Eben gewälzt

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    • Wirklich lesenswert, ein bißchen Science Fiction, wenn man so will...
      Jedenfalls ein Gruss aus der Zukunft, der mich mitgenommen hat.

      Franz Werfel, Der Stern der Ungeborenen, ein Reiseroman.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • FairyQueen schrieb:

      Ich habe gerade vom diesjährigen Literatur Nobelpreisträger Patrick Modiano "Dora Bruder" gelesen.


      Ich kannte bisher noch nichts von diesem Autor und war einfach neugierig. Keine Ahnung welche Kriterien man für den Nobelpreis erfüllen muss, eine innovative Sprache ist es in diesem Fall eher nicht. Aber eine akribische topologische bzw topographische Annäherung an verschwundene Menschen, deren Spuren verloren scheinen und die tatsächlich von der Landkarte ausgelöscht wurden. Wären da nciht solche leidenschaftlichen Sucher wie Patrick Modiano.
      Er begibt sich in Paris auf die Suche nach Dora Bruder, einem jungen Mädchen jüdischen Ursprungs, das im besetzten Paris nach der Flucht aus einer (relativ sicheren) Klosterschule, in die die Eltern Dora ohne Meldung ihrer jüdischen Wurzeln untergebracht hatten, nach mehreren Monaten, von denen es keine Spur gibt, von der Jugendschutzpolizei(noch ganz ohne rassenpolitisches Motiv) aufgegriffen und zu ihrer Familie zurückgebracht wird. Von dort wird sie schliesslich wie auch ihre Eltern in ein Sammellager und dann anch Auschwitz verschleppt und ermordet. Ein jugendlich "normales " Verhalten wird Dora in diesen finsteren Zeiten zum Verhängnis. Modiano befragt Zeitzeugen, durchforstet alte Zeitungen, Polizeiberichte und vor allen Dingen die Strassen und Gassen von Paris. Dabei stellt er fest, dass Strassen und Gebäude genauso verschwinden wie die Zeitzeugen und die Opfer selbst. Er kommentiert nicht, er erzählt. Seine eigene Kindheit in Paris scheint dabei auch hin und wieder auf. Man kann das Buch mit einem Stadtplan von Paris oder wie einen Erinnerungsstadtplan lesen
      Diese unspektakuläre und geduldige Erinnerungsarbeit gegen die Zeit ist sehr bewegend und hat meines Erachtens den Preis verdient. Und der Hanser-Verlag, der Modiano in Deutschland verlegt, hat wieder einmal mehr den richtigen Instinkt gehabt.
      Ich werde sicher noch mehr von Modiano lesen und falls Algabal oder Matthias Oberg diesen Autor noch nciht kennen- besondere Gedanken und Empfehlung an euch Beide, aber auch alle Anderen. :fee:


      Liebe Fairy,

      Patrick Modiano schätze ich schon lange sehr. Aber du beschreibst Dora Bruder sehr zutreffend und schön. Sensible Erinnerungsarbeit und Spurensuche in unprätentiöser Sprache ist immer Modianos Sache. Dabei sind die Erzählperspektiven aber doch durchaus oft nicht unraffiniert.

      :wink: Matthias
    • philmus schrieb:

      Wirklich lesenswert, ein bißchen Science Fiction, wenn man so will...
      Jedenfalls ein Gruss aus der Zukunft, der mich mitgenommen hat.

      Franz Werfel, Der Stern der Ungeborenen, ein Reiseroman.

      Ja, ein fantastisches Buch! Die Episode aus dem Wintergarten ist meine Lieblingsstelle bei Werfel (der eigentlich mein Lieblingsschriftsteller ist).
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Mein Schwiegervater hat mich gezwungen!!

      Also, die Sach ist die....
      Ich habe in Gegenwart meines Schwiegervaters, Ostpreusse, der, wie immer in seinem Leben verspätet, auch zu spät zur "Wilhelm Gustloff" kam, die gerade ablegte und er daher wundersam dem Unheil entkam,- ich habe also in seiner Gegenwart sein Idol "Hindenburg", den Helden von Tannenberg, mit "unflätiger Rede" beschädigt.
      Daraufhin hielt er mir einen mind. 1/2 stündigen Vortrag über den "ganz und gar ausgezeichneten Volkshelden Hindenburg" und ich merkte, da kommste nicht gegen an, ohne dass es massiv Ärger geben wird.
      Daher kühle ich mein Mütchen mit Wolfram Pyta

      Und siehe da: Meine Vorbehalte gegen Paul von Hindenburg werden Zug um Zug bestätigt.
      Ich werde aber die Klappe halten. Menschen, die Mitte 80 sind, sollte man nicht mehr allzusehr durcheinander bringen.

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Nach mehreren Monaten und einigen längeren Unterbrechungen habe ich es endlich geschafft, die 973 Seiten durchzuwälzen.



      Bwundernswert ist die Fleißarbeit des Autors. Aber trotz der vielen Seiten bleiben die Figuren des Romans für mich zu blass und zu unbestimmt, und einige Handlungsstränge scheinen nicht zu Ende erzählt (kommt das noch irgendwann im zweiten Teil?).
      :wink:
    • Frank Pronath schrieb:

      [...] einige Handlungsstränge scheinen nicht zu Ende erzählt (kommt das noch irgendwann im zweiten Teil?)

      Hallo Frank, kennst Du den Wiki-Artikel zu diesem Roman? => "http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Turm_(Tellkamp)
      Da steht etwas zur Fortsetzung, für die sich Tellkamp selbst ursprünglich September 2013 als Deadline gesetzt hatte... Ich würde schon erwarten, dass einige Handlungsstränge weiterverfolgt werden, aber dass die meisten Personen blass bleiben, das gehört vermutlich zum mosaikartigen Grundkonzept.

      Ich habe den Roman vor einiger Zeit recht schnell gelesen, bin allerdings Dresdnerin und habe da vielleicht noch einen anderen Zugang. Andererseits muss ich zugeben, dass ich ohne die ganzen Personenentschlüsselungen aus dem Wikiartikel wohl sehr wenig verstanden hätte -- da mutet der Autor seinen Lesern ganz schön was zu!

      LG, Amaryllis
    • Amaryllis schrieb:

      (...) Andererseits muss ich zugeben, dass ich ohne die ganzen Personenentschlüsselungen aus dem Wikiartikel wohl sehr wenig verstanden hätte -- da mutet der Autor seinen Lesern ganz schön was zu!

      Das hat mich ebenfalls gestört. Es kommen sehr viele Personen in diesem Roman vor, und über diese erfährt man zu wenig. Ohne die begleitende Lektüre von Wikipedia und anderen Besprechungen, die ich mir zusammengesucht habe, hätte ich das Buch wahrscheinlich schon nach den ersten hundert Seiten weggelegt.
      :wink:
    • Eben gewälzt kann man ja nicht gerade sagen, bei 92 Seiten ....aber sehr unterhaltsam !

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41LBARGqrzL._SL500_SY350_.jpg] Link funzt nicht . ;+)

      Gert Jonke,war ein großer Wortkünstler, ähnlich Thomas Bernhard, schrieb Prosa u.Theaterstücke.
      Die Personen der Theatersonate :
      L.v.Beethoven
      Anton Schindler, sein Adlatus
      Ferdinand Waldmüller , Maler

      Es geht um die Hammerklavier Sonate op.106

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Tach

      Doc Stänker schrieb:

      Thomas Pynchon. Bleeding Edge.
      ...


      Das kenne ich noch nicht, steht im Regal der ungelesenen Bücher.

      Zuletzt habe ich das hier gelesen:



      Nicht unbedingt ein Meisterwerk - imo deutlich schlechter als "Gegen den Tag"- aber sehr nett zu lesen und unterhaltsam. Dashiell Hammett für Arme, würde ich sagen. Vielleicht habe ich auch die Anspielungen nicht verstanden :hide: .

