Eben gewälzt

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    • liebe Mia,

      mir ergeht es ähnlich.
      Das andere Cover-Design kenne ich ebenfalls - man hätte es auch für das Taschenbuch dabei belassen sollen.
      Fällt Dir nichts auf?


      audiamus


      .
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Olle Kamellen (1)

      Das Beethoven-Lexikon

      Dieses Buch habe ich heute nicht gekauft. Aber recht angelegentlich eingesehen. Warum ich es allerdings gewiß auch niemals kaufen werde, möchte ich kurz mitteilen…

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      Das Beethoven-Lexikon, herausgegeben von Heinz von Loesch und Claus Raab, ist als sechster und der Sache nach letzter Band des neuen Beethoven-Handbuchs im Laaber-Verlag vor kurzer Zeit erscheinen [2008].

      Impressiv und gewichtig liegt das Werk dem geneigten und gespannten Interessenten in der Hand. Es ist wirklich schön verarbeitet, das muß es auch, bei derzeit 98 und im nächsten Jahre 118 Euro Ladenpreis.

      Doch wie ist es um die inneren Werte bestellt, was hat Das Beethoven-Lexikon zwischen den Buchdeckeln zu bieten?

      Beim ersten flüchtigen Blick auf das Gremuim der Autoren fallen zumindest mir Namen auf, bei denen ich ein wenig stutzig werde. Sollten Eleonore Büning oder Ingo Harden tatsächlich zur Crème de la Crème der Beethovenforschung zu zählen sein? Und sind Namenspaare wie Wolfram und Katharina Steinbeck, Christa und Peter Jost, Armin und Claus Raab wirklich auf jeweils unfamiliär sich lediglich gehäuft ergebende Zufälligkeiten zurückzuführen? Ich werde jedenfalls schnell mißtrauisch, wenn man die lieben Verwandten aus vorwiegend eben diesem guten Grunde, daß sie ja Verwandte sind, an seinem Werkchen mittun läßt, doch vielleicht ist das in diesen Fällen ja auch unbegründet? Ich kann mich täuschen… deshalb ganz rasch zum Inhalt.

      Großen Appetit macht nämlich nun ein erstes Blättern in dem Lexikon. Wunderbar vielversprechende Stichwörter tauchen da vor einem auf, man wähnt sich schon im Paradies der Beethovengelehrsamkeit und –kenntnis! Und tatsächlich, die Artikel zu „Skizzenforschung“, den „Opuszahlen“, „Konversationsheften“ und „Kadenzen“ oder auch zu „Metronom und Metronomangaben“ sowie der „Bibliothek Beethovens“ halten größtenteils, was sie versprechen. Sie bieten einen substanzreichen, präzise recherchierten Überblick über die jeweilige Materie, der nicht selten mit Einblicken in die neuere und neuste Forschung garniert und allermeist durch ein hochwertvolles kleines Literaturverzeichnis abgerundet wird. Allerliebst auch ein doppelseitiger Plan, der Beethovens zahlreiche Wohnungen in Wien mitteilt.

      Allerdings handelt es sich bei den eben angeführten und ihnen verwandten Artikeln auch um „Realthemen“, um Sachverhalte, denen positivistisch schon mit bloßen Datensammlungen und Auswertungen beizukommen ist. Wie schlägt sich das Lexikon bei seinen komplexeren Artikeln, in denen sorgsam Befund und Deutung auseinandergehalten werden müssen und die mit reiner Fleißarbeit nicht befriedigend zu bewältigen sein werden?

      Ich konnte hier nicht annähernd soviel sichten, wie ich gern getan hätte. Die Proben allerdings, die ich entnehmen konnte, ergaben folgendes verrutschtes Bild.

      Zunächst einmal fallen willkürlich wirkende Lemmata auf, die Personen aus der Wirkungs- und Aufführungsgeschichte des Beethoven´schen Werkes anführen, welche meines Erachtens in einem einbändigen und somit auch räumlich stark beschränkten Lexikon nichts zu suchen haben. Wieso haben „Svjatolslav Richter“, „Anne-Sophie Mutter“ oder das „Beaux Arts Trio“ im Beethoven Lexikon Raum erhalten, während es doch diverse summarische Artikel zur Wirkungsgeschichte der Kompositionen und ihrer Aufführungsgeschichte, auch zu Schallplatteneinspielungen gibt?

      Und wer hat diese sowie etliche andere Interpreten ausgewählt, und damit im selben Moment unzählige andere, deren Nennung für diesen oder jenen Musikfreund nicht weniger Plausibilität auf sich vereinigen würde, auszuschließen? Doch das ist nicht das Schlimmste.

      Der Artikel zu „Karajan“ etwa beginnt mit diesen wohlgesetzten Worten: „Karajans spezifischer Umgang mit Beethoven erklärt sich aus der inneren Logik seiner beispiellosen Karriere…“

      Aha, soso, da sieh´ mal einer an! Was sich fachlich weit weniger “gebildete“, dafür aufrichtige und rechtschaffene Lokalredakteure noch nicht einmal getrauen würden, zwischen Wohnungsanzeigen und Supermarktangeboten in ihrem Dorfkurier abzudrucken, das steht jetzt in dem neuen repräsentativen Beethoven-Lexikon! Die übrigen Artikel zum Kränzchen der auserlesenen Beethoveninterpreten (denen, die es wert sind, ihrem Herrn und Meister auch begrifflich nahe zu sein) lesen sich kaum weniger peinlich und bezuglos.

      Obwohl es einen Artikel „Popmusik“ gibt, kann der interessierte Klassikfreund einen ganzseitigen Eintrag zu „Roll over Beethoven“ studieren! Ich habe mich gefragt, wo der mehrseitige und ausgiebig bebilderte Artikel zu den Filmen „Ein Hund namens Beethoven (eins bis soundso)“ geblieben ist?

      Das Schlimmste aber ist, daß auch die Beiträge, die eher zum harten Kern der Sachlage zu zählen sein dürften, oft heikle Ungenauigkeiten bis an die Grenze zum Feuilleton aufweisen.

      Der Eintrag „Symphonien“ hebt an: „Mit Beethoven vollzieht die Gattung Symphonie den Wandel von aristrokratisch fundierter Gesellschaftsmusik zur Ideenkunst. Der „implizite Hörer“ seiner Symphonien ist die Menschheit, und der Komponist ist ihr Tribun. […]“

      Himmel nochmal! Abgesehen davon, daß ich nicht weiß, was „aristrokratisch fundierte Musik“ sein soll, und daß der Begriff „Ideenkunst“ ziemlich genau fünfzig Jahre zu spät für eine kritiklose Hinnahme kommt, muß ich gestehen, daß ich mich spontan gefragt habe, in welcher Einspielung „die Menschheit“ den Symphonien unseres Volkshelden und politischen Sympathieträgers wohl am liebsten lauschen möchte…?

      Zum Lemma „Schreibstil“ ist zunächst zu sagen, daß es gar nicht, wie vielleicht erwartet, auf Kompositionen, sondern auf Beethovens hilfloses Wortgekritzel gemünzt ist (zur Kompositionstechnik existieren einige andere Beiträge). Hier erfährt der vorurteilsbehaftete Kenner seiner Weltliteratur sogleich, daß es sich bei den überbliebenen sprachlichen Erzeugnisse des Menschen, der wohl wie kaum ein anderer auf Töne angewiesen war, um sich verständlich zu machen, gleichwohl um „stilvoll formulierte […] und gedanklich klar geliederte [sic!] Briefe“ gehandelt habe. Gut, daß solche im Zusammenhang eines Lexikons überdies unzulässigen Werturteile nachprüfbar sind…

      Schließlich werden sogar im Ganzen gelungene Artikel durch eine ubiquitär zu konstatierende Freude am Parlieren eingetrübt. Zu „Scherzo und Menuett“ erfahren wir nach bereits ausgiebigen Vorklärungen:

      „Scherzo und Menuett unterscheiden sich bei Beethoven durchaus signifikant. Charakteristisch für die Menuette ist ihr – zum Teil höchst vertrackter und reflektierter – Bezug zur Tradition und ihre Opposition zum neuen Scherzo. Menuette bei Beethoven sind einerseits Ausdruck eines dezidiert älteren Habitus, zugleich Gegenstand der Auseinandersetzung damit und der Profilierung eines eigenen neuen Gestaltungspotentials. Menuette sind nicht „nur“ Menuette, sondern kompositorisch ausgetragene Reflexion auf sie.“

      Und erst nach solch redundantem und – wenn es ohne weiterführende Belege geboten wird – auch nicht nachprüfbarem Gefasel kommt dann endlich die Erlösung in Form einer doch noch sinnhaft sich verfestigenden Aussage:

      „Ihr in der Regel ruhigerer, gleichsam milderer Charakter, ihre weichere Melodik und geringere rhythmische Motorik hebt sie [die Menuette, Zusatz von mir] deutlich von den Scherzi ab.“

      In ein ambitioniertes Lexikon, dessen Bestreben es sein müßte, mit möglichst jedem Satz etwas Neues zu sagen, gehört ein solches Kreisen im luftleeren Raum um eine knappstmöglich zu benennende Aussage nicht hinein. Das schmeckt nach Unvermögen, die Textsorte Lexikoneintrag zufriedenstellend handhaben zu können. Auch grenzen Wortverbindungen wie „dezidiert älterer Habitus“, „kompositorisch ausgetragene Reflexion“, „weichere Melodik“ und „geringe rhythmische Motorik“ an metaphorischen Gebrauch, der in Sacherläuterungen tunlich vermieden werden sollte. Von vage angedeuteten subjektiven Eindrücken und Verständnisgrundlagen in der Begriffserschließung mal zu schweigen.

      Dies ist jedoch nur mein Verdikt, ich bitte, urteilt selbst.


      Alex, Graf Wetter

      (vom Oktober 2008. Hat sich zwar schon damals kein Schwein für interessiert...)

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Olle Kamellen (2)

      Tatsächlich heute angeschafft wurde die neue große Lessingbiographie, von deren künftiger Existenz ich wieder einmal vorher überhaupt nichts mitbekommen habe. Sie muß ebenfalls ganz frisch ausgeliefert worden sein.

      [Blockierte Grafik: http://www.audiamus.com/assets/images/Lessing.jpg]

      Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. C.H.Beck 2008

      Der Autor ist Engländer - und ich erwarte dennoch keine Laberorgien wie etwa in Boyles vollkommen überflüssiger Goethebiographie, die in Übersetzung und mit seinerzeit großem Getöse im gleichen Verlag erschienen ist (und deren dritter Band auch siebzehn Jahre nach Abfassung des ersten nach wie vor fehlt).

      Nisbet hat in Cambridge Germanistik gelehrt, ist jetzt emeritiert und hat bereits seit 1998 an dem nun vorliegenden, 1000 Seiten starken, aber dennoch schöngebundenen und handlichen opus magnum gearbeitet.

