Bach, J. S.: Kantate Nr. 86 „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 86 „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“

      Bach komponierte diese Kantate für den Sonntag Rogate (zu deutsch „betet“ bzw. „bittet“), den fünften Sonntag nach Ostern, den 14. Mai 1724, also in seinem ersten Leipziger Jahr.

      Das Evangelium zu diesem Sonntag setzt die Folge der Ausschnitte aus den Abschiedsreden Jesu nach dem Evangelisten Johannes fort. Vierzehn Tage vorher, am Sonntag Jubilate, hörte die Leipziger Gemeinde Joh 16, 16-23, eine Woche vorher, am Sonntag Kantate, wurde Joh 16, 5-15 gelesen. Am Sonntag Rogate schloss sich Joh 16, 23-30 an.

      Der Textdichter der Kantate ist unbekannt. Die Satzfolge ist dieselbe wie bei der Kantate, die eine Woche vorher aufgeführt wurde (BWV 166, diese wurde jedoch schon 1715 in Weimar komponiert): Bibelwort – Arie – Choral – Rezitativ – Arie – Choral.

      Der Eingangssatz vertont den inhaltlich zentralen 23. Vers aus dem Evangelium des Sonntags Rogate.

      Nr. 1 (ohne Bezeichnung)
      Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er's euch geben.


      Nicht erst Dürr wies darauf hin, dass dieser Vers unserer Lebenserfahrung widersprechen mag, was den Dichter eventuell dazu bewogen hat, die Erfüllung der Zusage in der Zukunft zu verorten. Doch zunächst verleiht er seiner Zuversicht Ausdruck:

      Nr. 2 Arie
      Ich will doch wohl Rosen brechen,
      Wenn mich gleich die Dornen stechen.
      Denn ich bin der Zuversicht,
      Dass mein Bitten und mein Flehen
      Gott gewiss zu Herzen gehen,
      weil es mir sein Wort verspricht.


      Der folgende Choral, die sechzehnte Strophe des Liedes „Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn“ von Georg Grünwald (ca. 1490-1530), unterstreicht diese Gewissheit:

      Nr. 3 Choral
      Und was der ewig gültig Gott
      In seinem Wort versprochen hat,
      Geschworn bei seinem Namen,
      Das hält und gibt er g'wiss fürwahr.
      Der helf uns zu der Engel Schar
      Durch Jesum Christum, Amen.


      Daran schließt nun sozusagen die confutatio der klassischen Rede an – ein Seitenblick auf die Welt mit ihren leeren Versprechungen liefert die Steilvorlage zur Abgrenzung Gottes von solch irdischem Treiben:

      Nr. 4 Rezitativ
      Gott macht es nicht gleichwie die Welt,
      Die viel verspricht und wenig hält;
      Denn was er zusagt, muss geschehen,
      Dass man daran kann seine Lust und Freude sehen.


      Arie Nr. 5 bekräftigt folgerichtig die These und setzt das „Gott hilft gewiss“ rahmend um die Zusage der Hilfe in der Zukunft.

      Nr. 5 Arie
      Gott hilft gewiss;
      Wird gleich die Hilfe aufgeschoben,
      Wird sie doch drum nicht aufgehoben.
      Denn Gottes Wort bezeiget dies:
      Gott hilft gewiss!


      Der Schlusschoral ist die elfte Strophe des Liedes „Es ist das Heil uns kommen her“ von Paul Speratus (1484-1551). Hier wird die These der Hilfe zur „rechten Zeit“ nochmals verstärkt.

      Nr. 6 Choral
      Die Hoffnung wart' der rechten Zeit,
      Was Gottes Wort zusaget,
      Wenn das geschehen soll zur Freud,
      Setzt Gott kein g'wisse Tage.
      Er weiß wohl, wenn's am besten ist,
      Und braucht an uns kein arge List;
      Des solln wir ihm vertrauen.


