Eben gewälzt

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    • Mein Lesevorhaben in den Sommerferien: Tolstoi, Krieg und Frieden - hatte ich nach dem Abitur zuletzt in der Hand, damals missfiel mir Tolstois Geschichtsphilosophie sehr, nach 25 Jahren war der Urlaub in der Normandie eine gute Gelegenheit zu einer Wiederbegegnung. Leider habe ich nur die etwas mehr als die Hälfe geschafft, den ersten Band der Dünndruckausgabe und 200 Seiten des zweiten Bandes :) Wir befinden uns im Jahr 1812, der kleine Korse ist in Russland eingefallen und auf Seite der Russen herrscht Konfusion, wie man dem Invasor begegnen solle :) Fazit schon jetzt: Die Wiederbegegnung hat sich gelohnt, später mehr :)

      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Einer der größten Romane! Ja! Allerdings, so meine Meinung :

      Man kann ja die geschichtsphilosophischen Einlassungen (es ist lang her, aber waren das nicht die langen einleitenden Kapitel von Band 3 und 4?) recht bequem überblättern... Gute Leser haben den Mut zur Lücke, jedenfalls bei erneuter Lektüre find ich das absolut OK!... Das kann man doch gut überspringen, ohne daß Wesentliches fehlte. Zum Ende hin wird dieser Roman immer mitreißender, laß es dir nicht entgehen, lasse dich treiben, lese ihn weiter und überspringe einfach die Tolstoischen Theorieeinlassungen. Du gewinnst alles, eine Welt gewinnst Du, und vermißt nichts. Man möchte doch erleben wie Pierre vom idealistischen Jüngling zu einem verantwortungsvollen Mann wird und Natascha zu einem nervigen Mädchen zur reifen Frau unter dem Druck der Ereignisse, in diesem grandiosen Panorama, das läßt man sich doch nicht zerreden von stümperndem Geschichtstheoretisieren, oder? Da übergeht man eben mal 80 Seiten, es bleiben 1500 geniale Seiten über :D

      Das wär mein Rat :)


      LG :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Das kann man doch gut überspringen, ohne daß Wesentliches fehlte. Zum Ende hin wird dieser Roman immer mitreißender, laß es dir nicht entgehen, lasse dich treiben, lese ihn weiter und überspringe einfach die Tolstoischen Theorieeinlassungen. Du gewinnst alles, eine Welt gewinnst Du, und vermißt nichts. Man möchte doch erleben wie Pierre vom idealistischen Jüngling zu einem verantwortungsvollen Mann wird und Natascha zu einem nervigen Mädchen zur reifen Frau unter dem Druck der Ereignisse, in diesem grandiosen Panorama, das läßt man sich doch nicht zerreden von stümperndem Geschichtstheoretisieren, oder? Da übergeht man eben mal 80 Seiten, es bleiben 1500 geniale Seiten über
      Ich stimme Dir absolut zu, Garcia! Aber genau diese geschichtsphilosphischen Diskurse möchte ich noch einmal lesen. Lese ich sie heute mit dem Abstand der Jahre, dem Geschichtsstudium anders als damals nach dem Abitur? Nenn es Masochismus - aber genau das reizt mich: Hat sich meine Sicht auf Tolstoi verändert, lese ich diese Passagen anders? Du hast recht. Das Panorama, welches Tolstoi entfaltet ist atemberaubend. Tolstoi hat einen langen Atem, und den verlangt er auch von seinem Leser. Aber das hat mich eigentlich immer gereizt.
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      Cato der Ältere
    • Och nee, noch so ein Berater-Roman. Aber Vorsicht..

      Es gibt das Genre des Berater-Romans. Das sind Leute, die in der Regel einem IT- oder Finanzjob nachgehen, vor der Stadt im Grünen wohnen und deren Lebenslust ausgeblasen ist.
      Oft geschrieben von Leuten, die keine Ahnung vom Beraterleben haben (Terezia Mora) oder Ex-Beratern (Schimmelbusch). Allen gemein ist ein Ekel an der Ist-Welt und dann die Flucht ins irgendwas.
      Beim Vorgänger der Berater-Romane Brett Easton Ellis waren es dann Morde. (American Psycho)
      Diese Bücher heben sich immer noch positiv ab von den "grünen" Romanen aus denen immer rausschaut, wie man ein besserer (grüner) Mensch werden kann, wenn man nur...
      EGAL!!
      Nun drückt mir Freundin K aus Berlin einen Roman in die Hand: "Lies das, reiner Punk."
      Und ich lese die erste Zeile: "".
      In meinem Leben davor habe ich eine Frau, ein Kind und ein Haus. Ich arbeite viel. Ich bin freier Berater

      Occh nee,, nicht schon wieder.
      Doch dann fasziniert mich die schnoddrige, knappe Spracheu und lese weiter. Der Protagonist lässt sich, weil er auf einmal nix mehr zu tun hat, - entsorgt wurde-, als Berater einer Wurstbude engagieren und steigt voll ein. Der Imbisswagen wird neu gestylt:
      "Ich brauche einen Imbisswagen, der auf einem Markt voller veganer Imbisse, Tofu- und Falaffelbuden aussieht wie eins mitten in die Fresse."
      Und dann geht es voll los, Volle Breitseiten gegen die Diktatur des Vegetariats, hin zu regionaler Wurst. Das alles zunächst voll ironisch, dann dunkler werdend, bleibt beim Lesen süffig und wird dennoch immer gruseliger. Sex kommt hinzu, der nix für zarte Gemüter ist und es gibt Tote dabei. Am Ende, ja am Ende....das wird nicht verraten, nur soviel: Herrenwurst ist sehr beliebt.

      Der Roman heißt "Wurst" und ist von Fritz Hendrick Melle. Ich habe ihn auf der Fahrt von Berlin nach Kiel in einem Zug (Nomen est omen) gelesen.

      Und es hat einen riesigen Spaß gemacht.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Kater Murr schrieb:

      "Labyrinth" ist ein bißchen lang und etwas überambitioniert, vermutlich weil Van Gulik noch nicht ahnen konnte, wie viele Bände mehr er schreiben würde und schon sehr viel hineinbringen wollte (und der dritte Fall, das verschwundene Mädchen, ist etwas schwach), aber der hat sehr ausführliche Hintergrundinformationen und schneidet viele Aspekte, die in anderen Bänden auch wichtig sind, an.Von der Übersetzung, also dem allerersten oder nullten Band abgesehen, den ich zurückstellen würde, ist die Veröffentlichungsreihenfolge nicht die schlechteste.(Der erste etwas schwächere Band ist meiner Erinnerung nach "Nächtlicher Spuk im Mönchskloster.)

      Es gibt anscheinend mindestens drei TB-Auflagen bei Diogenes (die älteste schwarz-gelb, dann zwei "weiße"), wovon die letzte mir weniger gefällt, weil die Titelbilder geändert wurden. (Anscheinend fehlt mir ein Band, "Der Affe und der Tiger", sonst habe ich alle.)
      Habe nun doch alle gelesen. "Nächtlicher Spuk" ist vielleicht keiner der besten, fällt aber auch nicht ab und hat mehrere Besonderheiten (etwa, dass er im wesentlichen in einer Nacht spielt). Der "nullte" Band, d.h. die Übersetzung ist auch nicht schlecht, hauptsächlich deutlich langatmiger als die von Gulik selbst geschriebenen Bände (und mit ein bißchen übernatürlichem Element, dazu gibt es eine starke Überlappung mit einem der späteren Bände). Auch den Sammelband mit kurzen Geschichten ("Richter Di bei der Arbeit") fand ich eher besser als in Erinnerung. Abschließend habe ich mir nun noch den mir noch fehlenden "Der Affe und der Tiger" besorgt. Der hat mich allerdings etwas enttäuscht. Dem Format mit zwei ca. 70seitigen Novellen fehlt die Verwickeltheit der Bände normaler Länge ebenso wie die Zuspitzung der kurzen Geschichten. D.h. den würde ich wohl fast als schwächsten insgesamt einordnen.
      Ein bißchen stört beim Hintereinanderlesen die Uneinheitlichkeit der Übersetzungen. So sind sowohl die Dienstbezeichnungen (Richter vs Bezirksrichter vs. Magistrat, Konstabler vs. Polizisten etc.) als auch Anreden (Du, Sie, Ihr, Euer Ehren, Euer Gnaden, Exzellenz) u.ä. von Band zu Band nicht einheitlich bzw. manchmal auch unplausibel gewählt, wenn zB einer der eher derben Gehilfen (Ma Jung) jemanden anbrüllt, dabei aber siezt...

