Lyrik-Capriccio

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    • Angeregt durch die sich im Nekrolog Thread widersprechenden Meldungen über Nicolai Gedda (ein wenig despektierlich, "Lebt denn der alte Holzmichel noch...")
      musste ich an ein Gedicht von Joachim Ringelnatz denken:

      Heimweg


      Babette starb---noch vor erhoffter Zeit----
      Bei ihrer Nichte stand ein Sarg bereit.
      Und diese Nichte fuhr mit ihrem Gatten
      Nebst Leiche und mit Höchstgeschwindigkeit
      Im Leichenauto zum Bestatten

      Doch was kommt in Berlin nicht alles vor,
      Und eben deshalb hatte der Chauffeur
      In einem Ladenfenster links am Brandenburger Tor
      Malheur

      Aus Autotrümmern, Scherben und Korsetten
      Zog man Chauffeur, nebst Nichte, nebst Gemahl ganz tot hervor.

      Die Leiche nur (wir sprechen von Babetten)
      Vermochte sich zu retten
      Da sie zum Glück nur scheintot wesen war,
      Ging sie jetzt heim und lächelte sogar.



      Herzliche Grüße:
      KALEVALA :wink:
      Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. (Nietzsche)


      Es gibt nichts Überflüssigeres und Schädlicheres als wie Musik. Wenn ein Mensch eine gewisse Zeit lang Musik hört, wird sein Gehirn faul und unseriös. (Ayatollah Khomeini)
    • Adoption

      Da wird begraben unser einzig Kind,
      Da kinderlose Gatten wir nun sind,
      So nehmen wir auf der noch kurzen Bahn
      Ich dich, du mich an Kindesstelle an.

      Du, treue Gattin, seiest nun dafür
      Jetzt eine liebe fromme Tochter mir!
      Nimm, liebe Gattin, mich dafür als Sohn
      Für diesen da, der dir so früh entflohn.

      Christian Wagner
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • Selma Meerbaum-Eisinger

      Spaziergang

      ... so viele Hühner und ein kleiner weißer Hund
      und Himmel, der so farbenfroh und bunt -
      der kahle Baum wirkt so gespensterhaft
      und graue Häuser wie ganz ohne Kraft...
      Ganz kleine Regenperlen hängen an den Zweigen
      und ferne Berge sind getaucht in großes Schweigen.

      Die Felder sind nur dunkelbraune Schollen
      und hie und da ein bißchen gelbes Grün
      und kleine Spatzen, dumm und frech und kühn,
      laufen darüber hin wie Kinder, welche tollen...
      Ganz fern die Stadt mit ihren vielen Türmen,
      mit Häusern, welche licht und froh hinstürmen,

      ist wie ein altes Bild aus einem Märchen.
      Die Luft ist leis und voll von Sehnen,
      so dass man wartet auf die blauen Lerchen
      und fahren möchte in ganz schlanken Kähnen.

      Hier stehen weiße Astern, weiß und rein,
      und da ein Krautkopf, jung und klein.
      Sie sind wie ein vergessner Sonnenschirm
      mitten auf tief verschneiten Straßen.
      Ein Hase, der vorbeiläuft, kann sich gar nicht fassen:
      es scheint, es würde Sommer wieder sein.
    • Pierre de Ronsard (1524-1585)

      Mignonne, allons voir si la rose

      À Cassandre

      Mignonne,allons voir si la rose
      Qui ce matin avoit desclose
      Sa robe de pourpre au Soleil,
      A point perdu ceste vesprée
      Les plis de sa robe pourprée,
      Et son teint au vostre pareil.

      Las! voyez comme en peu d'espace,
      Mignonne, elle a dessus la place
      Las ! las ses beautez laissé cheoir !
      Ô vrayment marastre Nature,
      Puis qu'une telle fleur ne dure
      Que du matin jusques au soir !

      Donc, si vous me croyez, mignonne,
      Tandis que vostre âge fleuronne
      En sa plus verte nouveauté,
      Cueillez, cueillez vostre jeunesse :
      Comme àceste fleur la vieillesse
      Fera ternir vostre beauté.

