Eben gewälzt

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    • Da ist doch nix ambivalent, da ist doch alles klar geschildert. Ilja Mangold und Denis Scheck sagen es deutlich.
      Das ist nicht "Opas" Literatur, sondern, wie es der Roman schreibt, "Literatur, um die Zeit zu verstehen"
      Gruß aus Kiel
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.
    • Ich habe gerade einen klassischen Autor beendet, der sich auch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzte:



      Die Geschichte zweier Brüder und eines Großunternehmers in Berlin bis in die Mitte der 20iger Jahre hinein. Irgendwie hatte ich ich quasi das ganze Buch hindurch das Gefühl, ich wäre noch im Vorspann und der eigentliche Roman würde nun demnächst mal losgehen. Nur leider war er dann vorbei. ^^

      Ich habe keine Ahnung, wie das Buch 1929 aufgenommen wurde, kannte auch den Titel nicht, denke aber, dass es in der Zeit zwischen Weltwirtschaftskrise und Machtübertragung ganz anders gelesen und verstanden wurde. Mir war es zu sehr einerseits 19. Jhrdt. durch den wissenden und alles darlegenden Erzähler, andererseits fehlt mir heute, eben aus dem zeitlichen Abstand gelesen, eine bestimmte Klarheit und Deutlichkeit. Von daher war es ganz nett, in Teilen wunderbar ironisch, stilistisch ein Genuss, aber jetzt nicht unbedingt vergleichbar mit den großen Werken Joseph Roths.

      :wink: Wolfram
    • Doc Stänker schrieb:

      Da ist doch nix ambivalent, da ist doch alles klar geschildert. Ilja Mangold und Denis Scheck sagen es deutlich.
      Das ist nicht "Opas" Literatur, sondern, wie es der Roman schreibt, "Literatur, um die Zeit zu verstehen"
      Gruß aus Kiel
      Ich habe das wohl doch falsch in Erinnerung gehabt. Ich erinnerte mich v.a. an eine kontrovers geführte Diskussion, die aber (hab's gerade noch mal gehört) nichts mit der Qualität des Buches zu tun hat, sondern mit unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen.

      :wink: Wolfram
    • Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift


      In den letzten Tagen habe ich Franz Werfels „Eine blaßblaue Frauenschrift“, einen Roman oder eine Erzählung von ca. 150 Seiten, gelesen, nachdem ich mich bisher um seinen wichtigen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ gedrückt hatte (aber der kommt auch noch dran), und war davon sehr angetan: Die Handlung spielt im Jahre 1936 in Wien und bildet die politischen und gesellschaftlichen Strömungen dieser Zeit gekonnt ab; wichtiger jedoch ist das Psychogramm der Hauptperson (ein 50jähriger, der dank seiner Ehe in sehr gehobene Kreise gelangt ist und dort nicht ganz geschickt verkehrt, sich jedenfalls ziemlich rückgratlos den Gegebenheiten anpasst und sich selbst sowie die Frauen seines Umfelds regelmäßig belügt), die jedoch nie wertend, sondern möglichst objektiv beschrieben wird. Obwohl eher wenig passiert (und die Handlung am Ende eben nicht DEN Effekt besitzt wie zum Beispiel eine Ehescheidung), habe ich die Erzählung mit hoher Spannung und großem Vergnügen gelesen, was zu einem Gutteil am sehr hohen stilistischen Niveau liegt: Die Stilistik des Textes erinnert mich ziemlich treffend an die Stimmung in einem Schwarz-weiß-Film der Zwischenkriegszeit: „retro“, aber keinesfalls aufgesetzt, sondern in sich völlig stimmig; als ein Beispiel hierfür ein paar am Anfang des Buches stehende Zeilen (pp. 10–11 in der Fischer-Taschenbuchausgabe: „Die Welt präsentierte sich heute als ein lauer Oktobertag, der in einer Art von launisch gezwungener Jugendlichkeit einem Apriltage glich. Über den Weinbergen der Bannmeile schob sich dickes hastiges Gewölk, schneeweiß und mit scharf gekennzeichneten Rändern. Wo der Himmel frei war, bot er ein nacktes, für diese Jahreszeit beinahe schamloses Frühlingsblau dar. Der Garten vor der Terrasse, der sich noch kaum verfärbt hatte, wahrte eine ledrig hartnäckige Sommerlichkeit. Kleine gassenbübische Winde sprangen mutwillig mit dem Laub um, das noch recht fest zu hängen schien.“). Neben dieser blumigen (und für mich sehr stimmigen) Beschreibung spielt sich aber die sehr interessante Personencharakterisierung eines reich geheirateten Opportunisten und eine durchaus spannende Geschichte ab, die zu lesen es sich auf jeden Fall lohnt.
    • Eric Ambler

      Manchmal ist es erstaunlich, wie man mit etwas Fantasie Amblers Romane als Vorwegnahme von Entwicklungen lesen kann.
      Im Zug der WireCard Affäre fiel mir ein, dass Ambler 1977 den Roman:
      "Bitte keine Rosen mehr" schrieb.

      Er handelt von der Befassung mit dem "kompetenen Kriminellen." Das ist einer, der anscheinend gegen kein Gesetz verstößt und dennoch großen Schaden anrichtet: Geldwäsche, Subventionen abkassieren, Steuern vermeiden, wo es geht und anderes mehr.
      Ambler kleidet das Ganze in die Untersuchungen eines Professors, der eine Person überführen will. Das Ganze ist gut geschrieben, aber nicht einfach zu lesen. Doch ist es ein Blick in die Welt der Wirtschaftskriminalität geschrieben als Krimi und ich habe den Eindruck, s.u. dass Ambler den Dschungel, in dem sich Steuerfander bei der Befassung mit derartigen Firmengeflechten oft verirren, auch literatisch spiegeln will.
      Inzwischen sind die WireCARD "Jungs" doch wohl mehr normale Kriminelle und weniger kompetent.


      Ambler scheint auch den Typ des Steve Bannon erfunden zu haben. In diesem Fall ist es der Herausgeber eines ultrareaktionären Blattes namens Intercom. Dann wird das Blatt gekauft und es erscheinen Artikel, die von geheimen NATO Dingen berichten, für deren Veröffentlichung er von ungenannter Quelle viel Geld kassiert.
      Nun gut, um dieses Leck abzudichten, wird für viel Geld die Zeitung aufgekauft und dicht gemacht. Der Käufer bleibt im Unklaren.
      Auch in diesem Roman geht es sehr verwirrend zu; wenn man nicht genau liest, wird man schnell abgehängt. Aber das hat wie beim obigen Roman Methode.
      Es spielen weiterhin eine Rolle: zwei NATO Offiziere, die erleben durften, dass die USA die NATO Partner wie Domestiken behandeln und die sich deshalb etwas "ausdenken".
      Es gibt einen Schriftsteller, der angeblich diese ganze Geschichte als Roman herausgeben wollte, aber verschwunden ist und am Ende weiß man nix Genaues.
      Ambler kleidet die Geschichte in eine Geschichte und so bildet er Strukturen nach, die auch sonst real sind. Behörden in Behörden und Informationsaustauch auf Metaebenen.
      Der Roman heißt "Das Intercom-Komplott" und ist von 1969.


      Gruß aus Kiel

      PS. Es gibt einen schönen Essay von Jörg Fauser zu Ambler: "Die Ambler Lektion." (1981)
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.
    • Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein


      Selten hat mich ein Buch so stark enttäuscht wie „Das Haus aus Stein“ (übersetzt von Gerhard Meier) der türkischen Schriftstellerin Aslı Erdoğan (geb. 1967): Die Beschreibung klingt sehr interessant, ich zitiere einen Teil des Klappentextes: „In ihrem poetischen Roman über Gefangenschaft und den Verlust aller Sicherheiten nahm die gefeierte Autorin Aslı Erdoğan die eigene Hafterfahrung vorweg. Jetzt erstmals ins Deutsche übertragen, beeindruckt ihr wichtigstes Werk durch bestürzende Szenen der Willkür, Gewalt und Entwürdigung in einer Diktatur.“. Leider hält das Buch nicht, was seine Vermarktung verspricht: Abgesehen davon, dass es unsinnig ist, ein Buch einer noch schreibenden Autorin zu ihrem wichtigsten Werk zu erklären, steht mein Leseeindruck dieser Empfehlung ganz klar entgegen: Der Text hat mich fast nur sehr gelangweilt, er ist überwiegend eine Aneinanderreihung von Stimmungsbildern einer nicht näher definierten Haft (was schade ist, denn es wäre spannend, etwas über die Zustände in der Türkei zu erfahren!) und ist pseudo-poetisch aufgeladen (zum Beispiel gibt es den Engel als Symbol für die Erlösung oder die Freiheit oder für was auch immer), aber ich wurde den Eindruck nicht los, dass die Autorin versucht, poetisch zu sein, aber nicht über ein abgedroschenes und banales Möchtegern-Niveau hinauskommt (zumindest nicht in diesem Buch, sonst habe ich nichts von ihr gelesen). Mitgefühl für die gepeinigten Gefangenen konnte ich keine Sekunde lang verspüren (wieso denn auch, denn wenn ein jugendlicher Taschendieb in Polizeigewahrsam genommen wird, ist das natürlich erstmal gut und richtig so – wie man mit Verbrechern mitfühlt, hat hingegen Leoš Janáček in seiner hervorragenden Oper „Aus einem Totenhaus“ gezeigt, deren Dostojewski -Literaturvorlage ich lesen sollte), eigentlich hab ich nur mehr darauf gewartet, dass das Buch bald aus ist (glücklicherweise ist es nicht allzu lang, etwas über 100 Seiten). Das 2019 explizit für die deutschsprachige Ausgabe verfasste Vorwort, in dem die Autorin über einen Besuch im KZ Ravensbrück, über ihre Haft im Jahre 2016 in der Türkei und über das (laut ihr nicht erfundene, sondern echte) „Haus aus Stein“ reflektiert (der Beginn lautet: „Um Polemiken und Schadenersatzforderungen vorzubeugen, schützen sich Filmproduzenten gerne durch folgenden Satz im Abspann: „Die Personen und die Handlung dieses Films sind frei erfunden.“ Bei mir könnte als Fußnote stehen: „Die Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Nur das Haus aus Stein ist echt. Nur die Hölle ist echt.““), habe ich gerne gelesen, aber das, was danach kam, konnte mich fast nur langweilen. Natürlich ist die Biographie der Autorin, die 2016 als politische Gefangene einige Monate in der Türkei nach dem bis heute nicht aufgeklärten Putsch gegen den gleichnamigen türkischen Präsidenten (Erdoğan ist angeblich ein häufiger türkischer Nachname, er und die Autorin sind nicht verwandt) inhaftiert wurde (wegen Mitarbeit an einer pro-kurdischen Zeitung) und seit ihrer Haftentlassung im Exil in Deutschland lebt, ist zwar sehr interessant, was aber nichts daran ändert, dass dieses Buch so war, als hätte ich es gar nicht gelesen. Jemandem, der einen hochspannenden Roman lesen will, in dem auch die erniedrigenden Zustände in Gefangenschaft thematisiert werden, würde ich „Wenn die Liebe ruht“ des grandiosen und grandios unterschätzten Drago Jančar empfehlen (gestern habe ich wieder hineingelesen, was für ein toller Roman!), aber für „Das Haus aus Stein“ gebe ich eine klare Anti-Empfehlung.


    • Wenn ich auf einer Ausgabe 'Spiegel Bestseller-Autor' lese, kriege ich eigentlich schon einen zuviel. :D

      James Baldwin wird seit wenigen Jahren bei uns wieder neu entdeckt, was sich durch eine Neuübersetzung seiner Werke kundtut und durch oftmals hymnische Besprechungen im Feuilleton.

      Und mit Recht!!!

      'Giovannis Zimmer' war in den 50igern ein Skandal. Logisch. Geschildert wird die schwule Liebesbeziehung eines 'offiziell' heterosexuellen Mannes, der zwischen seiner Liebe zu Giovanni und der zu seiner Verlobten schwankt, letztlich sich für die bürgerliche Sicherheit entscheidet, was aber auf Kosten seiner Verlobung und v.a. Giovannis geht. Nichts hat der Roman an Aktualität verloren, denn nichts haben äußere Einflüsse auf das eigentliche Sein von Menschen an Bedeutung eingebüßt. 'Giovannis Zimmer' liest sich immer noch als eine Zustandsbeschreibung der heutigen Zeit, egal wie 'tolerant' und 'fortschrittlich' wir meinen, geworden zu sein. Ausnahmen aus Berlin, Hamburg oder Köln mögen etwas anderes andeuten, aber jenseits davon sind der Druck und die Verleugnung weiterhin ein lebensbedrohendes Etwas.

      Aber es ist nicht nur das, was den Roman weiterhin lesenswert macht, es ist auch die besondere Sprache Baldwins, die zwischen amerikanischer Klarheit und einer vielleicht eher europäischen Poesie hin und her schwankt. Übrigens ganz im Sinne des Romans, denn der Gegensatz zwischen alter und neuer Welt, wobei die 'alte' vielfach die 'neuere' ist, spielt eine große Rolle.

      Ich befürchte, wir umgeben uns heute oftmals gerne mit Schlagworten, positiv oder negativ konnotiert. Baldwin rückt einige davon zurecht und zeigt, dass wir immer noch nicht viel weiter sind.

      :wink: Wolfram
    • Ich lese z.Zt. die Biographie von Emil Nikolaus von Reznicek "Gegen den Strom", die von seiner Tochter Felicitas 1960 - also 15 Jahre nach dem Tod des Vaters - veröffentlicht wurde. Da F. v. R. auch als Schriftstellerin mit diversen Romanen reüssiert hat, ist das ganze kurzweilig, interessant und ohne allzu große Glorifizierung geschrieben. Die Dame hat - wenn man ihre Vita bei wikipedia liest, selbst ein sehr interessantes und wechselhaftes Leben geführt, u.a. als Spionin für MI6 gegen Nazi-Deutschland.

      Über zvab ist noch EIN Exemplar zu bekommen, und zwar über ein Stuttgarter Musikantiquariat, dessen Inhaber ich kenne; er setzt sich sehr für den Komponisten Johann Nepomuk David ein.
    • Neu

      Gerade beendet:



      Der Roman wurde ja nun in diversen Medien oftmals geradezu hymnisch gefeiert und in großen Teilen schließe ich mich dem an. Zunächst einmal ist es die Geschichte eines Migranten aus Vietnam in die USA, seines Aufwachsens dort mit der lese- und sprachunkundigen Mutter und der leicht schizophrenen Großmutter. Es ist aber auch eine Coming-Out-Geschichte, ein Coming-of-Age-Roman und eine 'Abrechnung' gerade mit der kriegstraumatisierten Mutter. Was den Roman aber so besonders macht, ist diese unglaublich poetische Sprache, diese überbordende Fülle von Bildern, die Ocean Young für seinen biographischen Roman findet. Die Sprache ist unendlich leicht, trotz des oftmals schwer erträglichen Sujets, sie schwebt geradezu über dem Geschehen, beleuchtet es dadurch von einer ganz anderen Warte aus und verzaubert beim Lesen.

      Aber gerade diese Sprache, diese Bilderflut, war es bei mir, die irgendwann auch das Gefühl von 'es reicht' auslöste. Ich kenne mich sicherlich mit süd-ost-asiatisch geprägter Literatur nicht aus, vielleicht ist es dort üblich zu schreiben, aber ich kam dann doch an den Punkt, wo ich das Empfinden hatte, dass Sprache auch einmal, bezüglich dessen, was er schildert, ganz handfest und 'dreckig' werden müsste. Auf Dauer ist es mir dann doch zu ästhetisch.

      Trotzdem eine eindeutige Leseempfehlung, weil das höchstwahrscheinlich nur mein Problem ist. ;)

      :wink: Wolfram
    • Ngũgĩ wa Thiong’o: Der Fluss dazwischen

      Neu


      Afrika ist ein sehr interessanter Kontinent mit einer sehr, sehr langen Geschichte und zahlreichen sehr unterschiedlichen Völkern, über die der Durchschnittsösterreicher so gut wie nichts weiß – auch ich weiß darüber nur sehr wenig, was ich zum Anlass nehme, mich ein bisschen mit Afrika zu beschäftigen. Ich bedaure, dass der europäische öffentliche Diskurs über Afrika und Afrikaner oft von Stereotypen geprägt ist, und zwar von beiden Seiten aus: Von den einen, die sofort „Diskriminierung!!!“ schreien, wenn das Wort „Neger“ fällt, lass ich mir genausowenig etwas sagen wie von den anderen, die nicht-europäische Kontinente insgeheim als minderwertig ansehen, und insgesamt ist es nicht so leicht, an seriöse Informationen zu kommen.

      Eher durch Zufall bin ich auf den ostafrikanischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o gestoßen, dessen sehr interessante Biographie (geboren ist er 1938 in Kenia) teilweise auf Wikipedia nachlesbar ist und der auch schon mehrmals für den Literaturnobelpreis im Gespräch war. Heute habe ich seinen frühen Roman (erschienen in den 1960ern) „Der Fluss dazwischen“ (in der stilistisch bedauerlicherweise sehr mangelhaften Übersetzung von Anita Jörges-Djafari) gelesen und war positiv überrascht, denn das Buch hat mir viel besser gefallen als ich es aufgrund des Klappentextes vermutet hätte: „Waiyaki folgt dem Wunsch seines Vaters, besucht eine christliche Missionsschule, wird ein guter Schüler und schließlich sogar Lehrer. Doch als er sich in ein Mädchen aus dem christianisierten Nachbardorf verliebt, kommt es zum ausweglosen Konflikt. Waiyaki wird zum Opfer der Zerrissenheit zwischen seiner eigenen Kultur und der der Weißen.“.

      Insgesamt geht es um die Vereinbarkeit von Tradition und Fortschritt, um eine Liebesgeschichte, die nicht sein darf, weil die Frau aus einem fanatisch christianisierten Hause stammt und der Mann, der (vergeblich) versucht, mit Hilfe von Bildung die beiden Seiten zu versöhnen und in eine gemeinsame Zukunft zu führen, aus einem traditionellen Umfeld (sein Vater hatte ihn in die Missionsschule geschickt, damit er sich das Wissen der Weißen aneignet und später mit Hilfe dieses Wissens die Weißen vertreiben kann), um den (vergeblichen) Versuch, die alte Kultur (die nicht beschönigt wird, zum Beispiel spielen die mitunter tödlichen Folgen weiblicher Beschneidung eine große Rolle in diesem Roman) in eine moderne Zeit zu führen, um das, was Menschen an Religion/Kult interessiert, um die Bedeutung von traditioneller Kultur, um die Ursachen religiösen Wahns (der dann entsteht, wenn man den Menschen ihre Kultur nimmt) und vor allem um die Menschen in einer Gesellschaft, die zwiegespalten ist in zwei radikale Lager, die miteinander nicht reden können, sondern anfangen, einander zu bekriegen.

      Ich hätte vermutet, dass es sich um ein frühes Werk handelt, was ich aber nicht abschätzig verstanden haben möchte. Etwas störend war für mich lediglich das mehr oder weniger offene Ende (wobei ein schlechter Ausgang der Handlung allerdings mehrfach angedeutet wird), was aber an mir persönlich liegt, weil ich offene Enden schlicht nicht mag. Ngũgĩ wa Thiong’o wird auf dem Buchdeckel als „eine der sprachmächtigsten afrikanischen Stimmen unserer Zeit“ und als „eine der prägenden Gestalten der afrikanischen Literatur“ bezeichnet, und wenn seine anderen Werke auch so eindrucksvoll sind wie „Der Fluss dazwischen“, halte ich das für gerechtfertigt. Es dürfte sich um einen Autor handeln, mit dem sich die Beschäftigung auszahlt.
    • Neu

      Schön einen Tip von diesem Autoren zu bekommen! Ich kenne nur einen, wohl sein Hauptwerk wenn ich der Kritik hierzulande glauben darf:



      Ein ganz großartiger Roman aber es braucht schon Geduld, mit europäischer Erzählokonomie hat dieser Autor wenig am Hut. Aber Geduldige werden reich belohnt! Surreal, toll, aber ein bissl "Too much of a good Thing" wie der Brite sagt :D 650 statt 900 Seiten hätten mir auch gelangt.

      Aber ein Meisterwerk ist das, auf jeden Fall.

      Obiger ist bestellt.


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • ​Wie kam es zum Brexit?

      Neu

      Man kann zum Brexit stehen wie man will. Manchmal bin ich froh, das die EU die Limies endlos los sind, die mit ihren vielen Sonderwünschen allen auf die Nerven gingen. Dann bedauere ich es wieder.
      Aber was mich schon immer wunderte ist, das es ein best. Personal in der britischen Politik gibt, die mit der EU nix anfangen konnte und das sind große Teile der Konservativen aber auch der ganz linke Labour Flügel.
      Sie ignorieren, dass MacMillan 1963 quasi die Aufnahme erbettelte, weil das Land eigentlich bankrott war und hören lieber "Land of Hope and Glory".

      Zum Brexit gibt es nun die Begleitlektüre in Form eines witzigen aber entlarvenden Romans. "Middle England" von Jonathan Coe.

      Ein Buch, welches uns die Zeit nochmals vor Augen führt, die Zeit von 2010 als Cameron Premier wurde und er mit Sparprogrammen das Land Richtung Spaltung und Untergang führte, wobei die Spaltung und die Unversöhnlichkeit bereits Thatcher einführte und Blair das nicht überwinden konnte. (oder wollte?)
      Die Klasse des Romans entsteht dadurch, dass Coe quasi aus allen Schichten der Bevölkerung Schicksale miteinander verwebt, die dann in ihrer politischen Aussage, ob gewollt formuliert oder unbewußt gelebt, ein Bild ergeben, welches stimmig scheint.
      Die knarzigen Konservativen, die das Weltreich vermissen, die die Einwanderer und vor allem die Polen weg haben wollen, sie aber als Bedienstete durchaus schätzen, die einfachen Angestellten der Mittelklasse, denen die Felle wegschwimmen und denen aufgrund von Quoten auf einmal ne Frau als Vorgesetzte "vorgesetzt" wird und das auch noch in Form einer Eingewanderten, sie alle schieben die Schuld ihrer Misere, die Misere des Landes auf die EU.
      Die "Remainer verzetteln sich in Arroganz und in den unerschütterlichen Glauben an die "Macht der Vernunft". Doch die ist längst baden gegangen unter der Murdoch Presse.
      Nigel Farage darf ungestraft rassistische Dinge in der Kampagne von sich geben, dageben ist manches von der AFD harmlos.

      Coe protokolliert all dieses, die Lügen die Tricks auch die Geldgeber, indem er es und andere Sauereien in die Geschiche einbaut und konserviert es so als Lehrstück für uns.
      Es ist aber auch ein Lehrstück des Scheiterns der Gegenseite, die andere Dinge für wichtiger hielt als das UK in der EU zu halten, der Nichtbefassen-Wollen, weil man ja doch so sehr privilegiert ist und nix auszustehen hat.
      Und die Arroganz, es wird schon gut gehen.
      Aber.... Selbst lesen macht schlauer

      Gruß aus Kiel
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.
    • Neu

      Guter Tip! Immerhin gibt es auch eine deutsche Übersetzung, ist mir damit grundsätzlich zugänglich. Der Werbetext verspricht: "Dieser unterhaltsame und fein gesponnene Gesellschaftsroman blickt tief in die Seele des englischen Wesens." Das ist doch was!

      Aber vorher höre ich noch etwas Vaughan Williams.

      :tee1:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann