Francesco Cavalli: Elena

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    • Francesco Cavalli: Elena

      Ich habe dieser Tage eine Oper entdeckt die seit 350 Jahren in der Versenkung verschwunden war: "Elena" von Francesco Cavali, seines Zeichens Schüler von Claudio Monteverdi. Die Oper wurde 1659 in Venedig am Teatro San Cassiano uraufgeführt und es handelt sich um eine Produktion des Festivals Aix en Provence 2013,die von mehreren frz. Bühnen übernommen bzw co-produziert wurde/wird. (Ensemble Cappella Mediterannea unter dem begzbten Argentinier Leonardo Garcia Alarcon) Also eine der ersten Opern in der europäischen Operngeschichte, jetzt wieder ausgegraben. Die Handlung hat mich etwas überrascht. Hier wird nciht, wie erwartet, die allseits bekannte Geschichte Von Helena und Paris und der nachfolgenden Troia-Katastrophe erzâhlt, sondern Helenas Jugend und ihre ersten Liebesabenteuer bis zur Heirat mit Menelaos. Die Anziehungskraft dieser Dame lange vor der verhängnisvollen Paris-Geschichte lässt aber bereits Schlimmes ahnen. Das Bemerkenswerte an "Elena" ist, dass es sich um eine komische Oper handelt und in der Inszenierung von Jean-Yves Ruf kommt das aufs Beste zum Ausdruck. Der junge Prinz Menelaos verliebt sich unsterblich in Elena, die laut ihrem Vater, dem König Tyndaros von Sparta (eigentlich ist ja Jupiter ihr leiblicher Vater...) noch keine richtige Frau sondern noch ein Kind sei. Um sich Elena zu nähern verkleidet Menelaos sich als Amazone und lâsst sich ihrem Vater, als " Kampf-Sport- Coach" für die Tochter verkaufen. Der Vater verliebt sich dann seinerseits in die schöne Amazone. Helena und ihre Amazone werden von Theseus und dessen Freund mithilfe von Neptun schliesslich entführt. Theseus ist ebenfalls in Leidenschaft zu Helena entbrannt und seine Freund verliebt sich ebenfalls in die angebliche Amazone, sprich Menelaos. Menelaos wird also in seiner Rolle als Frau von zwei mächtigen Männern begehrt und dass das per se nicht ohne Komik geht, dûrfte klar sein. Der Menelaos selbst ist eine Sopranrolle, die von einem Mann in Frauenkleidern gesungen wird- doppelte Travestie- und eine sehr anspruchsvoller Opera seria Rolle in dieser weitgehend komischen Oper. Cavalli muss einen sehr guten Kastraten dafür gehabt haben. Hier serh gut gesungen von Kangmin Justin Kim, der die Tâuschung auch äudserrlcih perket verkörpert. Selbst mit enblôsster Brust, (die mehrfach effektvoll in Szene gesetzt wird) ist man sich aus der Ferne nicht 100ig sicher ob es sich wirklcih um einen Mann handelt und die Stimme selbst simuliert perfekt den Sopran. Diese Oper liegt mit ihrer Gender-Problematik jedenfalls voll im Trend...... Es gibt dann auch noch die Amazone Hippolyta, die Theseus in Selbstaufgabe liebt und verfolgt und die als frau in Männerkleidern spielt und singt. Ebenfalls eine tragische Rolle mit hohem vokalem Anspruch.
      Elena verliebt sich schliesslich erst in ihren Entfûhrer, den Super-Macho Theseus und hier gibt es einige dezidiert frauenfeindliche Äusserungen : Frauen lieben nur dann, wenn man sie mit Gewalt dazu zwingt und ähnliche Männerphantasien.....
      Am Ende aber wird Elena von der treuen und leidenschaftlcihen Liebe des Menelaos bezwungen und dessen männliche Verehrer entsprechend beschämt und lâcherlich gemacht. Hippolita die Theseus aus Liebe das Leben rettet, gewinnt schliesslich wieder die Oberhand und Theseus bittet sie inständig um Vergebung für die erlittene Demûtigung. Am Ende stehen zwei Paare deren Glück mehr als zerbrechlich ist. Man sieht die Folgen schon ähnlich vor sich wie in Mozarts Cosi fan tutte.
      Musikalisch ist Cavalli nah an Monteverdi ,ohne allerdings dessen Meisterschaft zu erreichen. Was (mir) fehlt sind eindringliche Melodien, mit denen Monteverdi so stark in der Poppea punkten konnte. Aber die Oper ist musikalisch sehr abwechslungsreich- wie die Poppea- und zwischen Liebesdrama, Tragikomik und echter Komik kommt keinerlei Langeweile auf. Es gibt überraschend viele Ensembleszenen, vom Duo bis zum Quintett und mehr, da muss man lange warten, bis das spâter in der Operngeschichte wiederentdeckt wird. Selbst bei Händel gibt es nicht so viele Ensembles. Unser Rideamus hätte seine helle Freude gehabt.
      Für mich ist Elena zwar kein Meisterwerk wie die Poppea, aber die Wiederentdeckung nach 350Jahren allemal wert und, wenn sie so gut inszeniert, gesungen und musiziert wird wie hier, ein sehr amûsanter Opernabend mit erstaunlich modernen Zügen. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy Queen,

      ihr habt ja tolle Aufführungen! Man könnte ja fast neidisch werden! (Aber der kommenden Saison in Graz sehe ich auch mit Vergnügen entgegen; und diese Saison steht noch der Besuch der "Jenufa" an, auf die ich mich schon sehr freue!)

      FairyQueen schrieb:

      Die Handlung hat mich etwas überrascht. Hier wird nciht, wie erwartet, die allseits bekannte Geschichte Von Helena und Paris und der nachfolgenden Troia-Katastrophe erzâhlt, sondern Helenas Jugend und ihre ersten Liebesabenteuer bis zur Heirat mit Menelaos. Die Anziehungskraft dieser Dame lange vor der verhängnisvollen Paris-Geschichte lässt aber bereits Schlimmes ahnen.


      Von Helena gibt es ganz ganz viele Raubgeschichten mit ganz verschiedenen Männern, die Geschichte mit Paris ist nur wegen der Verewigung bei Homer die berühmteste geworden, daneben hat noch die Theseus-Geschichte eine bescheidene Bekanntheit erreicht, während die anderen nur in sehr obskuren Quellen nachzulesen sind (oder im Roscher, natürlich!). Da gesichert ist, dass es in Sparta einen Kult der Helena gab, ist eine These der antiken Religionswissenschaft, dass es sich bei Helena ursprünglich um eine Hochzeitsgöttin gehandelt haben könnte, bei deren regelmäßig wiederkehrenden Festen vielleicht Hochzeitsbräuche wie Brautraub o.ä. nachgestellt worden seien, und diese Kulthandlungen nachträglich mit entsprechenden Mythen "erklärt" worden seien.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.