Eben gewälzt

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    • 2 total verschiedene "Pageturner"

      1) Das Licht von T.C. Boyle

      Da drückt mir Freundin K aus Berlin beim letzten Besuch ein Buch in die Hand: Musst Du lesen. Ich, Boyle kenne ich, ich dachte, ich hätte genug. Nee, lies!
      Hat 2 Tage gedauert und die Geschichte der Leary Family, die sich Drogen aus wissenschaftlichen Gründen reinpfiff, anders als die Manson Family, war vor mir entstanden. Großartig geschrieben und ich hatte immer den letzten Tarantino vor Augen, seltsam.
      Aber auch seltsam: An was für einen Sch.. die Psychologen damals glaubten, bzw. was sie in ihrer Gemeinschaft tolerierten.
      Boyle schreibt süffig, genügend redundant, um nicht Wort für Wort im Hirn auf (Hinter)Sinn zu überprüfen. Es waren insgesamt so lockere 5 Stunden, die ich mit ihm verbrachte. Da Boyle als guter Rechereur bekannt ist, habe ich auch noch vieles erfahren.

      2) Kein Teil der Welt, von Stefanie de Velasco

      Da wird die ca. 15 jährige Esther von ihrer Freundin Sulamith getrennt, weil der Vater nach der Wende 1989 unbedingt als ein Zeuge Jehovas in seine DDR Heimat ziehen will, um die Menschen zu fischen und zu retten.
      Und so handelt dieser Roman nicht nur von der Freundschaft zweier Mädchen, von denen eine mehr und mehr an den Dogmen und Leeren(Lehren`?) der Sekte zweifelt und die andere zunehmend verzweifelt, sondern auch vom Einleben in ein neues Land, in dem es noch viele Menschen gibt, die die alte Zeit besser fanden und sich genauso dogmatisch, uneinsichtig und ausgrenzend, ein-igelnd geben wie die Zeugen Jehoves, eben die alten Parteigänger.
      Sehr erhellende Lektüre, sehr gut geschrieben und voller Empathie.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • TC Boyle auch hier.



      Ich bin noch nicht besonders weit, aber macht bislang viel Freude. Wenn Boyle über 600 Seiten durchhält was die ersten 70 versprechen ist das ein Fang.

      Parallellektüre ist "Vernon Subutex 1", auch da bin ich erst halb durch, bislang lohnend (von Freude mag ich angesichts dieses Panoptikums an kaputten Leuten nicht sprechen aber faszinieren tuts mich)... Mehr wenn ich sie durchhab die beiden.


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • "Subutex 1" beendet.



      Bin etwas gespalten. Schon eine intensive und auch den Blick nicht erweiternde aber schärfende Leseerfahrung. Las sich flüssig, machte Spaß teilweise, war auch gehaltvoll, vieles aus den Szenen kenne ich aus jüngeren Jahren (hatte aber immer auch einen Draht zu dem was man "Hochkultur" nennen mag oder auch nicht, sprich ich hab mich nicht ausschließlich für Sex und Rockmusik und Drogen sondern auch für Literatur, Geisteswissenschaften und Klassik interessiert). War wohl auch besser für mich, wenn ich mir die Schicksale und Persönlichkeitsprofile der hier beschriebenen Personen so anguck (und ich bin ziemlich sicher daß die Autorin da aus dem (eignen) Leben geschöpft hat).

      Eigentlich ein Superbuch, ich kann den Kult schon verstehen der drum entstanden ist, und das Gefühl beim Lesen, man selbst sei nochmal von der Schippe gesprungen, das kann man ja als "moving" und "berührend" und Zeichen für Qualität interpretieren. Holt mich ab und nimmt mich mit, sozusagen...

      Aber:
      Nun gibt es ja noch Teil 2 und Teil 3. Und von denen werde ich schön die Finger lassen, das reizt mich überhaupt nicht mehr. War wertvoll diesen Blick in den Rückspiegel nochmal gemacht zu haben, aber um das zu vertiefen / weiterzuführen ist mir das alles viel zu kaputt, zu unsympathisch, auf eine faszinierende Art zu abstoßend. Und das Leben mittlerweile zu kurz, um mit diesen Protagonisten und ihren Themen und Schicksale nochmal so 850 Seiten verbringen zu wollen.