      Dann noch ein älteres Buch TC Boyles, das schon länger im Regal rumstaubte: Der Samurai von Savannah. Keines seiner besseren und wieder bestätigt sich, egal ob ich eines seiner neuen oder ein altes lese, mein Eindruck, dass er seine Masche immer wiederholt: Irgendeine Art Außenseiter (kulturell, ethnisch, durch Behinderung oder auch Schelm/Hochstapler) gegen irgendein Establishment, Mensch gegen brutale Natur, skurrile Gemeinschaften (Ökos, Hippies, Künstler). Gelingt ihm m.E. anderswo alles besser als hier.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Du bist schneller als ich, lieber Kater Murr :)

      Ich lese die Van Guliks nun auch alle. Aus einer kurzen Wiederbegegnung ward ein Sog dem ich mich nicht entziehen wollte oder konnte. 10 hab ich durch, 3 fehlen noch (ich zähle nur die Romane).

      Übrig sind von den 13 Romanen hier noch die die ich als die schwächsten in allerdings nebelhafter Erinnerung hab, nämlich die Perle des Kaisers, der Wandschirm aus rotem Lack und Poeten und Mörder. Die beiden Erzählungsbände (Affe und Tiger sowie Richter Di bei der Arbeit) hab ich auf die lange Bank geschoben... es wird eine kurze Bank sein...

      Was mir als ganz starke Bände auffiel (ich mag aber alle), das war "Mord in Kanton", jedenfalls von der Handnlungschronologie der letzte, beinahe schon ein Polithriller, das war Wunder in Pu-Yang?, den fand ich außerordentlich gelungen, und das war der düsterste von allen, Nagelprobe in Pei-tscho, der den Richter an seine Grenzen bringt. Dreimal Daumen hoch ohne Ende :)

      Aber diese ganze Reihe... Ich mag sie alle. Obengenannte drei Bände hab ich noch, aber was mach ich dann? Was macht ein Süchtiger wenn ihm der Stoff ausgeht? Weitersuchen oder Lesepause (in
      meimem Leben gibt's das aber nicht)...

      Vielleicht muß ich dann mit den Weterings von vorn anfangen. Zu wirklich klassischer Literatur zieht mich gerade nicht. Und den großartigen Richard Powers (Wurzeln des Lebens) hab ich durch.

      Den "Samurai" von Boyle kenn ich, ich hab ihn seinerzeit ganz gern gelesen. Bissl schematisch, aber nie langweilig. Boyle ist überhaupt eine Idee zum Weiterlesen, oder Auster.
      Mal schaun ;) was so kommt...

      Abends laß ich mir gerade immer die Buddenbrooks von Westphal vorlesen. Das ist wie fünf sein und sich vom netten Onkel mit Werthers Echten abfüttern lassen. Klasse! Aber lesen ist besser, anders, und da ich das zum Einschlafen mach penn ich immer irgendwann weg...

      Möge der Herbst kommen. Möge diese geistlose, lesefeindliche, dämliche Sommerzeit endlich enden. Dann kommen auch die Bücher.

      Lieber Knulp, ich hab mich total über deine Van Gulik Hinweise gefreut, man liest ja nie allein :D




      Aber auch allen anderen einen LG :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Den "Wandschirm" hattest Du oben doch besonders empfohlen?

      Es gibt noch einen in Holland spielenden Krimi "Der geschenkte Tag". Den habe ich auch gelesen, aber keine Erinnerung mehr dran und anscheinend auch weiterverschenkt oder aussortiert.

      Bände in Handlungschronologie (ohne Kurzgeschichten; in dem Band "Richter Di bei der Arbeit" findet sich eine fast vollständige Chronologie (Halskette und Kalebasse sowie Poeten und Mörder fehlen) mit einigen Spoilern, die ich hier weglasse); fiktiv, allein Geburts- und Sterbedatum sind belegt. Zu bedenken ist auch , dass die Bücher gemäß den chinesischen Vorbildern Anachronismen enthalten, d.h. viele der geschilderten kulturellen Praktiken ebenso wie die Zeichnungen entsprechen eher der späteren Ming-Periode (ca. 16. Jhd.) als der Tang-Dynastie, in der der wirkliche Di (630-700) lebte.

