,
      Welch süßer Balsam rings an Zweigen hängt;
      Doch auch im Dunkel ahn ich, was an süßen
      Duftwellen atmend in die Mainacht drängt
      Aus wildem Beerenbaum und Gras und Strauch:
      Ich atme Weißdornduft und Rosenblühn
      Und Veilchen, die in Blätterbetten sterben,
      Und Moschusrosen auch,
      In denen morgens bunte Tropfen glühn
      Und abends Sommerfliegen sich umwerben.

      Im Dunkel lausche ich; und wie Verlangen
      Mich oft schon faßte nach dem stillen Grab,
      Wie ich dem Tod, mich herzlich zu umfangen,
      Schon oft in Liedern liebe Namen gab,
      So scheint mir Sterben jetzt besonders schön.
      Ach, schmerzlos mich zu lösen in die Nacht,
      Indeß dein Sang in heiligen Ekstasen
      Beschüttet Tal und Höhn
      Und doch mein Herz nicht höher schlagen macht,
      Das nur als Duft noch schwingt im blumigen Rasen.

      Du Vöglein wurdest nicht zum Tod geboren!
      Nein, dich zertritt kein hungerndes Geschlecht.
      Was diese Nacht mir tönt, sang in die Ohren
      Dem ersten König schon, dem ersten Knecht,
      Und ist vielleicht derselbe Sang, der tief
      Der heimwehkranken Ruth zum Herzen klang,
      Als sie in Tränen schritt durch fremde Gassen,
      Derselbe Sang, der tief
      Bezaubernd sich um Märchenschlösser schwang
      Und Feenreiche, die nun längst verlassen.

      Verlassen! Ach, dies Wort ist wie das Klingen
      Trostloser Glocken, das zu mir mich mahnt!
      Auch Phantasie kann nicht Erlösung bringen,
      Wenn ihr nicht Hoffnung einen Weg gebahnt.
      Lebwohl! Lebwohl! Dein Schmerzgesang entschwebt
      Zum Wiesengrund aus Waldes hohem Dom,
      Ins Tal hinab und schweigt am dunklen Bache.
      Ward mir ein Traum belebt?
      Betrog die wachen Sinne ein Phantom?
      Wer sagt mir, ob ich schlafe oder wache!


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Georg Trakl: Traumwandler

      Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)


      Wo bist du, die mir zur Seite ging,
      Wo bist du, Himmelsangesicht?
      Ein rauher Wind höhnt mir ins Ohr: du Narr!
      Ein Traum! Ein Traum! Du Tor!
      Und doch, und doch! Wie war es einst,
      Bevor ich in Nacht und Verlassenheit schritt?
      Weißt du es noch, du Narr, du Tor!
      Meiner Seele Echo, der rauhe Wind:
      O Narr! O Tor!
      Stand sie mit bittenden Händen nicht,
      Ein trauriges Lächeln um den Mund,
      Und rief in Nacht und Verlassenheit!
      Was rief sie nur! Weißt du es nicht?
      Wie Liebe klang's. Kein Echo trug
      Zu ihr zurück, zu ihr dies Wort.
      War's Liebe? Weh, daß ich's vergaß!
      Nur Nacht um mich und Verlassenheit,
      Und meiner Seele Echo – der Wind!
      Der höhnt und höhnt: O Narr! O Tor!
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Klabund: Deutsches Volkslied

      Klabund (* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos; eigentlich Alfred Henschke)


      Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
      Daß ich so traurig bin.
      Und Friede, Friede überall,
      Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

      Kaiser Rotbart im Kyffhäuser saß
      An der Wand entlang, an der Wand.
      Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
      Bist du, mein Bayernland!

      Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
      Ich rate dir gut, mein Sohn!
      Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
      Vom Roßbachbataillon.

      O selig, o selig, ein Kind noch zu sein,
      Von der Wiege bis zur Bahr'!
      Mariechen saß auf einem Stein,
      Sie kämmte ihr goldenes Haar.

      Sie kämmt's mit goldnem Kamme,
      Wie Zieten aus dem Busch.
      Sonne, du klagende Flamme:
      Husch! Husch!

      Der liebe Gott geht durch den Wald,
      Von der Etsch bis an den Belt,
      Daß lustig es zum Himmel schallt:
      Fahr' wohl, du schöne Welt!

      Der schnellste Reiter ist der Tod,
      Mit Juppheidi und Juppheida.
      Stolz weht die Flagge schwarzweißrot.
      Hurra, Germania!


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Zu Klabunds 120. Geburtstag habe ich auch etwas Schönes gefunden:


      Verfluchte Schweinerei,
      Als man mich machte,
      Da war ich nicht dabei,
      Und meine Mutter lachte.
      Und als ich kam, ich dachte,
      Ich wüchse wie bisher,
      Zög still als Wolke überm Meer.
      Aber Wolke wurde Regen,
      Aber Regen wurde Quelle,
      Und nun wälze ich gewaltsam
      Meine Welle
      Hin zum Meere unaufhaltsam.
      Wann werd' ich wieder Wolke sein?
      Im Sonnenschein, im Stürmeschrein
      Hoch über allem Volke sein?
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Zum (nicht mehr so ganz) frühen Morgen noch ein Gedicht von Klabund:

      Schon pflückt die sanfte Hand

      Schon pflückt die sanfte Hand des frühen Morgens
      Wie reife Frucht die immergrünen Sterne.
      Es glüht die Sehnsucht ihres süßen Sorgens
      Im Fenster der erwachenden Taverne.

      Wirf einen Stern in meinen offnen Blick!
      Ich hab nicht Hände frei, um ihn zu wahren.
      In meinen Händen trag ich das Geschick
      So dünn wie Glas von tausend Menschenjahren.
    • Friedrich Schiller: Nänie

      Johann Christoph Friedrich von Schiller (* 10. November 1759 in Marbach am Neckar, Württemberg; † 9. Mai 1805 in Weimar)


      Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
      Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
      Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
      Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
      Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
      Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
      Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
      Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
      Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
      Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
      Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
      Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
      Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
      Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.




      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Schön, dass der arme Klabund, der mit nur 37 Jahren der Tuberkulose zum Opfer fiel, noch nicht vergessen ist. Aus seinem Zyklus "Der himmlische Vagant" (Ein lyrisches Portrait von Francois Villon) hier die Nr.13:

      Es wuchs ein Schatten aus der Nacht,
      Hat wie ein Sarg mich überdacht,
      Der mich dem Tod versöhnte.
      Wie lag ich ewig!lag ich tief!
      Über mir Scholle an Scholle schlief,
      Und sanft des Lebens Hufschlag dröhnte.

      Die Zeit verscholl. Es schwoll der Berg.
      Aus meiner Brust sproß Wurzelwerk
      Und brach die braune Hülle.
      Da schwang der Himmel sein Panier
      Zum ersten Male über mir
      In meiner Augen Fülle.

      Die Welt war neu, die Welt war bunt,
      Aus meiner Augenhöhlen Grund
      Kornblume sprang mit blauen Blicken.
      Und aller Schmerz, den ich geweint,
      Er hat in Wolken sich vereint
      Und rinnt, die Felder zu erquicken.
    • Wilhelm Raabe

      Wilhelm Raabe, (Pseudonym: Jakob Corvinus; * 8. September 1831 in Eschershausen; † 15. November 1910 in Braunschweig)

      Aus: Holunderblüte


      Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück
      Mußt du ein andres wieder fallen lassen;
      Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück,
      Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.

      Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
      Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
      Mit Trümmern überstreuet sie das Land,
      Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören.

      Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
      Sein Herz ein Kinderherz im heftgen Trachten.
      Greif zu und halt!... Da liegt der bunte Tand;
      Und klagen müssen nun, die eben lachten.

      Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz,
      So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken;
      Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz
      Und weinen über den zerstreuten Stücken.


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lampe und Spiegel

      "Sie faule, verbummelte Schlampe!"
      sagte der Spiegel zur Lampe.
      "Sie altes, schmieriges Scherbenstück!"
      gab die Lampe dem Spiegel zurück.