      Als Übersetzer war Karl S. Guthke tätig, die Literaturwissenschaftler unter uns werden sich seiner erinnern. Die Übersetzung scheint mir nach spärlichen Stichproben, die ich schon vornehmen konnte, sehr gut bis exzellent zu sein.

      Daß überhaupt eine umfangreiche Biographie Lessings vorliegt, ist bereits positiv zu verzeichnen. Ich selbst habe bisher mit meinen alten Halblederbänden von Erich Schmidts Monumentalwerk aus dem vorvergangenen Jahrhundert vorlieb nehmen müssen - die Erleichterung ist groß, die nun in die Abteilung für Wissenschaftsgeschichte verschieben zu können...

      Ich erwarte nach Lektüre des glänzend geschriebenen und methodisch anspruchsvollen Vorwortes heute nachmittag in einem Münsteraner Café nicht mehr und nicht weniger von diesem Buch, als daß es am Leitfaden der Person und des Werkes Lessings einen großflächigen Ausschnitt des literarischen Lebens um die Mitte des Achtzehnten Jahrhunderts bietet.

      Lebensabschnitte und Werkbesprechungen sollen nach Angaben des Autors zwar getrennt abgefasst sein, sich aber dennoch stark aufeinander beziehen lassen, ein Verfahren, das glücklicherweise häufig in den neueren und neuesten vergleichbaren "Dichterbiographien" angewandt wird (so etwa in Karl Otto Conradys Referenz-"Goethe" aus den Achtziger Jahren oder auch in Peter-André Alts erträglichem zweibändigen "Schiller" aus dem Jahr 2000. Gerhard Schulz hat in seinem ganz vorzüglichen "Kleist" aus dem vergangenen Jahr sich voll aufs Biographische konzentriert und ausgedehntere Werkvorstellungen vermieden.)

      Desweiteren kündigt Nisbet einen Lessing mit Schwächen und ein Lessingbild mit Brüchen an, was sich doch ganz vielversprechend anhört. Nisbet scheint sich vor seiner Großtat näher mit der Textsorte Biographie beschäftigt zu haben, auch und gerade mit ihren methodischen Implikationen, was mich zuversichtlich sein läßt in Bezug auf eine kenntnisreich und angenehm geschriebene Lessinglebensbeschreibung (und mehr).

      Das Buch hat mich 39,90 gekostet, Euch wird´s wohl ähnlich gehen, solltet Ihr es auf den Nachttisch legen wollen. Es ist hochwertigst gearbeitet, nett ausgestattet, fadengeheftet für eine kleine Ewigkeit. Insofern nicht zu teuer.


      Alex, Graf Wetter

      (vom September 2008)

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Olle Kamellen (3)

      Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie

      Vor eineinhalb Wochen druckfrisch ausgeliefert nehme ich derzeit oft den dritten Band der in meinen Augen gegenwärtig wichtigsten deutschsprachigen Enzyklopädie zur Hand:

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      Dies ist nun zwar nichts, was das Bildungsbürgertum (wenn´s das noch geben sollte) mal eben zwischendurch so mitverspachteln kann, aber weil doch einige mathematisch-naturwissenschaftliche Freunde unter uns Taminos sind, möchte ich den „Mittelstraß“ hier ganz kurz vorstellen.

      Die „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ erscheint derzeit in zweiter Auflage mit einer Gesamtstärke von acht Bänden im Metzler Verlag. Eine erste Auflage in vier Bänden wurde von 1980 bis 1996 erarbeitet, sie ist nun maßgeblich erweitert und ergänzt worden.

      Der Herausgeber selbst zählt zu den bekanntesten und wohl auch präsentesten Wissenschaftstheoretikern in der medialen Öffentlichkeit. Diverse Aufsatzsammlungen sind erschienen, ein zentrales Interesse von Jürgen Mittelstraß gilt der gegenwärtigen Hochschulpolitik, genauer deren theoretischen und praktischen Grundlagen.
      Fachlich reichen seine Schwerpunkte von Platon bis zu allerneuesten Entwicklungen in nahezu allen Einzelfächern seiner Wissenschaften, im Besonderen sicherlich in der theoretischen Grundlagenforschung. Mittelstraß ist im Umfeld der sog. Erlanger Schule (die im engeren Sinne den Begriff „Konstruktivismus“ auf sich beziehen darf) akademisch großgeworden und hat selbst in Konstanz eine Art Nachfolgegeneration der erwähnten „Schule“ um sich versammelt.

      So rekrutiert sich auch der Mitarbeiterkreis der „Enzyklopädie“ maßgeblich aus Forschern mit dem Schwerpunkt der Logik, Mathematik und der exakteren Naturwissenschaften. Doch auch primär historisch arbeitende Wissenschaftler fehlen im Bearbeiterkreis nicht ganz, schließlich wollen ja Artikel wie „Heidegger“ und „Hermeneutik“ ebenso geschrieben sein…

      Es gibt in der „Enzyklopädie“ sowohl Sach- wie Personeneinträge. Innerhalb der Sacheinträge reicht das Spektrum von – sagen wir mal – „mikroskopischen“ Begriffen (wie „Goldbach´sche Vermutung“ oder auch schlicht „Faulheit“) bis zur Auffächerung ganzer Theoriefamilien oder Großdisziplinen innerhalb der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Unter den „Personen“ finden sich glücklicherweise recht entlegene Namen, die in anderen Lexika gern ausgespart werden, antike Wissenschaftler etwa, deren Leistungen teilweise lediglich in Sekundärüberlieferung erhalten sind (Archytas), aber auch Gegenwartsautoren, welche außerhalb ihrer Spezialdisziplin kaum bekannt sein dürften (Gentzen).

      Der für die Erläuterung bereitgestellte Raum scheint mir weniger nach einer diffus festzumachenden „Bedeutsamkeit“ des jeweiligen Begriffes vergeben worden zu sein als vielmehr nach dem Prinzip „Jedesmal genausoviel erklären, wie es nötig scheint“. So mag es auf den ersten Blick zu gewissen Asymmetrien bei der Artikellänge gekommen sein, bei näherem Hinsehen aber lösen sich eventuelle Unwohlseinsempfindungen diesbezüglich doch rasch auf.

      Wer Galilei in extenso kennenlernen will, der wird sich bald Spezialliteratur über ihn und sein Werk beschaffen. Was ein „Nominator“ ist, wird dagegen aus dem betreffenden Artikel nahezu vollständig hervorgehen müssen, soll diese Enzyklopädie was taugen.

      Für Fortgeschrittene und Spezialisten sind die ausgiebigen Literaturangaben oft wenigstens so wertvoll wie die Darstellung selbst.

      Man muß natürlich noch einmal deutlich hervorheben, daß der Schwerpunkt ganz klar auf dem erwähnten logisch-mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebiete liegt. Selbst das allerdings gehört zur Bildung, sogar zur Allgemeinbildung, auch wenn das manchmal unbequem erscheint.

      Ich lese drin, wie andere in einer Anthologie, lasse mich vor- und zurückverweisen, folge bereitwillig manchem Nebenstrang und möchte mich ungern von meiner nachschlagenden Ursprungsabsicht in dieser wunderbaren Vielfalt restringieren lassen. Schmökern sagt man da wohl. Ich schmökere darin. Und das macht Riesenspaß.

      Zum Schluß sei angemerkt, daß dieses Buch auch schön ist. In fester Fadenheftung gebunden, mit starkem, edlem Einband, ein hübscher Umschlag noch dazu, die „Enzyklopädie“ riecht gut (wir wissen es, der Junkie schnüffelt dran) und macht was her.

      Bevor man sich die zwanzigste Musikerbiographie einverleibt, vielleicht lieber mal einen Blick hierein riskieren?

      Alex, Graf Wetter

      (vom September 2008)

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Olle Kamellen (4)

      Bonhoeffer: Gemeinsames Leben

      Heute ist Bonhoeffer bei mir eingetroffen.



      Das Büchlein habe ich bereits zu dritten Mal gekauft, ein Exemplar ist von mir irgendwann verschenkt, eines in gründlicher Lektüre zugrundegerichtet worden.

      Bonhoeffers Theologie steht mir so nahe wie kaum eine andere. Ich liebe seine teils heftig ignorierten „Ethik“-Manuskripte sehr, die manchem problematisch erscheinende Radikalität der „Nachfolge“ (1937) habe ich verschlungen, die Fragmente aus der Zelle, von Bonhoeffers Freund und späterem Biographen Eberhard Bethge nach Kriegsende unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ herausgegeben, schließlich enthalten in der Tat so etwas wie eine „neue, am Diesseits orientierte Stufe“ von Bonhoeffers Denken und Erleben, welche mich jedesmal beeindruckt. Dies vorweg, damit man weiß, wer hier berichtet.

      Zum Autor selbst wird man ja hoffentlich keine Worte mehr verlieren müssen. Dietrich Bonhoeffer wird völlig konfessions- und sogar religionsübergreifend als eine bedeutende Gestalt und, was viel mehr ist, als ein Mensch des 20. Jahrhunderts gekannt und gelesen.

      „Gemeinsames Leben“ nun ist, als eine Art „christliches Haus- und Weisungsbuch“, sozusagen aus den Finkenwalder Predigerseminaren entstanden, die Bonhoeffer von 1935 bis zur Zwangsschließung 1937 in diesem abgelegenen Ort bei Stettin leitete.

      „Gemeinsames Leben“ ist allerdings viel mehr als nur die bloße Festschreibung bestimmter Experimentierformen christlicher Gemeinschaft. Denn auch wenn Bonhoeffer das schmale Büchlein in kürzester Zeit heruntergeschrieben haben sollte (wie Bethge uns berichtet), so ist in ihm doch eine ziemlich frühvollendete Durchdringung möglicher Gemeinschaftsformen unter den Menschen zu finden, was andererseits auch wieder nicht erstaunt, wenn man Bonhoeffers Laufbahn vom Vikariat in Barcelona über die Zeit in England als Sekretär des ökumenischen Jugend-Weltbundes bis Finkenwalde verfolgt.

      Das sehr leicht lesbare, weil eben auch für weitere und weiteste Kreise gedachte „Gemeinsame Leben“, das 1939 bei Kaiser in München veröffentlicht worden ist, war Bonhoeffers letzte Buchpublikation. Es ist abgefaßt in jener klaren aber dennoch tiefen Sprache, die für Bonhoeffers spätere Manuskripte insgesamt charakteristisch ist.

      Die Gliederung in fünf Kapitel ist diese: „Gemeinschaft“, „Der gemeinsame Tag“, „Der einsame Tag“, „Der Dienst“ sowie „Beichte und Abendmahl“.

      Der praktische Konsequenzialismus, der dieses Buch so wertvoll macht, wird heute beinahe wieder genauso leichtfertig belächelt und als „unrealistisch“ abgetan, wie zur Zeit der liberalen Theologie, in die er ´39 hineingeschrieben wurde.

      Bonhoeffer bleibt unbequem, er war es im Leben, Schreiben und im Sterben. Wenn sein Leben und Sterben mit so viel Hingabe, Respekt und Teilnahme gesehen werden, warum nicht seine Schriften, die doch viel gelesen und weiterhin in aller Hände sind? Nun, ich vermute, weil das Leben und Sterben eines großen Einzelnen in vergangenen, extremen Umständen keinen unmittelbaren Appell an unsere heutige Wirklichkeit mehr mit sich tragen – zumindest keinen, der sich eins-zu-eins übersetzen ließe.

      Das ist mit seinen (praxisnahen) Werken anders. Bonhoeffers auffordernde Stimme reicht darin ungebrochen, ungefiltert bis in jede Gegenwart und sein teils komprimßloses Zuendedenken bestimmter Fragen wurde sogar von den Nächsten manchmal nicht recht geduldet. So schreibt Eberhard Bethge etwa im Nachwort zu „Gemeinsames Leben“ von der »problematischen Tendenz einer vollständigen Trennung von „geistlich“ und „seelisch“«, die Bonhoeffer im „Gemeinsamen Leben“ entwickelt.

      Dies ist aber gerade der Kniff an Bonhoeffers Ausführungen.

      Mit der Trennung von „geistlicher“ und „seelischer“ Liebe (auch "pneumatische" und "psychische Wirklichkeit") geht Bonhoffer in den letzten Seiten des ersten Kapitels „Gemeinschaft“ auf die für ihn wesentlichste Trennlinie innerhalb des Begriffes Liebe ein. In der geistlichen Liebe ist Jesus der Bezugspunkt jeglicher Form von menschlicher Gemeinschaft. Bonhoeffer drückt das so aus:

      Seelische Liebe macht sich selbst zum Selbstzweck […]. Sie pflegt, sie kultiviert, sie liebt sich selbst und sonst nichts auf dieser Welt. Geistliche Liebe aber kommt von Jesus Christus her, sie dient ihm allein, sie weiß, daß sie keinen unmittelbaren Zugang zum anderen Menschen hat. Christus steht zwischen mir und dem Anderen. Was Liebe zum Anderen heißt, weiß ich nicht schon im voraus aus dem allgemeinen Begriff von Liebe, der aus meinem seelischen Verlangen erwachsen ist […].“

      Man wird, und dazu muß man nicht lang suchen, auch in den Jesus-Logien der Evangelien solchen Konsequenzialismus (übrigens ein Fachbegriff aus der heutigen Moralphilosophie resp. Ethik) finden. Es ist vom heutigen Standpunkt aus hochinteressant zu sehen, welche Ausweichbewegungen über die Jahre und Jahrzehnte unternommen wurden, um Bonhoeffers Konsequenzdenken abzuschwächen, gleichzeitig aber seine (dergestalt entschlackte und bisweilen um ihre eigentliche Pointe gebrachte) Brisanz und Aktualität zu retten. Und zur Unbequemlichkeit seiner Aussagen hat sich Bonhoeffer auch selbst schon pointiert geäußert:

      Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade […]“ (Beginn der „Nachfolge“).

      Mir ist das „Gemeinsame Leben“ besonders durch diese dezidiert problembezogenen Ausführungen, welche nur am sachlichen Resultat und nicht an der möglichen Aufnahme innerhalb der Leserschaft orientiert sind, lieb geworden; was in den folgenden vier Kapiteln entwickelt wird, ist größtenteils wieder weit massenkompatibler abgefaßt. Hier geht es, oft im Duktus herkömmlicher protestantischer Kommunitätsbewegungen (z.B. des Pietismus), um die Ausrichtung des eignen Tagesablaufs als "Gemeinschaft unter dem Wort Christi", wie Bonhoeffer selbst sagt.

      Einige der Punkte, die in den vier weiteren Kapitel besprochen werden, sind elementare Forderungen der „Bekennenden Kirche“ in Abhebung von den mit dem Regime kooperierenden „Deutschen Christen“ gewesen. Es ist geradezu Bonhoeffers Signatur, diese harten ekklesiologischen („kirchenwissenschaftlichen“) Fakten und Forderungen oft in „weiche“ Kontexte einzubetten verstanden zu haben.

      Wir lesen in den vier übrigen Kapiteln elementare Hinweise zur praktizierten Gemeinschaft im Geiste Christi, Passagen, die mit ihrer Anlehnung an das Vokabular der ersten Klostergründer und der christlichen Mystik manchem wohl allzu „frömmelnd“ vorkommen werden. Doch es gibt auch tiefsinnige und allgemeingültige Beobachtungen, die in ihrer unprätentiösen Schlichtheit, mit der sie formuliert werden, nur umso eindrucksvoller wirken:

      Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Er wird sich selbst und der Gemeinschaft nur Schaden tun. […] Umgekehrt aber gilt der Satz: wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein. […] Jedes für sich genommen hat tiefe Abgründe und Gefahren. Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der stürzt in die Leere der Worte und Gefühle, wer Alleinsein sucht ohne die Gemeinschaft, der kommt im Abgrund der Eitelkeit, Selbstvernarrtheit und Verzweiflung um.“

      „Gemeinsames Leben“ ist ein eingängiges und alltagsbezogenes Buch. Es geht um konkrete praktische Probleme, und in den Lösungen, die angeboten werden, sie zu meistern, scheint deutlich eine Lebensweisheit und innere Erfahrenheit durch, die bei einem so jungen Mann – Bonhoeffer war zweiunddreißig Jahre alt bei Abfassung – erstaunen mögen.

      Daß Menschen jeglicher religiöser Provenienz, jeglicher „spiritueller Ausrichtung“ sowie jeglicher Herkunft, jeglichen Bildungsniveaus und jeglichen Selbstverständnisses Bonhoeffers Ausführungen noch heute mit Gewinn verfolgen (besonders selbstverständlich die evangelischen Christen), spricht für die Anlage des Büchleins als Vademecum derjenigen, die eine funktionierende und von Selbstsüchten freie Form des Zusammenseins im Namen der Person Jesus Christus vor Augen haben. Doch auch jeder andere kann fündig werden...

      Ich bin familiär mitten in einer evangelischen Gemeinde aufgewachsen, ich weiß, wie not die „geistreich-geistlichen Wünsche“ tun, die hier geäußert werden…


      Ach so, falls irgendjemand wegen vorgeblich "unzulässiger religiöser Thematik" Bedenken hegen möchte, den will ich bitten, dieselben doch zunächst einmal auf die Tatsache zu richten, daß hier der bloße Inhalt eines Buches sowie die Umstände seiner Produktion referiert wurden, wie die Inhalte und Entstehungsbedingungen jedes beliebigen anderen Buches auch referiert werden können. Meine eigene Einstellung würde ich andernortes genauso nicht verhehlen, es liegt also kein Fall einer irgendgearteten Besonderheit vor, missionieren oder sowas will ich nicht... :shake:

      Alex.

      (von irgendwann einmal)

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Heute habe ich begonnen zu wälzen: Galina. Die Autobiographie von Galina Wischnewskaia. (Das Buch (meine Auflage von 2004) endet wohl um das Jahr 1986 herum, eine deutlich erweiterte Neufassung wäre also wünschenswert).

      schon die ersten paar Seiten packen und rühren mich. Die schonungslose Darstellung ihrer schwierigen Kindheit bei Leningrad in multikultureller Patchworkfamilie (bzw. an die Großeltern abgeschoben) und mit Elend und Alkoholismus konfrontiert, ist auch für an Musik und Oper nicht so interessierten Menschen sehr lesenswert.

      Für 1 Cent plus 3 Euro Porto sehr zu empfehlen.

      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.


    • Ein Buch , das ich aus beruflichen Gründen, im frz.Original versteht sich, lesen musste und dem ich gazn viele Leser wünsche. Man hat es in gut 11/2 Stunden durch und glaubt, man habe 100 Jahre an Reife dazugewonnen.
      Zum Lachen und zum Weinen zugleich.

      Ein 10 jähriger Junge, der an Leukämie stirbt und dabei von einer uralten rosa Dame (das sind in Frankreich die ehrenamtlichen Besuchsdamen für Kranke) die Kunst des Lebens und des Altern lernt. Frei von jedwedem Pathos, ich habe sogar laut gelacht bei der Lektüre.
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • "Oskar und die Dame in Rosa" habe ich vor zwei oder drei Jahren auch gelesen, eine gute Freundin hatte es mir dringendst ans Herz gelegt. Ich kann mich Fairy Queen absolut anschließen, dieses Buch ist ein kleines Wunder voller Lebensklugheit, Weisheit und melancholischem Humor. Ich wünsche ihm genau wie Maria noch viele, viele Leser mehr als es schon hatte!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Lieber Cherubino,

      ich werde das Buch ab der nächsten Woche einem Patienten vorlesen und bin restlos begeistert von der Art und Weise, Humor mit tiefer Lebens/Sterbensweisheit zu verbinden.
      Kennt jemand auch sein Buch: "Das Evangelium nach Pilatus" und kann etwas dazu sagen? Oder ist das gar nicht übersetzt?
      Das liegt nämlich als Nächstes bei mir bereit.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy Queen,

      das Buch heißt hier auch "Das Evangelium nach Pilatus" und ist als Fischer Taschenbuch erschienen. Eigenartiger Weise sind die schönsten Bücher in der Hospizarbeit bzw. Trauerbegleitung Kinderbücher, auch für Erwachsene gut zu lesen, so nicht nur "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren, sondern auch, ganz wunderbar, von Roberto Piumini "Matti und der Großvater" mit Bildern von Quint Buchholz, bei dtv erschienen. Und etwas weniger bekannt, aus der therapeutischen Arbeit von Hospizen in Leverkusen und Bonn entstanden: Hubert Böke, Lene Knudsen, Monika Müller "Nach innen wachsen", ein Begleiter zum Leben und Sterben, Düsseldorf: Patmos Verl. 1999.

      Liebe Grüße vom Eifelplatz, Chris.
    • Liebe Fairy Queen,

      "Das Evangelium nach Pilatus" gibt es hier in Deutschland auch, ich habe es vor kurzem noch in der Buchhandlung liegen gesehen. Gelesen habe ich es noch nicht (es gibt einfach zu viele Bücher, die ich noch lesen will, und viel zu wenig Zeit dafür!), ich wäre also an einem Erfahrungsbericht sehr interessiert, wenn du es denn gewälst hast. Außer "Oskar und die Dame in Rosa" habe ich von Schmidt nur noch "Mein Leben mit Mozart" gelesen, erschienen - natürlich - zum Mozart-Jahr 2006. Das erste Kapitel hat mich beim Anlesen so begeistert, dass ich es ganz lesen wollte, leider ist es auch das beste Kapitel im ganzen Buch. Das wird leider mir zunehmender Seitenzahl immer schlechter und am Schluss fast peinlich. :( Noch schlimmer allerdings fand ich Maarten t´Harts Beitrag zum Mozart-Jahr: Das Buch ("Mozart und ich") habe ich irgendwann wütend aufgegeben.