      663 Geisterspuk in Peng Lai - erste Stelle Dis als Richter, Begegnung mit und Anwerbung von Ma Jung und Tschiao Tai
      - Der Wandschirm aus rotem Lack (Di auf Besuch im Nachbarbezirk)

      666 Der See von Han-Yuan - zweite Bezirksrichterstelle, Anwerbung Tao Gans.
      - Der Morgen des Affen
      - Nächtlicher Spuk im Mönchskloster (Taoismus)

      668 Wunder in Pu-Yang; dritte Bezirksrichterstelle; Konflikt Konfuzianismus - Buddhismus; finde ich eher einen der schwächeren.
      - Tod im roten Pavillon (Di auf Besuch im Nachbarbezirk (Richter Lo))
      - Die Perle des Kaisers (Drachenbootrennen; Konflikt mit Volksglaube (Menschenopfer für Flussgöttin))
      - Halskette und Kalebasse (Di goes 007, Intrige im kaiserlichen Wasserpalast, Taoismus)
      - Poeten und Mörder (wieder im Nachbarbezirk beim dicken Bonvivant Richter Lo, chines. Poesie und Kalligraphie)

      670 Mord im Labyrinth: vierte Bezirksrichterstelle (Lan-Fang) Erster veröffentlichter Band), von allen das längste und ein bißchen viel reingepackt, finde ich.
      - Das Phantom im Tempel

      676 Nagelprobe in Pei-Tscho - letzte Stelle Dis als Bezirksrichter, Berufung in die Hauptstadt

      677 Die Nacht des Tigers - Di unterwegs von Pei-tscho

      677 Mord nach Muster - Di als Gerichtspräsident und Notverwalter der Hauptstadt in Pestzeiten. Fand ich besser als erinnert,

      681 Mord in Kanton - Di Gerichtspräsident in geheimer Mission, Begegnung mit arabischen und persischen Seefahrern, die sich in Kanton angesiedelt haben. Fand ich tatsächlich schwächer als erinnert, bzw. ein seltsamer Kontrast von sehr burlesken mit düsteren Elementen, aber jedenfalls auch ein klar anderes Setting.

      hors concours: Merkwürdige Kriminalfälle des Richters Di; ein anonymer chinesischer Roman aus dem 18. Jhd., übersetzt und leicht gekürzt von Van Gulik, bevor er seine eigenen geschrieben hat. Parallel zu "Nagelprobe in Pei-tscho" zu sehen, da er ebenfalls mit der Berufung Dis in ein höheres Amt endet; der Ort heißt hier aber Tschang-ping.
      Naturgemäß etwas anders in Erzählstil, -tempo und -atmosphäre, u.a. merkt man hier, dass Van Gulik die Brutalitäten (bei der Darstellung der Strafen usw.) der Vorbilder eher etwas gemildert und auch Di humaner gestaltet hat, aber fand den auch eher unterhaltsamer als ich ihn in Erinnerung hatte, jedenfalls durchaus lesbar. An (gekürzte) Übersetzungen der klass. chines. Romane (Reise nach Westen, Traum der roten Kammer usw.) habe ich mich bisher noch nie gewagt. Die sind auch gekürzt alle mindestens drei bis viermal so lang.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Ich hatte bei meiner Empfehlung den "Wandschirm" mit dem "Tod im roten Pavillon" verwechselt ;( ...

      Danke für die Chronologie, jetzt kann ich die Bände richtig sortieren. Der Band mit den chinesischen Originalgeschichten fehlt mir, ich werde ihn nachordern. "Der geschenkte Tag" steht hier, gelesen hatte ich ihn auch vor vielen Jahren, aber ich weiß nur noch schwach daß er mir nicht besonders zugesagt hatte - heute fehlt jede Erinnerung daran...


      "Die Reise in den Westen" ist vor ein, zwei Jahren bei Reclam in einer sehr schönen Ausgabe ungekürzt (1300 Seiten) erschienen, ich bin da in der Buchhandlung öfters drum rumgeschlichen. Aber am Ende hab ich mich doch nicht getraut, 88 Euronen in ein Buch zu investieren, daß dann vermutlich doch weitgehend ungelesen bliebe...



      Reingelesen in der Buchhandlung hatte ich in "Die drei Reiche", das war ansprechend, aber vor über 1700 Seiten und einer erschlagenden Personenzahl schreckte ich auch hier zurück. Vielleicht mal wenn ich in Rente bin :D einstweilen ist das eine Überforderung...




      LG :)



      Edit: bei der "Reise in den Westen" klappt der amazon-Link nicht...
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      (Shunryu Suzuki)
    • Nun bin ich da auch mal eingestiegen, Wolframs Tip war mir Befehl :)


      Maigret im Haus des Richters.

      Ich habe nie zuvor einen Maigret gelesen (den einen oder andren Nonmaigret in der seinerzeitigen Diogenesausgabe schon, das war mir aber einen Tick zu düster / trostlos und zu simpel [obwohl weißgott nicht schlecht] um das länger zu verfolgen). Auch an Verfilmungen kann ich mich zumindest nicht erinnern.

      Kurz: dies ist anders. Ich bin außerordentlich angetan, vor allem davon, wie viel dichteste Atmosphäre hier mit relativ simplen (aber hoch effektiven) Mitteln erzeugt wird! Und als Krimi funktioniert dieser Band auch gut. Das hat eine ganz schöne Sogwirkung.

      Wenn "Maigret im Haus des Richters" nicht ein Ausreißer nach oben sein sollte dann kommt da viel, viel auf mich zu - und ich hab doch chronischen Regalplatzmangel ;(



      LG :)
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    • garcia schrieb:

      Nun bin ich da auch mal eingestiegen, Wolframs Tip war mir Befehl
      :thumbsup:

      garcia schrieb:

      Kurz: dies ist anders. Ich bin außerordentlich angetan, vor allem davon, wie viel dichteste Atmosphäre hier mit relativ simplen (aber hoch effektiven) Mitteln erzeugt wird!
      Und zudem tolle Charakterdarstellungen.

      garcia schrieb:

      Wenn "Maigret im Haus des Richters" nicht ein Ausreißer nach oben sein sollte
      Ganz bestimmt nicht! Ein so richtiger Ausreißer nach unten ist mir übrigens bislang noch nicht untergekommen.

      garcia schrieb:

      dann kommt da viel, viel auf mich zu - und ich hab doch chronischen Regalplatzmangel
      Ups! Da habe ich dann ja was angerichtet. Und dann hat Simenon ja auch noch 'ne ganze Menge Maigrets geschrieben. Da ist dann deine Fantasie hinsichtlich Lagerung gefragt. ^^

      :wink: Wolfram
    • Nun muß ich mal wieder (darf mal wieder) von einem langem und auch großen Roman berichten :D




      Annie Proulx kenne ich seit vielen Jahren, aber nur oberflächlich, denn ich hatte vor Jahren ihren pulitzerpreisgekrönten Erstling, die "Schiffsmeldungen", gelesen und war begeistert seinerzeit. Mir lag das Thema auch sehr, Rückzug eines Losers in eine atavistische Wildnis und von da aus das Leben nochmal neu angehen... Ich kenne diese Sehnsüchte ganz gut, das war meins. Und dann diese unbändige Kraft mit der die Proulx das gestaltet hat... Oha!

      Trotzdem hab ich die Autorin dann aus den Augen verloren. Wie es eben manchmal so geht.


      Neulich nun stieß ich in der Buchhandlung auf oben genanntes Buch - - - und dachte, oh, Proulx, da issie ja wieder :D und eine Geschichte über 900 Seiten (ich liebe ausladenden Bücher, ich richte mich zu gern in einer ganzen Welt ein), über viele Generationen, beginnend 1675, endend 2005, Wälder, Kanada, ein an sich unerfüllbarer Plan sowas zu schreiben, das schafft kaum wer befriedigend, aber sie hat gemacht (mit 80!), ja, dachte ich mir, das willst du, das mußt du versuchen. Das mußt du lesen.

      Daß die Kritiken (via "Perlentaucher" nachlesbar) teils schroff ablehnend waren hab ich erst zuhause gesehen, aber da hatte ich auf dem S-Bahn-Rückweg schon 35 Seiten gelesen...
      Das war mir dann egal.

      Es war auch egal.

      Ich finde dies ein sehr kraftvolles, glänzend gemachtes, faszinierendes Buch. Was fehlt wäre eine Art Stammbaum der beiden hier geschilderten Familien und ihrer weit verzweigten Mitglieder zur Orientierung, gelegentlich sind das arg viele Namen die ich erstmal einsortieren mußte, aber das war machbar. Handlungsstränge des weitverzweigten Geschehens, das seinen Kern im Norden der heutigen USA hat, führen nach China, Neuseeland, Frankreich, Holland. Leute werden geboten, haben Erfolg, scheitern, sterben weg,hinterlassen Kinder. Das hat was ebenso Natürliches wie Gewaltsames. Ich wurde als Leser teils ganz klein - ich bin ja ebenso. Manchmal kamen mir Menschen vor wie Pflanzen, die kommen und blühen oder auch nicht und vergehen. Da ist etwas Mitleidloses drin. Aber eben auch wieder viel Mitleiden beim Blick auf all das Elend, das zu dieser Welt gehört.

      Ein historischer Roman, ein Abenteuerroman, eine verzweigte Familiengeschichte, ein Plädoyer für einen humaneren Umgang mit der Natur und den Menschen, ein atmosphärisch dichtes Bild der Welt, gelegentlich auch eine Geduldsprobe - mir macht das nachhaltigen Eindruck, und ich hab die andren Romane der Proulx ( sie hat wenig geschrieben, vielleicht weil sie schon 58 war als ihr Erstling erschien), ich hab sie alle geordert :D

      Bin beeindruckt.



      LG :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Überdruss an Krimis.
      Überdruss an Kommisaren, die ihre eigenen Lebensprobleme in Fällen abrackern, egal ob aus Glasgow oder Edinburgh oder sonstwo.
      Lassen wir es also mal richtig fetzen:
      Eckhard Henscheids gesammelte Aufsätze zur Literaturkritik. Und da kommen manche sehr schlecht weg. (Grass, Böll). Aber es gibt auch einige rote Fäden der Begeisterung. Italo Svevo, Ror Wolf, Dostojewski

      Eine vergnügliche Lektüre, wenn auch etwas "outdated"
      Doch am Ende steht auf ca. 150 Seiten, "aus der Heimat hinter den Blitzen rot: ein Eichendorf Buch", dem er große Zuneigung gewidmet hat. Wie er auch Jessy Normans Eichendorf Lieder besonders mag

      Deshalb noch etwas zur Musik:

      Die wohl besten Opernführer aller Zeiten: "Verdi ist der Mozart Wagners" und "Warum Frau Grimhild Alberich außerehelich Gunst gewährte" umrahmen die "Musikplaudertasche" und werden von "Neuen Schriften zur Musik" ergänzt.
      Köstlich, auch wenn ich seinen Geschmack nicht (immer) teile. Aber er ist ja auch mehr als 12 Jahre älter als ich :thumbsup:

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • :wink:

      Henscheids Werk wird ja sonst eher gerne auf seine geniale Trilogie des Schwachsinns reduziert. Der Opernführer ist ebenso fantastisch geschrieben und voller interessanter Ideen, die och oft teilen kann. Still und leise sei noch die Idylle "Maria Schnee" erwähnt, in der man auf kleinem Raum in die meisterliche Gestaltung der Sprache tauchen kann.

      Gruß, Frank
    • Und gleich hinterher geschmökert, es sind ja nur knapp 70 Seiten und in großen Schriftzeichen.
      Das letzte veröffentlichte Werk von Wolfgang Hildesheimer: "Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge".

      Sprachakrobatik und Verzweifeln in einem und dazu enorm lustig, aber nur fast. Er verarscht Rilkes Herbstag so köstlich, dass es eine Freude ist.
      Doch dann ist es resignativ traurig, dann wieder mit einem Witz erlösend, weil man im älteren Leben manche Dinge einfach nicht mehr haben muss und es genießen kann, mancher Hölle zu entgehen,

      Hildesheimer über die Hölle schrieb:

      Jeden Abend ein Konzert der Wiener Sängerknaben oder der Regensburger Domspatzen, wenn das nicht dieselben Knaben, bzw. Spatzen sind. Vormittags die Moldau unter Karajan oder etwas auf Originalinstrumenten, handgebastelt und mißgestimmt von Harnouncourt. Oder Triosonaten von Telemann, Piccolini, Ricotta, ....oder von Wilhelm August Bach oder Carl Maria Bach oder von Johann Wolfgang Bach oder Wilhelm Friedemann Bach oder Georg Telemann Bach für neun Blockflöten und Continuo...
      Aber er entlässt uns auch mit einigen Erkenntnissen.

      ders. schrieb:

      Eine Neurose habe ich natürlich auch. Keine Zwangsneurose, sondern eine freiwillige. Sie ist verhältnismäßig leicht zu züchten, beinahe noch leichter als eine Rose, weil sie wetterunabhängiger und jahreszeitlich ungebundener ist.
      und schließlich am Ende:

      ders. schrieb:

      Alle Probleme, Neurosen, Psychosen werden uns im Flug vergehen. Es wird uns alles vergehen, lieber Max, das Hören, das Sehen, als Erstes das Lachen
      Liest sich in 1 Stunde und lässt einen nicht unberührt zurück.
      Gruß aus Kiel

      PS. Als verbindendes Glied zwischen Henscheid und Hildesheimer weise ich auf die Erzählung: "Poschiavo - Graz einfach" von Henscheid hin, der Hildesheimer und Frau auf Reisen schickt.
      Köstlich, besonders in der von Henscheid selbst gelesenen Fassung.
      (Henscheid Hörwerke)
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Doc Stänker schrieb:

      Das letzte veröffentlichte Werk von Wolfgang Hildesheimer: "Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge".

      Ein tolles Buch, Doc, ein sehr tolles Buch! Meine Lieblingspassage (ach, eigentlich sind alle Einfälle herausragend), ist jene über das Konzert für Choronarthrombose und Orchester, das der Erzähler dereinst gehört zu haben glaubte, bevor er feststellte, dass es sich bei der Choronarthrombose so überhaupt nicht um ein spätbarockes Blasinstrument handelt... Und jene, als geschildert wird, wie des Nachts der Tod vorbeireitet und der Erzähler ihm zuruft: „Tod, wo ist Dein Stachel?“ und jener antwortet „Abgelöckt!“ (wozu man natürlich wissen muss, dass der Erzähler zuvor über die Redewendung „Wider den Stachel löcken“ philosophiert hatte, weil er gerne ein anderer geworden wäre, etwa einer, der wider den Stachel löckt). Und die Passagen über Psychopharmaka und ihre persönlichkeitsverändernde Wirkung („vermutlich nehmen andere wirksamere Psychopharmaka als ich“). Das ist alles mit soviel Scharfsinn und Sprachwitz geschrieben - und, nein, das alles ist nicht lustig. Gar nicht.

      Hildesheimer war ein ganz, ganz großer! Mein liebstes seiner Bücher ist und bleibt „Tynset“. Aber das ist nun wirklich ganz und gar nicht lustig.

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • garcia schrieb:

      und ich hab die andren Romane der Proulx ( sie hat wenig geschrieben, vielleicht weil sie schon 58 war als ihr Erstling erschien), ich hab sie alle geordert
      Damit, lieber Garcia, hast du bestimmt keinen Fehler begangen. Ich habe die Proux mal 'ne Zeitlang sehr intensiv gelesen, hatte auch alle ihre Romane in meinem Regal stehen, habe sie aber dann wieder verkauft. Nicht aus Qualitäts-, eher aus Platzgründen, wohl wissend, dass ich sie wohl doch nicht wieder lesen werde. Aber wenigstens das einmalige Lesen sind sie allemal wert.

      :wink: Wolfram
    • Noch einmal Henscheid


      Da schlage ich das Buch nach längerer Zeit wieder auf, beim ersten Lesen habe ich es mehr durchgeblättert denn gelesen und stelle fest, dass ich es nach einer Lesung kaufte, denn ich finde ne Signatur.

      Nun gut, damit kam schlagartig die Erinnerung an einen recht müden alten Mann bei der Lesung, - kein Vergleich zu einer Begegnung in Amberg anläßlich einer Lesung, 1993 oder war es 1992?, in der Schießl Brauerei, Michel Schießl feierte seinen 40igsten und mein Freund Matthias lud CMS und mich dazu ein.
      Dann traf ich einen sehr bekannten Kieler Germanisten, ein guter Kenner Henscheids und vor allem Ror Wolfs und sprach mit ihm und der meinte, der Gute sei sehr empfindlich geworden, nicht gerade verbittert aber doch sehr reduziert auf das, was ihn noch interessiere.

      Und so liest sich das Buch auch streckenweise. Er lässt seine großen Kenntnissse der klassischen Musik "raushängen", dass er Rita Streich am Klavier begleiten durfte und seine Vorliebe für Bergonzi.

      Die ersten 300 Seiten sind recht interessant. Dann aber etwa mit 2 Ereignissen, nämlich seinen Streit mit Böll(s Erben) und dem dämlichen Interview mit der "Jungen Freiheit" zieht in seine Beschreibung eine Verbitterung ein, die über das bekannte Schimpfen hinausgeht und manche Passagen nur schwer erträglich macht.

      Klar kommt "unser Lautester" (= Reich Ranicki) nicht gut weg, ebenso wie Grass, Böll, Käßmann, Joschka Fischer, King Kong Küng, Hüsch, Engholm und die üblichen Verdächtigen seiner Beschimpfungen (siehe Literaturkritik, Polemiken und Sudelblätter), dafür werden Heino Jaeger und Ror Wolf sowie Herbert Rosendorfer und natürlich Polt! gebührend gefeiert.
      Aber vieles kennt der Henscheid Leser schon und zum 1000sten Mal Bölls "Und sagte kein einziges Wort" als steindumm zu bezeichnen ist keine neue Erkenntnis.
      Viel besser sagte es doch Robert Gernhardt:

      Gernhardt schrieb:

      Der Böll war als Typ wirklich Klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär’ überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane.“
      Nein, dieses Buch ist mehr was für Leute, die entweder Henscheid sammeln oder ein paar Lücken im Wissen über ihn schließen wollen.
      Allerdings ist die kleine Geschichte über Gertrud Höhler einfach nur köstlich und schon einen Teil des Geldes wert. Sie ließ sich von Annie Leibowitz im Reitdress mit ihrem Sohn zu Füßen für American Express ablichten und daraus machte EH ne Satire und wurde prompt verklagt.

      Aber: Ich habe mir für die zukünftige Lektüre die "Mätresse" wieder rausgelegt und dazu den von Henscheid immer wieder gelobten Roman "Der Jüngling" von Dostojewski.
      "Je Dickens desto Dostojewski" kenne ich ja schon
      "Maria Schnee" habe ich beim Sohn ausgemacht und Rückgabe eingefordert und Christiane hat mir "Geht in Ordnung ..." zurückgegeben; begeistert hat sich sich das Buch selbst gekauft. Recht so.

      Gruß aus Kiel.
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Zuletzt Handke gelesen? In meinem Fall müßte es "zuletzt Handke zu lesen versucht" heißen, das war dies Jahr im Vorfrühling und betraf "Mein Jahr in der Niemandsbucht". Ich bin etwa 200 von 1000 Seiten weit gekommen (hatte die gebundene Erstausgabe für ein paar Cents antiquarisch gesehen und mitgenommen). Großartige Sprache, exzellente, feinfühlige Beobachtungen von Dingen, über die Andre hinwegsehen, aber das beinah völlige Fehlen irgendeiner Handlung und ein schwer zu beschreibender hoher Ton hatte mich irgendwann zunehmend genervt und die Lektüre versickerte.

      Vor etwa 15 Jahren habe ich mal den "Versuch über den geglückten Tag" gelesen, daran habe ich keinerlei Erinnerung mehr. Andere Begegnungen gab es nie. Allerdings, das denke ich manchmal, sollte ich mich vielleicht einmal mit einem der kürzeren Sachen aus dem Frühwerk befassen, beide bisherigen Zugänge mögen eher etwas für seine eingefleischten Fans sein und als Einstieg wenig geeignet. Aber ich schätze mal, es wird dauern bis ich das umsetze. Es gibt eh viel mehr Bücher die ich lesen möchte als es mir möglich ist, und auch wenn für mich durchaus eine gewisse Faszination von Handke ausgeht liegt sein ganzer irgendwie priesterlicher Habitus mir zu fern.

      Aber ich freue mich unterm Strich trotzdem daß er nun diesen Preis bekommen hat. Und zeitgenössisch? Sicher, er schreibt ja noch und wird auch gelesen... Aber "aus der Zeit gefallen" paßt zu ihn irgendwie auch...


      LG :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)