      Viele Grüße Bernd

      P.S.: Der Pyta steht auch noch in dem Regal; kommt aber bald dran
    • In recht frischer Erinnerung ist mir Vernes` Poeverbeugung "Die Eissphinx". Der Roman ist gleichsam eine Fortsetzungsgeschichte von Poes "Arthur Gordon Pym" (in deutscher Übersetzung u.a. erreichbar von einem seiner größten Verehrer: von Arno Schmidt). Wenn man Verne liest, kann man Poe und Schmidt gleich daneben legen.

      Bei mir allerdings in einer deutschsprachigen Hartlebenerstausgabe mit den Illustrationen von George Roux, die freilich auch in der vorstehenden Diogenes-Paperbackausgabe enthalten sind.

      Vor rund drei Jahren (mein Gedächtnis ist da ziemlich präzise) habe ich einmal auf eine Arno Schmidt-Seite aufmerksam gemacht, wo die regelmäßig verfügbaren Handbände dieses genialen Autors als PDF hinterlegt sind (finde ich jetzt auf die Schnelle allerdings nicht wieder). Aber da ich ein netter Mensch bin :yes: , hier wenigstens der Link auf den Roman, obwohl es in diesem tollen Forum wahrscheinlich nur eine Useranzahl im Promillebereich interessieren wird. Oder gibt es hier - wider Erwarten - außer Peter Brixius und mir weitere Verneenthusiasten?

      http://www.gasl.org/refbib/Verne__Eissphinx.pdf

    • Mariana Mazzucato zeigt in diesem sehr gut recherchierten Buch mit vielen Beispielen, dass die wichtigsten Innovationen mittels Finanzierung durch den Staat zustande kamen. So gründen Apples Welterfolge auf Technologien, die alle durch die öffentliche Hand gefördert wurden. Dass die freien Märkte und Unternehmer die treibende Kräfte grundlegender Innovationen sind, widerlegt sie.
    • Es wird lustig!

      Wer war wohl der faulste Präsident der USA?
      Der nur 4 Stunden am Tag arbeitete und der den Rest des Tages nickerte oder die Autos vor dem "Weißen Haus" zählte.
      Der sich nicht bequemte, als große Teile um den Mississippi im Wasser versanken, auch nur etwas Teilnahme zu zeigen?
      Na, wer war es?
      Und welche politische Bewegung in den USA sorgte dafür, dass Politiker, die nicht folgsam waren, mit Privatdetekiven verfolgt und desavouiert wurden und dann garaniert nicht wiedergewählt wurden?
      Na? Wer wohl?
      Wer bei 1) auf Gjorgsch Dabbeljuuh getippt hat und bei 2) auf die "Tieeh Paadiee" mag recht haben es, sind aber
      Calvin Cooligde als Präsident und die Anhänger der Prohibition.
      Nachzulesen im höchst vergnüglichen Buch "One Summer America 1927" von Bill Bryson. Gibt es auch auf Deutsch, aber das Original ist preiswerter, leicht zu lesen und man muss sich nicht mit möglicherweise schlampigen Übersetzungen rumärgern.

      Es werden auch diverse andere Zeitgenossen präsentiert, Lindberg, der berühmte Babe Ruth und Al Capone. auch Politker wie Hoover (Herbert!!), der sich selbst inzensierte und Harding, ein Schwachkopf, wie er vor Westerwelle kaum denkbar war, aber tatsächlich exisitierte, tauchen auf.

      Ok, wer an der amerikanischen Geschichte interessiert ist, wird wohl kaum zu diesem Werk greifen,- mein Sohn hat mir dafür Howard Zinn empfohlen.
      .
      Doch als vergnügliche Studie über die Amis, die schon immer ganz anders tickten, als wir in Europa es wahrhaben wollen, ist Brysons Buch eine Bereicherung.

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Re Nicht unbedingt ein Meisterwerk - imo deutlich schlechter als "Gegen den Tag"- aber sehr nett zu lesen und unterhaltsam.