      Hier die sechs Sätze der Kantate mit ihrer Besetzung:

      1. (ohne Bezeichnung) „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“ – Bass, Oboe d’amore I/II, Violine I/II, Viola, B. c.
      2. Arie „Ich will doch Rosen brechen“ – Alt, Violine solo, B. c.
      3. Choral „Und was der ewig gültig Gott in seinem Wort versprochen hat“ – Sopran, Oboe d’amore I/II, B. c.
      4. Rezitativ „Gott macht es nicht gleichwie die Welt“ – Tenor, B. c.
      5. Arie „Gott hilft gewiss“ – Tenor, Violine I/II, Viola, B. c.
      6. Choral „Die Hoffnung wart' der rechten Zeit“ - Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe d’amore I/II, Violine I/II, Viola, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 – (ohne Bezeichnung) „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“ (E-Dur, alla breve)

      Wieder einmal ist das Jesuswort dem Bass als der Vox christi zugewiesen, wieder einmal steht das Bibelwort weder in Form eines Arioso noch einer Arie. Denn trotz seiner Besetzung mit Solobass, Streichern und B. c. liegt hier eigentlich eine strenge Generalbass-Motette mit fünf gleichwertigen Stimmen vor, einer vokalen und vier instrumentalen, die einander vielfältig imitieren. Das initial von der zweiten Violine vorgetragene und von der ersten Violine imitierte Thema wird ebenso vom Solobass aufgenommen. Das erinnert eher an Kirchenmusiken älteren Stils, mag aber vielleicht angemessene Ausdrucksform für die überzeitliche Aussage angesehen werden.

      Satz 2 – Arie „Ich will doch Rosen brechen“ (A-Dur, 3/4)

      Da-capo-Arie. – Was malt diese hochvirtuose Violinpartie? Die blühenden Rosen? Das (freudige?) Brechen? Hans-Joachim Schulze warnt vor der „etwas platten Assoziation“, die häufigen Akkordbrechungen als Versinnbildlichung des Brechens anzusehen, jedoch hat die Singstimme anfangs ausgerechnet auf dem „Brechen“ eine sehr auffällige Akkordbrechung. – Jedenfalls steht dieser Satz in starkem Kontrast zur strengen Form des vorhergehenden.

      Zu Beginn des B-Teils weicht die Musik zur Moll-Parallele aus. Ruhigere Bewegung als vorher und Seufzermotive prägen nun die Melodik der Singstimme. Eine Orgelpunktpassage kurz vor Ende des Teils ist harmonisch spannend. Malt der liegende Basston den immerwährenden Charakter der Bitten?

      Satz 3 – Choral „Und was der ewig gültig Gott in seinem Wort versprochen hat“ (fis-moll, 6/8)

      Ein Choralquartett. Die beiden Oboen d’amore und der B. c. spielen am Anfang und am Schluss Ritornelle nach Art einer Triosonate im imitatorischen Satz, der Sopran singt zeilenweise den unverzierten Choral. Da die Zwischenspiele zwischen den Zeilen recht kurz sind, ist dieser Satz leider allzu schnell beendet – schade, ich fühlte mich sehr an Zelenkas fantastische Triosonaten erinnert!

      Satz 4 – Rezitativ „Gott macht es nicht gleichwie die Welt“ (h-moll -> E-Dur)

      Schlichtes secco-Rezitativ. – Im ersten Teil, der von der „Welt“ mit ihren „Versprechungen“ erzählt, dominieren Mollklänge und verminderte Akkorde. Bei „Lust und Freude“ wird der Tonfall verbindlich.

      Satz 5 – Arie „Gott hilft gewiss“ (E-Dur, c)

      Im Gegensatz zum motettenartigen ersten Satz werden die Streicher hier homophon eingesetzt. Dem Kopfmotiv des Streichersatzes werden von der Singstimme die Worte „Gott hilft gewiss“ zugeordnet; die rahmende These des Satzes (und der Kantate) ist in ihm durchgehend musikalisch verwoben.

      Obwohl keine da-capo-Arie vorliegt, schafft Bach einen musikalischen B-Teil ab „Denn Gottes Wort bezeiget dies“. Es geht wie üblich in Mollbezirke, das thematische Material wird jedoch beibehalten. Ein kleines instrumentales da capo des Ritornells rundet den Satz ab.

      Satz 6 – Choral „Die Hoffnung wart' der rechten Zeit“ (E-Dur, c)

      Schlichter vierstimmiger Choralsatz mit colla parte mitgehenden Instrumenten.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)