      Der Spiegel in seiner Erbitterung
      bekam einen ganz gewaltigen Sprung.
      Der zornigen Lampe verging die Puste:
      Sie fauchte, rauchte, schwelte und ruste.

      Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe
      und doch - man schob ihr die Schuld in die Schuhe.



      Ringelnatz starb heute vor 76 Jahren
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Am Sonntag, der hier in Süddeutschland sehr mild war, dachte ich beim Radfahren durch die farbensatte Landschaft an Georg Heyms Gedicht:

      DER HERBSTLICHE GARTEN

      Der Ströme Seelen, der Winde Wesen
      Gehet rein in den Abend hinunter,
      In den schilfigen Buchten, wo herber und bunter
      Die brennenden Wälder im Herbste verwesen.

      Die Schiffe fahren im blanken Scheine,
      Und die Sonne scheidet unten im Westen,
      Aber die langen Weiden mit traurigen Ästen
      Hängen über die Wasser und weinen.

      In der sterbenden Gärten Schweigen,
      In der goldenen Bäume Verderben
      Gehen die Stimmen, die leise steigen
      In dem fahlen Laube und fallenden Sterben.

      Aus gestorbener Liebe in dämmrigen Stegen
      Winket und wehet ein flatterndes Tuch,
      Und es ist in den einsamen Wegen
      Abendlich kühl, und ein welker Geruch.

      Aber die freien Felder sind reiner,
      Da sie der herbstliche Regen gefegt.
      Und die Birken sind in der Dämmerung kleiner,
      Die ein Wind in leiser Sehnsucht bewegt.

      Und die wenigen Sterne stehen
      Über den Weiten in ruhigem Bilde.
      Laßt uns noch einmal vorübergehen,
      Denn der Abend ist rosig und milde.

      Mit nur 24 Jahren ist Georg Heym 1912 beim Eislaufen auf der Havel eingebrochen und ertrunken. Anderthalb Jahre zuvor hatte er einen Traum aufgeschrieben: "Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eine Art gefrorenen Wassers zu sein. Ich wagte einige Schritte, und die Platten hielten. Ich fühlte, daß sie sehr dünn waren; wenn ich eine betrat, so schwankte sie hin und her. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Dann kam mir der Gedanke, ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, schlingpflanzenreiches Wasser. Doch ich gab mich nicht verloren, ich begann zu schwimmen. Wie durch ein Wunder rückte das ferne Land mir näher und näher. Mit wenigen Stößen landete ich in einer sandigen, sonnigen Bucht."
    • Ernst Toller

      Den Toten der Revolution

      Todgeweihte Leiber
      trotzig gestemmt
      Wider den Bund
      der rohen Bedränger,
      Löschte Euch Schicksal
      mit dunkler Gebärde.
      Wer die Pfade bereitet,
      stirbt an der Schwelle,
      Doch es neigt sich vor ihm
      in Ehrfurcht der Tod.
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Ernst Toller

      Das Schwalbenbuch

      2.

      O dumpfer Sang unendlicher Monotonie!
      O ewiges Einerlei farblos zerrinnender Tage!
      Immer
      Wird ein Tag sein
      Wie der letzte,
      Wie der nächste,
      Immer.

      Zeit ist ein grauer Nebel. Der setzte sich in die Poren Deiner
      unendlichen Sehnsucht.

      Das Stückchen blauer Himmel ist gespießt von rostigen
      Eisenstäben,
      Die aus dem Gitterloch Deiner Zelle aufbrachen,
      Auf Dich zuwanderten
      Zu
      Wanderten
      Zu
      Wanderten ...
      Erst wehrtest Du Dich,
      Aber die Gitterstäbe waren stärker als Du.
      Nun wachsen sie in Deinen Augen,
      Und wohin Du blickst,
      Überall
      Überall siehst Du Gitterstäbe.
      Noch das Kind, das im fernen, ach so fernen
      lupinenblühenden Feld spielt,
      Ist gezwängt in die Gitterstäbe Deiner Augen.
      Oh -

      Deine Nächte, Deine Traumnächte verzweifelte Harlekinaden.

      Deine Nägel kratzen am Sargdeckel tauber Verlassenheit.

      Nirgends blüht das Wunder.

      Musik ist

      Wälder sind

      Frauen sind

      Es blüht irgendwo die Gebärde eines sanft
      ...... ........... ......sich biegenden Nackens
      ...... ........... ......Es wartet irgendwo eine Hand, die sehr
      ...... ........... ......zärtlich ist und voll süßester Wärme
      Nirgends blüht das Wunder.
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • (Es ist zwar noch einige Stunden hin bis zur Morgendämmerung, aber da gerade des Dichters Hofmannsthal Geburtstag angebrochen ist, dem Uhrentakt nach, und da ich ihn [ich weiß, im Gegensatz zu einigen hier im Forum] sehr schätze, poste ich schon mal dieses Gedicht von ihm: "Vor Tag".)



      Nun liegt und zuckt am fahlen Himmelsrand
      In sich zusammgesunken das Gewitter.
      Nun denkt der Kranke: "Tag! jetzt werd ich schlafen!"
      Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt
      Die junge Kuh im Stall die starken Nüstern
      Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald
      Hebt der Landstreicher ungewaschen sich
      Aus weichem Bett vorjährigen Laubes auf
      Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein
      Nach einer Taube, die schlaftrunken fliegt,
      Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf
      Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser,
      Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach
      Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild
      Und kalten Hauches hin, indessen droben
      Der Heiland und die Mutter leise, leise
      Sich unterreden auf dem Brücklein: leise,
      Und doch ist ihre kleine Rede ewig
      Und unzerstörbar wie die Sterne droben.
      Er trägt sein Kreuz und sagt nur: "Meine Mutter!"
      Und sieht sie an, und: "Ach, mein lieber Sohn!"
      Sagt sie. - Nun hat der Himmel mit der Erde
      Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht
      Ein Schauer durch den schweren, alten Leib:
      Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben.
      Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun
      Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett,
      Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb
      Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht
      Sich im Wandspiegel und hat plötzlich Angst
      Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden,
      Als hätte dieser selbe heute nacht
      Den guten Knaben, der er war, ermordet
      Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen
      Im Krüglein seines Opfers wie zum Hohn,
      Und darum sei der Himmel so beklommen
      Und alles in der Luft so sonderbar.
      Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.
      ________________________________________________________________________________________________________

      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Vorfrühling

      Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
      an der Wiesen aufgedecktes Grau.
      Kleine Wasser ändern die Betonung.
      Zärtlichkeiten, ungenau,
      greifen nach der Erde aus dem Raum.
      Wege gehen weit ins Land und zeigens.
      Unvermutet siehst Du seines Steigens
      Ausdruck in dem leeren Raum.

      (Rainer Maria Rilke)
    • Und noch einmal, weil ich fürchte, dass es morgen vorbei sein wird:


      Vorfrühling

      Es läuft der Frühlingswind
      Durch kahle Alleen,
      Seltsame Dinge sind
      In seinem Wehn.

      Er hat sich gewiegt,
      Wo Weinen war,
      Und hat sich geschmiegt
      In zerrüttes Haar.

      Er schüttelte nieder
      Akazienblüten
      Und kühlte die Glieder,
      Die atmend glühten.

      Lippen im Lachen
      Hat er berührt,
      Die weichen und wachen
      Fluren durchspürt.

      Er glitt durch die Flöte
      Als schluchzender Schrei,
      An dämmernder Röte,
      Flog er vorbei.

      Er flog mit Schweigen
      Durch flüsternde Zimmer
      Und löschte im Neigen
      Der Ampel Schimmer.

      Es läuft ein Frühlingswind
      Durch kahle Alleen
      Seltsame Dinge sind
      In seinem Wehn.

      Durch die glatten
      Kahlen Alleen
      Treibt sein Wehn
      Blasse Schatten

      Und den Duft,
      Den er gebracht,
      Von wo er gekommen
      Seit gestern nacht.

      (Hugo von Hofmannsthal)