Eben gewälzt

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    • Wenn du damit erwas anfangen kannst ? Ein Aspekt ist die archaische Sprachgewalt . Muß man mögen . Wenn man es mag , hilft es vielleicht . Aber warum willst du unbedingt verstehen , wenn dir etwas nicht liegt ? Das ist doch alles nur individueller Geschmack . Was meinst du , wieviel Werke mir nicht liegen , bei denen ich keine Zeit darauf verschwende , zu erfahren , warum das so ist . Ich merk doch selber , was gut für mich ist .Ohne etwas zu verpassen . Ohne Therapeuten .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
      My mask is my master - K. Ayers (It begins with a blessing but it ends with a curse)
    • b-major schrieb:

      Ein Aspekt ist die archaische Sprachgewalt
      ok danke, das kann ich vom Ansatz her nachvollziehen.
      Aber bei archaisch denke ich zB an " R Strauss Frau ohne Schatten archaisch" - und da kommt dieses Buch im Bezug auf archaisch für mich nicht heran.
      Und die Sprache sollte auch mit ein Vehikel zur Vermittlung etwas Grösseren sein, oder darf sie allein das Kunstwerk sein? Naja.....

      b-major schrieb:

      Aber warum willst du unbedingt verstehen , wenn dir etwas nicht liegt ?
      Äh, ich wollte verstehen, warum andere das Buch grossartig finden, nicht warum es mir nicht liegt. Hat nichts mit auf die Couch müssen zu tun, sondern mit Horizon erweitern, oder so ähnlich, weisst schon.....

      Egal, schönen Abend!
      :wink:
    • Tandem - Lesen , da ich 2 Augen habe und die Bücher eh schon kenne . Was den Spaß vielleicht noch steigert .

      Inspiriertes Lesen : Meine alte , geschundene Ausgabe gibt es nicht mehr .

      Inspiriertes Lachen : Meine Ausgabe ließ sich nicht einstellen . Wer hier lacht , braucht die Gesamtausgabe .
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    • b-major schrieb:

      Wer hier lacht , braucht die Gesamtausgabe .
      Aber vorsichtig lachen! Es könnte sonst sein, dass er sich einen Anranzer einfängt, weil er trotz einiger hauchzarter antisemitischer Nuancen lacht.

      (Übrigens ist es wie so oft, vor allem bei Humoristen: Der geniale Anfang findet selten eine gleichermaßen geniale Fortsetzung.)
    • Argonaut schrieb:

      Der geniale Anfang findet selten eine gleichermaßen geniale Fortsetzung.
      Aber die Erzählung 'Pater Kniakals erbauliche Predigt' ist für mich senil-puerilen Freudensucher die Krönung , und erzeugt selbst in Zeiten wie diesen häufiges Prusten - und das wird dann zuviel für die Armbeuge .
      books.google.de/books?id=R_l3D…auliche%20Predigt&f=false
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    • Ja, das stimmt. Die kannte ich nicht. (Die verlinkte Datei ist übrigens sehr unvollständig, aber in der Gesamtausgabe ist das Stück natürlich vorhanden.) Der Humor ist allerdings sehr speziell. Und für Nicht-Österreicher ist die Lektüre auch recht anstrengend. Aber lohnend...
    • Ich habe gerade den ersten Band der »Erinnerungen eines Insektenforschers« beendet. Die Lektüre hat mich in helles Entzücken versetzt. Ich hatte schon vorher öfter mal gehört, dass diese Erinnerungen lesenswert sind, konnte es aber, da ich mich gar nicht für Biologie und schon erst recht nicht für Insekten interessiere, nicht recht glauben. Wie ich darauf verfallen bin, mir trotzdem den ersten Band zu bestellen, weiß ich nicht, aber ich sehr froh. dass es geschehen ist.