      Das laß ich bleiben. Ich würde ja heute auch nicht mehr Fauser oder Bukowski lesen wollen (dies hier ist besser: weil reflektierter ohne Spaßverlust, und weil es nicht in den 70ern sondern heute verortet ist), aber von manchen Dingen hab ich halt genug, sie haben mich schon zuviel Zeit gekostet.


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Sophokles: Elektra (in deutscher Übersetzung von Kurt Steinmann)

      Die durch das Corona-Virus freigewordene Zeit möchte ich zu einem Gutteil dem Lesen von Büchern, die ich mir schon seit längerem vorgenommen hatte, widmen. Soeben habe ich erstmals die Sophokles-Elektra gelesen (auf Deutsch). Ein tolles Theaterstück. Hofmannsthal ist natürlich moderner, aber Sophokles ist mE psychologisch interessanter (die Charaktere nicht so schwarz-weiß, das Stück wird nicht dominiert von Elektras Hass).
    • TC Boyles "Drop City" hat mir extrem gut gefallen. Allein schon die Szene wie sie an der kanadischen Grenze den Grenzern weisgemacht hatten sie seien Grateful Dead auf Kanadatournee :D meins...

      Nö aber objektiver: die Alaskaleute und ihre Ernsthaftigkeit und wie unsre Californiahippies da reinwachsen...

      Was mich überzeugt hat: aus dieser Kaliforniahippie / Alaskaaussteigerclashsache hätte man unendlich Klischees rauswringen und totreiten können. Macht Boyle aber nicht. Hier herrscht eine distanzierte Beobachtung, die noch den abgedrehtesten Dingen ihre Würde läßt. Von den drei Boyles die ich kenne (Samurai in Savannah und der mit dem Kellogsimperium, Titel eben vergessen) war dies der beste. Ungedingt zu empfehlen!

      Also gleich weitergemacht...


      Scheint auch klasse.

      Ich hatte ja immer das Vorurteil, daß Boyle zwar gut ist aber mir zu laut, zu vulgär, zu nervig auf Dauer. Aber das stimmt nicht. Der hat auch die Zwischentöne parat. Der bildet Realität ab.
      Der ist unterhaltsam.
      Der kann was. Den mag ich :D



      :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Parallel zum Boyle, sehr passend in diesen Zeiten und viel zu lange nicht mehr vor der Nase gehabt:



      Ich lese allerdings nicht alles von A bis Z sondern schweife durch einzelne Novellen die ich als besonders gelungen abgespeichert hab.


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      TC Boyles "Drop City" hat mir extrem gut gefallen. Allein schon die Szene wie sie an der kanadischen Grenze den Grenzern weisgemacht hatten sie seien Grateful Dead auf Kanadatournee :D meins...

      Nö aber objektiver: die Alaskaleute und ihre Ernsthaftigkeit und wie unsre Californiahippies da reinwachsen...

      Was mich überzeugt hat: aus dieser Kaliforniahippie / Alaskaaussteigerclashsache hätte man unendlich Klischees rauswringen und totreiten können. Macht Boyle aber nicht. Hier herrscht eine distanzierte Beobachtung, die noch den abgedrehtesten Dingen ihre Würde läßt. Von den drei Boyles die ich kenne (Samurai in Savannah und der mit dem Kellogsimperium, Titel eben vergessen) war dies der beste. Ungedingt zu empfehlen!
      Von den dreien ist es auch das beste. Boyle ist ein Vielschreiber, ich habe ziemlich viel, aber wohl nicht mal die Hälfte gelesen: Wassermusik, Grün ist die Hoffnung, Willkommen in Welville (das ist das mit den Kelloggs), Samurai, America (Tortilla Curtain), Drop City, Ein Freund der Erde, Wenn das Schlachten vorbei ist und das mit der tauben Frau (Talk talk?). Meine Favoriten sind vermutlich America, Drop City und Willkommen in Welville oder evtl. Grün ist die Hoffnung (Drei Aussteiger wollen mit Hanfanbau reich werden) Was mich an Boyle stört, ist, dass man nach spätestens 5, je nachdem schon nach drei Büchern merkt, dass er seiner "Masche" folgt, die sich in fast allen Büchern, die ich gelesen habe, findet. Es gibt fast immer zwei Stränge mit entsprechenden Hauptpersonen, die sich irgendwann überlappen/verschränken. Bei Drop City etwa die Hippies und der Trapper in Alaska, beim Samurai der Samurai und die Künstlerkolonie, bei Welville die Welvillianer und der Hochstaplertyp. Meistens ist eine dieser Hauptpersonen Austeiger/(Klein)krimineller/Migrant/Hochstapler, auf irgendeine Art Außenseiter, manchmal sind beide Seiten so etwas (taube Frau und Trickbetrüger). Ausnahme ist "Grün ist die Hoffnung", da gibt es nur die Freaks, und bei "Freund der Erde" sind es Rückblenden aus der Biographie des Protagonisten, der unterschiedliche Phasen der Freakishness durchlaufen hat. Irgendwann wirkt das abgeschmackt und man vergleicht mit sehr ähnlichen Typen/Situationen/Konstellationen aus den anderen Büchern.
      Nichtsdestoweniger kann er manches wirklich gut. Was Du so ähnlich angedeutet hast, schafft er es, die Freaks, Gauner und Versager und ihre Mühen nicht herablassend und nicht nur mitleidig darzustellen. Selbst bei krass überzeichneten Typen und Situationen ist das meistens der Fall. Ebenfalls meisterhaft (wenn auch kaum ein Alleinstellungsmerkmal) das Umkippen einer scheinbar alltäglichen oder mäßig waghalsigen Situation in eine (mitunter tödliche) Katastrophe.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Zauberberg, Buddenbrooks, Königliche Hoheit, Josephsromane gehen alle über Künstler?

      Die Masche als solche ist nicht das Problem, obwohl das eben schon zu starken Ähnlichkeiten/Vorhersehbarkeiten oder auch mal dem Eindruck eines routinierten Abspulens dieser Masche führt. Sondern dass so für mich viel leichter deutlich wird, wenn ein erneuter Aufguss deutlich weniger gelungen ist als ein vorhergehender.

      Es ist auch eine Frage der Erwartungshaltung.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Ich finde (das gilt für mich persönlich): TC Boyle sparsam lesen, nicht einen nach dem anderen. Sonst nutzt es sich ab. Aber ich finde ihn sehr gut.

      Wir haben es hier ja nicht mit einem neuen Dostojewski zu tun oder so, aber was er macht und wie er das macht, das finde ich klasse: anregend und unterhaltsam aber niemals (zu) flach. Ich hätt gern viel mehr solche Schriftsteller.

      Der "Riven Rock" macht wirklich Spaß. Ohne nun gleich für den Nobelpreis plädieren zu wollen... Cooles Buch :D


      :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Myriam Anissimow: Daniel Barenboim (Paris 2019)

      Ehe ich aus Lyon nachhause geflüchtet bin, kaufte ich diese Barenboim Biografie. Leider! Ich würde nicht empfehlen, sie zu übersetzen. Aus unerfindlichen Gründen wird der Name 'Barenboim' immer mit einem Trema geschrieben, also mit zwei Punkten auf dem i: boïm. Also müsste er bo - im gesprochen werden. Das klingt dann ein bisschen Hebräisch, aber ein boim ist ein Baum und nicht ein Ba-um. Teils enttäuscht mich das Buch, weil vieles mir einfach schon bekannt war. Auf 40 Seiten wird die Lebensgeschichte von Jacqueline du Pré erzählt, Barenboims erster Ehefrau, die ihre Musikerkarriere wegen einer Erkrankung an multipler Sklerose abbrechen musste. Das ist einfach aus den beiden anderen Büchern abgeschrieben, die es über Jacqueline du Pré gibt. Genau so lang wird das Thema Wagner und der Antisemitismus ausgebreitet, ehe ein Bezug zu Barenboim, bekanntlich einem bedeutenden Wagnerinterpreten, hergestellt wird. Dann geht's manchmal seitenlang voran, mit der Aufzählung von Konzertaktivitäten: "... am nächsten Tag flog er nach Chicago, dirigierte dort XXX, danach standen zwei Konzerte in New York auf dem Programm, dann gings weiter nach …. ". Glaubt man dem Buch, war der Dirigent Sir John Barbirolli mit der Sängerin Janet Baker verheiratet. Wo dieser Unsinn herkommt, weiss ich nicht. Oft hat man die Behauptung gelesen, Barenboim habe nach dem Tod seiner Frau nie mehr das Cellokonzert von Elgar dirigiert. Das war ziemlich lange wahr, ist es aber inzwischen -auch schon lange - nicht mehr. Wenn man eine Dirigentenbiografie schreibt, sollte man sich ein bisschen besser in der Diskographie auskennen. Zwar wird Barenboim pauschal gelobt, aber man erfährt nichts über seinen Interpretationsstil. Barenboim hat ja dreimal alle 9 - 10 Brucknersinfonien aufgenommen. Das ist ziemlich einmalig. Was fasziniert Barenboim an diesem Komponisten? Wie unterscheiden sich die drei Gesamtaufnahmen? Kein Wort. Die Autorin hat nicht mit Barenboim gesprochen. Ob sie es versucht hat, weiss ich nicht. Sie hat auch nicht mit anderen Musikern gesprochen, die unter seiner Leitung musiziert haben. Da Barenboim oft Jähzorn im Umgang mit Musikern vorgeworfen wird, wäre es interessant gewesen, etwas über seinen Umgang mit Orchestern zu erfahren. Nichts von alledem. Am Ende gibt es eine Chronologie. Die endet 2007, obwohl das Buch 2019 erschienen ist und recht neue Ereignisse, etwa die Eröffnung der Barenboim-Saïd Akademie, ausführlich erwähnt werden.
    • Das mag in diesen Tagen nicht sehr einfallsreich sein:



      Aber ich will doch einfach noch einmal überprüfen, wie menschliche Verhaltensweisen, wie im Buch geschildert, mit denen, die ich nun tagtäglich beobachten kann, übereinstimmen. Und was mich erwartet, wenn Ausgangssperre und womöglich Abriegelung kommen. :D

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Das mag in diesen Tagen nicht sehr einfallsreich sein: [...]
      Nein, aber sehr naheliegend. Ebendieses Buch lese auch ich gerade wieder, die ersten 100 Seiten sind geschafft.

      Faszinierend - auf mich wirkt die Lektüre merkwürdigerweise beruhigend. Vielleicht, weil es aufzeigt, daß alles viel schlimmer sein könnte?

      Wie auch immer, Albert Camus ist für mich einer der ganz Großen!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Vielleicht, weil es aufzeigt, daß alles viel schlimmer sein könnte?
      Manche, sehr alte Menschen, haben ja nun bei Coronar wenig Bedenken, weil sie auf den überlebten II. WK verweisen. Klar kann alles schlimmer kommen (wobei das ja nun wirklich sehr relativ ist). Aber in unserer scheinbar so sicheren, durchorganisierten und -gestylten Welt, in der man immer selbstverständlich annahm, man könnte alles planen und sich gegen alles versichern, ist das schon ein heftiges Beben. Und mal sehen, ob es nicht noch schlimmer kommt. Vielleicht werden wir irgendwann sagen, dass 'Oran' noch harmlos war. ;)

      Gurnemanz schrieb:

      Wie auch immer, Albert Camus ist für mich einer der ganz Großen!
      Da bin ich so etwas von dabei! ^^

      :wink: Wolfram
    • Schon komisch wie in diesen Zeiten dystrophische Literatur einen auf einmal reizt, nicht?

      Geht mir ebenso. Muß aber sagen daß ich Die Pest von Camus (mußte ich aber mal lesen, war nicht freiwillig) grottig fand... Seitdem sage ich: entweder Philosoph oder Literat, die Kombi mag ich nicht. Gilt auch für alle Elaborate von Sartre. Mag aber auch meiner Distanz zu Existentialisten insgesamt geschuldet sein...


      Ich versuch mich nach ein paar Decameronesachen an Grass, seit sehr langer Zeit mal wieder, dystrophisch auch das :



      Wurde ja seinerzeit schwer verrissen aber ich habs als eines seiner besseren Bücher in Erinnerung. Was täuschen kann, mal sehen. Immerhin hatte Grass auch im spektakulärsten Scheitern noch eine tolle Sprache.

      TC Boyle macht übrigens immer noch Freude, im Riven Rock, muß ich schon sagen.


      :) und Gesundheit für Alle :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Muß aber sagen daß ich Die Pest von Camus (mußte ich aber mal lesen, war nicht freiwillig) grottig fand... Seitdem sage ich: entweder Philosoph oder Literat, die Kombi mag ich nicht. Gilt auch für alle Elaborate von Sartre. Mag aber auch meiner Distanz zu Existentialisten insgesamt geschuldet sein...
      Die Kombination Philosophie-Literatur kann schwierig werden, wenn der Autor in erster Linie Philosophisches mitteilen will, aber literarisch nicht darüber hinauskommt, sprich: gute Literatur zustandebringt. Aber gerade das gelingt Camus mit der Pest in hohem Maße, wie ich gerade eben, nach Abschluß der Lektüre feststelle. Ganz große Literatur, auch weil die Seuche zwar einerseits realistisch geschildert wird, eben als Seuche, aber wohl auch allegorischen Sinn hat, z. B. als Faschismus, der über das von NS-Deutschland überfallene und besetzte Frankreich kommt (so haben es schon einige Interpreten bemerkt, ich glaube, auch Sartre, der das Camus dann aber auch vorwarf, weil er den Faschismus unhistorisch als eine Art Naturgewalt darstelle). Aber die Pest läßt sich eben nicht auf diesen zeitgeschichtlichen Kontext reduzieren. Da geht es um weit mehr, um die grundsätzliche Absurdität des menschlichen Daseins oder etwas in diese Richtung.

      Soweit ein paar ungeordnete Gedanken nach Abschluß der erneuten Lektüre dieses mich faszinierenden Autors. Da sich noch ein paar Sachen von Camus bei mir finden, werde ich mir mal das eine oder andere wieder vornehmen (Der Fremde ist auch großartig!).
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Da sich noch ein paar Sachen von Camus bei mir finden, werde ich mir mal das eine oder andere wieder vornehmen (Der Fremde ist auch großartig!).
      Wen greifbar, unbedingt auch der 'Der erste Mensch'. Stark biographisch, aber nicht nur.

      Ansonsten würde ich, was du geschrieben hast, absolut genau so sehen. Mich erinnert die 'Pest' in der Schilderung einer realen Situation (und wie die gerade real ist ;) ), aber mit dem allgemeingültigen 'Überbau', der aber nie mit dem Holzhammer daherkommt, stark an 'Moby Dick'.

      Die Deutung in Richtung Faschismus kenne ich auch, passte wohl auch mal, finde ich aber nicht so überzeugend. Satre mag da sogar recht haben. Für mich ist es eher der Einbruch des Absurden (und darunter kann man ja vieles fassen) und das direkt und erneute Kennenlernen, Erfahrenmüssen des Endlichen. Und von daher ist die 'Pest' für mich ein stets allgemeingültiges Werk, was, denke ich, nicht an Bedeutung verlieren wird.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      'Moby Dick'
      Oh ja, den sollte ich mir auch mal wieder vornehmen, danke für die Erwähnung! :)

      Wolfram schrieb:

      Für mich ist es eher der Einbruch des Absurden (und darunter kann man ja vieles fassen) und das direkt und erneute Kennenlernen, Erfahrenmüssen des Endlichen.
      Ich denke, das liegt ziemlich nah bei den Intentionen des Autors, dessen moralphilosophische Konzeption explizit auf dem "Absurden" fußt (vgl. das Sisyphus-Buch).

      Ist ja gerade eine Zeit, die zu ausgedehnter Lektüre geradezu herausfordert...

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Neu

      Boyles "Riven Rock" ist durch (war klasse), Grass "Rättin" war mir nach 300 Seiten genug (wie immer bei diesem Autor) und nun stecke ich tief in einem 1400 Seiten SF-Roman, und zwar zum dritten Mal schon.



      Ich weiß garnicht ob es in diesem Forum Science Fiction Fans gibt. Wenn ja: lest dies! Ich kenne nichts vergleichbar gutes. Und auch beim dritten Lesen (sowas mach ich sonst nur bei Tolstoi oder Dickens oder T Mann) finde ich immer wieder neue Perspektiven. Unauslotbar das Teil und in diesen Zeiten sowieso...

      :)
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