Eben gewälzt

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    • @Jean: Der "Jedermann" mag nicht die Potenz und Vielfältigkeit und weiten Atem der ganz großen Rothromane haben (wobei: Sabbaths Theater habe ich seinerzeit abgebrochen, der gefiel mir nach einem Drittel überhaupt nicht mehr, aber er steht auf meiner Liste bald wiederzuentdeckemder Sachen), - - jedenfalls, der Jedermann, der berührt mich extrem. Ich kann gar nicht sagen wieso eigentlich. Aber er berührt mich sehr und ich finde diese Erzählung (ein Roman ist das ja eigentlich nicht) unvergeßlich.

      @Rosamunde: ja, die Wiederlektüre überzeugt sehr. Wenn Du sonst von Roth bislang nix kennst: empfehle ich "Der menschliche Makel", auch dies ein großer amerikanischer Roman, oder s.o. (wenn die Thematik des allmählichen Sterbens nicht allzu abschreckend wirkt).


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      empfehle ich "Der menschliche Makel",
      Insbesondere weil er seismographisch, wenn aber auch in anderer Absicht, den Kulturkrieg (Cancel Culture?) an den amerikanischen UNIs, der uns nun auch zu überziehen droht, vorweg nahm. Da, wo man heute Huck Finn nicht mehr lesen darf, weil es rassistisch ist.
      (Haste gehört Major??)
      Egal:
      Als Jugendlicher musste man zu meiner Zeit von Roth auf jeden Fall "Portnoys Beschwerden" lesen. War Pflichtprogramm sowieso.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Nein, Doc, nicht deswegen (obwohl das natürlich außerordentlich sympathisch war in den Zeiten der Lewinsky-Affaire, so einen Roman zu haben der sich gegen diesen üblen Neopuritanismus stemmt).

      Sondern nur deswegen: weil der "Menschliche Makel" ein literarisches Meisterwerk ist, als das er auch noch gelten wird, wenn ebenjener Neopuritanismus lange vergessen sein wird.

      Aber ich weiß was Du meinst und natürlich haste recht :D


      Portnoys Beschwerden gehört allerdings auch zu meinen abgebrochenen Roths. Sollte ich allerdings auch nochmal zur Wiedervorlage ranziehen, aber Sabbaths Theater scheint mir da dringlicher erstmal...


      :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • garcia schrieb:

      Sondern nur deswegen: weil der "Menschliche Makel" ein literarisches Meisterwerk ist, als das er auch noch gelten wird, wenn ebenjener Neopuritanismus lange vergessen sein wird.
      Und warum? Ne Begründung wäre schon hilfreich, einfach was behaupten kann ja jeder!

      Ich persönlich gehe in die amerikanische Provinz und zu all dem Grauen, das die puritanische Gesellschaft einem so offenbart.
      Es muss ja nicht gleich Faulkner sein, das ist mir zu südstaatenmäßig, ich fange in den 50igern an, in den Jahren als der Wirtschaftsaufschwung die USA befeuerte und alle sich ein besseres Leben träumten, so wie Harry Angström, der überfordert mit seiner frisch gegründeten Familie zurecht kommen muss. Die Frau fängt vor Langeweile das Saufen an, die Kinder werden vernachlässigt und Harry verpisst sich zu ner Nutte. Tristesse und dennoch gibt es am Ende so etwas Hoffnung.
      Hoffnung auf den 2. Roman von Vieren.
      Hier der erste.
      "Hasenherz" von John Updike

      Ich las die 4 Rabbit Romane erstmals in den 90igern, als ich mit dem Zug ewig lang nach Berlin pendelte. Sonntags abends hin, Donnerstag abends zurück. Davor waren die "Jahrestage" dran.
      Die Romane von Updike haben mir ein ewiges Grauen vor Vorstädten eingebrannt. Die Lektüre half mir zudem, den Autohändler in "Fargo" zu verstehen.

      Gruß aus Kiel

      PS. Angström ist ein veraltetes Längenmaß aus der Atomphysik/Spektroskopie. 10 Angström sind 1 nm, also etwas sehr kleines.
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Was dem einen sein Bier bringt, macht dem anderen sein Shandy. Bin zwar noch nicht durch, aber am so amused, dass ich mich verleitet sehe, meinem Vergnügen vorzeitig hier Ausdruck zu geben. Sowohl Uncle Tobys half moons und ravelins, wie auch sein Einwurf "I wish you had seen what prodigious armies we had in Flanders“, welcher Dr Slop bei der emphatischen Preisung seiner modernsten Geburtsthilfe-Methoden unterbricht, über das folgenden Kapitel über wishes coming sideways, Taschentücher in der diagonal versetzen Jackentasche, bis zu jerkins und ihr Futter .....meine Nachbarn stellten fest, dass es Tristram war, der mir am frühen Nachmittag im Garten lesend zum amusement behalf. Und nicht sein flüssiger Vetter, wie man zum bank holiday weekend wohl eher vermuten würde. Ich bin ja sowieso nicht für meinen Alkoholkonsum bekannt. Und nun brauche ich erst gar keinen. Es ist so was von geistreich witzig, da kann mir jeder Thomas Mann gestohlen bleiben.


      Vielen Dank an @Doc Stänker, auf dessen Beitrag hin ich neugierig wurde.

    • Alex Ross-Die Welt nach Wagner

      Hab 100 Seiten.



      Interessant. Mal sehen, ob es neue Erkenntnisse gibt. Wahrscheinlich eher nicht.
      Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.

      Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!
    • Liebe Rosamunde, niemals gegen Thomas Mann lästern :alter1:


      Aber den Tristram Shandy, den hab ich mir nun auch bestellt. Will hoffen er landet nicht auf dem Friedhof der ungelesenen Bücher. Aber versuchen sollte ich es wirklich mal.

      Dank für die Anregung :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Jacques le Fataliste kann ich leider nicht lesen , und so nehme ich mit Jakob und sein Herr vorlieb . Denis Diderot folgt bei mir nun schon fast regelhaft auf Laurence Sterne , und die Ausgabe in der Anderen Bibliothek scheint mir sehr komplett zu sein . Offen bleibt eigentlich nur die Frage des korrespondierenden Getränks ; so halte ich dafür , daß es nicht immer etwas aus welschen Landen sein muss .

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Kamikaze - You Yellow Fiend !"
    • Philbert schrieb:

      Ich würde einen Côteaux du Layon vorschlagen.
      Touché . Ist meiner Kehle fremd . Zwar aus welschen Landen , aber du darfst mir gern eine Bouteille schicken , ich würde meinen , daß du die Verbindung Diderot / Coteaux du Layon einschätzen kannst . Allerdings lese ich ja auf Deutsch , dies sollte aber zu venachlässigen sein , oder ? Der RZG wird wohl unter einem Vino Santo liegen .


      Wolfram schrieb:

      Jedenfalls keinen Lindenblütentee
      Ach , und warum nicht ?
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Kamikaze - You Yellow Fiend !"
    • Eine am Ende schöne Reise durch die Bibliothek:
      Ich quälte mich nachmittags durch Dr. Faustus von TM, ein in seiner Eitelkeit des Autors und dessen Gespreize wohl kaum zu überbietendes Werk, das aber immerhin ein interessantes Thema hätte, hätte er nicht bei Nietzsche, Schopenhauer und Wassermann und Goethe sowieso, genau Anleihen genommen. Seine musikwissenschaftlichen Ergüsse würde man heute wohl bei Wikipedia abkupfern. Reine Angeberei, die vielen Forenmitgliedern nur ein Fremdschämen entlocken würde.
      Egal: Das Thema "Künstler im Untergang Deutschlands" interessiert mich so, dass ich mich durch das Buch quäle, obwohl Mann in seiner Bildungshuberei keinen Halt macht, allen zu erklären, was er doch für ein toller Kerl war. Und dazu bedient er sich absichtlich einer nochmals verkünstelten Sprache, weil Herr Zeitbloom ja mehr ein "Simpel" sein soll.
      (Der "Standard T. Mann" ist ja bereits kaum auszuhalten)
      Die Vorstellung, das Ganze auch noch von Westphal vorgelesen zu bekommen, das kann nur ein echter Masochist ersehnen. :whistling:

      Nun von hier aus weiter. Was schrieb Henscheid über TM? Und siehe da, im Band Literaturkritik, Seite 655 ff findet sich eine Andeutung.

      Henscheid schrieb:

      Im Rahmen seines ohnehin recht beschränkten Katalogs von "Favorite Music" (1948 für die Saturday Review of Literature zusammengestellt) hört er nicht gar zu viel und gar Neues, er hört vor allem nicht so sehr musikalisch und schreibt sodann über das Gehörte, sondern er weiß in jedem Augenblick, das er T. Mann ist und zu sein hat und daß er deshalb so kundig wie exzellierend auch über Musik zu schreiben, ja aufgerufen ist....
      Ja, den Eindruck habe ich bei Dr. Faustus auch. T. Mann als Herr Turtur der Musik.

      Soviel dazu. Im Anhang des Buches las ich völlig verblüfft dann folgendes: S. 932

      Henscheid schrieb:

      Daß die beiden Buchtexte zu Th. Bernhard von heute aus gesehen im Tenor, in ihrem freundlichen Grundduktus nicht mehr zu halten sind; daß man in Bernhard vielmehr einen der unfähigsten Autoren, ja einen der in aller Großspurigkeit dümmlichsten Menschen des weltweiten 20. Jahrhunderts zu ersehen hat, diese auch für mich als Leser schmerzhafte Korrektur sei hier kurz vermerkt.
      Irgendwie hat also Bernhard auch bei Henscheid mit den Jahren verloren. Ich bin also nicht allein, würde aber niemals so drastisch formulieren. Wobei. Was Henscheid über Elfriede Jelinek schreibt ist GROSSE Komik und Kritik in einem. S.743.
      Weiter ging die Reise über Willi Wüllenweber (ratet mal, wer das war...?) Ich habe von "Willi" jedenfalls "In diesen geistfernen Zeiten" gerne gelesen, um später feststellen zu müssen, das auch ihm seine Eitelkeit und angenommene Einzigartigkeit zu Kopfe stieg. Aber was kann einem denn sonst passieren in Bamberg?

      Und so begab ich mich in aller Bescheidenheit zu der Gesamtausgabe der Drehbücher des "Bergdoktor"s von Philipp Roth, NEIN!

      Ich lese gerade ein äußerst vergnügliches Buch von Herbert Rosendorfer.
      Ballmanns Leiden: Oder Lehrbuch für Konkursrecht.
      Ein Juwel, das ich JEDEM Juristen, insbesondere Richtern ans Herz lege.


      Gruß aus Kiel
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    • Na, wenn Henscheid das sagt, kann man da ja nix mehr einwenden. :P

      Bevor 'Zazie in der Metro' eintrifft, bei mir noch dieses Buch von Raymond Queneau:



      'Der Flug des Ikarus'. Und er fliegt wirklich weg, nämlich einem Schriftsteller, der gerade einen Roman über ihn schreiben möchte. Aber Ikarus entfleucht aus den Seiten, wird von verschiedenen Stellen verzweifelt gesucht und erlebt diverse Abenteuer. Immer begleitet von seinem Autor. Ein Roman, aufgebaut wie ein Theaterstück, ein hintergründiges Spiel mit Literatur, leicht und witzig, charmant und irgendwie sehr französisch.

      :wink: Wolfram
    • Dr. Faustus. Weiter gelesen
      Keine Angst, ich werde nicht mehr schimpfen!

      Im Februar 1933 hielt TM in Amsterdam einen Vortrag über Wagner. Der brachte ihm jede Menge Ärger, dokumentiert bei Vaget: "Wehvolles Erbe"
      Der Ärger wurde entfacht von Knappertsbusch und Pfitzner. Die Nazis wurden aufmerksam, so dass am Ende des Streites TM nicht mehr aus dem Urlaub nach München zurück kehrte, sondern die wahrscheinlich lebensrettende Emigration vorzog.
      Im Vortrag ging es darum, Wagner vor dem ideologischen Zugriff der "neuen Rechten" sprich Nazis zu sichern. Und er beschwor die geistige Heimat des orthodoxen Wagnertums als gefährlich.
      Das war damals den Wagnerianern eine Provokation par excellence.

      Was hat das nun mit Dr. Faustus von 1947 zu tun?
      Es wird noch einiges zu erklären sein, aber die Anlage in den ersten 300 Seiten,- so weit bin ich inzwischen-, ist klar.
      TM hat seinen Text von 1933 um ergänzende Motive und durch die 14 Jahre dazwischen, insbesondere der Erfahrung mit dem 3. Reich, zu einem dicken Roman erweitert.
      Doch Inhalt und Sinn zeichnen sich bereits deutlich ab. Er hatte 1933 bereits recht und versucht es zu belegen und darüber hinaus dieses als Indiz für den deutschen Untergang zu werten.
      Und ich muss ihm recht geben!
      Man entkleide den Roman um die eitlen Ausführungen, die vielleicht seinen Lesern geschuldet sind , man verzeihe ihm seine elendigen Ausführungen über manche Musik und seitenlangen Erläuterungen von philosophischen Standpunkten, auch die gespreizte Sprache. Also man streiche von 300 Seiten ca. 220, die nur redundant oder Füllseiten sind.
      Der Kern ist dann ganz klar!
      Die herrschende Philosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist die Grundlage für die Katastrophe ab 1933. Ich freu mich, es zugeben zu können, das wird von ihm glänzend vorbereitet.
      Die unzugängliche Figur des Adrian, aber gerade die Zeit in Halle (Nicht umsonst Hochburg einer sonderhaften Spielart der Religion) , wird so beschrieben, das man es bereits da ahnen kann.
      Die langen Gespräche über Theologie, das rechte Lutherverständnis, der Pietismus und die Ästhetik der Zeit werden in den Kapiteln beleuchtet und es ist klar, das Dr. Schleppfuß einen prägenden Eindruck haben wird. Ich glaube zudem, das er den "graswurzelartigen Antisemitismus" der Zeit befördert durch selbsternannte Hellseher im Gefolge der Nietzsche Philosophie benennen wollte, also Rudi Steiner und Konsorten.
      Manche Figuren kommen des Roman mir dann vor, wie im Zauberberg.
      Ich denke an den Gegensatz Settembrini = Naphta und Herrn Peeperkorn, der alles gelassen betrachtet und an die undurchschaubare Clawdia Chautat.
      Mal sehen, wer dann wer sein wird.
      Soviel für heute. Es bleibt spannend.
      Morgen geht es weiter mit Lektüre.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)