      Der Autor beschreibt seine Beobachtungen, Untersuchungen und Experimente so liebevoll und spannend, er ist ein so begnadeter Erzähler, dass ich den langen Ausführungen über die Gewohnheiten der verschiedenen Wespenarten oder gewisser Käfer und ihrer Feinde usw. mit großer Spannung und stetig wachsendem Vergnügen gefolgt bin. Hin und wieder gibt es lange Listen von Insektenarten, die wirklich nicht interessant sind, aber die gehören natürlich dazu. Man wird dann aber schnell wieder mit spannenden Beschreibungen z. B. seiner wissenschaftlichen Experimente, aber auch mit witzigen Erzählungen von fehlgeschlagenen Aktionen oder auch spannenden Beschreibungen des Lebensgangs einer Wespenlarve entschädigt, so dass es insgesamt ein ganz ungewöhnliches und völlig unerwartetes Vergnügen ist, diese »Entomologischen Erinnerungen« zu lesen. Fabre war ein bedeutender Wissenschaftler und ein großartiger Schriftsteller und hat mit diesen zehnbändigen Memoiren ein großes und überaus lesenswertes Werk hinterlassen. (Jedenfalls bin ich nach der Lektüre des ersten Bands davon überzeugt, dass mich auch die folgenden nicht enttäuschen werden.)

      Die Ausgabe ist nicht ganz so beglückend. Es gibt so einige Druckfehler, auch scheint mir die Übersetzung nicht immer korrekt zu sein, weil hin und wieder ein Satz vorkommt, der anscheinend seltsam widersinnig klingt. Die hübschen Illustrationen befriedigen leider den Wunsch des Lesers nicht, die beschriebenen Insekten auch zu sehen. Da wäre es besser gewesen, die Abbildungen der Originalausgabe einzusetzen. Aber angesichts des wunderbaren Textes sind das minimale Einwände, die dem Gesamteindruck kaum Abbruch tun. Wer Lust hat, das Buch eines glücklichen Menschen zu lesen, der sein Glück an den Leser weitergeben will und weitergibt, der ist hier richtig.

      (Eine Grafik darf ich hier nicht einbinden, und was ein ASIN-Code sein soll, konnte ich nicht ermitteln. Es muss also so gehen.)
    • Argonaut schrieb:

      (Eine Grafik darf ich hier nicht einbinden, und was ein ASIN-Code sein soll, konnte ich nicht ermitteln. Es muss also so gehen.)
      Bitte sehr:



      (ASIN ist die "Amazon Standard Identification Number", falls es die nicht gibt, nimmst Du einfach die ISBN-Nummer.)
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Kleine Ergänzung: Bei Amazon-Büchern hilft m. W. nicht die ISBN-13, sondern die ISBN-10.

      :wink:

      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Argonaut schrieb:

      Ich habe gerade den ersten Band der »Erinnerungen eines Insektenforschers« beendet. Die Lektüre hat mich in helles Entzücken versetzt. .....

      Der Autor beschreibt seine Beobachtungen, Untersuchungen und Experimente so liebevoll und spannend, er ist ein so begnadeter Erzähler, dass ich den langen Ausführungen über die Gewohnheiten der verschiedenen Wespenarten oder gewisser Käfer und ihrer Feinde usw. mit großer Spannung und stetig wachsendem Vergnügen gefolgt bin.
      Danke für die Beschreibung - hört sich toll an!

      Man sagt ja immer, dass Insekten alles und alle überleben.....erinnert mich seltsamerweise gerade an den letzten Sharon Lohengrin in Bayreuth. Auch die Sache mit den Geschlechterrollen bei Insekten, und was das bei Sharon sollte.
      Naja, ist ein anderer Thread.

      Gruss
      Maria
    • Drago Jančar: Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt – Gerechtigkeit für Sarajevo



      Weil ich grad eine Stunde Zeit hatte, hab ich Drago Jančars kurzes Buch (ca. 100 Seiten) "Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt – Gerechtigkeit für Sarajevo" gelesen (ehe ich am kommenden langen Wochenende sein „Wenn die Liebe ruht“ lesen werde). Es handelt sich natürlich nicht um einen Roman, sondern um eine Beschreibung des Kriegszustandes in Sarajevo, der aber nicht rein dokumentarischer Natur ist, sondern auch literarischer, weil dem Autor in hervorragender Weise gelingt, einen Abriss der Geschichte und Kultur der Stadt Sarajevo bzw. des Bosniens zu zeichnen (und nebenbei gleich mit dem auch aus meiner Sicht unzutreffendem Begriff „multikulturell“ aufzuräumen, da jeder kulturell interessierte Mensch multikulturell ist). Jančar zeichnet ein eindrucksvolles und erschütterndes Bild des Kriegszustandes in Sarajevo und des Konflikts zwischen verschiedenen Ethnien, wobei er viele Details nennt (beispielsweise erzählt er von einem Mann, der in der einen Nacht als Soldat arbeitet und in der anderen Nacht als Taxifahrer sein Auto vorsichtig ohne Licht an den Soldaten vorbeimanövriert, um finanziell überleben zu können), die ein stimmiges (wenn man es so sagen kann) Bild des Kriegszustandes ergeben. Insgesamt halt nicht nur dokumentarisch, auch literarisch.

      Sehr aufschlussreich ist das knapp 20seitige „Nachwort anstelle eines Vorworts“, das wohl explizit für die deutschsprachige Ausgabe im März 1996 geschrieben wird. Meine schon vor dem Lesen gehegte Vermutung, dass sich der Titel des Buches mehr oder weniger auf Peter Handkes „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ bezieht, wird insofern unterstrichen, als Jancar im Nachwort ausführlich seine Meinung über Peter Handke und seine Serbien-Texte darlegt (dass es um Handke geht, wird ist schon über zwei Seiten klar, ehe Handkes Name fällt). Im Unterschied zu Handke, der sich (laut Jančar) nicht nur als Dichter, sondern auch als Missionar generiert und seine Eindrücke des Jugoslavienkriegs aufgrund einer friedlichen Reise durch Serbien fällt, war Jančar während des Krieges in Sarajevo - ich meine daher, dass seine Äußerungen relevant sind und eine Reaktion auf Peter Handkes serbienbezogene Werke sind.


    • Treffliche Darstellung und Analyse dieses Abschnittes der britischen Geschichte. Gekonnt räumt Hattersley den den Blick auf die Risse, Brüche, Abgründe und die rasanten, ja sich fast schon überschlagenden Entwicklungen auf allen Ebenen verstellenden Mythos des englischen Landhauses aus dem Weg, der die Wahrnehmung jener Epoche häufig prägt. Lesenswert und gut zu lesen, finde ich.

      :wink: Agravain
    • Peter Handke: Wunschloses Unglück



      Letztens habe ich in diesem Thread Peter Handke erwähnt, was mich wieder einmal daran erinnert hat, dass ich noch kein einziges Buch von ihm gelesen habe (und es wäre sehr ungeschickt, sich eine Meinung zu bilden über einen Autor, dessen Werke man nicht gelesen hat, nur auf Grundlage der Kontroversen um seine Meinung zu den Jugoslavienkriegen, obwohl bekanntlich in 95% seiner Texte Serbien gar nicht vorkommt). Letztens habe ich mir, um diesen Mangel zu beheben, (natürlich nicht bei Amazon, sondern in einer kleinen österreichischen Buchhandlung) einige Handke-Bücher gekauft (auf Grundlage der Empfehlungen zweier Freunde, die ich um Handke-Tipps gefragt hatte); heute habe ich mit „Wunschloses Unglück“ angefangen und bin wirklich beeindruckt von diesem Buch.

      Beeindruckt bin ich natürlich nicht bei jedem Buch (vor ein paar Tagen habe ich mit Kafkas „Process“ angefangen und das Buch nach zwei Kapiteln kaum auszuhalten gefunden – Kafka erzählt in uninteressanter Sprache uninteressante Dinge –; mal schauen, ob ich es überhaupt fertiglese), aber Handke hat einen Schreibstil, der mich sofort anspricht. Ich kann so etwas schwer in Worte fassen, aber es ist ein teils ausladender Stil, in dem lange Sätze und Stimmungsschilderungen ausgedrückt werden, der zur Konzentration zwingt oder dazu, gegebenenfalls eine Passage nochmals zu lesen, auf der anderen Seite wiederum ein klarer Stil, der nicht um den heißen Brei herumredet, sondern mitteilt, was Sache ist, und der auch nicht vor derben Ausdrücken zurückschreckt. Ich werde in näherer Zukunft sicher weitere Handke-Bücher lesen und dann hoffentlich zu einer tiefgehenderen Einschätzung kommen.

      Inhaltlich ist das Buch natürlich bedrückend; dass Handke darin die Lebensgeschichte und den Selbstmord seiner Mutter schildert, ist allgemein bekannt, darauf muss ich also nicht extra eingehen. Das Buch beschreibt sehr plastisch eine Lebensrealität, die ich mir gut vorstellen kann (armes Leben am Land, bar jeder „schönen Armut“, und selbst wenn man genug zu essen hat, sind die Leute kalt, voll mit eigenen Problemen, die Unterhaltungen mit Bekannten sind eher eine lästige Pflicht), und der Autor hat ganz eindeutig einen emotionalen Bezug zum Inhalt und ringt mit sich selbst um die „richtigen“ Worte und um die „richtige“ Form des Erzählens der Geschichte (er hat das Buch ja erst ein paar Wochen nach dem Selbstmord seiner Mutter geschrieben). Vieles des Beschriebenen kann ich mir sehr gut vorstellen, manches kommt mir sogar so vor, als hätte ich es selbst erlebt (zum Beispiel war die trostlos-düstere (Natur-)Stimmung, als der Autor von Deutschland heim nach Kärnten reist in das Haus, in dem sich seine Mutter getötet hat, für mich sehr nachvollziehbar). Insofern kann ich das Buch empfehlen, außer man baut einen sehr starken persönlichen Bezug zum Gelesenen auf (was ich eigentlich nicht mache), dann sollte man es vielleicht lieber bleibenlassen.

      Was ich persönlich interessant finde: Handkes Mutter war Kärntner Slovenin (hat Handke KEINE jugoslavischen Wurzeln, auch wenn das manchmal ahnungslose Journalisten behaupten, die nicht kapieren, dass Kärntner Slovenen KEINE eingewanderten Jugoslaven sind, sondern Ur-Kärntner!), und ihre slovenischen Sprachkenntnisse haben ihr, wie in dem Buch erwähnt, genützt, um kurz nach Kriegsende in Berlin mit den Russen zu kommunizieren. Angesichts dessen hätten die Kärntner vielleicht auf die Idee kommen können, dass Mehrsprachigkeit nützlich ist (und sich mit Russen verständigen zu können, ist nützlich; Russland ist Weltmacht) und es daher vielleicht gut wäre, die eigene slovenische Muttersprache den Kindern weiterzugeben bzw. nicht gegen das Slovenische Stimmung zu machen, was aber in Kärnten traurigerweise bis heute passiert.
    • Drago Jančar: Wenn die Liebe ruht (original: „In ljubezen tudi“)



      Ich habe den knapp 400seitigen Roman soeben gelesen (fast in einem durch), und mich hat er, wenn ich ehrlich bin, sehr mitgenommen bzw. einen Sog entwickelt, der mich geistig immer tiefer hineingezogen hat. Jančar ist wirklich ein verdammt guter Autor!!! Er sollte im deutschsprachigen Sprachraum viel bekannter sein!