      Odes I,17

      Manche Gedichte habe ich erst durch ihre Vertonungen kennengelernt, so auch dieses von Pierre de Ronsard, das von der französischen Komponistin und Pianistin Cécile Chaminade (1857-1944) als Lied komponiert wurde. Berückend schön singt es Philippe Jaroussky.
    • Auch Anne Sofie von Otter hat dieses Lied aufgenommen:



      Ich finde Jarrousky bei diesen Liedern etwas "künstlich". Man merkt dass er kein richtiger Sopran ist. Das ist alles wunderschön gesungen, aber bei ASvO hört sich das für meine Ohren irgendwie authentischer an. Auch der Rest der CD ist unbedingt hörenswert. Cécile Chamninade war eine hervorragende Komponistin, die leider etwas zu viel Salonmusik komponiert hat, und also diesen Stempel nicht mehr losgeworden ist.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Danke für den Hinweis auf die CD, die ich bisher noch nicht kannte! Anne Sofie von Otter hat sich hier ja ganz den Liedern von Cécile Chaminade gewidmet, die im Vergleich zu denen anderer Komponisten derselben Zeit bisher wenig zu hören waren. (Die Einspielung mit Philippe Jaroussky stammt aus der CD "Opium" mit Liedern der Belle Époque).
      Was den Vergleich zwischen von Otter und Jaroussky betrifft, gebe ich dir einerseits Recht: Jaroussky klingt „künstlicher“, vielleicht auch etwas kühler. Anne Sofie von Otter wählt einen direkteren Zugriff (mein Sohn, der mithörte, bezeichnete ihr Singen als „dramatischer“), und ihre Stimme klingt wärmer.
      Aber gerade in diesem Lied, das die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit der Schönheit beschreibt und diese Stimmung meiner Ansicht nach auch musikalisch mit leiser Melancholie ausdrückt, passt für mich das Singen Jarousskys perfekt. Es ist so eine Einheit aus Text, Musik und Stimme, die ich hier empfinde, und dieser Eindruck stellt sich bei Anne Sofie von Otter nicht so stark ein, obwohl ich ihre Interpretation – eben auf andere Art – ebenfalls gern höre.

      Federica
    • Guten Morgen,

      auf dem Wühltisch erstanden, in den letzten Tagen immer wieder durchschmökert: Till Lindemann: Messer / In stillen Nächten


      Für mich eher enttäuschend, mir klingt es meist wie nicht benutzte Rammstein-Texte (deren Sänger und Texter Herr Lindemann ja ist), eher wenig innovativ und wenig überraschend.
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • Detlev von Liliencron: Herbst

      Astern blühen schon im Garten,
      Schwächer trifft der Sonnenpfeil.
      Blumen, die den Tod erwarten
      Durch des Frostes Henkerbeil.

      Brauner dunkelt längst die Heide,
      Blätter zittern durch die Luft.
      Und es liegen Wald und Weide
      Unbewegt in blauem Duft.

      Pfirsich an der Gartenmauer,
      Kranich auf der Winterflucht.
      Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
      Welke Rosen, reife Frucht.

      ***
      :wink Agravain
    • Gottfried Keller: Reformation

      Im Bauch der Pyramide tief begraben,
      In einer Mumie schwarzer Totenhand
      War's, daß man alte Weizenkörner fand,
      Die dort Jahrtausende geschlummert haben.

      Und prüfend nahm man diese seltnen Gaben
      Und warf sie in lebendig Ackerland,
      Und siehe da! Die gold'ne Saat erstand,
      Des Volkes Herz und Auge zu erlaben!

      So blüht die Frucht dem späten Nachweltskinde,
      Die mit den Ahnen schlief in Grabes Schooß;
      Das Sterben ist ein endlos Aufersteh'n.

      Wer hindert nun, daß wieder man entwinde
      Der Kirche Mumienhand, was sie verschloß,
      Das Korn des Wortes, neu es auszusä'n?

      ***
      :wink: Agravain
    • Hugo von Hofmannsthal: Vorfrühling

      Es läuft der Frühlingswind
      Durch kahle Alleen,
      Seltsame Dinge sind
      In seinem Wehn.

      Er hat sich gewiegt,
      Wo Weinen war,
      Und hat sich geschmiegt
      In zerrüttetes Haar.

      Er schüttelte nieder
      Akazienblüten
      Und kühlte die Glieder,
      Die atmend glühten.

      Lippen im Lachen
      Hat er berührt,
      Die weichen und wachen
      Fluren durchspürt.

      Er glitt durch die Flöte
      Als schluchzender Schrei,
      An dämmernder Röte
      Flog er vorbei.

      Er flog mit Schweigen
      Durch flüsternde Zimmer
      Und löschte im Neigen
      Der Ampel Schimmer.

      Es läuft der Frühlingswind
      Durch kahle Alleen,
      Seltsame Dinge sind
      In seinem Wehn.

      Durch die glatten
      Kahlen Alleen
      Treibt sein Wehn
      Blasse Schatten.

      Und den Duft,
      Den er gebracht,
      Von wo er gekommen
      Seit gestern Nacht.

      ***

      :wink: Agravain
    • Max Dauthendey: Juli

      Nun ist es Sommer den ganzen Tag,
      Den ganzen Tag man nur küssen mag,
      Und alle die Rosen, die müssen
      Satt duften zu unseren Füßen.

      Nun bleibt es Sommer den ganzen Tag,
      Den ganzen Tag ich im Himmel lag,
      Dort tat man sich paarweise küssen
      Und satt lag die Erde zu Füßen.

      Nun ist es Sommer Nacht und Tag,
      Und Nacht und Tag man nur küssen mag;
      Von allen heißen Genüssen
      Ist Anfang und Ende das Küssen.

      ***

      :wink: Agravain
    • Detlev von Liliencron: April

      Wie der Südwind pfeift,
      In den Dornbusch greift,
      Der vor unserm Fenster sprießt.
      Wie der Regen stürzt
      Und den Garten würzt
      Und den ersten Frühling gießt!

      Plötzlich säumt der Wind,
      Und der Regen rinnt
      Spärlich aus dem Wolkensieb.
      Und die Mühle dreht
      Langsam sich und steht,
      Die noch eben mächtig trieb.

      Schießt ein Sonnenblick
      Über Feld und Knick,
      Wie der Blitz vom Goldhelm huscht,
      Und auf Baum und Gras
      Schnell im Tropfennass
      Tausend Silbertüpfel tuscht.

      Wieder dann der Süd,
      Immer noch nicht müd,
      Zornt die Welt gewaltig an.
      Und der Regen rauscht,
      Und der Garten lauscht
      Demütig dem wilden Mann.

      Meiner Schulter dicht
      Lehnt dein hold Gesicht,
      Schaut ins Wetter still hinein.
      Kennst das alte Wort,
      Ewig treibt es fort:
      Regen tauscht und Sonnenschein.

      ***
      :wink: Agravain
    • Christian Morgenstern: Palmsonntag

      Kätzchen ihr der Weide,
      wie aus grauer Seide,
      wie aus grauem Samt!
      O ihr Silberkätzchen,
      sagt mir doch, ihr Schätzchen,
      sagt, woher ihr stammt.

      Wollen's gern dir sagen:
      Wir sind ausgeschlagen
      aus dem Weidenbaum,
      haben winterüber
      drin geschlafen, Lieber,
      in tieftiefem Traum.

      In dem dürren Baume
      in tieftiefem Traume
      habt geschlafen ihr?
      In dem Holz, dem harten
      war, ihr weichen, zarten,
      euer Nachtquartier?

      Mußt dich recht besinnen:
      Was da träumte drinnen,
      waren wir noch nicht,
      wie wir jetzt im Kleide
      blühn von Samt und Seide
      hell im Sonnenlicht.

      Nur als wie Gedanken
      lagen wir im schlanken
      grauen Baumgeäst;
      unsichtbare Geister,
      die der Weltbaumeister
      dort verweilen läßt.

      Kätzchen ihr der Weide,
      wie aus grauer Seide,
      wie aus grauem Samt!
      O ihr Silberkätzchen,
      ja, nun weiß, ihr Schätzchen,
      ich, woher ihr stammt.

      ***
      :wink: Agravain