Eben gewälzt

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    • Ich kenne nur "Der Himmel über Berlin". Also stehen tatsächliche Literaturerlebnisse noch aus. ;)
      Wo anfangen? "Publikumsbeschimpfung" vielleicht?
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Die Publikumsbeschimpfung funktioniert besser live. (Sonst kenne ich, glaube ich, nichts von dem.)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Eigentlich darf ich mich gar nicht zu der Verleihung äußern. Schon gar nicht, weil ich ziemlich Handke geschädigt bin. In meiner Schulzeit wurde ich ziemlich von '68-geprägten Lehrern mit 'Publikumsbeschimpfung' und dem 'Torwart' traktiert. Jedenfalls empfand ich es so. Was jedenfalls dazu führte, dass ich Handke nie wieder gelesen habe. Andererseits fand ich Buchbesprechungen und Kritiken in den letzten Jahren vielfach sehr interessant (nicht so sehr, dass sie mich zum Lesen bewegt hätten ^^ ), dahingehend, dass ich das Gefühl hatte, dass dort jemand, ähnlich wie Jellinek, einen eigenen, interessanten Weg innerhalb der Literatur gefunden hat.

      Von daher habe ich mich, komischerweise, heute bei der Nachricht sogar gefreut. Und ich werde wohl morgen mal den Weg in unsere dörfliche Buchhandlung antreten. Mal sehen, was ich dort finde und vielleicht kann ich mein Handke-Trauma ja bewältigen. :D

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Eigentlich darf ich mich gar nicht zu der Verleihung äußern.
      So geht es mir auch. Zu meiner Schulzeit gab es keinen Handke mehr in der Schule. Allerdings war ich eine Leseratte und stieß ich in den Achtzigern unweigerlich auf den Handke der Siebziger. Der Tormann, Innenansichten, Wunschloses etc. Das fand ich gut. Mir gefiel auch die Publikumsbeschimpfung von der Attitüde her. Bei den vielen Versuchen (über die Jukebox etc.) bin ich dann ausgestiegen. Erst recht hatte ich keine Neigung, Handke auf seiner speziellen Serbienerkundung zu folgen. So kommt es, dass ich nur den frühen Handke kenne und tatsächlich auch an Empfehlungen zu seinem jüngsten Werk interessiert bin.

      Ich freue mich auch für ihn über die Preisverleihung, weil ich ihn als unermüdlichen Weitererkundler der literarischen Texterzeugung schätze. Es mag auch eine Rolle spielen, dass mal wieder jemand einen Preis verliehen hat, den ich kenne.
    • Ein paar Anmerkungen, nicht nur von mir

      Doc Stänker schrieb:

      Und ich dachte schon, dass Rosaminde Pilcher den Preis erhalten würde, aber sie zog es bekanntlich vor, abzuleben, bevor sie den Preis erhalten konnte.

      MRR lt Henscheid schrieb:

      N. Gordimer schreibe so schlecht, daß sie früher oder später den Nobelpreis erlangen müßte

      Henscheid in Literaturkritik S.744ff über Jelinek: schrieb:

      Oder man kann sie sogar, wie ohne falsche Scheu ich, als eine spätfeministische romanfaselnde Neukitscheuse einschätzen, als eine Vollnullität, deren ab ovo geringe literaische Potenz sich über lange Zeit von der Zweitkopie des sich zuletzt ja auch nur selbst kopierenden Thomas Bernhard ernährte.

      Derselbe Seite 71 schrieb:

      ... dass man mit Böll und Grass im Vierteljahrhundertabstand zielsicher die weit und breit talentfreiesten der deutschen Nachkriegsliteratur nobilierte
      Dazu ergänzend die Lektüre von Gerhard Henschel über Grass (Beim Zwiebeln des Häuters) und Hertha Müller: "Er schaute Irene mit offenem Mund in die Augen."

      Ich ergänze nur die Frage: Welche/r Autor/in der letzten 100 Jahre wurde übersehen? Kafka, Musil, Joyce, Updike.......und natürlich Margaret Millar. Eben: Die Besten!

      Daher ist es nicht eher so, wie es hier steht?

      Ders. S 68 schrieb:

      man solle das Ganze mehr im Sinne einer multikulturellen Leseempfehlung verstehen, in Richtung auf ein Wahrnehmen bisher ungekannter Polen, Neuseeländer, Eskimos und eben Chinesen, wie sie immerhin bereits Goethe, gegenüber Eckermann, als Romanhersteller hoch taxierte.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Musil? Die "Besten"? Also entweder oder :D

      Ein überschätzterer Autor fällt mir gerade nicht ein auf die Schnelle...

      Aber insgesamt stimmt das schon. Das Elend begann ja schon von Anbeginn an damit, daß Tolstoi nicht genehm war. Zu seinen Lebzeiten wurden ihm folgende Schreibergrößen vorgezogen:
      Sully Prudhomme, Theodor Mommsen, Björnsterne Björnson, Frederic Mistral, José Echegaray, Henry Sienkiewicz, Giosuè Carducci, Rudyard Kipling, Rudolf Eucken, Selma Lagerlöf und Paul Heyse. Also alles Autoren die heute unsere Regale verstopfen und die wir wieder und wieder lesen, nicht wahr? :D wer braucht da schon einen Tolstoi... Zu viele Wörter, wahrscheinlich...

      Was sagt uns das? Es ist bloß ein lustiges Spiel jenseits jedes medialen Weihrauches. Wie Oscarverleihungen. Fußball-"Turniere". Oder Diskussionen wer neuer Chefdirigent der BP wird.

      Sowas macht durchaus Spaß, jedenfalls mir, wirklich relevant war es schon 1901 nicht recht. Und weil Böll ihn bekam ape01 oder gar Dario Fo ape2 oder gar Bob Dylan ape3 (das hat allerdings selbst mich sprachlos gemacht) heißt das ja nicht daß nun alle Preisträger/innen deshalb mies seien...

      PS:
      Welcher intigrante Rotzlöffel da in Schweden hat ihn eigentlich Henscheid verwehrt? Oder hat er es selbst verhindert weil er mit all diesen Dumpfbacken wie Mann, Hauptmann, Hamsun, Yeats, Shaw, Faulkner, Garcia Marquez etcpp nicht in einem Atemzug genannt zu werden wünschte? Fragen über Fragen... :kaffee1:


      LG :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Das Elend begann ja schon von Anbeginn an damit, daß Tolstoi nicht genehm war. Zu seinen Lebzeiten wurden ihm folgende Schreibergrößen vorgezogen:
      Kann auch darangelegen haben , daß er keine Schreibergröße war . Genehm hin und Elend her . Aber ist doch eh Geschmackssache .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Weiß ich nicht. Ist immer alles nur Geschmackssache, und wenn ja, wie ließe sich über Kultur dann verständigen?

      Ich glaube schon, daß sich sagen läßt, Leute wie Bach, Beethoven, Mozart, Leute wie Kafka, Tolstoi, T Mann etc seien "große" Komponisten oder Schriftsteller gewesen. Das muß ja überhaupt nicht damit korrelieren sie persönlich auch zu mögen.

      Nicht daß ich Geschmacksfragen zweitrangig finde: sie bilden das Salz in der Suppe meines eigenen Erlebens und jeder Diskussion. Außerdem ist es (wenigstens mir) unmöglich, die "Größe" oder "Qualität" eines Kunstschaffenden zu beweisen als sei es ein mathematischer Beweis.

      Die Frage, ob literarische (musikalische, künstlerische) Qualität in irgendeiner Weise objektiv meßbar sei, die werde ich für mich in diesem Leben nicht mehr lösen. Aber alles ist nur subjektiv? Das mag letzten Endes sogar so sein, aber es befriedigt mich nicht recht, an diesem Punkt so quasi achselzuckend stehen zu bleiben...

      Aber am Ende des Tages interessiert auch mich nur, was etwas in mir ausgelöst hat oder eben nicht, und da geh ich mit dem Henscheid bei Böll etwa eben konform, bei Grass eben nicht so, und den Handke, das will ich nun wissen, den zieh ich jetzt mal vor :D

      Da wir ja hier ja uns in "eben gewälzt" herumtreiben ist all das eh OT irgendwie. Gibt es passendere Thread?
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Gibt es passendere Thread?
      Zu Tolstoi schon: Kann man Tolstoi wirklich lesen?.

      Ansonsten evt. dort: Nobelpreis für Literatur: Wer verdient ihn außerdem noch?

      Es gibt noch Weiteres in dieser Art: Deutschsprachige Romane – die Favoriten der Capricciosi. Und Deutschsprachige Lyrikbände – die Favoriten der Capricciosi nebst anderen Diskussionen über internationale Literatur.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich meinte eher zu der Frage, ob und in welchen Grenzen künstlerische Größe denn objektivierbar oder lediglich einem persönlichen Geschmacksempfinden unterworfen sei...

      Aber lieben Dank für die Tips zum Weiterlesen, und der Thread "Literaturnobelpreis: wer verdient ihn noch", den ich nicht kannte, nun aber lesen will, dorthin könnten wir ja umziehen um hier das Eben Gelesen nicht zu arg überzustrapazieren...

      Er liegt ja auch seit 9 Jahren brach. Vielleicht passen die letzten paar Postings hier eher dorthin?

      LG :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Das Elend begann ja schon von Anbeginn an damit, daß Tolstoi nicht genehm war. Zu seinen Lebzeiten wurden ihm folgende Schreibergrößen vorgezogen:

      Sully Prudhomme, Theodor Mommsen, Björnsterne Björnson, Frederic Mistral, José Echegaray, Henry Sienkiewicz, Giosuè Carducci, Rudyard Kipling, Rudolf Eucken, Selma Lagerlöf und Paul Heyse

      Bitte WER? :D :D :versteck1:

      Bob Dylan war komischerweise jahrelang großer Favorit. Hinterher dachte man sich dann auch, musste das sein?

      Als nächstes tippe ich daher auf Scooter: Döp döp döp dödö döp döp döp, dödöp döp döp dödö döp döp döp.

      Nur konsequent! :ironie1:
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    • Könnte es bei Tolstoi nicht sein, dass man fürchtete, er werde den Preis ablehnen?
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    • Ich kann die Quelle nicht mehr angeben, ob es FAZ war oder Süddeutsche oder etwas in der Art, aber ich habe mal gelesen daß die ganze zivilisations- und religionskritische Richtung des sehr späten Tolstoi der Akademie generell nicht in den Kram gepaßt hat. Tolstoi hatte ja regelrechte Jünger und war wohl auch recht weit... Nun ja :D abseits des Weltgetriebes. Der galt in Stockholm wohl als bärtiger Querulant, und seine großen Sachen waren lange her, und die "Auferstehung" war vermutlich dann auch keine Eigenwerbung mehr. Aber wie gesagt: ich hab das mal irgendwo gelesen, es ist lange her, nicht drauf festnageln...


      Bei Kafka isses ja so, daß der zum Zeitpunkt seines Todes fast völlig unbekannt war mangels Veröffentlichungen. Nur Dank Max Brod hat sich das dann geändert. Hier würde ich die schwedische Akademie mal freisprechen. Er war eben unter dem Radar.

      @Wolfram: ich hab es auch versucht, in der fetten Thaliabuchhandlung in der Spitalerstraße, mit dem gleichen Ergebnis (für Nichthamburger: das ist die besuchteste Einkaufsstraße in Hamburg). Ich wollte dann wenigstens doch Wunschloses Unglück und Der kurze Brief zum langen Abschied mal testen. So sind nur die Maigrets 8,9,10 draus geworden in meiner Sammlung :D aber in einigen Tagen ist das alles da...



      Hat jemand irgendwelche Leseerfahrungen Mit Olga Tokarczuk hier? Was ich so lese klingt spannend (Therapeutin, CG Jung Kennerin, etc)


      LG :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Kommen wir zurück zu lesbaren Büchern!

      Vorgeschichte:
      Ich habe in Berlin eine liebe Bekannte, die aussieht wie Liza Minnelli in Cabaret mit dem Unterschied, dass sie rothaarig ist. Sie tanzt Burlesque und mag es gern frivol auf der Bühne.
      Bisher konnte ich allerdings ihren Einladungen zu Bühnenauftritten in den fast 10 Jahren unserer Bekanntschaft nicht folgen, sondern kenne es nur vom Hörensagen,,, Egal.

      Sie liest aber auch Henscheid und Henschel. Und da entdecke ich, dass Gerhard Henschel in Zusammenarbeit mit Kathrin Passig die Berlin Erinnerungen Christopher Isherwoods 2014 neu übersetzten und so kaufte ich mir das Buch.
      "Leb Wohl Berlin"

      Es beschreibt Berlin in den Jahren 1930 - Anfang 1933. Isherwood benimmt sich wie ein Reporter mit genauem Blick. "Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss"
      Dieser Blick lässt uns in Pensionen hineinschauen, wo man für 20 RM im Monat, Kreuzberg, 50 RM im Monat in Schöneberg oder Wilmersdorf zu viert oder fünft eine einstmals hochherrschaftliche Wohnung teilt, weil die Hochherrschaftlichen kein Geld mehr haben und vermieten müssen (AirBnB lässt grüßen). Die Schilderungen der Verhältnisse sind knapp und auf den Punkt.
      Aber er geht auch nach Dahlem und Zehlendorf, wo die Reichen Zaun an Zaun in großen Villen mit winzigen Grundstücken wohnen, weil der Boden so teuer ist und man daher wie im Getto wohnt.
      So ist es noch heute!!
      Dieses schildert er ganz genau und eindrücklich.
      Dazu kommen Schilderungen des Nachtlebens und zwischen den Zeilen, aber leicht dechiffrierbar, die meist aussichtslosen Versuche der Homosexuellen um ein vernünftiges Leben zu der Zeit.
      (Rügen, Landauer Kapitel) Er beschreibt die nackte finanzielle Not, die Frauen in die Prostitution treibt und ich finde im Text sein Gespür für die Sucht der Menschen nach Sensation, Geborgenheit und Sex und im Hintergrund immer die Bedrohung duch das zunehmende Treiben der Nazis,
      Der Höhepunkt des Buches ist natürlich das Kapitel "Sally Bowles" Gegen diese Sally Bowles ist die von Liza Minnelli gespielte nur eine harmlose Figur.
      Diese Sally ist knapp 20 Jahre alt, unzuverlässig, geschwätzig, stets auf der Suche nach dem nächsten Mann, der sie freihält und ihre Karriere fördert. Die grünen Fingernägel sind aber bei beiden auffällig.
      "Ich war mit einem schmutzigen alten jüdischen Filmproduzenten im Bett,. Ich hoffe, er nimmt mich unter Vertrag,- aber bisher tut sich nichts", so beginnt sie ne Konversation, um zu erklären, weshalb sie zu spät kommt.
      Das Ganze wird begleitet vom Aufkommen der Nazis, die sich mehr und mehr in der Stadt breit machen Herr Landauer mag sein Auto kaum noch bewegen, weil er Angst hat, es würde mit Steinen beworfen. Seine Frau mag aber nicht mit der Tram in die Stadt. Doch ihm ist es eher egal, weil ne Kopfverletzung preiswerter zu behandeln ist als ein beschädigtes Auto.
      Immer mehr Nazis sind in Isherwoods Umgebung oder Menschen scheuen sich nicht mehr sich als solche erkennen zu geben, das ungezwungene wenn auch einfache arme Leben um den Nollendorfplatz weicht unter der Bedrohung mehr und mehr ins Private; es stirbt.

      Dieses schildet Isherwood eindringlich und so gut, dass ich die 270 Seiten quasi nur durch die Nachtruhe unterbrochen in einer Etappe gelesen habe.
      Das kommt bei mir nicht oft vor.
      Nun hat CMS es sich "gekrallt"
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Obwohl Handke sich in einem Essay über diesen Autor ausgelassen hat, würde ich ihn auch zu den lesbaren zählen. ^^



      Nun muss ich gestehen, dass ich bislang nur ca. 50 Seiten gelesen habe, aber diese haben es in sich. Geschildert wird darin zunächst die Befindlichkeit von T. Singer, einem von Schamgefühlen geplagten Bibliothekar. Und eigentlich geht es v.a. die ganze Zeit, die ganzen gut 50 Seiten nur um dieses Schamgefühl, seine mögliche Entstehung, seine Auswirkungen und v.a, darum, wie dieses Schamgefühl sein gesamtes Leben, seine Lebensplanung verändert und bedingt hat. Und dieses wird in ewigen Wiederholungen, fast in Thomas-Bernhard-Manier, vor uns ausgebreitet. So wie Scham immer wieder und auch in leicht veränderter Form auftaucht, es den Singer nicht loslässt, so gibt ihn auch der Autor nicht frei, sondern umkreist ihn geradezu mit seinen Beschreibungen, zingelt ihn ein, fesselt ihn damit. Einerseits beschreibt und analysiert Solstad diesen Zustand, andererseits übernimmt er damit auch die Rolle der Scham hinsichtlich Singer, aber auch hinsichtlich des Lesers, der genauso von Erinnerungen geplagt wird.

      Großartiger Anfang. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

      :wink: Wolfram
    • Neu



      Nun endlich den satirischen Klassiker aus den 50er Jahren gelesen: Kurt Vonneguts "The Sirens of Titan"

      Nachdem zugegebenermaßen am Anfang nicht wirklich klar ist, ob Vonnegut das Ganze ernst meint (tut er nicht), entwickeln die immer skurriler werdenden Einfälle einen eigenen Sog und geben damit den Blick auf ein kosmisches Panoptikum frei, in dem wir uns selbst erkennen. Wer sich für teilweise derb schwarzen Humor und nihilistischen Humanismus begeistern kann, dem sei die Lektüre empfohlen. Nicht zu Unrecht bezeichnen auch Douglas Adams oder Salman Rushdie dieses Buch als großen Einfluss.

      Ach und ganz nebenbei geht es eigentlich um Alles: Die Exzesse des Menschen, freier Wille oder die Abwesenheit eines solchen, warum Menschen sich so fleißig gegenseitig umbringen....und natürlich um spontan materialisierende Hunde, chrono-synklastische infundibulae oder auch die "Die Kirche Gottes des Gleichgültigen".

      Großer Spaß, aber auch seltsam berührend gegen Ende.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
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      Das ist zwar lange her, aber Sirens of Titan fand ich von den ca. 5 Vonneguts, die ich gelesen habe, meiner Erinnerung nach den zweitbesten (nach Cat's Cradle), jedenfalls zu Unrecht eher unbekannt (ggü. Slaughterhouse 5, Breakfast of Champions etc...) Welches ist denn das mit den rautenförmigen Wesen, die nur mit Gehör oder Geruch wahrnehmen?
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
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      Kater Murr schrieb:

      Welches ist denn das mit den rautenförmigen Wesen, die nur mit Gehör oder Geruch wahrnehmen?
      Hmm...Hier gibt es nur die "Harmoniums", die sich von Vibrationen ernähren und sanft leuchten. Ein Charakter spielt denen dann "Sacre du Printemps" vor, woraufhin einige vor Extase platzen :D

      Cat's Cradle und Slaughterhouse 5 warten schon auf meinem Kindle darauf, gelesen zu werden ;)
      Letzteres wurde von Denis Scheck übrigens zu seinem Kanon der 100 wichtigsten Bücher hinzugefügt: swr.de/swr2/literatur/lesenswe…,schecks-buecher-102.html
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