Eben gewälzt

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    • Ich wende mich einem andren Autor zu, aber erstmal noch einige Bemerkungen zu Kafka. Den dritten Band der Stachbiographie habe ich durch, parallel las ich den Process, den Verschollenen und viele Erzählungen. Das Schloß und der chronologisch erste Band der Biographie - - nicht jetzt, ich möchte einer etwaigen Übersättigung entgegenwirken.

      Ein vorläufiges Fazit meiner lesenden Bemühungen lautet etwa so:

      - Eine wirklich großartige Biographie (gäbe es den Harpprecht mit seiner Thomas Mann Bio nicht würde ich sie singulär nennen) ,
      - zwei mich hochgradig bereichernde Romanfragmente, von denen ich den Process schon zwingender fand. Aber auch der Verschollene übte eine große Faszination aus.
      - Früher konnte ich mit eben diesen Romanfragmenten wenig anfangen, das hat sich nun im Alter von bald 58 spektakulär geändert. So etwas freut mich. So etwas sind dann Sternstunden.
      - Trotzdessen halte ich die Erzählungen für den eigentlichen Kern seines Werkes.

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      Der andre Autor, dem ich mich nun zuwende (der Anstoß kam auch aus der Stachbiographie, Kafka hielt sehr viel von ihm), ist Robert Walser.

      Auch hier wieder Kurzprosa als das Wesentliche des Werkes, allerdings, was die Grundstimmungen angeht, der denkbar größte Unterschied zu Kafka: sonnendurchflutete Spätromantik, manchmal wie ein verschrobener Eichendorff wirkend, aber unter der freundlichen Oberfläche enthalten diese Sachen eine Menge Widerhaken. Ich habe sehr viel von Walser hier stehen, irgendwann hatte ich da mal auf dem Gebrauchtmarkt sehr zugeschlagen, dann aber kaum was gelesen. Nun kommt er mir sehr nahe...

      Ich begann mit



      Ich habe das Gefühl, dieser Autor wird mich lange beschäftigen, ich finde diese 25 Miniaturen in ihrer nur oberflächlichen Naivität und scheinbaren Nachlässigkeit ganz großartig. Ein Licht in einer lichtlosen Welt (die Texte entstanden mitten im ersten Weltkrieg), und sie sind von einer sich nicht in den Vordergrund spielenden aber hochgradig ausdifferenzierten Virtuosität und Schönheit. Es lohnt sie ab und an laut zu lesen. Sie bieten mir nicht bloß hohen ästhetischen Genuß sie bieten mir darüberhinaus Trost... Für mich ist dies ein Autor vorrangig zum Lieben, nicht zum Bewundern. Was natürlich extrem subjektiv ist: Walser und ich, Autor und Leser, passen in diesem Falle ideal zusammen.

      Die Gesamtausgabe seiner "Mikrogramme", teils entstanden in der Psychiatrie, in der Walser die letzten 25 Jahre seines Lebens verbrachte, sind das Einzige was hier nicht steht. Aber ich habe eine bezahlbare gebrauchte Ausgabe in 6 Bänden gefunden und sofort bestellt.


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Ignazio Silone wurde am 01.05.1900 in einer Kleinbauernfamilie im Bergdorf Pescina in den Abruzzen geboren. Seine Kindheit war geprägt durch wirtschaftliche Not und soziale Spannungen in Italien. Früh entwickelte sich sein politisches Engagement, er wurde später Mitglied in der Kommunistischen Partei Italiens. Enttäuscht brach er jedoch mit der Bewegung und begann erst im Schweizer Exil (wo er 1978 auch starb) sein Schaffen als Schriftsteller. Hier schrieb er u.A. den Roman. „Fontamara“.

      Fontamara ist ein fiktives Dorf in den Abruzzen. Silone beschreibt das Leben der Bauern, zeigt die unglaubliche Not der Menschen, aber auch ihren Humor und die Alltagskultur, mit der sie sich gegen die Unterdrückung wehren. Der Roman wurde ein Welterfolg.

      Ich habe von dem Autor bereits „Wein und Brot“ gelesen. In beiden Büchern gefällt mir der unaufgeregte, flüssige und schöne Schreibstil Silones.

    • Karl Raimund Popper und die verflixte Logik - Logik der Forschung

      Das mit dieser gendergerechten Sprache lässt mich nicht mehr los. Ich will es verstehen. Weil ich es muss.

      Ich habe sehr früh in meiner Jugend vermittelt bekommen, dass man die Dinge des Lebens mit Logik fassen sollte. Als ich von meinem Vater wissen wollte, wie man in solchen Fällen konkrete Frage- oder Problemstellungen pragmatisch angeht, stand er einfach auf – und ging. Er ging zu einem seiner unzähligen Bücherhorte und zog mit souveräner Leichtigkeit und väterlicher Sicherheit einen orangefarbenen Band hervor, der recht abgegriffen aussah und auf dem vergilbten Buchrücken die Aufschrift trug: „Karl Popper ∙ Logik der Forschung“ [heute sieht der Band ganz anders aus, siehe unten].

      Mit ausgestrecktem Arm bot er mir wortlos das für die kleinen Hände so große und schwere Buch an. Mit typisch väterlich-maskulinem Brummen signalisierte er mir freiwillige Übergabe und Zugriff durch den Stammhalter. Erst sehr viel später habe ich den Sinn dieses Urlautes unserer Vorväter verstanden, der wohl so viel bedeuten sollte wie: „Hier hast du. Lies es aufmerksam und sprich im Anschluss mit mir darüber, so du es verstanden hast. Wozu habe ich dich schließlich mit meinem Genom ausgestattet. Das Buch kannst du dann behalten.“ Er hätte es natürlich eleganter formuliert.

      An dieses Szenario habe ich mich gestern wieder erinnert. Aus aktuellem Anlass. Ich will diese Genderisierungswelle endlich verstehen, mit den Mitteln von „Logik und Forschung“, mit Sir Karls Hilfe den richtigen Hebel an der richtigen Stelle ansetzen.





      Karl Raimund Popper
      Logik der Forschung
      Mohr Siebeck, 601 S.


      Entschlossen habe ich das Buch aufgeschlagen, angelesen und das erste mir vertraute Wort aufgegriffen: „Beispiel“. Und gleich noch eins: „verifizieren“. Also habe ich ein genderkonformes Beispiel konstruiert: „Mann*in“. Passt.

      H u r r a!

      Zur Erläuterung: „Mann“ steht für den männlichen Teil einer fiktiven maskulinen Kohorte. Das „in“ am Ende der Wortschöpfung – das ist jetzt keine Wertung! – steht für den femininen Teil der maskulinen Kohorte. Wenn das soweit klar ist, dann sind wir auch schon fast am Ziel. Das mit dem Präfix als Affix, das im Gegensatz zum Suffix dem Wortstamm voranzustellen ist, wollen wir an dieser Stelle großzügig vernachlässigen. Es führt zu nix. Jetzt kommt der letzte Part – last, but not least! Bitte! Wir sind gleich fertig! Das „*“ steht für den Kreis derer innerhalb dieser Kohorte, die sich nicht zu einer der beiden anderen Gruppierungen zugehörig fühlen können oder wollen. Damit ist das Beispiel richtig und vollständig konstruiert, alle Parteien sind gleichberechtigt am richtigen Ort versammelt.

      Jetzt einen Schritt weiter im Buch. Dort steht dann geschrieben, dass man Beispiele nicht verifizieren solle… Na toll! Vielmehr sei jetzt plötzlich „falsifizieren“ angesagt. Es geht also darum, Beispiele zu finden, die die ganze Sache wieder widerlegen. Es ist kompliziert.

      Also neues Beispiel konstruiert: „Frau*in“. Jetzt die Prüfung nach gewohntem Muster. „Frau“ als weiblicher Teil einer femininen Kohorte? Passt. Das „*“ als Stellvertreter der anders Seienden, ob wollend oder müssend? Check. Und jetzt das „in“ zum Schluss für das Ende. Wähhhhhh? Warum überrascht es mich nicht, dass in diesem Konstrukt maskuline Männer in einer weiblichen Kohorte keine Rolle spielen? Nur weibliche Frauen – vorne und hinten – und das zentrierende „*“ in einer femininen Kohorte. Darum geht es also! Merkt ihr, wo das alles hinführt? Mit der Frauenquote fing alles an. Ein schleichender Übernahmeprozess. Sie haben schnell gelernt, das muss man ihnen lassen: Männer sollen abgeschafft werden! Mit der Sprache fängt es an!

      WISST IHR WAS? NICHT MIT MIR! ICH SPIELE DA NICHT MEHR MIT! ICH REG‘ MICH JETZT SO RICHTIG AUF!

      Männer, erhebt euch gemeinsam mit mir! Ich steh‘ schon! Schenkt dieses Buch jeder Frau, die euch genderisieren möchte. Karl Raimund Popper hat sie längst widerlegt, ad absurdum geführt, gnadenlos alle: Die Genderisierung [schon der Artikel hätte mich warnen müssen!] der deutschen Sprache hat weder was mit Logik und dann auch nix mit Forschung zu tun. Es geht hier um brutale Übernahme ohne Kaltakquise vorneweg. Wie in der Wirtschaft.

      Was ich eigentlich gar nicht beweisen wollte.

      Euer
      q. e. d.-Jean


      NB: Däd? Können wir reden? Ich glaub‘, ich bin jetzt soweit…
      "You speak treason" - "Fluently"
      "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"
    • Weißt du, was ich erwarte? In Bälde werden die Heilsbringer:innen erkennen, dass die Kulturgeschichte männlich dominiert war und das historische persönliche Geschlecht ebenso nur sozial-kultur gemacht wurde, wie es in den Zirkeln der Weisheit bereits vom biologischen Geschlecht gewusst wird. Ergebnis wird sein, dass die Heilslehre auf Namen erstreckt werden wird. Es wird nicht mehr Beethoven gesagt werden dürfen, sondern Beethoven:in. Übrigens auch Jesus:in

      Oh Gott:in!

      Übrigens mag nich nicht, was Popper:in über Platon:in schreibt.
    • Nachträge.
      1) Zu Harry Graf Kessler. Die Inselausgabe als TB hat das Lesen prima überstanden, sie ist aus bestem Papier und bestem Einband. Etwas, das man von Fischer TB aus den 70igern nun wahrlich nicht behaupten kann; erst jüngst zerbröselten mir Kafkas Tagebücher quasi in den Händen.
      Ich habe den Sohn beauftragt, mir die Jahre 1923 - 1927 aus der Gesamtausgabe der Tagebücher Kesslers als Leihe aus der UB zu besorgen Es wundert mich, dass nahezu nix zur Inflation Ende 1923 zu finden ist und nix vom Umsturzversuch Hitlers in München. Auch fehlen mir in den 30iger Jahren irgendwelche Erwähnungen der Röhm-Affäre.
      Das Buch ist da seltsam "dünn." Das gilt es nachzuprüfen anhand der Gesamtausgabe.

      2) Heute gab es auf 3SAT die Literatursendung "Literaturklub" unter der Leitung von Nicola Steiner als Wiederholung. Und man besprach "Eurotrash," das ich nun auch mit Verspätung verfolgen konnte.

      Jean schrieb:

      dafür ist es zu substanzlos - in jedweder Beziehung
      Für mich wurden aus dem Buch Dinge gehoben, die schon sehr interessant waren und unter der Decke der schnöseligen Erzählweise verborgen liegen. 3 von 4 Disputanten und Dispuonkel fanden es jedenfalls sehr bemerkenswert. Auf jeden Fall werde ich ein 2. Mal lesen. Das Buch birgt deutlich mehr als Thea Dorn in ihrer forschen "Ich rede jetzt und habe Recht" Art nur auf den Titel reflektieren wollte. Die Zeit wird es zeigen.

      Im Übrigen: Wenn ich Sachbücher lese, dann interessieren sie mich um der Sache willen, Romane lese ich zur Unterhaltung. Wenn ein Roman mich nicht anspricht, sprich nicht unterhalten kann, dann interessiert er mich nicht besonders. Dabei kommt es manchmal vor, dass mich ein Thema, welches eigentlich mich nicht interessiert, doch weckt, weil Sprache und Bauweise und letztlich doch Inhalt des Romans mich beeindrucken. Beispiel. Was sollten mich Nutten, Freier und Luden in Leipzig in Zeiten nach der Wende interessieren? Clemens Meyer schafft das locker.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Merkwürdig, wenn ich so eine kraftvolle Meinungsäußerung wie die von Jean lese, dann denke ich immer, dass Kracht irgendwie so etwas wie der Thielemann der Literaturszene sein muss. Da gibt/gab es einerseits viel Applaus von (falscher) Seite und andererseits wohlfeile Ablehnung, die mindestens so viel Zustimmung erntet. Und, klar, da ich Thielemann schätze, verhält es sich mit Kracht natürlich nicht anders.
      Für mich ist Kracht ein Ironiker mit viel (abstrakter) Menschenliebe und Distanz zu sich selbst, der sich (als Schweizer) am Deutschsein abarbeitet. Das alles muss man (namentlich in dieser Kombination) nicht mögen, aber interessant ist es offenkundig allemal, für mich sowieso.
      Ich habe ihn bereits gelesen, als er noch bei „Tempo“ schrieb. Man erinnert sich vielleicht an die damaligen Pop-Literaten in D (Eckhart Nickels „Von unterwegs“ lese ich gerade mit großer Freude). Ich weiß noch, wie unendlich gern ich die „Berliner Seiten“ in der FAZ las. Und natürlich fühle ich mich Kracht und Nickel durchaus auch deshalb nahe, weil wir ein Jahrgang sind.
      In „Faserland“ wird dann eine Szene geschildert, die ich so auch kannte. Die Bedeutung von Oberfläche bei gleichzeitiger Negierung dieser Bedeutung - und dem Durchscheinen verzweifelter Sinnsuche. Ich mochte das. Ich mochte auch den Ton, das Uneigentliche, das Unentschiedene, die tiefe Verunsicherung. Auch deshalb war ich sehr gespannt auf Eurotrash. Auf einen Blick auf den Zeitgeist und die weiterhin bestimmende Grund-Problemlage: Deutschland (ja, auch in der Schweiz). Ich erkenne den selben Ich-Erzähler wieder - und dass er älter geworden ist. Auch hier kommt das Spielerische im Umgang mit Themen (und der Bezug zur Literaturkritik) nicht zu kurz, vor allem aber lese ich daraus (wieder), dass der Ich-Erzähler selbst nicht wichtig ist, eher schon seine Mutter, vor allem aber seine Fähigkeit, Geschichte(n) zu erzählen. Ich mag einfach auch die Figur der Mutter, sie erinnert mich an Frauen dieser Generation, die ich kannte.

      Ansonsten liegt eine freie Woche vor mir und auf dem Tisch gleich mehrere Bücher, die mich durch die Zeit (vorzugsweise auf dem Balkon) begleiten werden:
      Der genannte Nickel


      Judith Hermann


      Ulrich Peltzer


      Clemens Setz


      Die drei Erstgenannten lesen sich so weg. Vor Setz habe ich immer großen Respekt. Ich werde die aktuelle Lektüre mit dem „Trost runder Dinge“ ergänzen (wunderbarer Titel!).
    • So viel Gegenwartsliteratur... Mir fällt auf: Ich weiß kaum mehr was heute so geschrieben und veröffentlicht wird.

      Hier auch weiter die ganz kleine schlichte Form, entstanden so 1913/14. Bezaubert mich weiterhin sehr.




      :)
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      (Shunryu Suzuki)
    • Nassim Nicholas Taleb: Der schwarze Schwan

      Es geht um sehr seltene Ereignisse, die man nicht prognostizieren kann, die aber sehr große Auswirkungen auf Mensch und/oder Natur haben. Der Mensch neige dazu, sich diese Ereignisse im Nachgang schön zu reden, sie zu vereinfachen, so der Tenor des Buches. Der „schwarze Schwan“ als seltenes Ereignis der Natur steht für die von Dr. Nassim Taleb benannte Black Swan Theory.




      Dr. Nassim Nicholas Taleb
      Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse
      Pantheon, 624 S.


      Auf Journalisten ist Dr. Nassim Taleb nicht so gut zu sprechen, wie mir scheint. In einem Interview hat er gesagt, dass sie „ungebildet“ seien. In Fernsehinterviews solle man deshalb gar nicht auf ihre Fragen eingehen, sondern all das sagen, was einem wichtig sei. Die Sendezeit in eigener Sache sinnvoll nutzen. Da scheint er sich in guter Gesellschaft zu befinden…

      Mit Fakten nehmen sie es oft nicht so genau. Vieles wird gerne aufgebläht oder gar erfunden, die Verkaufszahlen sind immer schuld. Der eine oder andere wurde wegen seiner Fake News überführt. Dem Spiegel hat der Skandal mit den H.-Tagebüchern wohl nicht ausgereicht: Der Fall Relotius kam Ende 2018 ans Tageslicht. Das gilt natürlich nicht für alle, es ist nicht pauschalierend gemeint. Wahrscheinlich liegt es daran, dass viele Journalisten ihre Berufsbezeichnung allzu wörtlich auffassen, sich nur „dem Tage verpflichtet“ fühlen. Was interessiert da schon das Geschwätz von gestern. Ein Søren Kierkegaard ist dann freilich auf dem Zeitstrahl zu weit weg [die Bedeutung von „gestern“ und „heute“]. Seltsam, es sind immer die Kraftlosen, die meinen, Kraftvolles dort verorten zu müssen, wo gar nix Kraftvolles ist. Es muss so eine Art berufsbedingte Krankheit sein: i-was mit Überhöhung und Fallhöhe, mangelndes [Er]Fassungsvermögen, was weiß ich; bin schließlich kein Journalist, kann da nix zu sagen.

      Halt! Einer von den exzellenten Vertretern fällt mir gerade ein. Dieter E. Zimmer. Er hat überwiegend über Romane und wissenschaftliche Themen geschrieben, war Feuilletonchef bei der Zeit. Er hat diese unter Journalisten weit verbreitete Unsitte, bloße Vermutungen „nicht genauer herzuleiten, sondern mit Lautverstärkern zu orchestrieren“ als „impressionistisch“ bezeichnet. Er muss es schließlich gewusst haben. Seine Art ist vom Aussterben bedroht. Leider ist er verstorben. Er war kein Impressionist, er war Journalist – einer, der der Berufsbezeichnung noch etwas Ehrbares abgewinnen konnte, ihr zur Ehre gereicht hat.
      "You speak treason" - "Fluently"
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    • Ekkehard schrieb:

      Für mich ist Kracht ein Ironiker mit viel (abstrakter) Menschenliebe und Distanz zu sich selbst, der sich (als Schweizer) am Deutschsein abarbeitet. Das alles muss man (namentlich in dieser Kombination) nicht mögen, aber interessant ist es offenkundig allemal, für mich sowieso.

      Er schreibt über Christian Kracht, wie es Journalisten heute auch tun. Das würde ihn sicherlich erbauen, wenn er es denn lesen würde. Seine Mission mit Eurotrash hat er jedenfalls erfüllt, der Christian Kracht…

      Aber ich gönne ihm seinen Erfolg. Warum denn nicht? Ich muss ihn ja nicht lesen, habe ich früher nicht getan, werde es zukünftig auch nicht tun. Und seine Mutter muss zukünftig ein oder zwei Banknoten weniger in Plastiktüten durch Zürich tragen - wie im Buch beschrieben.
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    • Ich bin von Christian Kracht eigentlich sehr fasziniert, von 'Faserland' an, den ich für einen grandiosen Roman halte, der die damalige jüngere Generation entlarvend gut beschreibt. Bis und einschließlich 'Imperium' war ich immer bei ihm, aber schon mit 'Die Toten' hatte ich Probleme, weil ich nicht verstand, was er eigentlich wollte. Ähnlich ergeht es mir schlichtweg auch mit 'Eurotrash'. Für eine 'einfache' Geschichte, selbst für eine großartige Darstellung einer Mutter ist mir der Aufwand zu groß. Das ist alles ganz nett, viele Problemfelder werden angerissen, auch durchaus ausführlicher behandelt. Also Deutschland, Schweiz, Sektierertum, Kapitalismus, Mutter-Sohn usw. Das ist alles schön und gut, aber das kann es doch nicht sein, nicht bei einem Autor wie Christian Kracht. Nicht in dieser Form. Da erwarte ich mir einfach mehr.

      Von daher halte ich seinen neuen Roman, auch wenn man den Aspekt der Literaturkritik mit hineinnimmt, für unterhaltsam, gut zu lesen, nett, aber schlichtweg für keinen großen Wurf. Nix was aufrüttelt, was bleiben wird.

      :wink: Wolfram
    • Lieber Jean, deine Ausführungen zu Journalisten sind wohlfeil, sie passen gut ins heute. Aber wenn jemand feststellt, dass ein Berufsstand als solcher aus ungebildeten Menschen bestehe, muss ich das/ihn noch ernst nehmen? Ich bin mir nicht sicher. In meinen Augen dient derlei zwei Dingen: Zum einen, dass man sich gegen Kritik aus deren Reihen immunisiert, weil sie man sie zuvor pauschal entwertet hat - das ist das Persönliche; zum anderen, dass man mit dieser Entwertung dazu beiträgt, dass man diese Form der Information bedeutungslos erscheinen lässt - das ist das Gesellschaftliche. Ich halte das für gefährlich, weil es genügend Leute gibt, die gern verhindern möchten, kritisch betrachtet zu werden - vor allem mächtige Leute. Aber, wie gesagt, so eine Haltung passt in die Zeit (s. Liefers).


      garcia schrieb:

      So viel Gegenwartsliteratur
      Ja. Immer schon. Aber wir können auch anders:



      Stand schon lange im Regal und wartete darauf, gelesen zu werden. Nachdem ich jüngst Erzählungen Roths las, fand ich nun, dass es Zeit für den Radetzkymarsch ist. Ich bin gespannt.
    • "Reich mir, o Schenke, das Glas,
      Bringe den Gästen es zu,
      Leicht ist die Lieb' im Anfang
      Es folgen aber Schwierigkeiten"

      So beginnt der Diwan von Hafis in dem abgebildeten Buch. Schon vermittels dieser wenigen Worte und sogar in der Übersetzung sehe ich den Sprecher emotional vor meinem geistigen Auge und entsteht eine Brücke ins Buch. Hach, Persisch müsste man können! Mehr davon hier:
    • Dr. Taleb und die Folgen: Folge 1 - Präludium ohne Fuge

      Ja, dieser „wohlfeile“ Journalismus. Es ist ein Elend. Der „gehobene“ Journalismus Dieter E. Zimmers ist ein Anderes. Da stimme ich zu. Der lässt sich aber nicht vermöge der Eisberg-Theorie erklären. So einfach wird es der mengengelehrten Restmenge schließlich nicht gemacht.

      Natürlich muss man Dr. Nassim Taleb nicht ernst nehmen. Vielmehr scheint mir die mathematische Relation von Gelesenem zu Ungelesenem auf dieser Welt einer Betrachtung wert. Bei der Bildung solcher Kennzahlen kann man sich dann auch nicht durch eine vermeintliche Leseschwäche herauslavieren, oder? Wozu gibt es Kalkulationshilfen? Kann auch erhellend sein. Immer diese verflixten Zahlen. Die bauen immer so einen Druck auf. Aber von Zahlen versteht Dr. Nassim Taleb etwas, kann man in seinem Buch nachlesen. Über Verkaufszahlen hat er wohl auch viel nachgedacht. Von der Relation von gekauften zu gedruckten Büchern eines Titels scheint er definitiv etwas zu verstehen. Wenigstens in dieser Beziehung würde ich ihn ernst nehmen, oder?

      Aber was wäre, wenn Dr. Nassim Taleb von Journalisten gelesen hätte, die viele Bücher kaufen, sie dann aber nicht oder nur selten lesen? Muss sich da nicht der „Impressionismus“ – um im Bild von Dieter E. Zimmer zu bleiben – von Un-Bildung aufdrängen? Da würde zumindest ich ihn schon ernst nehmen wollen, denn hier läge dann eine Impression vor, die einen Entwicklungsprozess von einem anfänglichen Eindruck via hinlänglicher Beobachtung mit anschließender Begründung zu einem Faktum durchlaufen hätte, oder? Bei hinreichender Größe der betrachteten Stichprobe, soll ja schließlich repräsentativ sein. Fast hätte ich von Evolution geschrieben. Bei Karl Raimund Popper werde ich jetzt aber nicht nachlesen. Wer weiß, was ich da wieder finde…

      Der Radetzkymarsch ist richtig klasse! Ein Buch, das ich sehr gerne noch einmal zum ersten Mal lesen würde. Aber das geht ja nicht, leider. Jan Philipp Reemtsma hat darüber übrigens einen Text geschrieben. Nicht über den Roman, sondern das „erste Mal“ bei der Lektüre eines guten Buches. Und die Folgen.

      Passend zum Roman gibt es übrigens auch eine tolle Verfilmung. Mit einem großartigen Max von Sydow, Gert Voss, ach was, alle sind sie gut! Ich meine Axel Cortis Sicht auf die Schlacht von Solverino und deren Folgen. Ein historisches Wimmelbild in bewegten Bildern. [Falls die Zeit im Urlaub für die Lektüre knapp werden sollte! Wäre eine anspruchsvolle „Abkürzung“.]





      Ich möchte dir jedenfalls einen erholsamen Urlaub und schöne Lektürestunden wünschen. Hoffentlich hält das Wetter auf dem Balkon!

      NB: Vielleicht schreibe ich mal was über den Roman. Aber ich lasse dir natürlich den Vortritt. Du hast das Vorrecht! Wenn du es gelesen hast und darüber schreiben möchtest. Ich kann ja dann im Anschluss was zum Film schreiben oder so. Aber nicht im Faden „Demletzt gekauft, noch nie gekuckt“. Denn ich habe ihn bereits gesehen, ich schwör‘.
      "You speak treason" - "Fluently"
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    • In Ergänzung zu Harry Graf Kessler.
      Bella Fromm: "Als Hitler mir die Hand küsste"

      Bella Fromm: 1890 - 1972, Tochter einer Weinhändlerfamilie und Gesellschaftsreporterin in der Weimarer Republik, kannte ähnlich wie HGK nahezu alle! Und ihre Tagebücher beschreiben schonungslos den Aufstieg der Nazis ab 1930, das windelweiche Verhalten der Konservativen, des Adels, der glaubte, Hitler würde Willem Zwo wieder holen.
      Im Nebenjob immer noch mit Wein handelnd hatte sie Einblick in die Gelage der Gesellschaft, als Jüdin früh den Nazis verdächtig, aber bis Ende 1937 immer weniger in Ruhe gelassen, entschied sie sich 1938 zur Auswanderung, die aber nur klappte, weil sie eben "alle" kannte, auch die Richtigen.
      Ihre Schilderungen der Führungspersonen der Nazis geraten oft wie Karikaturen, es bleibt ihr unverständlich, wie derartige Typen, Goebbels der pöbelnde Zwerg, ein permanenter Seitenspringer, der eitle Göring in Fantasieuniformen behängt mit Orden, dass man sich fragt, ob er bald welche auf dem Rücken tragen würde, der ewig besoffene Ley und der schüchterne unbeholfene Hitler selbst, der nur aus sich rauskam, wenn er entweder "Rampensau" spielen konnte, oder aber von schönen Frauen umringt war.
      All das lässt mich schließen, dass einiges im Exil nachgebessert wurde.
      Sie kannte Hindenburg persönlich, schildert die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler als Intrige Papens mit Oskar Hindenburg, was der Historiker Pyta inzwischen anders darstellt. Aber manche historische Details einmal außer Acht gelassen:
      Was mich imponiert, ist die Atmosphäre, die sie beschreibt, wie der Tanz auf dem Vulkan am Ende der Weimarer Republik zunächst weiter ging um dann wie im Rondo der 9. Mahlers in einen Mahlstrom unter ging.
      Interessante Lektüre.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Haruki Murakami – japanischer Schriftsteller mit großer Ausdauer

      Neu

      Vorsicht bei der Titelwahl! Eigentlich hätte es hier mit einem Folge 2 weitergehen müssen, wenn man mit Folge 1 beginnt. Da habe ich wieder etwas gelernt.

      Garcia hat mich zu diesem Beitrag animiert, denn er hat neulich über den Film Kafka von Steven Soderbergh geschrieben, der hier auch behandelt wird, dazu später mehr. Die Lektüre war für mich lohnenswert, weil er sehr offen über sein Schriftstellerdasein und die damit verbundenen zentralen Aspekte informiert. Welche wichtige Rolle der Marathon und später der Triathlon als Ausgleich für das Schreiben einnehmen, auch als eine Art „Entgiftung“. Der Sport soll auch dafür Sorge tragen, dass ihm die Ausdauer beim täglichen Schreiben erhalten wird.

      Haruki Murakami hat zwei Bände mit autobiografischen Essays veröffentlicht:


      *

      Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede * Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller


      Haruki Murakamis Leben ist wie eine literarische Kippfigur, wie ein Vexierspiel. Es changiert zwischen dem Schreiben von Texten und Leistungssport. Immer im steten Wechsel.

      Schon während seines Studiums der Theaterwissenschaften hat er gemeinsam mit seiner Frau einen Jazzclub eröffnet. Etwa im Alter von 30 Jahren war er Zielperson einer „Epiphanie“, einer göttlichen Eingebung: „Ich soll Schriftsteller werden!“ Er hat nach den ersten beiden kurzen Romanen zusammen mit seiner Frau den Club verkauft, um nur noch schreiben zu können. Die Liebe zur Musik - zum Jazz, zur Klassik und zur Popmusik - ist ihm bis heute erhalten geblieben.

      Neben seiner Schriftstellertätigkeit arbeitet er auch immer wieder an Übersetzungen amerikanischer Schriftsteller. Ernest Hemingway, John Irving und andere hat er in die japanische Sprache übertragen. Franz Kafka schätzt er sehr. Er ist ein Vielleser amerikanischer und europäischer Literatur. Die Kollegen aus der Heimat kennt er natürlich auch.

      Für mich waren die Schilderungen über seinen Prozess des Schreibens besonders interessant. Aber auch, was er über Themen und Motive zu sagen hat, wie er seine Methodik beschreibt und warum er diejenige von Ernest Hemingway als problematisch betrachtet. Der Film Kafka von Steven Soderbergh spielt hier eine Rolle. Er verwendet keine Notizbücher, sondern verlässt sich auf ein gut ausgebildetes Langzeitgedächtnis, aus dem er bei Bedarf schöpfen kann. Diese Szene aus dem Film mit den großen Möbelstücken und den vielen herausziehbaren Kästchen nutzt er als Vergleich für sein großes Erinnerungsvermögen. Wie er in den Anfängen zu seinem Schreibstil gefunden hat, das find ich richtig clever. Aber nicht nur das, da gibt es vieles zu entdecken.

      Das Motto für seinen Grabstein hat er längst gewählt: "Haruki Murakami 1949-20**, Schriftsteller (und Läufer) - Zumindest ist er nie gegangen."

      Die beiden Bände lassen sich wunderbar lesen. Sie sind in Essays untergliedert, die über einen längeren Zeitraum entstanden sind. Man kann sie auch in Etappen lesen, wenn man das mit den Unterbrechungen hinbekommt. Ich habe das i-wie nicht geschafft. Den Film Kafka muss ich mir wohl auch nochmal ansehen, den fand ich gut damals.

      Dank an Murakami san für schöne Stunden. Dank an Garcia für die schöne Inspiration.
      "You speak treason" - "Fluently"
      "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"
    • Lederstrumpf in Hanau – neulich auf dem Weg nach Berlin

      Neu

      Oder: Von harten Männern in ledernen Strümpfen und anderen in Strumpfhosen von der weicheren Sorte

      Vor meiner Abreise habe ich am Sonntag in den Abendstunden so eine merkwürdige Schwarmbildung im Forum gesehen. Es ging um einen französischen Komponisten, noch nie von ihm gehört. Ich habe es nicht gleich verstanden, obwohl ich den Strang vollständig gelesen hatte. Gut, konnte ich dann nix zu schreiben. Ich bin am Montag sehr früh in den Zug gestiegen, musste nach Berlin. I-was mit Brot, aber ohne Spiele. Da habe ich im Zug dieses Buch gelesen:





      Robert Becker (Hrsg.)
      Lederstrumpf in Hanau
      WBG


      Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Indianer! Es gibt Stämme, die Spuren lesen können. Und es gibt solche, die sie vorher bewusst auslegen, damit die anderen was davon lesen können. Dafür genügen ein oder zwei Mitglieder, lesen können es dann sehr viele. Ein hoher Wirkungsgrad, Respekt! Die gelegten Spuren nennt man dann „falsche Fährten“. Sehr soziale Stämme, dieses Volk der Indianer.

      Diese Sache im Forum war wohl so ein Sender-Empfänger-Ding in den internen Bereichen. Anschließend dann Schwarmbildung mit Musik. Es ging wohl um eine „falsche Fährte“. :thumbsup: Erstaunlich! Es ereignete sich ganz ohne gleichgewichtigen Gegenschwarm auf Konfrontationskurs. Es geht doch! Robin und Jean waren schließlich verreist.

      I-wie habe ich das Gefühl, daran trägt Frau Förster-Nietzsche die Schuld. Diese Sache mit der „Verheimlichung“ und das alles auf den „Tisch“ kommen solle. Aber die bringt eh nix, denn der Spiegel bringt es sowieso, er bringt immer alles. Ekkehard hat es so schön erklärt. Er hat mir dadurch viel Arbeit abgenommen. Chapeau!

      NB: Schade, dass die Indianer heute nicht mehr diese Relevanz haben. Hat wohl i-was mit Büchern zu tun, die nur noch „eben im Staub gewälzt“ werden. Muss ich noch anlegen.

      NB 2.0: Ich muss jetzt erst meinen Koffer auspacken.
      "You speak treason" - "Fluently"
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