      Für einen kurzen Inhaltsüberblick ein Ausschnitt des Verlagstextes: „Der wichtigste slowenische Autor der Gegenwart: Mit seinem preisgekrönten Roman hat Drago Jančar ein Meisterwerk über die Liebe in Zeiten des Krieges geschaffen. – Slowenien, Zweiter Weltkrieg: Die junge Medizinstudentin Sonja erkennt in dem SS-Offizier, den sie auf der Straße in Maribor trifft, Ludek wieder, der sie als Kind einmal beim Skifahren aus dem Schnee gezogen hat. Ludek heißt jetzt Ludwig und ist ein überzeugter Nazi. Sonja bittet ihn um Hilfe für ihren inhaftierten Freund Valentin. Für Ludwigs Hilfe zahlt Sonja einen hohen Preis. Doch Valentin, der bei den Partisanen kämpft und später im Kommunismus Karriere macht, dankt Sonja ihren Einsatz nicht.“.

      Dass ich beispielweise die Idee, die Figuren aus der am Cover abgebildeten Ansichtskarte von 1943 heraustreten zu lassen und daraus eine ziemlich komplexe Geschichte zu entwickeln, genial finde, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Sehr interessant finde ich, wie Jančar die unterschiedlichen Einstellungen zum Krieg und zur deutschen Besatzung charakterisiert: Sonja hat Eltern, die sie (vergebens) von allem Unheil bewahren wollen und versuchen, anderen zu helfen (teils erfolglos, dann Pavle wird getötet und Sonjas Eltern verdächtigt, zu viel Nahrung abzuzweigen).

      Ich habe ich versucht, Gemeinsamkeiten der drei bisher gelesenen Romane herauszuarbeiten bzw. den Erzählstil Jančars (seine Sprache kann ich nicht beschreiben, weil ich die Romane nur in Übersetzung kenne), wie ich ihn diesen drei Romanen (welche miteinander eine Art inoffizielle Trilogie bilden) entnehme, zu beschreiben:
      1. Die Geschichten hauptsächlich spielen in Slovenien rund um den Zweiten Weltkrieg.
      2. genaue Recherchen seitens des Autors
      3. Jančar beschreibt die örtlichen Gegebenheiten sehr genau und mit Liebe zum Detail, oft weist er auf die verschiedenen Namen derselben Straße hin, je nachdem in welcher Zeit sie wie hieß.
      4. Oftmaliger Wechsel der Erzählperspektive, aber immer so, dass sich der Leser auskennt, und durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven Unterschiedliches erfährt. ( „Wenn die Liebe ruht“ ist nur in auktorialer Erzählform erzählt, also ohne Ich-Erzähler, während „Die Nacht, als ich sie sah“ nur in Ich-Form gehalten ist, aber trotzdem die Sicht einiger unterschiedlicher Personen wiedergibt)
      5. Regelmäßig Blenden in die Zukunft, in dem Stil von „Wenn sie in die Zukunft schauen könnte, dann wüsste sie...“ (bzw. in „Die Nacht, als ich sie sah“ so nicht, aber in verdeckterer Form, in Vermutungen, die sich später bestätigen).
      6. Die Charaktere sind vielschichtig, es ist nicht leicht herauszufinden, für wen Jančar Sympathie empfindet und für wen nicht. Auch Charakteren, die objektiv eindeutig böse handeln, werden gute Eigenschaften zugestanden. Jančar moralisiert nicht.
      7. oft sprechende Namen
      8. Dreiecksgeschichte Mann–Frau–Mann. Eine solche steht bei allen drei Romanen im Zentrum: Im Nordlicht: Erdmann–Marjeta–Samsa; in „Die Nacht, als ich sie sah“: Stevo–Veronika–Leo und in „Wenn die Liebe ruht“ Ludek/Ludwig–Sonja–Valentin.
      9. Schlechtes Ende – die Personen werden immer tiefer hineingezogen, sie haben keine Möglichkeit, sich selbst aus der Misere zu befreien. Im Nordlicht wird Erdmann geistig verwirrt und Marjeta Opfer eines grausamen Mordes; in „Die Nacht“ wird Veronika brutal umgebracht; und für mich besonders tragisch ist das Schicksal der Sonja in „Wenn die Liebe ruht“: von einer lebenslustigen, fleißigen, intelligenten Medizinstudentin zu einer gebrochenen, stark traumatisierten (hier passt dieser Ausdruck wirklich!), apathischen jüngeren Frau, die (verständlicherweise – nachdem sie als Prostituierte für Soldaten arbeiten musste) keine Freude mehr am Leben hat und somit ein viel schlechteres Schicksal hat als Ludek/Ludwig, zu dem mir irgendwie „Die Revolution frisst ihre Kinder einfällt“ (so wie er in seiner Zeit als (recht junger, der vom Leben zu wenig Ahnung hatte und zu behütet von seiner Mutter aufgewachsen ist, sodass er wohl nicht realisiert hat, was er tat) Nationalsozialist den Tod von unschuldigen Menschen veranlasst hat, wobei er ja nicht der alleinige Urheber war, sondern nur ein Rädchen im Getriebe, wurde er am Ende wehrlos von der Gegenseite umgebracht); zum Schicksal von Valentin erfährt man nichts Konkretes, nur, dass er sich nach Sonja sehnt, aber im Buch finden sie nicht mehr zusammen. Jančar lässt etwas im Dunklen, wieso Sonja auf Geheiß Ludeks von der Wehrmacht abgeführt wird – wohl hauptsächlich deswegen, weil Valentin seine Spione in der Kirche abgehängt hat, allerdings konnte er ja nicht wissen, dadurch Veronika in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Außerdem ist die Beschreibung am Klappentext, er danke Sonja ihren Einsatz nicht, ein Unsinn, denn er weiß ja gar nicht, was für ein Einsatz war! (Nichtsdestoweniger verhält er sich ja ihr gegenüber beim einzigen Treffen nach dem Kerker sehr unfreundlich, er war ihr wohl viel wichtiger als sie ihm.)
      10. Apropos „Kirche“: immer wieder religiöse Bezüge
      11. Jančar spielt sowohl in „Wenn die Liebe ruht“ als auch in „Die Nacht, als ich sie sah“, ganz eindeutig auf sein „Nordlicht“ an; in „Wenn die Liebe ruht“ erwähnt er sogar kurz sich selbst – was ich sehr pointiert und gut gemacht finde.

      Dass ich die Übersetzung von Daniela Kocmut ziemlich schlecht finde (falsch übersetzter Buchtitel – die Liebe „ruht“ eben NICHT, sondern wird durch den Krieg beendet –, und stilistisch sehr mittelmäßig), ist ja nicht die Schuld des Autors. Der Roman ist jedenfalls höchst lesenswert. Ich täte mir schwer, mich zwischen „Die Nacht, als ich sie sah“ und „Wenn die Liebe ruht“ zu unterschieden. Gott sei Dank muss ich das nicht. Wenn ja, würde meine Wahl wohl ganz haarscharf auf „Die Nacht, als ich sie sah“ fallen, auch wenn ich das nicht begründen kann (vielleicht aus einem ganz subjektiven Grunde, eben weil ich das Ende von „Wenn die Liebe ruht“ trauriger finde). Hoffentlich veröffentlicht Jančar demnächst wieder etwas Spannendes.
    • Peter Handke: Versuch über den geglückten Tag


      Da hatte ich mich nach „Wunschloses Unglück“ sehr auf eine Handke-Fortsetzug gefreut, hatte mir dafür das kurze Buch (91 Seiten in großzügigem Layout) mit dem reizvollen Titel „Versuch über den geglückten Tag“ mit dem ebenfalls reizvollen Untertitel „Ein Wintertraum“ ausgesucht, das mich jedoch sehr enttäuscht hat. Was für ein altkluges Geschwafel von der ersten bis zur letzten Seite! Ja, schreiben kann der Handke, stilistisch ist es absolut einwandfrei, was bei mir ja grundsätzlich schon die halbe Miete ist, aber abgesehen davon, dass das Buch keinen Inhalt hat (was kein Nachteil sein muss), sondern eine nachdenkliche und fast schon philosophische Abhandlung über das Wesen eines geglückten/glücklichen Tages ist, liest sich das Buch furchtbar langatmig und mühsam. Ein bissl Paulus-Briefe da, ein bissl Homer dort, ein bissl Van Morrison da, ein bissl Horaz dort, aber immer nur jeweils anzitiert, garniert mit Handkes eigenen Überlegungen, die er versucht, mit Stimmungsbildern des Alltags zu verbinden – insgesamt aber viel zu wenig, sorry. Die 18,50 Euronen (nicht wenig für nicht einmal 100 Seiten!) hätte ich viel besser investieren können, schade. KEINE Empfehlung!
    • Seh ich ebenso. Ein schreckliches, verblasenes, überflüssiges Buch in einer wunderschönen Sprache.

      Die Niemandsbucht hatte ich auch probiert, Jahre später. Dasselbe Problem auf 900 Seiten.

      Das wars mit Handke dann für mich. Aber vielleicht tu ich ihm unrecht und sollte es mit frühen Sachen versuchen, so bevor er sich wohl selbst in eine Gururolle verstiegen hat, da mag das Wunschlose Unglück ein guter Tip sein... Dafür danke :)


      Bei mir der "Unterwelt" von DeLillo beendet (es hat gedauert weil ich aus beruflichen Gründen zuwenig Zeit hatte zum Lesen und weil ich, auch wenn es mal staubig wurde, jede jede jede Zeile langsam und mit Genuß las. Ein ungeheurer genialer Wurf. Ein großer Roman. Gern nochmal der Link:



      Von all den Wochen die ich damit verbracht und manchmal gekämpft hab möchte ich keine Minute missen.


      Die Rathienübersetzung von Moby Dick dann begonnen, das ist sperriger Stoff aber es fasziniert ohne Ende, aber dazu mehr wenn ich auf hoher See bin. Nach dem Unterwelt kann auch nur so ein Kaliber kommen. Oder eine Lessepause.

      Aber Lesepausen kann ich nicht. :D


      :)

      Edit: der Unterwelt Link geht nicht, aber man findets ja auch so. Vorzugsweise in der Buchhandlung ums Eck, die sicher Nachcoronaanschaffungen brauchen können ;)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Ein schreckliches, verblasenes, überflüssiges Buch in einer wunderschönen Sprache.
      Ein garnicht schreckliches, nicht verblasenes und keinesfalls überflüssiges Buch in wunderschöner Sprache ist dieses hier.
      Maria Schnee.
      Ein Romananfang wie er nicht besser sein könnte, doch es passiert nichts im Roman außer Sprache und Studien der Menschen und infinitesimalen Änderungen.

      Henscheid schrieb:

      Feinster Bohnenkaffe, angezeigt auf einer silbernen Tafel im Fenster der Wirtschaft, war es vielleicht gewesen, was Herrmann letzten Endes zur schließlichen Einkehr in die Pensionsgaststätte Hubmeier in der Entengasse bewogen und veranlaßt hatte, auf daß er dort seinen zumindest vorübergehenden Aufenthalt nehme.
      Ein Freund aus Amberg hatte mich und CMS in eben diese Wirtschaft vor Jahren geführt und genau diese Stimmung des Romans stellte sich nach wenigen Minuten ein.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • garcia schrieb:

      Seh ich ebenso. Ein schreckliches, verblasenes, überflüssiges Buch in einer wunderschönen Sprache.

      Die Niemandsbucht hatte ich auch probiert, Jahre später. Dasselbe Problem auf 900 Seiten.

      Das wars mit Handke dann für mich. Aber vielleicht tu ich ihm unrecht und sollte es mit frühen Sachen versuchen, so bevor er sich wohl selbst in eine Gururolle verstiegen hat, da mag das Wunschlose Unglück ein guter Tip sein... Dafür danke :)
      Gerne! Wunschloses Unglück hat mir sehr gut gefallen, es ist aber wohl eher Selbst-Therapie des Autors als sonst was. Aber kann man ja trotzdem lesen.

      Danke für Eure Eindrücke anderer Bücher!