      Hi,
      allen die Meister Pynchons (Against The Day" ist ein Meisterwerk ohnegleichen (IMHO)) Anspielungen und Verweise neben der normalen Lektüre folgen wollen, sei
      - nach der unvoreingenommenen Erstlektüre eine
      - Zweitlektüre unter Zuhilfenahme der Webseiten des riesigen Wikis
      "http://pynchonwiki.com/"
      angedient. Man entdeckt viel Neues.
      Das Schöne. Auch ohne diese Entdeckungen sind die meisten Werke so gut, dass man diese vielen Verweise und Anspielungen garnicht zu verstehen braucht. Wenn man sie aber hat, dann ist es noch besser.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Fiel mir gestern wieder in die Hände, nun nach dem Essen angefangen, und wie immer höchst erheitert: die 3 McAuslan-Bände von MacDonald Fraser in einem . Gibt es in verschiedenen Ausgaben, jetzt lese ich eine aus 2009, weil die alte auseinanderfiel. Mit einem netten Vorwort, in dem McAuslan - natürlich im Glasgower Dialekt - höchstpersönlich zu Worte kommt . Wer sucht, findet es günstig.

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )


    • Ein wunderschönes Buch, welches mich sehr berührt hat. Ein Buch der Meditation über den Augenblick, ein Innehalten und das Wunder der Liebe. Mit Achtsamkeit wird geschildert, wie sich zwei Menschen begegnen und fühlen, dass sie einander bestimmt sind. Ohne Worte verbringen sie zwei Tage miteinander. Sie gehen mit einem für sie rational nicht nachvollziehbaren Vertrauen aufeinander zu und versuchen zu erspüren und setzen gleichsam voraus, dass sie die Magie des Augenblickes gleich empfinden. Ohne diesen Gleichklang der Empfindung wäre der literarisch gezeichnete gemeinsame Weg ohne Worte nicht möglich. Beide sind ganz bei sich und dadurch auch beieinander. Diese tiefe Ruhe und Kontemplation, die das ganze Buch ausstrahlt werden noch durch die die zwei Charaktere verbindende Literatur betont, welche in ihrer beider Leben eine große Rolle spielt. Die Liebe ist eine Liebe der Worte und eine Liebe der Kunst und kommt doch ohne das gesprochene Wort aus. Der Autor jedoch vermag in knappen puristischen Worten einen Zauber des Moments zu erschaffen, der auch den Leser in diese andere Welt hineinzieht, eine Welt, in der es keine Worthülsen mehr braucht, um sich dem Geliebten zu erklären, sich verständlich zumachen. Viel zu oft oder nie gesagte und im Grunde unzulängliche wortreiche Erklärungen der eigenen Person, der eigenen Empfindungs- und Erfahrungswelt fallen weg, bewußt von beiden Protagonisten in stiller Übereinkunft.

      Wer dieses Buch liest, wird sich (wahrscheinlich) genauso wie ich, dazu inspirieren lassen, die im Buch erwähnte Literatur zu lesen:







      Man möchte sich in diese Stimmung der stillen Wahrnehmung ohne Urteil hineinfallen lassen und was ist dazu mehr geeignet, als die Lektüre in Form dieser Bücher fortzuführen..

      Wer es auch muskalisch nachempfinden möchte:



      LG Lotte

    • Frank Schulz "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen"

      Endlich wieder ein Schulz!

      Onno Viets, der Protagonist der Werke von Frank Schulz, nachdem Bodo Morten ausgedient hat, wird hier auf eine Kreuzfahrt geschickt.
      Das Ganze wird mit Kasperletheatereinlagen garniert, ist 270 Seiten lang lustig und dann kommt ein Unheil, welches man beim zweiten Lesen sofort merkt, beim ersten aber nicht mitbekommt, weil der Schwung der Geschichte einen wie mich so mitreißt, dass ich die Doppelbödigkeit, die Schlechtheit der Welt garnicht mitbekommen habe.
      Ein lustig trauriger Roman mit einem Looser als Hauptfigur, dem man es so garnicht gönnt.
      "Schöner Spruch: "Wollen sie einen Coffe to go? Nee, ein Bier to sit!"
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)