      Liebe Grüße,

      Lars
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Wie eigentlich immer lese ich drei, vier Bücher gleichzeitig ;+) Hauptsächlich derzeit eine Darstellung des Tübinger Althistorikers Mischa Meyer:

      Anastasios I

      Die Geburt des byzantinischen Reiches





      Das Buch ist weniger eine Biographie im klassischen Sinn, sondern eine Darstellung der Epoche, das Ende der Spätantike und den Beginn eines neuen Abschnitts. Im Westen das Frühmittelalter, im Osten des ehemaligen Imperium Romanums das byzantische Reich. Solche Übergangzeiten fand ich schon immer besonders spannend. Ähnlich wie die Wende vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Meyer schreibt brilliant, hervorragend lesbar. Meyer stellt in seiner Studie manchen alten Besitzstand auf den Prüfstand.

      Herzliche Grüße, :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Eric-Emmanuel Schmitt "L'evangile selon Pilate"

      Cherubino schrieb:

      "Das Evangelium nach Pilatus" gibt es hier in Deutschland auch, ich habe es vor kurzem noch in der Buchhandlung liegen gesehen. Gelesen habe ich es noch nicht (es gibt einfach zu viele Bücher, die ich noch lesen will, und viel zu wenig Zeit dafür!), ich wäre also an einem Erfahrungsbericht sehr interessiert, wenn du es denn gewälst hast.
      Lieber Cherubino, ich habe das Buch gelesen- es ist ja eher eine kurze Lektüre- und kann es unbedingt weiterempfehlen.
      Der Autor selbst war vieel Jahre Agnostiker und ist durch ein Erlebnis in der Sahara Christ geworden, hat aber eine serh undogmatishce und kritische Haltung auf die Bibel und vor allem deren spätere Auslegung durch die Kirchen.

      Der Roman, der eigentlich wie fast alle Werke des Theatermenschen Schmitt eher rezitiert werden soll(sagt der Autor selbst!) ist in zwei Teile geteilt:

      -ein innnerer Monolog/Reflektion des Jesus (hier aramäisch Jeschua/ frz. Yechoua) am Abend des Verrats durch Judas/Jehuda und seiner Verhaftung.

      -ein zweiter Teil der die Ereignisse um Jesu Kreuzigung und Auferstehung aus der Sicht von Pontius Pilatus erzählt.

      Jesus findet bei Schmitt erst spät und im Wesentichen durch den 40 tägigen Aufenthalt in der Wüste aber auch durch die bedingungslose Unterstützung und überzeugungskraft von Johannes dem Täufer und Judas zu der eigenen Erkenntnis, der Messias zu sein- was bereits ein serh spannender Denkansatz ist und von Schmitt im Nachwort begründet wird.

      Judas ist kein Verräter,sondern der Überzeugteste und Intelligenteste aller Anhänger und er opfert sich zusammen und im Einvernehmen mit Jesus, um die anderen 11 Jünger vor der Nachstellung und Ermordung zu schützen.
      Auch diese These begründet Schmitt sehr gut.

      Die Inkarnation Jesu als wahrer Mensch und aus einer menschlcihen Familie/Umfeld stammend, wird in diesem ersten Teil serh deutlich.

      Im zweiten Teil geht es dagegen eher um den "wahren Gott", denn hier steht die Auferstehung und der Umgang damit im Vordergrund.
      Pilatus, der von einem "zynischen"Schüler des Diogenes erzogen wurde, unternimmt mehrere detektivische Aufklmärungsverscuhe,die diese Auferstehung mit logischen Beweisen widerlegen sollen und Ruhe und Ordnung garantieren sollen. Er wird , wenn auch aus ganz anderen Motiven, von der jüdischen Priesterschaft unterstützt. Seine aufwändigen Versuche, den angeblichen Auferstandenen erst als Wahnvorstellung zu widerlegen, als dass nicht mehr möglich ist, zu beweisen, dass er gar nciht am Kreuz gestorben ist und zu finden bzw "zu stellen" scheitern durchweg.
      Pilatus serh geliebte Frau Claudia, hier Eine derer die bei der Kreuzigung unter dem Kreuz ausgeharrt haben, ist dagegen Christin der allerersten Stunde und folgt den Jüngern nach Galiläa.
      Auf der Suche nach ihr und bereits vom Zweifel an der Wahrheit und dem Wesen dieses Jesus tief duchdrungen, wird Pilatus dann Zeuge der letzten Verkündigung Jesu "Gehet hin in alle Welt.... "
      Der Weg des Pilatus vom logischen, zweckgebundenen Denken, seiner fundierten philosophischer Bildung, Staatsraison und gesundem Menschenverstand zu Fragen, Zweifel, der Möglichkeit einer anderen Dimension wird von Schmitt in allen Facetten gezeichnet.
      Als Alles entscheidene Elemente udn revolutionäre Neuerungen des chritslcihen Gedankens werden heir die Freiheit der Entschiedung jedes Menschen und die umwälzende Macht der Liebe dargestellt.
      Pilatus zweifelt auch nach der Reise nach Galiläa weiter und bezeichnet sich anders als seine Frau Claudia selbst nicht als Christ.
      Am Ende wirft er die Frage auf, dass das Christentum , sobald alle Zeugen des Wirken Jesu gestorben seien, keine Chance mehr habe.
      In diesem Moment erkennt er endlcih den Unterschied zwischen Wissen und Glauben und die Umwälzung alles Gewesenen durch die Begegnung mit Jesus.

      Das Buch steht sicher im Widerspruch zu einigen kirchlich überlieferten Dogmen und Legenden und verlangt die Bereitschaft einer geistigen Offenheit und dem sich Einlassen auf unorthodoxe Gedanken.

      Es macht daneben auch Zeitumstände und geistige Strömungen im Jerusalem der Kreuzigungszeit unter römischer Besatzung deutlich und die aufwändigen Recherchen des Autors geben viele spannende Einblicke.



      Mich hat diese Lektüre sehr beeindruckt udn ich werde mich gewiss weiter mit Eric-Emmanuel Schmitt beschäftigen.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Mit dem Buch beschert man sich 24 wache Stunden je Tag. Nur gut, daß man es schnell zu Ende lesen muß um beruhigt zu werden, daß der "Held" tot ist.



      Mit der Übersetzung von Leder war ich nicht ganz glücklich, über weite Strecken wirkte sie mir zu `süßlich`, gerade was die Darstellung von Mina Harker betraf. Inzwischen liegt hier das Hörbuch mit Lutz Riedel in der Übersetzung von Widtmann, mal abwarten...


    • Gewinner des deutschen Buchpreises 2009, ist mir das Buch ohne mein Zutun gerade dann ins Haus geflattert, als ich es am Besten bracuhen konnte- nein, an Zufall habe ich noch nie geglaubt!

      Beschrieben wird die Erfahrung einer 44jähirgen Ich-Erzählerin, die sich nach einer Hirnblutung mit Coma und Halbseitenlähmung in Krankenhaus und Reha-Klinik wiederfindet und sowohl sich selbst als Person als auch ihre Sprache und ihr Leben re-konstruieren muss.
      Ich stehe derzeit mit eben diesem Krankheitsbild auf der anderen Seite, nämlich der des therapeutischen Begleiters, und fand es daher nicht nur interessant sondern manchmal sogar aufwühlend, aus der Sicht einer Patientin zu lesen. Das Personal der Pflegeeinrichtungen kommt im übrigen ausserordentlich schlecht dabei weg!
      Es ist sehr schwierig, schreibend die Bewusstseinzustände und Sprachkapazitäten eines solchen Prozesses wiederzugeben.
      Die Autorin ist dabei vollkommen unsentimental und sehr ehrlich.
      Die Erinnerungen werden nach und nach zu einem Bild der eigenen Identität zusammengefügt udn die Krankheit scheint am Ende für den Leser sogar einen Sinn und eine Ursache in diesem Leben zu haben. Ohne, dass das explizit ausgesprochen wird.
      Ich bin sehr froh, dies Buch gelesen zu haben.


      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Hallo FairyQueen,


      1000 Dank für Deine individuelle Rezension !

      Hat mich vom Sujet her erinnert an Georges Simenon -"Les anneaux de Bicêtre" (Die Glocken von Bicêtre)







      Du wirst es wahrscheinlich kennen ?!
      Falls nicht - ein Vergleich lohnt !

      Liebe Grüsse
      Malagueña

      P.S.
      Ein raffiniertes Dessert ist auch für mich der krönende Abschluss eines Menus ;+)
    • Liebe Fairy Queen,



      ich schlage Dir für Beide das gleiche Buch vor.



      Nämlich



      [Blockierte Grafik: http://ec2.images-amazon.com/images/P/3446233938.03._SS300_SCLZZZZZZZ_.jpg]



      Für die Dame als Buch, für Deinen Mann als Hörbuch.



      Ich habe im Radio diverse Folgen des Hörbuchs gehört und war sehr angetan.

      Heidenreich und Schröder waren/sind lange verheiratet (gewesen) - jetzt
      in anderen Partnerschaften - und erzählen die Geschichte eben eines
      lang verheirateten Paares, die sich über viele Dinge des Alters und
      über die bevorstehende Hochzeit der Tochter Gedanken machen.

      Das ist in vielen Punkten amüsant, manchmal berührend, aber nie langweilig.



      Die Hörbuchfassung ist quasi ein Dialog, wobei beide Autoren ihre
      jeweilige Rolle einnehmen. Da herrscht blindes Verständnis und man
      merkt, dass beide auch in realita lange zusammen gelebt haben.





      Ich bin Achims Empfehlung aus einem anderen Thread gefolgt, habe das Buch für meine Mutter bestellt und schnell noch vorher gelesen.
      "Manchmal berührend", war als Charakterisierung wahrhaftig ein understatement! :faint:
      Wenn man selbst lange mit einem Partner zusammen ist, geht das ganz schön unter die Haut und ich habe danach nciht besonders gut geschlafen und in aller Herrgottsfrühe meinen Mann geweckt, um sicher zu sein, dass er noch ganz lebendig bei mir ist.
      Hier ist so viel vom Tod und so nachvollziehbar von der Angst, den geliebten Menschen an den Tod zu verlieren die Rede und dann das Ende dieser Geschichte....

      Auch wenn ich die Masche von Elke Heidenreich nicht immer so mochte, ist das ein sehr ehrliches und wahrhaftiges Buch, das viele existentielle Fragen aufwirft aber auch bei den Antworten hilft. Besonders interessant fidne ich die doppelte Sicht beider Autoren auf dasselbe Thema.
      Meine Mutter ist ein sehr empfindsamer und stark berührbarer Mensch und ich bin gespannt was sie dazu sagen wird. Ich hoffe, das geht ihr thematisch nicht ZU nahe.

      Danke für diesen guten Tipp, lieber Achim. :wink:

      Als Hörbuch für meinen Mann habe ich aber nun eine Sammling russischer Erzählungen genommen. U.A. ist dabei Ivan Turgenevs "Erste Liebe". Das ist eine so phantastisch erzählte Geschichte - Alle die das noch nciht kennen- unbedingt lesen oder hören!

      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)