Mit links gespielt - Klavierkompositionen für nur die linke Hand

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    • Kater Murr schrieb:

      Im wikipedia-Beitrag zu Paul Wittgenstein finden sich noch einige weitere linkshändige Werke:

      "http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Wittgenstein_%28Pianist%29


      Dank auch an den romantischen Kater! Jetzt werden wir die Nummern allmählich beieinander haben - und frustriert nach Hause gehen, wenn wir keine Tonträger dazu finden. Ich habe aber auch als älterer Mensch mittlerweile gemerkt, welche Überraschungen yt bisweilen birgt (und bisweilen dann doch nicht). Auf geht's! :thumbup:

      Das Konzert für die linke Hand von Kurt Leimer werde ich mir heute anhören!

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Eine kleine Ergänzung. Ich habe heute eine Sendung über Paul Wittgenstein (in "Musik ommentiert") gehört. Welche Werke für ihn geschrieben wurden, kann man der Liste unter seinem Namen bei Wikipedia entnehmen.

      Wittgenstein ging es vor allem, seinen Ruf als Konzertpianist zu restaurieren bzw. auszubauen. Da ihm auch große finanzielle Mittel zur Verfügung standen, wandte er sich an die jeweils bekanntesten Komponisten. Am ehesten gab es zu Beginn seiner Konzerttätigkeit nach dem Krieg künstlerische Übereinstimmung. Erkennbar ist sie in der Werkeliste, wo ein Komponist mehrere Aufträge erhielt. Ansonsten zeichnen sich typische Probleme beim Interpreten ab

      1) das Werk zeigt sich zu reich instrumentiert (Wittgenstein: Wie soll ich mit einer Hand gegen das ganze Orchester anspielen). Dieser Typus ist schon bei Korngold vertreten, selbstverständlich auch bei Richard Strauss. Während sich Strauss recht konziliant in Sachen Änderung des Textes durch den Interpreten zeigte, erboste Wittgenstein andere Komponisten durch seine Eingriffe.
      2) das Werk zeigt sich als unbedeutend, weil der Komponist doch nicht in die erste Reihe gehörte.
      3) vor allem mit Fortschritt der Zeit: Wittgenstein "versteht" die Komponisten nicht mehr, ob Ravel oder Prokofjew - es ist eine Sprache der neuen Zeit, die Paul Wittgenstein nicht mehr spricht.

      Lieblingswerke Wittgensteins waren die Kompositionen Franz Schmidts - vor allem die Beethoven-Variationen.

      Durch die Eigentumsverhältnisse und die starre Haltung der Erben ist die Rezeption der Werke z.T. erheblich behindert worden.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Eine besondere Rarität schuf der amerikanische Komponist William Bolcom (*1938) mit seinem "Concerto for Two Pianos, Left Hand". Er komponierte es für Leon Fleisher und dessen Freund Gary Graffman, die beide unter ähnlichen Lähmungserscheinungen der rechten Hand litten.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde
    • Kann man dieses offensichtlich höchst interessante Solokonzert von Bolcolm irgendwo erwerben oder hören, Monsieur le Général?

      off topic: Das folgende Klavierkonzert ist witzig, postmodern und reichlich politisch quer:



      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Neben den bereits genannten Werken möchte ich gerne noch auf diese aufmerksam machen:

      Sergej Bortkiewicz: Konzert für die linke Hand op.28 (Auftragswerk für Paul Wittgenstein)

      Ein wunderschönes Werk, nur leider nie aufgeführt

      Von Godowsky gibt es neben den zahlreichen Chopin-Erweitereungen noch eine große Anzahl weiterer Werke für die linke Hand. Auf der letzten Folge der Klaviermusik mit Sherbakov ist eine Reihe davon vertreten. Darunter auch solche die parallel für 2 Hände bearbeitet wurden.

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51rUDqjYlyL._SP160,160,0,T_.jpg]

      Godowsky hat die Stücke für linke Hand nicht nur zu Übungszwecken verfasst, sondern er war auch in besonderer Weise fasziniert von dieser Art Klavier zu spielen. Die Chopin Etüden hat Marc André Hamelin in ganz unnachahmlicher Weise eingespielt. Das ist bisher nicht übertroffen worden, und bezeichnender Weise hat Konstantin Sherbakov diese Etüden auch noch nicht eingespielt, und hat es wohl auch nicht vor.

      Von Charles Valentin Alkan gibt es die Kuriosität seines op.76, das aus 3 Etüden besteht, und zwar jeweils für die linke, die rechte und beide Hände.

      Wer mehr über Paul Wittgenstein erfahren möchte, dem sei das Buch "Konzert für die linke Hand" von Lea Singer alias Eva-Gesine Baur empfohlen. Das ist zwar mehr eine Beschreibung der Familie Wittgenstein und ihrer schwierigen Charaktere (Ludwig kommt da ganz schlecht weg), aber ansonsten ganz informativ.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Mir fällt gerade noch eine nette Geschichte ein.
      Der Pianist Francesco Libetta hat nach einem Konzert in Hamburg einen großen Blumenstrauss überreicht bekommen. Da er noch eine Zugabe spielen möchte, aber nicht so recht weis wo er mit dem Blumenstrauss den er in der rechten Hand hält abbleiben soll, spielt er kurzerhand mit der Linken die sog. Revolutionsetude von Chopin in der linkshändigen Version von Godowsky, während er in der Rechten die Blumen hält. "https://www.youtube.com/watch?v=XeBxI53R89I"

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • andréjo schrieb:

      Jetzt werden wir die Nummern allmählich beieinander haben


      Aber nur, wenn man sich auf die armseligen Ressourcen des Internets beschränkt... :D




      In diesem Buch katalogisiert der österreichische Pianist und Musikwissenschaftler Albert Sassmann nicht weniger als 1100 Kompositionen für Klavier linkshändig, darunter natürlich viele Arrangements und Transkriptionen, aber z.B. auch mehr als fünfzig Klavierkonzerte.

      Dazu vergleiche auch diesen Zeitungsartikel von Martin Ebel:

      "http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/klassik/Die-Paralympics-der-Klassik--/story/26772506"


      Wie dort berichtet wird: Der Pianist Maxime Zecchini arbeitet an einer Anthologie linkshändiger Klavierwerke auf CD. Drei Scheiben sind bereits erschienen:




      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Mal eine ganz doofe Frage: Gibt es auch Kompositionen für die rechte Hand allein? Abgesehen davon, dass Wittgenstein nun mal die Linke noch hatte, ist doch eigentlich nicht einzusehen, warum nur für die. Oder ist es sozusagen ein doppeltes Handicap, dass, wenn nur eine, dann die linke Hand verwendet werden muss?
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Kater Murr schrieb:

      Mal eine ganz doofe Frage: Gibt es auch Kompositionen für die rechte Hand allein? Abgesehen davon, dass Wittgenstein nun mal die Linke noch hatte, ist doch eigentlich nicht einzusehen, warum nur für die. Oder ist es sozusagen ein doppeltes Handicap, dass, wenn nur eine, dann die linke Hand verwendet werden muss?


      Wie im oben verlinkten Artikel erläutert wird: offenbar bestand der Reiz und Schaueffekt des einhändigen Klavierspiels bei den Virtuosen des 19. Jahrhunderts darin, dass die traditionell für die Begleitung zuständige linke Hand jetzt alles allein übernimmt - nur mit der rechten Hand wäre das nicht ganz so spektakulär gewesen. Als Stück nur für die rechte Hand fällt mir die zweite Etüde aus Alkans op. 76 ein - und dort ist das konzeptionell bedingt (eine Etüde mit links, die nächste mit rechts, die abschließende dritte mit beiden Händen).

      Allerdings finde ich es auch erstaunlich, dass die einhändigen Klavierwerke im Gefolge des Ersten Weltkriegs (fast?) alle für die linke Hand geschrieben worden sind. Klar, Wittgenstein als der bekannteste und wohl auch bedeutendste einarmige Pianist hatte den rechten Arm verloren. Aber der durch Kriegsverletzungen ausgelöste Boom einhändiger Klavierwerke ist ja anscheinend nicht nur durch Wittgenstein ausgelöst worden. Und es muss doch auch Pianisten mit verletztem oder amputiertem linken Arm gegeben haben.


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Kater Murr schrieb:

      Gibt es auch Kompositionen für die rechte Hand allein? Abgesehen davon, dass Wittgenstein nun mal die Linke noch hatte, ist doch eigentlich nicht einzusehen, warum nur für die. Oder ist es sozusagen ein doppeltes Handicap, dass, wenn nur eine, dann die linke Hand verwendet werden muss?
      Der Hauptgrund dürfte sein, dass die linke Hand besser zum einhändigen Spielen geeignet ist als die rechte: Die starken Finger 1 bis 3 (also Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger) liegen beim linkshändigen Spielen oben, was der meist melodieführenden Stimme auf natürliche Weise entspricht und außerdem einen natürlichen Ausgleich für die auf dem Klavier nach oben hin schwächer werdenden Lagen schafft. In der rechten Hand müsste man diese Stimmen sehr oft mit den schwachen Fingern 4 und 5 (Ringfinger und kleiner Finger) spielen und hervorheben. Das Problem tritt zwar auch beim beidhändigen Spiel auf (weshalb Leopold Godowsky der Meinung war, dass die linke allgemein die bessere Klavierhand sei), wird allerdings dadurch abgeschwächt, dass man ja in vielen Momenten auch die starken rechten Finger für melodieführende Stimmen einsetzen kann, weil sie nicht gleichzeitig für Neben- oder Begleitstimmen gebraucht werden. Ein "doppeltes Handicap" wäre es also eher, nur mit der rechten Hand zu spielen.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Der britische Pianist Cyril Smith konnte nach einem Schlaganfall nur noch mit der rechten Hand spielen.
      Zusammen mit seiner Ehefrau Phyllis Sellick bildete er von den 40er bis in die 70er Jahre ein in England sehr beliebtes Klavierduo.

      Für dieses Duo wurden einige Werke für 2 Klavier zu 3 Händen komponiert, und natürlich wurden Werke umgeschrieben, damit Smith weiterhin -aber halt nur mit der rechten Hand- spielen konnte.
    • andréjo schrieb:

      Kann man dieses offensichtlich höchst interessante Solokonzert von Bolcolm irgendwo erwerben oder hören, Monsieur le Général?


      Ich habe nur bei Recherchen zu Graffman darüber gelesen - eine Aufnahme des Werks ist mir nicht bekannt.

      Eben so unbekannt war mir bislang, dass der Wunderpianist Dinu Lipatti auch komponiert hat - darunter auch eine dreisätzige Sonatine für die linke Hand. Eingespielt hat er sie höchstselbst. Wie kolportiert wird, schrieb er das Werk nicht etwa für einen Kriegsversehrten, sondern weil er im Ferienhaus nur wenig Notenpapier hatte, das eng beschrieben werden musste... :rolleyes:

      "http://www.youtube.com/watch?v=EkLMZKPrzG8"

      Cheers,

      Lavine :wink:
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      Oscar Wilde
    • Eusebius schrieb:

      Sergej Bortkiewicz: Konzert für die linke Hand op.28 (Auftragswerk für Paul Wittgenstein)

      Ein wunderschönes Werk, nur leider nie aufgeführt
      Bortkiewicz war ein Ukrainer mit polnischen Vorfahren, der sich selbst als Russe fühlte, in Deutschland studierte und später nach Österreich zog. "Leider nie aufgeführt" kann nicht ganz stimmen, denn es existieren verschiedene Einspielungen. Und die Erstaunen doch sehr – warum nur wird dieses 1923 komponierte herrliche Konzert viel seltener aufgeführt als diejenigen von Ravel oder Prokofieff? Wittgenstein jedenfalls soll dieses Konzert von all jenen, die er in Auftrag gegeben hat, am meisten geschätzt haben. Allerdings gab er wohl auch die Rechte an dem Stück niemals her und es waren lange Zeit keine Noten zugänglich, die Aufführungen ermöglicht hätten. Es handelt sich um ein süffig-spätromantisches Werk mit dramatischem Impetus in der Nachfolge von Tschaikowsky, Borodin und Skriabin. Diese Einspielung finde ich äußerst gelungen:


      youtube.com/watch?v=xm1wNnn6m-Y




      Cheers,
      Lavine :wink:
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde