C. P. E. Bach - Die Klaviersonaten. Für Kenner und Liebhaber

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    • Hallo zusammen,

      nach vier Wochen Pause kommen hier wieder einige Nachschläge. Mike hat mich dankenswerterweise mit einigen Schätzen aus seinen unergründlichen Vorräten an CDs teilhaben lassen. So manche der dort vorhandenen Aufnahmen lohnen sich in meinen Ohren sehr. Anfangen möchte ich mit Davide Pozzi, der Sonaten aus den 1740'er und 1750'er Jahren spielt. Seine Auswahl scheint sich an den Veröffentlichungen von Louise und Aristide Farrenc in den 1860'er/1870'er Jahren zu orientieren. Er spielt sowohl Cembalo als auch Fortepiano, wobei ich bei seiner Spielweise immer eher dem Fortepiano den Vorzug geben würde.

      Das älteste Stück aus seiner Einspielung ist die 1746 entstandene g-moll-Sonate Wq 65,17 H 47 Hier empfinde ich die Schreibweise noch sehr viel stärker an der Musik des damals noch lebenden Vaters orientiert, Pozzi spielt auf dem Cembalo. Die taktfrei geschriebenen Arpeggien zu Beginn klingen in dieser Interpretation noch sehr spätbarock. Der Moment, an dem es nicht JS Bach, sondern sein zweitältester Sohn ist, sind die Abbrüche der Musik, das Fehlen der Sicherheit der Entwicklung. Pozzi ist im Kopfsatz mit 5:05 schneller unterwegs als Andreas Staier, der diese Sonate mit seiner großen Tempovarianz adelt. Aber auch das striktere Tempo Pozzis kann überzeugen. Die Tempogestaltung des Mittelsatzes Adagio in G-dur finde ich nicht überzeugend, hier habe ich eher den Eindruck eines Andante. Das Schlusstempo ist für Allegro assai erneut zu langsam, er ist dennoch schneller als Staier am Ende des Satzes, weil er eine Wiederholung weglässt.

      Das Capriziöse der Musik ist allerdings sehr schön getroffen, mir fehlt in der Wahrnehmung dieser Musik das Grimmig-Humorvolle dieses Stücks. Grundsätzlich ist es aber ein großes Vergnügen, CPE Bach in diesen Aufnahmen zu rezipieren.

      Gruß Benno
    • Hempel schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Wir haben ja gelesen, dass für Mike dieser Klang überzeugend ist
      Lieber Benno,

      mit Abstrichen! Ist Dir im Vergleich beider yt- links aufgefallen, wie verschieden zumindest die Lautstärke beider ist?
      Irgendwo anders schrieb ich auch mal, dass es auch heute noch eine Herausforderung ist für die Technik, ein Clavichord natürlich aufzunehmen- und bekam Watschen. Das "rechte Maß" zu finden zwischen Nähe und Distanz gelingt nicht immer.

      Grundsätzlich aber ist auch mir eine überzeugend gespielte Aufnahme lieb, egal auf welchem Instrument- dabei spielt Frau Cuiller ja wirklich schön!
      Nur ist es eben hilfreich, die Aufnahme in möglichst tiefer Stille zu hören, um sich ganz auf den Klang einlassen zu können. Eigentlich könnte ich schreiben: dem Instrument entgegenkommen.
      Aber bitte: keine Vorschrift, Anmaßung oder Bevormundung, eher einfach das Zwiegespräch suchend mit diesem zartbesaiteten "Lebewesen" Clavichord.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      Lieber Mike,

      seit wenigen Tagen habe ich nun eine CD mit Aufnahmen von Frau Cuiller zuhause, diese hier, die mich vor allem durch ihr ausgefallenes Programm mit einigen Schwergewichten aus des Komponisten Kammermusik angesprochen hat:



      Ich gehe davon aus, dass der seidig-introvertierte Klang des Instruments ein ähnlicher ist wie auf der vorher im Faden erwähnten Aufnahme. Vermutlich ist es doch schwierig, dieses Instrument aufzunehmen. Was ich bei der spannenden Programmgestaltung sehr schätze, so mag ich den Hall und das relativ große Vibrato des Sängers Alain Buet bei den - von CPE Bachs Briefbekanntschaft Heinrich Wilhelm von Gerstenberg vorgenommenen Unterlegungen vorgefundener Texte zu einem musikalisch nicht mehr abgeänderten Musikstück - gesungenen Fassungen der Fantasie c-moll überhaupt nicht.

      So hört man die Fantasie dreimal auf dieser CD: einmal mit dem Hamlet-Text (Seyn oder Nicht-Seyn, das ist, das ist die große Frage), einmal in der Originalfassung als Schlusssatz der (vollständig eingespielten) Sonate Wq 63,6 H 75, schließlich in der Unterlegung mit dem Sokrates-Monolog (Nein, nein, die ernste hohe Gestalt). Wie schon einmal in diesem Faden erwähnt, vertreten mehrere Musikwissenschaftler die Meinung, dass es sich bei dieser Fantasie um eine Tombeau auf den Vater handelt.

      Jocelyne Cuiller beherrscht das quecksilbrige Moment dieser Stücke genau so wie das trostlose Element dieser Musik. Bei der Programmgestaltung fallen zwei Stücke etwas heraus: die eher leichte Flötensonate D-dur Wq 83 H 505, die zwischen den anderen Stücken etwas leichtgewichtig ist.

      Das andere 'leichtere' Stück sind die Variationen Wq 118,6 H 226 aus dem Jahre 1766, die die CD abschließen. Davor kommt mit der (originalen) Violinfassung der fis-moll-Fantasie C.P.E. Bachs Empfindungen Wq 80 H 536 noch eine Musik hinzu, von der das Textbuch der CD annimmt, es handle sich um ein Tombeau des Komponisten auf sich selber. Hier stört mich etwas die Intonation des Violinisten Daniel Cuiller. Die ungemeine Expressivität des Stücks, das Ausbrechen aus allen Konventionen kommt hier aber doch sehr gut zur Geltung.

      Grundsätzlich ist es aber eine großartige Möglichkeit, sehr expressive Musik des Hamburger Bachs kennenzulernen. Aber vermutlich trage ich mit einem Hinweis auf diese CD bei Dir eh Eulen nach Athen.

      Gruß Benno
    • Lieber Benno,

      hier trägst Du keine Eulen nach Athen, ich kenne diese CD bisher nicht.
      Danke für den Tipp, ich werde meine Unkenntnis alsbald verwandeln.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Der Thread entschläft langsam- wie bedauerlich.

      Und auch ich höre gerade keine Claviersonaten CPEs, sondern Lieder.

      Allerdings hier angefügt die Werke als Soli fürs Clavier wie auch schon auf der ersten CD.

      Sollte aufmerksam machen dafür, wie gesanglich CPE Bachs Claviermusik komponiert sein kann, nur heute schwerlich so gelesen wird.
      Die Spanier hier machen es überdeutlich: es bedarf der Stimme nicht, gesanglich zu zu komponieren, zu musizieren.
      Mir sehr nahe in meiner derzeitigen Beschäftigung mit Telemann, ohne den ich CPE Bach kaum vorstellbar finde, sowenig wie ohne den leibhaftigen Papa.

      Also eine eigentlich merkwürdige CD: eine Hälfte Lieder mit Singstimme, eine Hälfte Lieder ohne Stimme, nur Clavier solo.
      Passt aber, beides überzeugt. Und CPE komponiert eben doch gesanglich, auch wenn man das nicht recht glauben mag in der heutigen Manier, seine Werke so "kraus" wie möglich zu interpretieren.

      Immer wieder: das scheint mir ein Fehlschluss!

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Lieber Benno,

      auf private Post wartest Du noch, meine Wohnungssuche gestaltet sich ungeahnt schwierig.
      Aber einen CPE habe ich inzwischen wieder gehört:

      Eine Neuaufnahme aller Werke für Clavier und Violine- und ich bin recht angetan. Nur "recht", weil ich bisher nur weniges gehört habe, längst nicht alles.
      Wie alt ist aber auch die Konkurrenzaufnahme? Jahrzehnte her sind Uittenbosch und Stuurop.
      Belder nutzt hier sowohl Cembalo als auch Hammerflügel, sehr farbbewusst, Frau Kimura weiß um ihre Rolle der Begleiterin und spielt zwar dialogisch, aber eben auch zurückhaltend, setzt Akzente, übernimmt die Führung nur dann, wenn die Musik es nahelegt- die Belder ihr dann auch überlässt.

      Klanglich ist das etwas wenig sinnlich eingefangen, aber doch nicht mit dem Hauch von Kühle, den Belders Brilliant- Aufnahmen auszeichnen.
      Eine lohnende Neuaufnahme wie ich finde.

      Einen Mitschnitt mit Kammermusik und Liedern mit Café Zimmermann bearbeite ich gerade, der wird demnächst fertig.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Zwar entfernen wir uns- ich mich- immer weiter vom eigentlichen Thema weg, aber wohin soll man denn mit dem Hören von CPEs Clavierwerken ohne Themen und Threads zu zerfasern?!

      Hier also die:


      Eigentlich Gelegenheitsarbeiten, aus den "Berliner Sinfonien" Cembalowerke zu machen,
      vielleicht wäre auch wichtiger gewesen, anderes einzuspielen?
      Andererseits eröffnet sich somit ein Blick in die Komponierstube CPEs, was ja auch reizvoll ist.
      Die Sinfonien in der Orchesterfassung kenne ich gut, mit Haenchen, Hogwood, nicht zueletzt überragend mit Remy, als Cembalowerke sind sie kaum mehr wiederzuerkennen, aber trotzdem gut. Sie haben nur ihren Charakter verändert und wirken fast vollständig wie genuine "Claviermusik".

      Andrea Chezzi spielt sie auch sehr schön, er versucht lt. Einführungstext den sinfonischen Charaker zu reproduzieren.
      Was ihm nicht gelingt, nicht gelingen kann, was nicht stört.
      Der Klang allerdings des Cembalo in der Aufnahme dürfte gern reicher ausfallen und weniger "dürr". Vielleicht lernt Brilliant noch, dass Cembali nicht zirpen, sondern auch voluminös und farbig klingen können? Ein Manko aller Aufnahmen.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire


    • Zum Thema zurück, nach langer Zeit, mit dieser Aufnahme.
      Dupouy spielt Sonaten, Fantasien und Rondos aus den Sammlungen 4 bis 6. Auf einem soeben restaurierten Gräbner- Flügel aus dem Jahre 1791; ein äußerst wohlklingendes Instrument!
      Sehr ausgewogen über die Lagen mit einem farbigen Diskant, der doch nie spitz klingt.

      Das (zu) späte Instrument rückt die Werke klanglich in die Nähe Haydns, unterstützt durch die Lesart Dupouys, der nicht so sehr erratische Momente der Musik herausstellt, vielmehr gesangliche Linien betont.
      Also ein eher empfindsamer Zugang denn einer des "Sturm und Drang" und bei so manchem Thema war ich deutlich irritiert: kenne ich das nicht von Haydn oder auch Mozart?

      Für mich eine sehr willkommene Ergänzung zur Gesamtaufnahme von Preethi de Silva, mit der ich parallel beschäftigt bin. Aber dazu demnächst mehr.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • etc



      Inzwischen habe ich die Gesamtaufnahme "Für Kenner und Liebhaber" mit Prethi de Silva komplett gehört und einige Vergleiche gezogen zu Antalffy und Belder: de Silva sagt mir am meisten zu, macht mich über weite Strecken wunschlos glücklich.

      Sie nutzt verschiedene Instrumente, Cembalo, Clavichord, unterschiedliche Hammerflügel und fühlt sich auf allen gleichermaßen "zu Hause".
      Wie andernorts schon beschrieben: ihre Wahl des Hammerflügels für manche Sonate, die mir eher cembalistisch angelegt scheint, verwundert mich manchmal, aber ist eben ihre Entscheidung.
      Anders als Belder gelingt es ihr um so mehr, jedem einzelnem Werk einen eigenen Charakter zu verleihen, ihre Interpretation wirkt nie wie "Dann machen wir also mal 'ne Gesamtaufnahme".

      Ganz sicher kommt der Humor CPEs nicht zu kurz, seine Widerborstigkeit, dagegen steht aber auch der gesangliche Ansatz so manchen Werkes. Die "Empfindsamkeit" wird von ihr in ausgewogenem Verhältnis sehr schön ausgespielt, wozu sie die verschiedenen Klangfarben des jeweiligen Instruments bewusst einsetzt. In solchen Werken und Sätzen wagt de Silva ganz erstaunlich gedehnte Tempi, ganz im Widerspruch zur Erwartungshaltung, bei CPE kaum langsameres als ein Andante zu hören.

      Es gelingt ihr, zusammenfassend, einzelnen Werken auf den Grund zu gehen, Affekte statt Effekte entstehen zu lassen.
      Trotz des doch recht großen Preisunterschiedes zu Belders Aufnahme, bevorzuge ich die ihre ganz eindeutig.

      In diesem Zusammenhang noch der Hinweis auf folgende CD:


      Hier spielt sie die beiden großen Variationszyklen Müthels auf einem Hammerflügel. Auch den Affekten der Variationen sehr sensibel folgend, ausdrucksstärker als Menno van Delft, den ich dennoch schätze mit seiner Aufnahme.
      Angefügt sind die "La Folia" CPEs und die "Württembergische Sonate" Nr.6: und letztere stellt für mich eine Referenzaufnahme dar. Wie dicht auch polyphon die Sonate gearbeitet ist, geht z.B. bei van Asperen irgendwie völlig unter.
      Wie bedauerlich, dass es keine GA der "Württembergischen" mit ihr gibt!
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire


    • Togni spielt auf diesem "schizophrenen Instrument" Tangentenflügel, das die Persönlichkeiten sowohl des Hammerflügel als auch des Cembalo in sich vereint :D .
      Er lässt somit manchmal sehr ätherische Klangmischungen entstehen, manche Stimme im Diskant verhaucht im Nichts...eigenwillig schön.
      Insgesamt eine Aufnahme, die, finde ich, vor allem auf klangliche Raffinesse ausgerichtet ist und dabei die Eigensinnigkeiten der Werke CPEs gar nicht so sehr in den Vordergrund spielt.
      Eher ein flüssiger, klassizistischer CPE in der Nähe Haydns.

      Zuvor lief diese:


      Die Sonaten Wq 62 und 65, hier auf dem Cembalo, sind ja ganz schöne Brocken! Da hört man den Herrn Papa schon noch sehr deutlich, kontrapunktisch und harmonisch verzwickt wie die Werke daherkommen.
      Da ist noch wenig zu hören von späterer Exzentrik.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire


    • Bin frisch verliebt! In diese CD.

      Nachdem ich bei iTunes enttäuscht wurde, Track 14 ist nur fragmentarisch im Angebot, ist gerade jenes Andantino grazioso das für mich hinreißendste Stück der Aufnahme.
      Letzter Satz der Sonate Wq 57/6, als Finalsatz ein Andantino grazioso ist ungewöhnlich genug.

      Togni nutzt die Klangvielfalt des Tangentenflügels, eben dessen "Schizophrenie", sowohl Hammerflügel als auch Cembalo zu sein und doch ein Instrument mit eigenem Charakter, genüsslich aus.
      Harfenartige Klänge sind möglich, verschiedenste Kombinationen aus Cembalo- und Hammerflügelklang, mal im Diskant Cembalo, mal zartester Hammerflügel; im Bass ebenso, mal nebeneinander, mal miteinander, manchmal auch gegeneinander.
      Der erste Satz der Sonate ist tonal ja sehr raumgreifend, um thematisch doch eher zu kreisen, was einen fast aggressiven Charakter schafft.. Wie in Fesseln wirkt dieses sich um sich selbst drehen.
      Der zweite Satz, ein Andante, nimmt davon kinetische Energie auf. Aufgelöst wird das alles aber erst in besagtem Andantino grazioso. Ein Satz von schmerzlicher Schönheit; der klangliche Reiz des Instruments in all seiner Farbigkeit lässt das zum Verlieben reich, farbig melancholisch....eben zutiefst empfindsam erklingen.

      Auf dass man nicht gänzlich im Sog sich auflöse solcher Schönheit, spielt Togni zum Schluss das Trommelfeuer der Fantasie Wq 61/6.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Nach meiner Freude an der anderen, oben genannten Aufnahme Mathieu Dupouys, nun diese hier:


      Bei den ersten Tönen allerdings war meine Freude getrübt.
      Yukon schrieb über Guldas Clavichord- Klang Worte wie "Midi- Sound".
      Dupouys Aufnahme ist für mich angetan, ebensolche Vokabeln zu verwenden.

      Nach zehnminütigem Hören habe ich mich an den Klang etwas gewöhnt und höre mehr auf Musik und Interpretation.
      Denn was Dupouy macht, ist eigentlich schön, er nutzt die Möglichkeiten des Instruments breit gefächert.
      Besonders die begrenzte Dynamik kehrt er um, selten hörte ich Musik derart nahe an absoluter Stille.
      Die Möglichkeit, den Ton mittels Bebung, also Vibrato, zu beeinflussen, setzt er sinnvoll und vielfältig ein, um die Charaktere der Musik CPEs nachvollziehbar zu machen.

      Wirklich alles sehr schön und gelungen- wenn nur dieser künstliche, kunststoffartige Sound nicht wäre..."Plaste und Elaste aus Schkopau" warb man zu DDR- Zeiten.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Jetzt muss ich meine Aussage doch revidieren. Hörte eben die fis- moll- Fantasie "CPE Bachs Empfindungen", vielleicht das Hauptwerk auf dieser CD.
      Hier ergibt der "künstliche" Klang Sinn. In der Objektivierung dessen, das der Titel sagt.
      Der unverbindliche Klang des Instruments vermeidet, dass das Stück in auch nur irgendeine Art von Sentiment abgleitet.
      Hörbar bleibt und wird, wie extrem Dupouy die Tiefen und Untiefen dieser Fantasie ausleuchtet.

      Somit ist der Klang, auch der abstrakte hier, Mittel statt Störfaktor...."kopfkratz" und zweifelnd.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire


    • Die Israelin Joshua spielt Sonaten aus Wq. 65, 43, 63 und 49 nebst Rondos auf einem Nachbau eines Streicher- Hammerflügels.
      Ein sehr passende Instrumentenwahl wie ich finde, es klingt angenehm warm und eher rund ohne Schärfen oder "spitze" Töne.
      Dennoch geeignet, die Feindynamik dieser Musik vollständig abzubilden, aber eben auch gesangliche Linien.

      Mein persönlicher Favoriz der CD ist gleich die erste Sonate g- moll, Wq. 65/17.
      Deren erster Satz, ein Allegro ist ein Zwitter aus Fantasie und Sonate, könnte auch schreiben: "Sonata quasi una fantasia" :D .
      Der zweite Satz kaum mehr als ein Intermezzo, der nur wenig Ruhe ins musikalische Geschehen bringt.
      Der letzte Satz hingegen.....spielte mir den jemand vor und ließe mich den Komponisten raten, tippte ich auf Haydn. Zwar ein Haydn mit einem etwas exentrischen Themenkopf, in der Fortführung aber ganz er selbst und zu Späßen aufgelegt.
      Schließlich wird das Hauptthema im Verlauf des Satzes nicht verarbeitet, stets nur zitiert. Das Nebenthema hingegen, eher gesanglicher Natur, wird umgeformt und verfeinert.
      Wirklich eine schöne Sonate!

      Die vielleicht anregendste Sonate ist die e- moll Wq. 63/6. Würde sie auf einem Cembalo gespielt, ginge sie als Teil einer Partita des Vaters durch, zumindest der erste Satz.
      Da hat der Vater Ausgeflippteres geschrieben in den Toccaten und Präambulen.
      Das Adagio affetuoso gibt sich empfindsamer, mit einem schreitenden Bass, Seufzern und gesanglich in der Melodie.
      Hier ist der letzte Satz nun explizit als Fantasia bezeichnet. Und er klingt, als hätte die Sarabande der sechsten Partita des Vaters Pate gestanden.
      Die ich, beim Hören CPEs, auch mal gern auf einem Hammerflügel hören würde. Welche Unterschiede zwischen Vater und Sohn würden verwischt werden, wo noch mehr Gemeinsamkeiten hörbar?

      Trotz des Covers, das aussieht, als würde eine Schellackplatte darin stecken, eine wirklich lohnende Aufnahme.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire


    • Um es vorwegzunehmen: der "Star" dieser Aufnahme ist für mich das Instrument.
      Ein Nachbau eines Stein- Claviers mit seinem silbrigem Klang, der doch nie an Substanz und Körper zu vermissen lässt, sondern bei Extremen, auch in der Dynamik, immer noch erstaunliche Reserven hat.
      Ein fortissimo- Anschlag auf einem Stein vermag mich weitaus mehr zu überrumpeln als der auf einem "modernen" Klavier, eben weil es ein so sanft scheinendes Clavier ist, das aber auch anders kann.
      Beim heutigen Klavier sind alle begeistert, welch Pianissimo möglich ist- beim Stein ist der sensible, farbige Klang die Basis und man muss überrascht sein, welch Forte möglich ist!

      Richard Fuller scheint auch die Musik CPEs eher als Vehikel zu nutzen, den Klang des Instruments herauszustellen. Er spielt unprätentiös, uneitel, lässt die Musik sie selbst sein.
      Einzige Ausnahme die Fantasie fis- moll Wq. 67, die er außergewöhnlich gedehnt angeht ohne sie jedoch zerfallen zu lassen.
      Ausnahmekomposition, auf einem Ausnahmeinstrument gespielt.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Seit Wochen schon bin ich weiter unterwegs in Sachen CPE, in Worte gefasst hier etwas geballt.


      Immer wieder ein etwas heikles Unterfangen, ein Clavichord gut aufzunehmen!
      Ich bekam hier bereits Rüffel für diese Aussage, ich wiederhole sie dennoch.
      Denn hier wieder: auch als DVD- Audio erhältlich und mit der Werbung, audiophil zu sein.
      Aber trifft das zu?
      Der Raum für das Instrument doch zu groß dimensioniert, es klingt übergroß und Details ertrinken in der großzügigen Akustik.

      Gespielt sind die Werke jedoch phänomenal virtuos!
      Ueo scheint ca. 30 Finger zu besitzen. Die "Folia"- Variationen haben auf dem Clavichord auch ihren besonderen Reiz, da es durchaus gitarrenähnlich zu klingen in der Lage ist.
      Reizvoll auch, dass Stücke aus dem "Clavierbüchlein für Anna Magdalena Bach" aufgenommen sind, also wirklich auch kompositorisches Laufenlernen CPEs neben der "Württembergischen Sonate" Nr.1 und wieder der späten fis- moll- Fantasie.
      Auch diese grandios gespielt in ihren Schattierungen, Ausbrüchen, ihrem Schweigen. Nur säße ich gern fünf Meter dichter dran am Instrument als Zuhörer um nicht ständig den Eindruck zu haben, ich würde die Details überhören im Raumklang.

      Aber ganz fest vorgenommen: ich werde diese Aufnahme wiederhören. Dann nachts, ohne Straßenlärm und Kinder auf dem Spielplatz hinterm Haus.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire